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Nachrichten 



von der 



Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften 

zu Göttingen. 



Philologisch - historische Klasse 

aus dem Jahre 1917. 



Berlin, 

Weidmannsche Buchhandlung. 

1918. 




ISA 
MUSL- 
IM 



Druck der Dieterich sehen Univ.-Buchdrnckerei (W. Fr. Kaestner) in Göttingen. 



Register 



über 
die Nachrichten von der König!. Gesellschaft der Wissenschaften 

zu Göttingen. 

Philologisch -historische Klasse 

aus dem Jahre 1917. 

Seite 
Bonwetsch, N., Der Historiker Heinrich Leo in seinen Briefen an 

Hengstenberg I. II 349. 499 

Bousset, W., Komposition und Charakter der Historia Lausiaca . 173 

— Wiedererkennungsmärchen und Placidas-Legende . . . . 703 
Hermann, E., Die Buchstabennamen Pi und Beta und die Erfin- 
dung der griechischen Schrift 476 

Hilka, A., und W. Meyer, Über die neu - aramäische Placidas- 

"Wandergeschichte 80 

Littmann, E., Ge r ez-Studien I. II 627. 675 

Lüdtke, W., Neue Texte zur Geschichte eines Wiedererkennungs- 

märchens und zum Text der Placidas-Legende . . . . . . 743 

Meyer, W., Bruchstück eines Gedichtes aus der Karolinger-Zeit . 589 

— Rythmische Paraphrase des Sedulius von einem Iren . . . 594 

— Poetische Nachlese aus dem sog. Book of Cerne in Cambridge 

und aus dem Londoner Codex Regius 2 A. XX . . . . 597 

— s. A. Hilka. 

Oldenberg, H., Vedische Untersuchungen 1 

— Zur Geschichte der Säipkhya-Philosophie 218 

Pohlenz, M., Nochmals Piatos Lysis 560 

Rahlfs, A., Nissel und Peträus, ihre äthiopischen Textausgaben und 

Typen 268 

Reitzenstein, R., Cyprian der Magier 38 

— Die Formel Glaube, Liebe, Hoffnung bei Paulus. Ein Nachwort 130 

— Die Idee des Principats bei Cicero und Augustus I. II 399 481 
Schröder, E., Zur Überlieferung und Textkritik der Kudrun I . 21 

— Studien zu Konrad von Würzburg IV. V 96 

— Die Reimvorreden des deutschen Lucidarius 153 

Sethe, K., Die neuentdeckte Sinaischrift und die Entstehung der 

semitischen Schrift 4?t5 f3? 

Wagner, H., Die loxodromische Kurve bei G. Mercator . . . 254 



Vedische Untersuchungen. 

Von 

II. Oldenfoerg. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 11. November 1916. 

1. Der geopferte Gott und das Agnicayana. 

Nichts willkommener für die Erforschung der vedischen Reli- 
gion, als wenn es gelingt, deren Gebilde allgemeinen, auch außer- 
halb Indiens verbreiteten Typen zuzuordnen und damit ihre un- 
verständlich scheinenden Seltsamkeiten aufzuklären, ja vielleicht 
sie auf eine in gewisser Weise ihnen innewohnende Notwendigkeit 
zurückzuführen. Der Weg zu so erwünschten Erkenntnissen ist 
freilich von Gefahren bedroht, solchen ähnlich, die auch beispiels- 
weise der linguistischen Forschung wohlbekannt sind. Der Indolog 
wird die oft doch nur in unsicherer Beleuchtung daliegenden Ma- 
terialien der allgemeinen Religionswissenschaft nicht immer ohne 
Mißgriffe handhaben. Und anderseits wird der Kenner jener un- 
absehbaren Gebiete die Gesichtspunkte leicht außer Acht lassen, 
die nur intimerer Vertrautheit mit den individuellen Charakter- 
zügen der indischen Entwicklungen zugänglich sind: wo es dann 
geschehen kann, daß der Forscher in den ihm vorschwebenden 
übergroßen Zusammenhängen dem Einzelnen, national Bedingten 
auf mehr oder minder äußere Ähnlichkeiten hin eine seiner wahren 
Wesenheit nicht entsprechende Stellung anweist. Oft genug wird 
es gelingen, ist es gelungen, wertvollste Resultate zu erreichen, 
indem etwa unter den Kennern der beiden Gebiete der eine den 
Blick des andern erweitert, der andre den des ersten schärft. 
Aber wir müssen auch auf solche Fälle gefaßt sein, wo das Er- 
gebnis negativ bleibt, das Ineinanderverlaufen der von hier und 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 1. 1 



2 H. Oldenberg, 

von dorther gezogenen Linien sich als eben nur scheinbar er- 
weist. — 

Dem bewundernswerten Wissen nnd Scharfsinn Frazers 
verdanken wir eine tief eingreifende Theorie der Vorstellungen 
von dem sterbenden, getöteten, geopferten Gott. „Nach dieser 
Theorie ist der Tod ein Tor, das Grötter wie Menschen durch- 
schreiten müssen um der Abgelebtheit des Alters zu entgehen 
und die Frische ewiger Jugend zu erlangen. Man kann die höchste 
Entwicklung dieser Vorstellung in der brahmanischen Lehre finden, 
daß im täglichen Opfer der Leib des Schöpfers immer von neuem 
zerbrochen wird die Welt zu retten". „Die Welt ist nicht nur 
im Anfang durch das Opfer des Schöpfers Prajäpati, des Herrn 
der Geschöpfe, geschaffen; bis auf diesen Tag wird sie erneuert 
und erhalten allein durch die Wiederholung jenes mystischen 
Opfers im täglichen von den Brahmanen vollzogenen Opferritual 
... So wird die Welt durch die Selbstopferung der Gottheit be- 
ständig von neuem geschaffen" *). Der hervorragende Forscher 
spricht in diesen Sätzen vom täglichen Opfer. Aber eine von ihm 
beigegebene Anführung 2 ) läßt annehmen, daß ihm speziell auch 
das in den Yajurveden sehr eingehend behandelte Agnicayana, die 
Schichtung des Feueraltars — eine besonders komplizierte und 
kunstvolle Ausschmückung des Somaopfers — vorgeschwebt hat. 
Diesen Ritus, den die moderne Indologie verhältnismäßig wenig 
zu beachten pflegt — wohl weil man in ihm nicht mehr als eben 
eine rituelle Künstelei sieht — ist so die Ehre widerfahren, als 
Gipfel und Vollendung bedeutungsvoller und weit verbreiteter 
Gebilde hingestellt zu werden, die an mannigfaltigen bizarren 
oder tiefsinnigen, bisweilen tragischen Ausgestaltungen reich sind. 
Ich versuche von indologischer Seite die hier berührten Auf- 
fassungen zu prüfen. 

I. 

Zunächst lasse ich das Agnicayana beiseite. 
Äußerungen der Brähmanatexte wie die folgenden kommen in 
Betracht 3 ): 

1) Frazer, The Scapegoat (Golden Bough 3 ). 1913, p. VI. 411. 

2) Von Eggelings Einleitung zur Übersetzung des Satapatha Brähmana 
Teil IV (SBE. XLIII), p. XIV— XXIV. Daneben beruft sich Fr. auf S. Le>i, 
La doctrine du sacrifice dans les Brähmanas, p. 13 ff. Er hätte auch Dahl- 
mann, Der Idealismus der ind. Religionsphilosophie im Zeitalter der Opfer- 
xnystik, 71 ff., anführen können: doch was man da liest, sind Phantasien. 

3) Mit Rücksicht auf die Längen der wortreichen Texte gebe ich nur teil- 
weise wörtliche Übersetzung (gekennzeichnet durch Anführungszeichen). 



Vedische Untersuchungen. 3 

„Als Prajäpati die Geschöpfe geschaffen hatte, lösten sich 
seine Gelenke. Er, Prajäpati, ist das Jahr. Seine Gelenke sind 
dies: die Berührungspunkte von Tag nnd Nacht, Vollmond und 
Neumond, die Anfänge der Jahreszeiten. Mit gelösten Gelenken 
konnte er sich nicht aufrichten. Da heilten ihn die Götter mit 
diesen Havisopfern" — den Opfern, die eben an den erwähnten 
Gelenkpunkten des Jahres dargebracht werden, wodurch jedesmal 
das betreffende „Gelenk" des Prajäpati geheilt und zusammenge- 
fügt wird. Durch entsprechendes Opfern heilt auch der Mensch 
das Gelenk des Prajäpati, der ihn dafür segnet. Öat. ßr. I, 6, 3, 
35—37. — „Als Prajäpati die Geschöpfe geschaffen hatte, fühlte 
er sich wie ausgeleert. Die Geschöpfe wandten sich von ihm ab. 
Die Geschöpfe hielten nicht stand ihm zum Glück und zur Speise". 
Er sucht ein Mittel dem abzuhelfen, übt Kästeiung und „sieht" 
(d. h. ihm wird offenbar) die Opferung der elf Opfertiere. Die 
opfert er; so befreit er sich von jenem Mißgeschick. Dasselbe 
glückt auch dem Menschen, der die elf Tiere darbringt. Sat. Br. 
III, 9, 1, 1-— 5. — Mehr oder weniger ähnlich verläuft eine große 
Zahl von Bräbmanageschichten *). Zuerst — in der Regel nach 
Erschaffung der Geschöpfe, doch auch bei anderer Gelegenheit; 
so als „Prajäpati den Göttern die Opfer zugeteilt (und sich selbst 
dadurch ihrer entäußert) hatte", Ts. I, 7, 3, 2, oder als er den 
Agni geschichtet (und in diesen seinen eignen Glanz hineingelegt) 
hatte, das. V, 3, 10, 4 — wird Prajäpati von irgendwelcher Schwäche, 
einem Leiden betroffen. Seine Gelenke lösen sich. Oder er fühlt 
sich ausgeleert, ausgemolken. Er wird dürr. Er wird ohnmächtig. 
Der Atem entweicht ihm ; sein Leib schwillt an. Sein Auge schwillt 
an, fällt heraus. Nun vollzieht er irgend einen Ritus oder tut 
sonst etwas Heilbringendes und hilft sich dadurch. Oder Götter 
vollziehen für ihn einen Ritas und heilen ihn, bringen ihm die 
verlorenen Körperteile wieder. Ebenso soll der Mensch verfahren : 
dadurch heilt auch er Prajäpati, macht er Prajäpati wieder ganz 
— wobei in begreiflicher Weise unklar bleibt, wieso dessen in der 
Vorzeit eingetretenes und beseitigtes Leiden sich inzwischen er- 
neuert hat — ; oder dadurch heilt der Mensch in entsprechender 
"Weise sich selbst; oder er sorgt damit sowohl für Prajäpati wie 
auch für sich selbst (Panc. Br. XXI, 4, 2. 3). — Im Ganzen ist 
das Schema dieser Geschichten sehr gleichbleibend. Für einzelne 
im einen oder andern Exemplar auftretende Züge ergibt sich die 



1) Man sehe die Nachweisungen bei Levi a.a.O. 23 f.; Deußen, Allg. 
Gesch. der Philosophie I, 1, 190. 

1* 



4 H. Oldenberg, 

Motivierung zuweilen aus dem besondern Zusammenhang ; so haben 
die an die „Gelenke" des Jahres geknüpften Opfer die Phantasie 
des Berichtenden auf die Gelenke des Prajäpati — der ja stehend 
mit dem Jahr identifiziert wird — bz. auf deren Sichauflösen ge- 
führt; aus der Vorstellung des Roß - (asva -) opfers ist durch ein 
Wortspiel der Gedanke an ein Anschwellen (asvayat) erwachsen. 

Hat das alles nun etwas mit dem Frazerschen Typus des 
sterbenden, geopferten Gottes zu tun? 

In diesen Geschichten aber stirbt der Gott nicht, opfert er 
sich nicht, wird er nicht geopfert 1 ). Er verfällt 2 ) nur in irgend 
eine Schwäche, ein Leiden; und das Opfer, das in der Geschichte 
vorzukommen pflegt, hat nicht die Funktion, dies Leiden über ihn 
zu bringen, sondern ihn davon zu befreien. So wird er in der 
Tat geheilt, aber keineswegs hat er leiden müssen, damit er ge- 
heilt und jugendkräftig werde. Der ganze Aufbau der Motive 
von Leiden, Opfer, Wiedererneuerung ist also ein andrer, als in 
dem Vorstellungskreise des sterbenden, geopferten Gottes. Man 
kann hinzufügen: während dort uraltes, in bedeutenden und fest- 
, gewurzelten Riten ausgeprägtes religiöses Gut vorliegt, während 
das Geschick von Frazers „dying god" einen Zug bitterer Realität 
an sich trägt, hat man es hier nur mit flüchtigen Einfällen ver- 
hältnismäßig später Ritualtheologen zu tun — Einfällen des 
Schlages, wie sie ungezählt die Brähmanatexte füllen, Moti- 
vierungen gegebener Riten ohne jeden Zusammenhang mit deren 
wirklicher Bedeutung. 

Fragen wir, wie man da gerade auf die „ wunderliche u 8 ) Vor- 
stellung von Prajäpatis Erschöpfung oder Leiden verfallen ist? 
Darauf läßt sich, scheint es, eine Antwort geben nicht viel unbe- 
stimmter, als bei derartigen Phantasiespielen eben in der Natur 
der Sache liegt. Beständig sind, wie allbekannt, die Brähmana- 
texte entsprechend ihrer Tendenz, dem Opfer eine alles Geschehen 
lenkende Macht zuzuschreiben, damit beschäftigt, von dieser und 



1) Dazu stimmt, daß auch die beiden Motive, die in der Vorstellung vom 
sterbenden bz. wiedererstandenen Gott eine Hauptrolle zu spielen pflegen, hier 
nicht vorliegen : das vegetative (die untergehende und sich erneuernde Vegetation) 
und das siderische (die unter- und wiederaufgehende Sonne, der verschwindende 
und wiederkehrende Mond); vgl. Bertholet, Am. Journal of Theology XX, 1 ff . 

2) Die — übrigens den hier verfolgten Zusammenhängen ganz fern stehenden 
— Einfälle von Sat. Br. V, 1, 1, 1 ff. = XI, 1, 8, 1 ff. usw. (Le"vi 29) können 
m. E. als vollgültige Zeugnisse für die Vorstellung von einer Opferung des Pra- 
jäpati nicht in Betracht kommen. Ebenso wenig Geschichten wie TS. II, 1, 1, 4. 

3) So Deußen a. a. O. 



Vedische Untersuchungen. 5 

jener rituellen Prozedur zu zeigen, welcher segensreiche Erfolg 
mit ihr verknüpft ist. Diesen Erfolg, wird zu zahllosen Malen 
berichtet, hat sie schon in der Vorzeit den Göttern, den Rsis 
eingetragen. Oft etwa nach diesem Schema: jener Gott wünschte 
sich das und das; sein Wunsch wurde durch den und den Ritus 
zur Erfüllung gebracht. Oft auch begreiflicherweise folgender- 
maßen: jener Gott etc. war in die und die Verlegenheit, in das 
und das Leiden geraten; daraus half ihm der und der Ritus oder 
die und die Handlung, die dann zur Feststellung eines Ritus 
führte 1 ). Einige Beispiele für die Nöte, von denen da berichtet 
wird. Die Götter unterlagen im Kampf mit den Asuras. Die 
Götter kannten die Himmelsrichtungen nicht. Den Göttern entlief 
das Opfer. Die Götter litten wie die Menschen vom Tode. Indra 
fürchtete sich, daß ein Stärkerer als er geboren werde. Indra 
wurde von Vrtra umwunden. Indra geriet nach der Vrtratötung 
in Not. Indra war schwach und hatte keinen festen Stand. Den 
Göttern entschwand Kraft und Stärke. Atri, der seine Nach- 
kommen dem Aurva gegeben hatte, fühlte sich ausgeleert und 
kraftlos. Die Biene verletzte den Schenkel des Rosses 2 ). Kein 
Ende wäre zu finden, wollte man alle derartigen Situationen aus 
den Brähmanas zusammentragen. Als Hauptperson in solchen Ge- 
schichten nun erscheint besonders gern Prajäpati, die Lieblings- 
gestalt der Brähmanatheologie. Mehr als die andern Götter ist 
er weltumfassend, die Ursprünge und Ordnungen der Welt be- 
herrschend, in weiteste Zusammenhänge mystischer Symbolik ver- 
woben: Prajäpati ist ja das Opfer; Prajäpati ist der Opferer; 
Prajäpati ist das Jahr; Prajäpati ist das Selbst — was ist Pra- 
jäpati nicht? Da ist es nicht verwunderlich, daß auch jene typi- 
schen Geschichten von dem in Not geratenen Gott, dem dann auf 
irgend einem sakralen Wege geholfen wird, gern auf Prajäpati 
bezogen wurden um sie so in einen möglichst weiten Horizont 
hineinzustellen. Dem Prajäpati entwichen die Geschöpfe. Prajä- 
pati war überall von Übel umgeben. Prajäpati wurde durch Ru- 
dras Pfeil verwundet. Besonders nah lag es nun — wie schon 
im ersten der eben angeführten Beispiele hervortritt — Prajäpatis 
Leiden mit seiner großen Tat in Verbindung zu bringen, der Er- 
schaffung der Geschöpfe: ganz wie Indras Leiden gern an den 

1) Spielt bei dieser Vorstellung von notleidenden Göttern auch die Erinne- 
rung an Rv. IV, 19, 2 und Ähnliches (vgl. Bergaigne Rel. ved. III, 76) mit? 

2) Diese Geschichte erscheint stehend neben der oben erwähnten von Pra- 
jäpatis Auge ; der Typus ist eben ein und derselbe. Ts. V, 3, 12 ; Sat. Br. XIII, 
3, 1; Panc. Br. XXI, 4, 2—4. 



ß II. Oldenberg, 

Vrtrakampf geknüpft wurde. So gelangte man zu der Vorstellung, 
daß — ungefähr ähnlich wie Atri nach Hingabe seiner Nach- 
kommenschaft (prajä) in Schwäche verfiel — Prajäpati, nachdem 
er die Geschöpfe {prajä) erschaffen (wörtlich: aus sich entlassen), 
„ausgeleert" nnd elend war; der Phantasie mag die Schwäche 
eines vielgebärenden Weibes vorgeschwebt haben. Mir scheint so 
für diese Gruppe von Geschichten eine billigen Ansprüchen ge- 
nügende Verständlichkeit erreicht zu sein. Um für die Veran- 
schaulichung der gewaltigen Opfer Wirkungen einen Hintergrund 
zu schaffen, hat man auch hier eine Notlage erfunden, die wie 
anderwärts auf viele andre Wesen, so in diesem Fall auf Prajä- 
pati bezogen ist 1 ). Die Motive des Frazer'schen „deicide" bleiben 
dabei aus dem Spiel. 



1) Eg geling a. a. 0. XIV f. bringt den Zerfall des Prajäpati vielmehr in 
Zusammenhang mit dem kosmischen Opfer von Rv. X, 90, wo aus dem ge- 
opferten Purusa die Welt entsteht; Prajäpati habe die Stelle jenes Purusa ein- 
genommen. Gewiß sind Zusammenhänge zwischen dem Purusa und Prajäpati 
nicht in Abrede zu stellen. Aber zwischen dem Purusaopfer und dem Zerfall 
des Prajäpati weiß ich Beziehungen kaum zu entdecken. „Der Glaube, daß 
die Welt aus dem zerstückelten Leibe eines Riesenwesens, wie des eddischen 
Ymir, geformt ist, findet sich in primitiven Kosmogonien häufig und wird von 
solchen Regionen den Weg bis in den Rgveda [zum Purusalied X, 90] gefunden 
haben" (meine Rel. des Veda 2 , 278). Die Prajäpatigeschichten, die ich hier in 
ihre Zusammenhänge hineinzustellen versucht habe, liegen, scheint mir, davon 
weit ab und haben offenbar von dorther, wenn überhaupt einen Einfluß, so 
höchstens nur einen sehr entfernten und nebensächlichen erfahren. Stellen wie 
Sat. Br. VI, 1, 1, 5 können m. E. die entgegengesetzte Auffassung nicht hin- 
reichend stützen. — Deußens (a. a. 0. 190 f.) Deutung der Prajäpatigeschichten, 
daß „die Einheit des schöpferischen,Prinzips in die Vielheit der Welterscheinungen 
zerfallen ist, und auf dem Wege der religiösen Andacht (Opfer u. s. w.) wir uns 
von dieser Vielheit zur ewigen Einheit erheben und sie wieder herstellen", verirrt 
sich, wie kaum näher begründet zu werden braucht, in eine hier fernliegende 
Gedankensphäre. — Ich füge noch hinzu, daß ich im Obigen — abgesehen von 
der Spezialität des Agnicayana — die für die Würdigung der Frazerschen Auf- 
fassungen in Betracht kommenden Materialien der Brähmanas im wesentlichen 
erschöpft zu haben glaube. Wenn zu ungezählten Malen die Grundvorgänge des 
Weltlaufs als vom Opfer regiert hingestellt werden (das Ägnihotra macht die 
Sonne auffehen u. dgl.), oder wenn man gelegentlich Prajäpati durch jenes all- 
mächtige Mittel, das Opfer, sich einen Körper schaffen läßt (wie Sat. Br. XI, 5, 
2, 1 ff.), so ist das natürlich etwas andres als die angebliche Fundamentierung 
der Opfertheorie auf der Anschauung, das Weltdasein werde dadurch aufrecht 
erhalten, daß täglich der Körper des Schöpfers zerbrochen und durch das Opfer 
wiederhergestellt wird (vgl. Eggeling a. a. 0. XV, Frazer a. a. 0. 411). Daß mir 
irgend eine dieser Anschauung mehr oder minder sich annähernde Äußerung der 
Texte entgangen sein sollte, ist natürlich bei deren ungeheurem Umfang nicht 



Vedische Untersuchungen. 7 

II. 
Ein bevorzugter Sitz nun dieser Prajäpatigeschichten ist, wie 
schon Eggeling 1 ) hervorgehoben hat, die Besprechung bz. Deu- 
tung des Agnicayana 2 ), wenigstens in der umfänglichsten und an 
mystischem Inhalt aller Art reichsten Form, in der sie vorliegt, 
im Satapatha Brähmana. Gleich im einleitenden Abschnitt, dessen 
Ausführlichkeit der des ganzen, bekanntlich fünf Bücher dieses 
Brähmana (VI — X) umfassenden Stücks entspricht, heißt es, nach- 
dem zuerst die Erschaffung der Welt durch Prajäpati erzählt ist 
(VI, 1, 2, 12): „Als er (Prajäpati) die Geschöpfe erschaffen, den 
ganzen Lauf vollendet hatte, löste er sich auf . . . Aus ihm, der 
sich aufgelöst hatte, entwich aus der Mitte der Odem. Als der 
entwichen war, verließen ihn die Götter". Aber tot ist Prajäpati 
nicht. Er spricht zu Agni: „Setze du mich wieder zusammen". 
Oder (§ 21) er spricht zu den Göttern: „Setzt mich zusammen", 
und die Götter zu Agni: „In dir wollen wir den Vater Prajäpati 
heilen". „Dann will ich", erwidert Agni, „wenn er wieder ganz 
da ist, in ihn eingehen" — „darum nennt man ihn, obwohl er 
Prajäpati ist, Agni". Und so wird entsprechend den fünf körper- 
lichen Bestandteilen des Prajäpati, die sich aufgelöst hatten — 
Behaarung, Haut, Fleisch, Knochen, Mark — in fünf Schichten 
Agni, der Feueraltar, geschichtet, Prajäpati wieder aufgebaut (§ 17). 
Ebenso heilt denn auch der menschliche Opferer, der den Agni 
schichtet, hierdurch den Vater Prajäpati (§ 24). Wie in dieser 
Einleitung, wird dann auch im weiteren Verlauf der Erörterung 
sehr vielfach der Ritus im Ganzen und in seinen Teilen an die 
Vorstellung vom Wiederaufbau des Prajäpati angeknüpft; beständig 
heißt es: „als Prajäpati sich aufgelöst hatte" — „als die Götter 
den aufgelösten Prajäpati herstellten" und ähnlich. Wie es der 
Art der Brähmanatexte entspricht, tritt dann natürlich diese Vor- 
stellung oft auch wieder hinter andern zurück. Immerhin darf 
gesagt werden, daß schwerlich sonst irgendwo in dieser Literatur 
bei der Erklärung eines Ritus ein Motiv über einen so weiten 
Umfang hin mit solcher wenigstens relativen Konsequenz fest- 
gehalten ist wie hier. Auch hier aber, wo die Vorstellung des 
aufgelösten und wiederhergestellten Prajäpati am entschiedensten 

vollkommen ausgeschlossen. Derartiges würde dann doch immer nur die Bedeu- 
tung eines vereinzelten Einfalls besitzen. 

1) a. a. 0. XVIII. 

2) Eggeling geht weiter: nach ihm sind die hier in Rede stehenden Vor- 
stellungen „of the very essence of the whole Performance" (nämlich des Agni- 
cayana). Ich komme darauf im Abschnitt III aurück. 



8 H. Oldenberg, 

in die Erscheinung tritt, fügt sie sich ebenso wenig wie in den 
früher besprochenen Fällen — ich verweise auf das oben Gesagte 
(S. 4) — dem Frazer'schen Typus des sterbenden und wieder- 
anflebenden Gottes 1 ). Vielmehr scheint sie sich mir ungezwungen 
als entwickeltestes Exemplar jenen minder entwickelten, die uns 
oben begegnet sind, anzureihen und dem entsprechend ihre Deutung 
zu empfangen. Beim Agnicayana galt es (vgl. unten S. 14), einen 
rituellen Aufbau zu erklären, der ungefähr alle Potenzen des 
Weltganzen in sich schloß. Begreiflich, daß sich da die Phantasie 
der Erklärer besonders leicht auf den göttlichen Repräsentanten 
des Universums Prajäpati lenkte. Man war, wie wir gesehen 
haben, gewohnt, sich mit dem Gedanken an eine Wiederherstellung 
des zerfallenen Schöpfers zu beschäftigen : jetzt griff man darauf 
zurück 2 ); in größerem Maßstabe, mit anderer Anhäufung von De- 
tails als sonst malte man dies Motiv aus, legte man dem Ritus 



1) Insofern allerdings könnte sich hier eine größere Annäherung an diesen 
Typus finden, als hier — wenn nämlich Eggeling Sat. Br. X, 2, 2, 1 richtig über- 
setzt — - in der Tat, so viel ich sehe, freilich nur an dieser einen Stelle, die 
Vorstellung auftreten würde, daß Prajäpati geopfert wurde. Doch glaube ich, 
daß in dem Satz tafp devä yajnenaiva yastum adhriyanta Pr. vielmehr als 
Empfänger des Opfers, nicht als Opfertier gedacht ist. Damals, wird gesagt, 
war Niemand ycyfiiya außer ihm. Das wird heißen : qualifiziert zum Empfang des 
Opfers (vgl. Rv. X, 53, 2 etc.); nicht: zum Geopfertwerden. Dafür spricht, wie 
am Ende von § 3 im Anschluß an Rv. X, 149, 3 von den andern, später auf- 
tretenden yajniya- Wesen die Rede ist. Bei Annahme der Übersetzung Eggelings 
bliebe dies doch immer ein vereinzelter Einfall unter zahllosen, dem in Anbetracht 
seiner Stellung im Ganzen es nicht ratsam scheinen würde Tragweite beizulegen. 
— Stellen wie X, 4, 1, 16 fassen m. E. Prajäpati nicht als geopferte Wesen- 
heit auf. 

2) Eggeling allerdings faßt das Verhältnis anders auf. Er vermutet, die 
Theorie von der sakrifikalen Herstellung des Prajäpati sei von der in Sat. Br. 
VI ff. vertretenen Sändilyaschule ausgegangen und um die Zeit der Vereinigung 
der 3ändilya- und der Yäjnavalkyapartien des Brähmana auch in die letzteren 
hineingetragen worden. Ich halte das für unwahrscheinlich, vor allem im Hin- 
blick auf die weite Verbreitung der betreffenden Vorstellung nicht nur durch das 
Satapatha Br. sondern durch die Brähmanaliteratur im Allgemeinen (s. die Ma- 
terialien, die an den oben S. 3, A. 1 angegebenen Stellen gesammelt sind). 
Meines Wissens haben sich im Übrigen — was doch bei jener Auffassung zu er- 
warten wäre — Spuren eines solchen nachträglichen Einflusses der Sändilyateile 
auf die Hauptmasse des Werks nirgends bemerkbar gemacht. Auch in der Ge- 
stalt des Wortlauts macht gegenüber der Fassung von I, 6, 3, 35 = IV, 6, 4, 1 
Prajäpater ha vai prajaf} sasrjänasya parvärti visasrarpsub (vgl. Prajäpatib prajäb 
mtvä vyasranisata TB.) die Sändilyafassung Prajäpatib prajä asrjata sa prajäb 
$r?tvä sarvam äjim üvä vyasramsata (Sat. Br. VH, 1, 2, 1 ; im wesentlichen ebenso 
VI, 1, 2, 12) den Eindruck des Sekundären, weiter Ausgearbeiteten 



Vedische Untersuchungen. 9 

den Sinn unter, eben diesen Aufbau des Prajäpati zu verwirk- 
lichen. 

Denn das scheint mir in der Tat zweifellos, daß es sich auch 
hier, wie so oft in den Brähmanas, um nachträgliche Ausdeutung 
eines ursprünglich anders gemeinten Ritus handelt. Da im An- 
schluß anEggeling in neuester Zeit auch Keith 1 ) hierüber 
entgegengesetzt geurteilt hat, möchte ich nicht unterlassen bei 
dieser Gelegenheit meine eigne Auffassung des Agnicayana darzu- 
stellen und so diesen überwiegend mit negativer Kritik beschäftigten 
Auseinandersetzungen nach Möglichkeit doch auch positiven Inhalt 
zu geben. 

III. 
Man 2 ) darf behaupten, daß, was wir kurzweg die Prajäpati- 
theorie des Agnicayana nennen können, allein im Satapatha Bräh- 
mana vorliegt. Die drei andern gegenwärtig zugänglichen Fas- 
sungen — Taittiriya Samhitä, Maiträyani Samhitä, Käthaka — 
berühren die Schwäche und Wiederherstellung des Prajäpati wohl 
ganz gelegentlich, wie sie eben alle möglichen Legenden berühren 8 ), 
aber von beherrschender Geltuüg dieser Vorstellung in der Er- 
klärung des Agnicayana kann hier nicht die Rede sein 4 ). Schon 
diese Sachlage muß uns mißtrauisch dagegen machen, in der Pra- 
jäpatigeschichte das von Anfang an maßgebende Motiv des Ritus 
zu sehen. Ohnehin aber ist klar, daß wir für die Aufsuchung 
dieses Motivs uns in erster Linie überhaupt nicht an die Deutungen 
zu halten haben, die in den Brähmanas vorgetragen werden, sondern 



1) The Veda of the Black Yajus School CXXVI. Keith erklärt das Agni- 
cayana als „intended te be a representation of the eternal cosmic sacrifice which 
lies at the bottom of the representation of the world". 

2) Natürlich ist es im Folgenden nicht die Absicht mehr als einige leitende 
Gesichtspunkte festzustellen. Beschreibungen des tatsächlichen Verlaufs des Agni- 
cayana haben bekanntlich Weber Ind. Stud. XIII, 217 ff.; Hillebrandt Rit. 
Litt. 161 ff. gegeben. 

3) Siehe z.B. Käth. XXII, 1, p. 57, 18. 

4) Ich greife einige Stellen heraus, die diesen Unterschied zwischen dem 
Sat. Br. und den schwarzen Yajustexten veranschaulichen. Ausführliche Behand- 
lung der Prajäpatilegende &at. Br. VII, 1, 2, 1 ff. ; in den Paralleltexten keine 
Spur davon (TS. V, 2, 4; MS. III, 2, 3; K. XX, 1). Zur Niederlegung der Gold- 
figur des Mannes erzählt Sat. Br. VII, 4, 1, 16 eine Geschichte, deren kurzer In- 
halt dieser ist : als Prajäpati sich auflöste, ging seine ramyä tanüfr von ihm. Als 
die Götter ihn wiederherstellten, setzten sie ihm die wieder ein; die ist hiramya 
= hiranya. Dagegen K. XX, 5 (p. 23, 9. 10): „Er legt einen goldenen Mann 
auf; durch den hält er die Welt des Opferers fest". Etwa ebenso MS. III, 2, 6 
(p. 23, 13); TS. V, 2, 7, 2. 



IQ H. Oldenberg, 

an den Ritus selbst und die Rezitationen, die für seine Vollziehung 
vorgeschrieben sind. 

Der Ritus nun, dessen zahllose Einzelheiten dem Betrachter 
den wesentlichen Inhalt des Ganzen nicht verhüllen dürfen, läuft 
offenbar darauf hinaus: 

1. Daß aus Backsteinen ein Feueraltar aufgebaut wird, welcher 
Agni genannt, also mit dem auf ihm niederzulegenden Feuer 
identifiziert wird; 

2. daß dieser Agni die Gestalt eines Vogels hat, dessen Be- 
stimmung ist zum Himmel oder zur Sonne aufzusteigen, den Opferer 
dorthin zu tragen. 

Die ganze Prozedur der Anlage des Altars, Schichtung der 
Backsteine ist von der Disposition beherrscht: hier ist der Rumpf 
des Vogels — hier der rechte Flügel — hier der linke Flügel — 
hier der Schwanz u. s. w *). Da kann es sich nicht um Einfälle 
von Erklärern handeln, sondern nur um einen Grundzug des Ritus 
selbst. Im Einklang damit sprechen die dabei vorzutragenden 
liturgischen Texte den Agni denn auch zu vielen Malen aus- 
drücklich als Vogel an ; die bekannte dem Agnischichter aufgelegte 
Observanz hinfort kein Vogelfleisch zu essen, betont gleichfalls 
auf das unmißverständlichste die Vogelnatur des Agni 2 ). Gewiß 

1) Andere Exemplare dieses rituellen Vogels liegen in den von den Texten 
oft sehr nachdrücklich mit dem Agnialtar parallelisierten Gebilden des Mahävrata- 
säman und des Mahaduktha vor: Figuren von Opfergesängen und Litaneien, die 
ebenfalls in Vogelgestalt angeordnet sind. Mir scheint (so schon Keith a. a. 0. 
CXXXI), daß unter diesen drei Vögeln der x\gnialtar der älteste ist. Hier hat 
das Vogelmotiv größere Anschaulichkeit, als im Aufbau liturgischer Komplexe. 
Diese werden auf dem Bedürfnis der Udgätar- und Hotarschulen beruhen etwas 
Ähnliches wie die Adhvaryus zu besitzen. 

2) Weber Ind. Stud. XIII, 291. — Neben der Gestalt des Vogels im All- 
gemeinen werden dann bekanntlich auch Gestalten bestimmter Vögel (Falke usw.) 
für den Agni angegeben (das. 264; TS. V, 4, 11 etc.; vgl. die Figuren bei Bürk 
in der Übersetzung des Apast. Sulba S. ZDMG. LVI); dazu weitere Varianten 
wie Gabeldeichsel, Rad, sogar Leichenstätte (smasäna) ! Die in der ganzen Breite 
der Texte fundamentierte Form ist doch die des Vogels; daneben werden jene 
Varianten als minder belangreiche Einfälle und Künsteleien zu beurteilen sein. 
Man bemerke, wie im Falken usw. sich eben nur die Grundidee des Vogel-Agnis 
wiederholt bz. spezialisiert. Das smasäna, soweit es auch davon abliegt, weist 
doch eben auf das Motiv hin, das wir beim Vogel -Agni antreffen werden: des 
Glücks im Jenseits (smasänadtam cinvlta yäfy kämäyeta pitflökä rdhnuyäm üi 
Ts.) So zeigen denn auch die Smasänariten des Totenkults (siehe Caland Ai. 
Toten- und Bestattungsgebräuche 129 ff.) viele Berührungen mit dem Agnicayana. 
— In weiterem Kreise als die hier berührten Varianten des Agnicayana sind um 
den Grundtypus herum die Riten des Sävitra-, Näciketafeuers usw. gelagert; 
einige Bemerkungen über diese s. unten S. 13, Anm. 2. 



Vedische Untersuchungen. 11 

knüpft das alles — darin stimme ich ganz mit Keith (a. a. 0. 
CXXVI) überein — an die uralte, schon im Rgveda häufige Auf- 
fassung des Gottes Agni als Vogel an. Was aber ist die spezielle 
Absicht, in der diese Vorstellung vom Vogel - Agni hier gewählt 
ist, um zur Grundlage eines umfangreichen rituellen Aufbaus ge- 
macht zu werden? Keith (a. a. O.) 1 ) beantwortet diese Frage 
folgendermaßen: Prajäpati, das All, wird als das Opfer vorgestellt; 
eine Haupterscheinung des Opfers ist der Soma, für dessen Riten 
der Altar ja verwandt wird ; der Soma aber wurde von der vogel- 
gestalteten GäyatrT, die mit Agni identisch ist, vom Himmel herab- 
geholt. K. findet, daß an diesen Zusammenhängen kaum ein Zweifel 
bleibt. Ich kann ihm nicht folgen. 

Zunächst verdient es bemerkt zu werden, daß das Moment 
von Prajäpatis Zerfall und seiner Wiederherstellung bei dieser 
Wendung, die der Sache gegeben wird, überhaupt nicht vorkommt. 
Darin liegt nun vielleicht keine Schwäche dieser Auffassung; in 
der Tat müßte jenes Motiv, sollte es für den Aufbau des Ritus 
wirklich wesentlich sein, m. E. doch in den Handlungen und zu- 
gehörigen Sprüchen irgendwie erkennbar hervortreten: was nicht 
der Fall ist 2 ). So spricht denn Keith, wo er seine in Rede 
stehende Hypothese entwickelt, von Prajäpati nicht sowohl als 
Untergehendem und Wiedergeschaffenem, sondern vielmehr als 
Schicht er des Agni 3 ) — wie man sieht , eine prinzipiell andre 
Auffassung seiner Beziehung zum Agni, als in jener Geschichte 
vom Zerfall des Schöpfers. In der Tat wird bei der Auflegung 
gewisser Backsteine gesagt: „Prajäpati möge dich hinsetzen", 
„mit Prajäpati lege ich dich auf" (Ts. IV, 2, 9, 1; 4, 6, 1; 4, 5, 1), 
oder der Backstein wird angeredet als „von Prajäpati gefaßt" 
(das. IV, 3, 2, 1 ff.) : alles sehr wenig dazu passend, daß hier eine 
Wiederherstellung des zerfallenen Prajäpati durch irgend welche 
Helfer vor sich geht. Soll nun aber der Altar von Prajäpati ge- 
schichtet sein, so scheint mir der Weg von dieser Vorstellung zu 
der des somaholenden Vogels doch noch recht weit; die von der 
einen zur andern führende oben skizzierte Kette so zu sagen der 
Gleichungen, in denen immer eine Vorstellung für die andre ge- 
setzt werden muß, ist zu lang, um sicher haltbar zu sein, und 



1) Ähnlich schon Eg geling a. a. 0. XXI. 

2) Höchstens könnte man etwa darauf verweisen, daß das Säman „Herz des 
Prajäpati" gesungen wird (Weher 276, A. 1): eine etwas schmale Grundlage um 
Folgerungen darauf zu bauen. 

3) „The fire-altar is piled by Prajäpati by means of the seasons«. K. CXXVL 



12 H. Oldenberg, 

Riten samt Sprnchmaterial liefern kein Zeugnis, das diese Kette 
festigen, eben d i e s e Vorstellungslinie als die zutreffende erweisen 
würde '). 

Es ist eben schon bemerkt, daß gleichermaßen für die Vor- 
stellung von Prajäpatis Zerfall und Herstellung die rituellen 
Sprüche keinen Anhalt bieten. Dagegen weisen diese — so er- 
gänzt sich der negative Befund in positiver Richtung — mit 
großer Bestimmtheit und Ausdrücklichkeit auf eine andre dem 
Vogel beigelegte Bedeutung hin — einen Zweck, der den rituellen 
Vogel doch wohl näher, direkter angeht als etwa die Herstellung 
des Prajäpati. Gleich in den ersten einleitenden Sprüchen des 
Agnirituals, die der Natur des Grottes Savitar entsprechend die 
Zuwendung seiner antreibenden Kraft für das geplante Werk er- 
bitten, ist die Rede von den „zur Sonne 2 ) gehenden Göttern", 
und erklären die Verehrer, daß ihr eigner Sinn auf den „Gang 
zur Sonne" gerichtet sei (TS. IV, 1, 1, 1). Bald' darauf sprechen 
dieselben von sich als „zur Sonne aufsteigend, auf dem höchsten 
Himmelsgewölbe" (IV, 1, 2, 4). Zu diesem Aufsteigen aber soll 
ihnen der Vogel Agni verhelfen; zu dem wird darum gesagt: „Du 
bist der schöngefiederte Vogel; zum Himmel gehe; zur Sonne 
fliege" (IV, 1, 10, 5), und noch ausdrücklicher: „Den Agni schirre 
ich an . . . den himmlischen Vogel . . .; mit dem wollen wir zur 
Höhe .des Roten fliegen, zur Sonne aufsteigend, auf dem höchsten 
Himmelsgewölbe". „Dies sind deine beiden Flügel . . ., o Agni; 
mit denen wollen wir zur Welt der Guttäter fliegen, wo die Rsis 
sind, die erstgeborenen, alten" (IV, 7, 13, 1). „Die Kasteiung, 
mit der die Rsis die Opfersitzung hielten, Agni entflammend, die 
Sonne herschaffend: (damit) setze ich auf diesem Himmelsgewölbe 
den Agni nieder . . . Dem wollen wir mit unsern Gattinnen nach- 
gehen, ihr Götter, mit Söhnen, Brüdern oder mit Gold, das Him- 
melsgewölbe erfassend in der Welt der guten Taten, auf dem 
dritten Firmament, im Himmelslicht" (das. § 2. 3). Weiter An- 
reden an gewisse Backsteine beim Aufbau des Altars: „Mögen sie 
(die Rsis usw.) alle eines Sinnes auf des Himmelsgewölbes Rücken 
in die Sonnen weit dich und den Opferer setzen" (das. IV, 4, 2, 3). 
„Mögen diese Backsteine, o Agni, mir Milchkühe sein . . . meine 



1) Eine so ganz gelegentliche Hereinziehurig der zum Himmel auffliegenden 
Gäyatri in einer zum Ritus gegebenen Erklärung wie Käth. XXI, 4 (p. 42, 11 f.) 
hat natürlich wenig zu besagen. 

2) Ich übersetze svär mit „Sonne", nicht „Himmel", vgl. meine Note zu ftv. 
X, 189. Für die vorliegende Untersuchung ist das übrigens gleichgültig. 



Vedische Untersuchungen. 13 

Wünsche milchend dort in jener Welt" (IV, 4, 11, 4). Anrede an 
die Teilnehmer der Feier: „Schreitet mit Agni zum Himmels- 
gewölbe, den in der Schüssel weilenden 1 ) in den Händen tragend. 
Zu des Himmels Rücken, zur Sonne gehend setzt euch nieder 
vereint mit den Göttern a . „Von der Erde bin ich zum Luftreich 
aufgestiegen. Vom Luftreich bin ich zum Himmel aufgestiegen. 
Von des Himmelsgewölbes, des Himmels Rücken bin ich zur Sonne, 
zum Licht gegangen" (IV, 6, 5, 1). Ich versuche nicht vollständig 
zu sein; die beigebrachten Sprüche, den verschiedensten Stellen 
des Agnirituals zugehörig, werden ausreichen die Grundidee, 
welche die Spruchtexte selbst in beständiger Wiederholung diesem 
beilegen, klar zu stellen. Damit dem Opferer die Lichtwelt von 
Himmel, Sonne, Unsterblichkeit erreichbar sei, versichert er sich 
in handgreiflicher Konkretheit des geeignetesten Beförderungs- 
mittels: eines Vogels, der ihn zu jener Höhe hinauftragen wird. 
Als solcher Vogel bietet sich der vedischen Vorstellungsweise von 
selbst Agni dar 2 ). Agni ist ja nicht nur in der Tat Vogel (S. 11), 
sondern er ist zugleich von altersher der Bote, der die mensch- 
lichen Gaben zum Himmel bringt, den Menschen selbst bei der 
Bestattung ins Jenseits befördert. Die besondere Wirkenskraft 



1) Das Feuer wird ein Jahr lang in einer irdenen Schüssel unterhalten. 

2) So ist auch der Vogel des Mabävrata bestimmt zum Himmel aufzufliegen 
bz. den Opferer dorthin zu führen. Vgl. hierüber und überhaupt über säma- 
vedische rituelle Vögel, die zum Himmel fliegen, meine Nachweisungen NGGW. 
1915, 394 f.; ich füge hinzu Paiic. Br. V, 1, 10 (aus dem Mahävrataritual) : 
pancadasasaptadasau paksau bhavatafy, paksäbhyäm vai yajamäno vayo bhütvä 
svargam lokam eti. — Weiter bemerke ich, daß beim Agnicayana selbst diese 
Bestimmung, die im Obigen auf Grund der dabei vorzutragenden Texte nach- 
gewiesen ist, sehr häufig auch in den Brähmanaerläuterungen mit vollster Klar- 
heit ausgesprochen ist. So besonders in den schwarzen Yajurveden, wo sich viel- 
fach Stellen finden wie TS. V, 5, 5, 4 agninä vai deväfy suvargam lokam aji- 
gämsan, tena patitum näsdknuvan . . . sarvatascaksusaiva tad agninä yajamänafr 
suvargam lokam eti. Aber auch aus dem Sat. Br., das diese Auffassung zurück- 
drängt (vgl. S. 9), ist sie doch keineswegs verschwunden; vgl. z.B. X, 5, 5, 5 
yady u vä enam uttänam acaisify, na vä uttänam vayafy svargam lokam abhiva- 
hati na tvä svargam lokam abhivaksyaty asvargya u te bhavisyatiti. — Ich schließe 
hier einige in gleicher Richtung weisende Sätze aus den Brähmanaerörterungen 
über die speziellen, oben S. 10, A. 2 (am Ende) erwähnten Schichtungen an. Zum 
Sävitrafeuer: ehi sävitram viddhi, ayam vai svargyo 'gnib pärayisnur amrtät 
sambhüta iti TB. III, 10, 9, 15 ; esa u caivainam tat sävitrafy svargam lokam abhi- 
vahati das. III, 10, 11, 2. Zum Näciketafeuer : samvatsaro vä agnir näciketafi, 
tasya vasantafy sirajf,, grlsmo daksinalt paksab, varsä uttaraj}, samt puccham etc., 
agnimayo ha vai punarnavo bhütvä svargam lokam eti, ädityasya säyujyam, yo 
ignim näciketam cinute etc., das. III, 11, 10, 2 ff.; bekanntlich charakterisiert auch 
die Katha Upanisad (I, 13 ff.) den Näciketa als svargya-Feuer. 



14 H - Oldenberg, 

dieses Agnivogels nun zu sichern und zu stärken versammelt man 
in ihm alle Mächte des Universums einschließlich der dem Veda 
innewohnenden — Gottheiten, Jahreszeiten, Himmelsgegenden, Ge- 
stirne, Lebensfunktionen, Metra und was nicht sonst. Bausteine, 
welche diese Potenzen darstellen, Sprüche, die sich an sie richten, 
führen sie in den Körper des Altar- Vogels hinein, geben ihnen 
dort ihre Stelle. So baut man diese ungetüme rituelle Kon- 
struktion auf: ein Ganzes, das anders als das Somaopfer nicht in 
allmählichem Werden, sondern allem Anschein nach durch ein- 
malige Konzeption seine Gestalt empfangen hat 1 ). Dieser sakral- 
mystische Vogel wird dann „angeschirrt" {agniyojanam; dazu der 
S. 12 angeführte Spruch „den Agni schirre ich an" usw.); so wird 
er mit dem Opferer zur Himmelswelt auffliegen 2 ). 

Wenn nun so die im Ritus selbst liegenden Indizien und die 
zugehörigen Sprüche an der ursprünglichen Intention, wie mir 
scheint, keinen Zweifel lassen, so ist es anderseits auch begreiflich, 
daß die Übersättigung des Ganzen mit hundertfachen Beziehungen 
die priesterlichen Erklärer, die sich um die Deutung von all dem 
bemühen, zu weiteren Phantasiespielen anregt, zu Versuchen, 
immer neue mystische Tiefen darin zu entdecken 3 ). Da werden 
dann verschiedene Richtungen eingeschlagen. Der Opferer, der 
zur Himmels weit gelangen will, wird selbst mit dem dorthin auf- 
fliegenden Agni identifiziert: „Jener (der geschichtete Altar) ist 
sein (des Opferers) göttliches Selbst, dieser (sein irdischer Körper) 
sein menschliches" (Öat. Br. IX, 4, 4, 9). „So 4 ) ergießt er dies 
dreifache Wissen in sein Selbst, tut es in sein Selbst hinein. Er 
wird schon hier das Selbst aller Wesen, gebildet aus den Metris, 
den Formen der Gesanglitaneien, den Atemkräften, den Gottheiten. 
Indem er aus all dem gebildet wird, steigt er aufwärts" (das. X, 
4, 2, 30). Anderseits aber — und wohl mit noch größerer Ent- 
schiedenheit — schlägt die Phantasie die Richtung auf die Welt- 



1) Das schließt natürlich nicht aus, daß gelegentlich auch recht Altes an 
irgend einer Stelle hineingesetzt ist : ich erinnere an das Bauopfer (die Einmauerung 
der Köpfe der fünf Tiere, Weber a. a. 0. 218 f.). 

2) Daß dieser Vogel, den der Priester herstellt, dann doch zugleich als von 
Prajäpati hergestellt angesehen wird (S. 11), vorläuft in allbekannter Gedanken- 
bahn. 

3) Man kann sich so ausdrücken: dieser Vogel ist zugleich ein Abbild des 
Universums — und noch manches andre — geworden. Dadurch kommt die ur- 
sprüngliche Vorstellung natürlich vielfach in Gefahr zersprengt oder zugedeckt 
zu werden. So in weitem Umfang schon in den Sprüchen; vollends aber in den 
Erklärungen. 

4) Indem er Steine schichtet, welche vedische Texte bedeuten. 



Vedische Untersuchungen. 15 

entstehung, auf den Weltschöpfer Prajäpati ein: die geradezu das 
Universum umfassende Natur des Agni konnte kaum anders als 
solche den Brähmanatheologen ohnehin schon besonders nah liegenden 
Gedankengänge hervorrufen. Prajäpati, indem er den Agni 
schichtet, vollbringt ein Schöpfungswerk 1 ). Vor allem aber tritt 
jetzt sporadisch in den schwarzen Yajurveden, doch eingehend 
durchgeführt im Öatapatha Br. — jener Gedanke auf, mit dem 
wir uns oben eingehend beschäftigten : von der Agnischichtung 
als einer Herstellung des zerfallenen Prajäpati. Man darf glauben 
ein Stück Geschichte dieser Vorstellungen, das Fortschreiten vom 
Vogelzauber zur Prajäpatimystik sich abzeichnen zu sehen, wenn 
man im Satapatha Br. (VI, 1, 2, 36) liest: „Hier sagt man nun: 
um welches Wunsches willen wird der Agni geschichtet? Einige 
sagen: er soll zum Vogel werden und mich zum Himmel tragen. 
So sehe man es aber nicht an. Sondern jene Gestalt (des Agni) 
annehmend sind die Atemkräfte zu Prajäpati geworden. Jene Ge- 
stalt annehmend hat Prajäpati die Götter geschaffen. Jene Gestalt 
annehmend sind die Götter unsterblich geworden. Und was hier- 
durch die Atemkräfte und Prajäpati und die Götter geworden 
sind, eben das wird er (der Opferer) hierdurch". Da steht die 
man möchte sagen greifbare Zauberprozedur der einen Auffassung 
der spekulativen, auf Prajäpati abzielenden Phantastik der andern 
gegenüber. Natürlich entscheidet das Brähmana sich für die 
zweite. Der Religionshistoriker, der aus der Lagerung der 
Quellenmaterialien das Ursprüngliche erschließt, wird anders ur- 
teilen. 

Sucht man, wie das geboten ist, das Agnicayana in die Ent- 
wicklung der auf das jenseitige Dasein bezüglichen Vorstellungen 
und Riten einzuordnen, so fällt in die Augen, wie den vergleichs- 
weise einfachen Vorstellungen des Rgveda gegenüber hier alles 
verwickeitere Formen, den Charakter ausschweifenderer Mystik 
angenommen hat 2 ). Auf der andern Seite trägt dieser Zauberritus 



1) Anfänge der Vorstellung, daß Pr. der Handelnde ist, schon in den Sprüchen 
selbst: s. oben S. 11. 

2) Daß in der Tat der Ritus wesentlich jünger ist als die rgvedische Zeit, 
bedarf keines Beweises (doch erinnere ich in bezug auf den metrischen Charakter 
der Texte an das von mir ZDMG. LIV, 185 Gesagte; ich habe den Eindruck — 
weitere Untersuchung hierüber muß vorbehalten bleiben — , daß wie die Verse so 
auch die Prosasprüche des Agnirituals sich von den älteren derartigen Texten 
fühlbar abheben). Kann als ausdrückliches Zeugnis für dies jüngere Alter die 
Lehrerliste am Ende von Sat. Br. X (in der Känvarezension am Ende der Brb. 
Ar. Up.) gedeutet werden? Da wird die Kunde der Agnimystik zwar in letzter 



IQ H. Oldenberg, 

zur Erlangung himmlischer Unsterblichkeit deutlich ein altertüm- 
licheres Gepräge als die Gredanken von der Überwindung des Todes, 
dem Eingehen in die Welt des Ewigen vermöge des Einsseins mit 
dem Brahman. Aber wiederum: die Brahmanspekulation, so er- 
haben über der Flachheit und Äußerlichkeit jener alten sakrifikalen 
Künste sie ist, wird in gewisser Weise doch durch diese vor- 
bereitet. Auch im Agnicayana lebt ja, obschon , dumpf und un- 
fertig, etwas von einer über alle begrenzten, irdischen Ideale 
hinausstrebenden Sehnsucht nach todüberwindender Vollendung. 
Das Buch des Agnimysteriums im Satapatha Brähmana wird be- 
schlossen von einer Reihe unter einander der Ausdrucksweise nach 
wohl zusammengehöriger Abschnitte allgemeineren Inhalts, die in 
direktem Zusammenhang mit dem Thema des Agni nicht oder nur 
lose stehen, doch oft die Probleme von Tod, Wiedertod, Jenseits 
berühren: ist es Zufall, daß eben hier, verknüpft mit dem Namen 
des Sändilya, des Lehrers vom Agnicayana, jene wundervolle Ver- 
herrlichung des Brahman- Atman (Sat. Br. X, 6, 3) sich findet, ein 
ältestes Denkmal der Brahmanspekulation? 

Instanz, wie sich von selbst versteht, auf transzendente Wesen zurückgeführt: 
auf Prajäpati — vermutlich wegen der Rolle, die eben diesem in den soeben be- 
sprochenen Phantasien zugeteilt war — und t zu allerletzt auf das durch sich 
selbst seiende Brahman. Unter den menschlichen Lehrern aber steigt die Reihe 
zunächst zu Sändilya auf, dann weiter durch zwei (in der Känvafassung drei) 
Mittelglieder zu Tura Kävaseya (vgl. Sat. Br. IX, 5, 2, 15), der sich somit an 
Prajäpati anschließt. Tura nun war Zeitgenosse und Hauspriester des großen 
Janamejaya (ZDMG. XLII, 239). Zwischen dieser fraglos historischen Persönlich- 
keit und der Götterwelt wird also die Zeit der rgvedischen Rsis übersprungen. 
Darf in dieser auffallenden Auslassung ein Bewußtsein davon gesehen werden, 
daß der Agniritus von diesen nicht vollzogen, vielmehr erst in den Kreisen des 
Tura entstanden ist? Es ist bemerkenswert, daß auch an einer andern Stelle 
des Agniteils im Satapatha Br. sich konkrete, vertrauenswert aussehende Über- 
lieferung zur Geschichte oder Chronologie des Ritus erhalten hat (das Menschen- 
opfer zuletzt von Syäparna Säyakäyana dargebracht, VI, 2, 1, 39). Die Zeit des 
Tura lag nicht so weit zurück, daß nicht glaubhafte Erinnerungen an damalige 
rituelle Vorgänge sich erhalten haben könnten. Zu den inneren chronologischen 
Indizien, welche die Agnitexte bieten, scheint jene Zeit mir vollkommen zu passen. 
Äußerungen wie Käth. XX, 9, p. 29, 8 f. (Vasistha, Bharadväja etc. gedeihen in- 
folge des Ritus), XXII, 3, p. 59, 10 f. (Kaksivant, Trasadasyu etc. haben den Agni 
geschichtet) haben solchen Charakter, daß sie keinen Einwand gegen das hier 
Gesagte liefern können. Beiläufig möchte ich hier noch meinen Zweifel an der 
bekannten Auffassung Webers (Ind. St. XIII, 266) äußern, daß die Lehre vom 
Agni durch Nähe der Persa-Arier beeinflußt sei. Mir scheint in dieser Lehre so 
vedische Luft zu wehen, ihre Motive so ganz aus vedischen Vorstellungen ver- 
ständlich zu werden, daß ich für ein Hinausgreifen aus Indien keinen Anlaß zu 
finden weiß. 



Vedische Untersuchungen. 17 

2. Zu Rgveda IX, 2, 7. 

Auf den ersten Blick vollkommene Evidenz inbezug auf die 
Erklärung dieses Verses, wobei ein grammatisch wichtiges Re- 
sultat abzufallen scheint. Bei näherem Zusehen, wie ich wenig- 
stens überzeugt bin, verflüchtigt sich die Evidenz, und jenes Re- 
sultat zerschlägt sich. Vielleicht lohnt es sich, auch in methodi- 
schem Interesse, das näher auseinanderzusetzen. 

Der Vers lautet : giras ta inda ojasä marmrjyänte apasyüvah | 
yäbhir mddäya sümbhase. Hierzu Sommer in seinem wichtigen 
Aufsatz über das Femininum der u- und i-Adjektiva (IF. XXXVI, 
180) : „Die Stellen IX, 35, 5 und ganz besonders IX, 38, 3 befür- 
worten die Auffassung [von apasyüvah] als Nominativ und zu- 
gleich die von te als Akkusativ, eine Funktion, gegen die Olden- 
berg zu I, 30, 9 zu Unrecht Zweifel geäußert hat (,werkkundige 
Lieder, o Indu, verschönen dich mit ihrer Kraft' Ludw.)". Ich 
setze jene beiden Parallelverse her : IX, 33, 5 abhi brähmir anüsata 
yahvir rtäsya mätdrah \ marmrjyänte diväh sisum; 38, 3 etäm tydm 
harito däsa marmrjyänte apasyüvah \ yäbhir mddäya sümbhate. Also 
im ersten Vers in der Tat die drei Hauptbegriffe von 2, 7 neben 
einander : Lieder, Soma, marmrjyänte, und bei der Handlung dieses 
Verbs sehr wahrscheinlich die Lieder Subjekt, sicher Soma Ob- 
jekt. Im zweiten Vers Identität der Pädas bc mit den ent- 
sprechenden von 2, 7, und wieder Soma neben marmrjyänte Objekt. 
Ergibt sich da nicht in der Tat, daß auch in 2, 7 die girah Sub- 
jekt des marmrjyänte sind, der mit te angeredete Soma Objekt, te 
also Akkusativ? 

Als Ergebnis meiner Untersuchungen über me und te hatte 
ich hingestellt (Noten zu I — VI, S. 29), daß akkusativische Funktion 
im Rv. „unsicher, äußerstenfalls sehr selten, vielleicht vereinzelte 
Abnormität ist". Ebenso, doch noch entschiedener, Keith (JRAS. 
1910, 472 ff.). Sommer sagt nicht, ob er seinerseits andre Belege 
solcher Akkusative für sicher hält. Ich vermute, daß es sich für 
ihn eben nur um diesen handelt; in jedem Fall kann ich nur ihn 
prüfen. 

Ich bin gewiß kein Freund davon, in der Erklärung zusammen- 
gehöriger Stellen, ebenso wie in der Ansetzung der Wortbedeu- 
tungen, ohne stärkste Gründe hier nach einer, dort nach einer 
* andern Auffassung zu greifen. Der Argumentation S.s aus seinen 
beiden Parallelstellen gestehe ich darum den Anspruch auf ernst- 
lichste Erwägung ohne weiteres zu. Aber sie ergibt doch eben 
nur eine Präsumtion für IX, 2, 7, und Präsumtionen sind dem 

Kgl. Oes, d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Masse. 1917. Heft 1. 2 



13 H. Oldenberg, 

unterworfen, unter Umständen entkräftet zu werden. Ist der 
vorliegende Fall dazu angetan? 

Bei oft wiederholtem Lesen des Verses kann ich den be- 
stimmten Eindruck nicht loswerden, daß te keineswegs Akkusativ, 
sondern Dativ ist. Doch natürlich muß ein solcher Eindruck auf 
die Tatsachen zurückgeführt werden, die sich in ihm verdichten. 

Sollten wirklich die ungeheuren Massen von Stellen, an denen 
— bei mrj- oder bei welchen Verben auch immer — der Unter- 
schied akkusativischer Konstruktion mit tvä (wie mrjdnti tvä) und 
dativischer oder genitivischer mit te (wie tarn u te mrjanti III, 
46, 5; unsrer Stelle mit ihrem ta indo ähnlich yds ta indo mddesv d 
IX, 61, 1; ä ta indo mddäya kam 62, 20; evd ta indo . . . rdsam 
tufljanti 79, 5) immer wieder gleichbleibend sich bewährt, keine 
Wahrscheinlichkeit ergeben? Hat Keith (a.a.O.) nicht Recht zu 
sagen: „If the uses of me and te as accusative were genuine it is 
very improbable that we would be left to find them in a small 
number of dubious passages"? Wie leicht wäre es dem Esi ge- 
wesen, dem Vers eine Wendung zu geben, die für ein tvä Raum 
geschafft hätte, selbst wenn er ein doch vollkommen unanstößiges 
tvendo (d. h. tuvendo) nicht setzen wollte! So meine ich, die Tat- 
sache, daß eben te und nicht tvä dasteht, wirft ein Gewicht in 
die Wagschale, welches das der Sommerschen Parallelstellen doch 
wohl überwiegt. 

Wenigstens wenn im Übrigen auf dem damit angezeigten 
Wege der Vers ein glaubliches Aussehen gewinnt. Und insonder- 
heit, wenn er zu jenen Parallelstellen in ein nach den sonst im 
Veda geltenden Maßstäben annehmbares Verhältnis gerückt wird. 

Wie ist es damit bestellt? 

Es ist ja richtig, daß an mehreren Stellen, wie IX, 33, 5, die 
Gebete den Soma „putzen" (mrj-) oder auch die Verehrer durch 
die Gebete den Soma putzen (z. B. IX, 17, 7). Aber ebenso fest 
steht, daß man auch die Gebete selbst „ putzt a oder diese sich 
putzen: natürlich damit ihr Aussehen dem Soma oder irgend 
einem andern Gott zugute komme. So IX, 47, 4 yddi marmrjydte 
dhiyah, wo Subjekt vermutlich der im vorangehenden Päda er- 
wähnte vipra ist; I, 61, 2 pratndya pdtye dhiyo marjayanta, wo 
ganz wie ich es für unsre Stelle annehme, der Gott, in dessen 
Interesse die Tätigkeit des mrj- vorgenommen wird, im Dativ 
steht. Dasselbe Nebeneinanderliegen verschiedener Vorstellungen 
ist bei pü- „reinigen" reichlicher belegbar 1 ). Neben den Stellen, 

1) Wie nah dies Verb inhaltlich dem mrj- steht, würde, bedürfte es dessen, 
durch St. II, 320 mrjydse pdvase veranschaulicht. 



Vedische Untersuchungen. 19 

wo Soma durch Gebete gereinigt wird, stehen auf der andern 
Seite zahlreiche solche, wo man die Gebete ihrerseits reinigt oder 
die Gebete sich reinigen; öfter mit Hinweis im Dativ auf den 
Gott, für den das geschieht. So einerseits sömo matibhih punänäh, 
IX, 96, 15; andrerseits vaisvänardya matih . . . pavate VI, 8, 1; 
matäyah pavante VI, 10, 2; äpüpot . . . hrdd matim III, 26, 8 und 
dergl. mehr. Der Gott ist punänö brdhmanä IX, 113, 5, aber der 
Gott wird auch angerufen brähma . . . punihi nah IX, 67, 23. Wir 
überblicken ebenso die Verhältnisse noch beim Verb subh- „schön 
machen", das gleichfalls ganz in denselben Vorstellungskreis wie 
mrj- gehört *). Bald sind da die Gebete Subjekt der auf den Gott 
gerichteten Tätigkeit des Schönmachens (tarn . . . girah sumbhanti 
IX, 43, 2), bald sind sie deren Instrument (V, 22, 4; VIII, 44, 26; 
IX, 2, 7; 40, 1), bald sind sie Objekt des im Interesse des Gottes 
vollzogenen Schönmachens (ye agne candra te girah sumbhanti V, 
10, 4 2 ): mit demselben te wie an unsrer Stelle; V, 39, 5 auch mit 
Dativ tdsmai; VIII, 6, 11). 

Wenn wir also in IX, 2, 7, geleitet von der doch stark moti- 
vierten Erwartung, daß te Dativ sein wird, die drei Elemente 
Soma, Gebete, Putzen hier zu einer andern Figur zusammensetzen 
als sie IX, 33, 5 vorliegt, so verlassen wir damit keineswegs die 
dem Veda geläufigen Vorstellungsbahnen, befinden uns vielmehr 
in einer Bahn, deren Einherlaufen neben der andern für die ve- 
dische Vorstellungs- und Ausdrucksweise eben charakteristisch ist. 
Ich verstehe danach in unserm Vers entweder: „die Gebete putzen 
sich dir (werden dir geputzt?), die tätigen" 3 ); daß marmryyd- me- 
dial oder passivisch verstanden werden kann, zeigt IX, 62, 13; 85, 5; 
im Übrigen ist besonders ähnlich I, 61, 2. Oder aber: „die Ge- 
bete putzt man dir, die tätigen" 4 ). Die erste Auffassung hat den 
Vorzug, daß so das Adj. „die tätigen" einen ausgeprägteren Sinn 
erhält; da die Gebete eben selbst die Putzarbeit tun, heißen sie 
„tätig", wie 38, 3 die Finger, welche dieselbe Arbeit tun, ebenso 



1) Das zeigt Päda c von IX, 2, 7 = 38, 3 ; sumbhdmänah . . . mrjyämänab 
36, 4, und andre Stellen. 

2) Würde man nicht bei girdfy sumbhanti {sumbhanti) V, 10, 4 und IX, 43. 2 f 
wenn nicht die umgebenden Worte jeden Zweifel abschnitten, präsumieren, daß 
gvrafy beidemal derselbe Kasus ist? 

3) Ich setze hierher zwei Stellen, an denen ganz ebenso gesagt ist, daß die 
girafy sich te, dem Gott, so oder so betätigen: äsryram indra te girah I, 9, 4; 
. . te . . giro väsräsa irate VIII, 44, 25. 

4) Schwerlich mit gezwungener Trennung von girafr und apasyuvab: „die 
Tätigen (Fem.) putzen dir die Gebete". Wer wären diese weiblichen Tätigen? 

2* 



20 H. Oldenberg, Vedische Untersuchungen. 

heißen. Auf dieses erfolgreiche Tun der das Putzen besorgenden 
Wesenheit legt auch das suJcärmabhih von IX, 70, 4; 99, 7 Ge- 
wicht. 

Der Dichter, der den Anfang von IX, 2, 7 verfaßte, geriet 
damit in das Geleise des vermutlich älteren 1 ) Verses 38, 3 und 
fuhr nun in dieser Bahn fort. Daß Aus drucks weisen, zwischen 
denen an sich irgend eine Differenz besteht, doch in solcher Weise 
sich berühren, ist ja im Rv. häufig genug. Ein gutes Beispiel 
liefert eben innerhalb der hier überblickten Masse von Materialien 
V, 22, 4: (den Gott) stömair vardhanty ätrayo glrbhih sumbhanty 
ätrayah, gegenüber V, 39, 5 (für den Grott) giro vardhanty ätrayo 
girah sumbhanty ätrayah: sehr ähnlich wie an unsern Stellen das 
einemal die Gebete Instrument, der Gott Objekt, das andremal 
die Gebete selbst Objekt. Ohne Zweifel wird in kurzem Bloom- 
field's Werk „The repeated passages of the Rv." einen bequemen 
Überblick über die reichhaltigen Parallelen, die derartige Ab- 
weichungen zeigen, ermöglichen. 

So glaube ich, alles in allem, daß die Sachlage in IX, 2, 7 
uns zu Wagnissen in der Auffassung des te keinen Grand und 
kein Recht gibt. Das unendlich häufige Wort wird hier sein, 
was es im Rgveda annähernd überall oder wohl überall ist : womit 
die Stelle einem reichlich und sicher belegten Typus rgvedischer 
Äußerungen sich ungezwungen zuordnet. 



1) Daß die Finger apasyü sind, ist doch wohl näher liegend und ursprüng- 
licher, als daß die Gebete es sind. 



Zur Überlieferung und Textkritik der Kudrun. I. 

Von 

Edward Schröder. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 25. November 1916. 

Als mir im Jahre 1910 durch einen letzten Wunsch Ernst 
Martins die Aufgabe zufiel, dessen kleine Kudrun - Ausgabe für 
einen Neudruck herzurichten 1 ), hab ich bei der Vorbereitung und 
noch mehr unter der Korrektur ein starkes Unbehagen empfunden, 
das durch den Mangel aller für eine Säuberung des Sprachbildes 
nötigen Vorarbeiten hervorgerufen wurde. Die jugendliche Hand- 
schrift 2 ) scheint zunächst gar keinen Anhalt zu bieten — dazu tritt 
die rasch erworbene Erkenntnis, daß das Gedicht selbst gesicherte 
und glaubhafte Doppelformen in einem Umfang aufweist, wie ich 
das bei keinem zweiten Werke der mhd. Literatur kenne 3 ). Fr. 
Panzer, der in seinem gehaltvollen Buche 'Hilde- Gudrun' (Halle 
a. S. 1901) auch diese Erscheinung nicht übersehen hat (S. 1 — 16), 
hatte doch zu sehr den Erweis der Einheit des Gedichtes (an die 
auch ich glaube) im Auge, als daß ihm gerade dies Kapitel eine 
mehr als flüchtige Aufmerksamkeit hätte abgewinnen können. 

Die eigentliche Textkritik der Kudrun hat noch weit mehr als 
die des Nibelungenliedes darunter gelitten, daß die Fragen der 
höheren Kritik jene Arbeiten immer wieder in den Hintergrund 
drängten, die als Grundlagen einer säubern Herstellung des Wort- 
sinns und Wortlauts nun einmal unentbehrlich sind. Auf die Mög- 
lichkeit hin, daß ich in die Lage kommen könnte den Text noch 



1) Er ist Halle a. S. 1911 erschienen; vgl. dazu meine Selbstanzeige im Anz. 
f. d. Alt. 35, 39—44. 

2) Ich besitze von ihr eine Bromsilberphotographie (Schwarzweiß -Druck) 
von Schramm in Wien. 

3) Man denke zunächst einmal an die Ländernamen! 



22 '^Edward Schröder , 

einmal zu rezensieren, nicht eigentlich in der Absicht, selbst der 
neue Herausgeber der Kudrun zu werden, hab ich bald nach dem 
Erscheinen meines Neudrucks ziemlich gleichzeitig für eine ganze 
Reihe von Spezialuntersuchungen zu sammeln begonnen und bin 
dabei durch mehrere Mitglieder meines Seminars unterstützt und 
kontrolliert worden : ich nenne namentlich die Herren Dr. A. Frese, 
(x. Salomon, H. Schmidt, H. Theune und F. Wiegmann. Als der 
Krieg ausbrach, lagen mehr oder minder unfertig die Untersu- 
chungen über die sprachliche Form der Eigennamen, über die Mög- 
lichkeiten des stumpfen Cäsurausgangs , über Doppelformen im 
Reim und Versinnern in meinem Pulte. Nahezu abgeschlossen war 
nur die heute vorgelegte Studie. Ich hatte nicht die Absicht, 
diese zwar lehrreiche, aber in ihrem textkritischen Ergebnis et- 
was magere Abhandlung für sich herauszugeben, tu es aber jetzt 
doch, weil mir die Möglichkeit fehlt, die übrigen Studien noch in 
diesem Jahre zum Abschluß zu bringen. 

EI und AGE im Reim und im Versinnern. 

MAGKET. 

Ich behandele zunächst die 'unflektierte' Form Nom. Acc. 
Sing, und darauf die flektierten (Gren. Dat. Sing, und den Plural), 
jede nach ihrem Auftreten im Reim, in der Cäsur, im Versinnern. 

I. meit und mag et. 

1) Im Vers aus gang ist ausschließlich die Form meit be- 
zeugt (30 mal) und hier regelmäßig als maid (bis Str. 625 dreimal 
mayd) geschrieben ; Schreibfehler maide 690, 1. 

a) im beweisenden Reim 21 mal : 
meit : arbeit 14, 1. 16, 1. 618, 1. 1555, 1. 

: Meit 1304, 1. 

: leit 345, 1. 625, 2. 681, 1. 690; 1. 979, 1. 989, 1. 996, 1. 1025, 2. 
1208, 1. 1251, 1. 1252, 2. 1262, 1. 1317, 1. 1505, 1. 1582, 1. 
-.streit 1413,2; 

b) im neutralen Reim (: eit < aget) 9 mal. 

:geseit 9,2. 199,1. 243,1. 685,1. 1246,1. 1640,2; : verseit 

775,2. 1632,1. 
; gehleit 1060, 1. 
[2) In der Cäsur hat weder meit noch maget Platz, und ob- 
wohl 'stumpfe* Cäsuren *) in begrenzter Zahl vorkommen , dürfen 
wir zu einem Wort wie diesem nicht greifen, wenn es bei so häu- 
figer Verwendung hier niemals überliefert ist. Von den beiden 



1) über sie wird die zweite dieser Studien handeln. 



Zur Überlieferung und Textkritik der Kudrun. 23 

Fällen bei Martin ist zunächst zu beseitigen die Ergänzung ich 
weiz eine <maget> 211,2, wo schon Vollmer <vrouwen> einge- 
stellt hat. — 543,1 hat die Überlieferung Do weiten sie die mdge 
niht lenger läzen da, und dies hat gleichfalls Vollmer bereits zu 
magede ergänzt; daß so jedenfalls in der Vorlage stand, wird 
sich weiter unten bei Behandlung der flektierten Formen noch 
deutlicher ergeben. Es gibt mithin kein Cäsurbeispiel für maget 
oder meit.] 

3) Im Versinnern erscheinen die Formen maget und meit, 
doch so daß maget hier ein gewaltiges Übergewicht hat. Was die 
Orthographie Hans Rieds angeht, so überwiegt anfangs das ihm 
eigene magt gegenüber dem maget der Vorlage (bis Str. 994 maget 
15 mal, magt 21 mal) — später tritt magt ganz zurück (bis zum 
Schluß maget 54 mal, magt 6 mal) ; dies Obsiegen von maget über magt 
fällt freilich auch mit der etwas weitläufiger werdenden Schrift 
zusammen. Daneben kommt einmal die Kürzung mag. vor (am 
Zeilenschluß 400,3) und 3 mal maid (630,4. 1267,1. 1650,1), auf 
das ich unten S. 24 f. eingeh. 

Der prosodische Wert von maget läßt sich am besten ermitteln, 
indem wir das Auftreten des Wortes in einzelne Gruppen gliedern. 

a) maget mit nachgestelltem Adjektiv (62 + 3 Fälle): 

maget edele 57, 2. 385, 4. 395, 2. 409, 3. 424, 3. 426, 2. 534, 1. 
684, 1. 769, 1. 796, 2. 951, 4. 960, 4. 987, 1. 997, 1. 1021, 2, 
1028, 4. 1042, 2. 1053, 1. 1055, 1. 1167, 4. 1173, 1. 1291, 3. 
1328,1. 1356,1. 1357,2. 1359,2. 1480,1. 1486,2. 1513,1- 

Danach ist in 682, 2 daz diu maget vil edele das vil zu streichen. 

maget güot 994, 2. 1271, 2. 1299, 2. 1312, 1. 

maget tier{e) 1166,4. 1277,1. 1279,1. 1478,3. 1548,3. 1579,3. 
1643, 1. 

Dazu der verdächtige Halbvers (s. später) 549, 2 diu maget vil here. 

maget junge 576,1. 1652,3. 

maget minnecliche 483,3. 1251,4. — Danach ist, indem man 
mag. 400, 3 zu maget ergänzt, jedenfalls vil zu streichen. 

maget riche 1026,3. 

maget scheene 398, 2. 664, 4. 1019, 3. 1027, 1. 1287, 1. 1355, 2. 
1521, 2. 

maget ivöl getdn(e) 1037,2. 1040,1. 1201,2. 1570,4. 1635,2. 
1648, 2. — vil ist zu streichen 1296, 2. 

Unter 62 Beispielen hab ich nur dreimal vil getilgt, um die 
Absicht des Autors durchzuführen und maget als taktfüllend zur 
Geltung zu bringen. Nun kommt aber eine scheinbare Ausnahme, 
es heißt durchweg: 



24 Edward Schröder, 

maget vil eilende 977,3. 1169,2. 1244,2. 
Die Herausgeber sind hier unsicher, Str. 1244 streichen seit Vollmer 
alle das vil. Allein die Überlieferung stützt es! Sollen wir nun 
lesen mäget vil eilende ? Die alte Betonung eilende ist dem Dichter 
durchaus nicht fremd: in ir eilende vdnt 107,4; ich lese auch z. B. 
1316, 4 phlac man der eilenden vlizicliche. Aber nachdem maget als 
taktfüllend nach der Absicht des Dichters feststeht, wird man hier 
verschobene Betonung gelten lassen und lesen müssen 

mäget vü eilende^ 
wie auch 994,4 diu mäget ist eilende. 

Es wäre nicht einzusehen, warum der Verfasser sonst gerade 
nur vor diesem Adjektiv vil einsetzte ; es steht auch 1202, 1 Do 
sprach diu vil eilende, wo es mit Unrecht alle Herausgeber streichen. 

b) maget mit folgender betonter Verbalsilbe (15 Fälle): 
mäget bcete 755, 2. m. orahten 1658, 1. m. gie 480, 1. m. günde 762, 1. 

m. hcete 1239,4. m. heize 1215,2. m. (hs. magetlein) hülfe 227, 4. m. ist 
994, 4. m. Mste 1587, 1. m. säch 459, 1. m. tüo 1625, 2. m. tüot 1665. 1. 
m. vdnt 386, 1. m. vünden 1656, 2. [m. iväs 1245, 2 1 ).] m. weinte 539, 4. 

c) Nachlese anderer Fälle (6) : 

diu mäget mit dem kinde 56, 4. 

mäget also schäme 226, 2. 

versuochte erz an die mäget (hs. maid) vliziclichen 630,4. 

ist dehein mäget die ir ie gesähet 657, 4. 

nü sagt uns, mäget, was sul wir iu dienen ? 1484, 4. 

tiurer mäget nindert dir gewinnen 1639, 4. 
Diesen 87 Fällen, für welche maget als voller Takt gesichert 
ist, steht nun eine kleine Gruppe gegenüber, wo auf das Wort 
noch eine unbetonte Silbe folgt: Präfix, Partikel, Pronomen, Prä- 
position: mäget begünde 415,1. mdget enphie 1618,2; mäget nu tahte 
618,4. mäget noch truege 621,4. mäget es ähte 1024,4. mäget din 
swester 1155, 3. [mäget sin mohte 1180, 4 *)] ; mäget von Hegelingen 
967,2. 1242,4. mäget von Ormanieriche 1580,4. mäget <üz> lrriche 
1339, 3. Hier muß entweder die aufgelöste Hebung für maget zu- 
gestanden werden, oder man wird meit einführen müssen. Von 
der metrischen Tradition aus wird man natürlich an maget auch 
in den zuletzt aufgeführten Fällen keinen Anstoß nehmen, man 
hat ihm ja bis in die neueste Zeit hinein diesen Wert selbst für 
Konrad v. Würzburg zubilligen wollen. Eine andere Frage ist, ob 
man damit der Intention des Dichters gerecht wird. Dieser ver- 
fügte über zwei Formen : über meit, das er 30 mal im Reime braucht, 



1) Nach Besserung der Herausgeber. 



Zur Überlieferung und Textkritik der Kudrun. 25 

und über maget, das er 87 mal als vollen Takt verwendet. Ein 
Grund warum er das ihm im Versausgang so geläufige meit da 
wo es ihm metrisch besser zusagte, nicht auch im Versinnern hätte 
anwenden sollen, ist eigentlich nicht ersichtlich. Und tatsächlich 
finden sich Spuren davon, die ich bisher absichtlich zurückgehalten 
habe. Dem zuletzt angeführten die mag et <üz> Irriche 1339,3 
steht nämlich gegenüber zweimal überliefertes diu (die) meit üz 
Irlant 1267, 1. 1650, 1. 

Das Gesamtbild der Überlieferung ist also nunmehr dieses. 
Der Nom. Acc. Sing, von maget — meit ist im Ganzen genau 100 
mal im Vers überliefert. Von diesen 100 Beispielen vertragen 
resp. verlangen 87 die zweisilbige Form maget — sie steht in 86 
Fällen als maget (magt) in der Hs., während sie einmal für hsl. 
maid eingesetzt werden muß (630, 4 maid vleissikleichen). 13 ver- 
langen die einsilbige Form — sie ist 2 mal (als maid) überliefert 
und darf in den übrigen 11 Fällen getrost hergestellt werden. 
Daß eine derartige saubere Scheidung in der Vorlage Rieds oder 
auch nur in der Originalausgabe durchgeführt war, behaupte ich 
nicht — jedenfalls war sie angestrebt, und es entspricht der Ab- 
sicht des Dichters, wenn wir sie durchführen. 

IL meide und magede. 

Nur diese beiden Formen sind es die für den Gen. Dat. Sing, 
[ich habe die wenigen Fälle mit * bezeichnet] und für den Plural 
überhaupt in Frage kommen ; auf megede, das einzelne Herausgeber 
ohne Prinzip und meist ohne Anlaß hier und da einführen, liegt 
in der Überlieferung keine Andeutung vor, und für den Dichter ist 
die Form ausgeschlossen, denn das meide das bei ihm im Reime steht, 
kann zur Vorstufe nur magede haben, da altes ei und ei < age wohl 
untereinander, aber niemals mit ei < ege reimen ; s. u. S. 37. 

1) Im Vers aus gang ist die Form meide{n) ausschließlich 
bezeugt und vom Schreiber durchweg als maide(n) überliefert (13 mal). 

meide(n) : beiden 1532, 3. 

: leide 445, 3. 510, 3. *627, 4. 801, 3. 881, 3. 1152, 3. 

1198,3. 1702,3. 
: ougeniveide 23, 3. 
: scheide(n) 1488, 3. 1490, 4. 1555, 4. 

2) In der Cäsur ist die Zahl der Belege weit größer, ja meide 
gehört geradezu zu den beliebtesten Cäsurwörtern. Meine voll- 
ständige Tabelle legt die Fassung der neusten Ausgaben (M., S.) 
zu Grunde, weil diese ja der Handschrift treu zur Seite bleiben 
und so am besten gleichzeitig das Schwanken der Überlieferung und 



26 Edward Schröder, 

die Abhängigkeit und Unsicherheit der Herausgeber verdeutlicht 
wird; Cäsurreim (und mögliche Assonanz) ist angedeutet. 

36, 3 vier und sehzic meiden — hs. durchweg maide(n) 
41, 2 unde vil den meiden 
*53, 4 das sie der jungen meide 
66, 2 und vil der edelen meide 
74, 4 die minnecltchen meide 
85, 4 die eilenden meide 
115, 1 dö sie die schcenen meide 
162, 3 den minnecltchen meiden (: Meiden) 
*329, 1 der künic sprach zer meide 
339, 2 die minnecltchen meide 

410.3 daz ich und' die magede — hs. magte 
*421, 4 daz ir gert der magede — hs. magte 

440, 2 dö kleideten sich meide (kleiten S.) 

443.4 dö lie manz sehen die magede — hs. magde 

482. 1 Mit ir giengen meide 

*537, 3 niwan mit einer magede — hs. magt 

543.2 dö wolten sie die magede S., maget M. — hs. mage 
*609, 2 liebet er der meide 

620.3 ritter unde magede — hs. magde 
802,3 daz si nach den mage den — hs. magden 
849, 4 die minnecliche(n) meide 

927, 1 Ritter unde meide (: leide) 

1023, 4 daz er vor allen meiden 

1039, 4 ich und mine meide (; leides) 

1204, 4 den eilenden meiden {vil edelen M.) 

1232, 4 ob ir edele meide 

1261, 2 dine scha?ne(n) meide 

1300, 4 wie sint erzogen die meide ? 

1301, 2 aWe mme «ja 
*1324, 4 do giengen mit der meide (: eiwe) 

1380, 2 Küdrün mit ir meiden 

1385,4 ich und mine meide 

1507, 2 m# dn (1. drin) und drizic meiden 
*1533, 4 der minnecltchen meide 

1594, 4 ww£ da£ die schcenen meide 

1596, 4 wo? m# sehzic meiden 

1609, 4 minneclicher meide 

1701,2 sie und ouch ir meide. 
Es sind im ganzen 38 Fälle (davon 7 Sing.) : bis Str. 339 
herrscht meide(n) (10 mal) und ebenso wieder von 849, 6 (18 mal) 



Zur Überlieferung und Textkritik der Kudrun. 27 

absolut ; nur in dem Zwischenabschnitt, den wir mit Str. 340 — 848 
am weitesten umspannen, der also höchstens 3 /io des Gedichtes 
umfaßt, sind unter 10 Fällen 7 mal die konsonantischen Formen 
überliefert, und die Herausgeber haben dies Schwanken der Hs. 
einfach mitgemacht, wobei sie nur die dreisilbigen Vollformen 
magede(n) einfügten. (Martins unmögliches maget 543,2 ist oben 
S. 23 erledigt). 

Dies zeitweilige Abschwenken von meide zu magede kommt 
nicht auf das Konto Rieds, er fand es vielmehr in seiner Vorlage, 
denn während er konsequent und ausnahmslos maide(n) schreibt 
(31 mal), schwankt er in dieser Partie zwischen magte und magt 
für den Sing., magte und magde 1 ) für den Plural, und einmal hat 
er sogar mage für magede verschrieben resp. verlesen. Sogar die 
Möglichkeit daß der Wechsel meide — magede — meide auf den Ver- 
fasser resp. die Originalausgabe zurückgehe, läßt sich nicht unbe- 
dingt bestreiten — aber dann kehrte der Urschreiber eben nach 
einer vorübergehenden Abweichung zu seiner anfänglichen Schreib- 
form zurück, und ein Herausgeber hat das Recht diese durchzu- 
führen. 

3) Im Innern des Verses zähl ich 22 Fälle der flektierten 
Form meide (magede), aber das Verhältnis der beiden Schrei- 
bungen liegt hier nicht so glatt wie im Vorausgehenden. Die 
diphthongische Form ist als maide(n) mit geringen Abweichungen 
überliefert: 121,4, 157, 4. *340, 1 (Maide). 615,3. *691, 1. 998,4. 
1214,3. 1235,2. 1258,4. *1292, 4. *1314, 4. *1316, 3 (maid am Zeilen- 
schluß). *1358,2. 1506,4. 1670,4 (mayde) — also 15 mal. Sie 
wird überdies für das Versinnere erwiesen durch ein wohl kaum 
ganz zufälliges Auftreten des Binnenreimes : 

998,4 du muost von dinen meiden sin gescheiden 
1235,2 ich vräge iuch meide beide 
1670,4 ivol hundert meide in wünneclichem Tel ei de. 
Dieser Binnenreim ist in der Kudrun ein ähnlicher, gern aufge- 
suchter oder doch festgehaltener Gelegenheitsschmuck wie so oft 
die Cäsurreime. 

Den 15 Beispielen für -ei- stehn nun aber 7 Fälle mit -ag- 
in der Überlieferung gegenüber, also eine höhere Prozentzahl als 
in der Cäsur, wo das innere Gehör des Schreibers (der Vorlage!) 
die meide offenbar leichter festhielt. Und während die -ag-Be- 



1) Wer die Ambraser Hs. zum ersten Male liest, kann gelegentlich zwischen 
g und y y also auch zwischen magde und mayde schwanken. Bei näherem Zusehen 
zeigt sich, daß die Herausgeber die Lesart durchweg richtig wiedergegeben haben. 



28 - Edward Schröder, 

lege dort nur in einen bestimmten Abschnitt der Handschrift resp. 
ihrer Vorlage fielen, sind sie hier über das ganze Gredicht verteilt 
— nur 3 kommen auf jene Yio-Partie. Aber wiederum bemerken wir 
die Unsicherheit Rieds gerade dieser Form gegenüber : er wechselt 
zwischen Magete *), magte, magde{n), maget. Und ebenso unbehaglich 
ist den Herausgebern zu Mute, in deren Fassung ich diese 7 Halb- 
verse vorführe ; Martin und Symons stimmen überein, wo ich nicht 
eine Abweichung angebe: 

*201, 1 nach der megedeQ) guot — hs. Magete 
*386, 2 dö was der mag e de {megede S.) hant — hs. magte 
438,3 mag e den unde vrouwen — hs. magden 
*762, 1 Ob {T>az S.) si im der maget gunde — hs. maget 
969,2 magede unde vrouwen — hs. magte 
1215, 3 durch ander {aller M.) magede {meide S.) ere — hs. maget 
1461,4 vrou Küdrün und ouch der magede {meide S.) künne — 

hs. magde. 
Wenn wir nun in allen diesen Versen meide{n) einsetzen — 
wozu Symons offenbar gegen den Abschluß seiner Ausgabe hin 
Neigung verspürt hat — so schieben wir allerdings zweimal (969, 2 
und 1215, 3) dem Dichter einen Hiatus zu, der sich beim Fest- 
halten an magede vermeiden ließe. Aber ehe nicht eine besondere 
Untersuchung dem Autor eine Abneigung gegen den Hiat nach- 
weist, trag ich dagegen kein Bedenken. 

Bemerkungen. 802,4 der Schreibfehler magde für manege (veranlaßt 
durch magden der vorhergehenden Zeile) wird aus der Vorlage stammen, die 
Strophe fällt in den ag- Abschnitt. — Der umgekehrte Fall findet sich 981, 3 w* 
menige für ir mageden, wo aber das e nicht dazu verleiten darf, megeden (M. S.) 
zu schreiben. — Eingeführt hab ich meide (magede) für magedin 1188,2, s. u- 
S. 30. — Gestrichen resp. durch wäre ersetzt wird von den Herausgebern seit 
Martin ein überliefertes maiden (für meide) 1327,3; ich bin nicht sicher, ob die 
an sich notwendige Änderung das richtige trifft. 

Nachzutragen ist noch das Adj. (resp. Adv.) mag etil ch{en): 
10, 1 In magetlichen eren (hs. magtlichft) und 30, 1 Do ich magetlichen 
(hs. madlichen) — die Form maget- wird hier niemand antasten 
wollen. 

magedin hingegen erscheint mir für eine ausführliche Dar- 
legung geeignet, weniger um seiner selbst willen, als weil man 



1) Die beiden Fälle der Schreibung mit großem Anfangsbuchstaben (201, 1. 
340, 1) fallen in denselben Abschnitt wie die unten aufgeführten Magedein. 



Zur Überlieferung und Textkritik der Kudrun. 



29 



aus der wechselvollen graphischen Überlieferung allerlei für die 
Psychologie des Schreibers lernen kann. 

Das archaische magedin (s. Haupt zu Er. 45) ist in der Kudrun 
— begreiflicherweise — reichlich doppelt so häufig als im Nibe- 
lungenliede. Es steht 41 mal im Reime, 1 mal in der Cäsur, 2 mal 
bieten es unsere Ausgaben im V ersinnern, davon einmal in Über- 
einstimmung mit der Handschrift. Die Fälle des Plurals sind 
noch etwas zahlreicher als die des Singulars, da es sich aber 
durchweg nur um Nom. und Acc. handelt, so brauchen wir die 
Numeri nicht getrennt vorzuführen. Ich stelle zunächst die gra- 
phische Überlieferung der Reimbeispiele zusammen: 



52, 1 magetin 


976,1 maide (PI.) 


132, 2 magedein 


1005, 1 magedin 


227, 2 mag etlein 


1007, 2 magetin 


281,2 Magedein 


1104, 2 magedein 


283, 2 Magedin 


1153,2 mayden (PL) 


381,1 Magedin 


1223, 1 magedein 


391, 1 magedin 


1225, 2 magedein 


396, 1 Magedein 


1228, 2 magedein 


402, 1 Magedein 


1232,1 maidin (PI.) 


406, 1 Magedein 


1249, 1 magedin 


458, 2 magedein 


1257,2 mayden (PL) 


468, 2 Magedein 


1298, 2 magedein 


484, 1 magedin 


1311, 1 maidlin 


486, 1 magedein 


1518, 1 magedin 


491, 1 Magedein 


1539,1 »«aide» 1 ) (PL) 


494, 2 magedin 


1564,1 maidin (PL) 


566, 1 magedin 


1630,2 maydlin 


661, 1 magedein 


1649, 1 maydlin 


957, 1 magedin 


1659, 2 maydlein 


963, 1 magetin 


1700,2 maide (PL) 


968, 2 magedin. 





In der Vorlage stand ausschließlich magedin, das 
den metrischen Gepflogenheiten des Dichters entspricht und das im 
Laufe seiner Arbeit zu verlassen (wie es in den Ausgaben geschieht) 
für ihn kein Grund vorlag. 

Außerhalb des Reimes finden wir das Wort zunächst einmal 
in der Cäsur 1249,4, wo das überlieferte dö ich vil armes magedin 
so wenig anfechtbar ist wie etwa künegin, pilgerin, Ludeiuic oder 



1) In v. 2 wird das Reimwort als meidin versehentlich wiederholt (statt Tcü- 



nigin). 



30 Edward Schröder, 

HUdeburc an der gleichen Versstelle. Dagegen sind beide Fälle 
anfechtbar, wo unsere Ausgaben magedin im V ersinnern bieten. 
Überliefert ist es 1188, 2 diu magedin vil eilende (Cäsurreim 
: liende). Der Vers ist unerträglich, deshalb hat schon Ziemann das 
vil eingeklammert. Nun haben wir aber oben S. 23 f. festgestellt: 

1) daß in der Verbindung maget vil eilende das vil konstant ist; 

2) daß sich daraus die Betonung eilende in dieser Stellung ergibt. 
Wir werden also hier für magedin , das immerhin in Rieds Vor- 
lage gestanden haben mag, meide einsetzen dürfen. 

Zwei Zeilen vorher setzen die Ausgaben von Ziemann, Bartsch, 
Martin und Symons magedin in den Text, ohne daß es die Hs. 
bietet oder fordert. Die Überlieferung 1187,4 lautet: der Chau- 
drunen magen erpiten die magn ängstliche. Man sieht : das zweite 
magen (die gekürzte Schreibung ist durch den Zeilenschluß ver- 
anlaßt) ist lediglich mechanische Wiederholung des ersten; diese 
Wiederholung kann durch ein ähnliches Wortbild veranlaßt sein, 
notwendig ist das nicht, und jedenfalls ist magedin derjenige Er- 
satz der sich am wenigsten empfiehlt ; denn eine Betonung magedin 
ängestliche ist für den Dichter ebenso unmöglich wie magedin ängst- 
liche ; die Lesart magede (Vollmer, Piper, vorher meide v. d. Hagen) 
mag wählen , wer sich nicht durch vrouwen von dem Zufallsbild 
der Überlieferung entfernen will : erbiten <dö> die vrouwen ängestliche. 

Jedenfalls ist aus dem Ver sinnern beidemal wo es die Ausgaben 
bieten, magedin zu beseitigen. Das Wort kommt nur im Reim 
und (einmal) in der Cäsur vor. 

Es sind genau gezählt 13 verschiedene Wort- und Schreib - 
formen überliefert: 

magedin (9), magetin (3), magedein (9), Magedin (2), Ma- 
gedin (6); magetlein (1); maidlin (1), maydlin (2), maydlein (1); 
maidin (2 , resp. 3 : mit der La. 1539, 2) ; maiden (1) , mayden 
(2); maide (2). 

Daraus haben die Herausgeber zwei Formen beibehalten: ma- 
gedin und meidin, Martin schreibt auch einmal magetin (52, 1), und 
diese Schreibung findet man auch in den Ausgaben anderer Werke, 
wie in unsern Wörterbüchern. Sie sollte ein und für allemal als 
lautlich unmöglich beseitigt werden, denn sie stellt nur einen 
Schreiberkompromiß von magedin und maget dar, aber als solcher 
mag die Differenz in unserem Falle wohl auf die Vorlage zurück- 
gehen. 

Lediglich für Hans Ried charakteristisch ist es, daß er auf 
eine längere Strecke (Str. 281—491) das Wort 8 mal (bei zwölf- 
maligem Vorkommen) mit großem Anfangsbuchstaben schreibt : 



Zur Überlieferung und Textkritik der Kudrun. 31 

ähnlich verfährt er auch mit anderen auszeichnenden Wörtern, wie 
Becke, Bitter und zweimal mit Maget (s. o.). Im übrigen hat er 
in der größeren ersten Hälfte des Werkes nur einmal die Um- 
schreibung magetlein riskiert (wie Erec 45 und magetlin 82), sonst 
aber die Vorlage gut bewahrt. 

Von 976,1 ab beobachten wir das Auftreten der ai- Formen, 
und zwar von zweierlei Art. Einmal die Form maide, die weiter 
nichts ist als eine Entgleisung des Schreibers in den Plural des 
Grundworts maget, der ihm anderwärts auch aus seiner Vorlage 
geläufig war; denn durch weg handelt es sich hierumden 
Plural! Wenn er dies maide (mayde) zweimal mit einem -w ver- 
sieht *), zweimal ihm die Endung -in gibt, so ist das lediglich eine 
mechanische ßückerinnerung an die Forderung des Reimes, die 
mit maiden auf halbem Wege stehen bleibt , mit maidin ihr Ziel 
erreicht. Die Form meidin stammt weder aus der Vorlage noch 
war sie unserem Schreiber geläufig; näher lag ihm die Ersatz- 
form maydlin {-lein), die er zuerst 1311, 1 und dann von 1630, 2 
ab dreimal hinter einander verwendet. Es ist durch nichts ge- 
rechtfertigt , wenn die Ausgaben M. S. , die in den ersten Zwei- 
dritteln des Gedichtes konsequent magedin schreiben, im letzten 
Drittel 10 mal die Form meidin einführen, die sie erst aus der 
Unsicherheit und den Launen des Schreibers herausstellen müssen. 



GESAGET, SAGETE u. ä. 

Aus dem Wortschatz des Gedichtes kommen in Frage Formen 
der Verba sagen, klagen, verdagen, tagen, tragen, wagen, versagen, 

1. Im Vers aus gang ist nur die Partizipialform belegt, 
dazu einmal das Präteritum, ausschließlich geseit, seite usw. 

a) im beweisenden Reim 23 mal : 
Part, geseit : bereit 746, 2. 

: breit 1100, 1. 1373, 2. 1430, 1. 

: gemeit : 834, 1. 

: leit 130, 1. 148, 1. 166, 1. 213. 1. 242, 1. 338, 1. 556, 1. 

707, 1. 1365, 1. 1498, 1. 1566, 1. 1586, 1. 
: reit 271, 2. 304, 2. 763, 1. 
Part, verdeit : leit 1178, 2. 

: reit 589, 2. 
Prät. seite : unbereite 453, 4 ; 



1) Einmal freilich unter Umwandlung in den Datir : 1539, 1. 



32 Edward Schröder, 

b) im neutralen Reim (: eit < aget) : 
Part, geseit, verseit : meit 8 mal s. S. 22. 
Part, gekielt : meit 1 mal s. S. 22. 

In der Cäsur wie im Versinnern treffen wir ausschließlich die 
konsonantischen Formen. 

2. In der Cäsur haben weder geseit noch gesaget einen Platz 
(vgl. oben S. 22 f. zu maget — meit) und kommen denn auch in der Tat 
niemals vor. Dafür sind die Präteritalformen hier ziemlich häufig. 

Zunächst die Cäsurreime (4 mal 2): 

sagetein) : verzagete{n) 569, 3 : 4. 922,1 : 2. 

sagete : Idagete 901, 1 : 2. 

Tdageten : wägeten 493, 1:2; 

weiterhin alleinstehend (17): 

sagett{n) 202, 4. 326, 1. 677, 3. 843, 2. 1079, 3. 1292, 1. 1339, 4. 
1469, 1. 1563, 4. 

Magete{n) 902, 2. 927, 3. 1059, 2. 1481, 2. 1560, 4. 

tagete 486, 4. 1196, 1. 

erivagete 1394,2. 

Die Herausgeber schreiben hier durchweg die dreisilbige Form. 
Ich werde diese im nachfolgenden als richtig erweisen, wo ich 
das übrige Vorkommen der Formen auf -aget, -agete mit den Cäsur- 
beispielen zusammenfasse. 

3) Im Versinnern hab ich derartige Formen 90 mal gezählt, 
ich mag immerhin ein oder zwei übersehen haben, aber ich kann mit 
voller Bestimmtheit sagen: niemals findet sich in der Hs. 
die vokal isch aufgelöste Form saite(n), gesaitl Diese Kon- 
sequenz der Schreibung kann von vornherein nicht auf Rieds 
Konto gesetzt werden : er fand sie in seiner Vorlage, sie entsprach 
der Originalhs. und der Intention des Autors. Das Verhältnis 
liegt hier also ganz anders als bei maget, magede, wo sich einer- 
seits Spuren der Schreibung meit (maid) auch im Versinnern fanden 
und als berechtigt anerkant wurden, andererseits die unzweifel- 
haft allein berechtigte Schreibung der flektierten Form als meide 
(maide) gruppenweise durch magede abgelöst wurde. 

Es besteht also nur noch ein Zweifel, ob gesaget oder gesagt, 
sagete oder sagte in der Originalhs. herrschte resp. bevorzugt war. 
Die Ambraser Hs. allein gestattet diese Frage nicht zu entscheiden, 
obwohl auch von ihr aus ein Vorurteil für die vollen Formen 
gegenüber den sykopierten gewonnen werden kann: denn wenn 
Ried, dem unzweifelhaft die letzteren geläufig waren, immerhin 
noch in 35°/o das e bewahrt hat, so darf man von vorn herein 



Zur Überlieferung und Textkritik der Kudrun. 33 

für die Vorlage und erst recht für die Urhs. ein starkes Über- 
wiegen der vollen Formen annehmen. Daß der Dichter aber wirklich 
sagete(n) nicht nur schrieb, sondern auch sprach, dieser Beweis läßt 
sich — zunächst eben für die dreisilbigen Formen — aus ihrem 
Auftreten in der Cäsur und aus ihrem Fehlen im Versausgang 
entnehmen. 

Unter 8 Fällen des Reimtypus eite(n) 45. 282. 453. 666. 1074. 
1115. 1297. 1315 finden wir im Versausgang einmal anbereite : 
seite 453. Der Typus agete (agte) dagegen kommt gar nicht vor! 
Und doch findet das Präteritum so leicht seinen Platz im Vers- 
ausgang, sagen und Magen geboren zu den häufigsten Zeitwörtern 
des Gedichtes, und wie leicht sie Reimgesellen werden und auch 
andere Reimgesellen finden, zeigt der Umstand daß sagete(n), kla- 
gete(n) im Cäsurreim nicht weniger als viermal erscheinen (s. o.); 
ungereimt treten derartige Formen noch 16 mal auf, also im ganzen 
24 mal in der Cäsur — und nur einmal im Versausgang ! Wie er- 
klärt sich das? Gewiß nicht durch die Herrschaft der Form seite 
die doch auch nur einmal (unter 8 Möglichkeiten) vorkommt. 

Die Kudrun hat (da 99 Nibelungenstrophen ausfallen) 1606 
klingende Reimpaare; der Parzival (unter 12405) keinesfalls mehr 
als 3000. Auf diese 3000 entfallen aber nach San Marte 30 Fälle 
agete(n) resp. agte(n). Wir sollten also in der Kudrun 16 Fälle 
erwarten, und wir treffen keinen einzigen. Die Erklärung ist 
folgende. 

So bestimmt auch für den Kudrundichter der Satz gilt, daß 
der Verausgang * u dem Versausgang >k gleichwertig ist, die 
scheinbar gegebene Folgerung , daß * o u = _^_ u sein müsse, zieht 
er für die Reimstellung nicht: unter 1606 klingenden Reimen 
findet sich bei ihm nur ein einziger 'daktylischer' : sedele : edele 
1631. Daraus ergibt sich, daß die ihm geläufigen konsonantischen 
Formen sagete, Magete unzweifelhaft hüpfenden Rhythmus hatten, 
also nicht als sagte, klagte zu fassen waren; nur aus diesem Grunde 
können sie von ihm im Endreim gemieden worden sein. 

In der Cäsur, wo der Ausgang * u nur ganz ausnahmsweise 
geduldet wird, ist * u u ein Typus, der immerhin gegen 400 mal 
(also ca. 6%) vorkommt, und darunter fehlen auch die Reimbei- 
spiele nicht : ich zähle deren 16, darunter je 4 mal die Typen agete 
und egene. Im Cäsurreim taucht auch 1618, 3 : 4 sedele : edele auf, 
um bald darauf (1631) als einziger daktylischer Reim in den Vers- 
ausgang zu schlüpfen. 

Von den dreisilbigen Formen zu sagen usw. zähl ich solche mit 
konsonantischem Schluß 17 mal , ausschließlich taktbildend , wie 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 1. 3 



34 Edward Schröder, 

Si sdgeten heimliche 426, 1 — weiterhin sageten 732, 3. 761, 3. 768, 3. 
952,1. 1099,1. 1674,2; Mdgeten 60,2. 60,4. 429,3. 1177,4. 1561,4; 
Mdgetet 1517,3; erwägeten 1134,2; dazu mit angelehntem Personal- 
pronomen sägetens irrte 221, 3. sdgetenz oüch 428, 3. Mägetens alle 
1069, 3. 

Die Betonung sdgeten kommt in keinem Fall in Frage. 

Zwischen dem Sing. Prät. sagete und dem Sing. Präs. saget 
erlaubt die Hs., welche sehr oft apokopiert (sagt), allein nicht zu 
entscheiden. Die Herausgeber haben natürlich die Entscheidung 
meist richtig getroffen: in einem Falle wo sie auseinandergehen, 
549,2 tret ich mit dem Präsens auf Seite von Symons gegen 
Martin. Ich rechne dann mit 48 verbalen Beispielen für -agete 
und 26 für -aget. 

Die Betonung sagete kommt so wenig vor als die Betonung 
sdgeten. Wir unterscheiden folgende Fälle: 

a) sagete u. s. w. für sich taktbildend (14 mal) : sagete mcere 

290. 3. 391, 3 (str. das). 1686, 4 ; <mcere> ergänzt 348, 1 M. ; sagete man 

326. 4. 1089, 4. 1338, 1 (mdnz) ; sagete ddz 560, 2 ; sagete si nen müot 
420,2; sagete Ballen ziten 716,4; versdgcte smächlichen 737, 3; kld- 
gete weinünde 616, 1 ; — dazu mit angelehntem Pron. si : versdgcte 
si einem 579,1. 

b) sagete mit Elision vor unbetontem vokalischem Anlaut, vor- 
wiegend vor angelehntem Pronomen er, ez, im, ir (19 mal) : sagete 
ez 601,1. 635,3. 1623,1; Mdgete ez 672,1; behagete ez 178,1; sagete 
er 924, 4 ; Mdgete er 584, 1 ; sagete im 232, 3. 1254, 1. 1288, 4. 1289, 1. 
1421,1; dazu sagete ims (hs. vnns) grözen ddnc 375,2; * 'sagete <ir> 
1040,1. ^behagete im 8,1; — kldgete ir 1478,4; — gesdgete in sinem 
lande 511,4; — Mdgete et <ie> (hs. Magter) 1034,4; sagete airer ste 
835, 1. 

c) sagete vor betontem vokalischem Anlaut (4 mal): ouch sa- 
gete ich dir gerne 402, 2 ; ver sagete im sin Teint 585, 1 ; si Mdgete 
als si solte 939, 2 ; ouch sagete er ez Fruoten 1623, 3. — Hierzu mit 
notwendiger Ergänzung man sagete <in> die höchgezit 172, 4 ; daß 
eine Betonung man sdgete die Mchzit auch beim Kudrundichter 
unmöglich ist und warum, will ich später ausführen; höchzit ist 
Rieds fast konsequenter Ersatz für höchgezit, auch darüber später. 

d) Es bleibt ein Rest von 11 'schweren' Fällen, deren Mehr- 
zahl sich aber leicht zu uns wohlbekannten Gruppen 'überladener 
Senkung' zusammenfassen läßt. Zunächst sdgete man: 

Herwige sdgete man ddz 701,1. 
den boten sdgete man ddz 773, 1. 



Zur Überlieferung und Textkritik der Kudrun. 35 

daz sdgete man schämen wiben 709,4. 
Hetelen sdgete man ma?re 490,1; 
weiter sdgete der, des: 

si sdgete der meide danc 1358,2 
kldgete des küneges lip 1471,2. 
Aber ich nehme auch kaum Anstoß an: 
dö kldgete diu schäme meit 1262,1 
des kldgete da heime vil der schcenen mbe 901,4 
sowie si kldgete daz vlören wwre lant und ere 681,4, 
wo M. S. daz streichen. — Und schließlich wird man auch den. 
Balbvers , 

Irolt sdgete Hördnde 1693, 1 
nicht antasten dürfen. 

So enthält denn Martins Kudruntext nur einen einzigen Fall, 
wo uns die Lesung sdgete zugemutet wird: 

man sdgete daz Hetele von den Hegelingen dar komen wmre 467,4. 
Aber hier handelt es sich um einen scharfen textkritischen 
Eingriff, den freilich Piper übernimmt und dem auch Symons zu- 
zustimmen geneigt ist. In der Hs. steht man saget den helden 
zieren daz Hetel v. d. H. d. k. w., und zieren steht im Cäsurreim 
auf schiere. Das Vorurteil gegen den Cäsurreim, das Martin auf 
diese Kürzung der überlangen Langzeile führte, könnte man ge- 
neigt sein damit zu stützen, daß das Adj. ziere nur an unserer 
Stelle erscheint; allein bei dem Spiel mit dem Cäsurreim ist der 
Dichter mehrfach zur Aufnahme von Wörtern gelangt, die ihm 
sonst nicht jederzeit zur Hand lagen, und das Beiwort ziere mußte 
ihm ja aus dem Nibelungenlied immerhin vertraut sein. So wird 
man denn die erste Halbzeile bestehen lassen und die notwendige 
Kürzung vielmehr an der zweiten vornehmen: 
man sagete den helden zieren, daz der von Hegelingen 

komen wcere. 

Von den zweisilbigen Formen sei das Partizip gesaget zu- 
erst erledigt: gesäget hat 1677, 2 ; gesäget hdte 601,3. 794,2. 1243,3. 

Die übrigen Formen des -aget ') (3. P. Sg. Präs., 2. P. PI. Ind. 
Conj. Imp.) brauch ich im nachfolgenden nicht zu sondern. 

Taktbildend erscheint säget mir 1253, 1. 1521, 4. säget hie 328,3; 
säget Härtmuote 612,1 und säget deme künege 142,2, wo aber ein 
Adj. vor oder nach künege ausgefallen sein wird (vgl. später). 

Ich füge dazu noch zwei weitere Fälle: 549,2 schreibt M. 



1) -agest, -agent hab ich nicht gefunden. 



36 Edward Schröder, 

ja sagete man das, S. setzt richtig das Präsens, bei dem aber der 
Vers ebenso unerträglich bleibt: ja säget man däz; es ist zu er- 
gänzen ja säget man <uns> daz. Sodann les ich 1146, 1 so traget 
iif den sant für hsl. trag vnns auf, wo M. S. schreiben traget uz üf 
den sant. Verlesung von uz in uns scheint mir weniger wahr- 
scheinlich, als die voreilige Einsetzung des überflüssigen (und un- 
passenden) Pronomens. 

Wäre der Vers in Martins Fassung überliefert, so läge von 
Seiten der Metrik kein ernstes Bedenken vor, denn den 11 Fällen 
wo (ge)saget taktbildend erscheint, stehen 14 gegenüber wo saget auf- 
gelöste Hebung darstellt, also noch von einem unbetonten einsil- 
bigen Worte gefolgt ist: 

säget er 1629,1; säget man 1571, 1; säget mir 1276,1. 1486,2; 
säget uns 815,4. 1484,4 (1404,2); säget iu 590,1. 1389,1; säget des 
1224,4 ; säget dem (künege) 807, 1 ; säget von (manegen dingen) 1127, 2 ; 
säget ze (mare) 614,3; säget, daz 756,2; — behaget mir 1665,3. 

Ich fasse die wesentlichen Ergebnisse zusammen: 

1. für mag et: 

a) im Reime sind ausschließlich und reichlich meit und mei- 
de(n) belegt; 

b) in der Cäsur und im Vers inner n ist meide (n) als einzige 
flektierte Form gesichert; ebenso steht aber als unflektierte Form 
mag et fest, neben dem ein beschränkter Gebrauch von meit me- 
trisch bequem und der Überlieferung gemäß wahrscheinlich ist; 

c) neben magedin ist kein meidin zu dulden; 

2. für (ge)saget und sagete(n): 

a) im Reime ist geseit durch 28 Belege gesichert, seite durch 
den einzigen Fall nicht ausreichend als dem Dichter geläufig er- 
wiesen ; das Fehlen von sagete : würde sich aus der sichtbaren Ver- 
meidung des daktylischen Reimtypus erklären; 

b) in der Cäsur und im Versinnern sichert die Metrik die 
überlieferten konsonantischen Formen: (ge)saget sowohl als sa- 
gete (»). 

3. Was die Handschrift anlangt, so hat sie unter 2. die 
vom Dichter vollzogene Scheidung zwischen ei-Formen des Reimes 
und age-Yormen des Versinnern mit vollkommener Treue bewahrt ; 
unter 1. sind einzelne Trübungen des Verhältnisses eingetreten, 
die z. Tl. auf die Vorlage {magede für meide, wohl auch Fälle 
wie maget uz Irriche für meit uz Irridie) zurückgehn, z. Tl. (maide, 
maidlin für magedin) von Ried selbst verschuldet sind. 

Ich trage nach 



Zur Überlieferung und Textkritik der Kudrun. 37 

4. ~ege- betreffend: 

a) es kommt kein Reimfall vor, weder ei < ege : ei noch ei < 
ege : ei < age, folglich ist die von Zwierzina Zs. 44, 380 und Panzer, 
Hilde - Gudrun S. 7 unvorsichtig übernommene Konjektur Vollmers 
treu (: herzeleit) 67, 3 zu verwerfen ; Martins reit für das hsl. ward 
trifft auch mit dem Präteritum das richtige *) ; 

b) die Handschrift bewahrt im Versinnern stets die konsonan- 
tischen Formen: legt 893,1; legten 1334,1. 1348,2 u. 4. 1354,1. 

Für den Text der Kudrun ergibt sich schon jetzt die Wahr- 
scheinlichkeit, die ich zur Gewißheit zu erheben hoffe, daß unsere 
Überlieferung der Originalausgabe sehr viel näher steht , als man 
nach der Jugend der Handschrift zu hoffen wagt, und als alle 
diejenigen annehmen zu dürfen glaubten, die eine mehr oder minder 
verwickelte Textgeschichte voraussetzten. 

Das Gedicht selbst erscheint in der Durchführung der eigen- 
tümlichen Praxis , welche die Verwendung der ei- und der age- 
Formen regelt, so einheitlich, daß nur allenfalls eine bescheidene 
Interpolationskritik noch Aussicht auf Erfolg haben dürfte. Für die 
vielfachen Anstöße im Inhalt und in der Darstellung, welche sich 
der vollen Einheitlichkeit des Werkes in den Weg zu stellen 
scheinen und die zuletzt noch wieder von Rieger, Martin und Sy- 
mons scharf hervorgehoben worden sind, wird doch wohl eine an- 
dere Erklärung gefunden werden müssen — und vielleicht kommt 
dann methodisch noch einiges aus dem Buche von Wilmanns zur 
Geltung, dessen Ziele und Resultate man mit Recht verworfen hat. 

Nicht für alle neu, aber hoffentlich eindrucksvoll für die 
welche es angeht, ist die klare Herausstellung der Tatsache, daß 
wir mit der Ermittelung des Reimgebrauchs oder gar nur des 
Vorkommens einzelner dialektischer Reime noch keineswegs die 
Sprache umschrieben haben, deren sich der Dichter innerhalb des 
Verses bediente. Das bitterböse Geschick , welches vor einigen 
Jahren der Text des oberdeutschen Servatius über sich ergehen 
lassen mußte, hat mit verdrießlicher Deutlichkeit gezeigt, daß ge- 
wisse höchst einfache Wahrheiten gar nicht oft und bestimmt 
genug ausgesprochen und an neuem Material demonstriert werden 
können. 



1) Man lese übrigens das edel kindel reit, wie (72,1.) 78,1. 80,1. 



Cyprian der Magier. 

Von 

R. Reitzenstein. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 11. November 1916. 

Auf den reichen Schatz spätgriechischer erzählender Dichtung, 
der uns in den Legenden erhalten ist , hat Usener nachdrücklich 
uns Philologen hingewiesen. Mich hat, wenn meine Arbeiten mich 
auf dies Gebiet führten, besonders die Frage interessiert, wie weit 
es möglich ist, von den Fällen, in denen an eine bestimmte Per- 
sönlichkeit eine Art von Tradition schloß, die dann schriftstellerisch 
ausgestaltet wurde, jene anderen abzusondern, in" denen zunächst 
dichterische Phantasie frei mit beliebig gewählten Namen schaltet 
und nicht die Person sondern die Novelle das prius ist 1 ). Ist die 



1) Als Musterbeispiel nenne ich etwa die unlängst (in dem Buch 'Historia 
monachorum und Historia Lausiacd 1 ) behandelte Novelle des Hieronymus von 
Paulus dem Eremiten, deren Charakter Weingarten so scharf erkannt und so 
anmutvoll geschildert hat. Sie kann vielleicht am besten zeigen, daß bei diesen 
Sonderungen keinerlei kirchliches Interesse in Frage gestellt wird und ebenso- 
wenig von einer 'Verteidigung der Ueberlieferung' gegen solche Kritik die Rede 
sein dürfte, weü eine Ueberlieferung nicht vorgelegen hat noch vorliegt; für eine 
erbauliche und unterhaltende Wandererzählung — ich setze das Wort Erzählung 
hier für die volksmäßige Form dieser Geschichten — hat der literarische Bear- 
beiter neue Namen gewählt ; die Geschichte selbst ist von ihnen ganz unabhängig. 
Wir kennen — um ganz Unliterarisches mit Literarischem zu vergleichen — den 
Hergang ja aus zahllosen modernen Anekdoten. Es ist ähnlich bei einfachen Er- 
zählungen wie etwa Historia Lausiaca cap. 14, der Erzählung von Paesius und 
Jesajas, nur daß hier der literarische Charakter aus der Tendenz, nicht aber aus 
den Wanderungen der Erzählung zu erschließen ist. Die Technik dieser Art 
Erzählungen und der allmählich entstehenden Kunstdichtungen (Novellen) gilt es 
zu verfolgen. Ueberall handelt et sich dabei um rein literarische Fragen, die 



Cyprian der Magier. 39 

Scheidung schon hier manchmal schwer , so verwickelt sich die 
Frage noch mehr, wenn beides zusammenwirkt und die Novelle 
sich nachträglich mit einer Art Tradition verbindet. Ein Zufall 
hat mich in neuster Zeit noch einmal auf eine derartige Dichtung 
geführt, die dadurch vielleicht Interesse hat, daß sie nicht nur 
auf den kirchlichen Kult, sondern auch auf die Weltliteratur bis 
in die Neuzeit namhafte Wirkungen geübt hat, die Dichtung von 
Cyprian dem Magier , welche der katholischen Kirche einen Hei- 
ligen, der romanischen Literatur Calderons Drama von dem 'Wun- 
dertätigen Magus', unserer eigenen durch allerhand Mittelquellen 
bis zu Goethe hin Anregungen für die Faustdichtung geboten hat. 
Die Dichtung hat ein philologisches Interesse noch dadurch, daß 
sich die Stadien ihrer Entwicklung chronologisch festlegen und 
die Aenderungen analysieren lassen, die sie im Laufe eines ein- 
zigen Jahrhunderts erfuhr. Wenn ich mich dabei hauptsächlich 
gegen die Aufstellungen eines hochverdienten Theologen, Theodor 
Zahn, wenden muß, so bitte ich den Leser darin vor allem die 
Anerkennung zu sehen, daß niemand sich um die Sammlung des 
Materiales und um den Nachweis der Entwicklung so verdient 
gemacht hat wie er in seinem Buche 'Cyprian von Antiochien und 
die deutsche Faustsage', Erlangen 1882. Sein Hauptergebnis bleibt 
auch für mich bestehen. Ein Nebenzug, der allerdings für die 
Auffassung des Wesens der 'Legende' und des Charakters dieser 
Dichtungen besondere Bedeutung hat , muß m. E. eine Aenderung 
erfahren. 

Neben dem großen Bischof von Karthago, dessen Leben und 
Sterben uns durch seine Schriften und durch zeitgenössische la- 
teinische Tradition recht genau bekannt ist — er hatte sich der 
decianischen Verfolgung durch Flucht entzogen und starb 253 
unter Valerian und Gallien den Märtyrertod — feiert die katho- 
lische Kirche bekanntlich den Tag, an dem ein Bischof von An- 
tiochien gleichen Namens unter Diokletian oder Claudius zusammen 
mit einer Jungfrau Justina den Märtyrertod erlitten haben soll 
Sie weiß von ihm, daß er Heide und Zauberer war und bei dem 
Versuch, jene Jungfrau durch Zauberkunst einem Jüngling Aglaidas 
willfährig zu machen, die Ohnmacht der Dämonen erkannte und 



sine ira et studio entschieden werden können. Sie komplizieren sich, wenn es 
sich später um Nachahmungen oder freiere Fortwirkungen solcher Kunstdich- 
tungen handelt, doch liegt dieser Gesichtspunkt schon zum Teil jenseits der Unter- 
suchung, die ich hier vorlege; sie führt uns zunächst ,in die Anfänge der Ent- 
wicklung. 



40 R» Reitzenstein, 

sich bekehrte. Die literarische Ueberlieferung liegt uns in drei 
Schriften vor 1 ), einer Bekehrung, welche die Jungfrau Justina 
ganz in den Mittelpunkt stellt, einer Buße Cyprians, die als Rede 
des Reumütigen beginnend allmählich zur Erzählung im Ich-Stil 
wird, endlich einem Martyrium, das ohne rechte Begründung 
den Helden in einer Rede an den Richter seine Bekehrung noch- 
mals berichten läßt und dann seine und der Justina Folter und 
Hinrichtung schildert. Um die Mitte des fünften Jahrhunderts 
hatte die Kaiserin Eudokia diese drei Texte zusammengebracht 
und in einer metrischen Paraphrase in drei Büchern vereinigt. 
Große Bruchstücke der beiden ersten Bücher dieser Paraphrase 
sind uns im Wortlaut erhalten, (Migne, P. Gr. 85, 827 ff.) von allen 
dreien ferner eine Inhaltsangabe, die im neunten Jahrhundert 
Photios in seiner Bibliothek (cod. 184) geboten hat 2 ). Es wird 
uns dadurch möglich, trotzdem die weitverästelte handschriftliche 
Ueberlieferung, die sich durch die verschiedensten Sprachen des 
Orients, ja selbst bis ins Slavische zieht, bisher nur ganz unzu- 
länglich durchforscht ist, für die erste Schrift sogar über die Vor- 
lage der Eudokia hinauszudringen 3 ). Geringer ist die Sicherheit 
über den Urtext der zweiten Schrift, da Eudokia, z. T. wohl des 
Inhalts wegen, von dem Wortlaut des nur nach Paris 1506 ver- 
öffentlichten Prosatextes stärker abweicht 4 ). Für die dritte Schrift 
ist ihre Vorlage nur dem Hauptinhalt nach bestimmbar; wesent- 



1) Ich sehe dabei von kleineren Stücken, die nicht voll bekannt sind, ab. 

2) Auf Symeon den Metaphrasten (10. Jahrh,), der hauptsächlich die gleiche 
Vorlage wie Eudokia benutzte , brauche ich für meine Zwecke nicht einzugehen. 

3) Bekannt sind bisher zwei Rezensionen, die des cod. Paris 1468, die Zahn 
schwerlich mit Recht stark bevorzugt, und eine zweite, durch Paris. 1454 und den 
von Frau Margaret Dunlop Gib son (Studia Sinaitica VIII 64 ff.) veröffentlichten cod. 
Sinaiticus 497 vertretene. Schlechter als beide war die Vorlage der Eudokia und 
noch weiter als diese entstellt die von dem syrischen Uebersetzer benutzte Hand- 
schrift (vgl. Anhang). Daß der ursprüngliche Wortlaut dennoch noch nicht in allen 
Einzelheiten wiederzugewinnen ist, brauche ich für Kenner dieser Literatur kaum 
zu betonen. Von den für mich nur beiläufig in Frage kommenden lateinischen 
Uebersetzungen ist die eine in den Acta Sanctorum Septembris VII (1760) abge- 
druckt, eine zweite, jüngere von Martene und Durand im Thesaurus novus Anec- 
dotorum III p. 1617 ff. Eine Ausgabe des griechischen Textes nach den beiden 
Pariser Handschriften bietet Zahn a. a. 0. S. 139 ff. 

4) Den griechischen Text hat Maranus im dritten Band der Cyprian-Aus- 
gabe des Baluzius (1726) veröffentlicht, eine alte lateinische Uebersetzung schon 
vor ihm Fell in der Oxforder Ausgabe (1682). Die orientalischen Uebersetzungen, 
besonders die sahidische (v. Lemm, Memoires de l'Academie de Petersburg Ser. VIII 
vol. 4) weichen weit ab, scheinen aber Wert zu haben. Eine deutsche Ueber- 
setzung mit kritischen Anmerkungen gibt Zahn S. 30 ff. 



Cyprian der Magier. 41 

liehe Punkte bleiben unsicher, vor allem die Datierung des Mar- 
tyriums 1 ). Photius nennt in seinem Referat aus Eudokia als 
Kaiser Diokletian, die eine Handschrift der jüngeren lateinischen 
Uebersetzung des Martyriums 2 ) Claudius, griechische Handschriften 
desselben, deren Vorlage offenbar kontaminiert war, Claudius 
Diocletianus 3 ), die arabische Uebersetzung und kürzere griechische 
Fassungen Decius. Es scheint mir methodisch bedenklich, wenn 
Zahn hier willkürlich den Namen Claudius als eigentlich von der 
Ueberlieferung gegeben faßt, auf den ersten Kaiser dieses Namens 
rät und nun in der ganzen Justina-Erzählung Spuren einer Sage 
aus der Gründungszeit der christlichen Kirche zu Antiochien ver- 
folgen zu können meint 4 ). 

Durch eine seltene Schicksalsgunst haben wir für den Inhalt 
der ersten beiden Schriften noch eine zwei Menschenalter voraus- 
liegende Bezeugung. Gregor von Nazianz hatte im September des 
Jahres 379 zu Konstantinopel die Predigt am Gedächtnistage (dem 
Todestage) des Bischofs und Märtyrers Cyprian von Karthago zu 
halten 6 ). Die Feier scheint erst verhältnismäßig spät in der Kirche 
des Ostens eingeführt zu sein. Vielleicht weil sie noch neu war, 
hatte Gregor sie auf einer Reise zunächst vergessen und mußte 
das Fest erst am folgenden Tage nachfeiern. Seine Vorbereitung 

1) Zu den Texten und Angaben in den Acta Sanctorum a. a. 0. ist neuer- 
dings die Veröffentlichung des cod. Sinaiticus und der arabischen und syrischen 
Uebersetzung hinzugekommen (siehe Anhang) : eine deutsche Uebersetzung gibt 
Zahn S. 63 ff. 

2) Außer ihr noch Symeon der Metaphrast. Im Anfang der Bekehrung war 
dabei gerade in der jüngeren lateinischen Uebersetzung Diokletian genannt. 

3) In dem Briefe des Comes orientis an den Kaiser xXauoup xafoapi itTj fxe- 
Y^tio yfjS xai ttaXdacfT)? 8eair(faQ StoxXTjTiavw /a(peiv. Die koptische Uebersetzung 
(v. Lemm a. a. 0. S. 43) macht daraus 'Claudius der Caesar schreibt dem großen 
König, dem Herrn der Welt, Diokletian', bezeichnet aber als Absender dieses 
Briefes dennoch den Comes orientis. Es ist mir daher unmöglich, hierin mit v. 
Lemm S. 72 das Ursprüngliche zu sehen; auch gibt es keinen solchen Caesar in 
der Zeit. 

4) Noch bedenklicher macht mich, daß er dabei auch einen Zug verwendet, 
der in der jüngeren Martyrienliteratur geradezu typisch ist: sowohl der Jüngling 
Aglaidas wie die Matrone Rufina in Rom werden als 'vom Geschlecht des Clau- 
dius' bezeichnet. Diese Literatur pflegt Nebenfiguren, die sie als vornehm kenn- 
zeichnen will, willkürlich als Verwandte eines Kaisers zu bezeichnen. Das könnte 
für den Erzähler immer nur Claudius II gewesen sein. Historischen Anhalt hat 
die Angabe kaum. 

5) Rede XXIV bei Migne. Das schon früher aus Berechnung erschlossene 
Datum scheint durch Scholien weiter gesichert, vgl. jetzt Thaddaeus Sinko De 
Cypriano martyre a Gregorio Nazianzeno laudato (Krakauer Akademie - Schrift) 
1916. 



42 R. Reit zen stein', 

wird also wahrscheinlich recht hastig gewesen sein. Wohl möchte 
er den Eindruck erwecken, das Leben und die Schriften Cyprians 
genau zu kennen und ein enges persönliches Verhältnis zu ihm zu 
haben, weiß aber außerordentlich wenig von dem großen Lehrer 
der abendländischen Kirche. Was er von seiner Jugend und von 
der letzten Zeit seit der Verfolgung des Decius erzählt, bezieht 
sich wirklich auf Cyprian von Karthago. Zwischen beide Teile 
aber schiebt sich eine breite novellistische Schilderung der Be- 
kehrung dieses Cyprian durch die fromme Jungfrau Justina. Der 
Schluß schien unvermeidlich, daß Gregor nur aus Versehen eine 
ganz andersartige Legende von dem Magier Cyprian auf den Kir- 
chenlehrer übertragen und eben dadurch die ganze spätere Ent- 
wicklung der griechischen Tradition beeinflußt habe. Für die Da- 
tierung dieser Legende oder Novelle und für unsere Kenntnis 
ihrer Ausgestaltung bliebe er natürlich auch dann ein wichtiger 
Zeuge. Wie weit jener Schluß berechtigt ist , muß eine philolo- 
gische Analyse der drei Texte und eine Untersuchung der Quellen 
Gregors zeigen. Daß Zahn in seinem sorgfältigen Buch die zweite 
Aufgabe gar nicht in Angriff genommen hat und für die erste 
wohl noch nicht genügend vorgeschult war, hat mich zu diesen 
Ausführungen veranlaßt. 

Die drei Schriften, welche Eudokia vereinigte, sind nicht nur 
in dem Sinne unabhängig von einander, daß keine zu ihrem Ver- 
ständnis eine andere voraussetzt oder direkt an sie schließt, son- 
dern sie müssen auch von verschiedenen Verfassern stammen. Die 
Sonderstellung der Buße ist in Stil, literarischer Form und In- 
halt so handgreiflich, daß sie keiner Erörterung bedarf. Die erste 
und dritte Schrift, Bekehrung und Martyrium, möchte Zahn 
freilich ein und demselben Verfasser zuschreiben, weil sie hand- 
schriftlich schon früh verbunden erscheinen. Allein zur Erklärung 
dafür genügt die Gleichheit des Stoffes, und der Schluß der ersten 
wird bei dieser Annahme ebenso unverständlich wie der Anfang der 
dritten 1 ). Die Bekehrung findet ihren Höhepunkt gewiß in 
der Schilderung des Kampfes zwischen Justina und Cyprian, allein 
sie beginnt mit einer Beschreibung des Lebens der Justina und 
endet mit der Angabe, daß sie nach dem Siege Schülerinnen um 



1) Man kann das Gleiche selbst von dem Anfang der ersten behaupten. Die 
allgemeine Datierung daselbst ist unverständlich und unverständig, wenn der 
Schriftsteller später eine ganz genaue nachbringen will. Das hat schon der Ver- 
fasser der zweiten lateinischen Uebersetzung empfunden und daher jenen Anfang 
geändert (er datiert die Bekehrung unter Diokletian). 



Cyprian der Magier. 43 

sich sammelt und Leiterin ([i/)jnr)p) eines aaxTjrqpiov wird. Es ist 
der übliche Schluß der Asketenerzählungen. Wußte der Verfasser 
etwas von einem Martyrium der Justina, so mußte er es wenigstens 
kurz erwähnen *). Da ferner ein solches Martyrium, wie wir sehen 
werden, dem Gregor im Jahre 379 noch unbekannt ist, während 
er die Bekehrung benutzt, die Zusammenstellung beider Erzäh- 
lungen also sicher später fällt, werden wir annehmen müssen, daß 
das Martyrium später bekannt geworden oder später erfunden ist. 
Das bestätigt die dritte Schrift selbst. Sie beruht in dem ersten 
Teile auf der Bekehrung, setzt diese Schrift aber nicht etwa 
voraus und will sie fortführen oder ergänzen, sondern in sich auf- 
nehmen und dadurch verdrängen. Sie läßt zu diesem Zweck den 
Cyprian auf die Frage des Richters, ob er der Lehrer der Christen 
sei, zunächst die ganze Geschichte seiner Bekehrung erzählen. Die 
Hauptperson ist, wiewohl beide Heilige die gleichen Qualen er- 
leiden, nicht mehr Justina, sondern Cyprian. Die Novelle selbst 
liegt uns in der natürlichsten und literarisch verständlichsten Form 
in der Bekehrung vor, über die ich später handeln werde. Das 
Martyrium zeigt in dem Fehlen allen Empfindens für die Form 
der Christenprozesse und in der phantastischen Erzählung von der 
Lebensfähigkeit seiner Helden so handgreiflich die Spuren der 
jüngsten Epoche der Märtyrerdichtung 2 ), daß man sich nur wun- 
dern kann, daß diese Erzählung schon für Eudokia und ihre Vor- 
lage bezeugt ist. Weil der Statthalter selbst durch siedendes 
Pech und Feuer die beiden Märtyrer nicht toten kann — was 
durch den sofort eintretenden Tod eines Heiden noch auffalliger 
gemacht wird — sendet er sie an den Kaiser, der sie dann durchs 
Schwert hinrichten läßt. Wir können die Entstehung dieser Er- 
zählung sogar noch erklären. Zwei Erzählungen über Cyprian 
von Karthago sind in ihr vereinigt, deren eine Theodoret (ep. 151, 
Migne 83 p. 1440) bietet : xaöta Korcptavöc 6 Tcavsotprjjio? 6 ttjv Kap- 
yTjSöva %ai iyjv Aißoyjv arcaaav xußepvTJaa«; xoi töv 8ia rcopöc orcep Xptatoö 
xataSegdpsvoc ftavaiov. Die andere bietet das jakobitisch-arabische 
Synaxar, über das ich später handeln muß (Wüstenfeld S. 37 ff.): 
der Kaiser — hier Decius — ließ Cyprian und Justina, weil er 



1) Das ist um so notwendiger, als der Verfasser in dem Einleitungsteil die 
Novelle von Thekla, der ersten Märtyrerin, zur Vorlage nimmt. 

2) Vergleichbar ist etwa das Volksbuch vom heiligen Georg, vgl. Krum- 
bacher-Ehrhard Abhandl. d. Bayr. Akademie phil.-hist. Kl. XXV 3. Näher be- 
rühren sich mit dem Martyrium Cyprians z. B. die Akten des hl. Anthimus , vgl. 
Kud. Gerhardt, üeber die Akten des hl. Anthimus und des hl. Sebastianus Jena 
1915 S. 23 ff. 



44 ß- Reitzenstein, 

viel von ihnen gehört hatte, zu sich holen und befahl, da sie sich 
standhaft weigerten zu verleugnen, sie zu enthaupten. Zwei im 
Orient im Anfang des fünften Jahrhunderts umlaufende Berichte 
über Cyprian von Karthago sind keck mit einander verbunden. 
Dabei beruht der zweite, im Synaxar erhaltene, wie sich zeigen 
wird, schon auf einer Kontamination mehrerer älterer Schriften, 
zu denen auch die Bekehrung und die Buße gehören. Der 
Verfasser des Martyriums wollte selbst von dem berühmten Kir- 
chenschriftsteller, also von Cyprian von Karthago reden. Er be- 
zeichnet ihn daher im Eingang als den Gregner des Novatian (No- 
vatus) und erzählt doch von ihm als von einem Bischof von An- 
tiochien *) und Nachfolger eines Anthimos , d. h. er benutzt ver- 
ständnislos die Angaben der Bekehrung. Seine Schrift hat eine 
gewisse Bedeutung für die Datierung dieser Art Fabulistik; ihre 
Einzelangaben zur Grundlage für die Erforschung urältester an- 
tiochenischer Tradition zu machen, wie Zahn dies tat, ist verfehlt« 
Sie scheidet für die methodische Untersuchung völlig aus. 

Zwei Schriften bleiben, deren jede in ihrer Art literarisch 
wichtige Probleme bietet, die Bekehrung und die Buße. Die 
Bekehrung will in schlichter Form eine zeitlose, aber offenbar 
in ferne Vergangenheit gerückte Asketengeschichte geben. Zu 
der Zeit, als unser Heiland auf Erden erschienen war und die 
Weissagungen sich erfüllt hatten, wurde die ganze Welt von dem 
Wort erleuchtet und alle, die an den allmächtigen Grott und unsern 
Herrn Jesus glaubten, mit dem heiligen Geiste getauft. Da war 
zu Antiochien bei Daphne eine Jungfrau Justa, Tochter des Ai- 
desios und der Kledonia, die hörte aus ihrem Fenster in der Nähe 
einen Diakon Praylios die Botschaft von Jesus verkündigen und 
ward vom heiligen Geist ergriffen. Sie wollte den Prediger selbst 
sehen und bat ihre Mutter um Erlaubnis, die es im Stolz auf ihre 
Philosophie verbot und sogar mahnte 'laß das deinen Vater nicht 
hören'; er war nämlich heidnischer Priester. Justa aber ant- 
wortete, daß außer Jesus kein Heil sei, und ging doch. Als Ai- 
desios davon gehört hatte und bekümmert war, erschien ihm in 
der Nacht Christus selbst umgeben von fackeltragenden Engeln 
und mahnte ihn 'komm zu mir, ich gebe dir das Himmelreich'. Bei 
Morgengrauen ging er mit Frau und Tochter in die Kirche zu 
Praylios, ließ sich von ihm zum Bischof Optatus führen und bat 



1) So ausdrücklich Photios in dem Referat aus Eudokia; in der bisher be- 
kannten Fassung fehlt die Angabe, doch setzt die Erzählung voraus, daß Cyprian 
in Asien Bischof ist. 



Cyprian der Magier. 45 

getauft zu werden. Der zögerte, aber als er von der Vision hörte, 
willfahrtete er ihm und machte ihn sofort zum Presbyter 1 ), doch 
starb er schon nach anderthalb Jahren. Die Jungfrau aber ging 
immer ins Haus des Herren. Dabei sah sie ein vornehmer und 
reicher Jüngling Aglaidas , ein Götzendiener. Er entbrannte in 
Liebe und suchte sie durch allerhand Zwischenträger für sich zu 
gewinnen, sie aber antwortete stolz 'ich bin Christi Braut', und 
als er sie auf der Straße zu umarmen und fortzuziehen versuchte, 
warf sie ihn nieder, zerschlug ihm Gesicht und Seiten, zerriß seine 
Kleider und triumphierte über ihn, wie einst ihr Vorbild Thekla. 
Da wandte er sich zornig an den Zauberer Cyprian, gab ihm zwei 
Talente und bat ihn, die Jungfrau ihm zu verschaffen. Der rief 
einen Dämon, und, als der kam und nach seinem Begehren fragte, 
sagte er: 'ich begehre eine Jungfrau der Galiläer; kannst du mir 
die bringen ?' Der Dämon verhieß es ; Cyprian ließ sich erst noch 
seine früheren Taten künden und empfing von ihm dann ein Zauber- 
mittel, um damit die Tür des Mädchens bei Nacht zu bestreichen; 
dann will der Dämon ins Haus dringen und sie holen 2 ). Aber als 
die Jungfrau bei ihrem nächtlichen Gebet die Erregung ihrer Sinne 
merkte, wandte sie sich in brünstigem Flehen an Gott, bat, sie 
zu schützen , da sie sich Christus gelobt habe , bekreuzigte sich, 
und der Dämon war machtlos. Beschämt kehrte er zu Cyprian 
zurück und bekannte, 'ein Zeichen' habe ihn verjagt. Der aber 
rief sofort einen noch stärkeren Dämon , der von seinem Vater, 
dem Satan, das Zaubermittel brachte, das Cyprian um die Türe 
streichen sollte, während der Dämon zu ihr ginge. Aber die Jung- 
frau wappnet sich in einem neuen, noch gesteigerten Gebet ; wieder 
muß der Dämon vor dem Kreuzeszeichen fliehen und seine Nieder- 
lage Cyprian bekennen. Da ruft dieser den Vater aller Dämonen, 
den Satan selbst, und fragt nach dem Grunde dieser Machtlosig- 
keit. Der vermißt sich, binnen sechs Tagen, in denen er mit 
Fieber sie quälen will, sie willig zu machen, geht am siebenten 
in der Gestalt einer Mitasketin zu ihr und sucht sie durch Reden 
zu verlocken. Aber das Kreuzeszeichen schlägt auch ihn in die 
Flucht, und Justa dankt in einem dritten Gebet Gott für die 
Errettung. Als Satan dem Cyprian seine Niederlage bekennt und 
die Frage, ob der Gekreuzigte denn stärker sei als er, mit Zit- 
tern bejahen muß, sagt Cyprian ihm ab und entschließt sich, sich 



1) Diese Art Vision ist in der älteren Asketenerzählung offenbar typisch; 
sie erhebt den Empfänger über alle anderen und gibt ihm Anspruch auf die 
Würde des 'Presbyters', vgl. Historia Monachorum und Historia Lausiaca S. 193. 

2) Ueber den Text vgl. den Anhang. 



4(3 R. Reitzenstein, 

an Christus zu wenden. Den ergrimmten Satan verjagt er durch 
das Kreuzeszeichen, dessen Macht er durch den Satan selbst er- 
fahren hat 1 ), läßt die Diener alle seine Zauberbücher aufnehmen 
und geht mit ihnen in die Kirche zu dem Bischof Anthimos. Der 
hält die Bitte um die Taufe zunächst für eine Herausforderung, 
aber als er den Bericht Cyprians gehört hat, läßt er die Bücher 
verbrennen und bescheidet Cyprian für den anderen Tag zum 
Gottesdienst. In der Einsamkeit der Nacht tut Cyprian schwei- 
gend Buße für seine Sünden ; als er am andern Morgen zur Kirche 
kommt, geben ihm schon die Worte der Liturgie Gewißheit der 
Begnadigung. Als nach der Predigt des Bischofs die Katechu- 
menen entlassen werden, will der Diakon Asterios auch den Cy- 
prian aus der Kirche weisen, weil er noch nicht getauft ist. Der 
aber weigert sich und verlangt sofort die Taufe; in der Kirche 
selbst stellt der Bischof hastig "die Fragen und tauft ihn auf ein 
göttliches Wunder hin sofort. Binnen fünfzig Tagen durchläuft 
Cyprian die niederen kirchlichen Würden und wird Diakon. Wunder- 
kraft und Redegewalt beglaubigen ihn weiter; nach einem Jahr 
ist er Presbyter, und als sechzehn Jahre später Anthimos seine 
Würde niederlegt, macht er den Cyprian zu seinem Nachfolger. 
Der machte Justa, indem er sie umnannte und Justina hieß, zur 
Vorsteherin (Mutter) der Gemeinschaft der Asketinnen 2 ), bekehrte 
selbst viele zum Christentum und gewann viele von der Ketzerei 
zurück zur Heerde Jesu Christi, dem Ehre und Gewalt gehören 
in Ewigkeit. 

Cyprians Wirksamkeit als Christ wird geschildert, weil seine 
Bekehrung die große Leistung Justinas an die Kirche ist. Die 
Erzählung erweitert sich dadurch im Schlüsse etwas, bleibt aber 
eine Asketenerzählung in der typischen Form, die sich wie eine 
Anzahl der frühesten Asketengeschichten (vgl. mein Buch 'Historia 



1) Der Satan will zunächst das 'Zeichen' nicht verraten; wenigstens soll 
Cyprian ihm erst Treue schwören bei seiner großen Macht. Cyprian tut es, ver- 
jagt aber sofort den Satan durch das Zeichen, denn der Eid ist nichtig, da der 
böse Feind ja in Wirklichkeit ohnmächtig ist. Der Betrüger wird betrogen und 
erweist sich in Wahrheit als dumm; er selbst hat dem Cyprian seinen neuen 
Herren gezeigt. Es ist, wenn ich nicht irre, das älteste Beispiel für diese fast 
humoristische Auffassung des Teufels und für die Vorstellung eines Paktes mit 
ihm; das nächste Beispiel mag etwa die Adamslegende bieten. 

2) Eine doppelte Fassung scheint hier vorzuliegen; nach der älteren wird 
Justina wohl selbst Schülerinnen um sich gesammelt haben und dadurch Mutter 
eines daxTjxVipiov geworden sein ; nach der jüngeren macht der Bischof sie zur 
Diakonisse und erhebt sie damit in den Klerus. Die Uebersetzungen bieten bald 
die eine, bald die andere Form. 



Cyprian der Magier. 47 

monachorum und Historia Lausiacd 1 S. 25 und öfters) eng an die 
apokryphen Apostelakten anschließt. Die wörtlichen Entlehnungen 
sind — entsprechend der Zeit, in die wir verwiesen werden — 
sogar stärker als sonst. Für die Paulus - Akten , zu denen die 
Thekla-Novelle gehört, hat schon Zahn die Belege gegeben. Ich 
füge die Thomas - Akten hinzu und führe ein Beispiel an. Der 
Apostel zwingt (cap. 32) die mörderische Schlange ihre Abstam- 
mung und Art zu nennen und hört unter anderem: ifo) sip.i 6 8ta 
toö <ppaY[ioö elasX.ft&v iv T<j) 7rapa§sio<j> xai \lbzol Eua<; XaXiijaac . . . £*(& 
s1{jli 6 ££a<|;a<; xai Tuopojoac Kd'tv, iva arcoxteivfl xöv iStov aöeX^ov , xai 
8C iu.e axavdat xai TptßoXoi ecpoTjaav £v rjj 7-5 . . . I^w eiju 6 tö rcX-q- 
tk><; Iv tj Ip^tj) TüXaviijaa«;, ote töv [löa/ov s7üotY]aav * Ifw sl[U 6 töv 
'Hpü)§7]V 7uopa)aas xai töv Kal'a^av I£a<fa<; • . . ^Y^ e V l ° T ^ v 'lo&Sav 
k£ätyöLs xai l^aTopdaac, tva töv XptoTÖv &avaT(j> rcapa§<j>. Der heid- 
nische Zauberer Cyprian (Bekehrung cap. 4) fragt den ersten und 
niedrigsten Dämon, ob er stark genug sei, Justina zu bezwingen; 
die Antwort lautet: Eoav 'yjrcaTYjaa, 'A8a(i 7uapaöstaoo xpt^pfjc late- 
prjoa, Kaiv d§eX<poxTovsiv IStSaJa, yyjv ai^au Ijuava* avoav&at xai Tpt- 
ßoXoi $1 k\xs dv^TeiXav 1 ) . . . slöwXoXaTpetav 7üapsaxs6aoa, [JLO(3/O7roi^oai 
töv Xaöv I8i8a£a, oTaopw^vai töv XpiaTÖv oTrsßaXov (DirsßaXa Paris 
1468). Das ist für die christlichen Leser gewiß wirksam, für die 
Situation (Ansprache des niederen Dämons an den heidnischen 
Zauberer) wenig passend. Dennoch waltet in der ganzen Erzäh- 
lung unbestreitbar berechnende schriftstellerische Kunst und hebt 
sie weit nicht nur über die gewöhnlichen Asketenerzählungen, 
sondern auch über das Vorbild, dem z. B. die feierlichen , fast in 
liturgisch-archaischen Ton übertragenen Gebete nacheifern a ). Ich 
brauche auf die Kunst in dem Bericht der drei Versuchungen nur 

1) Paris. 1454 und Sinait. dxdvOas xat xpißöXou; 8i' ipi ^ 77) dv^xeiXev, vgl. die 
Acta Thomae. 

2) Ich erwähne einen an sich unbedeutenden Einzelzug: Bekehrung cap. 5 
beginnt das Gebet: 6 deos 6 7ravxoxpa'xü>p 6 xoü dyaTnQxoü aou Traiöos 'Itjcjoü Xpiaxou 
7iaTTjp, in den Acta Theclae cap. 24 Ildxep 6 Trot^aa; töv oupavöv xai xrjv -pjv 6 xoü TratBdc 
xoü dyaTiTjxoü cou 'Itjgoü Xpiaxoü Traxrjp, euXoyw es, in den verlorenen Apostelakten, aus 
denen im Papyrus Berol. 9794 die Tcpocevr/rj xöv t(3' d7:oaxoXu>v liexpou xai xwv dXXwv 
erhalten ist (Berliner Klassikertexte VI S. 113, vgl. zur Sache Gott. gel. Anz. 
1911 S. 561) «§710? ei, xupte, fteöc Travxoxpdxwp xai 7tax7)p xoü xopi'ou ^{aö>v 'Itjsoü 
Xpiaxoü (vgl. die leider arg zerstörte Fortsetzung v. 85—92 mit der Fortsetzung 
des Gebets in der Bekehrung; fast alle Züge lassen sich hier als in gewissem 
Sinne liturgisch belegen). Wenn ich nicht irre , dichtet das vierte Jahrhundert, 
wo es frei schafft, anders. [W. Bousset bestätigt mir, daß die Gebete einen höchst 
altertümlichen Eindruck machen, und verweist für cap. 5 auf Const. Apost. VII 
34, 1 6 fTJv eopdera; xai oupavöv £xxeiva«, 6 xiß a$ coepta §iaxa£dfxevos und auf seine 
Analyse dieses Gebetes in diesen Nachrichten 1915 S. 451 ff.]. 



48 R. Reitzenstein, 

hinzuweisen. Zu dieser berechnenden Kunst gehört auch das 
Streben nach Anschaulichkeit der Erzählung. So tragen alle er- 
wähnten Personen Namen, selbst der Diakon, der Cyprian mahnt, 
die Kirche zu verlassen. Aber diese Namen sind seltsam gewählt. 
Der Aidesios, dessen Grattin auf die Philosophie (offenbar ihres 
Mannes) so stolz ist, wird seinen Namen doch wohl dem berühmten 
Philosophen verdanken, der zunächst Jamblichs Schule übernahm, 
also öffentlich als Lehrer des Heidentums auftrat, sich aber dann 
auf Befehl eines Grottes , der ihm im Traum erschienen war , in 
die Einsamkeit zurückzog. Ein Bischof Anthimos hat in Anti- 
ochien nicht gewirkt, wohl aber kennen wir durch Eusebios und 
das syrische Martyrologium einen berühmten Bischof und Märtyrer 
des Namens in Nikomedien und wissen durch Mercatis Fund, daß 
er dem Verfasser aus der Literatur bekannt sein konnte 1 ); der 
Bischof Optatus, der für Antiochien auch unmöglich ist , konnte 
dem Verfasser ebenfalls durch die Literatur, nämlich durch die 
griechische Fassung der Perpetua- Akten, bekannt sein, freilich als 
Bischof von Karthago. Zahn hat das alles richtig erkannt und 
doch die eine Frage nicht aufgeworfen: woher stammt dann der 
Name Cyprian? Ist es überhaupt denkbar, daß der Verfasser gar 
nicht an den berühmten Träger gedacht hat, wenn er die wunderbar 
rasche Beförderung nach der Bekehrung, die Redegewalt, den 
Kampf gegen die Ketzereien und endlich die Wundertaten Cyprians 
erwähnt? Daß man gerade im Osten um diese Zeit von Wundern 
zu berichten wußte, die Grott (nicht ein Dämon) durch Cyprian von 
Karthago getan habe, zeigt Makarios Magnes III 24 p 109 Blondel, 
der als Wundertäter mit Polykarp von Smyrna, Irenaeus von 
Lugdunum, Fabianus von Rom auch Cyprian von Karthago nennt 2 ). 
Dabei ergibt sich nun freilich eine unlösliche Schwierigkeit: Op- 
tatus von Karthago soll ein Vorgänger Cyprians gewesen sein, 
eines Cyprian, der manche Züge des karthagischen Bischofs trägt 
und doch in Antiochien seinen Sitz hat. Und nun noch Anthimos 
als unmittelbarer Vorgänger Cyprians! Schon sein Auftreten 
müßte zeigen, daß wir es nicht mit einer antiochenischen Tra- 
dition zu tun haben; eine solche, ja selbst eine für Antiochien 
bestimmte Erfindung mußte, auch wenn sie einen Bischof (Cyprian) 
in die bekannte Liste einschwärzen wollte, wenigstens für die 
Vorgänger Namen aus ihr wählen. Die Namenswahl der Erzäh- 

1) Vgl. Bardenhewer Geschichte d. altkirchlichen Literatur II 289. 

2) Es ist eine seltsame Unklarheit, wenn Zahn (und ihm folgend Harnack) 
behaupten auf Grund einer Verwechslung mit dem antiochenischen Magier sei 
Cyprian in die Reihe dieser Gottesmänner geraten. 



Cyprian der Magier. 49 

long zeigt ihren Charakter. In der Novellistik, bzw. der Koman- 
schriftstellerei der Zeit 1 ) ist die Sitte längst beobachtet, daß der 
Erzähler mit Vorliebe die Namen für seine Dichtung der Lite- 
ratur entnimmt. Mögen mit dem Namen dann einzelne Motive 
herübergenommen werden, die Personen sind in der neuen Hand- 
lung doch wieder neu. Dieselbe Technik ist hier, allerdings ge- 
steigert, verwendet. Um eine freie Dichtung (Novelle) handelt es 
sich, die mit literarischen Namen und Reminiszenzen spielt und 
erbauen, aber ursprünglich nicht als historische Ueberlieferung ge- 
faßt werden will. So erklärt sich auch die seltsame Zeitbestim- 
mung im Eingang. Die Tendenz der Dichtung ist klar. An die 
Wirksamkeit des Zanbers glaubt damals der Heide wie der Christ; 
nur glaubt der letztere, daß Christus die Seinen auch davor behüten 
kann. Ist daher z. B. der Liebeszauber gegen eine Christin un- 
wirksam geblieben, so genügt dies allein, um das Christentum als 
die einzig wahre Religion zu erweisen, und müßte jeden, der da- 
von erfährt, veranlassen, selbst Christ zu werden (vgl. die schon 
von Zahn angeführte Erzählung bei Epipbanios Pan. Haer. 30, 4 ff., 
besonders 30, 8, 10 p. 344, 6 Holl). Eine solche Erzählung will 
der Verfasser in dem Hauptteil bieten und das Vertrauen der 
Christen stärken ; freilich bietet er dabei, offenbar ohne besonderen 
Arg, eine frei erfundene Novelle 2 ). 

Die Buße, zu der ich zunächst übergehe, bietet in einer li- 
terarisch offenbar erzwungenen und sekundären Form den Grund- 
stock derselben Erzählung, nur sind die einzelnen Angaben ins 
Phantastische gesteigert. Nicht eine Woche, sondern viele Mo- 



1) Auch auf die sehr viel ältere bukolische Dichtung und z. T. auf die ero- 
tischen Briefe könnte man verweisen. Doch beschränke ich mich mit Absicht auf 
das, was ein römischer Rhetor des zweiten Jahrhunderts historia nennen würde. 
Das y^vos können wir aus Apuleius einigermaßen bestimmen. Die Erzählung von 
Charite (Metern. VIII lff.) könnte ein Rhetor in historiae specimen chartis in- 
volvere, und wenn man die wunderbare Errettung der Jungfrau aus der Hand 
der Räuber durch ein hilfreiches Tier nicht in der burlesken und scheinbar kunst- 
losen Art des Apuleius, sondern mit ernster schriftstellerischer Kunst behandeln 
würde, so ergäbe sich eine historia: asino vectore virgo regia fugiens captivitateni 
(VI 29). Solche historiae können in einen größeren Erzählungskomplex eintreten 
(Apuleius Metam. VIII 1, die Thekla - Akten) oder für sich überliefert werden 
(Frontos Arion); sie wollen erziehlich wirken (Properz I 15, 19 — 24) und sind an 
sich zeitlos (vgl. zu der ganzen Frage 'Das Märchen von Amor und Psyche bei 
Apuleius' S. 68 ff.). Als Beispiel der Namensentlehnung in der profanen Dichtung 
nenne ich etwa den Hirten Philetas bei Longus (auf Lesbos und neben Daphnis). 

2) Von Cyprian hat er als von einem berühmten Bischof einiges gehört ; so 
benutzt er seinen Namen. 

Kgl. Oes. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 1. 4 



gO R. Reitz enstein, 

nate lang (ja nach einer Andeutung Jahre lang) dauert der Kampf 
zwischen Cyprian und Justina, ist stadtbekannt und zieht nicht 
nur die Eltern des Mädchens , sondern die ganze Bürgerschaft in 
seine Kreise. Cyprian will sie nötigen, die Justina zu zwingen, 
den Aglaidas zu heiraten, indem er Seuchen über Mensch und Tier 
hereinbrechen läßt und Orakel veranlaßt, daß sie nur dann auf- 
hören werden, wenn Justina und Aglaidas sich heiraten. Das 
alles ist aus der einfachen Erwähnung eines sechstägigen Schwäche- 
zustandes der Jungfrau geworden 1 ). Wie dabei Cyprian nicht 
eine beliebiger Zauberer, sondern der größte und mächtigste aller 
Zauberer wird, so Justina die größte Wundertäterin: ihr Grebet 
heilt jede Krankheit und vertreibt alle Uebel, oder ersetzt allen 
Verlust; so bekehrt sie die ganze Stadt, schon ehe der Magier sich 
bekehrt. Er muß sich vor dem allgemeinen Haß verbergen 2 ). Es 
ist wunderlich, daß Zahn trotz der handgreiflichen Vergröberung und 
Ueber treibung der erzählenden Teile dieses Stückes ihnen zugrunde 
liegende Reste eines Urberichtes erkennen will, denen gegenüber 
die einfache Fassung des Bekehrungsberichtes sekundär sei. Die 
einzelnen in der Buße angegebenen Züge lassen sich gar nicht zu 
einer fortlaufenden Erzählung zusammenfügen, und widersinnig ist 
der Bericht selbst, da die Hörenden alles schon wissen. Ist die 
Ueberarbeitung aber einmal festgestellt, so hat die Annahme, daß 
nicht die erhaltene Novelle selbst, sondern eine verlorene Zwil- 
lingsschwester zugrunde gelegt sei, weder Anhalt noch Zweck. 
Wichtig ist die Tendenz der Buße oder vielmehr die Tendenzen 
der beiden heterogenen Bestandteile, aus denen die Schrift schon 
im fünften, ja, wie wir sehen werden, schon im letzten Viertel des 
vierten Jahrhunderts zusammengesetzt war. Unerträgliche Wieder- 
holungen und Widersprüche lassen an dem Hergang keinen Zweifel. 
Der erste, bei weitem wichtigere Teil beginnt mit einer Ansprache 
C yprians an eine versammelte Menge, Christen und Heiden 3 ), 
und reicht in der Ausgabe von Maranus (Cypriani opera ed. Ba- 

1) Natürlich darf auch der Zauber nicht einmal so weit wirken, daß der 
Dämon durch die Türe kommt. Ausdrücklich wird das bestritten, aber eben da- 
mit die Erzählung von der Macht des Kreuzeszeichens unklar gemacht. 

2) Daß dabei die ursprüngliche Fiktion einer Bitte an die Christen und 
Heiden der Stadt, ihm Trost und Rat zu spenden, unmöglich wird, übersieht der 
Verfasser in seinem Eifer. Die Tendenz wird sich später zeigen. 

3) Das hat Zahn verdunkelt, indem er gegen das Zeugnis der Eudokia und 
der mit ihr übereinstimmenden alten lateinischen Uebersetzung ihrer Vorlage der 
relativ jungen griechischen Handschrift folgt, die sich doch unendlich oft als 
schwer verdorben erweist. Hier bieten die alten Zeugen 5aot £v xoT? xoö Xpiaxoü 
-rJoaTTjpiois -pox<57txexe, die Handschrift oaoi xoT; xoü Xpiaxoü {AüöX7)pfoi; 7rpo<Jxd7rxexe 



Cyprian der Magier. 51 

luzins tom III) bis zum Ende von cap. 10, in Zahns Uebersetzung 
bis zum Ende von cap. 13. Cyprian erzählt sein Leben und be- 
sonders seine letzten Taten und fragt verzweifelt, ob Christus 
ihm vergeben könne ; ein Christ Timotheus bejaht das , weist 
darauf hin, daß Christus ja grade für die Sünder gestorben sei, 
und heißt Cyprian zu dem Bischof gehen. Daß er es wirklich ge- 
tan hat, müssen die Leser schon wissen. Die Schrift ist inhalt- 
lich damit voll abgeschlossen, verläuft in der üblichen Dialog- 
form und ist im Bau nicht ungeschickt. In der Schilderung der 
inneren Zerstörung Cyprians gewinnt sie sogar ergreifende Kraft 
und bildet trotz der ungeschickten Sprache ein würdiges Vorspiel 
für die beginnende Faust-Dichtung : vöv I'yvwv ooo tyjv rcXdvYjV * ircat- 
C'O-Yjv mU «pavraatais aoo* I'yvcüv ooo tyjv dcfteveiav* ouöe ?dp e/eic ti 
svoTTÖaraTOV, dXXd u-ataia«; xai Tüpooxaipoo pOTnjc aTroXaöaeic ' ootc oi 
totuoj. aou outs oi ftea^oi aoo, oo$ dvTiTe^eixac rg eoaeßeiq, dXYjfra)«; 1 ) 
slaCv, dXXd TrXdviß xai ^pavTaoiq. Sie^&eipdc fxoo tyjv öidvotav, (5c7ra)Xeaa<; 
|aoo tyjv «Jwx^v, T( *s eXrciSas ^ou 8teppY]£as, rcäadv u.00 tyjv Xoyixyjv xa- 
Tdoraatv 2 ) eis /dos xaTearcaaas. [drctoXeaas tyjv Ccöyjv u,oo xai tyj xaxicf. 
xaTeSarcdvYjaas xai ftaadv [xoo tyjv vtaidoTaaiv tyjc <p6oe(0<; öiü>Xeaa<;]. 
jiSYdXwc l7üXavr^Y]v 7ui<3reoaa<; aoi, orcepßaXXövrtos Yp£ßYjaa, dcppövto? 
Yjve/trYjv Itüiöoöc 001 IpLaoTÖv, e^aTauoxhjv Im Ypa^aai, tyj TraiSeicf, u.00 
sTTißXaßa)? ^XP T i a ^t LY i v o^axouaac 000, drccbXscd jjloo yjptyaxa. xai rcpdy- 
jiata e^axoXoo&Yjaas 000 tyj owcAtiq' \lsxck. 7/dp tyjs rcaTpiXYjs ooaiac xai 
tyjv (J;oxyjv {100 7rpoaeCY]|itcöaae. ei 6° evei|iov XP^Cooat Ta iv ooi d7roXö- 
(ieva, efyov av xocya) 3 ) ßpa/eiav GWTYjpias eXrciSa * ooai jloi, tl rce^ov&a. 
Setvw«; xaTe^&dpYjv, dvtdro)? erpao^aTiathjv , vexpö«; wv Cyjv ivdjuCov xal 
eXdv&avov rcoXXip XP'"^'" Tdcpov ü)VYjad[ievos 4 ). Auch der G-rundge- 

(es folgt als Gegensatz eine Ansprache an Heiden). Das letztere ist im Ausdruck 
bedenklich und zerstört den Sinn. Cyprian kann gar nicht nur Feinde des Christen- 
tums ansprechen, er will ja im Schluß fragen, ob Christus ihm vergeben könne. 
Eine Neuausgabe des Textes wäre dringend nötig. 

1) dXTjteTc Hs. 

2) Kaxdaxaai? ist der ruhige Zustand des Geistes, zugleich der Urzustand, 
vgl. die in den Sitzungsber. d. Heidelberger Akad. 1914 Abh. 8 S. 31 ff. ange- 
führten Stellen, besonders Jamblich Vit. Pythagorae 96 xrj xaxaaxctaei xtjc Siavofa?. 
Danach ist XoytxV) wohl zu deuten. Offenbar soll xaxdaxaaic vffi cpuaewc im fol- 
genden Satz dasselbe bezeichnen, also gehört er einem Interpolator. 

3) etyov xav youv die Handschrift. 

4) Es folgt in der Handschrift C&v &nxiv86vu>s <joi Trpoae&peuaas. Statt der 
sinnlosen Worte bietet der lateinische Uebersetzer (bei Fell und Pearson) ego 
ipse mihi noxius fui gaudens in tuis erroribus, Eudokia Tro&fjtiva; ouSe (ouv Hs.) 
&ed>v [jiacptv öavaxoio niprpa, die sahidische Uebersetzung (v. Lemm, Me'moires de 
F Academie de St. Petersburg Ser. VIII vol. 4) : denn ich war ein Knecht der Sünde 
geworden. 

4* 



52 ß- Reitzenstein, 

danke der Erzählung entbehrt nicht der Größe und kann an die 
Faustdichtung wenigstens erinnern, wenn auch die Ausführung un- 
geschickt bleibt. Nach tiefster Erkenntnis, freilich auch nach 
Macht hat Cyprian gestrebt, und die völlige, ursprünglich fromme 
Hingabe an den Kult der heidnischen Götter hat ihn zuletzt zum 
bewußten Teufelsdienst geführt. Jeder Versuch, anderen zu nützen, 
bringt ihnen nur Schaden, und immer mehr zwingt Satan seinen 
Diener zum Verbrechen. In der Erzählung soll dabei Cyprian 
offenbar als Gregenbild zu Apollonios von Tyana geschildert wer- 
den 1 ). Wie Apollonios in frühster Jugend in den Dienst des 
Asklepios getreten ist, so Cyprian in den Dienst des Apollo; wie 
Apollonios wird er später in alle Mysterien geweiht; wir hören 
von weiten Reisen in ferne Länder, langer Lehrzeit und tiefstem 
Wissen um das Wesen der GrÖtter und um die in der Natur waltenden 
Kräfte. Cyprians tiefe Bildung und die G-ewalt seiner Rede wird 
hervorgehoben; man nennt ihn den <piXöao<po<; pdiyoq. Die Schrift 
fesselte die Leser ihrer Zeit durch die geheimnisvollen Andeutungen 
über das Dämonenreich und Zauberwesen und dankte ihnen wohl 
auch die spätere Verurteilung im Decretum Gelasianum. Ihr Zweck 
ist offenbar, die heidnischen Philosophen dieser Zeit, also der Zeit 
nach dem offiziellen Siege des Christentums, bei den Christen und 
vor allem bei der christlichen Obrigkeit zu verdächtigen. Gerade 
daß in der letzten Zeit des Heidentums der Magier Apollonios 
immer mehr das Idealbild 'des Philosophen' geworden war, bot 
jetzt eine gefährliche Waffe : führt die heidnische Frömmigkeit und 
Philosophie notwendig zur Magie und ist diese verbrecherischer 
Teufelsdienst, so muß der Staat sie unterdrücken. Die Forderung 
wird nicht offen erhoben, und wenn man die spätere Weiterdich- 
tung vergleicht, empfindet man in der Schilderung der Magie wie 
des Charakters des Magiers sogar noch eine gewisse Mäßigung. 
Aber die Stimmung ist die gleiche wie in der wenig älteren 
Schrift des Firmicus Maternus De errore profanarum, religionum; 
die Christen beginnen die Beschuldigungen, die zwei Jahrhunderte 
früher die Heiden gegen sie geschleudert hatten, zurückzuwerfen 



2) Darauf daß Hierokles in dem QiXaA^frqc Xdyo? ihn verherrlicht und über 
Christus gestellt hatte, weist schon Zahn. Da diese Schrift um 306 erschienen 
war, ist es sehr möglich, daß der Verfasser der Buße direkt auf sie Rücksicht 
nahm. Der versöhnliche Schluß spricht nicht dagegen, sondern eher dafür, da ja 
auch Hierokles den Christen scheinbar wohlwollend den Rat gegeben hatte, sich 
zu bekehren. Jedenfalls kehren eine Fülle von Einzelzügen aus der Apollonios- 
Literatur umgebildet und übertragen in der Buße wieder. Es lohnte, sie näher 
zu verfolgen. Nur darf man sie nicht zu einer frühen Datierung mißbrauchen. 



Cyprian der Magier. 53 

und mit den gleichen Waffen, aber noch widerwärtigerer Technik 
zu fechten *). Dazu gehört dieses erfundene Bekenntnis eines angeb- 
lich bekehrten Philosophen, dem schon der Name bei den christlichen 
Lesern Glauben und Geltung verschaffen mußte. Aber nicht um die 
Magie nur handelt es sich. Cyprianus sieht mit eigenen Augen, 
daß jene 'Aperq, £o<pta und AixatoouvTrj, welche die griechischen Phi- 
losophen irre geführt haben, Trugbilder des Teufels sind, und lernt 
wie durch die Dämonen gottlose Frömmigkeit, unvernünftige Er- 
kenntnis , ungerechte Gerechtigkeit und verwirrte Ordnung zu 
stände kommt 2 ). 

Mit einer ganz unpassenden Ueberleitung geht die uns vor- 
liegende Schrift nun zu einer zweiten Rede Cyprians über, in 
welcher dieser noch einmal seine Sünden bekennt und fragt , ob 
auch für sie eine Vergebung denkbar sei; er bittet sogar, ihm 
alle Stellen der Schrift aufzuführen, die dafür sprächen. Als ob 
Timotheos gar nicht geredet hätte, bringt nun ein Eusebios in 
unerträglicher Breite diesen Schriftbeweis und ermahnt zum Schluß 
den Cyprian zum Bischof zu gehen. Cyprian verehrt darauf den 
Eusebios als seinen Vater und Retter; von Timotheos ist nicht 
die Rede. Ausdrücklich wird gesagt, daß bisher alle Anwesenden 
— und es sind plötzlich nur Christen anwesend — geschwiegen 
haben, um den Büßer das Gift des Satans erst vollständig aus- 
brechen zu lassen. Dialog und Erzählung mischen sich in uner- 
träglicher Weise, und der Leser muß zum Schluß sogar noch ein 
Stück Lebensgeschichte nach der Bekehrung erfahren. Der Zweck 

1) Nimmt man die gleich zu besprechende Fortdichtung mit ihrer Aufzäh- 
lung der gräßlichsten Verbrechen hinzu, die angeblich der heidnische Geheim- 
gottesdienst verlangt, so erhält man ein unser Empfinden peinigend genaues 
Gegenbild zu den Beschuldigungen gegen das Christentum, die z. B. Minucius 
Felix cap. 9 aufzählt (das lächerliche Kultbild, die Phallus-Verehrung, das Opfer 
des Kindes, die Unzucht bei den Agapen). Wie damals wirkliche oder in der 
Literatur erwähnte Verirrungen der Häretiker einen Anhalt geboten hatten, so 
jetzt der auch im zweiten Jahrhundert schon verbreitete Volksglaube, daß die 
Philosophie zur Magie führe (vgl. besonders Apuleius Apol 27); selbst Einzel- 
züge sind hier schon nachweisbar; aber dem Christen blieb es vorbehalten, sie 
nicht nur in unsinnigster Weise zu steigern, sondern auch für sie das Zeugnis 
einer bestimmten Person zu erfinden. Seltsam, daß namhafte Forscher der Ver- 
gangenheit dies Schriftstück dem Cyprian selbst zuschreiben wollten! 

2) Vgl. cap. 3 ixtX zTb*ov tuw? aWoxaxat daeßr,? eüaeßeta xal dXoyoc yvüiais xal 
a&txo? Sixatoauvr) xal au^y.zyro[x.£\ri xaxdaxaöi? .... xpiaxdaia ec-TJxovxa irlvxe -aOüv 
£i&7j elSov ixel, xal tt}? xevo8o£tas xal xev7)? dpexTJ; xal xtvrjt aocpi'a? xal xevrj; 8ixaioa6v7)«, 
iv oh 7rXav(üai xou? c EXXtjv<dv cpiXoaocpous. oXio; ydp iaxoXia^va etot'v, dXX J U7rd<jxaatv 
o&x eyouat, xa fxev o>? xovtopxd; , xd U tb« öxtd Oäxxov otaji^ovxa. Die lateinische 
Uebersetzung kürzt hier wie meistens ab, ebenso die sahidische. 



54 

dieses Teiles ist im wesentlichen dogmatisch ; man muß , um das 
zu empfinden, mit der Rede des Eusebios die pseudocyprianische 
Schrift Ad Novatianum vergleichen. Die Kraft der Buße soll be- 
wiesen und zugleich ein lehrreiches Muster reumütiger Zerknir- 
schung und öffentlichen Bekenntnisses gegeben werden. Unter diesen 
Gesichtspunkt fällt auch die Aufzählung der gräßlichen Totsünden 
Cyprians, die freilich zugleich die widrigste Verdächtigung des 
heidnischen Kultes enthält. Vorausgesetzt wird einerseits der 
erste Teil, andrerseits die Bekehrungsnovelle, deren Schilderung, 
wie Cyprian einsam in der Nacht seine Sünden bereut, offenbar 
die Keimzelle dieses Teiles enthält. Sie bietet zugleich die Er- 
klärung für den Schluß der Buße, der die literarische Form so 
völlig zersprengt. Daß auch in dem ersten, sehr viel höher ste- 
henden Teil die Bekehrungsnovelle benutzt ist, brauche ich nicht 
auszuführen. Wir erkennen jetzt, warum die Schilderung der 
Zauberkünste Cyprians so gesteigert werden mußte. Als größter 
aller Philosophen und Magier mußte er erscheinen. 

Trotz dieser Benutzuug der Bekehrung will die Buße von 
Anfang an von Cyprian von Karthago reden. Sie erreicht den 
Zweck ihres ersten Teils überhaupt nur, wenn der Büßende als 
Christ, ja als verehrungswürdiger Lehrer des Christentums allge- 
mein bekannt war, und wenn man von diesem Lehrer wußte, daß 
er vor seiner Bekehrung in die Tiefen der Philosophie eingedrungen 
war. Bezeugt dies , wie gleich zu zeigen ist, eine Tradition , die 
im Osten weit verbreitet war, von dem karthagischen Bischof und 
rühmt mit seiner allgemeinen Bildung zugleich seine Redegewalt, 
so ist er gemeint und diese Tradition benutzt. Ein unscheinbarer 
Nebenzug gewinnt dann Bedeutung. In der Bekehrung wird 
nichts davon gesagt, wie Cyprian nach Antiochien gekommen ist; 
er erscheint einfach als ein dort berühmter Zauberer ; in der Buße 
wird ausdrücklich hervorgehoben, daß er auf der Heimkehr vom 
Lande der Chaldäer hier Station gemacht hat; er stammt nicht 
von hier. Die Möglichkeit, ihn mit dem großen Bischof zu identi- 
fizieren, wird dadurch gewonnen. Der zweite Teil kennt dann 
offensichtlich Cyprian als den großen Lehrer des Christentums ; 
er weiß ferner, daß er nach der Bekehrung seine Habe den Armen 
gegeben hat, wie das die vita et passio von dem Karthager Cy- 
prian ausdrücklich berichtet. Auch zu seiner Tendenz endlich 
würde die Wahl dieser Persönlichkeit trefflich passen. Nicht nur 
die ihm zugeschriebene Schrift Ad Novatianum, auch der echte, 
gegen Novatian gerichtete Brief ep. 55 und andere ihm zugewiesene 
lateinische und griechische Stücke handeln von der Wirkung der 



Cyprian der Magier. 55 

Buße. Es ist sehr glaublich, daß der Verfasser dieses 'dogmati- 
schen' Teiles der Buße mit einer gewissen Absicht schilderte, wie 
Cyprian an sich selbst erfahren habe, was er später lehrte. Daß 
er von seiner Erhebung zum Bischof im Schluß nicht mehr aus- 
drücklich spricht, läßt sich eher für diese Annahme als gegen 
sie geltend machen. Wollte er hier von der Bekehrung ab- 
weichen und den richtigen Bischofssitz nennen, so mußte er den 
ihm durch den Stoff gegebenen Rahmen auffällig sprengen und po- 
lemisieren; weit leichter war es auch hier fortzulassen, was eine 
Verbindung seines Helden mit dem berühmten Träger des Namens 
erschwerte, und dem Leser das Weitere zu überlassen *). 

Weiteren Aufschluß muß die Rede Gregors geben. Ich prüfe 
zunächst diejenigen Abschnitte in ihr, deren Angaben sich zwei- 
fellos auf den Bischof von Karthago beziehen. 

Die Rede beginnt nach einer rein persönlichen Einleitung mit 
einer Betrachtung, welchen Wert es für den Christen habe , sich 
in das Leben und Leiden der Märtyrer zu versenken, und bezeichnet 
Cyprian als größten aller Märtyrer. Ihn liebt Gregor besonders, 
weil er der große Redner der Kirche ist ; die Erinnerung an ihn 
stärkt ihn, sein Leiden erlebt er im Geiste mit. Mit cap. 6 be- 
ginnt der biographische Teil und schildert zunächst ganz 
kurz die vornehme Abkunft, den Reichtum und die körperliche 
Schönheit, sodann die vorzügliche Bildung des Helden. In allen 
Wissenszweigen, auch der Philosophie, erreichte er das Höchste, 
aber am bedeutendsten war an ihm die Redegewalt, wie man aus 
den Schriften erkennt, die er später als Christ verfaßt hat. Gregor 
eigen ist hierbei die Angabe, daß Cyprian Senator gewesen ist, ja 
in dem Senate von Karthago eine hervorragende Stellung (rcposSpia) 
eingenommen hat. Eine alte Tradition muß ihm vorliegen, und na- 
türlich schriftlich vorliegen. Denn Augustin (serm. 311) bestätigt aus 
der karthagischen Ueberlieferung diese Angabe : mutati sunt piscatoreSj 
mutati sunt postea etiam senatores, mutatus est Cyprianus. Mehr will 

1) Da er die Beziehung des Hauptteiles auf Apollonios und die Schrift des 
Hierokles noch empfand (vgl. den Eingang des zweiten Teiles), ist immerhin mög- 
lich, daß er den Namen des Eusebios mit einer gewissen Absicht gewählt hat. 
Hat doch der berühmteste Träger dieses Namens gegen Hierokles polemisiert und 
die Nichtigkeit der Magie des Apollonios nachgewiesen. Freilich würde sich ge- 
rade hierbei dann wieder jenes novellistische Prinzip der Namenswahl geltend 
machen, das oben S. 49 besprochen ist. Nicht der historische Eusebios konnte 
dabei als Retter des historischen Cyprian bezeichnet werden ; auch ist der Inhalt 
jener Schrift des Eusebios, soweit wir ihn kennen, völlig von dem der fiktiven 
Rede verschieden. Nur eine Art Gedankenverbindung konnte vielleicht auf die 
Wahl dieses literarisch bekannten Namens leiten. 



56 R. ßeitzenstein, 

Gregor von der ersten Zeit nicht berichten, gibt sich aber den Anschein 
viel mehr zu wissen. Dann geht er cap. 8 mit einer langen neuen 
Einleitung, in der er sich auf das literarisch erhaltene Sündenbe- 
kenntnis Cyprians beruft, zu einer novellistischen Darstellung der 
Bekehrung über, die mit der Erwählung zum Bischof von Kar- 
thago schließt. Hierauf kehrt er mit einem eigentümlichen Ueber- 
gang, der uns später noch beschäftigen muß, zu der Biographie 
zurück {cap. 13) und schildert zunächst Cyprians neues Leben nach 
der Bekehrung (aber vor der Bischofs wähl). Die Schilderung paßt 
trefflich zu den Angaben der alten lateinischen vita et passio, ohne 
doch direkt aus ihr entlehnt zu sein. Ihr folgt eine allgemeine 
Charakteristik der schriftstellerischen Tätigkeit des großen Leh- 
rers, wie sie die vita et passio auch bietet, aber wieder im Wort- 
laut abweichend. Ein Satz daraus bedarf besonderer Erläuterung, 
weil er unverständlich schien und in neuster Zeit von Sinko a. a. 0. 
falsch erklärt ist (cap. 13 p. 445 A) ty]v rcepi Xoyoos <ptXou|uav, ij 
ü)V TJ&os arcav IrcaiSsoae xal Sof^dTcov arcaiSeüaiav Ixa&Tjps xai avSpwv 
ßioo? sxöau/qae xal r/fc ap^ix^ xal ßaaiXixijc TptaSos tyjv ^•sÖTYjTa re[JL- 
vofiivTjv, lau $k o<p 5 wv Kai oovaXeupo(jiev7jv sie tö dp/aiov iTravTfraYev, 
Iv opotc [^siva<; eoasßoös ivwaew? ts xal oovapi'd , [i.^aecoc, Eine solche 
Schrift hat Cyprian, bei dem das Dogmatische überhaupt sehr zu- 
rücktritt, nie geschrieben. Wie kommt Gregor zu dieser wunder- 
lichen Angabe ? Sinko (a. a. 0. S. 15) vermutet , er habe in an- 
haltslos freier Erfindung, um nur überhaupt etwas Näheres anzu- 
geben, die literarische Tätigkeit des Athanasios auf Cyprian 
übertragen. Den Beweis für die Annahme eines so seltsamen 
Schwindels bei Gregor sollen sprachliche Beobachtungen geben: 
Gregor verwendet, wo er von den Irrlehren der Sabellianer und 
Arianer spricht, die Schlagworte zac, <puoei£ (Xpiotoö) ts|i.vsiv und 
ia<; rpoGBiQ aovaXeupeiv und bezeichnet als sein Ideal Iv opoi«; uivetv 
ti)c -9-sooeßsias (eoaeßeia?) *). Aber daß er die Schlagworte den dog- 
matischen Kämpfen der letzten Vergangenheit und der eigenen 
Gemeinde entnimmt, ist aus der Rücksicht auf die Zuhörer ohne 
weiteres zu erklären und beweist nicht, daß ihm die literarische 
Tätigkeit eines Mannes der jüngsten Vergangenheit vorschwebt. 
Auch nötigt diese Annahme Sinko zu weiteren Seltsamkeiten. Er 
deutet unter ihrem Zwange die Worte dvSpwv ßioo«; Ixöapjasv auf 
christliche Biographien, oder vielmehr direkt auf den ßio? 'Avtcovioo des 
Athanasios ; nur aus rhetorischem Grunde sei der Plural gewählt. 
Den Bau des Satzes versucht er dabei selbst durch Zahlen deut- 



1) Vgl. Or. 2 cap. 37; 20 cap. 5; 31 cap. 30; 39 cap. 11; 21 cap. 13. 



Cyprian der Magier. 57 

lieh zu machen; gerade er muß dem Leser weitere Bedenken er- 
regen : drei verschiedene Stoffe würden erst in drei G-liedern aufge- 
zählt und dann im vierten Gliede eine Einzelnheit aus dem zweiten 
Stoffgebiet nachgetragen. Ich verweise gegen die ganze Annahme 
zunächst darauf, daß auch Theodoret ep. 151 (Migne 83 ;j. 1440, oben 
S.43) dieselben Schlagworte der jüngsten theologischen Streitigkeiten 
verwendet und von sich behauptet, er bleibe bei der alten Lehre 
der Kirche, dem Glauben der Propheten, Apostel und großen 
Lehrer, deren Reihe bei den Griechen Ignatius, bei den Lateinern 
Cyprian beginnt. Bei den Kämpfen innerhalb der Reichskirche 
des vierten Jahrhunderts beruft man sich auch im Osten auf ihn 
als den großen Lehrer und Hüter der kirchlichen Tradition im 
Westen x ). Man kann einwenden, daß Gregor hierüber hinausgeht, 
indem er einerseits schon dem Cyprian eine Stellungnahme gegen 
zwei entgegengesetzte Parteien zuschreibt, andrerseits den Streit 
um das Verhältnis der beiden Naturen in Christo unter das Schlag- 
wort 'Streit um die Dreieinigkeit' stellt. Aber auch dies läßt 
sich erklären. Es ist Sinko entgangen, daß tatsächlich zu Gregors 
Zeit ein Cypriancorpus in Konstantinopel selbst erschienen war, 
das eine Schrift über die Dreieinigkeit enthielt, die von dem Ordner 
dieses Corpus so charakterisiert werden konnte, und daß wir diese 
Schrift sogar noch besitzen 2 ). Rufin berichtet De adult. libr. Ori- 
genis (Origenes VII p. 628 C. Migne): saneti Cypriani martyris 
solet omne epistolarum (d. h. Schriften) corpus in uno codice scribi. 
huic corpori haeretici quidam, qui in spiritum sanetum blasphemant, 
Tertulliani libellum De Trinitate, reprehensibiliter quantum ad veri- 
tatem fidei nostrae pertinet scriptum, inserentes et quam plurimos Co- 
dices de talibus exemplariis conscribentes per totam Constantinopolim 
urbem maximam distrahi pretio viliori fecerunt, ut exiguitate pretii 
homines illecti ignotos et latentes dolos facilius compararent, quo per 
hoc invenirent haeretici perfidiae suae fidem tanti vlri auetoritate con- 
quirere. aeeidit tarnen ut recenti adhuc facto quidam ex nostris fra- 
tribus catholicis inventi (inventa ?) admissi sceleris commenta retegerent 
et ex parte aliqua, si quos possent, ab erroris huius laqueis revocarent. 
quam plurimis tarnen in Ulis partibus sanetum martyrem Cyprianum 



1) Man hatte an großen Namen hier keinen Ueberfluß, da Tertullian aus- 
schied. Die Kücksicht auf die Empfindung des Westens bestimmte offenbar, dem 
im Osten wenig bekannten Vertreter der Kirche diese Stellung einzuräumen. Das 
ist für die ganze Entwicklung wichtig. 

2) Harnack hat (Geschichte d. altchristl. Literatur I 715) hieran erinnert, 
ohne freilich die notwendigen Folgerungen zu ziehen und ohne auf die Quellen 
Gregors einzugehen. 



53 R« Reitzenstein, 

huius ßdei, quae a Tertulliano non rede scripta est, fuisse persuasum 
est. Den wirklichen Verfasser der Schrift nennt Hufins Gegner 
Hieronymus Contra Bufinum II 19: transit ad inclytum martyrem 
Gyprianum et dicit Tertulliani librum, cui titulus est De trinitate, sub 
nomine eins Constantinopoli a Macedonianae partis haereticis lecti- 
tari. in quo crimine mentitur duo; nam nee Tertulliani über est nee 
Cypriani dicitar, sed Novatiani, cuius et inscribitur titulo, et auctoris 
eloquium stili proprietas demonstrat (vgl. Vir. ill. 70 De trinitate 
grande volumen . . . quod plerique nescientes Cypriani existimant). 
Sondert man aus diesen Angaben aus, was ßufin selbst nur ver- 
muten konnte und was Hieronymus auf Grund dieser Vermutungen 
behauptet, so bleibt die Tatsache, daß in der zweiten Hälfte des 
vierten Jahrhunderts in Konstantinopel und von dort aus eine 
Neuausgabe Cyprians vertrieben wurde, der man durch billigsten 
Preis weite Verbreitung sichern wollte und in der Tat auch zunächst 
verschaffte *). Ob wirklich ein kirchlicher Zweck den Herausgeber 
bestimmte, betrügerisch die Schrift De trinitate einzuschwärzen 2 ) 
oder ob er die Schrift anonym fand und glaubte, sie dem Cyprian 
zuschreiben zu dürfen, gerade sie mußte für seinen Leserkreis, der 
an diesen Fragen lebhaften Anteil nahm, besondere Bedeutung ge- 
winnen. Als ich mit Professor Pohlenz über die Deutung der 
Gregor-Stelle sprach und ihm zeigte, daß sie sich auf diese Aus- 
gabe von Konstantin opel beziehen müsse und Gregor daneben eine 
Biographie Cyprians benutze , äußerte er sofort die Vermutung, 
daß diese Biographie mit der Ausgabe verbunden und schon in ihr 
ein Hinweis gerade auf die Schrift De trinitate enthalten gewesen 
sei; das entspreche am besten dem Zweck der ganzen Ausgabe. 
Die einleuchtende Vermutung ward mir zur Gewißheit, als ich 
verfolgte, wie diese Biographie zu der alten vita et passio steht, 
die ja auch mit einem Corpus Cyprians verbunden war und auf 
die literarische Tätigkeit Cyprians in einer allgemeinen Charakte- 
ristik einging (cap. 7), die in den Angaben Gregors und späterer 
Quellen weiter wirkt 3 ). Wir gewinnen durch Gregor tatsächlich 



1) Eine Handschrift kam, wie wir sehen werden, sogar in den Westen zu- 
rück bis nach Spanien. 

2) Die Voraussetzung wäre auch dann, daß Cyprian im Osten schon als der 
maßgebende Zeuge für die Tradition in der westlichen Kirche galt. 

3) Gregors Worten 9j&o? forav inalbzMzv entspricht in der Tat die Schilderung 
der vita et passio : quis virgines ad pudicitiae disciplinam coerceret, doceret paeniten- 
tiam lapsos filios dei pacem et evangelicae precis legem ; a quo Christiani mollioris 
affectus . . consolarentur spe futurorum . . misericordiam . . . patientiam disceremus . . 
livorem inhiberet. Seinen sonstigen Schilderungen entspricht die Beschreibung 



Cyprian der Magier . 59 

wertvolle Angaben über eine bald nacb der Mitte des vierten Jahr- 
hunderts für Leser in der Osthälfte des Reiches bestimmte Bio- 
graphie. Bewährt sich diese Vermutung in der folgenden Dar- 
stellung, so gewinnen wir eine anschauliche Vorstellung, wie Gregor 
in der Eile sich vorbereitete : er ließ sich das Corpus der Schriften 
Cyprians kommen und — las den ßioc. Auch seine Worte werden 
nun verständlich : nur zwischen ethischen und dogmatischen Schriften 
will er scheiden, auf jene bezieht sich das erste und dritte, auf 
diese das zweite und vierte Glied. Den Worten yjftoc obuav ircai- 
Ssoas entspricht avöpwv ßiooc sttoajjiTjae (er veredelte das Leben der 
Menschen); z£7toa[JL7jpLevoc (tevopvso[xsvo<;) Tjttei %cd yvoxjsl ist ein in 
dieser Zeit nicht seltener Lobspruch. Den Worten SoYjidTwv arcai- 

Ssoaiav *) ixdtbjps entspricht tffi . . . TpiaSo? tyjv frsoTTjia ircav- 

TJYafev. Die Gegenüberstellung von av8ps<; und &sot (ö-edc) ent- 
stammt der epischen Sprache, die Gregor ja geläufig ist (auch für 
izöapiYjae konnte man vielleicht auf sie verweisen , vgl. Odyssee 
4, 725). Das dritte und vierte Glied gibt die Wirkung der in den 
ersten beiden Gliedern geschilderten Tätigkeit an. 

Hieran schließt die Schilderung der Verfolgung des Decius, 
der Cyprian sich entzog und darum geächtet wurde 2 ). Die Ver- 
sicherung, daß der Kaiser ebensoviel, ja fast noch mehr Gewicht 
auf den Abfall Cyprians als den aller andern Christen legte, weil 
er viel von ihm gehört hatte, und deshalb alle Mittel versuchte, 
enthält an sich nur einen in der Martyrienliteratur beliebten Topos 
(vgl. z. B. die Acta disputationis Achatii oder vielmehr Acacii) und 
könnte auf Rechnung Gregors fallen. Es wird sich später zeigen, 
daß er der Quelle angehörte und Anlaß zu dem Bericht wurde, 
Decius habe sich den Cyprian holen lassen. Nur in der angefügten 
Reflexion scheint Gregor selbst zu sprechen und auf die jüngste 



der Wirksamkeit Gregors auf die Märtyrer und Bekenner. Für die Angaben, die 
sich in andern Quellen auf die 'Biographie' zurückführen lassen, verweise ich be- 
sonders auf die Sätze : quis doceret veritatem haereticos, schismaticos unitatem . . 
per quem gentiles blasphemi . . vincerentur? Freilich liegt zwischen den griechi- 
schen Angaben und denen der vita et passio eine Mittelquelle. 

1) Als Vertreter der echten rcaiSsfoc erscheint er als Christ, wie er vorher 
als Vertreter der höchsten heidnischen rcaihzla geschildert ist. Das ist das Neue 
in Gregors Quelle ; daneben dann der Verweis auf die Schrift De trinitate. 

2) Der Ausdruck l£opfav a&toü xaxaxpfoeTai ist juristisch nicht ganz korrekt, 
doch gebraucht schon Cyprian selbst Worte wie extorris f actus von dem, der sich 
der Verfolgung entzog (vincere in cursu nennt er es ep. 38, 1) und dessen Güter 
der Fiscus in Verwaltung nahm (ep. 24 und 38, 1). Denkbar ist also, daß die 
Biographie die Flucht unter Decius meint, glaublicher freilich, daß das spätere, 
in der vita et passio erwähnte Exil falsch datiert wurde. 



60 R. Reitzenstein, 

Vergangenheit Rücksicht zu nehmen. Stark hebt er danach her- 
vor, wie viel Christen Cyprian durch seine Briefe bewogen habe, 
standhaft das Martyrium zu erleiden, und schildert seine Mahnungen. 
Daß er hierbei nicht aus den Briefen selbst, sondern nur aus einer 
kurzen allgemeinen Angabe schöpft, hat Sinko a. a. 0. richtig be- 
obachtet *) Den Schluß bildet (cap. 16 p. 448 A) kurz und ohne 
Bezeichnung des Zeitabstandes oder der neuen Herrscher, Valerian 
und Gallien, die Angabe, daß Cyprian endlich selbst durch das 
Schwert hingerichtet worden sei. Gregor fand in seiner Quelle 
keine Angabe über die Kaiser und kannte offenbar die verschie- 
denen Fassungen der lateinischen Akten nicht, die im Abendlande 
am Tage des Martyriums in kirchlichen Gebrauch waren oder 
schon den Ausgaben beigegeben wurden 2 ) ; ich kann bisher über- 
haupt nicht nachweisen, daß sie je in den Osten gedrungen sind. 
Ebenso fremd ist dem Gregor freilich jenes griechische Martyrium 
des Cyprian und der Justina. Es hätte ihm für die rhetorische 
Schilderung so dankbaren Stoff geboten und zu seiner Einleitung 
so vorzüglich gepaßt, daß der Schluß ex silentio auch hier zwingend 
ist. Es war daher verfehlt, wenn Zahn trotzdem die bei Gregor 
folgenden Angaben über das Grab Cyprians mit denen dieses grie- 
chischen Martyriums in Verbindung bringen wollte. Um Ähnlich- 
keiten zu finden, verallgemeinert er: nach Gregor ist der Leib 
des karthagischen Bischofs zunächst lange im Besitz einer frommen 
Frau; dann wird er durch eine Offenbarung bekannt, feierlich be- 
stattet und tut nun in seinem Grabe (in Karthago) Wunder. Nach 
dem griechischen Martyrium werden die Leichen des Antiocheners 
und der Justina zunächst bewacht; römische Schiffer stehlen sie, 
lassen sich die Akten der Hinrichtung von Augenzeugen aufzeichnen 
und bringen beides nach Rom zu einer vornehmen Matrone Rufina. 
Diese bestattet sie auf dem Forum des Claudius mitten in der Stadt 3 ) ; 
dort halten die Christen Gottesdienst und erleben Wunder. Zahn 
legt auf das Eingreifen zweier frommer Frauen Wert. Aber das 
ist ein in der Martyrienliteratur geradezu typischer Zug 4 ) , der 



1) Es war verfehlt, wenn v. Soden (Texte und Untersuchungen XXV 3 
S. 181) die Frage aufwarf, welche Briefe Gregor gekannt habe. Der Neuheraus- 
geber des Corpus konnte natürlich die Sammlung kennen, daneben aber auch die 
allgemeinen Angaben der vita et passio benutzen. 

2) Vgl. die Abhandlung Die Nachrichten über den Tod Cyprians, Sitzungs- 
ber. der Heidelberger Akademie 1913 Abh. 14. 

3) Sollte der Schriftsteller einmal von einem forum Appi gehört haben? 

4) Vgl. z. B. die Akten des Anthimus. 



Cyprian der Magier. 61 

sich aus der Reliquienverehrung besonders der Frauen erklärt 1 ). 
Die Angaben Gregors stehen in dem Teil, welcher der Biogra- 
phie entlehnt ist. Sie sind an und für sich in ihr durchaus nicht 
undenkbar. Ueber den Gebeinen Cyprians erhob sich in Karthago 
später wirklich eine Kirche; die Gläubigen beteten dort und er- 
warteten Wunder (vgl. die von Tillemont Memoires IV 189. 190 
und neuerdings von Corssen Zeitschr. f. d. neutestam. Wissensch. 
XVI 71. 73. 79 angeführten Zeugnisse). Galt doch ihr Heiliger 
ihnen apostelgleich uud sollte schon bei Lebzeiten Wunder getan 
haben (vgl. oben S. 48). Ueber die erste Beisetzung war nichts 
bekannt ; auch wir kennen sie ja nur durch die lateinischen Akten, 
die im Orient nicht benutzt sind ; die vita et passio schweigt gänzlich. 
So fügte der Verfasser der Biographie nach irgend einer Quasi- 
tradition oder eigener Erfindung einen Bericht über jene fromme 
Frau bei. Daß er als Hauptquelle die vita et passio benutzte, er- 
kennt man besonders gut, wenn man beachtet, wie alles , was in 
dieser als bekannt vorausgesetzt wird, bei ihm fehlt. Ueber 
ihre Angaben hinaus hat er eine richtige Einzelheit (die Stellung 
Cyprians im Senat), sonst falsche Kombinationen und junge Er- 
findungen. 

Dennoch kann die Novelle von dem Zauberer Cyprian und 
seiner Liebe zu Justina in der Biographie schwerlich in dem Um- 
fange gestanden haben, in dem Gregor sie zur Erbauung und Er- 
götzung seiner Hörer in dem Mittelstück der Predigt (cap. 8 — 12) 
bietet. Zu schroff würde das dem ysvo<; der literarischen Biographie 
widerstreiten. Auch hebt Gregor diesen Teil in Anfang und Schluß 
deutlich von dem Hauptbericht ab und nennt selbst eine neue 
Quelle, die Buße. Er hat sie auch wirklich benutzt und zwar, 
wie in cap. 12 sein Bericht über die Verbrennung der Zauber- 
bücher zeigt, schon in der erweiterten Fassung, für die damit der 
terminus ante quem gegeben ist. Dennoch liegt nicht sie der Er- 
zählung zugrunde, nur einzelne Einlagen sind aus ihr gemacht; 
Anfang und Schluß, ja der ganze Gang und Ton des Berichtes 
stimmen zu der Bekehrung, die sich ja sogar als älter erwiesen 
hat als selbst der erste Teil der Buße. Die Annahme, daß ge- 
rade diese Schrift zugrunde gelegt ist, wäre zwingend, wenn nicht 
die Schwierigkeit bliebe, daß die Bekehrung ja von einem an- 
tiochenischen Bischof Cyprian erzählt und es schwer begreiflich 
wäre, wie Gregor die Erzählung von ihm sorglos auf den Kar- 



1) Man denke an die Berichte über die Entstehung der donatistischen Be- 
wegung. 



(32 R. Reitzenstein , 

thager übertragen konnte. Zahn, der diese Schwierigkeit mit 
Recht betont, führt freilich noch'andere Gegengründe an, doch ist 
von ihnen keiner stichhaltig. Er betont, daß eine auffällig zu der 
Bekehrung stimmende Einzelangabe Gregors (cap. 12 p. 445 B) d><; 
Se kt<i> -ctvoc "/jxoooa, otai vsco%öpo<; sich auf mündliche Tradition 
berufe. Aber als guter Rhetor will Gregor ja von Anfang an den 
Eindruck erwecken, daß er mit seinem Helden ganz vertraut sei 
und die sorgfältigsten Erkundigungen nach ihm angestellt habe. 
Die Wahl dieser Form ist bei ihm also begreiflich, auch wenn er 
in Wahrheit eine schriftliche Quelle benutzte. Noch weniger Ge- 
wicht hat für mich die Beobachtung, daß das Gebet Justinas, das 
Gregor in indirekter Rede bietet, einen andern Wortlaut hat, als 
in der Bekehrung; Reden und Gebete muß jeder Rhetor neu 
schaffen oder umformen, auch wenn er im Uebrigen von einer 
Quelle abhängt. Der Gedanke endlich, daß Gregor für dieses 
Gebet eine schriftliche Quelle haben müsse, weil er es mit den 
Worten beschließe (cap. 11 p. 443 A) raöra %ai TuXeuo toöuöv hiivp-q- 
jjLtCoooa, bedarf für Philologen keiner Widerlegung. Wohl aber 
habe ich einen anderen Anhalt, auf direkte Benutzung der Be- 
kehrung durch Gregor zu schließen. Da er auf die Umgestaltung 
der Novelle durch Gregor etwas Licht wirft, sei er ausführlich 
hier dargestellt. 

In der Bekehrung wie in der Buße handelt es sich nicht 
um die Liebe Cyprians zu Justina; die Liebe des Aglaidas und 
seine Bitte an Cyprian gibt diesem den Anlaß, die Macht der 
Dämonen an ihr zu erproben. Nur einmal heißt es in der Bekeh- 
rung, gleich als Cyprian den ersten Dämon ruft: spw^ai rcap-iHvoo 
twv raXtXaiwv, xai st öovaoai jjlol zabz-qv Tcapaa/eiv. Das braucht nicht 
mehr zu bedeuten als 'ich wünsche Justina zu haben; bringe sie 
zu mir', aber schon der Verfasser der Buße faßt es als Geständnis 
der eigenen Liebe Cyprian und läßt ihn nach dem Bericht der ersten 
Zauberversuche sagen: oox£u ?ap 6 'AyXociStqs efysto [lövoc spornte 
rqs xöpYjc, aXXa xaf^j ohne freilich darauf später irgendwie näher 
zurückzukommen *). Gregor verkürzt und vereinfacht aus rheto- 



1) Wie befremdlich den Lesern die Worte dpüifxai rcap&ivou vorkamen, die 
doch auch Eudokia und der alte lateinische Uebersetzer lasen , zeigt die Ueber- 
lieferungsgeschichte. Die griechische Fassung, welcher der Paris. 1454 und der 
von Frau Margaret Dunlop Gibson veröffentlichte Sinaiticus 497 (Studio, Sinaitica 
VIII S. 64 ff.) angehören, setzt ein ipa. 7rap^vou twv TaXiXatav 6 'AjXatöos ('AyXai'o; 
Sin.). Die arabische Uebersetzung (vgl. Ryssel Archiv f. d. Studium der neueren 
Sprachen und Literaturen 110 S. 286) setzt ein 'wir haben uns in eine Jungfrau 
von der Religion der Christen verliebt' (Interpolation aus der B u ß e) ; der Verfasser 



Cyprian der Magier. 63 

rischem Grunde die Erzählung; er streicht die Rolle des Aglaidas 
ganz und macht Cyprian zu dem eigentlichen ipaoTTfc. Nach der 
Schilderung der Schönheit und Keuschheit der Jungfrau heißt es 
sofort (cap. 8 p. 442 A) Taöryjs 6 \L^a<; yjXcü Ko7rptavöc, oox, olS' oftev 
y. a i o 7ü ü) <; , tt)? rcavua aocpaXoö? %ai zoajwas * <|>aaooai Y&p ^>#aX{j.oi 
Xtyvoc zai tcöv a^aöaTwv , tö 7üpo)(etpÖTatov öpYavojv xai a^Xirjatötatov * 
xai od/ 7]X(o {lövov, aXXa %ai iwsipa. Gregor las einen Bericht, der 
die Liebe Cyprians an einer Stelle erwähnte, wo sie überraschend 
und unerklärlich war , und fügte andeutungsweise eine halbe Er- 
klärung im Stil der erotischen Novelle ein *). Bei der Wahl Cy- 
prians zum Bischof, d.h. genau bei dem Schluß der Bekehrung, 
bricht (cap. 12 p. 445 B) die Benutzung dieser Quelle ab. Gregor 
kehrt in einem begeisterten Ausruf, der sofort näher zu erläutern 
ist, zu Cyprian von Karthago zurück, berichtet aber zunächst, 
was zwischen Bekehrung und Bischofswahl liegt. Justina ist völlig 
verschwunden. Der Wechsel der Quelle ist, wie schon angedeutet, 
handgreiflich. Die erste Quelle wird genau an der Stelle wieder 
aufgenommen, wo Gregor sie fallen gelassen hat, wiewohl ihn die 
zweite Quelle eigentlich schon weiter geführt hat. 

Die Frage war übrig geblieben, wie es möglich war, daß 
Gregor jene Nebenquelle benutzte, die in Anfang und Schluß so 
deutlich Antiochien als Schauplatz der Handlung bezeichnete. Eine 
weitere Rekonstruktion der Biographie bringt, wie ich glaube die 
Antwort. Längst ist beobachtet, daß von Lateinern nur Prudentius 
Kunde der Magie an dem Bischof von Karthago hervorhebt , , und 
Zahn hat dies richtig auf die Benutzung einer östlichen Quelle 
zurückgeführt , ohne ihre Eigenart näher bezeichnen zu können. 



der syrischen Uebersetzung endlich sagt dem Sinne nach richtig, aber vorsichtig : 
'ich bin befriedigt, wenn du eine Jungfrau von den Galiläern, wenn du kannst, 
zu mir herbringst'. 

1) Die bezeichnenden Worte o&x olo' oftev xal o-cu;, die in allen Handschriften 
stehen, sucht Sinko dem Gregor abzusprechen , weil in einzelnen am Rand oder 
im Text bei der Beschreibung der Jungfrau ein Satz eingeflochten ist xal tov ve- 
aviav i^rXrjxxev opwvxa fjiiv xccXXo; ^ai'atov, dxouovxa 11 xpoTrov ItpafjttAÄov. Ihn hält 
Sinko für echt und vermutet, ein Herausgeber habe es psychologisch unwahr- 
scheinlich gefunden, daß gerade die Keuschheit Justinas Cyprians Begierde ent- 
flammte. So habe er den Satz gestrichen und dafür später jene Worte eingesetzt, 
die sich nun in allen Handschriften fänden, während die alte Fassung nur in 
einigen nachgetragen sei. Allein auch wenn wir jene Worte tilgen und die Neben- 
überlieferung einsetzen, entsteht eine unerträgliche Wiederholung in der Fortsetzung. 
Auch überzeugt die Begründung der Korrektur des Herausgebers mich nicht. Ich 
halte den Satz xoci tov vsavi'av xtA. für einen müssigen Zusatz eines Lesers, der 
die üblichen Phrasen der erotischen Erzählung hier häufen wollte. 



64 R. Reitzenstein, 

Daß Prudentius (Peristephanon 13) in dem Hauptteil seines Ge- 
dichtes die jüngere, in Afrika offizielle Fassung des echten Mar- 
tyriums zugrunde legt und sie mit kecksten Erfindungen berei- 
chert, habe ich selbst (Sitzungsber. der Heidelberger Akademie 
1913 Abh. 14 S. 29 ff.) erwiesen. Vorausgeht eine allgemeine Cha- 
rakteristik, die im Schluß wieder aufgenommen wird : Punica terra 
tulit, quo splendeat omne quicquid usquam est, Inde domo Cyprian um, 
sed decus orbis et magistrum. Est proprins patriae martyr, sed amore 
et ore noster, Incubat in Libya sanguis, sed ubique lingua pollet 
(vgl. v. 101 Disserit, eloquitur, tractat, docet, instruit, prophetat, Nee 
Libyae popidos tantum regit, exit usque in ortum Solls et usque 
obitum, Gallos fovet, imbuit Britannos, Praesidet Hesperiae, Christum 
serit ultimis Hiberis). Den gleichen Preis enthält jener Schlußsatz 
des cap. 12 bei Gregor, mit dem dieser zu der biographischen 
Quelle zurückkehrt: od ?ap ttj<; KapX7]§ovfoov rcpoxafl-eCsTai jj.övov Ix- 
xXYjatag odös t^c s£ Ixslvoo %ai öl 5 sxeivov Tuep ißoTJTOo {J-s/pt 
vöv 'A<ppi%7)c (vgl. hierzu Prudentius v. 96. 97), aXXa *al ndG-qq r/jc 
eoTuspioo, o/eSöv Ss xal t^c i(j)ac ak^?, votioo ts xai ßopsio» 
X7]£eü)c, e<p' oaa Izetvos ^Xfte iq* ftau^au. ootod Ko7rptavö<; ^f*£- 
Tepos Yiverai. Die letzten Worte rechtfertigen offenbar die 
Verehrung Cyprians vor den Hörern ; er ist auch ihr Heiliger ge- 
worden, gehört allen, die ihn bewundern, nicht nur der eigenen 
Heimat (vgl. auch Prudentius v. 105. 106). Das erklärt die Worte 
des Prudentius (v. 3) Est proprius patriae martyr, sed amore et ore 
noster, die von Harnack (Gesch. d. altchristl. Literatur I 703) und 
von Soden (Texte u. Untersuchungen XXV 3 S. 177) seltsamer Weise 
als Anspielung auf Cyprians ep. 67 gefaßt werden. Wohl enthält 
dieser Brief die Antwort auf eine Anfrage spanischer Christen, 
aber von Liebe ist gar nicht die Rede, kein Anlaß, ihn irgend 
hervorzuheben ; der Gegensatz patriae martyr-noster bliebe unerklärt, 
der Gedanke und Ausdruck verschroben. Prudentius meint : durch 
unsere liebende Bewunderung ist er der unsere geworden (so weit 
stimmt er zu Gregor) und er gehört uns auch der Sprache nach (was 
der Orientale nicht sagen kann). Die Verbindung der beiden Worte 
ist mehr durch den Klang als den logischen Zusammenhang ge- 
geben. Gregor und Prudentius benutzen eine gemeinsame Quelle, 
deren Worte Prudentius hier durch den Zusatz et ore umgestaltet. 
Diese Quelle gilt es zunächst näher zu bestimmen. Wie Gregor 
in dem biographischen Teil feiert Prudentius an Cyprian zunächst 
die Gewalt des Xd^oc und die hohe Bildung. Gottes Ratschluß 
war, daß beide in den Dienst der Kirche treten sollten (v. 17) *) : 

1) Cyprian erscheint als der erste große Erklärer der heiligen Schrift v. 16 



Cyprian der Magier. (35 

Eligitur locuples facundia, quae doceret orbem Quaeque voluminihus 
Pauli famulata disputaret, Quo rnage cruda hominum praecordia per- 
polita nossent Sive timoris opus seu mystica vel profunda Christi *), 
vgl. Gregor cap. 7 und 13 (die Stellen hängen zusammen und sind 
nur durch den Einschub der Novelle auseinander gerissen) twv (asv 
ouv Xofwv xai ol Xöyol ^aprops?, ooc tcoXXoö? xai Xa^rcpooc ixelvoc wrcep 
%(öv xaTeßaXsio, ircsiSy] y £ ^etTfjveY^s ftsoö <piXav&p(»)7uia tyjv rcatSeoaiv. 
xoö rcoioövtoc toc rcavca xai jjLSTaaxeoÄCovcoc rcpös tö ßdXtiov und T-fjv rcepi 
Xö^ooc cptXoxtfuav, IS wv -rjftos arcav £7rai8soae xai Sof^aTaw arcaiSsoaiav 
Ixdthjpe xai avöpwv ßioüc ixöajiTjae xai t^<; ap/tXTfc xai ßaaiXixifc Tpt- 
dSos ttjv 'O-sÖTYjTa . . . sie T& dp^atov iTuavYJYaYsv (vgl. oben S. 56). 
Auch Prüden tius nennt also als Gegenstände der Lehre Cyprians 
die Ethik (Werke der Gottesfurcht) und die Dogmatik (bei der 
Trinitätslehre handelt es sich gerade auch in dem Werke Nova- 
tians um das Verhältnis des Sohnes zum Vater). Wie Gregor 
nach der Biographie schildert dann Prudentius die Umwandlung 
des Lebens (v. 25 ff.) und wie Gregor hebt er die allseitige Bildung 
Cyprians hervor, freilich mit einem eigentümlichen Zusatz (v. 21 ff.) : 
Unus erat iuvenum doctissimus artibus sinistris, Fraude pudicitiam 
perj ringere , nil sacrum putare, Saepe etiam magicum cantamen inire 
per sepulcra, Quo geniale tori ius solveret aestuante nupta. Lnxurkie 
rahiem tantae cohibet repente Christus e. q. s. 

Hat Prudentius, der doch im übrigen offenbar die Biographie der 
Ausgabe von Konstantinopel zugrunde legt 2 ), diesen Hinweis auf 
den Zauber und besonders auf den Liebeszauber selbst eingelegt? 
Das wäre nur denkbar, wenn er die Novelle benutzte, die auf den 
Antiochener gestellt war. Das Rätsel, wie das geschehen konnte, 
würde sieh also nur verdoppeln ; und dabei erwähnt Prudentius die 
Novelle selbst nicht und beschreibt die Zauberei zwar mit den 
üblichen Farben der älteren Poetik, aber ganz anders als die 
Novelle. Die leichteste Erklärung gibt wohl die Annahme, daß 
schon die Biographie einen kurzen Hinweis auf die Zauberkünste 
enthielt. Fand ihn Gregor hier ebenfalls, so mußte er sich be- 
rechtigt glauben, den Bericht der Bekehrung auf den Karthager 
zu übertragen und die Angabe, Cyprian sei in Antiochien Bischof 
gewesen, für einen Irrtum zuhalten. Die B u ß e konnte ihn weiter 

1) Einen leichten Anklang an den Brief der siguensischen Märtyrer an Cy- 
prian (ep. 77) möchte ich wenigstens erwähnen. Er berührt sich freilich auch 
mit Gregors Schilderungen und kann in der Biographie benutzt gewesen sein. 

2) Sie hatte natürlich besonderen Grund, Cyprian als Lehrer der gesamten 
Christenheit und daher auch des Ostens hervorzuheben. Der Herausgeber 
wünschte ihn ja zum Besitz auch der griechischen Kirche zu machen. 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 1. 5 



ßß R. Reitzenstein, 

darin bestärken. Eine ausführliche Polemik gegen jenen vermeint- 
lichen Irrtum war durch den ganzen Charakter seiner Rede ausge- 
schlossen. Seine sachlichen Quellen sind danach klar ; ihr Studium 
hat ihm nur wenig Zeit kosten können. Sein eigen bleibt nur die 
geschickte rhetorische Ausgestaltung. 

Eine letzte Frage wäre dann, ob die Biographie vor die No- 
velle von der Bekehrung fällt oder umgekehrt. In ersterem 
Falle könnte die Magie nur erwähnt sein, um die philosophische 
Bildung Cyprians mit besonderer Steigerung hervorzuheben. Der 
Verfasser der Novelle müßte dann die Biographie benutzt haben. 
Dann würde seine ganze Erfindung der Biographie des kartha- 
gischen Bischofs entstammen; er würde wirklich diesen schildern 
wollen und ihn dennoch nach Antiochien versetzen. Viel glaublicher 
ist jedenfalls das Umgekehrte, daß er die Rolle des Zauberers in 
seinem Stoff gegeben fand ; er wollte ihn nach der Bekehrung zum 
Bischof werden lassen und wählte danach für ihn einen berühmten 
Namen, von dessen Träger man doch im Osten nicht viel wußte; 
auch sollte sein Cyprian so wenig wirklich der geschichtliche Bi- 
schof sein, wie sein Aidesios der geschichtliche Philosoph. Aber 
das freie Spiel der Dichtung ward, gerade weil man von Cyprian 
so wenig wußte und doch nach Einführung des Festes bald mehr 
wissen und in der Predigt erzählen wollte, verkannt. Selbst die 
Biographie mochte jetzt erwähnen, daß eine Tradition ihm vor der 
Bekehrung sogar Zauberkünste zuschreibe. Der Verfasser der 
Buße benutzte sie und die Dichtung. 

Sicheren Boden haben wir unter den Füßen, wenn wir die 
Entwicklung weiter verfolgen. Ein Gregenbild zu der Erzählung 
G-regors bietet das jakobitisch-arabische Synaxarion (Wüstenfeld 
S. 37 ff., vgl. jetzt Patrol Orient. I 285 ff.). Die arabische Tra- 
dition scheint nicht über das fünfzehnte Jahrhundert hinauszugehen, 
doch hat der offenbar zugrunde liegende griechische Text schon dem 
Metaphrasten Symeon vorgelegen, der ihn in einer Einlage (Migne 
115 jp. 856 C) benutzt 1 ); er ist also für das zehnte Jahrhundert be- 
zeugt. Eine weitere Datierung bietet, wie oben S. 43 gezeigt ist, 
das von Eudokia benutzte griechische Martyrium, da es diese 
Fassung voraussetzt. Sie gehört ins Ende des vierten oder den 
Anfang des fünften Jahrhunderts. Ich gebe den Bericht in starker 
Verkürzung. An diesem Tage — dem 18. September — starben 
als Märtyrer der heilige Cyprian und Justina. Dieser Cyprian 

1) Neben ihm übrigens auch den Gregor, den wieder Georgios Synkellos als 
Hnuptquelle benutzt; ganz von Gregor hängt auch das Menologium Basilianum 
(Migne 117 p. 84) ab. Sonst finde ich ihn nicht als maßgebend benutzt. 



\ 



Cyprian der Magier. 67 

war ungläubig und ein Zauberer gewesen; er hatte die Zauberei 
im Westen (Magrib) gelernt und war, als er dort alle Zauberer 
übertraf, nach Antiochien gezogen, um dort entweder Neues zu 
lernen oder mit seinem Wissen zu prunken *). Als er dort bekannt 
geworden war, wendete sich der Sohn eines Vornehmen, der in 
eine christliche Jungfrau Justina verliebt war, bittend an ihn, da 
ihm selbst weder Geldversprechungen noch Todesdrohungen noch 
Zauberkünste geholfen hatten. Cyprian bot alle seine Kunst auf; 
aber die Dämonen, die er zu ihr sandte, fanden sie immer im Ge- 
bet und mußten die Flucht ergreifen. Endlich rief er verzweifelnd 
die Teufel herbei und sagte ihnen: wenn ihr mir Justina nicht 
herschafft, so werde ich Christ. Da ersann deren Oberhaupt eine 
List und ließ einen Dämon in der Gestalt Justinas zu Cyprian 
kommen, allein als dieser sie mit den Worten 'Willkommen, Kö- 
nigin der Frauen, Justina 5 umarmen wollte, entschwand der Dämon 
in Eauch. Da erkannte Cyprian die Ohnmacht des Teufels, ver- 
brannte seine Zauberbücher und ließ sich von dem Patriarchen von 
Antiochien taufen. Dieser nahm ihn in den Priesterstand auf und 
machte ihn nach kurzer Zeit zum Meßdiener und nachher auch zum 
Presbyter, und nachdem er in tugendhaftem Wandel und den Wissen- 
schaften der Kirche weitere Fortschritte gemacht hatte, wurde er 
Bischof von Karthago. Er nahm die heilige Justina mit sich 
und machte sie zur Oberin der Nonnen (in der Bekehrung: 
Ttai [iz/jispa aotYjv toö a<37W]'CY]p£oD ircotyaev), und als das heilige Concil 
sich in Carthago versammelte, war er unter den Teilnehmern. Als 
der Kaiser Decius von den beiden hörte, ließ er sie zu sich holen 
und verlangte von ihnen, daß sie ihren Glauben verleugneten, und 
als sie ihm nicht gehorchten, ließ er ihnen die Köpfe abschlagen. 
Ihr Gebet sei mit uns. 

Wie bei Gregor ist hier der Inhalt der Bekehrung und der 
Buße mit der Geschichte des karthagischen Bischofs verbunden, 
der hier durch Decius selbst verurteilt wird. Dennoch war es ver- 
fehlt, wenn Zahn den Bericht aus Gregor ableiten wollte. Dem 
widerstreitet die Fülle der bei Gregor fehlenden Einzelzüge, die 



1) Vollständiger in der Fassung des Metaphrasten : Kurcpiavos xi? sv x^ 'A>>- 
xio^ewv StExpißsv, fjvt'xa xa xtjc ßaaiXeias axrJTrxpa Asxio; etyev 05 itaxpioa jaev t\'. jii 
Kap^/rj5ova xrjv sv Atßur], yevvr)xopas §s x<üv eöysviüv xal TrXouatav cpiXoaocpi'a os 9jv 
auxoj xal xe^vtj [xayiX7] xö cpiXo7covo6fxsvov. xaoxats ix veou Trpoa^tuv efc dpicpox^piov 
äxpox7jxa TJXaöe, <J7;ou§fjV apia xal cpuatv öduxaxrjv etasveyxwv. övo'|xaxo; §s (xeyaXoo xu- 
-/d>v 0'3 [xo'vov Kap/TjSdva xoupTJGal ™ £xei'voo xX£o? T^ttoaev , aXkä xal xrjv 7:ep(ßXe7:xov 
'Avxid/eiav piapxupa xtj? aoxoü xat aocpfas xal xrj? 7iepl xä fxayixd Se^ioxtqxos ^^Xr^aev 
fysv* ' l'au>? oe xal p.adsTv xt TcpoaooxTjöa? IxeTöev, 6 fxt] {J^xpt xdöe fj.E(jtd$hjxev. 



ßg R. Reitzenstein, 

das Synaxarion (z. T. in lehrreicher Umbildung) aus der Bekeh- 
rung und Buße bewahrt hat, und widerstreitet mehr noch die 
Fassung des Martyriums, das hier Cyprian und Justina zusammen 
erleiden *). Der Verfasser benutzte dieselben Quellen wie Gregor 
nämlich für Einleitung und Schluß ein paar Angaben der Bio- 
graphie (kaum nach eigener Lektüre), dann die Bekehrung und 
Buße, wobei die erstere wieder den Grundstock der Erzählung 
bot. Eingefügt ist noch die Erwähnung des Concils, auf Grund 
von Eusebios (vgl. die gegen Eusebios gerichtete Polemik und die 
aus Gregor entlehnten Angaben bei Georgios Synkellos p. 707, 1 
und 684, 1 1 der Bonner Ausgabe). Die Widersprüche seiner Quellen 
verdeckte der Verfasser durch geschickte Kombination. 

Die weiteren Synaxarien kann ich nicht ganz verfolgen ; doch 
scheinen die Quellen ähnlich. So beginnt das Synaxarium Con- 
stantinopolitanum oder Sirmondianum (ed. Hipp. Delehaye, Brüssel 
1902 p. 97) mit einem indirekt aus der Biographie entlehnten kurzen 
Stück : oütos YJv im Astuoo toö ßaoikitoQ , Y^vet 7uepi<pavY]c %oli izkobzy 
Tto^wv xai sie #%pov xfi<; iv Xöyok; cpiXoacxpiac zal t^<; [ia^tx^c k\ d- 
oa? iTUTTjösoaeöK (in dem von Delehaye zum Vergleich heran- 
gezogenen Synaxar: Korcpiavös 6 aocpös lepap/TK 07c^p)(s [isv srci rrjc 
ßaadstac toö Asxtoo, d7CÖ'AvTto/siac xy\$ £ o p t a <; * ^v 8s <piXö- 
aocpos %ai \lol^o<; x€\eio<;). Es folgt eine Ueberleitung zu dem 
Thema: rcpö? 8s ttjv sie Xpiatöv mauv xai tyjv 8ta toö (lapTopioo ts- 
Xeuaatv TJX&ev i£ akias Toiaorrjc, dann der Inhalt der Bekehrung, 
endlich das Martyrium, das hier schon aus dem erhaltenen grie- 
chischen Martyrium interpoliert ist 2 ). Dieselbe Anordnung der 
Bestandteile zeigt Delehayes zweites Synaxarium, in welchem das 
Martyrium noch einfach ist (der ap/wv ttjc Aa^aoxoö läßt die Hei- 
ligen durch's Schwert hinrichten). Neben der Bekehrung ist 
Gregor und vielleicht auch die Buße benutzt 3 ). 



1) Gregor weiß nur von dem Märtyrertode Cyprians (unter Decius), weil er 
seine Quellen nicht verschmilzt, sondern neben einander benutzt. 

2) Der Comes orientis versucht in Damaskus die Heiligen durch Feuer zu 
töten und sendet sie dann an den Kaiser (also Decius) nach Nikomedien. Den 
Schluß bildet eine Angabe über den Bericht Gregors. Umgekehrt könnte die ara- 
bische 'Uebersetzung' der Bekehrung und des Martyriums, die Ryssel im Archiv 
f. d. Studium d. neueren Sprachen und Literaturen 110 S. 280 ff. bietet, die beiden 
Sonderschriften aus einem Synaxarium interpoliert haben. Das Martyrium ist 
hier doppelt, aber der Kaiser ganz beseitigt. 

3) Wie die wenigen Quellen immer wieder benutzt werden, zeigt niedlich 
die arabische 'Uebersetzung' der Bekehrung, die bei der ersten Erwähnung 
Cyprians einlegt: 'dieweil er zu jener Zeit dahin (nach Antiochien) aus Afrika 
gekommen war und der üble Ruf seiner Ränke und Listen in dem ganzen Ort 



Cyprian der Magier. 69 

Aus dieser festen Reihenfolge erklärt sich das jüngste der hier 
zu besprechenden Werke, das griechische Martyrium. Wenigstens 
werde ich den Eindruck nicht los, daß die an sich überflüssige Epi- 
tome aus der Bekehrung, die Cyprian in seiner Rede bietet, aus 
der Ueberleitungsformel rcpöc 8e rrjv tlc Xptaröv rctativ . . . ^X-ö-ev e£ altt'ac 
toiaoTY]«; und ihrer Fortsetzung herausgewachsen ist. Das Martyrium 
benutzt die gleichen Quellen in der gleichen Folge, bietet also 
nur die künstliche Ausgestaltung und Ueberarbeitung. Der Verfasser 
will ebenfalls von dem großen Kirchenlehrer berichten, doch weiß 
er über ihn noch viel weniger, verfügt aber über eine lebhafte 
Phantasie und eine gewisse Belesenheit in der jüngeren Martyrien- 
literatur. Daß er die Bekehrung benutzt, kann nicht zweifel- 
haft sein; aus ihr hat er also die ihm eigentümliche Angabe, daß 
der Märtyrer in Antiochien Bischof war und daher zunächst von 
dem Gomes or lentis abgeurteilt wurde. Für die genauere Kenntnis 
der Ausbildung des Berichtes wird erst die weitere Durchforschung 
der handschriftlichen Tradition das Material bieten können. Da 
eine solche mir selbst unmöglich ist, habe ich mich beschränkt, 
die Hauptstadien der Ausbildung der auf Cyprian bezüglichen 
Literatur nach den vorhandenen Quellen darzulegen. Vielleicht 
kann ich auch dadurch dazu beitragen, daß die interessanten Schrift- 
stücke bald in genügender Form herausgegeben werden. 

Eine antiochenische Tradition ist bisher nicht erwiesen, ja die 
Novelle (die Bekehrung), von der die ganze Entwicklung aus- 
geht, hat sich als sicher nicht-antiochenisch herausgestellt. Auch 
ihre Nachbildungen, die Zahn S. 128 ff. zusammenstellt, beweisen 
dafür nichts f)< Daß schon in der nächsten Behandlung des Stoffes 

vernommen wurde'. (Ryssel, Archiv f. d. Studium d. neueren Sprachen u. Lite- 
raturen 110 S. 286). Quelle ist die Angabe des jakobitisch - arabischen Synaxa- 
riums, vgl. auch die Stelle aus Symeon dem Metaphrasten oben S. 67, 1. Die Grund- 
typen dieser Synaxarien-Berichte sind, veranlaßt durch das kirchliche Bedürfnis, 
schon damals entstanden. Die Erweiterungen scheinen allmählich hinzuzutreten. 
Uebrigens ist in jener arabischen 'Uebersetzung' in dem Martyrium auch Gregors 
Rede noch benutzt (man vgl. Ryssel S. 202. 203 mit Gregor cap. 15 und achte 
auf die angeführten Stellen der Bibel). 

1) Die bei Theodoret (Eist rel. 13, Migne 83, p. 1405, Zahn S. 102) von 
Macedonius erzählte Wundergeschichte hat mit der CypriaD-Dichtung nichts ge- 
mein als die allgemeinen Anschauungen dieser Zeit über den Liebeszauber und 
seine Wirkungen. Beeinflußt scheint die Marina-Legende (Marina ist Tochter 
eines heidnischen Priesters Aidesios in dem pisidischen Antiochien); aber daß 
der Einfluß rein literarisch ist, zeigt schon die Heimatsbezeichnung (an den Na- 
men, nicht den Ort knüpft die Dichtung); auch die Novelle von Maria von An- 
tiochien (Zahn S. 129) ist rein literarische Nachbildung. Ich vermag eben darum 
auf die Namen der Heldinnen so wenig Gewicht zu legen wie (trotz Useners 



70 R. Reitzenstein, 

Cyprian in den Mittelpunkt tritt, ist begreiflich, ja notwendig, 
wenn inzwischen die Ausgabe und die Biographie einerseits , das 
Fest andrerseits die Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet hatte. Beide 
hängen eng zusammen. Denn, so seltsam es zunächst klingen mag, 
nicht eigentlich als der Märtyrer kam Cyprian in den Osten, son- 
dern als der große Lehrer der westlichen Kirche und der Ver- 
treter der Rechtgläubigkeit in ihr. Daß er auch den Märtyrertod 
erlitten hatte, bot den Anlaß ihn durch ein Fest zu ehren. Aber 
kirchenpolitische Rücksichten auf das Empfinden des Westens, nicht 
die Bewunderung des Martyriums selbst, bestimmten die Einfüh- 
rung und Anerkennung; man bemühte sich nicht einmal um die 
'Akten'. Die eigenartige Lage , in welche der Prediger dadurch 
versetzt war, wird aus Gregor am besten anschaulich. Die be- 
fremdlich rasche Ausbildung der Literatur erklärt sich aus dem 
Fest. Als sie ihren Abschluß endlich in einem wirkungsvollen 
Martyrium gefunden hatte und nun in den Westen zurückdrang, in 
dem das echte (oder doch das relativ echte) Martyrium des kartha- 
gischen Bischofs allgemein verbreitet war und kirchlich benutzt 
wurde, konnte man in jenem Gebilde der Dichtung den eigenen 
Heiligen nicht mehr wieder erkennen. So erhielt die Kirche des 
Abendlandes zwei Märtyrerbischöfe gleichen Namens, im Osten ist 
der Cyprian der Justina- Dichtung Alleinherrscher geblieben, aber, 
selbst wo er als Antiochener galt , meinte man doch den großen 
Kirchenfürsten und Schriftsteller 1 ). Was der Osten vom Westen 
wirklich angenommen hatte, war nur der Name gewesen ; auch die 
Ausgabe von Konstantinopel hatte ihren Zweck nicht erreicht. 
Was der Westen zurückerhielt, war eine Dichtung, die gewiß die 

wundervollem Büchlein) auf den Namen Pelagia. Daß ein Zufall uns inschriftlich 
den Namen Aglais in Rom im ersten Jahrhundert bei der Freigelassenen eines 
Mitgliedes der gens Claudia zeigt, während in dem späten und phantastischen 
Martyrium der Antiochener Aglaides als Verwandter eines Kaisers Claudius be- 
zeichnet wird, berechtigt noch weniger zur Annahme irgend einer richtigen oder 
falschen Lokaltradition. Wie könnte man einen Zusammenhang der Benennungen 
überhaupt konstruieren? Noch weniger freilich möchte ich auf die Vermutung 
von S. Baring-Gould (Contemporary Review 1877 S. 864) eingehen, die Novelle 
von Cyprian und Justina sei daraus entstanden , daß die Martyrologien zu dem- 
selben Tage wie den Cyprian auch eine karthagische Märtyrerin Rosula erwähnen. 
Um eine karthagische Tradition oder abendländische Dichtung kann es sich über- 
haupt nicht handeln. 

1) Das hat schon Fell geahnt und hat Zahn wirklich erwiesen, wenn er 
auch gegen seinen Vorgänger polemisiert und viel zu viel als Tradition retten 
will. So kommt es, daß man noch immer von einer 'Verwechslung' des Anti- 
ocheners und Karthagers redet und die Schuld an ihr der Flüchtigkeit Gregors 
zuschreiben zu können meint. 



Cyprian der Magier. 71 

Züge des Alterns der Schaffenskraft des griechischen Genius in 
sich trug, aber doch des Eigenen und Bedeutsamen noch genug 
bot, um die Weltliteratur nachhaltig zu beeinflussen. 

Die Reihenfolge der Schriften ist nach meiner Vermutung also : 

Die Novelle (die Bekehrung), etwa um 350. 

Die Biographie Cyprians in der Ausgabe von Konstantinopel. 

Die Buße Cyprians Teil I. 

Die Buße Cyprians in Erweiterung. 

Die Predigt Gregors von Nazianz im Jahre 379. 

Die Urtypen der Synaxarien-Berichte (vielleicht auch die Quelle 
Theodorets). 

Das Martyrium des Cyprian und der Justina. 

Die Dichtung der Eudokia, um 450. 



Anhang. 

Die Voraussetzung dieser Ausführungen ist, daß die Novelle 
zuerst griechisch veröffentlicht wurde. Eben hiergegen hatte sich 
früher V. Ryssel, Der Urtext der Cyprianlegende , Zeitschrift f. 
d. Studium der neueren Sprachen und Literaturen 110 (1903) S. 
273 ff. *) gewendet, ohne, so weit ich weiß, bisher Widerspruch ge- 
funden zu haben. Der verstorbene Gelehrte hielt die syrische 
Fassung, die Bedjan (Acta mart. et samt. syr. III 322 ff.) aus dem 
cod. Berol. 222 (B) und Agnes Smith Lewis (Studia Sinaitka IX 
245 ff.) aus der oberen Schrift des berühmten sinaitischen Palimp- 
sestes des ältesten Evangelientextes (S) und dem cod. syr. Add. 
12, 142 des Britischen Museums (L) herausgegeben hat, für original. 
Die kürzeste und ursprünglichste Form vertritt dabei für ihn L, 
während BS, die eng zusammen gehören, einen erweiterten Text 
bieten sollen, der dem griechischen Uebersetzer vorgelegen haben 
müßte. Die Texte umfassen — was mich von vornherein bedenklich 
stimmt — sowohl die Bekehrung als das junge Martyrium. 

In der Untersuchung setzte Ryssel die Resultate Zahns ein- 
fach voraus, ignorierte sie aber an einem entscheidenden Punkte, 
mit dem ich daher beginne. 

1) Zahn hatte auf eine sachliche und stilistische Uebereinstim- 
mung mit den Thekla- Akten hingewiesen. In der Bekehrung heißt 
es von der Jungfrau, die den Angriff des Aglaidas abwehrt: 7) Se 



1) Ich danke die Kenntnis seines Aufsatzes einem gütigen Hinweis H. Lietz- 
manns. 



72 R. Reitzenstein, 

veävi<; rrjv iv XpiaT<j> rconjaaaa oippaYtöa paY§atov aötöv irci y?]<; pu|>aoa, 
otttiov, ta<; 7üXeopac ao-coö xai tyjv otptv a<paviaaaa TUOf^at«; xai Tuspip- 
pTJ^aoa touc x t,CÄVa S aotoö -O-ptajxßov atköv kizoiypev *) axtfXoo&a rcpa£aoa 
rg ötöaoxaXcp 0£xXTf], xai ownjjet sie ^öv xopiaxöv olxov. Dem entspricht 
in der Tbekla-Legende cap. 26 p. 254, 5 Lipsius xai Xaßoyivr) toö 
'AXs£dvöpoü rcspisaxtosv atWoö tyjv xXajiüSa xai töv ccs<pavov a<psiXsTO arcö 
ri)c xsfpaXvjs aotoö xai Iotyjcsv afköv ftpia^ßov. In der syrischen 
Fassung der Bekehrung heißt es : 



L. 'Die Heilige aber bekreu- 
zigte sich mit dem Zeichen Christi 
und ergriff den Unverschämten 



BS. 'Die heilige Jungfrau aber 
ergriff ihn allein und bekreu- 
zigte sich mit dem Zeichen Christi 



und sie warf ihn auf die Erde und schlug ihm ins Gesicht, und sie 
zerriß seine Kleider und ließ ihn ganz verwundert stehen, wie ihre 
Schwester Thekla es mit dem unverschämten Alexander gemacht 
hatte'. — Das weist vielleicht auf eine griechische Lesung ix$a{Lßov 
atköv ercongaev, die aus dem mißverständlichen &pia[jißov aoröv stcoi- 
njasv leicht werden konnte 2 ). Unmöglich scheint es mir, das Syrische 
hier an die Spitze zu setzen. 

2) Es steht ähnlich mit der Entlehnung aus den Thomas -Akten 
(vgl. oben S. 47). Zunächst zeigt das Sätzchen, das sich nur in 
den syrischen Handschriften SB findet 'und Dornen und Disteln hat 
sie um meinetwillen hervorgebracht', daß nur diese beiden Hand- 
schriften die ursprüngliche Fassung des syrischen Textes bieten 
können. Sodann fehlt im Syrischen überhaupt jeder Hinweis auf 
das goldene Kalb, und Kyssel (S. 276) sieht darin sogar ein Zeichen 
der Ursprünglichkeit, mit Unrecht, da der Hinweis schon in dem 
Vorbild steht. Die Annahme, daß ein griechischer Uebersetzer die 
Vorlagen des Syrers nachgeschlagen hätte , würde mir ganz un- 
glaublich scheinen. 

3) Als positiven Beweis führt Ryssel eine Anzahl von Stellen 
auf. an denen er den griechischen Text nicht verstanden hat; so 
zunächst cap. 8 (von Eva) Irceita ös Ttsiaftsica iTexvofövyjaev xai ttjv 
Yvöoiv tö>v xaXäv (stöbe, fügt Sin. ein) ojcsödjato xai 6 xöa^os TSTsxvcötai, 
(xöa(jLo<; Sitae Sin.). Der Syrer bietet : 'und als Adam sie erkannt hatte 
und sie Kinder gebar, empfing sie die Erkenntnis des Gruten und 



1) So Paris. 1454 und Sinaiticus, d-eXucev Paris. 1468 (vgl. cap. 5 S. 145, 
15 Zahn). Letzterer verstand den Ausdruck nicht mehr, der aus Tporratov laxavat 
hervorgewachsen ist (vgl. die Thekla-Akten), Eudokia ebenfalls nicht ; sie umschreibt 
0X015 S'draßetJje Y&u>Ta. 

2) Denkbar ist freilich auch, daß der Syrer den ihm unverständlichen Text 
durch freie Erfindung umgestaltete. 



Cyprian der Magier. 73 

des Bösen und um ihretwegen wurde die Welt (S das Volk) 
geboren und kam es zu der Aufeinanderfolge der Geschlechter und 
Generationen (SB der Kreaturen)'. Ryssel hält 6 xöcj^oc tsts- 
Tcvwuat für unverständlich und daher für falsche Uebersetzung aus 
dem syrischen Wort für Volk. In Passows Lexikon war das — 
schwerlich direkt benutzte — Vorbild angeführt, Euripides Herc. 
für. 6. 7 ol Kaöjioo rcöXiv TSTtvooai rcatöcov rcaiatv (vgl. den Commentar 
von Wilamowitz). Der [Syrer hat die elegante Wendung breit 
wiedergegeben, aber wie aus ihm der griechische Text zu erklären 
wäre, ist mir unverständlich. 

4) In dem dritten Gebet der Justina heißt es (cap. 8): Xpiais 
6 toüc U7üö toö aXXoTpioo xataSovaa-csoo^svou«; acpCwv xai (pcoTafw^crtv 
rcpöc xö -ö-sXTjLLd oou too<; aouc (tooc laotoo Paris. 1454) SooXoos 1 ), 6 
zcLlq axxlai r/jc ö\7taioaövr,<; arcoaoßwv zobc, iv awptq. ooXoövcag tocc eo- 
^a<; 2 ), lly] öö<; u,s vinrjtHjvai 07uö toö aXXotpioo. Der Syrer bietet : 
'Christus, der die rettet (stärkt BS), die zu ihm ihre Zuflucht 
nehmen, und seine Knechte hin zu dem Willen seines Vaters leitet 3 ), 
der hat leuchten lassen seine herrlichen Strahlen denen, die er- 
blindet waren infolge der Finsternis des Bösen, du, o Herr, unser 
Herr Jesus Christus, in deiner großen Gnade und Huld gib mich 
nicht preis, daß ich nicht besiegt werde von dem, dem Rechtlich- 
keit fern ist'. Hyssel behauptet, aXXöTpio? heiße nur 'fremd', und 
findet es daher als Bezeichnung des Teufels auffällig ; der Grieche 
möge den Genetiv 'der Rechtschaffenheit' übersehen haben. Seltsam, 
daß er dann sogar gegen den syrischen Text zu Anfang schon dasselbe 
Wort schrieb. In Wahrheit ist 6 aXXocpios, (wie s/ftpös, avcwuaXoc dgl.) 
als Bezeichnung des Teufels nicht selten, vgl. z. B. Acta Phüippi 
p. 40, 15, Johannis 183, 7, Andreae 41, 25 (ed. Lipsius). Der Gedanke, 
daß die aufgehende Sonne (oder der Morgenstern) die Diebe ver- 
jagt, ist in der griechischen Poesie allbekannt, und wenn die Be- 
tende bei Nacht fürchtet, daß der böse Feind ihr Gebet wegfängt, 
so ist das ein gezierter, aber doch begreiflicher Gedanke. Aber 
begreiflich ist auch, daß Schreiber ihn mißverstanden und der Syrer 
anderes einsetzte. 

5) Wenn Cyprian cap. 10 dem Bischof sagt ßo6Xou,ai za-fw 



1) oiatJtoCwv xat cpioxaYouytöv xo'j; sauxoO öouXou; Ttpo? xo MXr^aa xoü Ttaxpo; aou 
Paris. 1468, vgl. den Syrer. 

2) So Sinait. (aber auXXoüvxas) und Paris. 1454 (aber xd« eo/ocs fehft), aoX- 
Xoj.evou; Paris. 1468. 

3) Das Sätzchen fehlt in L, kleinere Auslassungen einzelner Hss. im fol- 
genden Text gebe ich nicht an. 



74 R. Reitzenstein, 

OTpaTsoeot) , a'w T<j> Xpiouj) xai la^vai sl<; tyjv ßtßXov twv Cwvtüjv *) und 
der Syrer übersetzt: 'ich will ein Verehrer Gottes und unseres 
Herrn Jesus Christus sein und eingezeichnet werden (von unserm 
Herrn) in das Buch derjenigen, die ihn verehren', so ist, abgesehen 
von der Farblosigkeit des Ausdrucks bei dem Syrer, in beiden 
Texten alles verständlich und klar; selbst arpaTeuea&ai uvi in der 
Bedeutung 'im Heere jemandes dienen' wäre hier ganz unanfecht- 
bar ; aber atpaTsuw heißt, wie das Lexikon zeigt , auch anwerben, 
aTpaisosoftai sich anwerben lassen. Wendungen wie da nomen sanctae 
miliüae sind bekannt. Ich verstehe nicht, warum Kyssel den grie- 
chischen Ausdruck beanstandet. 

6) Cyprian schilt den Satan cap. 7 ziq Icmv aSty] t) aSpavia (u 
Iotiv 7] TOiaoTTj a§p. Sin.) djjaöv oa vevixvj'uat aoo rcäaa -q §6va[uc ; Der 
Syrer bietet: 'was ist das für eine Kraftlosigkeit, daß dein ganzes 
(fehlt L) Heer besiegt worden ist?' Byssel meint, letzteres sei 
dem Sinne nach besser ; da das syrische Wort für Heer auch 'Kraft' 
bedeuten könne , habe ein Grieche das minder passende Wort 36- 
va^t<; eingesetzt. Aber öovajus ist ja im Griechischen ebenso doppel- 
deutig, und an sich ist hier der Begriff 'Kraft' sogar passender. 
Zwei Dämonen haben sich bisher an Justina versucht; nicht die 
Zahl, wohl aber die Kraft, deren sie sich gerühmt haben, war zu 
betonen, und diese Kraft ist natürlich zugleich die Satans selbst 
(Gegensatz ist aöpavia). 

7) In dem ersten Gebet der Justina heißt es cap. 5 6 rcXdaas 
avd-pwTuov 1% f/jg :upös o^oiönqTa laoioö, [%al] 2 ) rcj) Travaöfpw aoo tcvso- 
\kazi avato7:a)od{j.svo<;, xal ft^svos aotöv iv Tpocp'fl toö rcapaSeiaoo, Iva 
arcoXaoaTß (8ea7röC*fl Paris 1454 Sin.) twv 07tö aoo Yevofiivüw kzig\l6lzw. 
Dem entspricht syrisch: 'der du den Menschen nach deinem Bilde 
geschaffen hast 3 ) und ließest ihn im Paradiese der Wonnen, damit 
er an deinen Geboten (so L, Genüssen S, Segnungen B) Freude 



1) t<öv Cwvxuiv scheint in der Vorlage der Eudokia gefehlt zu haben, sie schreibt 
dfravdxoto oupocvi'ou Oepcfrttov oxpaxtfj Xpiaxoo irpoßißouXa ß(ßXt;) iyxaxaXe^at Ipt-ov xe'ap. 
Paris. 1454 und Sinait. ßo6Xo[xai axpaxeueaOat (axpaxeuaaaftcu Sin.) auxüi xat ivxa- 
yrjvai (eVcaüOa ytaxai Sin.) e£? xrjv fxccxptxa xffi öxpaxias auxoö. 

2) Von mir getilgt. Das dvaxu^oüaöai liegt voraus. 

3) Beachtenswert scheint mir, daß der Syrer die Erwähnung der Socpta Osoü 
streicht (in ihr hat Gott vor der faktischen Schöpfung den Menschen voraus 'ge- 
dacht'; sie ist TrvsOfxa). Die Stelle gehört zu den Nachbildungen alter liturgischer 
Formeln. Der Text schien schon einem griechischen Redaktor der Haeresie, bzw. 
dem Heidentum bedenklich nahe zu kommen. So empfängt ja z. B. im Poimandres 
§ 8 die BouXf, Oeoö von dem Urgott die Idee und gebiert den xoapto«;. Dem 
weichen Paris. 1454 und Sinaitic. aus, indem sie schreiben 6 Tikäaai xov d'vOpco-ov 
ix fffi Trpos 6|xo{iuotv (ex xTJs 7:poGOfAoiwG"e(us Sin.) sccuxüi xal xüi 7ravad<p4> TicttSt (cpwii 



Cyprian der Magier. 75 

haben sollte'. Ryssel behauptet das Wort 'Gebote' sei ursprüng- 
lich; der Sinn sei, daß bei der Befolgung der göttlichen Gebote 
der dauernde Genuß der Paradieseswonnen eintreten sollte. Ich 
halte diese Erklärung für gequält, die Stelle aber überhaupt für 
ungeeignet für die Beweisführung, da Ryssel selbst vermutet im 
Griechischen habe zunächst xsXeoa^dttcov gestanden, was dann zu 
%Tta{xditov verdorben sei. Warum XTiajiaTwv selbst unpassend sein 
soll, ist mir bei der häufigen Schilderung z. B. der chiliastischen 
Hoffnungen auf das Paradies unklar. Einige andere Stellen dieser 
Art übergehe ich. 

8) Mehr Gewicht könnte die Beschreibung des Traumes des 
Aidesios haben, die griechisch lautet: xai affeXna)«; a6toi<; kiZc\$ob- 
gt\c, ozpa.ztä<; (Ö7rrao(ac Sin.) öpwoi (opq Paris. 1468) Xatifta&qcpdpooc 
TuXetoos Ixatöv Iv T(j> 6yop6i\Lazi (iv — 6%. fehlt Sin.) xai fi-saov töv Xpiaxöv 
XsYovca aototc' Ssöts tzooc, [is, xafü) ßaaiXetav oopavwv /apiCo^at üjjIv, 
syrisch: 'da sogleich erschienen ihnen Scharen unzähliger Engel, die 
brennende Lampen hielten, im Zimmer (so SB, im Feuer L) und 
in ihrer Mitte sahen sie Christus, welcher zu ihnen (fehlt L) sprach : 
'kommt zu mir und in das Himmelreich will ich euch einführen 
mit allen Gerechten (Heiligen L), die vor mir Gnade gefunden 
haben'. Zwar daß /apiCscftai ßaatXstav oopavwv eine künstliche Er- 
klärung bedürfe, werde ich Ryssel kaum zugeben; aber der Aus- 
druck iv 6/opw{j.aTt befremdet zunächst in der Tat. Hier ist der 
syrische Text zunächst verständlicher; Aidesios und seine Frau 
liegen im Zimmer. Aber sehen sie darum auch in dem Traumge- 
sicht unzählige Engel im Zimmer stehen und in der Mitte Christus? 
Die Vision selbst, die ja oft geschildert wird (vgl. oben S. 45,1), 
wird ganz verschieden vorgestellt: Christus erscheint auf dem 
Wagen, auf dem Thronsitz, auf einem feurigen Bade (Historia Laus, 
p. 80, 1 Butler). Was hindert anzunehmen, daß er hier auf einem 
Turm oder Mauerwerk gedacht wird, das die Kirche oder das 
himmlische Jerusalem darstellt? Der Syrer setzt etwas farb- 
loses ein. 

9) In der Absage an den Teufel (cap. 9) bietet Paris. 1468 
7rsireiau,at Zu zct.lt; sö/als * at Ta ^ 8s7jasai zi\c, 7rap^evoo xai rjj sTutöTj- 
(xshögsi toö laTaopo)[ievoo Ivixtj&tjts, 8t 5 ^c, a<ppa7i'Ca) saotöv a7Uora£d[jisvöc 
ooi, Paris. 1454 und Sinait. dagegen ft6ftsio(iat za.i$ so/al? xai xcdc, 
öViqaeai oje rcap&dvoo xai ttjv iTüiar^siojaiv (arj^sicöatv Sin.) toö eatao- 
pa>[iivoo -9-ao^dCö), 6Y ifi xa-jfa) atppaYiCto ipLaoTÖv aTüOTa^d^svöc; qot, der 

Paris. 1454) aou dtvaxotvwactaevo«;. Der Syrer ließ das anstößige Sätzchen fort, 
ebenso die Vorlage der Eudokia. [Vgl. oben S. 47, 2 Constitut. ap. VII 34, 6 r§ 

ci) aooi'a oiaTa£ot|j.evos]. 



76 R- Reitzenstein, 

Syrer endlich 'ich vertraue (daß) indem ich zu dem Gebet und 
zu dem Flehen der Jungfrau meine Zuflucht nehme und verehre 
die Kraft des Kreuzes, durch welches deine ganze lügnerische 
Kraft erniedrigt wird. Denn auch ich bekreuzige mich mit dem 
Kreuze und verleugne dich', Kyssel meint der Grieche habe das 
syrische Wort, das ebensowohl das Kreuz wie den Gekreuzigten 
bedeuten könne, mißverstanden und daher zy !7CL07)(jLeu*>oei toö lotao- 
pa)[JL£vot) gesetzt, wo nur toö araupoö am Platz war. Ich bestreite 
das unbedingt; in dem ganzen Zusammenhang wird 6 iaiaopttfiivcx; 
(Jesus) dem Satan gegenübergestellt. Die Frage ist: wer von 
beiden ist stärker ? Hierzu paßt trefflich der Gedanke : wenn man 
nur durch ein Zeichen sich zu dem Gekreuzigten bekennt, seid 
ihr besiegt' ; das Zeichen, das den Gekreuzigten als Herren angibt, 
vertreibt den Teufel. Vgl. den mehrfach wiederkehrenden Aus- 
druck a<ppaifis toö Xpiotoö für das Kreuzeszeichen (im Martyrium 
tö or^eiov toö £OTaopo){isvoo). 

10) Gegen Byssel scheint mir dagegen eine andere Stelle zu 
sprechen, die freilich eine etwas eingehendere Darstellung verlangt. 
Die beiden ersten Dämonenbeschwörungen sollen offenbar streng 
entsprechend geschildert werden. Der erste Dämon schließt seine 
Rede cap. 4 ös£ai oov tö <papu.azov toüto %al pävov töv otxov zi\z rcap- 
#£voü s£(0$sv %aY<o srcsX&wv *) töv rcatpLXÖv u.oo Itzol^ voöv, %ai soDscog 
67ra%o6aeTat ooo 2 ). Der zweite Dämon betont noch ausdrücklich, daß 
sein Vater, der Satan selbst, das wunderkräftige Mittel schickt, 
und sagt wieder {cap. 6) ös£ai ouv 8 ) tö <p&p(i.axov toöto %ai pävov 
TtoxXcp toö oixoo aonjc ota^w irapa^svöiievoc rcstaco aor/jv. Dann folgt 
6 8k Korcptavös Xaßwv tö cpdp^axov aftij)si %ai srcotTjcev 4 ) xaö-ax; Trpooe- 
Tajev auT<j> 6 daificov. Das Zaubermittel an der Tür, das natürlich 
der Mensch verwendet, soll nur dem Dämon den Eintritt in das 
Haus ermöglichen und tut dies auch ; den Zwang auf die Jungfrau 
vermag der Dämon dann freilich doch nicht zu üben. Im syrischen 
Text spricht gleich das erste mal Cyprian zu dem Dämon: 
'nimm diese Arznei und sprenge sie rings um das Haus der Jung- 
frau und ich will ihr die Besinnung rauben 5 ) und sogleich wird 



1) So Sinait. <x7:eX#cov die beiden Parisini, superveniens die alte lateinische 
Version (dem Sinne nach notwendig), vgl. später Trapayevojxevoc. 

2) 4ratxo«fowa( cou Paris. 1468. (Vorher fehlt y.ou Paris. 1468). 

3) xo(vuv Paris. 1454 Sinait. 

4) drohet xa\ fehlt Paris. 1468 TcoteT Paris. 1454. 

5) Das könnte mißverständlich aus der Verderbnis xai a7ictyo> xov rcatpuov (?) 
vofcv gewonnen sein. Den gleichen Text hat die arabische Uebersetzung, die nach 
Byssel unmittelbar aus griechischer Vorlage stammen soll. Seine Hoffnung , aus 



Cyprian der Magier. 77 

sie dir gehorchen. Und als er dies zu dem Dämon gesagt hatte, 
ging er schnurstracks zu dem Hause jener Jungfrau'. Dazu paßt 
freilich gar nicht, daß nach beiden Texten der Dämon hernach zu 
Cyprian kommt und von diesem befragt wird (cap. 6) : 'wo ist die, 
zu der ich dich gesandt habe?' Wie kommt es, daß ich rüstig 
war 1 ) und dein Versuch gescheitert ist? Cyprian hat nach einer 
eigenen Handlung in seinem Zimmer gewartet, daß der Dämon ihm 
das Mädchen bringt. Das ist bekanntlich genau die Erwartung 
und Anschauung, die sich in den Zauberpapyri immer an den Lie- 
beszwang knüpft. Also ist das Anfangsstück im Syrischen ver- 
dorben, im Griechischen richtig bewahrt. Dabei ist ein Zufall 
ausgeschlossen ; denn bei der zweiten Dämonenerscheinung sagt im 
syrischen Text wieder der Dämon zu Cyprian: 'Sende mich mein 
Vater, daß ich deinen Willen ausführe' und es folgt : 'Und Cy- 
prianus spricht zu ihm : nimm diese Arzenei und schütte sie außer- 
halb des Hauses der Jungfrau aus, und ich werde kommen und 
sie überreden'. Dann geht der Dämon weg zu dem Hause, das 
ihm Cyprian gewiesen hat. Wieder stimmt dazu in keiner Weise, 
daß nach dem syrischen wie griechischen Text , Cyprian den be- 
schämt heimkehrenden Dämon fragt 'wo ist die, zu der ich dich 
gesandt habe?', also das Mädchen bei sich erwartet. Es ist voll- 
kommen sicher, daß der Syrer hier zwei mal den Text willkürlich 
umgestaltet hat, weil er Sinn und Gang der Zauberhandlung nicht 
mehr verstand. Der Hergang wiederholt sich sogar noch ein drittes 
mal; nach dem griechischen Text verheißt zuletzt der Teufel selbst 
(cap. 7): ich werde sie dir bringen, bleibe du nur bereit. Cyprian 
fragt : woher schließest du auf deinen Sieg ? Der Teufel antwortet : 
durch heftige Fieber will ihren Sinn verwirren 2 ) und nach sechs 
Tagen um Mitternacht ihr erscheinen und sie dir bereit machen. 
Im Syrischen verheißt zwar der Teufel auch, er werde sie dem 
Cyprian bringen. Aber dieser antwortet nun dem Teufel, er (Cy- 
prian) werde sie sechs Tage durch heftiges Fieber verwirren und 
um Mitternacht dann ihr erscheinen und sie ihm (dem Teufel?) 
gefügig machen ! Und dabei erscheint im syrischen wie im grie- 



ihr viel für den ältesten griechischen Text zu gewinnen (S. 278), teile ich freilich 
nicht. 

1) Das heißt: ich meinen Teü an der Handlung richtig vollzogen habe. 

2) Wieder entsprechen die Zauberpapyri, in denen ja die Dämonen das 
Opfer so lange verwirren und quälen müssen, bis es freiwillig kommt; der Zau- 
berer selbst wartet in seinem Hause, vgl. für den ganz festen Typus z. B. den 
im Rostocker Index 1892/93 S. 18 besprochenen Zauber. 



78 R. Reitzenstein, 

chischen Text der Teufel in der Mitternacht des siebenten Tages 
der Jungfrau und geht nach dem Mißlingen zu Cyprian, ihm 
zu verkünden, daß er besiegt ist und die Jungfrau nicht kommt. 
Ich hoffe, jeder Zweifel an dem Hergang ist aasgeschlossen. 
Um so charakteristischer scheint mir das Verfahren Byssels (S. 
276), der gerade die zweite dieser Stellen benutzt, um die Pri- 
orität des syrischen Textes zu beweisen ; die Verwechslung der 
syrischen Formen für 'er hat mich gesandt' und 'sende mich' sei 
sehr leicht. Ich vergleiche noch einmal beide Texte: 

6[iot(o<; xai odto? (der zweite Da- und indem er prahlte 

mon) 

xao/ib^svoc X&jfei T(j> Ko7rptav(j> * sprach er zu Cyprianus : 

s'yvwv xai tt]v oyjv xe'Xsoatv xai Ich kenne deinen Auftrag und 

tyjv Ixeivoo (des ersten) oiSpaviav ■ auch die Kraftlosigkeit des frü- 

8Co a.Tz&Gzeik£v fis 6 rcai^p \lq\> heren. Darum sende mich, mein 

Stop&waaodat aoo tyjv Xotuyjv. Vater, daß ich deinen Willen 

§s£ou ouv tö ^dpiiaxov zobzo xtX. ausführe. Und Cyprian spricht 

zu ihm : nimm diese Arznei usw. 

Für den Syrer war es dabei eine erträgliche Vorstellung, daß der 
Dämon seinen Meister und Grebieter Cyprian als Vater anspricht; 
interessant aber ist, daß er in cap. 7 die Bezeichnung des Satans 
als Vater der Dämonen darum umänderte. Gerade sie nun kehrt 
in der Stelle der Thomas -Akten wieder, die dieser ganzen Be- 
schwörung als Vorlage dient (oben S. 47). Alle Beobachtungen 
schließen also zusammen und bezeugen die Ursprünglichkeit der 
Fassung, die uns in den beiden erhaltenen griechischen Prosare- 
zensionen vorliegt. Ich wäre voll berechtigt zu vermuten, der Syrer 
müsse in seiner Vorlage also aTüöaTsiXov für aTrsaxstXsv gelesen, da- 
nach 6 7ranfjp jjloo als Vokativ gefaßt und demzufolge den Bau 
dieser Sätze erst hier und dann an den beiden anderen Stellen 
umgestaltet haben. Die 'Leichtigkeit der Verderbnis' läge bei 
dieser direkten Umkehrung der Hypothese Byssels fast in gleicher 
Weise vor. Ich betone das, weil Ryssel ja nur einer weit ver- 
breiteten Methode folgt, die bei den verschiedensten Schriftwerken 
(z. B. der Historia monachorum) verwendet und bisweilen als die 
einzig philologische und sichere betrachtet wird, während sie doch 4 
nur subsidiäre Dienste leisten dürfte. Bei der Justina - Novelle 
läßt sich leicht erweisen, daß diese Vermutung falsch wäre. Eu- 
dokia ]as bei der Erscheinung des ersten Dämons genau wie der 
Syrer, vgl. KorcpiavcK 8' Iveicsv xaxoTeprcSl' Sai^ovi Xt>Yp$* 



Cyprian der Magier. 79 

TifjvSe Xaßwv ßotdvTjv xu%X(j) #aXdu.ot> xatddeoooy xoopTjc AlSeaidoc l ), 
arap öoTatoc igopai aotö?. Aehnlich bietet sie in der zweiten Be- 
ßchwörung: ysvstyj«; (x 5 dv£7re^7usv a&v d^ewv ercaparrdv. 6 § 5 atya [tafos 
xe/ap-qwc Ivvsw ri) röSe, §ai[Aov, oXov 8a> rcapfl-dvoo d^v^«; <pap|j.dx(|> 
ifKaTdäeDcsov * £70) S' oiciä-gv oso ßai'vco, rcsiaeiv 8' al<]>' 6ta> viv und stellt 
uns damit vor die Frage , ob der Syrer wirklich den Imperativ 
'sende' schreiben wollte. Erst bei der dritten Beschwörung geh 
Eudokia ganz mit dem griechischen Text gegen die sinnlosen Ent- 
stellungen des syrischen. Die Verderbnis hat also schon innerhalb 
der griechischen Tradition begonnen und ist von dem Syrer nur 
weiter geführt worden; sie ging nicht von jener Verwechslung 
zweier Formen aus. 

Gewiß erkenne auch ich in der früchristlichen Literatur der 
Griechen vereinzelte Uebersetzungen aus dem Syrischen an, so in 
dem sogenannten Hymnus der Seele in den Thomas-Akten (vgl. 
Hellenistische Wundererzählungen S. 107). Aber dort zeigt sich 
sofort der Stoff und der Gedankenkreis als orientalisch; die ein- 
zelnen Wendungen und technischen Ausdrücke werden erst in der 
orientalischen Fassung prägnant oder lebendig. In der Justina- 
Novelle ist die literarische Form und der Gedankenkreis griechisch 
und echt griechisch vor allem der bisweilen recht kunstvolle Aus- 
druck; er wird — so weit ich nach der Uebersetzung urteilen 
kann — im Syrischen verwaschen und charakterlos. In solchem 
Fall ist die schon an sich gefährliche Beweisführung aus der Mög- 
lichkeit einzelner Wortverderbnisse und Mißverständnisse von vorn- 
herein abzulehnen. Nur die Analyse eines längeren Zusammen- 
hanges kann Sicherheit geben. Ich habe sie hier versucht und 
darf zunächst wohl einen ähnlichen Versuch des Gegenbeweises er- 
warten. R. Heitzenstein. 



1) Eudokia bildet frei ein Patronymikon ; Crönert in dem neuen Lexikon 
versteht das Wort falsch. 



Ueber die neu-aramäische Placidas- Wandergeschichte. 

Von 

Alfons Hilka 

und 

Wilhelm Meyer aus Speyer 

Professor in Göttingen. 
Vorgelegt in der Sitzung vom 17. Februar 1917. 

In diesen Nachrichten habe ich 1916 S. 269 — 287 einen la- 
teinischen Text der Legende von Plaeidas-Eustasius herausgegeben. 
Dann hat Wilhelm Bousset in diesen Nachrichten 1916 S. 461 — 
551 unter dem Titel 'Die Geschichte eines Wiedererkennungsmär- 
chens' hauptsächlich die Entwicklung eines weit verbreiteten Volks- 
märchens untersucht, aus welchem nach seiner Ansicht die grie- 
chische Placidas-Legende hauptsächlich hervorgegangen ist. Dabei 
hat er jenen meinen lateinischen Text vielfach angegriffen. 
Hierauf habe ich geantwortet (Nachrichten 1916 S. 743—800). 
Dabei mußte ich auch eingehen auf ßoussets folkloristische Unter- 
suchungen und kam dabei zu ganz andern Resultaten als Bousset. 

Bousset findet die Wurzel der ganzen Entwicklung in einem 
indischen Volksmärchen, das schon vor Christus, ja schon vor 
Buddha vorhanden gewesen sei ; ich dagegen glaube, daß in Vorder- 
asien um 700 nach Chr. aus dem griechischen Text der christlichen 
Placidaslegende das Mittelstück ausgeschnitten, in eine vorder- 
asiatische Sprache übersetzt und von da ab von den Volkserzählern 
als beliebte Erzählung langsam nach Osten verbreitet worden sei. 

Bousset arbeitet hauptsächlich mit den schon öfter zusammen- 
gestellten arabischen, persischen, türkischen, armenischen Versionen 
dieser Placidas- Wandergeschichte. Ich habe S. 777—786 besonders 



über die neu-aramäische Placidas- Wandergeschichte. 81 

indische Versionen besprochen; dazu habe ich die Geschichte der 
Patacara eingehend besprochen (S. 769/776), da mehrere Fassungen 
derselben sich zeitlich festsetzen lassen, freilich für meinen Zweck 
zu eingehend, da ich zur Überzeugung gekommen bin, daß diese 
Patacarageschichte mit unserer Placidaswandergeschichte nichts zu 
thun hat. 

Aber die verschiedenen Versionen der Placidaswandergeschichte 
bieten der Untersuchung Probleme genug. Deßhalb freute ich 
mich über eine Arbeit von Alfons Hilka, der eine neu-ara- 
mäische Version der Placidas-Wandergeschichte 
behandelte. Nach längeren Verhandlungen kamen wir überein, daß 
ich eine unfreiwillige Ruhezeit benütze , um über diese neu-ara- 
mäische Version Bericht zu erstatten. 

Die zwei betreffenden Texte finden sich in Mark Lidzbarski, 
'Geschichten und Lieder aus den neu-aramäischen Handschriften 
der Königlichen Bibliothek zu Berlin' = 'Beiträge zur Volks- und 
Völkerkunde' Bd. IV 1896 (S. 108—113 no I und S. 195—198 
no II); auch unter dem Titel: Semitistische Studien, hgben. von 
C. Bezold, Heft 4/5, 6/7 (ebenso no I S. 108—113 und no II S. 
195/198). 

Lidzbarski hat gesehen, daß beide Geschichten denselben Stoff 
behandeln, und hat deßhalb ihnen dieselbe Überschrift gegeben: 
'Die entführte Frau'. Als Einleitung schickt er voran das, was 
J. Hinton Knowles, Folk-Tales of Kashmir, 1888 u. 1893, auf 
S. 165 zugesetzt hat und was in diesen Nachrichten 1916 S. 769 
abgedruckt ist. 

Als Textvorlagen hat Lidzbarski zwei moderne Abschriften 
benützt, welche Sachau in Asien hat herstellen lassen und die sich 
jetzt in der Königlichen Bibliothek in Berlin befinden. 

Über die Sprache bemerkt Lidzbarski (S. IX der 'Geschichten 
und Lieder' ; nicht enthalten in den Semitist. Studien) : 'Die neu- 
aramäischen Dialekte sind Überbleibsel jener aramäischen oder sy- 
rischen Sprache, die einige Jahrhunderte vor und einige nach 
Christus vom mittelländischen Meer bis zum Tigris gesprochen 
wurde. Mit dem siegreichen Vordringen des Islam wurde sie immer 
mehr vom Arabischen verdrängt und hat sich nur bei den Christen 
in den Gebieten südlich von Armenien erhalten'. 

Wir kommen also in ein Gebiet südlich von Armenien, zu 
welchem auch die syrische Wüste gehört. Es ist ein schöner Vorzug 
der wissenschaftlichen Volkskunde, daß sie so lebendig zum Bewußt- 
sein bringt, wie der einzelne Mensch und das ganze Volk zusammen- 
wächst mit der geographischen und physikalischen Gestaltung der Hei- 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 1. 6 



g2 Alfons Hilka und Wilhelm Meyer, 

math. Davon haben wir hier sogleich eine Probe. In der Placidas- 
Wandergeschichte spielt das Wasser eine ziemlich große Rolle. Am 
Meeresgestade wird von einem Schiffsherrn die Mutter der Familie 
geranbt. Dann werden der Vater und die 2 Söhne an einem Fluß 
gänzlich getrennt. In eine Stadt, wo Vater und Söhne sich schon 
befinden, wird auch die Mutter von dem Kaufmann in seinem 
Schiffe gebracht. So fast alle Versionen. 

Unsere aramäische Version ist dadurch gekennzeichnet , daß 
keine Rede ist von einem Schiffsherrn mit einem Handelsschiffe, 
sondern beide Texte, welche uns diese aramäische Version über- 
liefert haben, sprechen nur von der Wüste und von Karawanen, 
welche lagern, wo es ihnen beliebt, wobei der Kasten oder die 
Kiste zum Transport der Frauen (als Damencoupe) eine ziemliche 
Rolle spielt. So ist der I. Text (108 — 113) ganz wasserlos; der 
II. Text (195/8) erzählt wenigstens noch von dem Flußübergang. 
Also die beiden Texte geben zwei Fassungen derselben neu-ara- 
mäischen Version, welche wir auch die Wüsten version nennen 
könnten. 

Die erste Fassung (108 — 113) ist fast in allen Stücken kürzer 
und verwaschener (vgl. S. 112 'So und so' . . 'Auf die und die 
Weise ist meine Mutter entführt worden'), und nur sehr wenig 
Gutes werde ich aus ihr beibringen können. 

Sehen wir zu, was die I. Fassung mehr, was sie weniger und 
was sie anders berichtet, als die II. Fassung, so haben wir gleich 
im Anfange 3 Zusätze (von dem Gazellenmännchen und dem Lamm, 
welche der armen Familie in ihren Kessel bescheert werden, und 
von der List, mit welcher die Familienmutter zur andern Kara- 
wane gelockt wird): nirgends sonst findet sich eine Spur von diesen 
Zusätzen. Doch weiterhin ist in I. überaus gekürzt. Nach dem 
Raub der Mutter verkauft der Vater kurzerhand in der nächsten 
Stadt die Kinder an den König; er selbst wird nicht zum König 
gewählt, sondern bettelt sich weiter und wird Diener eines Königs, 
was er bleibt bis zu Ende. Weiterhin mag die Erzählung der 
Katastrophe in I etwas ursprünglicher sein als in II : aber das 
Endurteil wird sein, daß die I. Fassung dieser aramäischen Wüsten- 
version neben der II. fast werthlos ist. 

So stellt sich uns die Frage: welchen Werth hat die IL 
Fassung (S. 195/198) der neu-aramäischen Placidas-Wan- 
dergeschichte? Diese Frage läßt sich nur beantworten im 
steten Hinblick auf die übrigen Versionen und auf die Quintessenz 
derselben, welche ich Nachrichten 1916 S. 791 als die 'Urform der 
orientalischen Wandergeschichte' auszuscheiden versucht habe. 



über die neu-aramäische Placidas-Wandergeschichte. 83 

Von all diesen Versionen war natürlich die aus dem armeni- 
schen Nachbarland für mich besonders wichtig, die ich ja in diesen 
Grenzlanden, überhaupt die Heimat der Placidas-Wandergeschichte 
suche. B o u s s e t sucht sie in dem weit, weit entfernten Indien. 
Aber dennoch kann man bei ihm S. 498 lesen: 'Dem ursprüng- 
lichsten am nächsten steht das armenische Märchen'. Oder: 
'Allen voran am Wert steht die armenische Überlieferung. 
Diese hat im Großen und Ganzen den eigentlich ursprünglichen 
Gang der Erzählung, abgesehen von Kleinigkeiten, von Anfang 
bis zu Ende getreu bewährt'. Ein so werthvolles Beweisstück 
muß man gewissenhaft studiren; das habe ich getan und bin da- 
bei auf folgende Thatsache gestoßen, die ich bei Benutzung dieses 
armenischen Zeugnisses nicht zu vergessen bitte. 

Haxthausen hat Armenien selbst bereist, vor 1850, und sich 
nach Art der damaligen Reisenden auch um die Volksmärchen ge- 
kümmert. Er hat den armenischen Text derselben von Armeniern 
sich aufschreiben lassen und hat dann diesen 'treu und, ohne sich 
irgend eine Abänderung oder gar sogenannte Verbesserungen zu 
erlauben, deutsch wiedergegeben' (Transkaukasia I 316). Dar- 
unter befindet sich (I 334) unsere Placidas-Wandergeschichte. 
Wegen der Wichtigkeit des Stückes verglich ich als minutiöser 
Philologe, dessen Wahlspruch ja sein muß '^s^v/jao a7ctoTeiv, Haxt- 
hausens Originaltext mit dem Abdruck bei Bousset; da sah ich, 
daß Bousset 's Text stark abweicht von dem Haxthausen' s. Fragt 
man Bousset, weßhalb er geändert habe, so wird er über die Frage 
lachen : das seien seine stilistischen Geschmacksachen ; in die lasse 
er sich nicht hinein reden. 

Sehen wir zu! Zu dem interessanten Beiwerk der Placidas- 
Wandergeschichte gehört die Art und Weise, wie an Stelle eines 
verstorbenen kinderlosen Königs ein neuer gewählt wird. In der 
Geschichte (aus 1001 Nacht) bei Bousset S. 479 nimmt der weiße 
Elefant des verstorbenen Königs die Krone, setzt sie , wem er 
will, auf und begrüßt ihn kniend als König. In der Wanderge- 
schichte aus Kaschmir (Meyer S. 777) wird der Elefant und der 
Falke des verstorbenen Königs ausgesendet und, indem der Ele- 
fant vor einem Fremden niederkniet, der Falke sich auf seino 
Hand setzt, wird dieser König. In der siamesisch-malaisch-bugi- 
schen Geschichte (Meyer S. 782 und 784) wird der Reichselefant 
ausgeschickt, um einen neuen König herbeizuschaffen. Er läuft in 
den Wald, zwingt den Indjilai sich auf seinen Rücken zu setzen 
und bringt ihn als König heim. 

Interessanter ist die Schilderung dieser Wahl in der II. Fas- 

6* 



84 Alfons Hilka und Wilhelm Meyer, 

sung unserer aramäischen Geschichte. Der Held der Geschichte 
kommt (S. 197) in eine große Stadt, deren König nach einigen 
Tagen starb. Die Bewohner wollten einen neuen König einsetzen. 
Da ließen sie den Vogel der Herrschaft los, und dieser schoß auf 
jenen armen Bettler herab. Aber die Bewohner der Stadt waren 
mit ihm nicht zufrieden, sondern nahmen den Vogel und ließen 
ihn ein zweites Mal los. Und wiederum schoß er auf jenen Armen 
herab. Aber sie sagten: 'Wir nehmen ihn doch nicht an' bis zum 
dritten Male. Als er sich aber wiederum auf ihn herabließ, sagten 
sie: 'Das ist von Gott'. Nun nahmen sie ihn und machten ihn 
zum König über die Stadt? Diese Wahlart ist um so eindrück - 
licher als in einer andern dieser neu-aramäischen Geschichte dieser 
Wahlakt so zn sagen copirt wiederkehrt: S. 101 bei Lidzbarski 
soll auch ein neuer König gewählt werden. Alle Bürger werden 
versammelt und der Vogel der Herrschaft wird losgelassen. Er 
läßt sich auf einen Fremden nieder. 'Wir wollen ihn nicht, diesen 
Fremden', rufen die Bürger und lassen den Vogel der Herrschaft 
von Neuem los. Erst, a]s er zum dritten Mal auf denselben Fremden 
sich niederläßt, rufen sie : 'Das ist von Gott' und nehmen ihn zum 
König an (s. hiezu Lidzbarski's Note). 

Für dasselbe Stück der armenischen Geschichte habe ich 
eine doppelte Fassung: 1) Er wandert allein weiter und kommt 
in ein Bad, dessen Volk im Begriff ist, sich einen König zu suchen. 
Ein weißer Adler senkt sich auf ihn herab und offenbart ihn als 
den gesuchten König (der weiße Adler übernimmt hier also die 
Rolle des Elephanten, — ein weit verbreitetes Wandermotiv) ; so 
regiert denn der König in dem fremden Reiche'. Die 2.) Fas- 
sung des armenischen Textes , welcher dem aramäischen parallel 
ist, lautet: 'Jahre lang umhergeirrt, kommt er in ein Land, wo 
eben der König ohne Erben gestorben ist. Die Priester und das 
Volk haben bestimmt, der solle König werden, auf welchen sich 
ein weißer Adler niederlassen würde. Auf einem großen Felde ist 
alles Volk versammelt; da senkt sich der Adler drei Mal auf 
einen fremden Bettler herab'. Von diesen Texten ist der aller- 
letzte nicht etwa von mir hergerichtet, um meinem aramäischen Text 
aus dem benachbarten Armenien einen Zwillingstext beizugeben 
nnd so meine Ansicht, daß die orientalische Urform der Placidas- 
Wandergeschichte in diesen Grenzgebieten griechischer Kultur ent- 
standen sei, in Etwas zu stützen, nein, dies ist der von Haxthausen 
treu übersetzte, echte armenische Text (aus Transkaukasia I 334). 
Aber der vorletzte, mit 1.) bezeichnete Text ist genau derselbe 



über die neu-aramäische Placidas- Wandergeschichte. 85 

Text nur mit den stilistischen Abänderungen, welche ihm Bousset 
S. 481 stillschweigend zu geben für gut fand. 

Darnach wird man es nothwendig finden, daß bei der Unter- 
suchung der II. aramäischen Fassung besonders die armenische 
Version beigezogen werde; aber diese nicht in Bousset's Umarbei- 
tung, sondern in Haxthausen's (1 334) vielleicht derber Wirklichkeit. 

Die Vergleichung der aramäischen II. Version (S. 195/8) und 
der armenischen ist überhaupt erschwert durch den recht verschie- 
denen Charakter derselben. Die aramäische Version ist ziemlich 
breit und fast geschwätzig (108 Druckzeilen), die armenische mager 
und wortkarg (30 Druckzeilen). So mag sich erklären, daß der 
Armenier beim Flußübergang nichts berichtet von der Rettung und 
den weitern Schicksalen der Söhne. Ferner wird die Mutter ge- 
wöhnlich durch einen Schiffsherrn am Meer geraubt und von dem- 
selben zuletzt wieder im Schiff zum Vater und zu den Söhnen ge- 
bracht. Das vollbringt, wie gesagt, im aramäischen II. Text ein 
Karawanenbesitzer, ein jüdischer Kaufmann. Aber fragt man, 
was der Kaufmann der armenischen Version ist, ob Schiffsherr, 
ob Karawanenbesitzer, so findet man keine deutliche Antwort. 

In der armenischen Version muß der eigentliche Anfang der 
orientalischen Urform enthalten sein. Denn genau an dieser Stelle 
der Placidaslegende überläßt Christus dem Placidas die "Wahl, ob 
er sogleich oder später das ihm bestimmte Leiden ertragen will. 
Dies Stück wurde also mitausgeschnitten und ist in dem Anfange 
des armenischen Textes erhalten: 'Es herrschte einst ein gütiger, 
wohlwollender König. Zu dem tritt eines Tags ein Grenius heran : 
"Ich bin von Gott gesandt, dich zu fragen, ob du glücklich sein 
willst in deiner Jugend oder in deinem Alter : du sollst die Wahl 
haben". Der König wählt das Letztere. Nun stürmt das Unglück 
auf ihn ein'. 

Diese Einleitung hat sich bis jetzt nur in der armenischen 
Version gefunden. Sie muß ja aus der orientalischen Urform in 
die armenische Version übergegangen sein. Aber bei allen übrigen 
Versionen scheint diese Einleitung weggeblieben zu sein. Denn 
was nützte sie den Volkserzählern? Ihre Zuhörer wurden da- 
durch weder gespannt noch befriedigt, da sie nachher nur die 
Leiden der Jugend, nicht aber die Freuden des Alters zu hören 
bekamen, 

So könnte ich begreifen, daß der, welcher diese Wanderge- 
schichte aus der Placidas-Legende ausschnitt und ihr die orien- 
talische Urform gab, also vielleicht der erste armenische Über- 
setzer, dies Wahlstück mitausgeschnitten und übersetzt hat, das 



gß Alfons Hilka und Wilhelm Meyer, 

aber dann seines mindern Interesses halber bald verschwand: 
Bousset aber, der diese Wandergeschichte aus der indischen Hei- 
math bis nach Griechenland weite Räume und Zeiten zurücklegen 
läßt, wie erklärt er es, daß erst am Ende dieser Laufbahn gerade 
der armenische Bearbeiter auf den Gedanken gekommen sei, dies 
seltsame Wahlstück der Geschichte vorzusetzen und daß er in 
dem Verfasser der griechischen Placidaslegende sogleich einen folg- 
samen Nachtreter gefunden habe? 

Die eigentliche armenische Geschichte beginnt: 'Nun stürmt 
das Unglück auf ihn ein'. Diese Worte und jene der Königswahl 
folgenden: 'Nun nahet sich ihm alles Glück', zeigen, daß der ar- 
menische Erzähler der Disposition der Geschichte sich ebenso be- 
wußt war, wie jener von 1001 Nacht, welcher (bei Bousset S. 479) 
die Überschrift setzte : 'Die Geschichte vom König, der sein .Reich 
und Gut und Weib und Kinder verlor und sie von Gott wiederer- 
hielt'. Die entsprechende Schlußschrift ist in Aramäisch II. er- 
halten, s. S. 94. 

Der Anfang der armenischen Erzählung: 'er verliert sein 
Reich, lebt als armer Bürger; da raubt ihm ein reicher Kaufmann 
sein Weib' ist offenbar stark gekürzt. Privatmann ist der Held 
auch in aramäisch II: 'Es war mal eine Frau und ein Mann, 
die hatten zwei Kinder. Da sie sich in einer bedrängten Lage 
befanden, verließen sie ihren Wohnort, um nach einem andern zu 
ziehen'. 

Doch kann der Armenier hier den gewöhnlich geschilderten 
Raub der Frau durch den S chiffs her rn andeuten wollen. Da- 
gegen der Aramäer II schildert S. 195/6, wie bei Sonnenunter- 
gang die Familie sich in der Wüste lagert. Bald lagerte sich 
in der Nähe die Karawane eines jüdischen Kaufmanns. Knechte 
des Juden sehen die Familie sich an und berichten dem Juden von 
der Schönheit der Frau. Er läßt durch etwa 4 Diener die Mutter 
packen und schleppt sie in aller Frühe mit seiner Karawane fort, 
während der Vater und die Kinder weinten, daß sie [fast] er- 
blindeten. Zu dieser Scene aus der Wüste gibt nur der andere, 
I. aramäische Bericht (S. 110) ein paralleles Stück , sonst ist in 
den Versionen dieser Wandergeschichte nirgends ein ähnliches Stück 
Wüstenleben geschildert. So bleibt dieses Wüstenleben das wirk- 
liche Charakteristikum der neu-aramäischen Version der Placidas- 
Wandergeschichte. 

Es folgt die wichtige Schilderung des Flußüberganges. 
Ich habe diesen schon 1916 S. 788/9 besprochen. Doch mit Hilfe 
der armenischen und aramäischen Version können wir über die 



über die neu-aramäische Placidas- Wandergeschichte. 87 

orientalische Urform wohl etwas gewisser werden. Haxthausen 
läßt die Armenier S. 334 berichten: 'Als (der Vater dem räube- 
rischen Kaufmann) mit seinen beiden Söhnen nachsetzen will, kommt 
er an einen Fluß (ßousset S. 481: 'Er macht sich nun mit seinen 
beiden Söhnen auf die Wanderschaft und kommt an einen Fluß'). 
Er will den einen Sohn durchtragen; da ergreift ein Wolf den 
andern am Ufer zurückgebliebenen und, als er dem zu Hilfe eilt, 
reißt der Strom (ihm?) den ersten fort. Beide Söhne finden, wie 
er glaubt, ihren Tod'. 

Das ist die Quintessenz auch der wortreichen aramäischen 
Version (S. 196): 'Sie zogen ihres Weges bis sie an einen Fluß 
kamen. Der Vater ließ einen Sohn am Ufer des Flusses zurück 
und nahm den andern auf die Schultern, um den Fluß zu über- 
schreiten. Als er in der Mitte des Flusses angekommen war, kam 
ein Wolf, packte den Knaben, der am Ufer des Flusses war, und 
lief weg. Der andere Knabe, der vom Vater getragen wurde, 
rief : 'Vater ! Vater ! mein Bruder ist von einem Wolfe ergriffen 
worden'. Als der Vater das sah, erschlafften seine Arme, und er 
begann ein Geschrei und einen Lärm gegen den Wolf zu erheben. 
(Dieser packte aber den Sohn und lief weg). Infolge des Schmerzes 
und der Verwirrung des Vaters glitt der Sohn von dessen Schul- 
tern herab und fiel ins Wasser. Und der Vater wurde verwirrt 
und begann zu weinen. Er lief dem Wolfe nach , holte ihn aber 
nicht ein. Er folgte dann dem, der ins Wasser gerathen war; 
doch auch diesen konnte er nicht mehr erreichen'. Hiezu ist der 
Erinnerungsbericht zu nehmen, welchen der eine Bruder (S. 198) 
bei der Nachtwache vorbringt : 'Soll ich dir den Fall erzählen, 
daß ich und mein Vater einen Fluß überschreiten wollten, und 
daß da mein Bruder von einem Wolfe gepackt wurde? und, als 
ich es dann meinem Vater sagte, ich infolge seiner Angst und seines 
Schmerzes von seinen Schultern herabfiel und davon schwamm' usw. 

Mit Rücksicht auf diese und die andern 1916, S. 788/9 und 
792 citirten Stellen müssen wir sagen, daß in der orientalischen 
Urform bei dem Flußübergang ein Löwe nicht vorkam, — er war 
auch wirklich überflüssig, — sondern nur ein Wolf, bei dessen 
Anblick der erschrockene Vater den Knaben, den er trug, in den 
Fluß gleiten ließ. Die Schilderungen des Aramäers sind so le- 
bendig, daß man hier eine ausführlich gefaßte orientalische Urform 
sich als Quelle des aramäischen Textes denken muß. 

Auch der Abschluß der Schilderung des Flußüberganges in 
der aramäischen Version ist so pathetisch: 'Da ging er nach 
dem andern Flußufer hinüber , setzte sich dahin und begann zu 



88 Alfons Hilka und Wilhelm Meyer, 

weinen. So war die Frau weg, und die Kinder waren weg, und 
er blieb allein und hatte keinen Tröster', daß man denken möchte, 
von der pathetischen Schilderung und der Rede des griechischen 
Hiob-Placidas (BollandKap. 11) sei Etwas in die orientalische Ur- 
form und von da in die aramäische Version übergegangen. 

Daß die Schilderungen der Königs wähl in der armenischen 
und aramäischen Version auf ein und dieselbe Quelle zurückgehen, 
hat sich aber (S. 84) wohl zur Genüge gezeigt. 

Die weiteren Schicksale d e r S ö h n e vergißt der eilende 
Armenier zu berichten. Die orientalische Urform sagte überhaupt 
Nichts von einem raubenden Löwen. Dem raubenden Wolfe ent- 
rissen Hirten den einen Sohn (Bousset no 6 S. 489 und Aramäer II) ; 
den ins Wasser gefallenen andern Sohn retteten Müller (Aramäer 
II); der beim Fluß gefundenen Kinder nahm ein Fischer sich an 
(nach Kaschmir bei Meyer S. 777, Bugier und Siamese S. 781/3) 
oder ein Wäscher (Pendschab S. 779). 

So ist wohl ganz der orientalischen Urform gleich die Dar- 
stellung der aramäischen Version II (S. 196): 'Der eine Knabe, 
der ins Wasser gefallen war, wurde von Müllern an einer Mühle 
aufgegriffen, und der andere, der von dem Wolfe weggetragen 
worden war, wurde diesem von Hirten aus dem Maule gerissen', 
und S. 198: 'als ich von den Schultern meines Vaters herabfiel 
und davon schwamm, dann von Müllern an einer Mühle aufgegriffen 
wurde und nach dem Dorfe kam, wo ich dann lebte', und 'ich bin 
jener dein Bruder, der vom Wolfe davon getragen wurde'. 

Dem Griechen lag sehr viel daran, daß die beiden Jungen in 
ein und demselben Dorf aufwuchsen; s. Meyer S. 752; (Meyer 
S. 792 'in 2 verschiedenen Dörfern' ist natürlich ein grober Schreib- 
fehler): eine derartige Notiz scheint auch in die orientalische Ur- 
form übergegangen zu sein; wenigstens berichtet der Aramäer 
S. 196/7: 'Die Hirten und die Müller waren aus einem und dem- 
selben Dorfe. Ein jeder wurde von einem der Dorfbewohner an- 
genommen und erzogen, und sie wuchsen beide zu Jünglingen 
heran'. 

Es ist nicht unmöglich, daß die orientalische Urform auch den 
Zusatz enthielt, daß die Bauern beschlossen, dem guten neuen König 
die beiden Findlinge , seine eigenen Söhne , als Geschenk darzu- 
bringen; wenigstens melden dies Kaschmir, der Bugische (S. 782) 
und siamesisch-malaische Text (S. 784), mit denen ganz überein- 
stimmt der Aramäer II (S. 197) : 'Als er König geworden, sagten 
die Bewohner des Dorfes, in dem die Knaben lebten: 'Auf, wir 
wollen die beiden Knaben dem neuen König als Geschenk bringen'. 



über die neu-aramäische Placidas- Wandergeschichte. £9 

Sie nahmen die beiden Knaben und brachten sie als Geschenk zum 
König, und sie blieben bei ihm. Aber er wußte nicht, daß es 
seine Kinder waren; und sie bedienten ihn'. Diese Vereinigung 
des Vaters mit den zwei Söhnen war ja in Wahrheit ein wichtiger 
Abschnitt der Geschichte. 

Vater und Söhne der Placidas- Wandergeschichte sind in der- 
selben Stadt glücklich vereint. Zunächst bringt der Räuber 
auch die Mutter in dieselbe Stadt. Er war in der Griechischen 
Placidaslegende ein Schiffsherr gewesen und ist das wohl auch ge- 
wesen in den meisten Versionen der Wandergeschichte, außer ge- 
wiß der aramäischen; dunkel ist sein Stand in der armenischen 
Version. Der Kaufmann verlangt vom Könige eine Schutzwache 
und erhält sie. Was soll behütet werden? Ein Vorbild in der 
griechischen Placidas-Legende fehlt. Natürlich ist, daß zunächst 
an die kostbaren Waaren des Kaufmanns gedacht wird. Nicht selten 
heißt es, der König habe den Kaufmann zu sich in den Palast 
eingeladen und zu Schutz der Frau oder der Waaren für diese 
Nacht eine Wache gesendet. Durch ungeschickte Kürzung ent- 
stellt scheint die Armenische Version: 'Ein reicher Kaufmann 
tritt vor ihn und fordert ihn auf , sein Weib , welches in einen 
Kasten gesperrt ist, streng bewachen zu lassen'. Ob die Kisten 
oder Kästen, in denen als in Damencoupe's die Frauen von den 
Karawanen neben den Waarenballen befördert wurden, für Ge- 
fängnisse angesehen worden sind? 

Bei Karawanen ist die Wache einfach zu verstehen; die am 
Boden liegenden Waarenballen oder Frauenkisten sollten behütet 
werden. So heißt es ganz simpel in der I. aramäischen Ge- 
schichte (S. 113): 'Die Wachen setzten sich auf den Frachtgütern 
vor einer Kiste (Frauenkiste?) nieder' und S. 197: 'Seine Kara- 
wane lagerte vor der Stadt und er kam zum König, um ihn um 
Wächter zu bitten , die ihm in der Nacht Wächterdienste leisten 
sollten . . . Diese gingen des Nachts hin und setzten sich zur 
Wacht vor jenem Kasten nieder, in dem sich ihre Mutter befand. 
Daselbst saßen sie, bis die Nacht einbrach'. Minder deutlich ist 
die Notwendigkeit von Wachen bei den Schiffen. Da werden als 
Ursache genannt besonders kostbare Waaren oder das unter zucht- 
losem Schiffsvolk zurückgelassene Weib. 

(Die Erzählung). Die Brüder und die Mutter sind jetzt 
an einen Ort zusammengebracht. Es handelt sich zunächst darum, 
daß die Brüder sich als Brüder wiedererkennen und daß die Mutter 
in ihnen ihre Kinder wieder erkennt. Das wird sowohl in der 
griechischen Legende, als in sämmtlichen Versionen der Wanderge- 



90 Alfons Hilka und Wilhelm Meyer, 

schichte dadurch erreicht, daß wichtige Ereignisse aus dem frü- 
heren Leben der betreifenden Personen erzählt werden. Das sind 
in der Placidaslegende der Raub der Frau durch den Schiffsherrn 
und der Flußübergang des Vaters und der zwei Söhne unter Be- 
drohung von Löwe und Wolf. Diese Wiederholung ist in der 
Legende so ausführlich, daß ich S. 752 diesen Erinnerungsbericht 
zur Erklärung der ersten Erzählung benutzt habe. 

Früher (Nachrichten 1916 S. 786) habe ich behauptet, der in 
den orientalischen Wander ge schichten enthaltene Ausschnitt der 
griechischen Placidas - Legende habe nach dem 7. Jahrhundert p. 
Chr. das Thor einer primitiven Umgestaltung passiert, welche ich 
die orientalische Urform nannte. Diese orientalische Urform habe 
manche Züge des Legendentextes umgestaltet ; z. B. habe sie beim 
Flußübergang den Löwen ganz weggelassen, habe den einen Knaben 
vom Wolfe geraubt werden lassen, den andern aber vom Vater 
auf den Schultern getragen werden und von da ins Wasser herab 
sinken lassen. 

Gut, machen wir hier die Probe. Solche wiederholten Be- 
richte sind für die Erzähler meistens eine lästige und langweilige 
Sache und werden deshalb gern auf andere Weise abgemacht oder 
gekürzt. So sagt hier der Armenier kurz : 'In der Nacht, als 
sie auf der Wacht stehen, erzählen sie sich ihre Schicksale; 
da findet sich, daß sie Brüder sind. Indessen pocht das Weib an 
die Thüre des Kastens und ruft ihnen zu, sie möchten aufmachen, 
sie habe ihr Gespräch gehört und daraus erkannt, daß sie ihre 
Söhne seien'. Der I. aramäische Bericht (S. 112) will lästige 
Breite und Wiederholung vermeiden und sagt fast drollig: 'Er- 
zähle uns eine kleine Geschichte, damit wir nicht einschlafen'. 
Der eine von ihnen begann darauf zu erzählen und sprach: "So 
und so. Ich hatte Vater, Mutter und einen Bruder. Auf die und 
die Weise ist meine Mutter von einem Kaufmann durch List ent- 
führt worden", und erzählte ihm, wie es sich zugetragen hatte. 
In der Kiste war aber eine Frau, und die war ihre Mutter. Als 
er nun erzählt hatte, sprach der andere junge Mann: 'Bei Gott, 
du bist mein Bruder. Auch mir ist es ergangen wie dir'. Als 
die Frau das hörte, sagte sie : 'Bei Gott, das sind meine Kinder'. 
Sie schlug dann einmal an die Kiste, worauf diese zerbrach, und 
sie herausging. 'Ihr seid meine Kinder', rief sie aus. 'Auch mir 
ist es so ergangen; ich bin eure Mutter'. 

Dagegen das entsprechende Stück des IL Aramäischen Be- 
richtes (S. 197/8) entspricht allen Erfordernissen der Erzählerkunst. 
Jede Person, die Mutter wie die Brüder, bekommt das zu ihrer 



über die neu-aramäische Placidas-Wandergeschichte. 91 

Überzeugung nothwendige Stück Erzählung zu hören und das in 
der geänderten Fassung der orientalischen Urform (ohne Löwen), 
weßhalb ich es schon oben (S. 87) citirt habe. Das G-anze lautet: 
'Daselbst saßen sie, bis die Nacht einbrach. Da sagte einer zum 
andern: 'Erzähle uns ein Abenteuer, das dir begegnet ist'. Der 
andere sprach: '0, was soll ich dir sagen, Freund? Was mir 
widerfahren ist, ist noch keinem Menschen widerfahren. Was soll 
ich dir erzählen? Den Fall, daß ein Jude meine Mutter wegge- 
führt hat? Oder den Fall, daß ich und mein Vater einen Fluß 
überschreiten wollten, und daß da mein Bruder von einem Wolfe 
gepackt wurde ?, und, als ich es dann meinem Vater sagte , ich 
infolge seiner Angst und seines Schmerzes von seinen Schultern 
herabfiel und davonschwamm , dann von Müllern an einer Mühle 
aufgegriffen wurde und nach dem Dorfe kam, in dem ich dann 
lebte'. Bevor er noch mit seiner Erzählung fertig war , sprang 
sein Bruder auf, fiel ihm um den Hals und begann ihn zu küssen ; 
'du bist mein Bruder', rief er, 'und ich bin jener dein Bruder, der 
vom Wolfe davon getragen wurde'. Ihre Mutter hörte ihren Sohn. 
Da erbrach sie den Kasten, sprang heraus, fiel ihren Kindern um 
den Hals, umarmte sie und begann sie zu küssen. 

Diese Recapitulation der Geschichte des Flußüberganges ist 
sehr geschickt gemacht; sie ist aber nicht aus dem Text der Pla- 
cidaslegende (Kap. 17) genommen, sondern sie enthielt schon die 
zweite, geänderte Darstellung dieses Übergangs. Nichts wird ge- 
sagt von einem raubenden Löwen; der zweite Sohn wird auf der 
Schulter vom Vater getragen und schreit um Hilfe für seinen 
älteren Bruder, als den ein Wolf am Lande anpackt. Mithin haben 
wir durchaus die Darstellung des abcorrigirten griechischen Le- 
gendentextes d. h. der orientalischen Urform vor uns. Die I. Fas- 
sung (S. 112) erspart sich zwar die Widerholung der Thatsachen 
durch das kindliche 'So und so' und 'die und die', sie stimmte 
aber offenbar mit der IL Fassung überein. Mithin hat die ara- 
mäische Version (der I und II Fassung) uns hier ein werthvolles 
Stück des abcorrigirten Textes der Placidaslegende, also der orien- 
talischen Urform, in aramäischer Übersetzung erhalten. 

Mit dieser Recapitulation des früheren Vorganges verbinden 
sich schon im griechischen Texte der Placidaslegende Bemerkungen 
des zuhörenden Jüngern Bruders. Bolland S. 133 Anfang: Taöxa 
axotxjas o vewtepos rcapa zob Tcpsaßoxspoo a8sX<poö, averojSiqaev xXatwv 
xat Xsy<üv * Ma rrjv Sovajuv toö Xpiaioö a§eX<pö<; ooo xof/ava) * iYVwptaa 
7ap, a önj-pfjacb (iot • xai ol k\kk fap avaarpe<|>d(Jisvot raöia {j.ot IXefov, ort 



92 Alfons Hilka und Wilhelm Meyer, 

Ix Xoxod ae 4ppoc&(Jie#a. Kai irspiXaßcbv] aotöv xare^iXsi. 'Axoooaaa 
§s raöta ^ {J^TJp . . . 

Mit diesen Sätzchen der Placidaslegende vergleiche man die 
folgenden Sätzchen der I. Fassung der aramäischen Wanderge- 
schichte S. 112: 'Als er nun erzählt hatte, sprach der andere 
junge Mann: 'Bei Gott, du bist mein Bruder. Auch mir ist es 
ergangen wie dir'. Als die Frau das hörte, sagte sie: 'Bei Grott, 
das sind meine Kinder'. Noch schärfer aber vgl. man die ent- 
sprechenden Sätzchen der II. aramäischen Fassung (S. 198): 'Be- 
vor er noch mit seiner Erzählung fertig war, sprang sein Bruder 
auf, fiel ihm um den Hals und begann ihn zu küssen. 'Du bist 
mein Bruder', rief er, 'und ich bin jener dein Bruder , der vom 
Wolfe davongetragen wurde'. 

Man wird ohne Weiteres zugeben, die Übereinstimmung dieser 
aramäischen Sätze mit denen der griechischen Placidaslegende ist 
vollkommen. Hier handelt es sich nicht um Ähnlichkeiten der 
Worte und G-edanken, die entstehen können, wenn ein Erzähler 
das von einem andern Erzählte wieder erzählt, sondern um Her- 
übernahme, um Übersetzung. Der aramäische Erzähler kannte 
aber nicht den Text der griechischen Placidaslegende, sondern 
höchstens den Text des Ausschnittes. Es ist ja auch ganz natür- 
lich, daß der, welcher diesen Ausschnitt für weitere Erzähler- 
zwecke machte, d. h. die orientalische Urform schuf, diese packenden 
Sätze der Placidaslegende nicht gestrichen hat. 

Demnach hätten wir also auch hier das Resultat, daß die II. 
Fassung der aramäischen Version der Wandergeschichte Stücke 
der orientalischen Urform in Übersetzung uns erhalten hat. 

Wir haben also hier den eigenartigen und in der Folklore 
gewiß seltenen Fall, daß ein folkloristischer Text mit einem andern 
Bericht in einigen Sätzen sachlich und wörtlich durchaus überein- 
stimmt. Wenn nun, wie Bousset annimmt, diese Wanderge- 
schichte im fernen Indien geboren ist, dann mündlich von einem 
Erzähler dem andern mitgeteilt allmählich nach Westen gelangt 
ist, kann da eine der letzten mündlichen Versionen, wie die ara- 
mäische II., mit der allerletzten Version, der literarisch fixirten 
griechischen Placidaslegende, im Wortlaut und im Inhalt mehrerer 
Sätze genau, übereinstimmen? Ich wüßte nicht, wie das möglich 
wäre. Deßhalb kann ich Bousset's These, diese Greschichte sei in 
alten Zeiten beim indischen Volke in aller Stille geboren, dann 
durch verschiedene Völker Asiens langsam weiter gewandert und 
zuletzt in Griechenland durch Umwandlung in die Placidaslegende 
wiedergeboren und literarisch fixirt worden, nicht für richtig halten. 



über die neu-aramüiscl»e Placidas- Wandergeschichte. 93 

Denn wie könnte ein Stück der noch flüssigen Wandergeschichte 
mit der noch nicht fixirten Legende wörtlich und sachlich gleich 
sein. 

Da also hier die neu-aramäische Version der Placidas- Wander- 
geschichte in etlichen Sätzen mit der griechischen Placidaslegende 
sachlich und wörtlich überein stimmt, so ist damit bewiesen, daß 
nicht, wie Bousset meint, die griechische Placidaslegende eine 
weiter entwickelte, also spätere Version der Placidas- Wanderge- 
schichte ist, sondern daß vielmehr die neu- aramäische Wanderge- 
schichte aus der griechischen Placidaslegende sich entwickelt hat, 
in diesem Falle so, daß nach dem 7. christlichen Jahrhundert das 
Mittelstück der griechischen Placidaslegende ausgeschnitten und 
mit etlicher Überarbeitung zu einer selbständigen Erzählung her- 
gerichtet und in eine der dortigen Landessprachen, wie die arme- 
nische oder neu-aramäische, übersetzt wurde. Dabei blieben einige 
geeigneten Sätze, mit dem Inhalte und dem Wortgefüge des grie- 
chischen Legendentextes in ziemlich getreuer Übersetzung stehen. 
Den mittelasiatischen Geschichtenerzählern überlassen, ist diese 
neue Geschichte dann durch Asien bis nach Indien gewandert, im 
Munde jedes neuen Erzählers eine neue Metamorphose erlebend. 
Aber die Mutter all dieser orientalischen Placidas-Wandergeschichten 
bleibt der Text der griechischen Placidaslegende. Es zeigt sich 
aber durchaus kein vernünftiger Widerspruch gegen das, was W. 
Meyer behauptet hat, d. h. dagegen, daß dieser griechische Text 
der Placidaslegende die Umarbeitung eines im 5/6. entstandenen 
lateinischen gewesen ist. 

Die Katastrophe. Die Brüder haben sich gegenseitig 
erkannt und die Mutter ihre Söhne : es fehlt nur noch, daß der 
Vater die Söhne und die Mutter und daß diese den Vater erkennen. 
Dazu soll helfen ein Verschulden der Söhne oder der Mutter, wo- 
durch diese vor das Königsgericht des Vaters gebracht werden. 
Dies Verschulden besteht in dem Verdacht, daß die beiden Wächter 
die zu bewachende Frau vergewaltigt hätten. Das lag nahe, da 
die Scene des gegenseitigen Erkennens lebhaftes Reden und Ver- 
handeln herbeiführte, sie aber eigentlich gar nichts mit einander 
zu verhandeln hatten. Gerade an solchen Punkten der Verwick- 
lungen strengte die Phantasie der geschickten Erzähler sich an, 
neue Wege der Lösungen zu finden. In der Geschichte aus 1001 
Nacht (no 1 Bousset S. 480) umarmen Mutter und Söhne, die sich 
eben erkannt haben, sich in lebhafter Freude, da kommt der Kauf- 
mann darüber zu und schleppt sie vor den König. Von den Be- 
richten, die uns bis jetzt gut geführt haben, berichtet der sonst 



94 Alfons Hilka und Wilhelm Meyer, 

beste, der II. aramäische S. 198 Ähnliches: 'Die Mutter er- 
brach den Kasten, sprang heraus, fiel ihren Kindern um den Hals, 
umarmte sie und begann sie zu küssen. In dem Augenblicke 
wachte der Jude auf. Da erhob er sich, ging zum König und be- 
klagte sich über sie, nämlich: "Jene zwei Diener, die du beauf- 
tragt hast , meine Karawane und meine Habe zu bewachen, er- 
wiesen sich als unzuverlässig. Denn sie erbrachen den Kasten 
meiner Frau und schliefen bei ihr". Da ergrimmte der König sehr 
und schickte sofort nach ihnen und ließ sie vor sich bringen' usw. 
Aber der Kaufmann hat ja des Nachts nichts bei der Karawane 
vor den Stadtthoren zu thun ; dazu sind die Wächter da. 

Ich glaube, hier ist diese II. Fassung vom Erzähler willkür- 
lich abgeändert, und das Ursprüngliche der aramäischen Version 
bietet die I. Fassung (S> 112): 'Ihr seid meine Kinder' rief sie 
aus, 'Auch mir ist es so ergangen; ich bin eure Mutter'. Da 
freuten sie sich und erzählten sich bis Mitternacht und darauf 
legten sie sich hin ; der eine an die eine und der andere an die 
andere Seite von ihr, [und sie blieben so] bis zum Morgen. Am 
Morgen kam der Jude, der Kaufmann, um nach der Ladung und 
der Kiste zu sehen; da sah er aber, daß die Kiste erbrochen war 
und daß die zwei Diener neben der Frau schliefen. Kaum sah er 
das, als er zum König zurückkehrte' usw. Diese aramäische 
Version halte ich für natürlicher und besonders auch deßwegen 
für die richtige, weil sie wiederum durchaus übereinstimmt mit 
der armenischen Version, so stark diese auch gekürzt ist (Haxt- 
hausen S. 334/5) : 'Sie befreien die Mutter und erzählen sich alle 
ihre Schicksale; dann schliefen sie zusammen ein. So findet sie 
am Morgen der Kaufmann, läuft zum König und schreit um Rache. 
Aber bald klärt sich Alles auf, der König findet in ihnen Frau 
und Kinder wieder und der Kaufmann wird enthauptet. (Bousset 
S. 481 läßt 'am Morgen' weg und fährt weiter: und verklagt die 
Brüder vor dem König ; es kommt zum Verhör, bei dem natürlich 
die Glieder der Familie sich alle wieder zusammen finden. Der 
Kaufmann erhält seine gebührende Strafe, er wird enthauptet). 

Ich möchte noch auf den Schluß von Aramäisch II (S. 198) 
aufmerksam machen. Erzählt die Armenische Version im An- 
fang die freigegebene Wahl der Zeit des Unglücks mit dem Zu- 
satz 'Nun stürmt das Unglück auf ihn ein' und markirt sie in der 
Mitte mit den Worten 'Nun nahet sich ihm alles Glück' den Höhe- 
punkt der Geschichte, so geben die Schlußworte des Aramäers 
II 198: 'Dann priesen sie Gott, der sie noch in dieser Welt, vor 



über die neu-aramäische Placidas-Wandergeschichte. 95 

dem Tode, wieder vereinigt hatte', gewissermaßen den richtigen 
Schluß der armenischen Version. 

Diese zwei neu - aramäischen Texte der Placidas - Wanderge- 
schichte sind eine glückliche Bereicherung dieser Literatur. Der 
Erzähler beweist seine Geschicklichkeit , indem er den Stoff von 
der Meeresküste in die Wüste und in das Treiben der Karawanen 
verlegt, wo er und seine Zuhörer zu Hause sind. Ferner erzählt 
besonders die II. Fassung durchaus geschickt, nähert sich aber in 
Vielem dem Wortlaut der abcorrigirten Fassung der Placidas-Le- 
gende ; so daß die Vermuthung sich regen darf, in diesen armenisch- 
aramäischen Grenzlanden sei nicht nur um das 7. oder 8. christ- 
liche Jahrhundert das Mittelstück der Placidaslegende als selbst- 
ständige Geschichte ausgelöst und durch mancherlei Textesänderung 
gebessert worden, sondern es sei auch eine Übersetzung gemacht 
worden, von der besonders im II. Aramäischen Text S. 195/8 be- 
trächtliche Überreste erhalten sind. 



Studien zu Konrad von Würzburg IV. V. 

Von 

Edward Schröder. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 23. Dezember 1916. 

Die nachstehenden beiden Kapitel meiner Konrad-Studien sind 
im Entwurf älter als die drei ersten, welche ich vor genau fünf 
Jahren vorgelegt habe 1 ). Sie wurden zurückgehalten bis eine 
Untersuchung über die handschriftliche Überlieferung der kleinen 
Erzählungen ('Herzmäre', 'Weltlohn', 'Otto') fertiggestellt sein 
würde, und sollten mit einem Schlußkapitel erscheinen das alle 
Ergebnisse und Erwägungen zu einer neuen chronologischen Ta- 
belle zusammenfaßte. Nachdem aber der Krieg meine wissenschaft- 
liche Arbeit durch mehr als zwei Jahre lahm gelegt hat, bring ich 
jetzt zum Drucke was bereit liegt. Ich kann versprechen, daß die 
Prolegomena zur Ausgabe der kleinen Erzählungen als No. VI im 
Laufe des Jahres 1917 folgen werden, dann aber wird die Be- 
schäftigung mit Konrad von Würzburg vor andern Arbeiten zu- 
rücktreten müssen. Ich werde nicht grollen wenn ein anderer 
auf meinen Studien weiterbamend die Zeitfolge der Werke noch 
näher zu bestimmen unternimmt. 

IV. Die Basler und die Strassburger Gönner des Dichters. 

Seit Franz Pfeiffer in der Germania 12 (1867), S. 18 ff. in 
Ergänzung früherer Ansätze von Haupt und Wackernagel aus den 
damals vorhandenen Urkundenwerken , vor allem aus Trouillats 
'Monuments de l'ancien eVeche de Bäle' (1852 ff.), mit wenig Kritik 

1) Studien zu Konrad von Würzburg I— III, GGN. phil.-hist. Kl. 1912, 
S. 1—47. 



Edward Schröder, Studien zu Konrad von Würzburg IV. 07 

ausgezogen hat was sieh ihm auf die Basler Gönner des Dichters 
zu beziehen schien, hat man sich um die urkundlichen Zeugnisse 
nicht weiter bemüht: insbesondere Baechtold in seiner Geschichte 
der deutschen Litteratur in der Schweiz S. 116 ff. und Golther in 
dem Artikel 'Konrad von AVurzburg' der ADB. 44, 356 ff. haben 
sich bei Pfeiffers Ergebnissen beruhigt. Das ausgezeichnete 'Ur- 
kundenbuch der Stadt Basel' aber, dessen drei erste Bände Rudolf 
Wackernagel schon 1890—1896 ans Licht brachte 1 ), fordert zu 
einer Nachprüfung heraus und macht sie dem Germanisten geradezu 
zur Pflicht, nachdem der Herausgeber selbst in seiner 'Geschichte 
der Stadt Basel' (Bd. I 1907, Bd. II 1911. 1916) den reichen ge- 
schichtlichen Ertrag überaus lebensvoll gestaltet hat. 

Konrad von Würzburg hat seine drei Legenden und die beiden 
umfangreichsten epischen Werke im Auftrag von Basler Gönnern 
gedichtet, deren er im ganzen acht namhaft macht. Wir beginnen 
mit dem 

1. 'Silvester'. Nach dem Prolog V. 80 ff. war es von Rmten- 
lein her Liutolt der die Anregung zu dem Werke gab : V. 90 ff. 
der selbe tugentriche man der mich hier umbe alsus erbat, der hat 
zu Basel in der stat zuo dem tuome phrüende. Da Konrad bei Ber- 
told von Tiersberg (im 'Otto') die Würde des Propstes, bei Diet- 
rich am Ort (im 'Trojanerkrieg') die des Sängers ausdrücklich 
hervorhebt, erscheint es ausgeschlossen, daß Leutold von Roeteln 
damals schon eines der Amter bekleidete die ihm im spätem Ver- 
lauf seines Lebens zugefallen sind. Pfeiffer, der ihn erst zum J. 
1281 als Erzpriester (archidiaconus) nachweisen konnte, begnügte 
sich mit diesem terminus ante quem. Denn die Anfänge von Leu- 
tolds geistlicher Laufbahn schienen ihm soweit zurückzureichen 
daß damit nichts anzufangen war. 

In der Familie der Edelherren von Roeteln 2 ) ist der Name 
'Liutolt' seit Generationen für einen der jüngeren Söhne üblich ge- 
wesen; so kommt es daß wir eine ganze Anzahl seiner Träger 
im geistlichen Stande antreffen: auch auf den Bischofsstuhl von 
Basel, der unserm Leutold zweimal erreicht zu sein schien, hat 
schon 1238 — 1248 ein Leutold (II) von Roeteln gesessen. 

Konrads Gönner war der jüngste von drei Söhnen des mit 
einer Gräfin von Neuenburg verheirateten Herrn Konrad von Roe- 
teln, der von 1229 bis 1259 urkundlich nachweisbar ist (Schoepflin, 



1) Ich zitiere das Werk als BUB., es ist in den Einzelnachweisen überall 
gemeint, wo ohne Titelangabe nach Band und Seite zitiert wird. 

2) Schloß Rötteln auf dem rechten Ufer der Wiese oberhalb Lörrach. 
Kgl. Ges, d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 1. 7 



98 Edward Schröder, 

Hist. Zaringo Badensis I 457 f., Krieger, Topograph. Wörterbuch 
d. Grherzt. Baden II 2 Sp. 680 f.). Die altern Brüder hießen Otto 
nnd Warther; über das spätere Leben Walthers, der zuerst mit 
dem Vater zusammen 1259 in einer auf Schloß Roeteln ausgestellten 
Urkunde (BUB. I 260, 24) erscheint, fehlt es an Nachrichten : er 
ist anscheinend ohne Nachkommen gestorben. Otto, der älteste, 
starb erst 1309, und als ihm 1311 sein einziger überlebender Sohn 
im Tode folgte, wurde dieser von seinem Vatersbruder dem Dom- 
propst Leutold und dem Markgrafen Rudolf von Baden-Hachburg 
gemeinsam beerbt. Gegen Ende des Jahres 1315 starb auch hoch- 
betagt und als der letzte seines Stammes Leutold, und nun fiel 
das ganze roetelnsche Erbe an den jungen Markgrafen Heinrich, 
dessen Mutter eine Roeteln, gewesen sein muß, wahrscheinlich die 
Schwester des 1311 f Jüngern Walther, also eine Nichte Leutolds, 
den Markgraf Heinrich seinen 'oeheim seligen' nennt. Von da an 
hat sich die Sausenberger Linie der Markgrafen von Baden-Hach- 
berg mit Vorliebe nach der Herrschaft 'Rötteln' genannt und auch 
auf dem Schlosse gleichen Namens residiert, das 1638 von Bern- 
hard von Weimar zerstört wurde. 

Wie weit können wir nun unsern Leutold und insbesondere 
seine geistliche Laufbahn zurückverfolgen? Nach der bisherigen 
Annahme, nicht nur Pfeiffers, sondern auch noch Kriegers a. a. 0. 
und Rud. Wackernagels, Geschichte I 122 (unten) *) bis 1243 ! In 
einer undatierten Originalurkunde, die aber auf die Zeit von 1242 
Dez. 25 bis 1243 Sept. 23 festzulegen ist, erscheint in der Tat als 
Zeuge Lüttoldus de Botenlein can. Basiliensis (BUB. I 116,2). Aber 
soll dieser meinetwegen 1243 noch recht jugendliche Domherr wirk- 
lich derselbe sein den man im J. 1309, also 64 Jahre später zum 
Bischof wählen konnte? Unmöglich! Und es treten noch weitere 
Bedenken hinzu. Wir haben eine Urkunde Bischof Bertolds von 
Basel von 1258 Nov. 11, an welche der Vater Konrad von Roeteln 
sein Siegel neben die der Grafen Rudolf und Gottfried von Habs- 
burg und des Edelherrn Rudolf von Usenberg gehängt hat (Trouillat 
I 654) : diese Urkunde ist von dem anscheinend vollzähligen Kapitel 
beschworen: die 18 Domherren werden zweimal namentlich auf- 
geführt — und gerade hier fehlt Leutold! 

Wir nehmen nun einen festen Ausgangspunkt, die Urkunde 
BUB. I No. 456, 1265 Aug. 11 : Lvtoldus de Botelein eanonicus Ba- 
siliensis, Otto et Walther us domini de Botelein fratres eiusdem (S. 330, 



1) Freilich sagt Wackernagel davon abweichend und richtig S. 229: Leutold 
habe 1309 'seit einem halben Jahrhundert im Kapitel gesessen'. 



Studien zu Konrad von Würzburg IV. 99 

27 f.). Im gleichen Jahre erscheint Nov. 17 Lutoldus de Roetdnheim 
can. Bas. noch einmal als Zeuge (Trouillat II 159), nnd gehn wir 
nun weiter zurück, so treffen wir ihn 1264 März (Tr. II 139), 1264 
Febr. 9 (Trouillat II 138) und noch früher 1260 Okt. 2 (in zwei 
Urkunden vom gleichen Tage BUB. I No. 386 i. n. , S. 289). In 
dem Zeitraum von 1243 — 1260 aber begegnen wir wohl mehreren 
Lütolden im Baseler Domkapitel l ), aber niemals dem Familiennamen 
'von Roetelen'. 

Da unser Leutold im November 1258 dem Kapitel noch nicht 
angehörte, im Oktober 1260 aber als Domherr nachweisbar ist, 
muß er in der Zwischenzeit in den Besitz seiner Pfründe gelangt 
sein. Für diese Jahre spricht auch folgende Beobachtung. In 
seiner größten Stärke (21) erscheint das Domkapitel in der Urkunde 
Trouülat II 138 vom März 1264: LvR. steht erst an der 18. Stelle, 
es folgen als Noo. 19 u. 21 Walther von Harnstein und Hugo Kraft, 
die hier zum ersten Male nachweisbar sind, und als No. 20 Jakob 
Reizo, der zufrühst 1260 Mai 11 (BUB. I 284, 22) auftaucht. 

In der Zeit in welche wir die Aufnahme Leutolds setzen, war 
der mächtigste Mann des Kapitels Graf Heinrich von Neuenburg, 
der Mutterbruder des jungen Domherrn , Archidiakon seit 1242, 
Propst seit 1260, Koadjutor seit 1261 und faktisch Bischof seit 
1262, obwohl er erst im März 1264 die päpstliche Bestätigung er- 
hielt (Wackernagel, Geschichte I 32). 

Jener Leutold von Roeteln von 1243, der wenigstens mit sei- 
nem vollen Namen nur das eine Mal in den Basler Urkunden auf- 
taucht, gehört jedenfalls der vorausgehenden Generation an: er 
ist vielleicht der Vatersbruder des letzten Leutold und sein Pate, 
der Zugang zum Kapitel konnte jenem auch durch dessen Ab- 
gang und Andenken erleichtert werden 2 ). 



1) Der Name ist in dieser Zeit und Landschaft recht häufig: auch mit LvR. 
zusammen treffen wir im Kapitel 1264 (Trouillat II 138) einen Lutoldus de Con- 
stancia, 1274 (BUB. II 80) einen Livtolt liupriester ze Eggenhein. 

2) Um weitern Einwürfen von vorn herein zu begegnen, will ich hier gleich 
die zwei oder gar drei geistlichen Namensvettern abtun, die während des 13. Jhs. 
anderweit in den Urkunden auftauchen. 1216 — 1230 saßen im Konstanzer Dom- 
kapitel gleichzeitig zwei Brüder Walther und Leutold von Roeteln: Walther i^t 
dort bereits seit 1209 nachweisbar, Leutold noch bis 1236 (Regg. epp. Const. I 
Register Sp. 342c. 343 b ); auf Leutold bezieht das Regest No. 1674 auch den 4 L. 
de R. archidiaconus Brischaugie' zwischen 1233 und 1248, auf welchen in einer 
späteren Urkunde hingewiesen wird (BUB. II 378, 34). Es ist nicht ausgeschlossen, 
daß es dieser Konstanzer Domherr war der 1238 den Basler Bischofsstuhl be- 
stieg. Davon sind zu unterscheiden der Basler Domherr von 1243 und der Lui- 
toldus de Roitenlein archidiaconus in Vricgowe von 1256 (Zs. f. Gesch. d. Obrh. 

• 7* 



100 Edward Schröder, 

Wann ist nun LvR. in Basel zu einer höhern Würde aufgerückt? 
Pfeiffer meinte: erst 1281; das BUB. II (No. 218) 125,45 zeigt 
ihn schon 1277 März 9 als Erzpriester: Lütoldus de Rötelein 
archidia conus an der Spitze der Zeugenliste. Sein Vorgänger 
in diesem Amte erscheint zum letzten Male 1274 Aug. 25 (No. 146, 
S. 80,4): Livtolt von Rötenlein, Peter der erzepriester. Aber 
wir können diese Lücke schließen und den Zeitpunkt genauer be- 
stimmen zu dem LvR. Archidiakon der Basler Kirche wurde, denn 
er war zweifellos der unmittelbare Nachfolger des Peter Reich 
('Petrus Divitis'), und der hat sein Amt bereits im Spätjahr 1274 
niedergelegt. Am 13. Sept. 1274 starb Bischof Heinrich von Neuen- 
burg, und das Kapitel wählte zu seinem Nachfolger den Erzpriester 
Peter Reich: aber Peter erhielt nicht die päpstliche Bestätigung, 
statt seiner wurde der Franziskaner-Lesemeister Heinrich von Isny 
zum Bischof von Basel ernannt (Wackernagel, Geschichte I 41 f.), 
und wenn dieser auch erst am 18. November 1275 in Basel einzog, 
so hat doch sicherlich Peter Reich schon lange vorher den Boden 
verlassen, auf dem er die erste große Enttäuschung erlebt und wo 
er als Archidiakon bereits einen Nachfolger in Leutold von Roeteln 
gefunden hatte. Die Regesten von Mainz gestatten freilich nicht 
festzustellen, seit wann Peter Reich als Dompropst dort weilte: 
im Basler Material ist er als solcher erst 1276 Anfang Mai (II 
108, 20) und 1277 März 10 (II 127, 1 , No. 219, leicht verändertes 
Transsumpt von No. 146) nachweisbar. 

Da der 'Silvester' den Domherrn Leutold von Roeteln mit 
keiner höhern Würde bedenkt, muß er vor dem Spätjahr 1274 
entstanden sein — dieser terminus ante quem liegt aber der Ent- 
stehung gewiß schon ziemlich fern : wir haben vorläufig den breiten 
Zeitraum von da rückwärts bis zu Leutolds Eintritt in das Basler 
Kapitel, der zwischen 1258 und 1260 erfolgt ist. 

Die weitere Karriere Leutolds von Roeteln spielte sich nach 
dem Tode Konrads ab und soll darum hier nur kurz skizziert 
werden- Im J. 1288 oder 1289 wurde er Dompropst: sein Vor- 
gänger Mag. Otto erscheint als solcher zuletzt 1287 Aug. 1 (Trouillat 
II 443), Leutold zum ersten Male 1289 April 21 (BUB. III 367, 13), 
aber da Ottos Kapellan Dietrich noch 1288 Sept. 4 (III 353, 15) 
als Zeuge urkundet, muß der Tod Ottos und Leutolds Aufrücken 
in die Zwischenzeit fallen. Als Dompropst hat LvR. zu wieder- 



15, 162). — Schließlich sei erwähnt, daß auch der letzte LvR, neben seiner Basler 
Stelle eine Pfründe in Konstanz besaß: Regg. Noo. 2555 (1282), 3245 (1301 Nov. 
22: in seiner Konstanzer Kurie ausgestellt), 3511 (1309 Sept. 12). 



Studien zu Konrad von Würzburg IV. 101 

holten Malen das Generalvikariat ausgeübt (Trouillat II 580 : 1295 
Mai 7; II 669: 1298 vor Okt. 6). Nach dem Tode Peter Reichs 
(f 3 Sept. 1296) wählte ihn eine Partei des Kapitels zu dessen 
Nachfolger, die Stimmen der Übrigen fielen auf den Domherrn Ber- 
told von Rüti, Propst von Solothurn — der Papst verwarf beide 
und gab das Bistum an Peter von Aspelt (Wackernagel, Geschichte 
I 221 f.). Als dieser am 10. Nov. 1306 Erzbischof von Mainz wurde, 
griff der Papst sofort ein und ernannte zum Bischof von Basel 
Otto von Grandson, der seit kurzem Bischof von Toul war ; dieser 
starb schon im Juli 1309, und ihm folgte, abermals durch päpst- 
liche Ernennung, der Bischof von Lausanne Gerhard von Wippingen. 
Diesmal aber ließ sich das Kapitel sein Wahlrecht nicht ohne wei- 
teres nehmen und wählte, es scheint mit größerer Einhelligkeit, 
den greisen Dompropst Leutold von Roeteln zum Bischof von Basel : 
als solcher hat er unterm 9. Oktober 1309 die Handfeste für Klein- 
Basel (BUB. IV 10) gezeichnet. Die schwere Not welche nunmehr 
über die Stadt hereinbrach, das Interdikt, die Exkommunikation 
Leutolds schildert Wackernagel a.a.O. S. 228 f. Leutold mußte die 
Stadt verlassen, kehrte aber wahrscheinlich im J. 1312 zurück und 
durfte die Dompropstei wieder einnehmen. Am 18. Dezember 1315 hat 
er vor dem bischöflichen Offizial sein Testament gemacht (Schöpflin 
I 460; Fester, Regesten h 594), 'debilis corpore, mente tarnen 
sanus', also jedenfalls in articulo mortis; er wird bald darauf ge- 
storben sein. Unterm 19. Mai 1316 nennt sich sein Großneffe 
und Erbe Markgraf Heinrich in der ersten Urkunde die wir von 
ihm haben, 'Herr von Rötteln' (Fester, Regesten h 595) l ). 

2. 'Alexius'. Von Basel zwene burger (V. 1360) haben die 
Anregung zu dem Gedicht gegeben und durch ihre Spenden den 
Dichter zum Abschluß gebracht: von Bermeswil Johannes 
unde ouch Heinrich Isenlin. Haupt und Pfeiffer konnten nur 
den zweiten urkundlich feststellen; ich ergänze die Zeugnisse aus 
dem BUB., wo er sich mehr als ein Dutzendmal nachweisen läßt: 
zufrühst 1265 Aug. 11 Heinricus Isenli (I 331, 12) ; weiter 1267 
(I 349,41), 1268 (II 8, 38 f.), 1269 (II 12, 37. 13,27), 1276 (II 103, 
21), 1277 (II 127,10. 136,41), 1279 (II 155,21), 1288 Sept. 19: 
Heinricus Isenlinus et Johannes dictus de Arguel procuratores Hospi- 
talis Basiliensis (II 353, 29 f.), 1291 (III 18,5), 1293 (in 63,23. 
64, 2), 1294 Sept. 25 (III 102, 42). Als gestorben wird er erwähnt 



1) Es ist wohl nur ein Versehen Wackernagels, wenn er a. a. O. S. 229 unten 
den 19. Mai 13 IG als Leutolds Todestag bezeichnet. 



202 Edward Schröder, 

1299 April 6: iuxta bona quo n dam Henrich dicti Isenlis (III 250, 
15) — er hat also den Dichter um 7 — 11 Jahre überlebt. 

Zum Grlück helfen die wenigen neuen Daten die für Johannes 
von Bärschwil zur Verfügung stehen. Die Familie 'von Ber- 
meswilr' (Bärschwil im Kant. Solothurn, sw. Laufen) war anschei- 
nend erst in den 1260er Jahren nach Basel gekommen und hatte 
vielleicht gleichzeitig oder in kurzer Folge durch zwei ihrer Mit- 
glieder, wahrscheinlich Brüder, das Bürgerrecht erworben. Petrus 
de Bermeswilr civ. Bas., wahrscheinlich der ältere, begegnet in 7 
Urkunden der Jahre 1260—1283, vgl. Register zu BUB. II 415. 
Wenig später tritt der uns näher angehende Johannes auf: Jo- 
hannes dictus de Bermeswilr civis Basiliensis 1273 Juli 11 (II 61, 
27 f.). Aber die nächste Urkunde die seinen Namen nennt, 1280 
Mai 23 (II 173,24) spricht von einem Toten: Rudolf Haldahüsli 
schenkt seiner Tochter domum suam sitam Spalon quam emit et 
quondam fuit Johannes de Bermeswilr. Und sein Tod liegt schon 
reichlich 5 Jahre zurück: die Wittwe Mechtild von Bärschwil, die 
uns zuerst 1275 Juni 12 (II 94, 32) begegnet, war ohne Zweifel 
seine Grattin. Sie tritt weiterhin 1291 (III 16, 14) ein ihr gehöriges 
Haus zu Erbrecht an Albrecht des Wachtmeisters ab und sie ist 
auch jedenfalls die domina de Bermeswilr *) einer Olsberger Urkunde 
von 1299 bei Boos, ÜB. d. Landschaft Basel I No. 195. Nach der 
Urkunde von 1275 hatte sie einen Sohn, der wahrscheinlich in den 
geistlichen Stand eintrat und als f rater Jo. de Bermeswilr einen* 
Baseler Eintrag von 1293 mit bezeugt (III 72, 9). 

Die Bärschwil und die Iselin waren Nachbarsleute in Binnin- 
gen: das bezeugt schon die Urk. von 1299 und noch deutlicher 
eine solche von 1314 bei Boos I No. 240: contiguum ab uno latere 
bonis . . . dicti Iselin et ab alio latere confinantem se cum bonis dicti 
de Bermiswilr. 

Der Alexius muß vor dem Juni 1275 gedichtet sein, und da 
der Silvester zweifellos älter ist, kommen wir für den auch auf 
diesem Wege zu demselben Resultat, wie vorhin mit der Fest- 
legung der Archidiakonatswürde Leutolds : spätester Termin 1274. 

3. Tantaleon'. Johannes vonArguel, für den diese Le- 
gende geschrieben ist, war oder wurde eine der markantesten Per- 
sönlichkeiten im öffentlichen Leben Basels. Er entstammte einem 



1) Bei Boos steht Germeswilr, aber Herr Staatsarchivar Dr. Herzog in Aarau 
hat mir unterm 26. 2. 1912 bestätigt, daß an allen drei Stellen Bermefrjswilr zu 
lesen ist. 



Studien zu Konrad von Würzburg IV. 103 

ritterlichen Geschlecht des Juras, von dem ein Zweig in Basel zu- 
gewandert war. Ein Heinricus miles de Arguel besaß schon 1241 
ein Haus auf dem Nadelberg zu Basel (BUB. I 111, 7) — aber 
1280 erscheint Heinricus de Arguel laicus hinter den 'milites' als 
Zeuge (II 178,3); ob es derselbe oder ein Sohn ist, läßt sich nicht 
feststellen, jedenfalls aber war die Familie in Basel verbürgert. 
Ein Zweig war freilich in der alten Heimat zurückgeblieben, wo 
Bischof Heinrich von Isny (1274 — 1286) die Burg zu einer Trutz- 
feste gegenüber den Wälschen ausbaute : Item in volle S. lmerii 
castrum forte Arguel edificans inibi meatum Gallicorum precludit (Mat- 
thias v. Neuenburg ed. Studer S. 21). Während also bei Trouillat 
II 577 unser Johannes de Arguel civ. Bas. erscheint, kommt ebenda 
S. 668 f. ein zeitgenössischer Johannes de Arguel miles vor, der mit 
allerlei Verwandtschaft im Jura sitzt (vgl. Wackernagel, Geschichte 
I 615). 

Der Basler Bürger Johannes de Arguel (Johans von Argu(w)el) 
erscheint zum ersten Mal als Zeuge 1277 April 24 (BUB. II 130, 
30 f.) 1 ); 1281 leiht er dem Kloster Lutz el Güter zu Attenschweiler 
(II 200, 11 f.); 1288 ist er zusammen mit Heinrich Iselin Pfleger 
des Spitals (II 353, 30) ; 1291 leiht er dem Kloster Wettingen Güter 
in Klein-Basel zu Erbrecht (III 6, 9). Weitere Vorkommen : 1291 
(11114,8); 1292 (11143,23); 1293(11153,26): Johann von Argwel 
Schiedsrichter in Sachen des jungen Teufel mit dem Stift S. Leon- 
hard (vgl. Wackernagel, Geschichte I 140); 1294 (Trouillat II 577); 
1297 Okt. 1 (III 206,36): Mitglied des Rats; 1297 Nov. 23 (III 
209, 18.33): sein Haus in der Freienstraße ; 1298 (III 225,23): 
Schiedsrichter im Streit zwischen Basel und Luzern; 1299 (III 
253,10); 1305 (Boos 1166); 1309 Okt. 13 (IV 11,9) steht 'Johans 
von Arguwel' neben seinem Antipoden Teter dem Schaler rittere' 
unter den Zeugen der Handfeste 'Bischof Lütolds für die Stadt 
Klein-Basel. Noch im J. 1311 (IV 23, 13) gehört er zu den Per- 
sönlichkeiten an welche sich Papst Klemens V. wendet, damit sie 
ihren Einfluß auf die abgesetzten Domherren geltend machen ; bald 
darauf muß er gestorben sein. 

Der verbürgerte Bittersproß Johannes de Arguel, cui plebs ad- 
hesit (Matthias von Neuenburg ed. Studer S. 39) , ein Mann von 
großem Vermögen und leidenschaftlicher Energie, war der Führer 
der Demokratie und der heftigste Gegner des gleich temperament- 



1) Er wird hier nicht ausdrücklich 'civ. Bas.' genannt, hat aber zweifellos 
bereits das Bürgerrecht: die Zeugenliste beginnt mit 4 Rittern, daran schließen 
sich 4 Bürger mit J. de A. als letztem. 



104 Edward Schröder, 

vollen Ritters, Schultheißen und Bürgermeisters Peter Schaler. Mit 
ihm wie mit dem Bischof Peter Reich (1286—1296) hatte er wie- 
derholt heftige Konflikte. Das Volk von Basel aber bewahrte sein 
Andenken noch über die nächste Generation hinaus (BUB. IV 
248. 249). 

Bei seinem ersten Auftreten in den Urkunden 1277 war er 
jedenfalls noch ein junger Mann, und als einen solchen bezeugt 
ihn deutlich auch die Widmung des Tantaleon', wo er V. 2140 f. 
von Arguel Johannes der Winhartin tohterJcint genannt wird. 

Die Familie 'Winhart', nach der schon 1265 die 'Winharts- 
gasse', die heutige Hutgasse hieß (I 364,4; vgl. II 176,18. III 
58, 36), tritt im Basler Urkundenbuch erst mit dem Zünfter Walther 
Winhart (1258 — 1293) auf, neben dem seit 1276 ein Bürger Johannes 
Winhart erscheint. In welchem Verhältnis zu diesem die Wittwe 
Winhart stand, deren Tochter die Mutter des Johann von Arguel 
war, wissen wir nicht; vielleicht gehörte sie (wie der Walther 
Winhart) trotz ihrer Wohlhabenheit den Zunftkreisen an und fand 
Johann von Arguel eben deshalb bei seinem Auftreten so viel 
Widerstand: er gelangte erst 1297 in den Rat. Jedenfalls aber 
war es eine bekannte Baseler Persönlichkeit; das bezeugen indi- 
rekt die Urkunden, welche wiederholt eine domus dicta (resp. quae 
vocatur) Winhartinhus nennen: 1258 (I 249, 19) und 1271 (1138,30). 
Auch Konrad von Würz bürg dürfte die alte Dame noch gekannt 
haben. 

Der Tantaleon' ist unbedingt die jüngste der drei Legenden- 
dichtungen, von denen der 'Alexius' vor den Sommer 1275, der 
'Silvester' vor den Herbst 1274 fallen muß ; unter allen Umständen 
bleibt bis zum Tartonopier' noch bequemer Raum für den Tan- 
taleon', den man vorläufig mit 'um 1275' datieren mag. Der Erfolg 
eines litterarischen Auftrages, der von einem vornehmen geistlichen 
Herrn ausgegangen war, reizte zunächst zwei brave Bürger und 
Nachbarsleute, ihre Mittel zu einer etwas bescheidenem Bestellung 
bei dem Dichter zusammenzulegen, und ihnen wieder folgte ein 
wohlhabender und ehrgeiziger junger Mann, den diese neumodische 
Form reizte, von der Öffentlichkeit als Mäcen gepriesen zu werden. 

4. Für den 'Partonopier' besitzen wir in einer mehr als be- 
denklichen Überlieferung die Jahreszahl 1277, die ich aber von 
vornherein so wenig wie Pfeiffer und Bartsch ganz ausschalten 
möchte. In der Überschrift der einzigen vollständigen Handschrift, 
die zu Hall im Inntal 1471 geschrieben wurde, findet sich nämlich 
die Angabe, die Geschichte von dem Grafen Partonopier habe sich 



Studien zu Konrad von Würzburg IV. 105 

zugetragen (!) im Jahre 1277. Pfeiffer bei Bartsch S. VI hat dies 
dahin gedeutet, 'daß der Schreiber eine datierte Handschrift vor 
sich hatte, worin am Schlüsse gesagt war, daß das Gre dicht von 
Partonopier im J. 1277 sei vollendet worden'. Granz gewiß könnte 
sich die Jahreszahl nur auf den Abschluß des Gredichtes resp. 
der Handschrift beziehen. 

Von da bis zu Konrads Tode am 31. Aug. 1287 sind es noch 
rund zehn Jahre. Von des Dichters Werken entfallen nach dem 
'Partonopier' mit Sicherheit noch der 'Schwanritter', der 'Trojaner- 
krieg 1 und das 'Turnier von Nantes'; das sind, wenn wir den 
'Schwanritter ? nach vorn (um höchstens 284 Verse) ergänzen, (1642 
+ 40424 + 1156, in Summa) 43222 Verse, d. i. die gute Hälfte seiner 
litterarischen Gesamtproduktion. 

Durch die bisherigen Bestimmungen, welche für den 'Silvester' 
und 'Alexius' nur eben die spätesten Termine ergaben, und auch 
für den 'Pantaleon' ein Zurückgehn bis allenfalls 1270 nicht aus- 
schlössen, wären wir keineswegs verhindert, den Beginn der zweifel- 
los mehrere (4 — 5?) Jahre erfordernden Arbeit am 'Partonopier' 
bis in den Anfang des achten Jahrzehnts hinaufzurücken. Die 
erneute Prüfung der Urkunden ergibt leider keine sichere Fest- 
stellung. 

Über den vornehmen Herrn der die Übersetzung veranlaßte. 
den Ritter Peter Schaler, will ich zuletzt handeln. Neben ihm 
und dem Dolmetscher Heinrich Marschant, oder genauer, wie die 
Urkunden einhellig ergeben, Merschant, nennt der Dichter noch 
eine dritte Persönlichkeit, Arnolt den Fuchs V. 215 ff., dessen leb- 
hafte Anteilnahme am Fortgang des Werkes (spät unde fruo 215 
— dicke und ofte 219) er nachdrücklich hervorhebt; dieser Anteil 
war besonders darauf gerichtet: daz ich der äventiure gar als or- 
denlichen mite var daz si mit lobe neme ein zü\ ich mochte daher 
annehmen, daß auch Fuchs des Französischen kundig war und 
unsern Konrad beriet, wenn die Übersetzerarbeit des Heinrich 
Merschant nicht ausreichte: wir wissen ja durch die Dissertation 
von H. van Look (Straßburg 1881), daß dem Dichter das Original 
immer nur abschnittweise zugänglich wurde. 

Pfeiffer fand den Baseler Bürger Arnold Fuchs zum J. 1253 
bezeugt und gab sich damit zufrieden. Nachdem aber jetzt die 
sämtlichen Baseler Urkunden dieser Zeit gedruckt vorliegen, stellt 
sich heraus, daß es an spätem Belegen fast ganz fehlt; das voll- 
ständige Material ist dieses: Amoldus qui Vulpes (Wlpes) dicüur 
oder kurz Amoldus Vulpes erscheint in den Jahren 1237 (BUB. I 
103, 16) ; 1241 (1 109, 27); 1242 (I 114, 4) ; 1244/45 (I 124, 22) ; 1248 



106 Edward Schröder, 

(I 163, 3) : seine Tochter Mechtild die Frau Burchards des Roten, 
der mit seinem Bruder Wernher schon 1237 und zwar in derselben 
Urkunde wie Arnold und unmittelbar vor ihm als Zeuge auftritt 
(I 103,15); 1250 (III 353,27); 1253 (III 355,25. Trouillat I 592); 
1255 (Boos I 48). Damit hören die Zeugnisse für den Lebenden 
auf — ein Anniversarium für den Toten wird 1292 angeführt (III 
45, 32). 

Zwischen dem letzten Vorkommen und Konrads Arbeit am 
Partonopier liegen fast zwanzig Jahre. Da Arnold 1248 bereits 
eine Tochter hatte die mit einem nicht mehr ganz jungen Mit- 
bürger verheiratet war, so dürfte sein Lebensalter annähernd mit 
dem Jahrhundert Schritt halten, er wäre also ein Siebziger gewesen, 
als er sich für Konrads Arbeit am Partonopier interessierte. Viel- 
leicht hat er sich schon zeitig von allen Geschäften zurückgezogen 
und dadurch die Zeit gewonnen spät unde fruo (V. 215) dem Dichter 
zu helfen, indem er ihn dicke und ofte (V. 219) besuchte. Ein Werner 
Fuchs, der allenfalls sein Sohn sein könnte, ist für die Jahre 1274 
bis 1289 als Bürger, zeitweise auch im Rate, bezeugt (Register 
zu BUB. III S. 443 b ). 

Nun zu dem eigentlichen Dolmetscher ! Die Merschants waren 
entweder Franzosen von Abkunft oder haben sich diesen Namen 
in der Fremde beigelegt, ehe sich Hugo Merschant in Basel nieder- 
ließ, wo er 1232 (I 86, 31); 1243 (I 118, 23) bezeugt ist. Seine 
Söhne mögen Ulrich Merschant 1265 (I 331,11); 1267 (I 349,40: 
civ. Bas.) und namentlich unser Heinrich Merschant gewesen 
sein, der gerade wo wir ihn brauchen zum ersten Male vorkommt 
Hcnricus dictus Merschandus 2 ) civ. Bas. 1273 Juli 11 (II 62, 6) 
weiterhin 1273 (II 70, 9): her Heinrich Merschant; 1276 (II 116, 6) 
1277 (11127,11); 1281 (II 208, 40. 209,24); 1288(11357,40); 1289 
(II 368, 23. 370, 34) — schließlich 1296 (Trouillat II 632). Mitglied 
des Rates war er 1276 auf 77 und abermals 1288. Er hat den 
Dichter um mindestens 9 Jahre überlebt. 

Der Mann aber dem das französische Werk so wohl gefiel 
(V. 194), daß er von dem Dichter eine deutsche Bearbeitung ver- 
langte und ihm (V. 188. 201) die gewiß beträchtlichen Mittel zur 
Verfügung stellte, daß er sich für Jahre dieser Arbeit, einer für 
ihn der kein Französisch konnte sehr schweren Arbeit (da? mm 

1) Die Schreibung des Namens wechselt zwischen Merschant {Merschandus) 
und Mertschant (Mertschandus) ; die entstellte Form Mertzehan (II 368, 23) steht 
in einer späten Übersetzung ; die Form Merzchand aus dem Cartular von S. Leon- 
hard bei Trouillat II 632 zeugt aber dafür, daß man den Namen als Fremd- 
namen empfand. 



Studien zu Konrad von Würzburg IV. 107 

tumhez herze sielt vü kumbers an gertomen hat V. 190 f.) widmen 
konnte, war (V. 183 ff.) der Sehaler min her Peter, der tugent sträze 
gel er und ist üf eren pfat getreten. 

Über Peter Schaler den jüngeren, den Pfeiffer mit seinem 
gleichnamigen Vater zusammengeworfen hat, ist jetzt Rud. Wacker- 
nagel, Geschichte d. Stadt Basel I 87 f. (und passim) nachzulesen. 
Er mag gegen Mitte des vierten Jahrzehnts geboren sein. 1258 
Dez. 2 treten Petras et Otto fratres qui dieunter Scalaril iuvenes zum 
ersten Male auf, als sie ein ihnen gehöriges Haus vor dem Spalen- 
tore auf Erbleihe vergeben. Ins öffentliche Leben scheint Peter erst 
nach dem Tode seines Onkels Otto eingetreten zu sein, dann aber 
auch gleich mit starkem Ehrgeiz und mit den Ansprüchen die er 
von Vater und Vatersbruder übernommen hatte. 1269 war er 
zum ersten Male Bürgermeister, und er hat dies Amt noch min- 
destens viermal bekleidet. Die Schultheißenwürde aber hatte er 
gleich nach des Onkels Hingang 'wie ein erbliches Recht der Fa- 
milie an sich genommen und behielt sie bis an sein Ende' (Wacker- 
nagel I 87), Mit starkem Selbstgefühl reihen die Urkunden des 
Petrus Scalarius den 'miles scultetus idemque magister civium' auf 
(z.B. II 130,12: ao. 1277). Peter Schaler war das Haupt der 
Rittergesellschaft der 'Psitticher', zu der neben den Schaler die 
Münche gehörten und zu der sich auch die Roeteln gehalten zu 
haben scheinen 1 ). Mit ihnen vertrat er gegenüber den 'Sternern' 
die bischöfliche Partei, war also auch der entschiedenste Gegner 
des Grafen Rudolf von Habsburg. Aber nach dessen Wahl zum 
König vollzog er sofort eine Schwenkung, und er hat seinen An- 
schluß an das habsburgische Königtum auch auf dem Schlachtfelde 
von Dürnkrut bezeugt. De huius Scalarii commendaeione integra 
hystoria opus esset, sagt Matthias von Neuenburg (ed. Studer S. 39). 

Peter Schaler hatte auf der Nordseite des Münsters eine Ka- 
pelle bauen und ausstatten lassen, in der er beigesetzt wurde, als 
er wahrscheinlich 1306 das Zeitliche segnete (vgl. Wurstisens Be- 
schreibung, Beitr. z. vaterländ. Gesch. NE. 2, 433). Am 17. Dez. 
1 305 hat er zum letzten Male, zusammen mit seinem alten Gegner 
J ohann von Arguel, einen urkundlichen Akt, den Verkauf der Stadt 
Liestal an das Hochstift Basel bestätigt (Boos I 166). 

Es leuchtet ein, welcher Gewinn es für Konrad von Würzburg 
war zu einer Persönlichkeit von solcher Stellung und so reichen 



1) Dies wird bestätigt dadurch daß bei der Überrumpelung des Schlosses 
Wehr unterhalb Säckingen im J. 1272 u. a. der Domherr Leutold von Roeteln, 
Konrads Gönner, gefangen genommen wurde; Annales Basilienses MG. SS. XVII 195 



108 Edward Schröder, 

Mitteln in Beziehung zu treten, und wir wüßten gar zu gern, 
wann dies geschehen ist. Die größte Wahrscheinlichkeit spricht 
wieder für den Anfang der 70er Jahre , als Peter Schaler ein 
Alter von 35 — 38 Jahren haben mochte. Daß ihm der Dichter 
weiter keine Titel oder Amter beilegt, kann kaum befremden : der 
ScJialer min her Peter, das sagt bei diesem Manne genug. 

Wohl aber muß hier die Frage erledigt werden, zu welchem 
Zeitpunkt der Prolog geschrieben wurde. Keinesfalls vor Beginn 
des Werkes und ebensowenig beim Abschluß — wenn es überhaupt 
abgeschlossen wurde. Die Art wie der Dichter von seiner Arbeit 
und den beiden treuen Helfern redet, zeigt daß er mitten drin 
steckt. Er wird also wohl seinem Gönner eine Teilpublikation 
überreicht haben, und bei dieser Gelegenheit heftete er den fer- 
tigen Lagen ein Doppelblatt vor, zweispaltig beschrieben, mit 
2 x 30 Zeilen auf der Seite : daß es nur 232 (statt 240) Verse sind, 
kann aus der Absetzung des Eingangs erklärt werden oder auch 
durch einen kleinen leeren Raum am Schlüsse. 

5. Beim 'Trojanerkrieg' liegt die Sache anders. Hier ist 
der 'prologus', wie ihn der Dichter selbst nennt (V. 261), ganz 
sicher gleich am Eingang gedichtet, und wir hätten also einen 
festen Ausgangspunkt, wenn wir wüßten, wann der werde senger *) 
Dietrich von Basel an dem Orte (V. 246 f.) zum Amte des Dom- 
kantors gelangt ist. Aber leider haben uns die neuen Urkunden 
hierüber keinen Aufschluß gebracht. 

Dietrich am Ort entstammte einer Familie des Stadtadels 
die zuerst 1237 durch die Brüder Gvno et Ulricus de Fine milites 
BUB. I 100, 32 f. bezeugt ist ; einer dieser beiden wird sein Vater 
gewesen sein. Er hat wahrscheinlich im Jahre 1255 eine Pfründe 
beim Domkapitel erlangt: 1255 Dez. 10 erscheint Thietricus dictus 
an dem Orte can. Bas. zum ersten Mal als Zeuge (BUB. I 214, 23) ; 
weiterhin 1262 (I 302,11. 308,20); 1264 (Trouillat II 138. 139); 
1266 (I 341, 8); die Nachweise von da ab s. im Register zu BUB. 
II S. 418 a und zu Trouillat II S. 790\ Als Archidiakon im Leim- 
tal begegnet er 1274 (II 80, 32) und 1277 (II 126, 1). 

Das Amt des Domsängers hatte bei Dietrichs Eintritt in das 
Kapitel Erkenfrid von Rixheim inne, zufrühst als solcher bezeugt 
1251 (Trouillat II 68), zuletzt 1277 April 13 (BUB. II 129,22); 
sein Nachfolger wurde Dietrich am Ort, aber leider tritt hier eine 
Lücke der Belege ein, wir finden erst Mitte Mai 1281 eine Ur- 

1) So A und Wackernagel im Lesebuch (gegen Kellers singer). 



Studien zu Konrad von Würzburg IV. 109 

künde mit dem gewünschten : Lutold von Rötelhein der ersepriester, 
Dietrich am Orte der seng er eröffnen eine Zeugenreihe (Troa- 
illat II 337); 1283 April 6: Dietericus cantor Basüiensis (BUB. II 
237, 35) — und so fort bis 1289 April 21 : Herr Dietrich am Ort der 
senger (II 368, 17) und Nov. 7 (III 329, 15). Nun schließen die 
Zeugnisse für den Lebenden — 1294 Jan. 19 ist von hone memorie 
dominus Dietricus cantor ecclesie Basüiensis die Rede (Trouillat II 
564), ebenso 1295 Nov. 30 (BUB. III 130, 14 f.). Er hat also seinen 
Schützling Konrad um zwei bis sechs Jahre überlebt. 

Das Amt des Domsängers aber kann Dietrich am Ort eben- 
sogut im Mai 1277 wie im Mai 1281 übernommen haben — es fehlt 
uns also für den Beginn der Arbeit Konrads am Trojanerkrieg 
an einem brauchbaren terminus ante quem non: denn mit 'nach 
April 1277' ist nichts anzufangen; das wäre ohnedies selbstver- 
ständlich. 

Überblicken wir noch einmal die Reihe der Grönner Konrads, 
so finden wir darin alle einflußreichen Stände und Klassen der 
Basler Bevölkerung vertreten. Den auswärtigen Hochadel vertritt 
Leutold von Roeteln, dem Stadtadel, der Ritterschaft gehören Peter 
der Schaler und Dietrich am Ort an, Bürger sind Heinrich Iselin, 
Johann von Bärschwil, Arnold Fuchs, Heinrich Merschant, aus 
dem ländlichen Ritterstand zum Bürgertum übergetreten ist Johann 
von Arguel, der aber zugleich durch seine Mutter, die geborne 
Winhart, die Brücke zu den Zünften schlägt. So fehlt eigentlich 
ganz nur die niedere Geistlichkeit. Auf dem engen Räume der 
mittelalterlichen Stadt trafen diese Persönlichkeiten, die fast durch- 
weg am öffentlichen Leben teilnahmen, häufig zusammen : so finden 
wir in nicht wenigen Urkunden drei bis vier unserer Bekannten, 
ja gelegentlich sogar fünf, so unter der erneuerten Handfeste 
Bischof Heinrichs von Isny für Kleinbasel vom 10. März 1277 
(BUB. II No. 219): Leutold, Dietrich, Peter Schaler, Heinrich 
Isenli, Heinrich Mertschant. 

Alle diese Männer erweisen sich schon durch die Grrundstücks- 
geschäfte in welchen sie uns urkundlich entgegentreten, als wohl- 
habend, zum Teil sind sie reich, und sie ließen sich ihr Mäcenaten- 
tum gewiß nicht billig zu stehn kommen : Peter Schaler und Diet- 
rich am Ort müssen den Dichter und seine Familie viele Jahre 
hindurch unterhalten haben, der in allen fünf Werken mit wech- 
selnden Ausdrücken der Milde seiner Auftraggeber gedenkt: Sil- 
vester V. 81 mit sinen gnaden, Alexius V. 1389 so rehte liebe, Pan- 
taleon V. 2144 mit siner miete löne, Partonopier V. 188 mit siner 



HO Edward Schröder, 

gebenden kende — 201 durch sine mute hant, Trojanerkrieg V. 252 
dur sincr miltekeite sali. 

Daß die Gönner ze Basel, ze Basel in der stat wohnen, wird 
im Silvester V. 92, Alexius V. 1388, Partonopier V. 186, Trojaner- 
krieg V. 247 ausdrücklich gesagt, aber ohne rühmenden Beisatz 
wie im Otto V. 754 ze Sträzburc in der guoten 1 ) stat, worin ich 
eine Huldigung des Gastes erblicke (s. u. S. 112 ff). Im Pantaleon 
fehlt die Ortsangabe — hier aber auch die Namensnennung des 
Dichters; daß beides in dem fehlenden Schluß gestanden habe, ist 
immerhin möglich. Im übrigen nennt sich der Autor im Silvester 
V. 82 f. mich tumben Cuonräden von Wirzeburc, im Alexius 
V. 1407 ich armer Kuonrät von Wirzeburc ; die in den kleinen 
Dichtungen der Jugendzeit feste Versformel von Wirzeburc ich 
Kuonrät (Weltlohn V. 263, Herzmäre V. 579, Otto V. 764) kehrt 
wie im Engelhard V. 6492, so auch im Schwanritter V. 1 387, Par- 
tonopier V. 192, Trojanerkrieg V. 266 wieder, während in der 
Goldenen Schmiede V. 120 f. die Reimverschlingung zu mir Guon- 
rdde von Wirzeburc führt. 

In zwei Dichtungen die keinen Gönner nennen, und die man 
wohl beide der Straßburger Periode, oder, da ich an eine solche 
im alten Sinne nicht glaube (s. u.), den Straßburger Beziehungen 
des Dichters zuschreiben muß, nennt sich der Verfasser 'Kuonze' : 
disen tanz hat iu gesungen Kuonze da von Wirzeburc heißt es am 
Schluß des 2. Leiches V. 136, und bi Kuonzen der uns stet hie M 
Klage der Kunst Str. 31, 7. Aber auch hier folgt Konrad einem 
Brauche, an den er sich schwerlich in Würzburg, recht wohl aber 
in Basel gewöhnt haben mochte, wo in allen Gesellschaftskreisen 
der Wechsel zwischen der Vollform Und der Koseform gerade bei 
diesem Namen ganz üblich war, vgl. Socin, Mhd. Namenbuch S. 9 f. ; 
bes. lehrreich ist der Fall: (her) Kvnrat Ermenrich un her Kvnrat 
der Böller II 214,8 (1282 Febr. 9) = Chvnci der Boller, Chonci 
Ermenrich II 226, 8 (1282 Sept. 20). Daß der 'Kuonrät' um eine 
Note vornehmer war als der 'Kuonze', scheint hier schon das Fort- 
bleiben des 'her' vor der Koseform zu bezeugen: auch die beiden 
Stellen wo sich der Dichter Kuonze nennt, schlagen deutlich einen 
scherzhaften oder vertraulichen Ton an, ohne aber der Würde der 
Autorschaft Eintrag zu tun. 

Wenn Wilhelm Wackernagel sich bis zuletzt ('Joh. Fischart' 
S. 78 f.) dagegen gesträubt hat, die würzburgische Herkunft des 



1) d. h. vornehmen. 



Studien zu Konrad von Würzburg IV. 111 

Dichters anzuerkennen, so wirkte dabei neben dem Lokalpatriotis- 
mus des Neu-ßaslers, der sich des Fundes der 'domus Wirziburc' 
('Basel im 14. Jh.' S. 23) freute, doch auch das sichere Urteil 
des Philologen mit, dem in der Sprache Konrads von Würzburg 
vieles Alemannische, aber keinerlei fränkische Elemente erkennbar 
waren. In der Tat hat KvW. sein litterarisches Idiom von den 
frühsten Werken an nach oberrheinischen Mustern gebildet, und 
es blieb dem Scharfblick Zwierzinas vorbehalten, hinter dem ale- 
mannischen Schleier seiner Schriftsprache die fränkische Aussprache 
der e-Laute zu erkennen (Zs. f. d. Alt. 44, 305). Auch der Wort- 
schatz bietet bei geringer Lokalfärbung doch mehr alemannisches 
als fränkisches Eigengut: dass ein Autor der in der Synonymik 
schwelgt und auf die Metrik beständig Rücksicht nehmen muß, 
zwischen swan und dem den Baslern gewiß ungeläufigen albez (elbiz) 
wechselt (GGN. 1912, 39 f.), brauchte noch nicht für fränkische 
Herkunft zu sprechen. Aber wo der Dichter im Ringen nach be- 
ständiger Variation des Ausdrucks und beim Aufsuchen immer 
neuer Reime seinen Sprachschatz im tiefsten aufwühlt und in seinem 
Wortgedächtnis die fernsten Winkel durchstöbert, wie besonders 
in der Goldenen Schmiede und den beiden Leichen, da stellen sich 
ihm solche Heimatswörter ein wie etwa derp 'ungesäuert' 1466; 
dillestein 1 ) 33 (== Leich 1,4); grop, adv. grobe 124; zer Jürken 
'linken' 12. 1696 (vgl. Iure :burc 2 ) Leich 2,138); risel stm. 159; 
sänge f. 'Ahrenbüschel' 1299 ; tunc m. 'unterirdischer Raum' (: unc, 
wie Leich 1, 151). Natürlich versteh ich hier unter 'fränkischen' 
Wörtern nicht bodenwüchsige, sondern solche die damals in Ober- 
deutschland außer Gebrauch waren. 

KvW. hat sich ganz als Basler gefühlt, er hat dort höchst 
wahrscheinlich seine Frau Bertha gefunden, und auch seine beiden 
Töchter Agnes und Gerina sind ihm dort geboren worden: alle 
drei tragen gut baslerische Namen, die letzte sogar einen der eine 
Neubildung von Basel ist (Socin , Mhd. Namenwörterbuch S. 54). 
Er hat zwar das Bürgerrecht nicht erlangt, besaß aber ein Haus 
in guter Lage, erwarb ein ansehnliches Begräbnis in der Marien- 
Magdalenenkapelle des Münsters und stiftete ein Anniversarium 
für sich und seine Angehörigen, deren Gedächtnis unter seinem 
Todestag mitgefeiert wurde 3 ). 

1) Vgl. Arch. d. hist. Ver. f. Unterfranken 13, 162: usque in fundum terrae 
dictum 'der dilstein\ 

2) Der gleiche Reim bei Johann von Würzburg 6496. 

3) Daß die Notiz des Basler Anniversarienbuches so gedeutet werden muß 
(Schulte, Zs. f. d. Gesch. d. Oberrheins 1886 S. 495 f.), hat schon Jacob Grimm 



H2 Edward Schröder, 

Wenn also der Kolmarer Dominikaner, der die nächsten Be- 
ziehungen zu Basel hatte und von dem Dichter in sehr warmen 
Ausdrücken spricht, ihn gleichwohl einen Vagus' nennt (MG. SS. 
XVII 233, 61, vgl. 214, 43), so ist das eben für ihn die Bezeich- 
nung des Berufsdichters , der litterarische Aufträge gelegentlich 
wohl auch unter Wechsel des Aufenthalts erledigt. 

In diesem Sinne möcht ich nunmehr auch die Straßburger 
Beziehungen Konrads von Würzburg betrachten. Das alte bio- 
graphische Schema schied in des Dichters Leben eine Würzburger, 
Straßburger, Basler Periode und teilte dementsprechend die Werke 
ein, wobei Basel allerdings den ihm zukommenden Löwenanteil er- 
hielt, Straßburg aber sich mit dem 'Otto' und einem Spruch be- 
gnügen mußte. Daß man gleichwohl an einem Straßburger Aufent- 
halt festhielt und diesen in die Mitte setzte, geschah wohl auch, 
weil Straßburg auf dem Wege von Würzburg nach Basel liegt. 

Ich habe Zs. f. d. Alt. 38, 27 ff. den Straßburger Dompropst 
Bertold vonTiersberg (Diersburg) zeitlich zu bestimmen ver- 
sucht, für den Konrad seinen 'Otto' gedichtet hat; die etwas 
weite Zeitspanne 1260—1275 vermag ich leider auch heute noch 
nicht mit urkundlichem Material einzuengen 1 ). Wohl aber muß 
ich den Titel jenes kleinen Aufsatzes korrigieren: 'der Straß- 
burger Gönner' Konrads war Propst Bertold nicht, sondern nur 
der einzige dem er ausdrücklich ein Werk zugeeignet hat. Be- 
deutungsvoller für den Dichter war sein Verhältnis zu dem Straß- 
burger Bischof Konrad III von Lichtenberg (1273 — 1299): 
er ist, wie man längst erkannt hat, von Sträzeburc ein Liehtenleryer, 
den KvW. in einem der Sprüche des Hoftons preist, bei Bartsch 
am Schlüsse der echten Stücke 32, 361—375 (S. 401). Der Spruch 
ist nur in der Jenaer Hs. erhalten, er fehlt in der vom Dichter 
veranstalteten Gesamtausgabe, welche nach Wodes im einzelnen 
anfechtbarer, in der Hauptsache gesicherter Beweisführung der 
Hs. C zu Grunde liegt. In überschwänglichen Tönen preist Konrad 
das 'Lob' des Kirchenfürsten: es ragt empor wie der Wipfel der 
Zeder — und nun folgen in wenig geschmackvollem Drange sieben 



gewußt, der in meinem aus grimmschem Besitz stammenden Exemplar von Hahns 
'Otto' zu S. 10 eingetragen hat : 'In den Nekrologen werden nicht selten Mann, 
Frau und Kinder auf einen Tag angegeben, z.B. im Fritzlarer, Wahrschein- 
lich feierte man auf den Todestag des Vaters zugleich die memoria der Ange- 
hörigen. Jacob.' 

1) Hoffentlich bringt die Fortführung der Regesten der Bischöfe von Straß- 
burg hierzu die Möglichkeit. 



Studien zu Konrad von Würzburg IV. 113 

Bilder, welche den Glanz, das brcJien, schinen, glesten, glenzen dieses 
lobes veranschaulichen sollen. In diesem Lobe Bischof Konrads 
war der Dichter mit seinen Basler Landsleuten keineswegs einer 
Meinung: die Annales Basilienses MG. SS. XVII 196, 39 ff. finden für 
die unerhört hohen Abgaben welche der Bischof erhob, recht harte 
Worte. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen daß der Lob- 
preis unseres Dichters durch die Milde des Bischofs herausgefor- 
dert war, und diese Freigebigkeit muß sich in der Bemessung eines 
Honorars geäußert haben, wie es Konrad nach den deutlichen An- 
gaben seiner Prologe und Epiloge von allen seinen Basler Gönnern 
erhalten hat, und ebenso von dem Straßburger Dompropst: er hat 
der eren sfrit gestriten mit gerne gebender hende (Otto V. 766 f .) . 

Welches Werk Konrads war es nun das von dem Straßburger 
Bischof so glänzend honoriert wurde? Neben den beiden Leichen 
kommen nur zwei größere Dichtungen in Frage: der 'Engelhard' 
und die 'Goldene Schmiede'. Beim 'Engelhard' fehlt die Angabe 
eines Anregers und Gönners, obwohl sich für die Fortlassung des 
Namens kein Grund finden läßt, und ich bin in der Tat der Über- 
zeugung, daß hier das eigenste Erzeugnis von Konrads poetischer 
Schaffenskraft und seinem litterarischen Ehrgeiz vorliegt. Die Stoffe 
der Legenden, des Partonopier, des Trojanerkriegs wurden ihm 
von außen empfohlen, ja für die beiden großen Epen und wohl auch 
schon beim Silvester wurden ihm die Quellenbücher direkt vom 
Auftraggeber zur Verfügung gestellt. Für den Engelhard aber 
hat er nur eine kurze lateinische Novelle benutzt, die vielleicht 
ohne Namen war — jedenfalls hat er Personen und Länder selb- 
ständig benannt. 

Es bleibt also nur die 'Goldene Schmiede', von der die 
beiden Leiche schwer zu trennen sind, ja zu der der erste, der 
religiöse Leich in einem so nahen Verhältnis steht, daß man sagen 
muß, der Dichter habe in unmittelbarem zeitlichem Anschluß aus 
dem gleichen Material, mit dem gleichen Schatz von Bildern, aus- 
gesuchten Wörtern und Reimen zwei verschiedene Bauten aufge- 
führt. 

Daß diese Dichtungen in die 70er Jahre gehören, also in die 
erste Zeit von Konrads Bistum fallen, kann keinem Zweifel unter- 
liegen. Das beweist der allgemeine Stand der dichterischen Kunst- 
fertigkeit, das bezeugen auch die zahlreichen Übereinstimmungen: 
wie unter einander, so mit kleinern Stücken die hier eingeordnet 
werden müssen oder gar sich zeitlich genau datieren lassen. Dieser 
letztere Fall trifft freilich nur für den einen Spruch bei Bartsch 
32, 316—330 (S. 399) zu, der bald nach der Huldigung König Ot- 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 1. 8 



H4 Edward S chröder, 

tokars in Wien (25. Nov. 1276). also zu Ende des Jahres 1276 

geschrieben ist l ) : 

V. 316 Dem aäelarn von Borne werdeclichen ist gelungen : 

328 sich muoste ein l'öuwe uz Beheim under sine kläwen smiegen. 
Wenn es hier von Kg Rudolf heißt: er hat lop erswungen dur- 
liuhtic lüter unde glänz, so erinnert uns das an ein lop dur- 
liuhtic unde glänz, das als Zweck und Ziel der GSm. V. 8 
aufgestellt wird. 

Zweimal in seinen Werken nennt Konrad von Würzburg den 
Gottfried von Straßburg als seinen unerreichbaren Meister: 
im Eingang des Herzmäres, als er sich zum ersten Male anschickt 
eine Geschichte von heimlicher Minne zu. erzählen, und dann im 
Prolog zur Goldenen Schmiede : 

ich sitze ouch niht üf grüenem He (vgl. Trist. 4919 ff.) 
95 von süezer rede touwes naz, 

da wirdeclichen üfe saz 

von Strdzburc meister Gotfrit, 

der als ein wceher houbetsmit 

guldin getihte worhte. 
100 der het an alle vorhte 

dich gerüemet, vrouwe, baz 

denn ich, vil reinez tugentvaz, 

iemer Jcünne dich getuon. 
Solange man den 'Lobgesang auf Christus und Maria' 2 ) noch für 
ein Werk Gottfrieds hielt, hat man die Zeilen wohl meist so auf- 
gefaßt, als ob Konrad nicht mit diesem Werke in Konkurrenz zu 
treten wagte: man nahm dann das het V. 100 offenbar als 'hat'. 
Nun hat aber Pfeiffer, Germania 3, 59 ff. die Unechtheit dieser 
Dichtung nachgewiesen, und auch das Auskunftsmittel, Konrad 
habe den 'Lobgesang' für ein Werk des Straßburgers gehalten, 
verfängt nicht, denn es handelt sich um ein Erzeugnis aus dem 
letzten Viertel des 13. Jh.s, das jedenfalls jünger als die 'Goldene 
Schmiede' und wahrscheinlich sogar erst nach Konrads Tode ent- 
standen ist. Ob man also mit den Hss. und dem Herausgeber das 
het(e) in V. 100 bestehen läßt oder dafür die Konrad noch mehr 
geläufige Form haste einsetzt (vgl. Zwierzina Zs. f. d. Alt. 44, 108 f.), 



1) 0. Redlich, Rudolf von Habsburg (Wien 1903) S. 326 scheint den Spruch 
erst nach der Schlacht bei Dürnkrut anzusetzen, was natürlich ein Versehen wäre. 

2) Trotz Haupt Zs. f. d. Alt. 3, 513 ff. fehlt noch immer eine befriedigende 
kritische Ausgabe. 



Studien zu Konrad von Würzburg IV. 115 

bleibt gleichgiltig ; es handelt sich unbedingt um den Konj. Prät., 
und der Dichter will sagen : 'der alte Straßburger Meister hätte 
die Sache kühnlich besser gemacht'. 

Welchen Sinn und Zweck aber hätte diese Huldigung an Gott- 
fried, der niemals einen ähnlichen Stoff behandelt hat, in einem 
Marienlob für Baseler Kreise gehabt? Der ganze Prolog, auch 
wenn er keinen Auftraggeber nennt, gibt doch deutlich zu er- 
kennen, mag die Bescheidenheit nun echt oder, da gerade dieser 
Prolog ein Prunkstück konradischer Stil- und Reimkunst ist, ein 
kokettes Mäntelchen sein, daß sich der Dichter einem Auftrag und 
hochgespannten Erwartungen gegenübergestellt sieht. 

Die zweite Hälfte des 13. Jh.s ist die wichtigste Periode für 
den Ausbau des Straßburger Münsters, des 'Monasterium Beatae 
Mariae Virginis'. In den Jahren 1250 — 1275 wurde der Bau des 
reingotischen Langhauses ausgeführt. Mitten hinein in diese Zeit 
fällt die Stiftung eines Marienaltars durch den Bürger Heinrich 
Wehelin 1264 (F. X. Kraus, Kunst und Altertum in Elsaß-Loth- 
ringen I 358). Noch vor Vollendung des Langhauses (7. Sept.) 
erließ Bischof Konrad im Anfang des Jahres 1275 drei Indalgenz- 
briefe zu Gunsten der weiteren Förderung des Münsterbaus (Kraus 
a. a. 0. S. 359 ff.) : in eindringlicher Beredsamkeit werden die Gläu- 
bigen ermahnt, das Gott und der glorreichen Gottesmutter wohl- 
gefällige Werk zu fördern; es wird auf den Beitritt zur 'Brüder- 
schaft der heiligen Jungfrau' hingewiesen, deren Mitglieder sich 
zu regelmäßigen Beiträgen für den Bau ihrer Kirche verpflichten 
usw. Im Frühling des Jahres 1277 war man mit den Mitteln so- 
weit um die Arbeit wieder aufnehmen zu können : am 25. Mai 1277 
wurde der Grundstein zum Bau der Westfront gelegt und damit 
jener Teil des großen Werkes begonnen, an dem Meister Erwin 
seine künstlerische Tätigkeit entfaltete. Als 1299 Bischof Konrad 
starb und in der Johanniskapelle beigesetzt wurde *), da schuf ihm 
der Künstler das eindrucksvolle Monument, an dessen Fuße er sich 
selbst in einer kleinen Statuette verewigt haben mag. Mit dem 
Bau einer Marienkapelle im Jahre 1316 aber brachte Erwin seine 
Arbeit am Münster zum Abschluß, 1318 ist er gestorben. 

Diese ganze Zeit ist, in Straßburg vielleicht mehr noch wie 
anderwärts erfüllt von einem gesteigerten Marienkultus: unter 
seinem Zeichen stehn der Münsterbau und die 'Goldene Schmiede', 
Meister Erwins Schaffen und das des Konrad von Würzbursr. Daß 



1) Die Grabschrift rühmt ihn: qui Omnibus bonis condicionibus que in ho- 
mine mundiali debent concurrere eminebat nee sibi Visits similis est in [üßis. 

8* 



216 Edward Schröder, 

dieser auf eine Anregung des Lichtenbergers hin das kostbare 
poetische Geschmeide für die Gottesmutter schuf, ist mir im Laufe 
der Jahre, seit mir zuerst der Gedanke kam, immer wahrschein- 
licher geworden, obwohl ich mir selbstverständlich nicht einbilde 
es nunmehr bewiesen zu haben. 

Wie hat sich nun der Bischof die Wirkung des Werkes ge- 
dacht? und was hat er für seine Verbreitung getan? Die 'Gol- 
dene Schmiede' hat unter allen Werken Konrads von Würzburg 
die reichste Überlieferung. Aber sie war nichts weniger als eine 
volkstümliche Werbeschrift, und wenn sie später in weitere Kreise 
drang und die Spuren ihrer Nachwirkung sich auch in niederen 
Schichten der Litteratur offenbaren, so war sie doch von vorn 
herein gewiß nur für eine kleinere Zahl von Kunstfreunden be- 
stimmt. Man mag sich zum Beispiel vorstellen, daß Konrad von 
Lichtenberg zierlich ausgestattete Exemplare an die Nachbarbischöfe 
von Basel, Konstanz und Speier versandte, welche versprochen 
hatten, die Geldsammlungen für das Münster Unserer Lieben Frau 
von Straßburg ihrerseits durch einen 40tägigen Ablaß zu unter- 
stützen. Das könnte geschehen sein entweder schon beim Erlaß 
der Indulgenzbriefe 1275, oder bei der Einladung zur Feier der 
Grundsteinlegung 1277 zum Dank für die erfolgreiche Mitwirkung. 
Diese beiden Jahre sind es mithin die ich für die Veröffentlichung 
der 'Goldenen Schmiede' vorschlage — ich persönlich neige mich 
mehr dem Jahre 1277 zu. 



V. Das Turnier von Nantes. 

Litteratur. Einzige Überlieferung in der 'Würzburger Liederhandschrift r 
des Michael de Leone von 1350 (München, Kgl. Universitätsbibliothek) Bl. 59 a — G8»; 
vgl. über den Kodex Ruland, Archiv d. hist. Ver. f. Unterfranken 11 (1851) 
1—66 (bes. S. 19); W. Meyer, Die Buchstabenverbindungen der gotischen Schrift 
(1897) S. 103— 107 (Schreiberb, S. 105); E. Schröder, Die Gedichte des Königs 
vom Odenwalde (1900) S. 4 f. — Ausgaben: von Docen in Maßmanns Denkmälern 
deutscher Sprache und Litteratur H. 1 (München 1828 resp. 1827) S. 138—148; 
nach Vorarbeiten F. Roths von Bartsch in der Partonopier- Ausgabe (Wien 
1871) S. 313—332, dazu Vorwort S. IX— XII, Anmerkungen S. 420—428. — Zur 
Deutung und Zeitbestimmung: Kochend örf f er, Zs. f. d. Alt. 28, 133—135; 
Blöte, Zs. f. d. Alt. 42, 44—47; E. Schröder, Anz. f. d. Alt. 25, 309 f. ; 
Laudan, Die Chronologie der Werke Konrads v. Würzburg (Gott. Diss. 1906), 
bes. S. 83—94; Galle, Wappenwesen u. Heraldik bei KvW. (Gott. Diss. 1911), 
Zs. f. d. Alt. 53, S. 209—258, bes. S. 243—254. 

Eh ich mich zu einer neuen Deutung und Datierung des 'Tur- 
nier von Nantes' wende, hol ich ein paar Bemerkungen zum 'Schwan- 



Studien zu Konrad von Würzburg V. 117 

• 

ritt er' nach. Wir wissen seit Blöte, daß er vor das 'Turnier' 
fallen muß, seit Laudan und Galle, daß er zu den späten Werken 
des Dichters gehört; obwohl die genaue Einreihung noch nicht 
gesichert scheint, wird man ihn zu den Basler Dichtungen im en- 
gern Sinne rechnen müssen. Nun sind die Legenden, der Parto- 
nopier und Trojaner krieg, die wir als solche oben behandelt haben, 
alle fünf mit den Namen von Gönnern geschmückt, auf deren di- 
rekte Anregung das Werk zurückgeht. Auf eine solche persön- 
liche Anregung hab ich soeben auch die 'Goldene Schmiede' zu- 
rückgeführt, während ich den 'Engelhard' als den eigentlichsten 
litterarischen Plan des Dichters ansehe, ebenso wie die 'Klage der 
Kunst' und die Mehrzahl der lyrischen Dichtungen. Zu welcher 
Gruppe gehört nun der 'Schwanritter' ? 

In der einzigen Papierhs. die uns das Werkchen überliefert 
hat (vgl. GGN. 1912 S. 35), fehlt der Anfang: zwei Blätter mit 
etwa 284 Versen. Der Dichter nennt sich am Schlüsse V. 1384 
— hat der verlorene Eingang nun den Namen eines Gönners ent- 
halten? 

Wir besitzen von Konrad von Würzburg 13 selbständige Werke 
von sehr verschiedenem Umfang; dazu will ich die beiden Leiche 
nehmen , die einmal für sich publiziert sein mögen , kurz ehe sie 
der Dichter der Gesamtausgabe seiner Lieder und Sprüche (1277 ?) 
voranstellte. Die Selbstnennung und die Huldigung für den Gönner 
stellen sich nun für die 14 Dichtungen (vom 'Schwanritter' jetzt 
abgesehen) in der Überlieferung folgendermaßen dar: 

I. Der Dichter nennt seinen Gönner und demnächst sich selbst : 

a) im Prolog: 'Silvester', 

'Partonopier', 
'Trojanerkrieg' ; 

b) am Schluß : 'Otto', 

'Alexius', 

['Pantaleon', wo nur der Schluß mit dem 

Autornamen herausgeschnitten ist, s. Zs. 

f. d. Alt. 48, 533]. 

II. Der Dichter nennt nur sich selbst: 

a) im Prolog : 'Goldene Schmiede' ; 

b) am Schluß : 'Weltlohn', 

'Herzmäre', 

'Engelhard', 

'Klage der Kunst' (Kuonze), 

II Leich {Kuonze von Wirzeburc)) 



118 Edward Schröder, 

III. Es fehlt jede Namensangabe: 
I Leich, 

('Turnier von Nantes'). 
Es muß. aber für das Turnier sofort bemerkt werden, daß d;e Hs* 
(vgl. Bartsch S. Xf.) einen zweifellos gefälschten Schluß bietet, 
an dessen Stelle sehr wohl der Name des Dichters gestanden haben 
kann: sonderbar genug freilich, daß der Schreiber diesen Namen 
tilgte in demselben Augenblick wo er sich anschickte, in eigenen 
Versen den Ruhm des nun ungenannten Meisters zu verkünden: 
Man fünde in allen landen Keinen schriber so gut. 

Wie man sieht, gibt es keinen Fall wo der Dichter die Nen- 
nung des Gönners von seinem Autorbekenntnis getrennt hätte — 
und das müßte im 'Schwanritter' der Fall gewesen sein. Aus- 
geschlossen ist es natürlich nicht daß er auch einmal anders ver- 
fahren sei, aber mit größerer Wahrscheinlichkeit werden wir doch 
das Werk der Gruppe IIb zuweisen und also annehmen, daß uns 
mit dem Verlust des Eingangs kein Name vorenthalten bleibt. 
Damit ist nicht gesagt, daß das Gedicht nicht doch im Hinblick 
auf eine bestimmte Person geschrieben worden sei ; schließlich hat 
jedes litterarische Werk des Mittelalters (wozu ich aber Annalen 
so wenig rechne wie Nekrologien) seinen Adressaten, vor allem 
aber jedes größere Gedicht: die Autoren haben weder für das 
breite Publikum noch zu ihrem Privatvergnügen geschrieben. Ich 
weiß sehr wohl, daß diese Frage in vielen Fällen unbeantwortet 
bleiben muß, daß man sie aber so selten aufgeworfen und z.B. bei 
Hartmann kaum je daran gedacht hat, kennzeichnet einen wesent- 
lichen Mangel im Betrieb der altdeutschen Literaturgeschichte. 

Für das 'Turnier von Nantes' glaubte Kochendörffer einen 
sichern Anhaltspunkt in den Aachener Festlichkeiten bei der Krö- 
nung König Richards gefunden zu haben, und seine Deutung hatte 
sich zunächst wohl allgemeinen Beifalls zu erfreuen. Sie ist aber 
hinfällig geworden durch den unanfechtbaren Grund mit welchem 
Blöte die Priorität des 'Schwanritters' vor dem 'Turnier' erwiesen 
hat. Laudan setzte dann den 'Schwanritter' zwischen 'Partonopier' 
und 'Trojanerkrieg' und bestätigte meine früher ausgesprochene 
Vermutung, daß das 'Turnier' erst während der Arbeit am 'Tro- 
janerkrieg' entstanden sei. Seine genaue Festlegung der Turnier- 
dichtung [in einer Arbeitspause nach Troj. 30882] .hat Galle ent- 
schieden bestritten: er rückt das Werkchen noch tiefer hinab, da 
die Heraldik des 'Turniers' auf den 'Trojanerkrieg' gar nicht ab- 
gefärbt habe, also womöglich bis ins Jahr 1287! Den 'Schwan- 
ritter' beläßt auch Galle an seinem Platz unmittelbar vor dem 



Studien zu Konrad von Würzburg V. 119 

großen Hauptwerke. Ich halte es nicht für ausgeschlossen daß 
auch dies Gedicht noch während der Arbeit am 'Trojanerkrieg' 
meinetwegen zu Anfang, entstanden ist. 

Bei meinen eigenen Erwägungen bin ich ausgegangen von der 
Vorstellung von Konrads Seßhaftigkeit in Basel, und ich habe zu- 
nächst die Quellen und erst dann die historischen Darstellungen 
gelesen, die meine immerhin lückenhafte Quellenkenntnis vielfach 
ergänzten; von diesen Darstellungen werd ich im nachfolgenden 
nur die beiden jüngsten anführen: Oswald Redlichs 'Rudolf von 
Habsburg' (Innsbruck 1903) und Rud. Wackernagels 'Geschichte der 
Stadt Basel', Bd. I (Basel 1907); sie sind derart auf die Quellen 
begründet, daß ich mir direkte Zitate aus diesen in den meisten 
Fällen ersparen kann. 

Ich habe mir hauptsächlich drei Fragen vorgelegt: 

1. Welche Gelegenheit hatte Konrad in Basel, in seinen spä- 
teren Jahren für Turnierwesen und Heraldik Interesse zu gewinnen ? 

2. Läßt sich die Deutung des 'Königs Richard von England' 
(unter dem man vor Kochendörffer Richard Löwenherz verstanden 
hatte) auf den deutschen König Richard (1257 — 1272) aufrecht er- 
halten, nachdem Kochend örffers Datierung erledigt ist? Und was 
wußte Konrad von diesem Richard von Cornwallis, der, als er seinen 
'Turnei' schrieb, schon 12 — 15 Jahre tot war? 

3. Wie erklärt sich bei dem Basler Dichter die sonderbare 
Auswahl der 7 deutschen Turnierritter, bei der der ganze Süden 
und besonders auch der Südwesten Deutschlands unberücksichtigt 
bleibt? 

1. Der Entfaltung einer vornehmen Geselligkeit und der Aus- 
richtung ritterlicher Festspiele waren die Verhältnisse in Basel 
während der Zeit des Interregnums kaum günstiger als anderwärts : 
die beständigen Fehden der Psitticher und der Sterner, welche für 
längere Zeit zur Vertreibung der antibischöflichen Partei aus der 
Stadt führten, genügen allein schon um das natürlich erscheinen 
zu lassen. Aber auch mit der ehrenvollen Rückführung der Sterner 
durch den neuen König Rudolf wurden die Verhältnisse nicht ohne 
weiteres gesund: die her seh süchtige Person Peter Schalers, der 
sich inzwischen auf die Seite des Königs geschlagen hatte und 
so in seiner Stellung auch unter den neuen Verhältnissen gefestigt 
blieb, war kein Einigungspunkt. Eine Wendung trat erst im Jahre 
1286 ein, als König Rudolf mit seinem Stadtfrieden durchgriff und 
fast gleichzeitig Peter Reich, der erste Bischof aus einem Basler 
Dienstmannengeschlecht, der Nachfolger des Mannes wurde der 



^20 Edward Schröder, 

ihm vor 12 Jahren beim Basler Bistum und soeben wieder beim 
Erzbistum von Mainz obgesiegt hatte. Erst von jetzt ab mögen 
ritterliche Feste aus dem Kreise des Stadtadels selbst veranstaltet 
worden sein. Wenn gegen Ende des Jahrhunderts in Basler Ur- 
kunden, und wohl nur in solchen, für 'Marien Geburt' (8. September) 
der Ausdruck auftaucht unser vrouwen mes (der man spriehet) gern 
tumci (1292: Trouillat II 526; 1300: BUB. III 307,8), so wird 
sich das von regelmäßigen Kampfspielen herschreiben die seit 
einiger Zeit an diesem Tage stattzufinden pflegten (wohl auf dem 
Münster platz *), meint Wackernagel S. 86). 

Wenn also Konrad von Würzburg bis über den Engelhard 
hinaus von ritterlichem Kampfwesen wenig versteht und für He- 
raldik gar kein Interesse zeigt, so erklärt sich das sehr einfach 
daraus daß ihm in Basel kaum eine Möglichkeit geboten war. 

Soweit sich das in der Folgezeit änderte, geschah es zunächst 
nicht aus den Kreisen des Stadtadels heraus, sondern indem Basel 
unter dem Königtum des Habsburgers jetzt weit häufiger zum 
Schauplatz von Festlichkeiten gewählt wurde, die der umwohnende 
Hochadel oder König Rudolf selbst veranlaßte. So melden die 
Ann. Bas. zum J. 1276: Pridie Kai. Junii comes Theobaldus de 
Phireto fecit curiam magnam, cui interfuit rex et regina, dux Lotha- 
ringie et milites midti (MG. SS. XVII 200, 1 f.). Die 'curia magna' 
welche der Graf Diebold von Pfirt in Basel veranstaltete, war 
ein großes Turnier. König Rudolf hat, seit ihn am 20. Sept. 1273 
im Lager vor Basel die Kunde erreichte, daß die Kurfürsten ge- 
neigt seien ihn zum König zu wählen, noch oft in der Stadt ge- 
weilt, die ihm als erste gehuldigt hatte und der er fortan besonders 
gewogen blieb, zumal seit als Kirchenfürst sein wertvollster Be- 
rater Heinrich von Isny hier waltete; zum letzten Mal bei Kon- 
rads Lebzeiten geschah das Ende September 1286, wo er mit großem 
Gefolge einzog (Redlich S. 699). Zumeist freilich war er von poli- 
tischen Geschäften und kriegerischen Aufgaben derart in Anspruch 
genommen, daß für Turniere gewiß keine Zeit übrig blieb — oder 
es waren traurige Anlässe, wie die Beisetzung der Königin Anna 
im Münster 1281. Nur einmal wird uns eine Ausnahme eindrucks- 
voll gemeldet : im Sommer 1284 beging Rudolf mit prunkvollen 



1) Bei dem von Rud. Wackernagel wiederholt (I 50. 86) angeführten 'Preis- 
lied' (Zs. f. d. Phil. 13, 220 ff.) handelt es sich um einen geographischen Zusatz 
zu der Weltchronik Rudolfs v. Ems, der sich ziemlich genau datieren läßt auf 
die Zeit 1271 bis 1273: denn die 'fünfzig oder mehr' Ritter von Basel, die nicht 
nach Hause zurückkehren werden e daz sie gesiget hart, sind eben die vertriebenen 
Sterner. 



Studien zu Konrad von Würzburg V. 121 

Festen zu Basel die Vermählung seines unehlichen, wohl voreh- 
lichen Sohnes Albrecht von Schenkenberg, den er zum Grafen von 
Löwenstein erhoben hatte, mit Luckard von Bolanden (Wacker- 
nagel S. 43) : et eodem die curiam habuit rex Ruodolphus in Basilea 
cum gloria dominorum, 

2. Was Richard von Cornwaliis anlangt, der in den 
Jahren 1256/57, wie man sich erzählte, mit ungeheuren Summen 
die Erzbischöfe von Mainz und Köln und andere Reichsfürsten 
bestochen hatte ihn zum König zu wählen, so sind die Zeitgenossen 
voll vom Ruhme seines Reichtums und seiner Freigebigkeit, wäh- 
rend das Andenken an Richard Löwenherz (f 1199) in Deutschland 
gewiß längst erloschen und die Vorstellung von ihm überhaupt 
kaum je sehr lebhaft gewesen war. Bei seiner dritten Anwesenheit 
in Deutschland 1262 machte die prunkvolle Vermehrung welche 
er dem Reichsschatz in Aachen zu Teil werden ließ, aufs neue 
von dem 'reichsten Fürsten der Zeit' reden. Damals dehnte er 
seine Reisen auch bis an den Oberrhein aus, und der junge Konrad 
von Würzburg kann ihn recht wohl gesehen und womöglich gar 
etwas aus seinem Säckel abbekommen haben. Graf Heinrich von 
Neuenburg, der Oheim Leutolds von Roeteln, Koadjutor, in Wirk- 
lichkeit aber bereits regierender Herr des Hochstifts, reiste ihm 
bis Schlei utadt entgegen und empfing dort am 5. November aus 
seiner Hand (als 'predilectus capellanus noster' bezeichnet) in Ge- 
genwart der Grafen Rudolf und Gottfried von Habsburg die Er- 
neuerung der Rechte und Freiheiten der Stadt (Trouillat II 126 
No. 88, Regest BUB. II No. 411). Der Straßburger ChTonist Ellen- 
hard, der die Reise König Richards selbst erlebt hatte und sie 
zunächst wie einen Triumphzug schildert, behauptet weiterhin, der 
König sei bis Basel gekommen, dort aber — defecit ei substamia! 
{MG. SS. XVII 122, 5 ff.) 1 ). Mag es sich damit nun verhalten wie 
immer : die große Freigebigkeit des Königs war auch in Basel be- 
kannt geworden, und man mag sich damals die Anekdote erzählt 
haben mit welcher Konrad seine Dichtung einleitet. 

Daß er aber zu einer Zeit wo ganz Basel gut habsburgisch 
war, auf den König Richard zurückkommen konnte, den er nicht 



1) Vgl. Böhmer, Regg. imp. V 2, 1012, wo dieser Aufenthalt Richards in 
Basel für November 1262 fest angesetzt wird. Wackernagel scheint der allerdings 
etwas wirren Darstellung Ellenhards, der die mehrfache Anwesenheit Kg Richards 
in eine einzige Reise durch Deutschland zusammenzieht und auf die Blamage in 
Basel gleich den Abfall der Fürsten folgen läßt, keinen Glauben zu schenken; 
er erwähnt (S. 33) nichts von dem königlichen Besuch in Basel. 



122 Edward Schröder, 

nur als hohes Muster fürstlicher Milde hinstellt, sondern auch als 
Repräsentanten der Deutschen gegenüber den Wälschen wählt, 
das läßt sich immerhin aus gewissen Absichten König Rudolfs 
erklären, die in der Bürgerschaft wohl bekannt sein mußten, zum 
mindesten seit man im Basler Münster den am 21. Dez. 1281 bei 
Rheinfelden ertrunkenen königlichen Prinzen Hartmann, Rudolfs 
zweiten Sohn, neben seiner Mutter beigesetzt hatte. Denn dieser, 
dem der Vater das römische Königtum mit dem Arelat zugedacht 
hatte, war seit Anfang 1278 mit der englischen Prinzessin Jo- 
hanna, der Tochter König Edwards I. und Großnichte des deutschen 
Königs Richard, verlobt gewesen (Redlich S. 413—415, vgl. 372 f.). 

An dem eigentümlichen Gegensatz, daß der Dichter zu An- 
fang der 70er Jahre, wahrscheinlich bald nach König Richards 
Tode, im 'Engelhard' einen Prinzen Ritschier von England als 
niedrigen Intriguanten einführt und 12—15 Jahre später im 'Tur- 
nier' einen König Richard (man beachte die deutsche Namensform) 
als Muster fürstlicher Milde und 'deutscher' Tapferkeit hinstellt, 
werden wir nicht ernsthaft Anstoß nehmen dürfen — aufzuklären 
vermag ich ihn nur allenfalls aus der Tendenz des spätem Werkes. 

3. Wir wenden uns zu dem übrigen Personal. Die Ver- 
bindung zwischen dem, T urnier gedieht und dem 'Schwan- 
ritter' stellen die Grafen von Cleve her, deren Wappen hier 
V. 1320 ein Schwan zugeschrieben wird, während es dort V. 516 
bis 520 bis auf die Farben, die umgekehrt werden müssen, richtig 
blasoniert erscheint: mit Herzschild rot in weiß (statt weiß in 
rot) 1 ). In die irrige Angabe über das Schwanenwappen begreift 
Konrad auch die Grafen von Geldern ein (V. 1320), die in Wirk- 
lichkeit einen Löwen gold in blau führen, und außerdem die frän- 
kischen Grafen von Rieneck (V. 1322), deren Schild 8 fach quer- 
geteilt rot-gold war ; hier liegt o. Zw. eine heimatliche Reminiscenz 
aus einer Zeit vor, wo der Dichter den Unterschied zwischen Schild 
und Helm noch nicht erfaßt hatte 2 ): denn die Rienecker haben 
allerdings (was bei Geldern und Cleve nicht zutrifft) als Helm- 
schmuck den Schwan über der Krone. 

Mag man immerhin der Nennung der Grafen von Cleve am 
Schlüsse des 'Schwanritters' an sich geringen Wert beilegen, sie 

1) Der goldene 'Lilienhaspel', der in der offiziellen Heraldik meist als das 
clevische Wappen erscheint und der das silberne Herzschildchen , das ihm auf- 
liegen soll, wohl gar verschwinden läßt, ist ursprünglich nichts weiter als das 
Schildgespänge, das erst später als Wappenbild aufgefaßt wurde. 

2) Man kann den Irrtum um so leichter verstehen, als das verkleinerte 
Schildbild nicht selten auf dem Helme wiederholt wird. 



Studien zu Konrad yon Würzburg V. 123 

gewinnt Bedeutung wenn im Turnei V. 514 f. von Cleven der gehiure 
ein gräve missewende bar angeführt wird : als der einzige deutsche 
Graf neben zwei Herzögen, zwei Markgrafen und einem Landgrafen. 
Hier muß eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte vorgeschwebt 
haben: Graf Dietrich (VII) von Cleve (1275— 1305), einer 
der besondern Günstlinge Rudolfs von Habsburg , der seit 1276 als 
Gemahl der (damals zweijährigen !) Nichte des Königs , Margareta 
von Habsburg-Laufenburg galt, wenn auch die Hochzeit erst im 
J. 1290 stattfinden konnte (Redlich S. 643 u. Anm.) : Rudolf sendet 
ihm 1276 als 'dilecto filio suo' die Belehnung zu (Urk. bei Redlich 
S. 756), ernennt ihn 1279 zu seinem 'consiliarius et familiaris do- 
mesticus' (Urk, bei Redlich S. 759) , er nennt ihn neben andern 
unter seinen 'Helfern' 1282 (Redlich S. 519 Anm. 5), und wenn er 
auch zeitweise über ihn (wegen der hessischen Kämpfe) die Reichs- 
acht hatte verhängen müssen, so blieb er ihm doch zeitlebens per- 
sönlich gewogen, wie neue Gunsterweisungen vor und nach der 
Hochzeit bezeugen. 

Es ist sehr wohl möglich daß KvW. dem Grafen, der oft in 
der Umgebung seines königlichen Schwiegeronkels weilte, persön- 
lich nahe getreten ist ; bei einer solchen Gelegenheit mag der Basler, 
um dessen geographische Kenntnisse es sonst sehr übel bestellt 
ist, auch einiges über Nimwegen mit seiner alten Kaiserpfalz er- 
fahren haben : diu Vit da sich der snelle Bin wil sewen und ergießen 
und in daz mer Ican fliesen, als ez noch mangem ist bekant: Niu- 
mägen ist diu burc genant. Die Belehnung mit Nimwegen welche 
Dietrich erstrebte, erlangte er freilich erst 1290 (Redlich S. 507), 
aber seit Stadt und Burg 1282 aus geldrischem Pfandbesitz an 
das Reich zurückgelangt waren, ist davon gewiß öfter die Rede 
gewesen. 

Aber noch etwas hat der 'Schwanritter' mit dem 'Turnei 1 ge- 
meinsam : das ist die Figur des Herzogs von Sachsen und die Bla- 
sonierung seines Wappens, die Konrad buchstäblich aus dem altern 
Gedicht herübergenommen hat : T. 398—420 — Schwr. 906—928. 
Es ist das einzige historische Wappen das der • Schwanritter' bietet: 
ganz so hat es Herzog Albrecht IL von Sachsen-Witten- 
berg geführt (Posse, Die Siegel der Wettiner II 22f., Taf. XXVII 
4. 5 u. bes. XXVIII 1), der am Abend des Krönungstages (24. Okt. 
1273) seine Hochzeit mit Gertrud-Agnes, der dritten Tochter Kg 
Rudolfs feierte. Niemals sonst hat sich KvW. ein derartiges Aus- 
schreiben seiner selbst gestattet : es war eben für ihn eine sachliche 
Anleihe, und er brauchte nicht zu befürchten, daß sie ihm von 
einem Htter arischen Kritiker aufgemutzt würde. 



124 Edward Schröder, 

Noch eine dritte geschichtliche Persönlichkeit könnte dem 
Dichter allenfalls im 'Schwanritter' vorgeschwebt haben : die Her- 
zogin von Brabant, welche hier für das Erbrecht ihrer Tochter 
in die Schranken tritt, ruft die Erinnerung wach an die kraft- 
volle Grestalt der Herzogin Sophie von Brabant, welche im 
thüringisch-hessischen Erbfolgekriege (1247 — 1264) die Rechte ihres 
Sohnes Heinrichs des Kindes gegenüber den Wettinern (und zeit- 
weise den Weifen) durchsetzte. Und anderseits hat ein Herzog von 
Brabant den Konrad sehr wohl gekannt haben mag (s. u. S. 126 f.), 
seit 1282 in heftigem Erbstreit um Limburg gestanden. 

Es sind alles nur lose Fäden die ich hier knüpfe; ich hoffe, 
sie werden beim 'Turnier von Nantes', zu dem ich zurück- 
kehre, fester werden. 

Die Dichtung beginnt (V. 1 — 91) mit einem überschwänglichen 
Preise der Milde König Richards von England, in dessen Mitte 
eine Anekdote steht (V. 24 — 66); er (jap und gap und gap el dar 
heißt es V. 86 mit einer kaum ungewollten Reminiszenz an Walther 
von der Vogel weide. — Der König, der ein Freund ritterlicher 
Kampfspiele ist, begibt sich mit 100 Schildgefährten zu einem Tur- 
nier nach 'NantheiJ (durch Reime gesichert V. 99. 106. 239. 706) *), 
Am Vorabend wird eine 'vesperte* geritten (V. 133), bei der der 
König Richard den normannischen Baron Grottfried von Grane (V. 
154) besiegt (— V. 220). 

Es folgt ein üppiges Nachtmahl und am andern Morgen nach 
der Messe die Einteilung der weitern Kämpfe. Aus den 4000 zum 
Turnier erschienenen Rittern sollen zwei gleich starke Parteien 
gebildet werden, eine deutsche und eine wälsche ( — V. 296) ; zu 
jeder von beiden gehören 3 Könige und 7 Fürsten und Grafen. 

A. Deutsche Partei: 

I. der König von England (297 ff.) als Führer; 
II. der König von Dänemark (326 ff.), 
III. der König von Schottland (354 ff.); 

1. der Herzog von Sachsen (390 ff.), 

2. der Markgraf von Brandenburg (424 ff.), 

3. der Markgraf von Meißen (450 ff.), 

1) Wir nehmen allgemein an, daß dies das aus dem Parzival als Stadt der 
'Berteneyse' bekannte Nantes, das alte Namnetes ist, obwohl keine altfranzösische 
Form die Brücke zu Konrads Schreibung schlägt. Daß 'der König bei der Reise 
das Meer passieren muß, wird nicht gesagt, und schlimmer: wer der Wirt ist 
der die Einladungen ergehn läßt, erfahren wir nicht. Die Stadt liegt irgendwo 
fern im Westen, und mit Absicht ist durch den Schauplatz das Ganze in den Be- 
reich der Fiktion gerückt. 



Studien zu Konrad von Würzburg V. 125 

4. der Landgraf von Thüringen (474 ff.), 

5. der Herzog von Brabant (504 ff.), 

6. der Graf von Cleve (514 ff.), 

wozu dann im Verlauf der Kämpfe hinzutritt 

7. der Herzog von Braunschweig (991 ff.). 
B. Wälsche Partei: 

I. der König von Frankreich (527 ff.) als Führer, 
II. der König von Spanien (543 ff.), 
III. der König von Navarra (570 ff.); 

1. der Graf von Bretagne (590 ff.), 

2. der Herzog von Lothringen (608 ff.), 

3. der Graf von Bar (622 ff.), 

4. der Graf von Blois (636 ff), 

5. der Herzog von Burgund [Hs. Surgunne] (656 ff.), 

6. der Graf von Artois (668 ff.), 

7. der Graf von Nevers (678 ff.). 

V. 689—1156 folgt die Darstellung des Turniers, das mit dem 
Siege der Deutschen und neuen Bezeugungen von Richards Frei- 
gebigkeit endet. 

Die Auswahl der Wälschen interessiert uns kaum mehr als 
den Dichter, der hier genommen hat was ihm an Wappenbildern 
zugänglich war ; soweit er daran Überschuß hatte, hat er das nächst- 
liegende bevorzugt. Surgunne V. 656 ist in Burgunne zu ändern: 
sechsfach (schräg) geteilt gold-blau ist der Schild von Burgund! 
Der Graf von Blois mochte ihn vom Partonopier her interessieren, 
einen Herzog von Lothringen, Friedrich (Ferry III), konnte er auf 
dem Turnier von Basel 1276 gesehen haben, und die Angelegen- 
heiten des Grafen Thibaut von Bar hatten für das nachbarliche Basel 
vielfach Interesse, auch wenn wir davon absehen, daß Rudolf von 
Habsburg vor Jahren einmal eine Heiratsabrede zwischen seinem 
Erstgeborenen Albrecht und Thibauts Tochter Jolande getroffen 
hatte 1 ). 

Nun aber zu den deutschen Fürsten! Der Herzog 
Albrecht von Sachsen war, wie wir sahen, seit 1273 der 
Schwiegersohn König Rudolfs, der Graf Dietrich von Cleve 
wurde seit 1276 von ihm wie ein solcher angesehen. Einen dritten 
Schwiegersohn des Königs können wir in dem Markgrafen Otto 
dem Kleinen von Brandenburg ansprechen, der 1279 dessen 
dritte Tochter Heilwig (Hedwig) heimführte (Redlich S. 647. 748). 



1) Die Tatsache ist erst in der neusten Zeit bekannt geworden, s. d. Urk. 
y. 1265 Juli 3 in d. Mitth. d. Inst. f. öst. Gesch. 25, 325. 



126 Edward Schröder, 

Im gleichen Jahre knüpfte Rudolf auch die ersten nähern Bezie- 
hungen zu Heinrich dem Erlauchten, Markgrafen von 
Meißen an (Redlich S. 646), und im J. 1285 heiratete dessen Enkel 
Landgraf Friedrich (der Freidige) von Thüringen Agnes, 
die Tochter des Grafen Meinhard von Tirol: er wurde so der 
Schwager von Rudolfs Sohne Herzog Albrecht. So haben wir schon 
im J. 1285 — und das ist der frühste Termin zu dem wir das 
'Turnier von Nantes' ansetzen dürfen — fünf von den deutschen 
Fürsten des Gedichtes als in nahen verwandtschaftlichen Bezie- 
hungen zum deutschen Königshause stehend erkannt. Zu Braun- 
schweig hatte der König schon früh die beste politische Fühlung : 
im J. 1277 bereits übertrug er neben seinem Schwiegersohne Al- 
brecht von Sachsen dem Herzog Albrecht dem Großen die 
'gubernacio' über die Reichsstädte Lübeck, Goslar, Nordhausen und 
Mühlhausen wie alle Reichsbesitzungen in Thüringen, Sachsen und 
Slavien (Redlich S. 462). Dürfen wir aber gar mit Galle bis zum 
Jahre 1287 hinuntergehn, dann ist auch der Anschluß dieses Für- 
stenhauses an das Haus Habsburg vollzogen: am 19. April 1287 
wurde zu Burglengenfeld in der Oberpfalz der Heiratsvertrag zwi- 
schen Herzog Otto dem Strengen von Braunsch weig- 
Lüneburg und der Prinzessin Mechthild von Baiern, einer En- 
kelin König Rudolfs, abgeschlossen (Redlich S. 669 f.). 

So scheint nur Brabant abseits des Familienkreises zu stehn 
— und doch nicht ganz. König Rudolf hat zu dem Herzog Jo- 
hann I. von Brabant (1260—1294), dem Minnesänger — denn 
um den handelt es sich hier — , alle Zeit in den besten Beziehungen 
gestanden (vgl. Redlich S. 507. 658 f.) ; im J. 1282 nennt er ihn 
neben dem Grafen von Cleve und dem Landgrafen von Hessen 
seinen 'Helfer' (S. 519 Anm. 5) , und wenn er sich in dem Streit 
um die Limburger Erbschaft (Redlich S. 656 ff.) nicht unbedingt 
auf seine Seite stellte, so geschah es gewiß nicht weil diese Freund- 
schaft erkaltet war. Durch seine zweite Heirat mit Elisabeth von 
Burgund war Rudolf dem Brabanter auch verwandtschaftlich näher 
getreten, denn eine ältere Schwester der jungen Königin, Alice, 
war Herzog Johanns Mutter. Anscheinend hat der Herzog zu 
Anfang Februar 1284 an dem glänzenden Hochzeitsfest in Remire- 
mont, kaum 10 Meilen von Basel, teilgenommen und ist über Basel 
heimgereist — vielleicht ist gar Konrad von Würzburg selbst dort 
gewesen und hat seine Kenntnis der französischen Heraldik bei 
dieser Gelegenheit vermehrt? Wenige Tage nach der Hochzeit, 
1284 Febr. 11 übergibt König Rudolf zu Erstem im Elsaß dem 
neuen Neffen die niederrheinische Burg Kempen (Böhmer-Redlich, 



Studien zu Konrad von Würzburg V. 127 

Regg. 1817). Bestimmter aber läßt sich ein Aufenthalt des Herzogs 
in Basel für die gleiche Zeit des vorausgehenden Jahres nachweisen : 
1283 Febr. 17 sind dort nicht weniger als drei Urkunden für Jo- 
hann von Brabant ausgefertigt (ebda Regg. 1763. 64. 65). 

Konrads Turnier dicht ung erschien, eh ihr Kocbendörffer eine 
erste historische Anlehnung zu geben versuchte, als ein sinn- und 
geschmackloser Einfall, von dem man den Dichter am liebsten ent- 
lastet hätte. Und nachdem Kochendörffers Datierung hinfällig ge- 
worden war, schwebte das scheinbar schrullenhafte Gebilde wieder 
ganz in der Luft. Mein neuer Versuch es historisch nicht zu 
deuten, aber zu verstehn, ist keine Rettung: manches bleibt noch 
heute unverständlich, und dem Geschmack des Dichters macht die 
Erfindung, macht das Ganze keine Ehre. Aber wir sehen doch 
jetzt ungefähr, worauf er damit hinauswollte. 

Für Konrad von Würzburg, der bisher nur für die Ritter und 
Bürger von Basel und allenfalls einmal für diesen und jenen vor- 
nehmen geistlichen Herrn von auswärts geschrieben hatte, war 
mit der Neugestaltung des deutschen Königtums und seinen regen 
Beziehungen zu Basel die Aussicht eröffnet, sich auch den Höchsten 
dieser Welt zu nähern; im Spätjahr 1276 hatte er sich König 
Rudolf mit einem Preisgedicht auf die Unterwerfung des Böhmen- 
königs empfohlen. Aber er hatte offenbar die Tasche des Königs 
ebenso verschlossen gefunden wie etwa der Schulmeister von Eß- 
lingen, und er mußte froh sein weiterhin Aufträge in Basel selbst 
zu erhalten, und gar so umfangreiche wie den Peter Schalers oder 
den des Domsängers Dietrich am Ort. Beruhigt hat er sich dabei 
nicht. Zwar seine Spruchdichtung verstummte schon im Jahre 
1277, aber noch in seiner letzten Lebenszeit nahm er mehrfach 
neue Anläufe, um den deutschen Reichsfürsten nahe zu kommen: 
das erste Mal mit dem 'Schwanritter', das zweite Mal mit dem 
'Turnier von Nantes'. 

Daß er für die Turnierdichtung die Auswahl der deutschen 
Kämpfer aus dem Familienkreise König Rudolfs von Habsburg ge- 
troffen hat, wird nach meinen Darlegungen niemand bestreiten 
wollen, und ich erwarte auch nicht die Frage oder den Einwand, 
warum denn nun dieser und jener fehle : etwa Ludwig von Baiern 
oder Meinhard von Tirol? Ich habe ja keine Konzepte und keine 
Korrespondenzen aufgedeckt, sondern nur aus der Dichtung selbst 
herausgeholt was sie hergab. 

Vorangestellt hat der Dichter in sehr deutlicher Absicht das 
Lob 'König Richards von England' , und seiner überschwänglichen 
Freigebigkeit. Ein englischer Richard war des kargen Rudolfs 



128 Edward Schröder, 

milder Vorgänger auf dem deutschen Königsthrone gewesen, und 
eine Allianz mit England war dem Habsburger als höchstes Ziel 
erschienen. Indem der Dichter um seinen König Richard drei 
Schwiegersöhne König Rudolfs und vier andere Verwandte seines 
Hauses gruppierte, hegte er vielleicht die Hoffnung, durch sie, d. h. 
durch den einen oder andern von ihnen dem er ein Widmungs- 
exemplar überreichte, auf den König selbst zu wirken. Und wenn 
es wirklich auch diesmal erfolglos blieb — nun, dann war die 
Rache süß gewesen. 

Einem weitern Kreise erschien das 'Turnier von Nantes' als 
ein künstlerisches Bravourstück, in dem KvW. sich seinerseits für 
die eben in Aufnahme kommende Blasonierung der Wappen als 
sachverständig auswies. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß 
er erst jetzt den Einfall hatte — oder die Anregung erhielt, das 
Wappen Herzog Albrechts von Sachsen- Wittenberg nachträglich 
in den 'Schwanritter' einzuschalten, vielleicht bei einem Widmungs- 
exemplar das er diesem zugehn ließ: denn aus dem 'Schwanritter' 
tritt dies einzige historische Wappen auffällig heraus, im 'Turnier' 
ist es am Platze und fest eingefügt. 

Die Handschriften des 'Turniers', deren gewiß alsbald mehrere 
angefertigt wurden, gelangten zunächst nur in jenen habsburgi- 
schen Familienkreis für den das Gedicht bestimmt war. Es ist 
möglich daß der für die deutsche Dichtung lebhaft interessierte 
Graf Albrecht (V.) von Hohenberg 1 ) eine dieser Hss. an sich 
brachte und sie dann in Würzburg, wo er als provisus längere 
Zeit verweilte, dem Michael de Leone lieh, ebenso wie die Hs. der 
'Klage der Kunst' und vielleicht auch die der 'Goldenen Schmiede'. 
Für die Erwerbung dieser Manuskripte könnte man auf Albrechts 
Straßburger Beziehungen verweisen, das 'Turnier' aber war ihm 
wohl als nahem Verwandten des habs burgischen Hauses 2 ) zugänglich. 

Der Text der einzigen Würzburger Handschrift ist nicht ohne 
Mängel, aber die Rezension von F. Roth-Bartsch hätte ihn, was 
den Wortschatz anlangt, doch mit mehr Pietät behandeln, ander- 
seits aber das eigentümliche orthographische Gemisch nicht soweit 
bestehn lassen sollen, daß sie KvW. ein Nebeneinander von kam, 
JcGeme (alem.) und körnen (bair.) und anderseits gar konde, begonde 
(westmd.) zumutete. In die nachfolgenden Besserungsvorschläge 



1) S. über ihn GGN. phil.-hist. Kl. 1899, S. 64 ff ; Zs. f. d. Alt. 53, 395 ff. 

2) Er war der Enkel von Rudolfs Lieblingsschwager Graf Albrecht (II) von 
Hohenberg. 



Studien zu Konrad von Würzburg V. 129 

hab ich graphische Änderungen wie GrDat. tugent st. tugende im 
Versinnern und was ich noch in den frühern Konrad-Studien als 
notwendig dargelegt habe, nicht einbezogen, betrachte auch die 
metrische Revision damit nicht als abgeschlossen; sie bleibt einer 
neuen Ausgabe vorbehalten. 

V. 47 ist mit der Änderung biz her zu unze her (: wer) nicht 
in Ordnung gebracht, es muß unbedingt das Subst. her stm. ein- 
geführt werden, also etwa: ich bin besetzen nu mit her. — V. 94 
1. und wart ie mere da behaut (st. me). — V. 192 1. daz wirt iu (nu) 
dar minen munt. — V. 224 1. da was (vil) manic werder man. — 
V. 229 die Änderung von dem plane in der heide ist überflüssig. — 
V. 381 1. glenzieren missewende vri, vgl. 480. 867. — V. 404 die 
Änderung teil in stücke auf Grund von Schwr. 912 ist überflüssig; 
KvW. braucht beide Ausdrücke. — V. 480 f. 1. dar üz sach man 
glenzieren da einen löuwen vientlich; das hsl. glentzieren ist eine 
echt konradische Bildung, die auch noch 867 überliefert ist und 
381 eingesetzt werden muß, vgl. die parallele Bildung gräzieren 
(zu gräzen) 754. — V. 4S4 1. rot unde wiz st r ifehte (st. Hs. stückehte) ; 
die Änderung ist hier genau ebenso nötig wie 402, wo sie der 
Hrsg. auf Grund des Schwanritters vornimmt ; der Dichter unter- 
scheidet scharf strife (wagerecht), strich (senkrecht und schräg), 
strime (strahlenförmig), und stücke (geteilt). — V. 513 1. zogt (hin) 
üf die pläniure (vgl. 267). — V. 529 1. (reht) als ein richer künic 
tuot. — 591 1. grdfschefte mit der Hs., gräveschaft ist kein deut- 
sches Wort. — V. 646 1. entwerhes durch die breite hin (st. über). 
— V. 694 1. und gein einander wägen (st. wider). — V. 764 1. daz 
in daz vel betouwen (hs. verch brauwen). — V. 804 1. golt, (silber,) 
side und samit. — V. 809 1. and von (den) swerten bitter. — V. 813 
steht planure, V. 840 planire, V. 1026. 1127 planiere in der Hs., ich 
weiß nicht warum dies echt konradische Wort (das 131. 513 im 
Reim erscheint: pläniure) durch plante ersetzt werden mußte. — 
V. 854 1. g esteine und ouch des stoubes mel (st. stoup und 
outh gesteines mel), vgl. alsbald 867. — V. 867 1. glenzieren durch 
des stoubes melm mit der Hs. — V. 963 unde grözen smerzen hat ist 
sicher falsch, wahrscheinlicher als und (vil) gr. sm. ist mir die Ver- 
drängung eines zweiteiligen Adjektivs , also etwa und angestbwrctt 
smerzen hat. — V. 988 üz dem sich (da) ze schine bot. — V. 1023 1. 
wun sie (da) würfen mangen abe. — V. 1026 1. pläniure mit der Hs. 
(oben zu 813). — V. 1067 von der schilte bbzen ist unwahrscheinlich, 
1. von richer schilte bözen? vgl. 1106. — V. 1127 1. pläniure mit 
der Hs. (oben zu 813). 



Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 1. 9 



Die Formel Glaube, Liebe, Hoffnung bei Paulus. 

Ein Nachwort 
von 

ß. Reitzenstein. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 23. Dezember 1916. 

Ich habe in der Sitznng vom 8. April 1916 in der Zurück- 
weisung eines erregten Angriffes v. Harnacks versucht, die Eigen- 
art eines paulinischen Satzes , I Kor. 13, 13 vovl Se jisvet stonc, 
iXictc, fcYarcT), ta tpia taöta* u.eiCö>v §s tooTwv ^ a^ditri ans Licht zu 
stellen (Nachrichten Bd. 1916 S. 367 ff.). Neu erschienene oder 
früher übersehene Dokumente hellenistischer Frömmigkeit haben 
mir seitdem mancherlei Bestätigungen und Ergänzungen geboten, 
und der Umstand, daß der Angriff soeben in etwas anderer Form 
wiederholt ist, verlangt von mir noch ein Wort zur Klarstellung 
und Abwehr, ehe ich auf eine weitere Beteiligung an dieser Frage 
verzichte. Da es sich in dem paulinischen Satz angeblich um eine 
in der Urgemeinde oder doch vor Paulus ganz originell nnd un- 
abhängig gebildete Formel für das "Wesen der christlichen Religion 
handelt, hat der Gegenstand ja wohl für Philologen wie Theologen 
näheres Interesse. 

1 
Ich beginne mit zwei lexikalischen Bemerkungen, zu denen 
mir der neuste Band der Oxyrhynchus-Papyri durch die Veröffent- 
lichung eines offiziellen Gebetes an Isis (Ox. Pap. XI 1380) Anlaß 
gibt. Der Papyrus ist im Anfang des zweiten Jahrhunderts n. 
Chr. geschrieben, etwa unter Trajan oder Hadrian, und bietet in 
seinem Hauptteil eine Aufzählung der Kultnamen der Isis nach 



die Formel Glaube, Liebe, Hoffnung bei Paulus. 131 

den einzelnen Stellen ihrer Verehrung, hierauf im Schluß allge- 
meine Lobpreisungen. Nun hatte ich in der vorigen Abhandlung 
S. 383 auf die seltsame Tatsache hingewiesen, daß das Substan- 
tivum aYdTUY) unserer ältesten synoptischen Ueberlieferung noch 
fremd ist, in der jüdischen religiösen Literatur nur vereinzelt auf- 
tritt und erst in der etwas jüngeren christlichen Literatur zu 
voller Verbreitung kommt. Daß die Wortbildung auf heidnischem 
Boden entstanden ist, ließ sich auf Grund der beiden von Crönert 
gebotenen Belegstellen bisher mehr vermuten, als beweisen. Diesen 
Beweis bietet jetzt die Isis-Litanei, in der Z. 28 als Beiname der 
Isis in der unterägyptischen Stadt Thonis ' A^aTH], Z. 109 als Bei- 
name in Italien 'A^aizri ftsüv erscheint *). Sieht man die Litanei näher 
durch, so fällt besonders der überaus starke Gebrauch der Abstrakta 
als Beinamen auf; ihnen entsprechen z. T. Adjektiva, so die T laic 
4>povt{iTj in Ptolemais (Z. 117) der r Iai<; <t>pöv7]ats an anderen Orten 
(Z. 44); den Sinn zeigen oft die einzelnen Lobpreisungen der Isis- 
Verkündigung von los (vgl. CIGr. XILfasc. 5 p. 217). So entspricht 
dem Beinamen Ai*aioa6v7) offenbar die Verkündigung e^w xb Sixaiov 
toyopötepov ypoatoo **ji apfopioo srcoiTjaa, dem Beinamen 'AXTjO-sta (Pap. 
Z. 63) die Verkündigung k^io xb aXY]\)-e<; xaXöv evou.ofte'CTjaa vou-tCsoO-ai. 
Aehnlich mag man mit dem Beinamen ^A.^6.tzi\ die Verkündigung sfd> 
7üvai*a xai avSpa auvT^aYa . . . iyd> otspifeadat Yuvatxa«; bit avSpwv 
tjv&fxaaa vergleichen; heißt doch Isis auch ^iXÖGTOpfos (Z. 12 und 
131) und 4>tXia (Z. 94 j, und denselben Gedanken drückt offenbar 
der aus dem Aegyptischen genommene Beiname yj ttöv Ustöv 'Aprcö- 
xpatis (Z. 135) aus; Harpokrates ist ja dieser Zeit ganz gleich 
y Epü>s, ja man kann vermuten, daß 'A^a^Y] ftecov denselben Begriff 
wiedergeben soll. Der Sinn der Bezeichnung scheint danach klar, 
sie aus dem Christentum oder Judentum herzuleiten gleich un- 
möglich. 

Die zweite lexikalisch für meine Untersuchungen wichtige 
Stelle findet sich im Schlußteil der Litanei Z. 152 opoöci 2 ) oe ol 
y.a.xa. xb rciotöv £7rixaXoöu,svot. Das kann, so weit ich sehe , nur ent- 
weder bedeuten 'in der Weise, die dem Glaubensverhältnis zwischen 
Gott und Mensch entspricht' 3 ) oder 'in der Weise der Gläubigen, 



1) Die Lesung beider Stellen ist nicht unbedingt sicher (an der ersten Stelle 
ist das t: nicht ganz klar, das rj verloren, an der zweiten wäre für das erste a 
auch X denkbar und ist danach eine Lücke von zwei Buchstaben (vor -), doch 
schützen sich die Stellen gegenseitig. 

2) Die Lesung des Wortes ist unsicher, der Sinn der Herstellung sehr an- 
sprechend. 

8) So M. Pohlenz. 

9* 



132 



R. Reitzenstein 



der Gemeinde', setzt aber jedenfalls einen allgemeinen Gebrauch 
von rciOTis, 7TIGTÖC, rcia-ceöeiv für den persönlichen 'Glauben' an einen 
bestimmten Gott und für die Zugehörigkeit zu einem Gemeindekult 
voraus. Das ist für den Philologen gewiß nicht überraschend; 
einzelne Beispiele aus der heidnischen Literatur habe ich selbst 
oft angeführt, und oft ist von anderen betont worden, wie sich 
dieser Begriff des persönlichen Glaubens notwendig bilden muß, 
sobald eine Religion von ihrem Volkstum losgelöst in fremdem 
Lande oder Volke Bekenner sucht. Wo eine Religion Missions- 
tätigkeit entwickelt, entsteht mit innerer Notwendigkeit die ver- 
tiefte und gesteigerte Bewertung des 'Glaubens'. Die Vorstellung, 
daß in jener Zeit nur das Christentum Glauben, Gottesliebe oder 
Hoffnung gekannt hat, ist ja gewiß unter Laien noch verbreitet 
genug, bedarf aber einer ernsthaften Widerlegung nicht mehr. 
Immerhin verdient jedes neue Zeugnis des Sprachgebrauchs Be- 
achtung, und das Zeugnis der Litanei scheint mir sogar hervor- 
ragend wichtig. Ich muß dabei etwas weiter ausholen. 

Die Litanei eröffnet einen überraschenden Einblick in die Ver- 
breitung des Isis-Kultes und die Missionsarbeit der ägyptischen 
Religion; man kümmert sich offenbar in dem Mutterland um die 
Neugründungen von Gemeinden und Tempeln im Ausland und ist 
stolz darauf, daß Isis über den ganzen Erdkreis hin verehrt wird ; 
eine feste Verkündigung hat sich gebildet ; bestimmte Gebote (zwei 
an Zahl, vgl. Z. 155) hat die Göttin gegeben. Näher lehrt uns 
die Kreise, für welche die Litanei entworfen war, die auf der 
Rückseite desselben Papyrus erhaltene Schrift eines Anhängers des 
ägyptischen Gottes Imuthes (Asklepios), des Sohnes des Phtha, 
kennen. In geziert rhetorischem Griechisch bietet er ein altes 
ägyptisches Buch über die Wunder seines Gottes überarbeitet (Pap. 
1381). Als seinen Zweck bezeichnet er (Z. 198): 'EXXtjvI«; §e rcaoa 
7Xwaoa tt]v gyjv XaX^cet taioptav zai tzölq ''EXXyjv av7]p töv toö <P$ä 
oeß^asrai 'Ijioo-ihjv. Auch für den Aegypter sind also die f 'EXX7)ve<; 
das Weltvolk und zugleich die Heiden, die bekehrt werden sollen. 
Ich wage nicht zu entscheiden, ob die fühlbare Uebereinstimmung 
mit dem großartigen Worte des Paulus Phil. 2, 11 xai rcäaa YXwaaa 
s£o{j.oXoY , x5<3e'uai g« xoptoc 'rrjaoös Xpwcöc eis 8ö£av fteoö Tcarpös zufällig 
ist oder ob der Apostel sich formell an ähnliche Missionsverkün- 
digungen hellenistischer Propheten anschließt *) ; daß der Aegypter 
den Paulus studiert hat, werde ich, trotzdem er wahrscheinlich 



1) Der Originalität des Christentums täte das wohl keinen Abbruch ; für die 
Frage, welche Elemente die Sprache des Paulus beeinflussen, hat es Wichtigkeit. 



die Formel, Glaube, Liebe, Hoffnung bei Paulus 133 

jünger ist, nicht glauben. Wie dem sei, die beiden neuen Schriften 
zeigen, daß die orientalischen Religionen damals zu dem Griechen- 
tum ganz ähnlich wie das Christentum stehen , und verdeutlichen 
das Empfinden der Zeit. Für das Empfinden des Verfassers der 
Imuthes-Schrift, also einer Missionspredigt *), ist wichtig, daß er 
sich als 'Prophet' fühlt (Z. 168 tyjv otjv Trpo^irjTeuojv ircivotav); nicht 
sein Wissen und Denken, sondern der Gott selbst wird das Werk 
zu Ende führen. Noch wichtiger fast sind die Andeutungen, die 
er über eine frühere theoretische Schrift über die Kosmogonie Z. 
170 ff. macht : xal 761p xbv zf^c, xoojioiroiiag 7rt\ravoXoY'r]\>£vTa ^öfrov 8 ) 
iv stepa ßtßXcp <püGt%(p Tüpös aX^etav avT^Xcöca \6fq xal Iv t-g oXtq 
7P a( Pti %0 f^ v Sarspov (die (poaioXoYia) 7rpoae:cX7]pü)aa, xö 8k 7uspicoeöov 
(den piötros) acpsiXov , St7]YYj(jLa öercoo (?) 3 ) {laxpoXofoo^svov 4 ) oovrö^wi; 
IXdX7]ca xai aXXandXoYov jxö&ov a;ua£ I<ppaaa. Wir haben in der 
Hermetischen Literatur zwei Schriften, die diese Beschreibung er- 
klären, cap. III (bzw. IV) des Corpus, das noch ganz ein ^ö&oc 
7rtt)'avoXo7Y]&sis ist, und die KöpY] xöajj,oo, die mit ihrer Anlehnung an 
Piatos Timaios die Hereinziehung der cpooioXoYia ebenso erläutert, wie 
in ihren wechselnden Darstellungen den Sinn des seltsamen Wortes 
aXXaTröXoYos (xö&oc. In der Tat scheint mir die Beschaffenheit der 
Hermetischen Schriften, die Flinders Petrie als treue Uebersetzungen 
aus dem Aegyptischen, Jos. Kroll (Die Lehren des Hermes Trisme- 
gistos, Münster 1914) als fast ausschließlich griechische Philosophie 



1) Beachtenswert scheint mir auch die literarische Form des Buches, bzw. 
der Predigt, so gleich der Anfang mit seiner eigenartigen Vereinigung altgriechi- 
scher (z. B. orphischer) und echt orientalischer Verkündigungsformen (Z. 203) : 
■3'jvite oeüpo, tl) d'vSpe? eufxevels xat dyafto^ är.i'zz, ßdaxavot xal daeßets . . . fjiXXw ydp 
auxoü xepaxwSei? d-ayy^XXetv Imcpaveias ouvd;j.eibs xe fxey£$7) eüepysxTjjxdxwv xs Siop^axa. 
Wir brauchen nur für den Prediger eine göttliche Figur wie Socpi'a, IKcxt? oder 
'Epfxf^, 'AaxXYjTrtos einzusetzen, um die Form einer Hermetischen Predigt oder einer 
Ode Salomos zu gewinnen (vgl. für diese Predigtformen Gott. gel. Anz. 1911 S. 
554 ff. und für die Ankündigung Corp. Herrn. XIII (XIV) 17, Poimandres 346,4 
jjiXAu) ydp ufxvefv xov xxtaavxa xd udvxa xxX.). Für den Schluß dieser Buchpredigten 
ist charakteristisch der Schluß der Serapis-Aretalogie Pap. 1382 o\ rapdvxes eircaxe ■ 
eis Ze-j; 2dp<mc. Die Wundererzählung richtet sich der Fiktion nach an die Ge 
meinde, wie die christliche Wunderpredigt später tatsächlich (vgl. Augustins Wunder- 
predigt). Ein organisierter Gottesdienst wird vorausgesetzt, bei dem die An- 
wesenden zum Schluß eine Bekenntnisformel sprechen. Es ist hier das Credo 
einer nur ägyptischen und griechischen Glauben verbindenden Gemeinde. 

2) Zu dem Ausdruck vgl. Philo De migr. Äbr. 76 xwv 4v Atyiwtxu) aocptoxwv, 
oh at [J.uötxat Tttöavöxrjxes Ttpö xrj? xoöv dX^j^töv ivapyet'a« xex(fxT|Vxat. 

3) Sollte 8' c Epfxoi> oder 8' "Qpoi> zu schreiben sein? 

4) fAaxpoXoyoufx[e]vo[?] die Herausgeber. 



134 R- Reitzenstein, 

bietend betrachtet, erklärt, seit wir diese Selbstcharakteristik eines 
derartigen Schriftstellers besitzen und die Missionstätigkeit der 
hellenisierten A egy pter kennen. Missionsschriften sind es, die sich 
in verschiedener Stärke dem griechischen Verständnis anpassen, 
wie wir ja ähnliche Versuche in der frühchristlichen Literatur seit 
der Areopagrede des Paulus nachweisen können. Auch für ihre 
Datierung hat der neue Papyrus also hohe Wichtigkeit. 

So hat es denn in der Tat seine innere Begründung, wenn 
sowohl in der Isis-Litanei wie in der Hermetischen Literatur der 
Begriff der rciatic erscheint; vergl. Corp. Herrn. IX (X) 10 p. 66, 11 
Parthey Taörd aoi, 'AoxXtqtcis, ivvooövu 1 ) aXt\^ri Sd£stev, aYVooövn 8s 
arciata. tö fap vofjoat Ioti tö rciaTeüaai, arctor^aai 8s tö \lt] vo^aai. 6 
fap Xo^oq 2 ) {Jioo (p^-avsi ^i/pt ttj<; aX7}&sia<;, 6 8s voö<; {lif«? lau xai 
orcö toö Xö^oo [i-s/pt Ttvöc 68Y]if7]d > sic [«p&dvsi (JiexP t3 ) rfs oiXi)deiac] xai 
ireptvoifjoac ta rcdvTa xai sopwv o6(i<p(üva toi? 07üö toö Xöyoo ip[i/rjveo- 
ä-eiaiv Itciotsoos xai t-j) xaX-j) rc i o t s i s7cavs7ra6aaro. Die Ge- 
bete der Zauberpapyri bringen auch hierfür die Bestätigung. Das 
oft angeführte Gebet des Pap. Lugd. V col. 7, 17 (Dieterich, Fleck- 
eisens Jahrb. Suppl. XVI S. 807) zeigt, wenn es den Propheten 
sprechen läßt £70» -q Iltou? sie dv&p(07U0D£ saps&siaa 4 ) xai rcpocpTJnQc 
tö)v aYicöv ovopidttöv el[M, 6 aytos 6 sx7us<pox<i>s £x toö ßofroö dieselbe 
Personifizierung dieser Gotteskraft, die sich in dem Beinamen r Iois 
'A^aTiT] ausspricht, und belehrt zugleich über die Auffassung der 
7tlcu<;: wer neue Gottesnamen verkündet 5 ) und die Welt oder be- 
stimmte Gaben auf einen bisher unbekannten Gott zurückführt, 
wie z. B. der Imuthes-Diener auf seinen Gott, bringt die rciatic 
auf die Erde; fühlt er sich, wie so mancher Prophet 6 ) als Gott- 
wesen, so kann er sich als die personifizierte IKotig empfinden. 



1) Die Begriffe Svvotfv und dyvoelv gehen auf die innere Wahrnehmung, das 
innere Erleben. 

2) Die Rede ist Offenbarung. Im Folgenden [xot CM. 

3) tfitevetv l/si Hss. Die Worte sind sinnlos hier wiederholt. 

4) IxpofteTaoc vermutet Dieterich, dem Sinne nach sehr ansprechend, vgl. unten 
die clialdäischen Orakel. 

5) Mit den Worten zpocp^xTj? xüv ccyfav övofxotxwv ist zu vergleichen Pap. Ox. 
138 1 Z. 108 xrjv otjv 7rpocp7)Te6ü)v hefvoutv. Das Wort 7ipocpTjTe!)ctv wechselt mit xa- 
xa^i)lzi\, beide sind gleichbedeutend mit xrjpuaaetv. Das ist für die Auffassung 
des Prophetentums auf hellenistisch-ägyptischem Boden beachtenswert. Für den 
Wortgebrauch von xaxayydXXeiv verweise ich auf Apostelgesch. 17, 18 Jjevwv oaifxovfwv 
Soxet xaTayyeXt^tTvat. Der Verfasser dieses Abschnittes gibt mit guter Kenntnis 
wieder, was der Grieche bei einergderartigen Verkündigung eines neuen Glaubens 
oft gesagt haben mag. 

6) Vgl. jetzt Gillis P:son Wetter, Der Sohn Gottes S. 21 ff. 



die Formel Glaube, Liebe, Hoffnung bei Paulus. 135 

Damit ist selbstverständlich nicht gesagt, daß das Christentum, 
das aus dem Judentum die Grrundforderung der Gottes- und Nächsten- 
Liebe übernimmt oder in der Diaspora die Vorstellung von dem 
Glauben an Gottes Wundermacht zu dem persönlichen Glauben an 
Christus vertieft und erweitert, dabei vom Hellenismus beeinflußt 
ist (vgl. den vorigen Aufsatz S. 383). Nur unhistorische Betrach- 
tungsart kann in den Begriffen Glaube und Liebe Ideen sehen, die 
einmal an bestimmter Stelle erfunden sind, wie philosophische Lehr- 
sätze. 

2 
Auf eine andere Quelle hellenistischer Religionsanschauungen, 
die uns schon näher an Paulus heranführt, wies mich ein gütiger 
Fingerzeig Joh. Geffckens, nämlich auf die Oracula C/ialdaica, die 
etwa der Mitte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. entstammen und 
keinerlei Berührungen mit christlichen Vorstellungen zeigen. In 
ihnen wird eine Dreiheit von Gott ausgehender Kräfte erwähnt, 
die in sich eine gewisse Einheit bilden, eine 7nrjYata Tptdg *), deren 
Bestandteile rciauc, ak-qüeict, spax; sind. Durch sie können die #soop- 
70t zur vollen Verbindung mit Gott gelangen (vgl. W. Kroll, De 
oraculis Chaldaicis, Breslauer philol. Abhandl. VII 1, 26) ; es heißt 
von ihnen 7rdvca 701p sv Tpiai -cotaöe xoßspvärat ts %cä lattv 2 ). Auch 
die sXtüic ist, wir wissen nicht, ob an der gleichen Stelle, erwähnt : 
IXrcLs $k Tpe^ero) ae 7uopio)(oc. Ich gehe, da ich hoffen darf, daß 
Geffcken selbst die äußerst interessanten neuplatonischen Erläute- 
rungen der Stelle und Erklärungen der Begriffe , besonders des 
Begriffes ^iott<;, näher behandeln wird, hier nicht darauf ein. Wenn 
in neuster Zeit zweimal von theologischer Seite versucht ist, die 
Aufzählung von vier Gotteskräften bei Porphyrios Ad Marcellam 
24 isoaapa ccoi/sia (xdXiaxa zezpaTOV^tö 7cepl ftsoö* maus, aXifj-d-eia, 
spox;, !Xm<; für eine Entlehnung und Umbildung aus Paulus I Kor. 
13, 13 vovi ös (j.svei maus, ekniq, a^dTCT], xd xpia taaia zu erklären, 
so ist diesem erkünstelten und ohne Verständnis der Zeit unter- 
nommenen Versuch damit wohl rasch ein Ende bereitet. Porphy- 
rios, der mit den chaldäischen Orakeln wohl vertraut war (vgl. 
z. B. Augustin De civ. dei X 26 ff.), hat sie entweder hier benutzt 



1) Psellus bei Migne Patr. gr. 122 p. 1152 a und bei Kroll a. a. 0. p. 74,23. 
Zu dem Bild der vom Himmel entspringenden Quelle (vgl. für das Bild z. B. Philo 
De migr. Abr. 30) würde Dieterichs Conjektur in dem oben erwähnten Papyrus 
ixpdelaa trefflich passen, vgl. oben S. 134,4. 

2) Die Beziehung der Worte ist leider nicht klar. War von Handlungen 
oder Empfindungen die Rede? 



136 R- Reitzenstein, 

oder geht mit ihnen auf die gleiche ältere Formel zurück, die er 
dann wohl treuer bewahrt hat. Ich möchte hier Geffcken nicht 
vorgreifen. Wichtig ist mir, daß die Wahrheit hier nicht als 
der philosophische Begriff von dem 'neuplatonischen Intellektua- 
listen' eingefügt ist 1 ), sondern als der religiöse Begriff einer auf 
unmittelbarer Offenbarung beruhenden Sicherheit, wie er im Christen- 
tum selbst, in den gnostischen Systemen der Markosier und in den 
chaldaischen Orakeln erscheint. Daß er auch in der Quelle des 
Porphyrios eng mit der yvwok; zusammenhängt, zeigt dessen er- 
klärende Fortsetzung. 

3 

Zeigten die chaldaischen Orakel schon die Verbindung dreier 
Begriffe rctouc, aX^eta, spax; zu einer Einheit und die Betonung 
der Zahl, die in jeder Formel notwendig ist, so können wir ähn- 
liche Formeln vielleicht schon früher auch auf anderem Boden 
nachweisen. Philo z. B. bietet in den beiden Schriften De prae- 
miis et poenis und De Äbrahamo in breiterer Ausführung ein System, 
das zwei Triaden von Tugenden oder Gotteskräften kennt, eXrcis, 
[xetavota , StzatooovT] einerseits, tuiotlc X a P^ nn ^ opaais andrerseits 2 ). 
Zugrunde liegt eine Quelle , die in Sprache und Gedanken jener 
asketischen hellenistischen Mystik angehört, welche ich in meinem 
Buche 'Historia monachorum und Historia Lausiaca' zu verfolgen 
versucht habe. Geschieden werden die Tugenden des rcpattTixöc 
ßtoc (erste Triade) von denen des -ö-swpYjTtTcoc ßtoc (zweite Triade). 
Der wahre Asket soll beide Lebensarten nach einander durchlaufen 
(De praem. 51). Es ist die gleiche Scheidung, wie sie Euagrios 
später zwischen den rcpaxTtxoi und fVtoaaxot macht ; sie scheint Philo 
zu der Scheidung und Nebeneinanderstellung der Essäer und The- 
rapeuten 3 ) geführt .zu haben (vgl. De praem. 43 sv ootoi? xai ?V7]- 
otois #epa7reoTat<; xai -6-so<piXsotv ws aXTjftäJs avaYpa^ea&cooav), ist aber 
selbst natürlich älter. Die Begriffe der ersten Triade scheinen 
dabei im wesentlichen aus jüdischem Empfinden entnommen oder 
nach ihm gemodelt. Anders die der zweiten. Auf hellenistischen 



1 ) So v. Harnack Aus der Friedens- und Kriegsarbeit S. 7, in dem er nach- 
drücklich hervorhebt, daß dieser Begriff formell neben Glaube, Liebe, Hoffnung 
ganz disparat und ungefüge, ja geradezu unpassend sei , was nicht erst bewiesen 
zu werden brauche. 

2) Schon Kroll (a. a. 0. 26 A. 2) hat bei Gelegenheit der chaldaischen Triade 
auf die Ausführungen Gfrörers, Urchristentum I 445 ff. verwiesen , dessen Samm- 
lungen dankenswert bleiben, wenn auch die Schlußfolgerungen verfehlt sind. 

3) Vgl. Sitzungsber. d. Heidelberger Akad. 1914 Abh. 8 S. 41 ff. 



die Formel Glaube, Liebe, Hoffnung bei Paulus. i:)7 

Einfluß weist zunächst der Begriff /apd x ), ebenso der Begriff 5paot< 
d-eoü, den Philo — vielleicht seinen Namenspielen (mit Israel) zu- 
liebe, vielleicht, weil er die hellenistischen termini technici mehr 
meidet als aufsucht 2 ). — in der Regel für den hellenistischen Be- 
griff yvwok; einsetzt. Selbst der dritte Begriff Ataxie ist nicht mehr 
jüdisch. Hat doch auch die wiotic wie die beiden andern bei ihm 
die aX-qä-eia zum Zweck, aber sie beruht auf der Lehre, die */ap£ 
dagegen auf der aoTo^atH]«; %ai aoToSiSaxio? «poasax; eo{i.oipia, die 
schon ein innerlicheres Erfassen der "Wahrheit gibt ; die volle oXi\- 
&eia beruht dann auf der opaais ■O-soö («p/wais). Ich darf schon hier 
darauf verweisen, daß für Clemens von Alexandrien eine etwas 
andere Triade, nämlich äicxic, ?vü>aic, or/durT] grundlegende Bedeu- 
tung hat, daß aber auch er dabei zwischen der auf Lehre beru- 
henden Grotteskraft, bei ihm der Yvcoaie (er deutet den Begriff dahin 
um), und den nicht lehrbaren scheidet. Wie alt dies System ist, 
läßt sich zunächst nicht sagen ; daß es sich in der Ausführung eng 
mit dem des Porphyrios berührt, habe ich früher mehrfach betont. 
In ähnlicher Weise wird noch mancher Mystiker Systembildungen 
versucht und Triaden. Tetraden, Hexaden (wie Philo), Dekaden 
oder Dodekaden von Gotteskräften, bzw. Tugenden gebildet haben 
(vgl. Nachrichten 1916 S. 389), und es ist nicht wunderbar, wenn 
in den meisten jene Grundbegriffe des religiösen Denkens und 
Empfindens rciccic und 017 ao] irgend einen Platz finden. Einen An- 
halt für die Bildung bietet auf hellenistischem Boden zunächst die 
im Kult weit verbreitete Bezeichnung der alten Volksgottheiten durch 
derartige Abstrakta, die sich zugleich als Gaben des höchsten Gottes 
fassen ließen, den wahren Grund das in aller Mystik und Gnosis 
besonders stark entwickelte Bedürfnis, neue Systeme zu bilden und 
eigene Lehren zu prägen. Die Philosophie wirkt dabei nur ganz 
schwach mit ein ; selbst bei einem Manne wie Philo ist ja die Bil- 
dung jener Hexade von philosophischer Spekulation am wenigsten 
beeinflußt. Der Gedanke in derartigen Formeln das eigentliche 
Wesen einer Religion und ihren Anspruch auf Originalität zu 



1) Sie ist hier Gotteskraft, die Xottttj der Daimon, vgl. Poimandres S. 232. 
Wo in der Gnosis diese eigentümliche Auffassung begegnet, ist immer hellenistischer 
Einfluß sicher. 

2) Es ist manchmal sehr reizvoll in Philos Umschreibungen die Formeln der 
hellenistischen Mystik zu verfolgen, vgl. z. B. De praem. 44 -ap' aü-roü jjl6vo? p.z- 
xattXr^tii ttjv foiav unapdtv dvacpfjvat ttsXrjaavTo; ixsTifj mit dem Herme- 
tischen Loblied (Poimandres S. 338,6) «710; 6 üerk, 8? yveua^vai ßo6Xe-oct 
xal Yivtoaxöxat xolz ioion. Philo beweist, daß die Formel vorpaulinischer £eit an- 
gehört (auch xXTjdsi's gehört zur Sprache der Mystik). 



^38 B- Reitzenstein, 

suchen, scheint mir noch unglücklicher, als der, sie als philoso- 
phische Erkenntnisse und Erfindungen zu fassen. 

4 

Wie weit durch diese Bereicherung des Materials die Ergeb- 
nisse der früheren Untersuchung bestätigt oder ergänzt werden, 
kann ich hier nur kurz andeuten und muß für die Einzelheiten 
auf sie verweisen. 

Daß der Begriff motte sich auch im Christentum weiter ent- 
wickeln muß, sobald es von seinem Mutterboden entfernt unter dem 
Heidentum auftritt, ist begreiflich ; notwendig wird für Paulus der 
Glaube, der Glaube an Gott und den Auferstandenen, zum Zentral- 
begriff. Die Auseinandersetzung mit dem Judentum und seiner 
Betonung der Gerechtigkeit zwingt fast dazu, von diesem Glauben 
auch eine Betätigung zu verlangen ; das Wort Gal. 5, 6 iv fdp 
Xptot(j> 'Itjooö olke 7ueptTOfJL7] Tt to^oet oots axpoßoocia , aXXa motte St' 
a^a.%r\c, svepY0ü{i£V7] ist der klassische Ausdruck für sein Empfinden. 
Es verlangt eine Verbindung beider. Von hier aus ist es durchaus 
begreiflich, daß er in den Lobsprüchen an eine Gemeinde oder 
Einzelperson entweder deren Glauben allein hervorhebt oder ihren 
Glauben und ihre Liebe rühmt, bei breiterer Ausgestaltung dieses 
zotzoc, iY%ü){xtaottxö<; aber einmal auch eine andere Tugend mit hin- 
zunimmt 1 ). Ein Anlaß, über die allgemeinen und notwendigen 
Einwirkungen der Sprache hinaus Einfluß einer hellenistischen 
Formel anzunehmen, liegt um so weniger vor, als Paulus selbst 
an diesen Stellen offenbar gar nicht eine Formel oder ein System 
bieten will. Selbst die Verbindung von motte und k^izri ist für 
ihn noch nicht zur Formel im engeren Sinne geworden und er- 
scheint so an einer einzigen jungen Stelle der gesamten frühchrist- 
lichen Literatur, bei Ignatius. Daß dort hellenistisches Empfinden 
mitwirkt, wird sich später zeigen. 

Eine wirkliche Formel liegt bei Paulus ein einziges mal vor, 
I Kor. 13,13; nur hier sind die drei Begriffe in lehrhaftem oder 
dogmatischem Sinne miteinander verbunden. Die Eigenart dieser 
Stelle muß daher sorgfältig geprüft werden. Sie scheidet sich von 
den übrigen 1) durch die für die Formel charakteristische Be- 
schränkung der Zahl (tot tpta taüta = aurrj ^ xptdc) ; 2) durch die 
Bedeutung des Wortes afdiüTj, das hier nicht die werktätige Näch- 
stenliebe bedeuten kann, wenigstens wenn das Wort jiivst sich auf 
ein Bleiben im Jenseits bezieht, wie das seit Irenaeus unzählige 



1) So im ersten Thessalonickerbrief. 



die Formel. Glaube, Liebe, Hoffnung bei Paulus. 139 

Theologen angenommen haben und noch annehmen und wie es mir 
sprachlich einzig möglich erscheint 1 ); 3) durch die Einordnung 
dieser Formel in eine Polemik (die drei Begriffe werden, zahlen- 
mäßig abgegrenzt, einem vierten, nämlich der p/wais, entgegenge- 
stellt; sie hat nur für das Diesseits Wert). Ist dies richtig — 
und darüber kann nur eine Nachprüfung des Zusammenhanges und 
der Wortbedeutungen in dem ganzen Kapitel entscheiden — , so 
ist die Annahme, das Urchristentum habe eine Formel tuiotic, eXtci'c, 
a-farcir], 7] xpia? cCmr\ besessen, zwar an sich noch möglich, aber durch 
den sprachlichen Nachweis , daß a^dTiri und IXic(< im synoptischen 
Evangelienstoff fehlen, nicht sehr wahrscheinlich gemacht; da sich 
in der gesamten urchristlichen Literatur nur zwei verständnislose 
Nachbildungen gerade dieser Paulus-Stelle finden 2 ), müßte man 
zudem annehmen, daß eine früher allgemeine Formel gleich wieder 
spurlos entschwunden sei. Dagegen w T äre unter der gleichen Vor- 
aussetzung die Annahme, daß es sich um eine hellenistische Formel 
oder deren Umbildung handle, an sich sehr wohl denkbar, da we- 
nigstens ähnliche Formeln wirklich im Hellenismus nachgewiesen 
sind, gegen die sich hier die Polemik richten könnte. Die Ent- 
scheidung hierüber kann, wie gesagt, nur eine wirkliche Interpre- 
tation von 1 Kor. 13 geben; ich habe einen Versuch dazu vorge- 
legt und an einer früheren Deutung v. Harnacks die zahlreichen 
sprachlichen und logischen Verstöße nachzuweisen versucht. Eine 
Polemik, die das einfach ignoriert, vor Laien so spricht , als ob 
die unendlich viel behandelte Stelle jedem ohne weiteres klar sei, 
und dabei in ihrer Deutung nach Belieben wechselt, bringt keinen 
Schritt weiter. 

Man kann die Frage nicht etwa dadurch umgehen, daß man 
behauptet in diesen Verbindungen bedeute ä^ditri nicht die Grottes- 
liebe , sondern immer oder fast immer die Nächstenliebe , also 
müsse man I Kor. 13, 13 hiernach deuten. In dem Grrundgebot 
des Judentums wie des Christentums wird das Verbum xfantöLV 
ebenso auf Gott wie den Menschen bezogen, und jeder Blick in 
ein Bibellexikon zeigt, daß bei Paulus und seit Paulus afdinr] 

1) Die enge Verbindung zwischen trfans und dy<ftnj , die in Gal. 5. Ö liegt, 
ist dabei offenbar aufgegeben. 

2) Polykarp Phil. 3,3 citiert Paulus, gibt aber eine scharf betonte zeitliche (?) 
Reihenfolge efyfltiti), «forte, &irfe und nennt die Wirkung ihrer Vereinigung die ot- 
y.atoauvT]. Hehr. 10, 22 (stark rhetorisch) stellt zwar irfottc, ll-ls, tyhci] einander gegen- 
über, zeigt aber schon in den Worten tty* bp-okayta* xtj? -ts-eioc, daß der Verfasser 
hier wie sonst zwischen rtiatis und ihdi sachlich nicht zu scheiden vermag (mit 
Heb. 11,1 ist Philo De migr. Abr. 43. 44 zu vergleichen. Ausgesprochen wird die 
Gleichsetzung von itfcttc und ilrdc, Barn. 1,6). 



140 R. Reitzen stein, 

ebenso die Liebe zu den Menschen wie die Liebe zu Gott oder 
Christus oder wie die Liebe Gottes zu den Menschen bedeutet. 
Dem Worte selbst fehlt jede Beschränkung der Beziehung. Es 
könnte eine solche also nur innerhalb einer Formel und im Ge- 
brauch dieser Formel erhalten. Ich habe die urchristlichen for- 
melhaften und freieren Verbindungen in dem früheren Aufsatz der 
Nachrichten aufgezählt und darf hier darauf verweisen. Die Reihen, 
in welchen <pößos und a^TUY] sich entsprechen (S. 386, hinzuzunehmen 
ist das Hermas-Citat bei Clemens Strom. II 55, 4) setzen die Be- 
ziehung beider Worte auf Gott voraus; sie sind christlich und 
jüdisch. Wenn II Petr. 1,5 (Nachrichten S. 390) mahnt: e7ri^op7]- 
77JaaTs ... Iv t§ eooeßsicf. tyjv <piXa§sX<piav, iv §s Tg ^piXaösX^ptcf, t/jv 
aYdTTYjv, so ist nicht nur mit faf&irq die Gottesliebe gemeint, son- 
dern diese Wortverwendung muß dem Verfasser auch ganz selbst- 
verständlich erscheinen; sonst hätte sicher schon er das Wort 
(piXo&sia geprägt. Gar nicht selten wechselt ferner der Gedanke 
bei demselben Autor; ein klassisches Beispiel dafür, Hermas Vis» 
III 8 und Sim. IX, wird uns noch später beschäftigen. Wenn 
Paulus (und seine Nachahmer) also in den Lobsprüchen der Ge- 
meinde, dem tötcoc eYX0D[uaaTi%öc, auch äyomct] als Nächstenliebe fassen, 
so hindert nichts, daß Paulus in einem anderen Zusammenhang auch 
die Gottesliebe hineinzieht ; eine psychologische Erklärung habe ich 
Histor. Zeitschr. Band 116 S. 207 geboten und halte sie durchaus auf- 
recht. Der Begriff a^a7a\ ist dabei gewissermaßen selbständig ge- 
worden, der Hergang natürlich am verständlichsten, wenn wirklich 
eine hellenistische Formel benutzt und angepaßt ist. Denn hier 
kann die Liebe tatsächlich nur Gottesliebe sein. Bei den echten For- 
meln zeigt sich der hellenistische Einfluß am besten in dem Vor- 
treten der unter sich verwandten Begriffe yvwai?, äX^dsia, opaat?, 
s7ctOT7JiJLY], £7riYvwat<; *). Eine Verbindung von ttiotk; und Yvwaic gar 
weist immer auf hellenistischen Einfluß ; hier ist ja auch tzIgzk; 
die niedere Tugend, während in der paulinischen Verbindung tuiotic 
xai a-farcr] erstere die herrschende ist. Charakteristisch sind die 
den Formeln zu gründe gelegten Bilder, d. h. alten , halbverstan- 
denen Sakralanschauungen, so die Bezeichnung der a^dizri als gov- 
Seo|i.o<; TeXeiÖTTjTos 2 ). Eigentlich will jede Stelle individuell be- 

1) Vgl. für die Beziehung zwischen den ersten Worten Philo oben S. 137, die 
Hermetik früher S. 390, Clemens früher S. 409 und vor allem die Ausführungen 
bei Porphyrius Ad Marcellam cap. 24. 

2) Vgl. früher Nachr. S. 393 und hierzu in den chaldäischen Orakeln die 
Bezeichnung des Epw? als auvSe-rixos Tidvxwv, Kroll a. a. O. S. 26, aber auch Stellen 
wie Ilep»! 56ou? 40,1 au)[xaTo-oto6|j.£va Se xfj xotvwvia xac Itt -Sfäfuji) ttjS appWac ~e- 



die Formel Glaube, Liebe, Hoffnung bei Paulus. 141 

handelt werden; die Interpretation muß entscheiden. Selbst ein 
gutes Lexikon wäre in der Hand eines Mannes, der nicht inter- 
pretieren kann, kein genügendes Hilfsmittel. Stellensammlungen 
gar, die in der Art unserer Katechismen zu den einzelnen dog- 
matischen oder moralischen Forderungen Belegsprüche aus der 
Bibel verzeichnen, sind für eine historische Erklärung der Wort- 
bedeutungen und Wortverbindungen, die verschiedene Einflüsse son- 
dern will, überhaupt {[anbenutzbar. Sie haben in dem hier behan- 
delten Fall dazu geführt, daß man einerseits den Begriff der Formel 
als Idee und Bekenntnis faßt, ausspricht, daß die Formel 'Glaube, 
Liebe, Hoffnung' unlöslich an der einen Stelle I Kor. 13, 13 hängt, 
und selbst für die Verbindung 'Glaube und Liebe' den Begriff 
Formel so eng begrenzt, daß man hervorhebt, bereits Ignatius 
und Clemens von Alexandrien seien sich des formelhaften Cha- 
rakters dieser Verbindung bewußt, andrerseits aber ganz unbe- 
fangen jede Stelle des Neuen Testaments, bei der auf derselben 
Halbseite zwei der betreffenden Substantiva oder Verba in belie- 
bigen Verbindungen oder Beziehungen erscheinen, als Formel oder 
als Beleg für den ur christlichen Ursprung der Formel anführt. 
Das Christentum hat von jeher diese Empfindungen gekannt, also 
hat es schon vor Paulus die trinitarische Formel 'Glaube, Liebe, 
Hoffnung' besessen 1 ). 

Ich freue mich, daß M. Dibelius (Wochenschrift f. klass. Phi- 
lologie 1916 Sp. 1041) hieran eine wenigstens indirekte Kritik 
übt, wenn er auch freilich die alte Anschauung auf einem neuen 
Wege zu rechtfertigen sucht, der mir zu hoch in die Wolken führt. 
Beweisend scheinen ihm offenbar nur die Stellen, an denen Paulus 
selbst die drei Begriffe zusammen nennt, und rückhaltlos gibt er 
zu, daß von ihnen nur I Kor. 13, 13 eine Formel bietet. Aber 
gerade daß die anderen Stellen keine Formel bieten, beweist ihm, 
daß eine solche Formel im Christentum vor Paulus bestanden hat. 
In I Thess. 5, 8 IvSoadfJLevoi dcbpaxa tuiotscoc xal äyomutjc xai 7repixe- 
<paXatav iXrciöa awcTjpiac störe afaTn] das Bild, sei also zugesetzt, 
weil Paulus eine schon vorhandene und gegebene Dreiheit in ihm 
habe unterbringen wollen. Ich sehe die Notwendigkeit des Schlusses 



pixXeiopeva. (Der Autor kennt und benutzt den mystischen Sprachschatz. Nichts 
war verkehrter als der unlängst wiederholte Versuch IX 9 zu athetieren und da- 
bei diesen Sprachschatz und die Sprache Philos als vulgär zu bezeichnen). 

1) Für die Methode charakteristisch sind die Ausfuhrungen von Resch, Texte 
u. Untersuchungen XXX 3, 153 ff., die v. Harnack in einem gleich zu besprechenden 
Aufsatz anführt und nach den Citaten auch benutzt; allerdings macht er die Zu- 
rückführung der Formel auf ein Herrenwort nicht mit. 



142 R. Reitzen stein, 

nicht ein; wollte Paulus eine gegebene Dreiheit selbständiger Be- 
griffe unterbringen, so konnte er ja drei Waffenstücke (etwa Panzer f 
Helm, Schild) vergleichen; wir wissen, daß für ihn die a-farcr] not- 
wendige Ergänzung der niaziq ist ; fügt er noch eine andere Eigen- 
schaft zu — was an sich leicht auch ohne Formel erklärlich ist, — 
so vergleicht er sie natürlich mit einem zweiten Gegenstand. Noch 
weniger beweist mir Col. 1,4*) axoöoavtec tyjv rctativ 6{jlwv iv Xpiorq» 
*b]aoö xai tyjv a^äTZf^ t)v syexs sie rcavuac tobe, a^ioos Sta tyjv eXTctöa 
rfjv a7Coxsi(isv7jV ojjliv iv tote oöpavolc, ^v TtpoTjxooaats Iv Tij> Xö^cp r?)c 
aXTjO-etac toö soaYYeXioo. Gerade, daß iXiri? hier nicht die Hoffnung 
als Kraft und Tugend, sondern einfach das Gehoffte bedeutet, weist 
nach Dibelius eher darauf, daß eine Formel schon bestand, in der 
dann kXizk wirklich die Tugend bezeichnete. Ich glaube es nicht; 
der Gebrauch von IXrcfe, Hoffnung, der hier vorliegt, ist weder im 
Griechischen noch einer anderen Sprache selten oder befremdlich ; 
nichts veranlaßt, in der üblichen Ausführung des zoizoc, i^xw^iaon- 
xöe hier irgend einen geheimen Sinn oder Zweck zu suchen 2 ). Der 
Beweis ist zu schwach, um gegen alle früher erwähnten Gegen- 
gründe die Existenz einer urchristlichen Formel wirklich zu er- 
weisen, nach der man dann die Stelle des Korintherbriefes deuten 
müßte. Nur aus ihr selbst ist also die Entscheidung zu holen. 
Doch zeigt gerade Dibelius in seinen ruhigen Ausführungen , wie 
sorgsam ein derartiger Beweis aus den freien Anreihungen jener 
Begriffe geführt werden müßte, um wirklich mehr wie eine augen- 
blickliche Beeinflussung von Sprachunkundigen zu ergeben 3 ). Ge- 
wiß hat das Christentum auf diesem Gebiet unendlich viel neue 
Lebenskraft gebracht; aber in theoretischer Spekulation, Formeln 
und Devisen hat es sich, wie ich glaube gezeigt zu haben, zunächst 
wenig schöpferisch erwiesen, ich denke, weil es Wichtigeres zu tun 
hatte. 

6 
Vor etwa anderthalb Jahrzehnten gelang es mir, in der wenig 



1) Das ich allerdings dem Paulus nur unter der Annahme zuschreiben könnte, 
daß er sein Denken und seinen Satzbau ganz geändert habe. 

2) In I Kor. 13, 13 befremdet nicht, wie Dibelius meint, nur die Erwähnung 
der Hoffnung, sondern ganz ebenso die des Glaubens ; Gegensätze bilden nur Liebe 
und Gnosis. Die Erläuterung habe ich früher geboten. 

3) Wenn er einer 'Arbeitsgemeinschaft' von Theologen und Philologen dabei 
das Wort redet, so wird er sicher nichts gegen sie aus einem Buch anführen 
können, in dem ein Philologe dem Glück eines derartigen Zusammenarbeitens ein 
Denkmal des Dankes setzen wollte. 



die Formel Glaube, Liebe, Hoffnung bei Paulus. 143 

beachteten Hermetischen Literatur wertvolle Reste hellenistisch- 
religiöser Schriftstellerei nachzuweisen r die beiden Hauptstücke als 
heidnisch-gnostische Schriften darzutun und zugleich in einem Haupt- 
denkmal des christlichen Gnosticismus einen zusammenhängenden 
heidnischen Text aus der christlichen Uebertünchung herauszulösen. 
Damit war der von dem Theologen Weingarten aufgestellten, von 
Philologen wie Usener und Dieterich glänzend verfochtenen These r 
daß man zur Erklärung des Gnosticismus neben der christlichen 
Religion von dem heidnischen Kult und heidnischer Religion 
ausgehen müsse, eine neue, vielleicht kaum mehr erforderliche Be- 
stätigung gewonnen. Da v. Harnack in seiner Dogmengeschichte, 
von ßaur ausgehend, nur Christentum und antike Philosophie 
als Bildungsfaktoren anerkennen wollte, konnte ich mich nicht 
wundern, wenn ich von nun an von den spöttischen und verletzenden 
Bemerkungen, die er in der Neuausgabe der Dogmengeschichte und 
zahlreichen Einzeluntersuchungen gegen 'die Philologen' und 'die 
Religionsgeschichtler' richtete, mein volles Teil erhielt, ohne daß 
v. Harnack je auf das Sachliche einging. Ich selbst habe im Ver- 
folg jener Arbeiten öfters v. Harnack sachlich widersprechen müssen, 
besonders wenn er mir in seinen Angriffen auf Philologen in gram- 
matischen oder literarischen Dingen handgreiflich zu irren schien. 
Veranlaßt durch den ungewöhnlichen Ton einer neuen beiläufigen 
Bemerkung, die in verhüllter Form dem Gegner Schmutz vorzu- 
werfen schien, habe ich dann in meinem letzten Buche, das einer 
Grandvorstellung des Gnosticismus bis in vorchristliche Zeit nach- 
ging, versucht, den Gegensatz der beiden Auffassungen in großen 
Zügen darzustellen und die Widersprüche in v. Harnacks Erklä- 
rung jener weltgeschichtlich so wichtigen Geistesbewegung ruhig 
darzulegen. Ich schloß mit dem Vorschlag, statt jener Polemik 
einmal auf die sprachlichen und literarischen Hauptfragen einzu- 
gehen, die beide Auffassungen bedingen. Der Sache wäre das 
tatsächlich förderlich. 

Wenige Wochen nach Absendung des Buches erhielt ich einen 
populären Aufsatz in den Preußischen Jahrbüchern (B. 164, 1 ff'.) 
'Ueber den Ursprung der Formel Glaube, Liebe, Hoffnung', in dem 
v. Harnack eine beiläufig und zunächst unter stärksten Vorbehalt 
vorgebrachte Deutung von I Kor. 13, 13 als schwere Schädigung 
der Originalität der christlichen Religion bezeichnete und zugleich 
die schlimmste Beschuldigung, die man gegen den wissenschaft- 
lichen Arbeiter überhaupt erheben kann, gegen mich richtete, 
ich hätte mir bekanntes Material, weil es gegen mich spräche, ver- 
schwiegen, auf jene zur Debatte gestellten Grundanschauungen 



144 R« Reitzenstein, 

aber mit keiner Silbe einging. leb babe eine Anzabl Freunde aus 
ganz verschiedenen Berufen befragt, wie sie den auf meine ganze 
Tätigkeit ausgedehnten, mir seltsamen Vorwurf, ich hatte die Ori- 
ginalität der christlichen Religion mehrfach schwer geschädigt, 
verstünden, und von allen ausnahmslos gehört, daß sie nach dem 
ganzen Zusammenhang der Einleitung, dem Hinweis auf die Tages- 
presse und der Berufung auf die Gewissenspflicht, die den Theo- 
logen zwinge, in ihm nur eine Anklage auf Schädigung der Re- 
ligion sehen könnten, die, um den Gegner empfindlicher zu treffen, 
in möglichst weite Oeffentlichkeit gezogen werden solle. Da diese 
Anklage sich durch ein Spiel des Zufalls nun gerade an eine Stelle 
knüpfte, in der Paulus nach smeiner Behauptung gegen den Helle- 
nismus polemisierte *), das Christentum also eher seine Originalität 
gegenüber dem Hellenismus bewies, sandte ich eine ruhige Auf- 
klärung des Mißverständnisses, von dem v. Harnack ausgegangen 
war, und eine Rechtfertigung meines Verfahrens an die Preußi- 
schen Jahrbücher ; ein Schlußwort sollte, wie mir mitgeteilt war, 
meinem Gegner zustehen. Da, die Redaktion mir die Aufnahme 
versagen zu sollen glaubte, konnten diese Ausführungen erst mit 
einiger Verzögerung an anderem Ort (Historische Zeitschrift Bd. 
116 S. 189 ff.) erscheinen 2 ). Die wissenschaftlichen Behauptungen 
v. Harnacks hatte ich inzwischen in diesen Nachrichten (1916 S. 
367 ff.) zu widerlegen und die Frage meinerseits durch eine Inter- 
pretation des ganzen Paulus-Kapitels und Heranziehung der ab- 
weichenden urchristlichen Formeln zu fördern versucht. Da die 
für das weitere Publikum bestimmte Aufklärung des Sachverhaltes 
(in der Histor. Zeitschrift) notwendig nur einem Teil der Leser 
zu Gesichte kommen mußte, vor denen die Anklage erhoben war, 
ich aber Grund hatte anzunehmen, daß das Mißverständnis be- 
seitigt sei, dachte ich, daß v. Harnack selbst bei einer Gelegenheit 
dies in irgend einer Form den Lesern der Preuß. Jahrbücher mit- 
teilen würde. Dies ist nicht geschehen, dagegen hat v. Harnack 
soeben in einem zum Weihnachtsfest erschienenen Buch 'Aus der 



1) So Historia monachorum und Historia Lausiaca S. 101. 102. 254. Daß 
ich die Bedeutung dieser Polemik erst allmählich ganz erkennen gelernt habe, 
habe ich selbst Historische Zeitschrift Bd. 116 S. 207 hervorgehoben. An der 
wunderlichen Mißdeutung v. Harnacks glaube ich keine Schuld zu haben, hätte 
aber, wenn ich sie vorausgeahnt hätte, ihr besser vorbeugen können. Was ihn 
jetzt berechtigt, sie nach der wiederholten Aufklärung des Sachverhaltes, weiter 
seinen Ausführungen zu gründe zu legen, sehe ich nicht. 

2) Von zwei oder drei rein stilistischen Aenderungen abgesehen, in unver- 
änderter Form. 



die Formel Glaube, Liebe, Hoffnung bei Paulus. 145 

Friedens- und Kriegszeit' seinen Aufsatz wieder abgedruckt mit 
der Vorbemerkung: 'Zu vergleichen sind zu diesem Aufsatz, der 
hier mit leichten Kürzungen und unter Beschränkung der Polemik 
abgedruckt ist, die Antworten von R. Reitzenstein (folgen die 
Tite]). Sie enthalten Anregendes und Förderndes, aber sie haben 
mich nicht überzeugt'. Jeder Leser muß annehmen, daß v. Harnack 
jene Antworten gelesen hat nnd gegen sie seine Behauptungen 
aufrecht erhält. 

Die Beschränkung der Polemik , für die ein Grund also 
nicht angegeben ist, besteht darin, daß der Abschnitt über die 
Schädigung der Originalität der christlichen Religion weggelassen 
ist; der Leser muß den Vorwurf sich aus der pathetischen Ein- 
leitung und dem Schluß selbst bilden. In der zweiten Anklage 
ist der Versuch nachzuweisen, daß ich das angeblich unterdrückte 
'Material' gekannt hätte , und die Frage , ob meine Vermutung 
überhaupt vorgetragen werden durfte , gestrichen ; v. Harnack 
spricht nur noch von einer 'unbegreiflichen Unterlassung'. Ge- 
blieben ist trotz allen Einspruches die grundlegende Mißdeutung 
meiner Worte, als hätte ich jemals Paulus die Begriffe Glaube, 
Liebe, Hoffnung einer hellenistischen Mysterienreligion entnehmen 
lassen, während ich nur über die Vereinigung der drei Begriffe 
an der einen Stelle I Kor. 13, 13 zu einer Formel oder einem 
System gesprochen habe. Nach wie vor meidet es v. Harnack, 
auf die Deutung dieser Stelle irgendwie einzugehen. Geblieben 
ist die tendenziöse, ja z. T. entstellende Wiedergabe meiner Worte 
oder Beweisführung, gegen die ich Histor. Zeitschr. 197. 196 und 
Nachr. 404 protestiert habe. Geblieben ist der seltsame Beweis 
für das Alter der 'Formel', den angeblich die weiblichen Einzel- 
namen Pistis, Elpis, Agape geben sollen. Unverändert ist vor 
allem der positive Teil, die Herleitung der 'trinitarischen' Formel 
aus zwei noch älteren 'bini tarischen', deren Vorhandensein vor 
aller Literatur dadurch erwiesen werden soll, daß eine Anzahl 
von Stellen der Literatur aufgeführt werden, an denen zwei dieser 
Substantiva räumlich nicht zu weit von einander getrennt stehen. 
Das Spiel mit dem Worte 'Formel', auf dem die ganze Annahme 
der Existenz einer Formel 'Glaube und Hoffnung' beruht, wird 
ruhig wiederholt. 

Läge nur das vor, so hätte ich nicht mehr das Wort ergriffen, 
wenn ich auch zweifle, ob dies Verfahren in dem Falle noch ein- 
wandfrei ist, wo eine schwere Beschuldigung mindestens gegen 
die wissenschaftliche Persönlichkeit eines Gegners zu Unrecht er- 
hoben und in ein möglichst großes Publikum geworfen ist. Leider 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 1. 10 



146 R - Reitzenstein, 

liegt aber noch etwas anderes vor. Ich habe in diesen Nachrichten 
S. 416 l ) — nicht leichten Herzens — die Anklage erheben müssen, 
daß das Citatenmaterial , anf welches die Beweise sich stützten, 
weder mit wissenschaftlicher Sorgfalt gesichtet noch dem Leser so 
vorgelegt war, daß er urteilen konnte, wohl aber so, daß der Ein- 
druck, urteilen zu können, in ihm erweckt wurde. Die Stellen 
waren 'sorglos für den Beweis zurechtgemacht' 2 ), und zwar durch 
falsche Uebersetzungen, willkürliche Verkürzungen und Umbie- 
gungen der Einzelstellen, die sie z. T. sinnlos machten, oder sonst 
durch Flüchtigkeiten aller Art. Ich habe in den Nachrichten S. 
373 ff. die zehn Citate nachgeprüft, welche die Existenz zweier 
uralten Formeln 'Glaube und Hoffnung' und 'Liebe und Hoffnung' 
erweisen sollten; eines war wirklich richtig gegeben. Jetzt aber 
kehren alle diese Stellen genau in dem gleichen Wortlaut wieder, 
das Citat aus dem Galaterbrief (5, 5) 'aus dem Glauben entnehmen 
wir die Hoffnung', während der Text bietet 'die Hoffnung auf 
Gerechtigkeit' (eine zukünftige Rechtfertigung) wie jenes andere 
aus dem Hebräerbrief (6,11) 'zur Vollbereitung der Hoffnung 
durch Glaube und Langmut'. In Wirklichkeit versichert der 
Schreiber: wir sind zwar von euch des Besten gewiß (gewiß, daß 
Gott euch nicht verdammen wird); denn Gott kann eure früheren 
Liebes werke nicht vergessen; 'wir wünschen aber, daß jeder ein- 
zelne unter euch denselben Eifer um die Erfüllung der Hoffnung 3 ) 
bis zu ende bewähre, damit ihr nicht träge werdet, sondern denen 
nachahmt, die durch Glauben und Ausdauer die Verheißungen erben'. 
Eine Formel 'Glaube und Hoffnung' könnte hieraus niemand er- 
schließen, höchstens eine Formel 'Glaube und Ausdauer' (niaziq %cd 
u.axpot>ouia). So geht es fort; unbedenklich und für den Leser 
unkenntlich werden all die Stellen, an denen IXrcic nicht die Hoff- 
nung, sondern das Erhoffte bedeutet, wieder angeführt, und wäh- 
rend sonst stilistisch manches geändert ist, ist in diesem entschei- 
denden Beweis trotz allen Einspruches kein Wort verbessert, kein 
Zeichen auch nur des Wortausfalles neu gesetzt. Er ist geblieben, 
was er war, eine Irreführung des Laien. 



1) Histor. Zeitschr. S. 203 ff. 

2) Histor. Zeitschr. S. 204. 

3) Oder: die Gewißheit der Hoffnung, nämlich, daß sie selig werden. Von 
der Tugend oder Gotteskraft ist überhaupt nicht die Rede. Mit dem Worte iknU 
wird der Grundbegriff von r.tTizh[i.t^a aufgenommen; Trpo; 7tX7)pocpop(av ttjc iXutöo; 
hängt natürlich von oizoul-f] ab. Ob man rcXrjpocpopfa als Gewißheit, Ueberzeugung 
oder als Erfüllung der Hoffnung faßt, ist gleichgültig; daß es sich um den Tod 
und die Entscheidung Gottes handelt, zeigt der Zusatz aypi teXou?. 



die Formel Glaube, Liebe, Hoffnung bei Paulus. 147 

Ich mag einen so schweren Vorwurf nicht ohne weitere Be- 
weise lassen und doch nicht bloß wiederholen, was an der früheren 
Stelle (Nachr. S. 373 ff.) schon genügend dargelegt war. So hebe 
ich noch einen anderen Abschnitt heraus, der freilich darin günstiger 
steht, daß die meisten Citate nur in Zahlen angegeben sind (v. 
Harnack S. 13 ff.). Bewiesen soll werden, nach und neben Paulus 
liege ein Strom von urchristlichen Zeugnissen vor, daß das Paar 
Glaube und Liebe zusammen gehöre und 'daß sich in ihm das 
Wesen des Christentums als wirksame innere Ver- 
fassung gedacht darstellt 1 ) . . . Die Liebe aber ist 
hierbei stets oder doch fastimmer als Nächstenliebe 
gedacht'. Die Beispiele sind in drei Gruppen geteilt; zunächst 
eine, in welcher das Paar Glaube und Liebe angeblich allein er- 
scheine ; von den sechs neutestamentlichen Beispielen gehören drei 
nicht her (Eph. 3,17; I Tim. 1,5; 4,12), von denen aus den apo- 
stolischen Vätern ist eines richtig, das andere befremdet. Im 
Hirten des Hermas soll sich Vis. III 8 finden „Der Glaube aus 
dem sich die Liebe erzeugt". Gewiß würde das v. Harnacks Be- 
hauptung trefflich stützen, aber ich finde das in Anführungszeichen 
gesetzte Citat in keiner Fassung des Hermas. Er erwähnt Vis, 
III 8 in einer langen Allegorie sieben Frauen oder Tugenden beim 
Bau eines Turmes beschäftigt; ihre Namen sind Uiazis, 'E^xpateia, 
'ArcXdnqc, 'Ercian^T], 'Ataxia, Ee^vönr]«;, s A^&iziri. Allein erscheint das 
Paar also grade nicht, eine engere Verbindung zwischen Htau«; 
und 'A^dit-q besteht nicht 2 ). Ihr Verhältnis zu einander wird mit 
den Worten angegeben: h% zr^c, nlazeiüi; Tevvatai ^ptpÄTeia, 1% rq<; 
kpcpareiac a^XÖTTjc, sx f/js a^Xör^TO«; axaxia, k% r/jc axaxiac aejivÖTTjc, 
ix tyj<; asu,vÖT7]To<; iwtoT^jjLT], Ix T7j<; e7uioxi(j{j.Y]<; aYarcTj. Nach einer un- 
klaren Erinnerung an diese Worte scheint von Harnack sich sein 
Citat frei gebildet zu haben 3 ). Ich wies (Nachr. S. 390) ausdrücklich 



1) Bei v. Harnack gesperrt. 

2) Wie fern dem Hermas jeder Gedanke an eine solche liegt, zeigt die 
spätere Umgestaltung Sitn. IX wo zwölf Tugenden, vier leitende und acht unter- 
geordnete, erscheinen und der Glaube die erste große, die Liebe (hier Nächsten- 
Hebe, Gegensatz fxTao;) die letzte kleine Tugend ist. Nur die Stellung von üia-zn 
und 'AycniT) an Anfang und Ende ist beibehalten, aber sie geht auf ein Original 
zurück, in dem 'AyaTtr) die Gottesliebe bedeutete. Nur sie bildet Steigerung und 
Abschluß einer mit dem Glauben beginnenden xXifA<x£. 

1) Wenigstens weicht die andere Fassung, die sich bei Clemens Strom. II 55, 3 
findet, im Wortlaut noch weiter ab und zeigt das Paar ebensowenig allein. Das 
Wort e-taxrjfj.7) ist hier wie bei Philo und einzelnen Autoren des Neuen Testaments 

10* 



148 R. Reitzenstein, 

auf das Anstößige dieser Art von 'Beweis' hin; sie erscheint un- 
verändert wieder. — Es folgt eine zweite Gruppe von Stellen, in 
denen Glaube und Liebe mit anderen Begriffen (Langmut, Geduld, 
Friede, Furcht) verbunden sein sollen, Stellen, die also eigentlich 
nichts beweisen; von den vier neutestamentlichen Citaten weichen 
drei im Wortlaut wesentlich ab (I Tim. 6,11; II Tim. 2,22; II 
Tim. 3, 10) ; von den zwei Citaten aus der späteren Zeit ist eines 
(Clemens Strom. II 13) ungenau und irreführend angegeben 1 ). Als 
dritte Gruppe werden 'mehrere Stellen' erwähnt, aus denen her- 
vorgehe, daß man sich des bereits (!) formelhaften Charakters von 
'Glaube und Liebe' bewußt war. 

Zwei Stellen werden in Uebersetzung angeführt — mehr kenne 
ich überhaupt nicht — und bezeichnen beide angeblich dasselbe: 
; .So schreibt Ignatius an die Epheser 14: „Glaube und Liebe, das 
sind Anfang und Ende des Lebens; der Anfang ist der Glaube, 
das Ende ist die Liebe; die beiden aber zur Einheit verbunden 
sind Gott". Ebenso liest man Clemens Strom. VII, 10: „Anfang 
und Ende sind Glaube und Liebe". — Ich muß der Nachprüfung 
ein paar Worte der Erklärung vorausschicken. 

Wenn ein Ding als ocp^Y] {jiaov xal x£ko<; oder kürzer als apXH 
xai t£Xo<; eines anderen bezeichnet wird, so soll damit gesagt sein, 
es macht das Wesen dieses andern oder die in ihm wirkende Kraft 
aus, oder gibt dessen ganzen Inhalt wieder 2 ). Seltener finden wir 
zwei Dinge bezeichnet die zusammen Anfang und Ende eines 
dritten ausmachen, wie etwa bei Philo (De migr. Abr. 56) : Anfang 
und Ende der Menge und Vollkommenheit der Tugenden (in uns) 
ist das unaufhörliche Denken an Gott und das Herabflehen seiner 
Hilfe auf uns im Streite des Lebens 3 ). Es sind dann in der Regel 



für yvwat; eingesetzt. Also ist dyarorj, wie in einer Reihe hellenistischer Systeme, 
die Gottesliebe. 

1) Clemens II 12 = 1155,4 wird aus dem Hirten des Hermas citiert; Funk 
will das Bruchstück in Vis. III 8 einreihen, sicher mit Unrecht. Die Liebe ist 
Gottesliebe. 

2) Natürlich ist es falsch, eine Stelle wie Barnab. 1, 6 ilizk dtp/)] xal tüos 
TiiOTeu)? ufxüW zum Beweis für eine Formel ikn\e xal idariz anzuführen, und sind 
die Worte sinnwidrig aus dem Zusammenkang gerissen, aber trotz allen Ein- 
spruches ruhig wiederholt. 

3) Die lehrreiche Stelle lautet: xoü öe p.ey£dou« xal ttXtj^ou; x<Lv xaXmv dp^ 
xal xeXos tj dSidtfxaxoc uept fteoü (Jtvrjpnr) xal fj xaxdxArjCJts xijs du'' auxoö aofAfxa/ia; T:p6? 
xov lfj.cp6Xiov xaf auyxe^ufxevov xal auveyrj xoö ßfou TidXepiov. 



die Formel Glaube, Liebe, Hoffnung bei Paulus. 149 

zwei synonyme oder sich nahestehende Begriffe, die so verbunden 
werden. Stehen die Begriffe sich ferner, so folgt aus der Formel 
selbst, daß sie eigentlich in ihrer Vereinigung auch schon den An- 
fang bilden müssen. Insofern ist der Satz des Ignatius 'Glauben 
und Liebe sind Anfang und Ende des Lebens, Anfang der Glaube, 
Ende die Liebe; wo die zwei vereinigt sind, ist Gott' unlogisch; 
denn Leben und Gott bedeuten hier offenbar dasselbe, das lebendige 
Gottes wesen in uns. Machen erst Glaube und Liebe in ihrer Ver- 
einigung es aus, so können nur beide sein Anfang sein und beide 
sein Ende. Der seltsame Ausdruck erklärt sich aus jener helle- 
nistischen Vorstellung, die ich früher Nachr. S. 389 eingehend er- 
klärt habe und die v. Harnack nicht zu kennen scheint, daß eine 
Reihe nach einander niedersteigender Gotteskräfte in uns jenes 
Gotteswesen bilden (Anfang und Ende werden besonders hervor- 
gehoben). Sie überträgt Ignatius auf die ältere Verbindung von 
'Glaube und Liebe', indem er diese Verbindung damit zuerst zur 
Eormel und zwar zur hellenistischen Formel macht und zufügt 
4 Anfang der Glaube, Ende die Liebe'. Wenn dagegen bei Clemens 
von Alexandrien drei Gotteskräfte Glaube, Gnosis und Liebe als 
wichtig aufgezählt werden, mit dem Zusatz 'die beiden Grenzen 
(axpa) dieser Reihe, nämlich der Anfang, der Glaube, und das 
Ende, die Liebe, sind nicht lehrbar, wohl aber (das Mittelstück), 
die Gnosis', so zitiert v. Harnack wieder nur die Worte 'Anfang 
und Ende sind Glaube und Liebe', behauptet wieder, daß Clemens 
dasselbe sage wie Ignatius und den formelhaften Charakter der 
Verbindung Glaube und Liebe bezeuge 1 ), und tut dies, wiewohl 



1) Wieder ist hierbei ignoriert, daß bei Ignatius mit dpyrj xai xiXo; der Ge- 
netiv £iotj; verbunden war, die Worte also eine ganz andere Bedeutung haben, als 
nach der Aufführung einer Reihe und dem erklärenden Wort xd dxpa (Gegensatz 
to pioov). Ich füge den Text ganz bei, da nicht der Hauptsinn, um den es sich 
hier handelt, wohl aber Einzelheiten schwierig sind und eine Erklärung vielleicht 
nicht überflüssig ist : Clemens VII 55, 5 : ttXtjv dXXd xo ^ otaxdaat ~epi fteoO, Triaxeü- 
aai 8e ftejAeXios Yviuaeou;, dpicpu) oe 6 Xpiaxo?, o xe tkjjiAio? tj xe ^ouoSofxV), oi' o5 
xai b dp/7) xat xd xiXrj. xai xd }xbi dxpa ou Siodaxexat r t xe dp^Tj xai xo xiXo;, icfortc 
Aeyio xai if) dyaTO], yj yv&ai; §e ix rcapaoo'aeius SiaotooptivT] xaxd /a'ptv Oeoü xol? d~(o\>z 
acpds aüxoy« xfj? 5i8aaxaXta; 7:ape)(0{jivois otov Trapaxaxa^xr, IfyzipifeTai, dcp' rj; xo -ffi 
dyazT]; dcjfrofia ixXd{j.7tet ix cpcuxo? zlz cpw?. eiprjxat ydp ' 'xiji sfyovxi TrpoaxsDrjaexat', xfj 
jjiiv rfaxei i t yvcüat?, xfj oe yvwaet r) dydmr), xrj oe dya^rj fj xXrjpovofxi'a. Es handelt 
sich also überhaupt nicht um eine binitarische Formel, sondern um eine trini- 
tarische, welche der Formel der chaldäischen Orakel (oben S. 135) eng entspricht. 
Also hat diese Stelle mit der des Ignatius inhaltlich nichts zu tun; wenn Stählin 
(im Apparat) eine äußerliche Benutzung anzunehmen scheint, so ist mir selbst 



150 R. Reitze n stein, 

der Gegner gegen diese Entstellung nachdrücklichsten Einspruch 
erhoben hat (Nachr. 1916 S. 383, 2). Daß dieser Gegner gerade 
auf diese Triade des Clemens von Anfang an entscheidenden Wert 
gelegt hat, weil sie sich eng mit Porphyrios berührt, wird igno- 
riert 1 ), sie selbst nirgends erwähnt 2 ), wohl aber die Stelle, wo 
Clemens einmal Paulus I Kor. 13, 13 citiert , als Beweis für die 
urchristliche Formel angeführt. 

Es handelt sich hier nicht um Dinge, über die man verschie- 
dener Ueberzeugung sein kann. Ob Clemens von zwei oder drei 
Gotteskräften spricht, ob das wörtliche Citat aus dem Hirten des 
Hermas richtig oder falsch ist, ob Stellen wie Gal. 5, 5 sinngemäß 
wiedergegeben sind u. dgl., sind Fragen, die von aller subjektiven 
Meinung unabhängig entschieden werden können. Ueberall ist das 
Unrichtige trotz allen Einspruches vor einem weiten Leserkreis 
wiederholt und damit ein schwerer Angriff gegen die Gewissen- 
haftigkeit eines Gegners vor ihm begründet. Den Nachweis dieses 
Verfahrens vor jenen Leserkreis selbst zu bringen vermeide ich 
und will lieber vor ihm Unrecht behalten, als den Schaden noch 
vergrößern, den v. Harnacks Vorgehen der Theologie schon getan 
hat; ich stamme aus einem Theologen-Haus und habe einst Theo- 
loge werden wollen. Den Fachgenossen das Material noch einmal 
vorzulegen, ehe ich auf die Fortsetzung der Debatte verzichte, 



das wenig glaublich. Der Sprachgebrauch ist eigentümlich, aber nicht ohne Beleg. 
Dem ersten Gliede der Reihe (tu'gxi?) werden zunächst die beiden andern als xd 
xeXr, entgegengestellt (vgl. für den Gebrauch in der zweigliedrigen Reihe Apostolios 
3, 90 dp^v läaüai noXu Müov r) lektuzrp, Euripides Androm. 390 exotfjLVjthjv ßi'a auv 
oea-oxaiar xax' ept', oo xeivov xxeveis xov aixiov xwvS', dcXXd xtjv dp^v dcpet? r.pbz ttjv 
xeXe'jxtjv ouaav uaxdpav cp^pei; Properz II 10,8.9 und II 28,15 — 19 primus und ex- 
tremus von zwei Teilen ; derselbe Sprachgebrauch ermöglicht dem Ignatius Eph. 
14, 1, gegen den Hauptgedanken die Scheidung dp^rj fxev tticftis, xe'Xo; §e d^d-r^ zu 
machen). Der Plural xeXrj zeigt dabei, daß die Reihe mehrgliedrig ist. Hierauf 
wird das erste und letzte Glied als xd d'xpa zusammengefaßt und näher bezeichnet 
dp-/7j und xiXoi. Damit der Leser sofort weiß, um welche Begriffe es sich handelt, 
wird die Erklärung ttioxis und dydirrj beigefügt. Das erklärende Xey«> zeigt m. E., 
daß es sich nur hierum handelt. Wohl kann dp^ xol xeXos (wie ä xal tö) auch 
im intensiven Sinn vereinzelt ohne Genetiv stehen, wenn ohne weiteres klar ist, 
worauf es sich bezieht. Aber hier ist das sogar ausgeschlossen, weil damit das 
dritte Glied, die yvüiais, als vollkommen wertlos ausgeschaltet würde. Doch das 
sind Kleinigkeiten, wie sie der Philologe vielleicht nebenbei erledigen darf. Wir 
sind ja Pedanten. 

1) Natürlich ist dyd7t7) in dieser Formel die Gottesliebe; nicht einmal das 
wird berücksichtigt. 

2) Kann man überhaupt die Herrschaft dieser einen Formel wirklich be- 
weisen, wenn man alle andern Formeln der urchristlichen Literatur ignoriert? 



die Formel Glaube, Liebe, Hoffnung bei Paulus. 151 

halte ich für mein Recht als Angeschuldigter und für meine 
Pflicht gegen die Wissenschaft. Es wäre ein Schaden für sie, 
wenn dies Beispiel, schwierige Fragen vor dem großen Publikum 
durch unrichtige Citate 'im Handumdrehen' zu erledigen, Nach- 
ahmung finden sollte. 

R. Reitzenstein. 



Die Keimvorreden des deutschen Lucidarius. 

Von 

Edward Schröder. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 13. Januar 1917. 

Dieser kleine Aufsatz ist jetzt reichlich neun Jahr alt. Her- 
vorgegangen aus der Besprechung einer Seminararbeit war er in 
den Herbstferien 1907 niedergeschrieben und bereits als Beitrag 
zu der Festschrift für Job. Kelle angemeldet worden, als mich 
einige Lücken in dem aufgesammelten Material störten und ich 
mich in letzter Stunde entschloß einen Ersatz zu liefern. Bald 
nachdem dann (1911) die Wien-Lainzer Handschrift die erste wert- 
volle Bereicherung von Karl Schorbachs unendlich mühevoller Ar- 
beit *) gebracht hatte, erfuhr ich, daß eine Ausgabe des 'Lucidarius' 
für die 'Deutschen Texte' der Berliner Akademie geplant sei, und 
es widerstrebte mir, dem jungen Germanisten das vorwegzunehmen 
was mir als reizvolle und keineswegs schwierige Aufgabe auf dem 
Wege der Edition zu liegen schien. 

Nun ist während des Krieges die erwartete Ausgabe erschienen 2 ). 
Nach dem Programm dieser Publikationenreihe durfte sich Felix 
Heidlauf das Ziel nicht hoch stecken, und so blieben hier wie in 
seiner fleißigen Dissertation 3 ), die in der Hauptsache andern Dingen 



1) Studien über das deutsche Volksbuch Lucidarius und seine Bearbeitung 
in fremden Sprachen [= Quellen und Forschungen Heft 74], Straßburg 1894; 
vgl. meine Besprechung Anz. f. d. Alt. 23, 107 ff. 

2) Deutsche Texte des Mittelalters Band XXVIII: Lucidarius aus der Ber- 
liner Handschrift [26 hätte hinzugefügt werden müssen] herausgegeben von Felix 
Heidlauf, Berlin 1915. 

3) Das mhd. Volksbuch Lucidarius, Berlin 1915; was hier S. 126-130 über 
die Reimvorreden steht, mag unter den Begriff der 'Kriegsware' fallen und daher 
mit Schweigen übergangen werden. 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 2. 11 



154 Edward Schröder, 

gilt, wichtige Fragen aas der ältesten G-eschichte des Buches un- 
beachtet: merkwürdig allerdings bei einem Schüler Roethes, dem 
sein Lehrer durch die 'Reimvorreden des Sachsenspiegels' doch den 
Weg sollte gewiesen haben. Einem Rechtshistoriker, Eugen Ro- 
senstock *), erschien diese Parallele bedeutungsvoll genug um seine 
Fachgenossen sofort auf die Erscheinung hinzuweisen, und diese 
mir in den Weihnachtstagen zugegangene Miszelle hat mich ver- 
anlaßt, mein altes Manuskript hervorzuholen und mit den wenigen 
Änderungen welche der handschriftliche und litterarische Zuwachs 
notwendig machte, zum Druck zu bringen. 

Schorbach hatte in seinen 'Studien', die wir s. Z. als Prole- 
gomena einer kritischen Ausgabe begrüßten, 42 Handschriften 
(darunter freilich Noo. 37 — 42 'verschollene und verlorene') und 82 
Drucke (von 1479 bis ca. 1806 herab) verzeichnet. Dazu ist die 
von Clem. Biener aufgefundene und Zs. f. d. Alt. 53, 288 ff. be- 
sprochene Hs. des Jesuitenkonvents von Lainz -vor Wien getreten ; 
während diese Heidlauf entgangen ist, verzeichnet er Diss. S. 3 f. 
z. Tl. auf Grund des Handschriftenarchivs der 'Deutschen Kommis- 
sion' noch 7 weitere Papierhss., sodaß jetzt die Gesamtzahl 50 er- 
reicht ist. 

Ich selbst besaß schon seit meiner Studenten-, ja seit meiner 
Gymnasiastenzeit Notizen und Teilabschriften von Lucidariushss. 
und habe diese dann auf Grund von Schorbachs Bibliographie er- 
gänzt und erneuert. Einzelnes haben mir Freunde beigesteuert 
(Ehrismann, v. Kraus, Ries), die Abschrift seines Fundes stellte 
mir Dr. Biener zur Verfügung, die Wolfenbüttler Hss. und In- 
kunabeln hab ich für meinen Zweck an Ort und Stelle kopiert, 
den Bibliotheken von Basel, Berlin, Karlsruhe, Kassel, Melk, Mün- 
chen und Wien gilt mein Dank für Übersendung ihrer Codices an 
die hiesige Universitätsbibliothek. So verfügt ich zuletzt über 20 
Handschriften und drei Drucke, von denen aber eine Hs. als Kopie 
eines Frühdrucks und ein Druck als treuer Nachdruck eines andern 
ausschieden. Ich führe dies Material in knappster Form unter 
jedesmaliger Verweisung auf Sch[orbach] und Hfeidlauf] hier auf, 
geordnet nach den von Schorbach richtig erkannten zwei Haupt- 
rezensionen, denen ich als Anhang die gleichfalls von diesem schon 
zutreffend charakterisierte Wolfenbüttler Hs. 29. 9. Aug. beige- 
fügt habe. 

Heidlauf, der sich mit in diesem Falle wenig glücklicher Aus- 



1) Zeitschr. d. Savigny-Stiftung XXVII Germ. Abt. S. 498—504. 



Die Reimvorreden des deutschen Lucidarius. 155 

wähl auf die Perg.-Hss. beschränkt, hat mir direkt kein Material 
hinzugeliefert, und seinen neuen Hinweisen auf junge Papier-Hss. 
nachzugehen glaubt ich mir ersparen zu dürfen. Um dem Heraus- 
geber eines kritischen Textes nicht vorzugreifen, hab ich auf Siglen 
verzichtet und die Hss. mit den Zahlen von Schorbachs Verzeichnis 
aufgeführt, wobei ich freilich die neugefundene Lainzer Hs. als 
43 hinter die verschollenen und verlorenen stellen mußte. 

Mit A und B bezeichne ich die von Schorbach erkannten Re- 
zensionen. 

A ist ein direkter Ausläufer der Braunschweiger Ori- 
ginalausgabe des Lucidarius von ca. 1190, in B besitzen wir eine 
Bairische Redaktion, die sich zeitlich unmittelbar anschloß : 
die ältesten uns erhaltenen Bruchstücke des Werkes (jetzt von Fr. 
Wilhelm, Münchener Texte VIII S. 115 — 131 abgedruckt) gehören 
dieser Redaktion an, deren Urheber, wie der Prolog erweist, mit 
seiner dürftigen litterarischen Bildung noch ganz im 12. Jahr- 
hundert wurzelte. 

Handschriften der Rezension A. 

2. Berlin, Kgl. Bibliothek Ms. germ. oct. 56, Perg., gegen 
Mitte des 14. Jh.s. Sprache ostmitteldeutsch : die Hs. entstammt 
der Schreibstube eines Deutschordenshauses ; vgl. Schorbach S. 21, 
Anz. f. d. Alt. 23, 108. — Der Prolog Bl. 50 b — 51 b , abgedruckt 
durch K. Schröder, Germ. 17, 408 f., Schorbach S. 133 f., Heidlauf 
Ausg. S. XII f. 

9. Heidelberg, Univ. -Bibliothek Cod. pal. germ. 359, Pap., 
nach 1450. Sprache nieder alemannisch (manchen Hss. des Diebold 
Lauber von Hagenau sehr nahe stehend); vgl. Seh. S. 29. Prolog 
in Prosa aufgelöst Bl. 66 ab . Abschrift Ehrismanns. 

10. Wi en , K. K. Hofbibliothek, Cod. Vind. 3007 (früher Nov. 
297), Pap., datiert von 1472. Sprache ostmitteldeutsch, von Bae- 
secke, Wiener Oswald S. XIV in Schlesien lokalisiert. Vgl. Seh. 
S. 30 f. Prolog Bl. 128». 

43. Wien-Lainz, Bibliothek des Jesuitenkonvents X 88, 
Pap., Mitte des 15. Jh.s. Sprache rheinfränkisch, von Cl. Biener 
Zs. f. d. Alt. 53, 298 nach Hessen gesetzt [Wetterau?]. Prolog 
Bl. 93 f. Vgl. Biener (dem ich auch Abschrift verdanke) a.a.O. 

S. ^88ff. 



11* 



156 Edward Schröder, 

Prolog des A- Textes. 

Diz buch heizet LUCIDARIUS, 

und ist durch reht geheizen sus, 

wan ez ist ein luhtere. 

swer gerne vremede mere 
5 von der schrift verneinen wil, 

der mach hie wunders hören vil 

in deseme deinen buche. 

man soldez verne suche 

e man ez vunde ensamt geschreben. 
10 got hat ime den sin gegeben, 

dem herzogen der ez schriben liez: 

sine capellane er hiez 

die rede suchen an den Schriften, 

und bat sie daz sie ez dihten 
15 ane rimen wolden. 

wände sie ensolden 

niht schriben wan die warheit, 

als ez ze latine steit. 

Daz daden sie willecliche 
20 dem herzogen Heinriche, 

der ez in gebot unde bat: 

ze Bruneswich in der stat 

wart ez gedihtet und geschreben. 

ez enwere an dem meister niht beleben, 
25 er het ez gerimet ab er solde. 

Der herzöge wolde 

1 elucidarius 2. 2 heyfet durch rechte 10. alsus 10. 43. 3 luhtere 
2. B] erluchtere 43. 10; erlüchtunge 9. 4 woreu sehr. 10. worer sehr. 9. 

6 wunders hören] hören wonders 43; ir hören 10. (9.) 7 deinen fehlt 10.(9.) 
8 müste es 9; sal is 10. verre 2. 9; weite 10. 9 E wen 10. er daz 9. man 
ez] ys der man 10. entsam 2; allis sament 43. v. e.] zu male fünde 9; czu 
sampne vant 10. 10 got selbir 43. im fehlt 43. 9. der synnen 10. 11 dem 
herren 9; der herre 10. der fehlt 10. 12 sinen caplan 9. 10; einen capellan 
43. 13 reite 9. an der schrifft 10; in der geschrift 9. F. 14— 16 stark entstellt 
9. 10. 15 an 2. 9. rime 9. 10. den Plural wolden : suldin bewahrt trotz V. 
12 auch 10. 16 wan 2. 9. 43; wenne 10. er ensolle 9; sie nit ens. 43. 

17 wenne 10; dan 43. denne 9. 18 an dem latine 9. 10. seit 43. V. 19 das 
weite der willige 9. V. 20 der herezog heynrichen (: williglichin) 10; herezoge 
riche 9. 21 der ez] Do her ys 10 ; Daz er 2. ime 43. 22 Brunswic 2. Bruns- 
wig 43. 9. brawnezweig 10. 23 w. ez fehlt 9. V. 24. 25 fehlen 9. 24 anden 
meistern 43; ane meister 10. 25 ab 2. ap 10. obe 43. 26 enwolde 10. 



Die Reimvorreden des deutschen Lucidarius. 157 

daz man ez hieze da 

'Aurea gemma', 

do duhte ez dem meister bezzer sus 
30 daz ez hieze 'Lucidarius', 

wan ez ein luhtere ist. 

der heilige geist gab ime die list : 

er was der lerere, 

und (was) der vragere 
35 der daz buch dihte. 

man vindet uz maneger schrifte 

ein deil geschreben dar inne. 

der mit stedem sinne 

die rede rehte merken wil, 
40 dem mag antworte geben vil 

swes man ez vraget daz buch. 

der himel und erde geschüf 

mit siner gotheide, 

der neme den heren an sin geleide. 

27 ez fehlt 43. dis buch hette 9. da fehlt 9. 10. F. 28 aurea gümis 
10; aurean g. 9. 29 vnd ys dauchte 10. dem 2. bas 43; gut 9; fehlt 10* 
alsus 9. 10. 30 das man nante 9. VV. 31—44 fehlen 10. 31 es ist ein liecht 9. 
irluchter 2. 43, doch vgl. oben V. 3. 32 die list 2. 43.] den 9. 34 der freger 9 ; 
vraget 2. V. 35 daz buch dicke 2. ouch der 9. dis b. 43. 36 man gab im 9. 
uz] an 2. 43; von 9. aller sehr. 9. 37 dar inne fehlt 9. VV. 38—43 stark 
verändert 9. 39 disse 43. 40 der m. 2. 43; dem solte er 9. antwurten geben 
9 ; geben antwurt 43. vil fehlt 9. 41 des 43. in vraget 2. 43 ; stark geän- 
dert 9. d. b] vz der schrift 2. 43; später Zusatz genuch 2. 42 der erden 43. 
gestuft 43. VV. 43. 44 fehlen in 43, das hier in den B-Text übertritt. 44 neme 
d. h. an] sol nemen des h. sele 9. 

Die uns erhaltenen Handschriften der Rezension A gehn auf 
einen Archetypus zurück, der bereits des III. Buches verlustig 
gegangen war und diesen Verlust am Schluß sehr ungeschickt be- 
mäntelt, Seh. S. 134 f. Wir dürfen also auch für den Prolog schon 
mit der Möglichkeit gemeinsamer Verderbnisse rechnen. Unsere 
vier Hss. teilen sich zunächst in zwei Gruppen durch die La. V. 5 
von der schrift 2. 43] von der ivorer sehr. 9. von der ivoren sehr. 10. 
Dagegen ist die Verstümmelung des Prologs, der in 9 mit V. 30 
abbricht, in 10 bis zum Schluß reicht und hier bei fast vollstän- 
diger Auflösung in Prosa gerade das letzte Reimpaar bewahrt hat, 
von den beiden Hss. selbständig vorgenommen worden. 

Eh mir die Lainzer Hs. bekannt wurde, hab ich auch den 
Pehler V. 12 sine capellane 2] sinen caplan 9. Seynen capellan 10. 



158 Edward Schröder, 

auf das Konto der gemeinsamen Vorlage geschrieben, und er mag 
immerhin so alt sein. Nun finden wir aber auch in 43 einen 
capellan, und die Irrung ist jedenfalls nicht derart daß sie uns 
zu einem Zusammenschluß von 9. 10 + 43 gegenüber 2 nötigte : 
der eigenartige Umstand daß der Fürst nicht seinen Kapellan, 
sondern gleich mehrere — zwei — mit der Arbeit beauftragte, 
konnte immerhin mehr als einem Schreiber unerwartet kommen 
und die Entgleisung in den naheliegenden Singular wiederholt ver- 
anlassen. 

Die Hss. 2. 43, mit gelegentlicher Heranziehung von 9. 10 
sowie der Rezension B ermöglichen im ganzen eine mühelose und 
sichere Herstellung des Textes, der nur gegen den Schluß hin, da 
wo 10 bereits ausfällt, eine zwiefache Schwierigkeit bietet. Die 
Verse 33 — 35 sehen in der Überlieferung so aus: 

Er was der lerer vn vraget daz buch dicke (: schrifte) 2. 

er was der lerer vnd der frag er der dis buch dichte (: schriffte) 43. 

JEr was der lerer vnd der frager ouch der das buch dichte (: schrift) 9. 

Es ist ohne weiteres klar, daß hier eine Verderbnis vorliegt die 
bis in den Archetypus zurückreicht, und zu deren Erklärung man 
sich zunächst vorstellen muß, daß wie in allen Hss. des 12. Jh.s 
auch in den ältesten Ausgaben des Lucidarius die Verse unabge- 
setzt (mit mehr oder weniger deutlicher Markierung des Schlusses) 
geschrieben waren. Der richtige Anschlußreim und damit der ganze 
Vers 35 ist bewahrt in 43 und 9, V. 34 dagegen war in der gemein- 
samen Vorlage das Verbum (was) ausgefallen, vielleicht als ver- 
meintlich überflüssig fortgelassen, und das nunmehr als vragete ver- 
lesene vragere veranlaßte *2 zu seiner radikalen Änderung: soll 
dicke : schrifte noch einen Reim darstellen, so würde auch diese zeit- 
lich recht hoch hinaufgehn J ). Bei und was der vragere, wie ich 
herstelle, ist und mit der Inversion als engerer (relativer) An- 
schluß zu fassen: 'während der Frager der war, der das Buch 
verfaßte'. 

Schwieriger steht es mit den Versen 40. 41, weil hier außer 
10 auch 43 mitten im Satze versagt. Biener hat Zs. 53, 290 schon 
richtig bemerkt, daß die Lainzer Handschrift [genauer jedenfalls 
ihre Vorlage] gegen Ende des Prologs nach V. 41 den A-Text ver- 
läßt und die Schlußverse 43. 44 aus der Rezension B gibt. Dabei 
kommt es zu einer Überleitung, und die fällt mit einer groben Ent- 



1) Dem Sinne nach richtig hat inzwischen auch Heidlauf S. XIII Anm. 33 
den Text hergestellt. 



Die Reimvorreden des deutschen Lucidarius. 159 

Stellung in 2 zusammen, sodaß man vermuten möchte, gerade sie 
habe den Schreiber von *43 veranlaßt hier bei einem andern Exem- 
plar Hilfe zu suchen. Nach den VV. 38. 39 'wer mit aufmerksamem 
Sinne die Darlegung in sich aufnehmen will', geht es weiter: 

Hs. 2. Hs. 43. 

Der mac antwurte geben vil der mag geben antwurt vil 

Sives man in vraget vz der schrift. des man en fraget vss der schrift. 
Der himel vn erde geschuf u. s.w. der hymel vnd der erden gestifft 

(folgt B V. 31—36). 

Das entstellte Reimpaar V. 41 f. hat schon ein alter Leser der 
Hs. 2 durch den Zusatz schrift/ genuch auszuflicken gesucht, wobei 
er wenigstens richtig den Fehler in der ersten Reimzeile erkannte ; 
auch Schorbach S. 134 Anm. hielt daran fest und erwog uz dem 
buoth (: geschiwf). Allein dieser apokopierte Dativ ist für Zeit 
und Heimat des Autors unmöglich. Roediger (bei Heidlauf S. XIII 
Anm'. 39) vermutet den Fehler in der zweiten Reimzeile und lenkt 
genau in die Bahn ein welche, wie aus Zs. 53, 290 zu ersehen 
war, die Hs. 43 betreten hat: es wäre in der Tat das einzige 
Mittel um die Überlieferung von V. 41 festzuhalten. Aber diese ist 
ganz gewiß fehlerhaft. 'Die Schrift' kann nichts anderes sein als 
die Bibel, also wäre der Sinn der : 'wer aufmerksam liest, der wird 
im Stande sein, reichlich Antwort zu geben auf alles was man 
ihn aus der Bibel fragt'. Nun enthält aber 'das Buch', der Luci- 
darius, keineswegs bloß Bibelweisheit, sondern es schöpft, wie V. 
8 f. hervorgehoben wird, auch aus abgelegenen Quellen, und soeben 
V. 36 f. {uz maneger schrifte) ist das noch einmal ausdrücklich wie- 
derholt worden. Das was man an unserer Stelle erwartet ist: 
'wer aufmerksam liest, der kann aus diesem Buche viel lernen, 
den kann dies Buch viel lehren'. Die Entstellung begann offenbar 
damit, daß dem Schreiber der Fehltritt passierte der jedem der 
mit alten Hss. viel zu tun gehabt hat, dutzendfach bekannt ist: 
er glitt aus einer Folge swer — dem in die gewöhnliche Folge swer 
— der hinüber ; mit diesem der für dem V. 40 setzt also die Ver- 
derbnis ein, und was V. 41 folgt ist eben nur die Konsequenz : 
jetzt muß statt des Buches selbst der Leser die Antwort geben, 
und ihn befragt man natürlich nicht 'aus dem Buch', sondern 'aus 
der Schrift', ihm werden Fragen vorgelegt zu denen die Bibel den 
Anstoß gibt. Ob diese Verderbnis erst in der Vorlage von 2. 43 
eintrat, oder ob sie auf den Archetypus zurückgeht, erlaubt uns 
die Textverwirrung in 9 nicht zu entscheiden, denn in jedem Falle 
hat auch 9 seine Vorlage mis verstanden : w l e die rede verstan wölte, 



IßO Edward Schröder, 

demQ) solte er(l) antwurten geben mit frege von recht, von dem lümel 
vnd von den abgrunden, von got vnd von gotheite. 

Der Dichter des ursprünglichen, Braunschweiger Prologs gibt 
uns V. 24 f. zu verstehn, daß es nicht an ihm gelegen habe wenn 
das "Werk nicht in Versen abgefaßt worden sei. Er war also in 
der Reimkunst erfahren, und das beweist auch seine kleine poeti- 
sche Leistung. Zwar hat er sich nicht sonderlich um Variation 
der Versausgänge bemüht : auf engem Räume wiederholen sich die 
Bindungen Lucidarius : sus (lf. 29 f.), ivil : vil (5 f. 39 f.), wolde(n) : 
solde(n) (15 f. 25 f.), dihte(n) : schrifte(n) (13 f. 35 f.), aber seine Reime 
entsprechen durchaus der Technik der Zeit um 1190, in die wir 
das Werk setzen müssen. Die Reimbrechung übt er mit Geschick, 

Von 22 Reimpaaren sind 15 absolut rein, 6 weitere sind es 
in der Sprache des Dichters, und nur ein einziger ist absolut un- 
rein : buch : geschüf 41 f. Man erinnert sich , daß gerade dieser 
Reim es ist der der Überlieferung verloren gegangen war und 
den ich wiederherstellen mußte ; es handelt sich aber um die denk- 
bar leichteste Form der Reimungenauigkeit, um Reime wie sie 
dem Dichter der zeitlich und Örtlich dem Verf. des Lucidarius 
am nächsten steht, Eilard von Oberg ganz unbedenklich erschienen, 
s. Grierach, Zur Sprache von Eilhards Tristrant S. 98. 

Von den dialektisch gefärbten Reimen ist in offener Silbe t : e 
(geschriben : gegeben 9 f.) ebenso allgemein md. wie ce : e (lühtcere : 
mere 3 f.). Das überschießende -n findet sich nur beim Infinitiv 
{buche : suchen) und ist hier der Reimpraxis der nachbarlichen Thü- 
ringer entlehnt. Die Bindung ft : ht (dihte(n) : schrifte(n) 13 f. 35 f.) 
entnahm der Verf. wohl der eigenen Aussprache, sie galt aber 
auch Eilard als erlaubt (Grierach S. 111;. Schließlich ist steit(: wär- 
hext 17 f.) eine dialektische Form. 

Obwohl eminent niederdeutsche Reimbelege gänzlich fehlen, 
glaub ich, daß die Sprache des Autors doch stärker vom Nieder- 
deutschen beeinflußt war als bei Eilard. Darauf führt mich vor 
allem der Prosatext, wenn auch nur durch einzelne Spuren, denn 
die Hs. 2, die allein für dessen Studium ernsthaft in Betracht 
kommen wird, hat durch den ostdeutschen Schreiber und teilweise 
wohl auch schon in dessen Vorlage ein ausgesprochen hochdeut- 
sches Gewand erhalten, sodaß nur etwa zwischen überwiegendem 
trocken, truchen ein vereinzeltes trüge bewahrt geblieben ist (Bl. 
68 b sumeliche naz sumeliche trüge) oder für die Kälte die hulde er- 
scheint (Bl. 74 b ). Dem Hochdeutschen zugestrebt hat natürlich der 
Verfasser auch in der Prosa, und zwar nicht nur orthographisch, 
sondern auch im Wortschatz : ich zweifele nicht daran daß auch 



Die Reimvorreden des deutschen Lucidarius. 151 

seine Sprache von vorn herein 'temperiert' war, wie es Roethe für 
den Sachsenspiegel festgestellt hat. 

Die Spuren die ich in der Überlieferung der Vorrede außer- 
halb des Reims noch von nordmd. Beimischung finde, wie das Fem. 
die list V. 32, das swm. rime V. 15 und ab für ob V. 25, haben mich 
veranlaßt, den Text auch graphisch dem vermutlichen Bilde des 
Originals anzunähern, wobei ich freilich auf das seit Pfeiffer all- 
gemein übliche ü für wo, % für ie verzichten zu sollen glaubte. Die 
Längezeichen hab ich schon darum weggelassen weil sie z. B. bei 
duhte, luktere kaum angebracht sind, anderseits das junge e<t in 
gegeben, geschreben wohl vom Verfasser schon gedehnt gesprochen 
wurde, wenn er die Versausgänge auch nach überlieferter Praxis 
stumpf nimmt. 

An diesem Vorwort ist nicht nur die Nachricht von Interesse, 
daß Heinrich der Löwe die Abfassung des Werkes angeregt und 
sich persönlich noch bei der Erwägung des Titels beteiligt habe, 
sondern eben auch die Tatsache des Titels selbst: der Lucida- 
rius ist nämlich das erste Werk der deutschen Litte- 
ratur das uns mit einem zuverlässigen, vom Autor 
selbst gewollten Titel überliefert ist. 

Jedermann weiß daß beim 'Heliand' und 'Muspilli' Schneller, 
beim 'Merigarto' Hoffmann von Fallersleben Pate gestanden hat, 
daß der Versuch Graffs, dem Evangelienbuche Otfrids den Titel 
'Krist' anzuhängen, gescheitert ist. Wenn Otfrid selbst sein Werk 
'Liber evangeliorum' nannte, so bleibt es immerhin fraglich, ob er 
mit diesem Ausdruck, den er bei dem ihm wohlvertrauten Juvencus 
fand, nicht vielmehr die litterarische Gattung bezeichnen wollte: 
ich persönlich glaube nicht daß er dabei an einen Titel im eigent- 
lichen Sinne gedacht hat. In der Folgezeit fehlen durch den Autor 
selbst bezeugte Titel bis über das Jahr 1200 hinaus : so deutlich 
wie Thomasin von Zirclaere V. 14681 min baoch heizt 'der Wül- 
hisch Gasf hat sich vorher kein Dichter ausgesprochen, und die 
Didaktiker waren die ersten, die ihm in Festlegung des Titels ge- 
folgt sind : Freidank, der Stricker, Ulrich von Lichtenstein, Konrad 
von Haslau. Unter den Epikern ist uns 'der Umbehanc' Blickers 
von Steinach noch nicht durch Grottfried (V. 4710), sondern erst 
durch Rudolf von Ems überliefert; ich kenne keinen früheren ur- 
kundlichen Titel als 'Keisir unde Keisirinne ? im Akrostichon Eber- 
nands von Erfurt. 

Gewiß, die Litt erat Urgeschichte kann solche Benennungen nicht 
entbehren, aber sie sollte sich immer bewußt bleiben, wie sie zu 
ihnen gelangt ist — und sie sollte etwas vorsichtiger bei der Wahl 



162 Edward Schröder, 

verfahren. Den Irrtum welcher Scherer mit dem Gedieht passiert 
ist das er 'Wahrheit' nannte, hat erst Schwietering, Über Singen 
und Sagen S. 12 aufgedeckt. Wenn man jenen Hartmann der so 
unvorsichtig war, sich wie zahlreiche andere mittelalterliche Men- 
schen auf Pergament oder Stein als 'arm' (pauper) zu bezeichnen 
und der nun in der Literaturgeschichte als 'der arme Hartmann' 
spukt [NB zur Verzweiflung der Examenkandidaten, für die er 
immer in die Nähe von Hartmann, dem Dichter des 'armen Hein- 
rich' rückt], wenn man den nach dem Titel seines Werkes gefragt 
hätte, er würde zweifellos geantwortet haben: 'Credo'; so nannte 
man das Gredicht auch früher ganz richtig *), ehe man auf die 'Rede 
vom Glauben 1 2 ) verfiel. Diemer hat die ernste Strafpredigt Heinrichs 
von Melk gewiß mehr im Sinne des Autors 'Memento mori' genannt, 
als Heinzel 'Erinnerung an den Tod', wobei die Rubrik des Schreibers 
von Cod. Vind. 2696 'Von des todes gehügede' wenig glücklich 
übersetzt wurde. 

Die Urheber der meisten von unsern Herausgebern und Litte- 
rarhistorikern aufgenommenen Titel sind die Schreiber von Sam- 
melhandschriften. Dieser Brauch, durch ein Rubrum die einzelnen 
Stücke zu trennen und in ihm den Inhalt oder Charakter des nach- 
folgenden Werkes zu bezeichnen, setzt bereits im 12. Jh. ein. 
Zwar die Milstäter und die Vorauer Hs. üben ihn noch nicht, wohl 
aber der Kodex dem die kostbaren Colmarer Fragmente (Zs. f. d. 
Alt. 40, 305 — 331) entstammen und aus dem uns leider nur der 
eine Titel 'Cantilena de conversione saneti Pauli' erhalten ist, 
und weiterhin die soeben ans Licht gebrachten Blätter einer mit- 
telfränkischen Sammelhs. (ed. Degering, Braunes Beitr. 41, 513 bis 
553) : es erscheint mir bedeutsam daß hier die deutsche Tobias- 
dichtung des Pfaffen Lambrecht überschrieben ist 'Liber Tobie' 
(S. 528) — also wieder ein lateinischer Titel! Mit lateinischen 
Titeln beginnt auch die deutsche Litteratur den Titelbrauch: nur 
zwischen zwei lateinischen Benennungen, Aurea Gemma' und 'Lu- 
eidarius', schwanken Herzog Heinrich und der 'Meister', sein Ka- 
pellan; das 'Speculum Saxonicum' war der Vorläufer des 'Sassen- 
spiegels'. 

Der Buchtitel hätte sich in der deutschen Litteratur gewiß 
auch ohne unser Werkchen durchgesetzt: diese Neuerung lag da- 
mals in der Luft, und es ist überhaupt schwer begreiflich, daß man 
sich so lange beholfen hat und dann noch den Umweg über das 



1) Müllenhoff hat es nie anders zitiert. 

2) oder ganz unglücklich der neuste Herausgeber: 'Rede vom glouven'! 



Die Reimvorreden des deutschen Lucidarius. 163 

Latein brauchte. Aber direkt Schule gemacht hat der Ver- 
fasser, das hat Rosenstock richtig gesehen, mit dem gereimten 
Vorwort zu seinem Prosawerk. Für ihn war diese Vorrede in 
Versen, in der er bekannte, er würde das Werk selbst lieber in 
gebundener Rede geschrieben haben, ein ganz persönliches Bedürf- 
nis, andere übernehmen sie wie einen litterarischen Brauch. So 
zunächst Eike von Repgow, im 'Sachsenspiegel' sowohl wie in der 
'Weltchronik'. Ein Jahrhundert später übertrug Konrad von Me- 
genberg den poetischen Prolog in die naturwissenschaftliche Schrift- 
stellerei : seine deutsche 'Sphära' hat er mit Reimpaaren, das 'Buch 
der Natur' sogar mit Titurelstrophen eingeleitet. Und schließlich 
ist (um 1350) auch das älteste, in Würzburg entstandene deutsche 
Kochbuch, das ich dem König vom Odenwald glaube zuschreiben 
zu dürfen, mit einer Reimvorrede erschienen. 

Daß wie der lateinische Titel auch das metrische Vorwort in 
direkter Nachahmung lateinischer Vorbilder aufgekommen ist, er- 
scheint von vorn herein natürlich : aber es bedurfte doch eben 
eines ersten Beispiels, und das gab der Verfasser des Lucidarius. 
Er seinerseits war aber auch nicht ohne Vorbild und Anlehnung 
an die Ausdrucksweise deutscher Dichter. An den Eingang der 
Tugendlehre Werners von Elmendorf 2 ) erinnern Anklänge, die 
über das hinausgehn was die Sache von selbst ergab. YgL Luc. 
V. 12. 13 sine capellane er hies die rede suchen an den Schriften 
mit WvE. V. 15 f. und lies mich in sinen buchen die selbe rede 
suchen, Luc. V. 21 der es in gebot unde bat mit WvE. V. 4 f. 
wundes ome gebot u n de bat. 

Handschriften und Drucke der Rezension B. 

a) Handschriften. 

3. Berlin, Kgl. Bibliothek Ms. germ. oct. 26, Perg., Anf. d. 
14. Jh.s. Sprache * nieder alemannisch [rechtsrheinisch]. Vollstän- 

1) Es gibt natürlich auch Fälle wo der in einer späten Sammelhs. über- 
lieferte Titel nicht vom Schreiber dieses Kodex, sondern aus einer Vorlage stammt, 
die unter Umständen wesentlich älter sein und eine höhere Gewähr bieten kann. 
In der Ambraser Hs. rühren die meisten Überschriften von Hans Ried her, und 
sie sind meist töricht, einige bis zur Sinnlosigkeit. Aber wenn er Ulrichs Frauen- 
buch überschreibt 'Ditz puech heißet der Ytwitz 1 , so hat er das altertümliche Wort 
itewiz, das nach 1300 kaum noch bezeugt ist, aus einer guten alten Vorlage. Wir 
würden den Titel vielleicht ohne Bedenken annehmen — wenn nicht der Dichter 
selbst uns mitteilte, sein Büchlein solle ''der frouwen buocW heißen (660, 23) ! 

2) Eine Ausgabe hab ich nahezu druckfertig und hoffe sie noch in diesem 
Jahre herauszubringen. 



1Ö4 Edward Schröder, 

diger Abdruck durch Heidlauf, der Prolog zuerst Altd. Blätter I 
326 f., auch bei Seh. S. 136 f. 

4. München, Universitäts-Bibliothek Cod. ms. 731 , sog. Würz- 
burger Hs. des Michael de Leone, Perg., v. J. 1350. Sprache ost- 
fränkisch. Der Prolog Bl. 137 cd , Lesarten bei H. Ausg. S. 1. Vgl. 
Schorbach S. 22 f., H. Ausg. S. XIII 1 ). 

6. München, Kgl. Hof- u. Staatsbibliothek Cgm. 252, Pap., 
der Lucidarius dieser Mischhs. aus der Mitte d. 14. Jh.s. Sprache 
bairisch-schwäbisch. Seh. S. 25 f. Der Prolog Bl. 56 ab ist fort- 
laufend, aber mit scharfer Verstrennung geschrieben. 

7. Melk, Bibliothek des Benediktiners tifts Cod. No. 468 (früher 
H 90), Pap., gegen Ende des 14. Jh.s. Sprache bairisch. Der 
Prolog Bl. 159 ab in Prosa mit nur teilweiser Markierung der Vers- 
ausgänge. Seh. S. 26 ff. 

8. Kassel, Ständische Landesbibliothek Ms. philos. oct. 5, 
Perg., nach 1350. Sprache mittelfränkisch. Prolog Bl. 140 a — 142 a , 
in Prosa geschrieben, aber mit deutlicher Abtrennung der Verse. 
Seh. S. 28, vgl. GGN. phil.-hist. Kl. 1910 S. 335 f. 

11. Basel, Universitäts-Bibliothek 0. III. 20, Pap., 15. Jh. 
Sprache alemannisch. Der Prolog Bl. 1, in Prosa geschrieben mit 
nur teilweiser Markierung der Versausgänge, wurde zuerst mit 
einigen guten Besserungen ediert von W. Wackernagel, Die alt- 
deutschen Hss. der Baseler Universitätsbibliothek (1835) S. 19. Vgl. 
Seh. S. 32. 

13. Wolfenbüttel, Herz. Bibliothek Ms. 78, 4 Aug., Pap., 
v. J. 1438. Sprache bairisch. Prolog Sp. 172 b als Prosa geschrieben 
ohne Verstrennung. Seh. S. 33 f. 

14. Wolfenbüttel, Herz. Bibliothek Ms. Heimst. 389, Pap., 
ca. 1430. Sprache niederdeutsch. Prolog Sp. 2 a als Prosa ge- 
schrieben, beginnt mit V. 19 und bietet nur 16 Verse. Seh. S. 34 f. 

15. Melk, Bibliothek des Benediktinerstifts Cod. No. 603 
(früher L 23), Papier, v. J. 1414. Sprache bairisch. Prolog Bl. 
115\ 116 a , vollständig, aber vom Schreiber als Prosa geschrieben 
und als Prosa aufgefaßt. Seh. S. 36 f. 

18. München, Kgl. Hof- und Staatsbibliothek Cgm. 762, 
Pap., Mitte des 15. Jh.s. Sprache ostschwäbisch. Prolog Bl. 50 ab , 



1) Heidlauf schreibt Schorbach den Irrtum vom 'Hausbuch der Familie de 
Leone nach. Das 'Hausbuch' des Michael de Leone liegt auf der Würzburger 
Universitätsbibliothek und ist von der sog. 'Würzburger Liederhandschrift' ganz 

verschieden. 



Die Reimvorreden des deutschen Lucidarius. 165 

als Prosa geschrieben mit teilweiser Bezeichnung der Versanfänge. 
Seh. S. 38 f. 

19. München, Kgl. Hof- u. Staatsbibliothek Cgm. 404, Pap., 
Mitte d. 15. Jh.s. Sprache bairisch. Prolog ßl. 91 ab , hier in ab- 
gesetzten Versen. Seh. S. 39. 

20. München, Kgl. Hof- u. Staatsbibliothek Clm. 9711, Pap., 
ca. 1400. Sprache bairisch. Prolog ganz frei behandelt und als 
Prosa ohne Absätze geschrieben. Seh. S. 39. 

21. Wien, K. K. Hofbibliothek Cod. Vind. 2808 (Rec. 2119), 
Pap., v. J. 1459. Sprache bairisch- österreichisch. Der Prolog Bl. 
291 a ist ganz in Prosa aufgelöst, aber mit Zerstörung der Reime 
vollständig überliefert. Seh. S. 39 f. 

27. Prag, Universitätsbibliothek No. XVI. E. 33, Pap., Mitte 
d. 15. Jh.s. Sprache bairisch. Prolog Bl. 158 a (für mich von v. Kraus 
abgeschrieben) in Prosa, mit teilweiser Andeutung der Versabsätze. 
Seh. S. 46. 

30. Karlsruhe, Großherz. Bibliothek S. Georgen No. 70, 
Pap., ca. 1480. Sprache alemannisch. Prolog Bl. 6*, ganz in Prosa 
aufgelöst, mit Erhaltung nur weniger Reime. Seh. S. 48 f. 

Die Münchener Handschrift Cgm. 1141 (Seh. S. 50: No. 33) 
hab ich nachträglich ganz ausgeschaltet, nachdem sich mir Schor- 
bachs Vermutung bestätigt hat : es ist nur eine Abschrift des Bäm- 
lerschen Druckes (Augsburg 1479). 

b) Drucke. 

Von den undatierten Drucken hab ich nur den des Joh. Prüss 
von Straßburg (Seh. S. 63) verglichen, aus dessen Coimarer Exem- 
plar mir John Ries den Prolog abgeschrieben hat: er erwies sich 
als ein Nachdruck der ersten Ausgabe des Anton Sorg. 

Selbst eingesehen hab ich die beiden ersten datierten und über- 
haupt ältesten Ausgaben: 

(S.) 6. 1479. Augsburg, Anton Sorg (Seh. S. 67), nach dem 
Münchener Exemplar, da das Berliner gerade hier versagt. 

(B.) 7. 1479. Augsburg, Johann Bamler (Seh. S. 68. 141), nach 
dem Wolfen büttler Exemplar. 

Was den Prolog angeht, so hat S. nicht nur den weit bessern 
und vollständigeren Text, es steht auch nichts im Wege B. als 
einen Nachdruck zu bezeichnen, der mit Absicht die Prosaauflösung 
der in S. gr. Teils bewahrten Verse weiterführt. Ganz ausge- 
fallen sind dabei V. 22 — 24. Im übrigen genüge eine Probe, um 
das Verhältnis der beiden zu illustrieren: 



166 Edward Schröder, 

S. B. 

darum was die geschrifft hat Und darumb was man in andern 
bedecket büchern dunckels vnd vnver- 

daz hat Lucidarius alles er- stäntliches geschriben vindet, 
wecket. das erkläret maister Lucidarius 

gar ordenlichen. 
Es ist für die Sorglosigkeit der alten Drucker bezeichnend, daß 
Sorg selbst seiner zweiten Ausgabe (1480) das Erzeugnis seines 
Nachdruckers zu Grunde gelegt hat, dessen Text dann auch weiter- 
hin maßgebend blieb (Seh. S. 142). 

Für meinen Zweck ist nur der erste Sorgsche Druck von In- 
teresse, den ich unten, soweit ich ihn heranziehe, kurzweg mit Dr. 
bezeichne. 

Anhang. Mischrezension C. 

Während wir in den Jüngern Handschriften beider Ausgaben 
vielfach starken Verkürzungen und vor allem einer bald ungewollten 
bald absichtlichen Auflösung des Prologs in Prosa begegnen, ist 
noch einmal der Versuch gemacht worden, dem Texte des poetischen 
Vorworts eine neue Form zu geben: 

12. Wolfenbüttel, Herz. Bibliothek Ms. 29. 9. Aug., Pap., 
vor 1450. Sprache alemannisch (Konj. sig = 'sit'). Prolog Bl. 
78 f., abgedruckt bei Seh. S. 138 % vgl. S. 32. 

Diese Umschrift des Prologs rührt nicht von dem Schreiber 
unserer Handschrift her, der sich mehrfach verlesen hat (am schlimm- 
sten V. 15 hie loas für hei waz) und auch sonst wenig Greduld zeigt ; 
in der Vorlage, die wohl dem 14. Jh. angehört haben wird, war 
unter dem neuen Titel 'Das buch der erlüchtung' der Prolog 
in guter Buchschrift geschrieben : das ahmte der Kopist bis zum 
Schlüsse von Z. 4 (mere) nach, um dann zu einer unschönen Kursive 
überzugehn. 

Die Verse dieses Prologs C sind schlecht, aber von den 13 
Reimpaaren sind 12 ganz rein 2 ) — nur des alten Reims junger 
einander (B 25 f.) ist der Redaktor nicht Herr geworden. Sein 
Machwerk (dessen Abdruck ich nicht wiederhole) erscheint um so 
kläglicher, als eine genaue Betrachtung zeigt daß der Urheber 



1) Zur Kollation: Z. 2 1. strichet . . . einer; nach Z. 20 keine Lücke und 
kein Absatz im Mskr. — Die Federprobe auf dem Vorsatzblatt gibt (als Besitzer ?) 
den Namen Ludewicus Eicher (nicht Eichler !). 

2) Auch der Schlußreim van : an ist gut oberrheinisch, s. Weinhold, Mhd 
Gr. § 23. 



Die Reim vorreden des deutschen Lucidarius. 167 

die beiden Prologe zur Hand hatte : daß er neben dem B-Text auch 
A benutzt hat, wies schon Schorbach S. 139 nach. 

Prolog des B-Textes. 

Diz buoch heizet LUCIDARIUS, 

daz wirt geantvristet alsus : 

daz ist ein lühtaere. 

an dem buoche vindet man zewäre 
5 manigiu tougeniu dinc 

diu an andern buochen verborgen sint, 

der underwiset uns diz buochelm. 

von der geschrift gewinnen wir den geistlichen sin. 

Diz buoch ist ouch genant 'Aurea gemma', 
10 daz kiut guldine gimme. 

bezeichent ist uns däbi, 

wie tiure diz buoch si, 

wände swaz diu geschrift hat bedecket, 

daz hat Lucidarius errecket. 
15 Swer diz buoch gerne lesen wil, 

1 ist gehaizzen 7. 21. 2 wirt geantvristet Wachernagel] wirt geantwortet 
11; wirt,'ge[tützet] auf rasur, hinter V. 3 verirrte glosse antworthe 3; wirt (ist 
7. "13. 21) gehantfest(et) 6. 7. 13, ein hantvest 21; spricht zu tusche (teutsch) 
4. 19. 30. Dr.; spricht im tusch 30; sprichet 18; wirt genant 8; sol man versten 
20; ist 15; fällt fort 27. 3 daz ist 3. 7. 11] vnd ist 15. 21; das es sey 6. 8. 

19. 20; fällt aus 4. 13. 18. 27. 30. Dr. luhtere (leuchter) 3. 11. 19. 20. 30] 
erläutere (erleuchter) 4. 6. 7. 8. 21. Dr.; erlewchtung 15; lucerne 18; fehlt resp. 
fällt aus 13. 27. 4 an dem b.] an disem b. 6. 11. 18. 30. Dr.; an dem b. 13; an 
(in 8) den buchen 4. 8; dar in 15; fällt aus 20. 5 vil manic 4. 6. 19. touge- 
niu 11] taugene 4; tougende 18; tawgen 19; töge 3. 7; doegencliche 8; fehlt 6. 

20. 21. 27. 30. [Dr.] 6 an andern 6. 18. 27. 30] anderen Dr.; an den 3. 4. 11; 
an 20; in den 19. an a. b.] an (in) dem püch 7. 13; in im 21; den luden 8 : 
vil menschen 15. 7 der 3. 11. 18.] des 4. 8. 13. 19; das 6. 7. 15. 21. Dr. ; stär- 
kere Änderung 20. 27. 30. diz b. 4. 6. 7. 8. 27] daz b. 11. 19; diz buchelins 
sin 3; dicz püch 13. 18. 30. Dr.; daz puech 15. 21. 8 schrift 4. 8. 13. 15. 
9 Ez heizzet auch 4; es haist 15. ouch fehlt 3. 7. 11. 27. 30. 10 kiut] kit 
3. 11; bedeut 7. 8. 13. 15. (20.); sprichet 6. 18. 27; sprichet ze tusche 4. 19; 
ist 21 ; [fehlt 30. Dr.] 11 bezeiget 3. bezeihet 11. peczaychet 7. 27. auch dapey 
7. 13. 21. 12 duyrber 8; vil kospar 30; gut 13. Dr. p&chlin 6. püechel 19. 
13 wann(e), wenne alle Hss.; darumb Dr.; fehlt 8. schrift 3. 4. 8. 13; pücher 

20. gedecket 18; bedewt 7. bedeüttet 13; hat b.] hie bedeckt hat vn verbor- 
gen 30; sagt 21; ganz frei 20. 14 uns L. 3. L. alles 6. 7. 13. 21. 27. Dr. 
errecket 4. 6. 11. 19] volreckt 27; erwecket 8. Dr. geweckcht 15; enplecket 18; 
durchfarn vnd bedeütt 13; durch varen vnd webert 7. webärt vnd auch durchvaren 

21. 15 das 7. 13. 20. Dr. buoch gerne fehlt 11; buoch fehlt Dr.; gerne fehlt 
27. liset 30. lyst 21. 



1(58 Edward Schröder, 

der gewinnet wistuomes vil, 

der üz den buochen niht lihte wirt ervarn, 

wil er gedenken waz in Lncidarins geleret habe. 

Got der ie was und iemer ist an ende, 
20 der sol daz anegenge 

an diseme buoche wesen. 

swer daz gerne welle lesen, 

der sol sich rehte verstän 

wie ez umbe die schrift si getan, 
25 da der meister und der junger 

redent wider einander. 

Der daz buoch hat ist der vrägsere, 

der heiliggeist ist der lersere: 

der sol uns an daz ende bringen, 
30 daz wir die rehten wärheit ervinden 

16 weißheit 13. Dr.; des w. 7. 19. 21; der wiczen 30; des sinnes 8. so 
yü 8. 11. 19. 30; so gar vil 7; als vil 21. V. 17. 18 ganz frei 20. Dr.; V. IT 
desgl. 30. der 3] daz er 4. 6. 7. 8. 11. 13. 19. 21. 27; des er 18. von den 
puchen 27; auß andern püchern 18; ausserhalb der puch 6; fehlt 21. leichtlich 
13. leichteclichen 18; pald 21; fehlt 4. 27. wirt ervarn 3.] wirt ervert 4. w. 
erfärtt 6. erveret wirt 8; wirt ervert 27; wirt irre 7. 21. irre wert 13; erfert 
19; mag ervarn 11; erfaren kan 18. F. 18 fehlt 18. vnd wil 21. kennen 
30. waz in] wie 8. geleret hat 11; hat geler(e)t 4. 6. 7. 8. 21. 30. hat ge- 
lernt 13; ler(e)t 19. 27. VV. 19—21 fehlen 30; V. 19 fehlt 19; hier setzt 14 ein: 
Got was iu ane ende vn iümer ist; der — ist] is ye vnd vmmer 8. ist ymer 27. 
an ende fehlt 21. V. 20 ganz frei 7. 13. 20. sol auch 18. das anegende 6. 
anegenng 27; dat anbegin 8. 14; das anvanng 19. (15. Dr.). 21 büchelin 4. 
puech peweisen 15. 21. 22 vnd wer 18. 19. 27. daz] ez 4. 8. 19. Dr.; das 

puch 7. 21; diß buch 13. 30; dar an 15. gerne fehlt 6. 7. 8. 13. 14. 15. 18. 

21. 27. (30). welle] nu welle 6; wille vor war 14; wilt 8. wil 15. 27; sol 13; 
liset oder hert 30. 23 solle 6. sich fehlt 8; dafür es 30. gar recht 7. 21. 
24 vnd besehen wie 6. die geschrift 6. 18. 19. 27 ; das puech 15. 21 ; diß puch 
13; nur das 7. si] ys 14. ist 27.. gestalt 21. 25 Das 18. Dat 8; fehlt 27. 
Dr. Ein m. u. ein j. 27. V. 26 so 3. 6. 19. Dr. dy redetten 27; sprechent 
8. wider 11. 27; vnder 8. 14; mit einander redent 7. 30. m. e. retten 13. 21; 
wider e. rettent 18; Reden m. e. besunder 15. Mit e. reden besunder 4. 27 vnd 
der 21. 27. ditz (diß) 13. 18. 30. Dr. hat 3. 11] haltet 18; in der hand hat 
30; schribet (schreibt) 4. 6. 7. 8. 13. 14. 15. 18. 27. Dr.; schraib 21. der fehlt 
8. 15. der] ein 11; fehlt 14. 27. ist d. vr.] ist d* vrager vnde der iunger 3. 
13. ist der junger vil der fräger 30; fehlt 14. 28 vnd der 15. 21. 27. 30; aber 
der 13. 14. der hg. ist] So ist der h. g. 19. heilig fehlt 14. ist der] 

der ist der 13; fehlt 27. der 1.] ein 1. 11; der wysseger 8; der maister vn der 
lerer 30. der lerer vnd der meister 13. 29 vnd der 27. mfiz 4. vns also 
4. 8; vns das 6. 15. an daz] an 8; zu 6. Dr.; an des püchs 7. 30 auff das 
15; dar 14. rechte 8. Dr.; fehlt 15. 18. 20. 21. 27 -f- 3. 11. w. erv.] erbeit 
überwinden 3. 11. ervinden 4. 7. 19. 27.] befinden 18. Dr.; vinden 6. 8. 14. 



Die Reimvorreden des deutschen Lucidarius. 169 

umbe alliu diu dinc 
diu an den buochen verborgen sint. 
Des helfe uns diu ewige wisheit, 
diu an aller slahte arbeit 
35 alle dise werlt hat gezieret 

und uns den ewigen wistuom hat geleret. 

15. 21. 30; mugen vinden 13. 20. VV. 31. 32 fehlen 27. 31 gantz umb 6. Dr.; 
vnd 7. 13. 21; Vmb dat 8. diu fehlt 7. 8. 13. 15. 21. 32 dy vns 20. an 
den b.] in den b. 8. 19. Dr.; an andren b. 18; an dem puech 15. 21. in dem p. 
7; an dissem büch(e) 6. 14. 30, 43 (das von hier ab zu B tritt). geschriben 

synd 7. Zusatz: Hie an deser erden geoffenbarit moegen werden 8. 33 h. 

mir 14. ewige fehlt 13; heiig w. 30; haylig triualtichait 27. V. 34 fällt aus 
durch Schluß 18. 30, durch Überspringen (vgl. 35) 7.13.21. a. sl.] a. hande 8; 
a, leye 14; alle 11. 27. Dr. 35 die a. 7. 13. 21 (vgl 34) + 20. alle] al 11; 
Allain 15; fehlt 4. 8. 14. 27. Dr. dise] die 27. 43. Dr.; fehlt 13. werlt 4. 

14. 19. 43] weit 3. 6. 7. 8. 11. 15. 21. 27. Dr.; ding 13. 20. hat g.] hat ge- 

nert 15; hat geer(e)t 6. Dr.; gezier(e)t hat 7. 13. 20. 36 uns fehlt 11. 27. den 
e. w.] die ewige (fehlt 14) wisheit 8. 14. 15. 20. 43. ewigen fehlt 3. 11. hat 
g.] ler(e)t 15. Dr. geleret aus leret 4. geleret 27; gewert hat 20. 

Aus den von mir benutzten Hss. der B-G-ruppe heben sich zu- 
nächst 3. 11 als eng zusammengehörig heraus, wohl nur zufällig 
auch die einzigen Hss. welche den Lucidarius für sich überliefert 
haben. Sie allein bieten V. 30 für die rehten wärheit ervinden] die 
erbeitQ) überwinden. Man wird sie beide unmittelbar auf die 
gleiche Vorlage zurückführen dürfen, in der V. 2 geantvristet, 
über das kein Zweifel bestehn kann, durch nebengeschriebenes ge- 
antivrtet oder übergeschriebenes antwrtet glossiert war: in 11 wurde 
geantwirtet in den Text aufgenommen, in 3 finden wir auf Rasur 
geßtltzetj und am Schlüsse der nächsten Zeile ein verirrtes antivrthe. 

Durch eine andere gleichmäßige Entstellung desselben ver- 
alteten Wortes zeichnen sich 6. 7. 13. 21 aus, die dafür gehant- 
vestet resp. ein hantvest (21) schreiben. Unter ihnen stehn sich 7 und 
21 sehr nahe, auch mit vielen andern Verderbnissen; 13 erweist 
seine engere Zugehörigkeit zu diesem Paar durch die wunderliche 
Einschiebung V. 14 daz hat Lucidarius alles [durchvarn und] , wo 
Lucidarius als Autor und weitgereister Mann erscheint. Weiteres 
möge man aus den Lesarten entnehmen. 

Die Verwandtschaftsverhältnisse zu einem vollständigen Stemma 
auszubauen, mit zahlreichen Zwischengliedern natürlich, wäre viel- 
leicht möglich, aber sehr umständlich und deshalb zwecklos, weil 
über die Wahl der Lesung nirgends ein Zweifel aufkommen kann 
den ein Stammbaum der Hss. entscheiden würde. In nicht wenigen 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 2. 12 



170 Edward Schröder, 

Fällen sind bei der Beseitigung und dem Ersatz altertümlicher 
Wörter und Reime jugendliche Handschriften zusammengetroffen, 
zwischen denen sonst kein näheres Verhältnis besteht. Alles was 
in dieser Beziehung lehrreich sein könnte, hab ich in den Apparat 
aufgenommen, der aber immerhin entlastet werden mußte, um nicht 
auf den vierfachen Umfang des Textes anzuschwellen. 

Im Gegensatz zu A war der Verfasser des Prologs B im Verse- 
machen ein richtiger Stümper. Hat jener unter 22 Reimpaaren 
nur einen wirklich unreinen Reim, so treffen wir bei diesem unter 
18 nicht weniger als 10, denn es ist unter den unreinen Bindungen 
keine einzige die sich dialektisch rechtfertigen ließe. Er bindet 
im klingenden Reim -nd- : -ng- (ende : anegenge 19 f., bringen : ervin- 
den 29 f.), im stumpfen -nc : -nt (dinc : sint 5 f. 31 f.) ; klingend -ie- : 
-e- (gezieret : geleret 35 f.), -ce- : -ä- (Uuhtoere : zeware 3 f.) ; er gestattet 
sich die höchst altmodischen Reimbänder ervaxn : habe 17 f., junger : 
einander 25 f. und schreckt vor dem Unreim gemmä : gimme 9 f. 
nicht zurückf Unter diesen Umständen wird man auch den Reim 
buochelin : sin 7 f. nicht gegen bairische Herkunft anführen dürfen, 
wenn diese anderwärts gesichert scheint. Mit seinen 55 °/o unreiner 
Reime würde man dieses Produkt unbedingt vor 1160 ansetzen, 
wenn man nicht wüßte, daß es erst an die Stelle eines gutgereimten 
Vorläufers aus der Zeit um 1190 getreten ist. 

Zur Heimatsbestimmung können wir vor allem den Wortschatz 
heranziehen, der schon für den Prolog ausreicht, um ihm ober- 
deutsche und zwar bairische Heimat zu sichern, anegenge 
(: ende) V. 20 ist ein ausgesprochen hochdeutsches Wort , das in 
mittel- und niederdeutschen Denkmälern (vom Deutschordensland 
abgesehen) stets durch anegin stm., aneginne stn. ersetzt wird 1 ). 
tougen V. 5 (auch im Text bei Heidlauf 32, 14. 16 u. s.-w.) scheint 
im eigentlichen Norddeutschland nicht nachweisbar, fehlt jedenfalls 
in Niedersachsen ganz. Aber immerhin : anegenge sowohl als tougen 
sind auch in der Prosa A (Hs. 2) nachweisbar ; mehr beweisen zwei 
andere Wörter : errechen V. 14 'erzählen', 'erklären' (auch im Prosa- 
text B 37, 18. 40, 28) ist ausschließlich oberdeutsch und außer bei 
Hartmann nur bairisch und bairisch-fränkisch bezeugt (jüngste Be- 
lege Wirnt u. HvdTürlin) ; schließlich das für V. 2 unbedingt ge- 



1) Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß mich die Beweisführung von 
Bruch, der Hartmanns 'Credo' in Thüringen genau lokalisieren will, keineswegs 
überzeugt hat, soviel ich im einzelnen aus der tüchtigen Arbeit (Prager Studien 
H. 17) gelernt habe. 



Die Reim vorreden des deutschen Lucidarius. 171 

sicherte mtvristen ist ein technischer Ausdruck der Klostersprache, 
der in frühmhd. Zeit nur noch bei bairischen Autoren bezeugt ist 
(zu Lexer s. v. füg ich noch Schönbach , Altd. Pred. II 35, 16. 20. 
21 ; 36, 38) und mit dem Ablauf des 12. Jh.s verschwindet. 

Da von den durch die Recensio festgelegten alten oberdeut- 
schen Wörtern des Prologs B in den von Heidlauf benutzten Hss. 3. 
4 zwei beseitigt sind, darf man auch im Text damit rechnen, daß, 
nachdem der oberdeutsche Redaktor hier bereits zahlreiche nieder- 
und mitteldeutsche Bestandteile ausgemerzt hatte, von jüngeren, 
andern Sprachgebieten angehörigen Hss. nun auch wieder zum min- 
desten die archaischen Elemente der Redaktion B, und darunter 
auch Neuerungen des Redaktors beseitigt worden sind. Das alles 
wolle man sich vor Augen halten, wenn man vorläufig gezwungen 
ist den Lucidarius in dem Abdruck der 'Deutschen Texte' zu stu- 
dieren: er gibt gar nicht die alte braunschweigische Ausgabe, die 
sich wenigstens teilweise aus den Hss. 2. 43. (9. 10) herstellen läßt, 
auch nicht zuverlässig die wenig jüngere bairische Bearbeitung, 
sondern einen zwiefach veränderten Text. 

Allerdings ist die mehr gelegentliche Ersetzung des altbairi- 
schen Wortschatzes durch die weitere Überlieferung der Redaktion 
B nicht entfernt so wirksam gewesen, wie die bewußte und beab- 
sichtigte Verdrängung der niederdeutschen Wörter durch den bai- 
rischen Redaktor selbst. Wir finden in dem Grlossar das Heidlauf 
seiner Ausgabe angehängt hat allerlei bajuv arisches Sprachgut, 
vor allem aber eine große Menge Wörter die man als oberdeutsch 
der Fassung A von vorn herein absprechen wird : eitoven und reit- 
wagen, blicschöz und ertbidem, das swv. spidgen, das nom. act. phnes- 
sunge und wohl noch 15 — 20 andere. Der genaue Vergleich wird 
sich erst dann lohnen wenn uns der Versuch gereinigter Texte 
von beiden Rezensionen vorliegt, denn manches in dem von Heid- 
lauf abgedruckten Text, wofür er keine La. angibt, halte ich vor- 
läufig für Änderung des Schreibers der Handschrift 3 : so z. B. 
lerk (lirk) für Minister', das gerade dem Bairischen zu fehlen scheint, 
aber sogut ostfränkisch wie alemannisch ist. 

Wie ich eben andeutete: das Ziel unserer textkritischen Be- 
mühungen muß zunächst die Wiederherstellung der beiden Rezen- 
sionen sein, wobei für B zwar die größere Arbeit zu bewältigen 
ist, dafür aber auch ein sicherer Lohn winkt ; bei A kommen wir, 
wenn nicht neues hsl. Material auftaucht, einstweilen nicht über 
die verstümmelte Fassung hinauf welche der Archetypus dieser 
Gruppe uns überliefert hat. 

12* 



172 Edward Schröder, Die Reimvorreden des deutschen Lucidarius. 

Es wird langwierige und mühsame Arbeit sein, aber sie muß 
geleistet werden ! Wir sind sie dem ältesten der deutschen Volks- 
bücher schuldig, das zugleich das erste Originalwerk in deutscher 
Prosa darstellt und obendrein durch die Umstände unter denen es 
zu Stande kam, ein erhöhtes Interesse besitzt. Der Text den wir 
jetzt erhalten haben, war wenig geeignet um daran syntaktische 
und stilistische Beobachtungen zu knüpfen, und die alten Frag- 
mente, die eben auch der Rezension B angehören, sind es auch 
nicht. Trotz manchen Störungen des Bestandes nicht nur, sondern 
auch des Wortlautes steht das Berliner Ms. germ. oct. 56 (2) dem 
Original doch in vielem näher. Beim Lucidarius wiederholt sich 
die Beobachtung die wir etwa in dem Bamberger Stück von 'Himmel 
und Hölle' machen, daß sich nämlich die Anfänge einer selbstän- 
digen Prosa erst langsam loslösen von der lange geübten metrischen 
Form: rhythmisch bewegte Kola mit Reim oder Assonanz lassen 
sich wiederholt deutlich herausstellen. Man vergleiche etwa mit 
Heidlaufs Text S. 31, 19—23 was ich hier aus der obengenannten 
Berliner Handschrift Bl. 75 a buchstäblich abschreibe : 

Si haben groze ere, 

(wan sie eret got und alle sine engele) 

sie envorchten den tot nimmer mere. 

zu so getanen gnaden 

sull wir alle gahen. 

unser erbe ist an dem himele, 

mit der gotes minne 

sull wir kumen dar in. 

des helfe uns der wäre got, 

der uns mit sime tode hat erlost. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 

Von 

Wilhelm Boussei in G-ießen. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 11. November 1916 durch Herrn R. Reitzenstein. 

In seiner „Historia Monachorum und Historia Lausiaca" hat 
Reitzenstein die für jede kritische Betrachtung der Historia Lau- 
siaca 1 ) grundlegende Beobachtung gemacht, daß die Termini 
p&aic, YVcoaxiTtö? , 7rveu{jLauxö<; (rcveöjJLa), sich nur in einem Teil 
des Werkes, nämlich in dessen zweiter Hälfte und außerdem in 
c. 1 — 4 finden. Danach zerfällt ihm die Historia Lausiaca in zwei 
Abschnitte c. 1 — 28 (24), (von denen wiederum c. 1 — 4 abzutrennen 
seien), und c. 29 (25) — 71. c. 1 (5) — 28 repräsentiert den rein 
ägyptischen Abschnitt dieses Werkes, im zweiten Teil kämen 
noch ägyptische Abschnitte vor, erweitere sich der Blick aber 
über andere Länder. So ergibt sich für Reitzenstein der Schluß, 
daß der Verfasser der Historia jedenfalls für den ersten Teil eine 
besondere Quelle benutzt haben muß. 

Ich mochte diesen Anregungen folgend die Untersuchung von 
neuem aufnehmen und wenn möglich noch ein wenig weiter führen. 

Vielleicht läßt sich das Resultat Reitzensteins noch etwas 
genauer formulieren, wenn wir sagen, jene oben genannten 
Wendungen finden sich in der Historia Lausiaca 
überall da, wo wir Grund zu der Vermutung haben, 
der Feder des Verfassers der Historia Lausiaca 
selbst zu begegnen. 



1) Ich zitiere nach Butlers Ausgabe der Lausiac History, Texts a. Studies 
VI 2, Cambridge 1904. (Kapitel, Seiten nebst Zeilen). 



174 Wilhelm Bouss et, 

Ich suche diese Formulierung an dem von Reitzenstein bei- 
gebrachten Stoff zu erweisen. Überblickt man die Stellen, an 
denen (nach R. S. 148) der Begriff yvwoi«; (yvcootixöc) eine Rolle 
spielt, so sieht man leicht wie sie sich zunächst an einer Stelle 
der Historia zusammenhäufen, nämlich dem Kap. 47 (vgl. 1372, 
138 2 , 139io, 140 1, 140 if., 140g 1 ), 142 6 ). Dazu käme noch 140 9 
X0701 7uvso|AaTixol ßiov oepöv xai aaxppova 2 ) jiy) I/ovtss. Von 
den rund 20 Stellen, die R. S. 146—148 für fväoic etc. aufführt, 
kommen 7 auf dieses eine Kapitel allein. Sehen wir es uns 
genauer an, so hebt es sich auch sachlich von allen übrigen ab. 
Es bringt — von der kurzen Einleitung über Chronios abgesehen — 
keinen Erzählungsstoff, sondern ein langes reflektierendes Ge- 
spräch über das Problem, wie Gott den Fall frommer Männer zu- 
lassen könne, unter Rückverweisung auf die c. 24 — 27 zum Teil 
erzählten Geschichten. Wenn irgendwo, so wird natürlich bei 
derartigen längeren Reflexionen die Autorschaft des Verfassers 
der Historia selbst in Betracht kommen 3 ). Weiter werden als 
Teilnehmer am Gespräch neben Chronios, Jakob, Paphnut — 
vor allen auch Euagrios und dessen auch sonst mehrfach vor- 
kommender Schüler Albanios genannt. Wir dürfen aber schon hier 
sagen, daß wenn irgend etwas vom Verfasser der Historia fest- 
steht, es dies sei, daß er Verehrer und Schüler des Euagrios ist. 
Endlich steht dies spezifisch ägyptische — sagen wir genauer — 
„sketische" Stück weit ab von den übrigen Stücken, die von 
der Sketis handeln. Man wird annehmen dürfen: aus der von R. 
vermuteten Quelle 5 — 24 stammt es nicht; es ist eine freie Zutat 
des Verfassers der Historia, das außerdem neben c. 45 (s. u.) 4 ) 
die Disposition des zweiten Teils empfindlich stört, indem es sich 
mitten zwischen die Reihe palästinensich-syrischer Mönche stellt. 

Es gilt, dieser Beobachtung weiter nachzugehen. Wenn außer- 
dem ein Kapitel die Feder des Verfassers deutlich verrät, so ist 
es c. 41, der kurze Katalog einer Reihe frommer Frauen, die ihm 
auf seinen Wanderungen bekannt geworden sind. Das zeigt deut- 



1) ■}] ^[Xfxdpxupos Y v( " Gl s> dazu Reitzenstein 1472. 

2) Über adxppiuv au>(ppoa6v>) vgl. Reitzenstein 1644, in unserm Kap. noch 
13914 xou {jLapxupos Tf\z awcppoauvYjs dcpatpeJHvxos. 

3) Ich mache noch darauf aufmerksam, daß der Terminus (eu^apiatos) cpiXo- 
cocpfa 141i2 als Bezeichnung des asketischen Lebens, soweit ich sehe, nur in 
unserm Kapitel der Historia vorkommt, jedenfalls in ihr sehr selten ist. 

4) Ich nehme als gesichert an, daß Butler im Recht ist, wenn er dieses 
und die übrigen in PWTs fehlenden Stücke zum ursprünglichen Bestand der 
Hist. Laus, rechnet (s. u.). 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 175 

lieh die bissige Bemerkung, die am Anfang, bei der Erwähnung 
der heiligen Paula, gegen Hieronymus abfällt. Hier redet der 
Anhänger, Freund und Schüler der Euagrios, Isidoros, Ammonios, 
als der sich der Verfasser durch sein ganzes Buch hindurch gibt. 
Wir finden in diesem kurzen Kapitel 128 7 izvev>\Laziy.-q «oXitsia, 128 13 
cotxppovsGTdnr], 129 14 Ivcö? . . . yvojgsüx; fevo\Lsvoi 1 ). 

Weiter stimmt es mit unsern Beobachtungen überein, wenn 
gerade in dem Kapitel (38) über Euagrios, das übrigens wiederum 
außerhalb der ägyptisch-sketischen Reihe steht, der Satz begegnet: 
Ivtöc ouv SsvarcsvTe stwv Ttaftapeüaac sis azpov töv voöv 2 ) xanr]- 
£id>\h] ^apiafJLaTO? ^vwascoc xou aocpia? %cd öiaxptaswg 2 ) tu v s - 
(latoav (120 12 — 14). Und auf derselben Linie liegt es, wenn am 
Schluß der Ausführungen über das Leben der älteren Melania, als 
deren Freund Rufin eingeführt 3 ) wird, steht: oh YVWQTizcbTspot; xai 
srcietxsa'cspos sv avöpdaiv 00/ sopiazsxo 136 3. Hier spricht wiederum 
der Anhänger des Kreises, der durch die Namen Euagrios Rufin 
(Melania) Chrysostomos dargestellt wird. 

Fast in keinem Kapitel stellt der Verfasser seine eigene Per- 
sönlichkeit so in den Vordergrund wie in c. 35, der sehr stark 
novellistisch aufgeputzten Begegnung mit Johannes von Lykopolis. 
Wiederum steht hier der Name des Euagrios. Der Autor gibt 
sich als einer aus der aovoSia 4 ), der iraipsia des Euagrios. — Es 
wird wieder kein Zufall sein, wenn in diesem Kapitel Johannes 
von Lykopolis izv&^olxmqs, avvjp 7rvso[i/mttö? genannt wird 5 ) 102 20. 
103 12. 

Wenn wir weiter in der Einleitung zu dem kurzen Kapitel 
über Ephraim 126 1 — e wiederum den charakteristischen Termini 



1) Auch auf die Wendung auvoofo 129 8 wird zu achten sein (s.u.); endlich 
verweise ich auf 129 13 dXeuxtepcoiHvxes . . . Tida-qq «|j.apxta?; vgl. das weiterhin über 
den Terminus a-rcdütia zu Bemerkende. 

2) Man beachte von jetzt an auch diese Termini. Reitzenstein verweist 
mich brieflich noch auf 119 12 veVo xcu acpptY«Jvxt x)jv ^Xtxfav; vgl. c. 2, 16 16 veiu 
6'vTi . . . acppiYtüOT]? Ire zri<z TjAtxi'as. 

3) Über die Art dieser Einführung s. unten. 

4) 102 9.li. Vgl. oben das zu c. 41, 129 8 Bemerkte; 135 19 s. u, zu c. 46. 
Reitzenstein 1494 notiert aus dem Dialog (des Palladios), I p. 7 oTfj.cn fdp ce ix tij« 
guvooou elvcu 'luxxvvou t. etucjx. KiuvGTavTivou7r. Euagrios überschreibt seinen Mönchs- 
spiegel: „7ip6? xo'j; iv xoivoßi'ot; r) cuvoöt'oci; fxova^o6?", Greßmann, Euagrios, Text 
und Unters. Bd. 39, 4, S. 153. 

5) Ich notiere nach Reitzenstein 1644 noch den technischen Gebrauch von 
xotxrj^rjsi? 103 18 und oaroxdacjea&at 104 1, obwohl man nicht ganz sicher ist, ob 
diese Wendungen für den Sprachgebrauch gerade unseres Verfassers ausschließlich 
charakteristisch sind. 



176 Wilhelm Bousset, 

tcvsüjkx, yvcöoi«; «poatxvj begegnen, so hat Reitzenstein (S. 146) bereits 
darauf hingewiesen, daß der betreffende Satz fast wörtlich aus 
den Practica des Euagrios stammt. Es ist der Schüler des 
Euagrios, der hier mit einer kurzen Einleitung die dann folgende 
Ephraim- Anekdote seinem Werk einverleibt. 

Die Charakterisierung der älteren Melania *) schließt : c. 55. 
149 n : Stö %ai 7]§ov7]{h] <j>ei)§ü)v6^oo y V( *>gsü>s IXsofrepwfreioa Tccspw- 
<d-^vai . . . iauTYjV opviv 2 ) Ipfotaauivirj TcveojiaitXTjv Sia7üspaaaaa Tupög 
/piotdv. Es läßt sich wohl mit Sicherheit erweisen, daß die ganze 
Schilderung 149 11 — (aorr] Xo^imzoLiri) — 20 direkt aus der Feder 
unseres Verfassers stammt. Denn zu diesem Preise der ausge- 
dehnten Gelehrsamkeit seiner Heldin und der Angabe der von ihr 
gelesenen Werke, deren Umfang nach Stichen berechnet wird, 
gesellt sich als vollständiges Analogon der Lobpreis des Ammonios 
c. 11, 34ö — 12. Und wir werden noch nachweisen, daß dieser mit 
Sicherheit auf den Verfasser selbst zurückzuführen ist 3 ). Ich ver- 
weise schon hier auf das schlechthin entscheidende Euagrios-Zitat 
c. 11, 34 10— 12, in dem sich als einziger Stelle des ersten Teils 
7rv£ö{jLa im technischen Zusammenhang findet (av/]p TTveo^arocpöpo«; ; 
Reitzenstein 148). Man beachte noch, daß beidemale an der Spitze 
der Aufzählung mit Nachdruck Origenes, neben ihm Stephanos, 
Pierios erscheinen. 

In der Vita des Serapion c. 37, die unser Verfasser wohl 
einer ihm fertig vorliegenden Quelle (Reitzenstein 61 4) entlehnt 
haben wird findet sich die Wendung 114 2 vjv TeTopveü{xsvoc ev -es 
7Jt)si xasl pwost in einem deutlich als solchem charakterisierten 
Zwischensatz 4 ), — genau so wie c. 34. 99 17 die Wendung out«? fap 
xaXoöai ta<; 7uveopiaTi%&<; ein erklärender Zusatz zu a^jia ist. • 

Es bleibt nur noch eine einzige Stelle zur Besprechung übrig, 



1) Die schlechte Kapiteleinteilung mit der neuen Überschrift Silvania hat es 
den meisten Forschern bis jetzt verdeckt, daß auch in diesem Kapitel nur von 
Melania (nicht von Silvania, die nur in einem beiläufigen Satz erwähnt wird) die 
Rede ist; vgl. Turner, Journal of Theolog. Studies 1905, 302—304. Reitzenstein 
S. 151 sagt richtig: „Wenn ferner von Melania gesagt wird". 

2) Zu dieser Vorstellung und ihren Parallelen bei Euagrios vgl. Reitzen- 
stein 151. 

3) Es wird überhaupt zur kritischen Regel erhoben werden können, daß wo 
sich starke Berührungen in ganz verschiedenen Teilen des Werkes finden, immer 
die Hand des Verfassers (Redaktors) selbst tätig ist. Man vgl. übrigens auch 
dvrjp euXaßrjs xat cpiXdXoyoc 148 18 am Anfang des Kapitels und c. 11, 32 20 (von 
Ammonios cpdo'Xoyoc tjv 6 avrjp). 

4) Man beachte vorher die starke Hervorhebung des Origenes -Schülers 
Domninos. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 177 

nämlich c. 58, 152 1 , wo Diokles von Antinoe av/jp yvtöGziiuazazos 
genannt wird. Es scheint mir aber auch hier sehr wahrscheinlich, 
daß gerade das ganze c. 58 ein Werk aus der Feder des Ver- 
fassers ist. Darauf, daß es mit einem Hinweis auf den vier- 
jährigen Aufenthalt des Verfassers in Antinoe beginnt, soll kein 
Gewicht gelegt werden, aber das Kapitel ähnelt mit seiner kurzen 
Aufzählung einer Reihe von Mönchen dem Frauenkatalog c. 41. 
Überdies ist auf die Wendungen zu verweisen : eic äxpov aay.oö{j.svoi 
151h 1 ); 7rpaöiaToc Ttai oaxppoDV 151 13; aTueT&Jato oovsTÄSato 152 s; ttjv 
Tcatd a<ö(i,a aaxppoaovTjv 1534 (dazu Reitzenstein 164 4). Der Satz: 
voö<; a^oatocg -9-eoö ivvota? 152fio kehrt fast wörtlich in dem Phi- 
loromos-Kapitel 45 133 24 wieder, das uns noch beschäftigen soll. 
Die Vorstellung, daß der Mensch durch Abfall des voö<; von der 
evvoia -O-soö zum xt^vo? r\ Saijwov wird 152 10 f., berührt sich mit dem 
andern, daß Grott dem Hochmütigen den a^eXos rfjg 7rpovota<; nimmt 
(c. 47: 139n) 2 ) und erinnert an hermetisches Milieu. Das mag 
vorläufig zum Beweise genügen. 

Nach allem schon gesagten kann es nun nicht wundernehmen, 
wenn unsere Termini sich gerade auch in den ersten Kapiteln des 
ganzen Werkes (c. 1 u. 4) finden. Denn hier gerade tritt der Ver- 
fasser mit seiner Person und seinen angeblichen oder wirklichen 
Erinnerungen wiederum ganz besonders heraus. 

Hier reiht sich nun eine zweite besonders wertvolle Beob- 
achtung Reitzensteins an. Er hat es nämlich sehr wahrscheinlich 
gemacht, daß auch in diesen wie es scheint, allerpersönlichsten 
Stücken der Verfasser erstaunlicherweise nicht durchweg selbst 
schreibt, sondern einen älteren quellenmäßigen Zusammenhang be- 
arbeitet. Ich stimme auch hier R.'s Beobachtungen durchaus zu, 
nur mochte ich hier und da Quelle und Bearbeitung etwas anders 
scheiden. Reitzenstein setzt bei der sonderbaren Vorstellung c. 1 
p. 15 22 ff., daß der Held und Lehrer des Verfassers xoaaotYjv Y^watv 
twv aficov Ypoupwv %cd twv 0-stwv öof^arüw gehabt habe, daß er selbst 
bei der Mahlzeit in Verzückung geraten sei: aTrsÖTJjiYjaa t^ diavoiq. 
dpiuaifelc 07üö deapiac tivöc» — und versucht eine ältere Quelle zu 
konstruieren, in welcher noch einfach von fvwoic und der Ekstase 
des visionären Grnostikers die Rede gewesen sei. In dieser Quelle 
habe ferner nicht gestanden, daß Isidor darüber Tränen vergossen 

1) Vgl. die schon oben zitierte Wendung 120 13 (Euagrios); 1372 (c. 47): 
YviüaTixtbraxos 3^; axpov; unmittelbar vor c. 58, 150 24 tk axpov d^a^öxo. — Über 
32 17 (c. 11) e(; axpov «piXoftetec; 77 u (c. 24); 15721 (c. 62) e£« axpov cpiXo&ci'ac; 
150 15 (c. 57) s. u. 

2) Vgl. Reitzenstein 147. 



178 Wilhelm Bousset, 

vergossen habe, daß er noch essen müsse, sondern in ihr habe 
Isidor seinen verzückten Zustand mit den Worten begründet: 
al8ob\La (xsraXa^ßavGöv aXoyoo Tpotprjs, Xo^ixoc DTcdp^wv usw. 16 3. 

Ich stimme Reitzenstein darin durchaus zu, daß die Vor- 
stellung von einer yvöjcic tü>v ayicöv ypoupwv xai twv -ö-stcav SoY^aiwv, 
die den Menschen in Ekstase versetzt, eine recht merkwürdige ist ; 
daß wir es überhaupt bei der yvü>at<; twv ayiüiv Ypoupüv mit einer 
Kompromißvorstellung und einer Einengung der ursprünglichen 
Vorstellung freier Grnosis auf „gnostische" Schriftdeutung x ) zu 
tun haben. Aber Reitzenstein hat selbst S. 159 vortrefflich nach- 
gewiesen, daß eben diese Kompromißvorstellung die unseres Ver- 
fassers und zugleich z. T. wenigstens auch die des Euagrios ist. 
Ich möchte demgemäß jenen ganzen Satz von der Grnosis dem 
Überarbeiter zuschreiben. Er fand ein kleines Apophthegma vor, 
in dem erzählt wurde, daß Isidor des öftern sogar bei der Mahl- 
zeit von einer ■0-ewpia (Vision) ergriffen, verstummt und in Ekstase 
geraten sei. — Ich stimme Reitzenstein weiter darin zu, daß das 
Vordrängen der eigenen Person in diesem Bericht p. 16 1 syvwv 
xdfa) Toötov koXK&kk; zum Stil des Verfassers der Historia gehöre, 
und werde das an andern Beispielen hoffentlich zur vollen Evidenz 
bringen. Ich meine aber, daß wenn wir jene angebliche persön- 
liche Reminiszenz herausnehmen, als Quelle ein zweites Apoph- 
thegma bestehen bleibt, das erzählte, wie Isidor bei Tisch in 
Thränen ausgebrochen, weil er noch immer irdischen Hunger habe, 
obwohl er doch von Grott der Paradieses-Nahrung gewürdigt sei 2 ). 

Tatsächlich finden wir in den Apophthegmata unter dem Namen 
Isidoros ^psoßoispoc Nr. 1 (Migne 65, 233) folgende Erzählung von 
ganz ähnlichem Gehalt: l'Xsyov rcepi tod dßßa 'Iatöwpoo xoö ^saßo-cs- 
poo, <ki YJXxrs noxe ziq a§eX<po<;, tva XffXeaiß aiköv eis apiatov. 6 §s yepwv 
00% Yjvsa^sio a7reX^eiv, Xeyoov Ott 'A8a[JL ttp ßp(b[iatt arcaTYj&sis IJö> xoö 
rcapaSsiaoo TjoXiath/. 

Auf diese geringfügigen Abweichungen lege ich deshalb doch 
einiges Gewicht, weil wir, falls mein Vorschlag sich als richtig 
bewährt, hinter dem Verfasser der Historia keine ältere „gno- 
stische" Quelle zu vermuten brauchen, deren Spuren sich abgesehen 



1) Daß auch diese Schriftgnosis auf dem Wege wirklicher Ekstase sich dem 
Mönche enthüllt, wird dann doch festgehalten, besonders deutlich in dem Antonios- 
Apophthegma 26; Migne 65, 84. 

2) Dabei mag in dem Ausdruck dXoyou xpocpYJs Xoytxoc Orap/wv (vgl. Reitzen- 
stein 156 2) von dem Bearbeiter stilisiert sein. — Einen Widerspruch zwischen 
den beiden so rekonstruierten kleinen Erzählungen, vermag ich nicht mehr zu 
entdecken. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 179 

von c. 1 (4) sonst nirgends zeigen, vielmehr alle Stellen, in denen 
der Begriff Yvwai<; tzv£ö\lol sich vordrängt, dem ersteren zuweisen 
können, während auch der Charakter seiner Quelle — wir haben es 
überall mit Apophthegmen-Literatur zu tun — klarer heraustritt. 

So möchte ich auch die literarische Grundlage in dem Didy- 
moskapitel (4) etwas anders konstruieren , als Reitzenstein das 
seinerzeit versucht hat. 

Ich mache hier zunächt auf eine Beobachtung aufmerksam, 
welche auf die Technik und das schriftstellerische Verfahren des 
Bearbeiters helles Licht wirft und die auch für die weiteren Aus- 
führungen von prinzipieller Bedeutung werden wird. Ich zitiere 
zunächst den in Betracht kommenden Zusammenhang : icXelotot [iiv 
oov ogoi zai oaai STsXsiwthjaav sv Tg 3 AXs£av£pscdv sw-X-yjaiq a£toi rJjc 
77JS T(öv Trpaswv. iv olqY.a.1 A(So[ioc 6 awwpat.<psbq, [ö] *) arcö o [jl [x a z w v 
7£vd[JL£V0<;, oo %ai aovTO^i'as la/y^a tsaaapas £x §iaXsi|ifi,dr(öv [rcpös 
aoiöv] *) arcep^ö^svo«; Ircl §sxa I'tyj. TsXstoörat fap Itcöv oySo^xcma 7rsvus. 
outoc aTcö o |i [i d t a) v ü^^p^sv, wc aorö? \loi StTjYTJoaro, Tsrpasnrjs 
xac o^sic owuoßaXcov, jjlt^ts Ypdjj^aTa [i,sfi.aah]X(bs [xtjts SiöaaxdXoic ^ocnjaas * 
efye fdp töv xatÄ (poatv SiSdaxaXov ippco{jL£vov, zb fStov odvsiSös. Hier 
fällt sofort in die Augen, wie der Verfasser, nachdem er seine 
persönlichen Reminiszenzen gebracht hat, genau mit demselben 
Stichwort octtö oji^d riov zum zweiten Mal wieder einsetzt. Die 
Vermutung drängt sich auf, daß er hier eine Quelle inter- 
poliert, in der das octtö 6\l\l6lzu>v nur einmal stand. Und diese 
Vermutung wird sich uns im Verlauf der Untersuchung an deut- 
licheren Beispielen glänzend bestätigen. Also fällt hier der Ich- 
Satz und dann auch das Aufdringliche o>c oluzoq (xoi dir^riGazo nach 
dem zweiten octtö ö|i(iatoov als Interpolation heraus 2 ). So erhalten 
wir den Anfang eines kleines Apophthegma, über dessen eigen- 
tümlichen, zur hier gegebenen Fortsetzung nicht stimmenden Cha- 
rakter Reitzenstein S. 161 bereits das Nötige gesagt hat. Im 
folgenden 1925 — 20 4 ist das Ende der Erzählung wohl völlig ver- 
schüttet. Denn hier bringt der Verfasser eine lange Ausführung, 
welche durch s e i n e Lieblingsidee der Schrift- Gnosis beherrscht 
ist und in erkennbarer Spannung zu der vorhergehenden Betonung 



1) Fehlt in cod. T, dazu Reitzenstein 160 3. 4. 

2) Reitzenstein möchte nach brieflicher Mitteilung jetzt etwa konstruieren: 
£v ol; xcd Atoufxo; 6 auyYpacpeu? 6 (wohl stehen zu lassen) är.b ofjijjia-wv Yevopevo; 
TeXetoÜTcu kiüv öyöo^xovTa ntm. outo? . . . (?), — Das TeXetöüxat möchte er halten 
wegen skeXeiwfr/jaav 19 17. — Man wird wohl auf die völlige Wiederherstellung des 
ursprünglichen Wortlautes verzichten müssen. Aber die Art, wie die Bearbeitung 
erfolgte ist deutlich. 



180 Wilhelm Bousset, 

des SBtov cuvstSöc als des Lehrmeisters steht. — Dann folgt eine 
zweite Anekdote p. 20 4 — 12 über eine Begegnung des Didymos 
mit dem heiligen Anton, und man wird nach dem obigen vielleicht 
nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß auch hier ein zu Grunde 
liegendes Didymos-Apophthegma vom Verfasser erst die persön- 
liche Einleitung bekommen hat *). — Ebensowenig wird man geneigt 
sein die Einführung der dritten Anekdote von dem visionären Er- 
lebnisse des D. beim Tode Kaiser Julian : SiYjYTJoaTo Ss \loi %cd toöto 
20 12, ernst zu nehmen, zumal es sich hier um eine ausgesprochene 
Wanderlegende 2 ) handelt. 

Es hat sich bisher herausgestellt, daß der Verfasser der Hi- 
storia nicht überall selbst in seinem Werk redet. In wenigen be- 
stimmten Kapiteln — ich nenne c. 1. 4. 35. 38. 41. 47. 58 — ist 
seine Figur und sein Sprachgebrauch ganz klar und deutlich zu 
erkennen. Auf weiten Strecken seines Werkes zeigten sich diese 
Charakteristiken nicht, namentlich eine große Partie c. 5 — 29 hob 
sich von diesem Sprachgebrauch sichtlich ab. Die Analyse der 
cc. 1 u. 4 durch Reitzenstein hat gezeigt, wie der Verfasser tat- 
sächlich ältere Zusammenhänge bearbeitete. Es ist auch die 
ziemlich mechanische Art, wie er dabei verfuhr, klar geworden. 

Es empfiehlt sich von hier noch einmal das Ganze des Werkes 
zu untersuchen und den Versuch zu machen, Redaktion und zu 
Grunde liegendes Quellenmaterial noch bestimmter zu sondern. 

Ich beginne mit der Frage, ob sich nicht auch in dem wie es 
scheint als ganzen übernommenen Abschnitt, c. 5 — 29, hier und da 
redaktionelle Eingriffe zeigen, an denen das Verfahren des Ver- 
fassers mit seinem Material deutlich gemacht werden kann. 

In c. 7 haben wir nach einer kurzen Reiseerzählung, natürlich 
im Ichstil, 24 21 — 25 3 zunächst einen ganz objektiv gehaltenen Be- 
richt über die Mönche auf dem nitrischen Berg. Dieser schließt 
vorläufig mit dem Satz: „auf diesem Berge sind sieben 
Bäckereien, die sowohl jenen wie auch den Anachoreten in der 
großen Wüste, 600 an der Zahl, dienen" 257—9. Nun folgt die 
persönliche Wendung: „Nachdem ich nun auf diesem Berge ein 
Jahr geblieben und manchen Nutzen von den seligen Vätern, dem 
großen Arsisios und Putubastos und Asion und Kronios und Sera- 
pion erfahren hatte, zog ich weiter in die innerste Wüste" 25 10 — 13. 

1) Vgl. eine ähnlich Antonios -Didymos -Anekdote in den Vitae Patrum III, 
Nr. 218. Migne Patr. Lat. 73, 809. 

2) Vgl. Theodoret, Hist. Rel. Migne 80, 1316 f.; Brief des Ammon (über das 
Kloster Pachoms c. 23, Acta Sanct. Mai III, p. 834. Vgl. dazu noch Weingarten 
Zeitschr. f. Kirchengesch. I S. 28 3. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 1S1 

Man sollte meinen, nun würde eine Beschreibung dieser innersten 
Wüste folgen. Aber weit gefehlt: Jetzt setzt sich die Beschrei- 
bung des nitrischen Berges ruhig fort „Auf diesem Berge 1 ) 
von Nitria ist eine große Kirche „ — und läuft so weiter bis kurz 
zum Schluß des Kapitels. 

Es drängt sich hier nach allem schon gesagten die Vermutung 
förmlich auf, der Verfasser habe in einen fertigen, von 
ihm übernommenen Bericht über den Berg Nitria und 
seine Mönche eine kleine persönliche Reminiszenz 
oberflächlich eingefügt. 

Die Schlußsätze in diesem Kapitel führen dann bereits zu 
Kap. 8 „Amun" hinüber. Eine der nitrischen Autoritäten, von 
dem der Verfasser die Amun-Greschichte selbst gehört haben will, 
Arsisios 2 ) wird als Schüler des Anton neben andern eingeführt. 
Wie viel auf diese Behauptung direkter mündlicher Überlieferung 
zu geben ist, hat bereits Eeitzenstein S. 25 beleuchtet. Höchstens 
könnte man annehmen, daß bereits in der Quelle des Verfassers 
Arsisios als Gewährsmann der Amun-Überlieferung genannt war. 
Jedenfalls gehörte das Amun-Kapitel zu der oder den schriftlichen 
Vorlagen, die er benutzte. 

Über Or c. 9 berichtet der Verfasser außer einem allgemeinen 
Zeugnis der Melania über ihn, nur noch einen Ausspruch, der 
über ihn verbreitet war. Dieses Logion steht fast wörtlich 
in den Apophthegmata Patrum unter Or Nr. 2| 3 ). Sollten die 
Apophthegmata hier aus der Historia geschöpft haben? Das wäre 
möglich. Aber es muß betont werden, daß das Logion in letzterer 



1) Man beachte die gleichmäßigen Satzanfänge: 24 24 [*era£i) U xoü fyou« 
toutou, 25 3 (T) opet, 25 5 £v 4» oper oixoöaiv, 25 7 iv xo-jico tiö opet, 25 13 s*v t<ü frpsi 
Toutto, 26 3 iv TO-Jxtp tü> opet. 

2) Mit diesem Arsisios hat es eine besondere Bewandnis. Es wird von ihm 
hier berichtet, daß er auch den Pachom gesehen habe. — Nun kennen wir 
einen Schüler und Nachfolger des Pachom den Abbas Horsisi. Dieser Horsisi 
findet sich auch unter dem Namen Orsisios in den Apophthegmata Patrum 
mit zwei Parabeln, die wirklich von jenem A. Horsisi stammen, nebenbei der 
einzigen Überlieferung — wenigstens in der ältesten Grundlage der Apophtheg- 
maten — die dem Pachom-Kreise angehört. Sollte nicht zwischen Arsisios 
und Orsisi(os) eine Beziehung bestehen und dann eine tabennisische mit einer ske- 
tischen Autorität verwechselt sein? Soweit ich sehe begegnet ein Arsisios uns 
außerhalb der Histor. Laus, nirgends als sketische Autorität (vgl. aber c. 47. 134 12). 
Die Annahme würde allerdings ein noch schlechteres Licht auf die „persönlichen" 
Erinnerungen unseres Verfassers werfen. 

3) Migne Patr. Gn. 65 p. 437. Hier wäre p. 29 13 ttvot wohl mit T.s. zu 
streichen (Reitzenstein). Apophth. : avOptu-ov. 



182 Wilhelm Bousset, 

eingeführt wird mit den Worten: xai roöto sXefov sv tol? önrjY'fj- 
jiaatv 29 12. Kannte der Verfasser doch vielleicht eine Sammlung 
von dirfl filzet, der Väter der Sketis, die dann in das große Sammel- 
becken der späteren Apophthegmata aufgenommen wurden? 

Das Kapitel über Pambo (10) trägt ausgesprochenen Apophtheg- 
mencharakter in sich. Das größte der einzelnen Stücke, aus denen 
es sich zusammensetzt, will der Verfasser von der älteren Melania 
gehört haben. Auf diese Melania-Erinnerungen müssen wir noch 
einmal im Zusammenhang (vgl. c. 9 und übrigens bereits c. 5; 
weiteres unten) zurückkommen. Vorläufig notieren wir, daß zu 
der Erzählung hier eine merkwürdige Dublette in c 58 — und 
hier als ein Bericht der jüngeren Melania vorkommt. — Wichtig 
aber ist für die Charakterisierung unseres Verfassers, daß Pambo 
von ihm in erster Linie als Lehrer des Bischofs Dioskur, der 
Brüder Ammonios, Eusebios, Euthymios und ferner eines Origenes *) 
eingeführt wird 29 15 f. Die an erster Stelle Genannten sind die 
aus dem Streit mit Theophilos bekannten vier langen Brüder. 
Hier haben wir also wieder den Kreis, der durch die Namen 
Euagrios, Chrysostomos , Rufin, Isidor (s. u.) umschrieben wird. 
Wir dürfen wohl annehmen, daß gerade diese Notiz von dem Ver- 
fasser der Historia selbst stammt. 

Am Schluß dieses Abschnittes stehen zwei Logien. Von ihnen 
findet sich das eine, das Sterbewort Parabos 31 10 — 17, wörtlich 
in den Apophthegmata Patrum Pambo 8, das zweite 31 18 — 32 s, 
mit bedeutender Abweichung Pambo 9 2 ). Man könnte wiederum 
sehr geneigt sein, anzunehmen, daß die Apophthegmata aus der Hi- 
storia geschöpft haben. Aber einmal scheint mir das zweite Logion 
in den Apophthegmata besser überliefert zu sein. Denn während 
hier erzählt wird, daß Pambo sich gescheut habe, einen Xö^og Ypa<pty.ö<; 
tj 7üV£0{j.axt%ö<; zu sprechen, heißt es in der Historia nach über- 
einstimmendem Zeugnis der Handschriften Xö?os fpoupizög r\ ftpa?- 
\Laziv.6<; (!). Auch scheint mir durch die Zusätze in der Historia 
(Xs^wv jiY] zaTsiX7](p£vaL oütü) [xsvtoi Tag a7uo<pdcaeic aoioö sSs^ovto . . . 
<»<; a7üö -O-soö), der ursprüngliche Sinn der Überlieferung gestört 
zu sein. Denn nach diesen war davon die Rede : daß Paulus 
überhaupt vor pneumatischer Ausdeutung der Schrift Scheu hatte 3 ), 



1) Vielleicht identisch mit dem Origenes in Rufins Hist. Monach. c. 26, der 
hier allerdings als ein Schüler des Anton erscheint. 

2) Migne, 65, p. 369 f. 

3) Dazu liegen in den Apophthegmata Analogien vor, vgl. Ammon 2, Migne 
65, 128; Zenon 4, Migne 176; Poimen 8, Migne 321. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 183 

während es nunmehr so erscheint, als hätte er mit dem Reden nur 
gezögert, weil er die Sache noch nicht verstanden *). 

Zum Beweise für die Priorität der Apophthegmata reichen die 
Beobachtungen freilich nicht hin. Für die Priorität der Historia 
könnte man andererseits anführen, daß die Apophth. keine Ge- 
währsmänner dieser Überlieferung angeben, während erstere beide 
Male Origenes und Ammonios nennt. In der sekundären Über- 
lieferung verschwinden derartige Mittelsmänner sehr oft. Aber 
könnte nicht auch hier wieder das Bestreben des Verfassers der 
Historia vorliegen, seine Freunde in Verbindung mit Pambo er- 
scheinen zu lassen? Bei dem ersten Logion fügt er neben ihnen 
noch Xowuol aSeX^ot an und die Apophth. haben toic rcapea'M&aiv <xdt<j) 
ol^ioiq avöpaoiv. Hier scheint doch manches für die Annahme der 
Interpolation auf Seiten von Hist. zu sprechen. 

Aber selbst gesetzt, daß unsere Apophthegmata von der Hi- 
storia zum Teile abhängig wären, so würde immerhin die Wahr- 
scheinlichkeit bleiben, daß der Verfasser der Historia hier seiner- 
seits SiYjYV^a'ca twv rcaTspiöv bereits schriftlich vorgefunden hätte. 
Dieser Überlieferung wird dann auch die Pambo - Pior - Anekdote 
zum Schluß des Kapitels entstammen, 32 9 — iö. 

Nach dem Gesagten werden wir erwarten, daß nun in dem 
folgenden Kapitel „Ammonios" der Verfasser besonders deutlich 
sich selbst zu Wort melden wird, und unsere Erwartung täuscht 
uns nicht. Wir begegnen zunächst einer Anekdote, wie sich Am- 
monios einst dem Bischofsamt durch Selbstverstümmelung (Ab- 
schneiden eines Ohres) entzogen habe. Eine derartige Erzählung, 
wie deren ähnliche vielsam im Umlaufe waren, wird in der Qunlle 
des Verfassers gestanden haben; sie gibt ihm Veranlassung zu 
einem Lobpreis des Ammonios 33 18 — 34i2 2 ). Und in dieser all- 
gemeinen Charakterisierung zeigt sich — es wurde schon oben 
darauf hingewiesen — dessen eigenster Stil ganz deutlich. Er 
feiert hier die große Gelehrsamkeit unseres Helden, seine Ver- 
trautheit mit den Werken des Origenes usw., ganz so wie er 
später die ältere Melania schildert. Und dann folgt 34 10 zum 
Schluß der Satz 3 ), der uns jedes Zweifels überhebt: tootq) t^oos 



1) Freilich ist schon in der Apophth. durch das „eo&os" oux dTrexpfoaxo dieses 
Verständnis halbwegs eingeführt. 

2) Auch die Notiz über Tod und Bestattung seines Helden 34 13 — 16, die 
uns nur im B-Text der Historia erhalten ist, mag der Verfasser selbst — viel- 
leicht nachträglich — hinzugefügt haben. 

3) Die Gruppe PTW läßt den Satz fort, wohl aus dogmatischen Gründen. 
(Butler). 



184 Wilhelm Bousset, 

e§i§oo 6 jiazapioc Eod^pto? av7]p 7cvsojiato(pöpo<; xat ötaxpixixog 1 ), 
XeYcav Sit ouSeTuote aotoö airadiatepov 2 ) swpavca av^pcorcov. Reitzenstein 
hat bereits hervorgehoben, daß hier und nur hier im ersten Ab- 
schnitt 7:v£ö(j.a im technischen Sinn in dem Ausdruck TCveo^ai:o<pöpo<; 
vorkommt. 

Im 12. Kapitel berichtet der Verfasser von der Krankheit 
eines Mönches Benjamin. Zunächst hebt der Bericht ganz objektiv 
an bis zu dem Satz 35 6: rcpö oxtw {Jlyjvwv xoö ftavaroo aoroö oSpw- 
Triaae, %a\ kid toooötov wy^w^y] aoroö zb ato^a a>s aXXov 'Iwß <paivsa$at. 
Nun folgt die persönliche Reminiszenz. Der Bischof Dioskoros (!) 
damals noch Presbyter habe denEuagrios und ihn aufgefordert, 
den Kranken zu besuchen. Sie haben ihn in seinem furchtbaren 
Leiden gesehen und ein erbauliches Logion von ihm gehört. Nun 
wird 36 4 der fallen gelassene Faden genau an derselben Stelle wieder 
aufgenommen, toos oov oxtw ^va? 8i<ppo? aorcj) sxslto nkazbmzoq 
und die Erzählung fast bis zum Schluß geführt. Dann folgt ein 
reflektierendes Wort, weshalb gerade diese Erzählung in das Werk 
aufgenommen sei 367 — 8. Aber nun erst wird nachträglich der 
Tod des Dulders erzählt: TeXeüTVjaavcos 8s aoioö at <pXia! zf\c, \K>pa<; 
£7C7Jp'9 , Y]aav . . . zooobzoc, tjv 6 ö'yxos. 

Ich meine wir greifen hier wieder die Technik des Kompilators, 
die übrigens zum Schluß herzlich ungeschickt ist, mit Händen. 

Die folgenden Kapitel, 13 — 16, sind völlig in objektivem Stil 
gehalten, der Verfasser gibt hier eine Reihe von Erzählungen 
einfach weiter; einmal 3 ) am Schluß von Kap. 15 gibt er eine re- 
flektierende Bemerkung über die eben erzählten Geschichten, die 
Mißverständnissen vorbeugen will 4 ), und die Einleitung zu Na- 

1) Staxpixtxo'c heißt auch Stephanos 77 14, als Gewährsmänner hier 77 18 ol 
rcepl xov ayiov 'Afxaiuviov xal Euayptov ! (vgl. hier auch die Wendung 77 14 eis dxpov 
yevop.£voc dax^x^s s.o. 100 1). Ferner 120 14 (vorher zlz axpov xov voüv) (Euagrios): 
yctpiopot yvduaeu)? xal. . . . Siaxptaecus ; 43 16 (allgemeine Charakterisierung des Ma- 
karios): xGOauxrjs ^£iu)»h) oiaxpfoews. 

2) dtTrafteta 12 3 (Prooemium) ; 116 4 Schlußbemerkung zu Serapion (allerdings 
auch 115i8 dcTraftws); 117 2 (Euagrios): 6 cocpoitaxos xal dizaHoraTOi ; 129 13 (c. 41): 
IXsuiteptotHvxes . . . Tra'arjs ajxapxfas; 153 13 eii xogoütov 6e aTiaOeias T^Xaaev rj ypocü? 
(in einer spezifisch persönlichen Bemerkung). — Allerdings auch 28 4 (Ammon) 
zii OLTcddziav 1X7] Xax ottu v. Über 143 8 (Elpidios) iid xoaoöxov 5e 7]Xaaev d-a- 
Oeias, s.u. Vgl. noch 85 22 efe t. Btdvotdv jjiou o&x dvaßaivei -dfto?. 139 19 f. (c. 47!) 
at T<Lv ifxTra&wv 4 ,u X at '; 16 22 Trpo? 8afiaa|xov täv Tia^wv (c. 2). Zu dem oben hervor- 
gehobenen Gebrauch von IXa6veiv vgl. noch c. 11 (Ammonios) 32 17 zk dxpov cptXo- 
dsia? £Xdcavxe;, ebenso 157 21; ähnlich 150 15. 

3) Auch will er das vorhergehende Logion, das übrigens schon einen ähnlichen 
reflektierenden Charakter zeigt, von Makar dem „Jüngeren" selbst gehört haben 39 21. 

4) Zu dem Ausdruck 'hier 7repiaxaxixal dpexat 40 9. 11, vgl. in der Schluß- 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 185 

thanael 40 12— 18 wird von ihm stammen oder doch überarbeitet 
sein. 

Und nun kommt der Verfasser zu den Erzählungen von den 
beiden berühmten Makaren (17 — 18). Er kann es sich hier nicht 
verhehlen: das Material, das er für beide hat, ist zum Teil recht 
fragwürdiger Art. So schickt er in den einleitenden Bemerkungen 
eine gewisse Entschuldigung vorauf. Er selbst trägt Bedenken, 
all das Merkwürdige, das er von ihnen erfahren, mitzuteilen, aber 
er versichert doch dem Leser, daß er nicht lügen will und deshalb 
solle man ihm auch glauben. Nun gibt er von dem älteren Ma- 
karios eine allgemeine Charakteristik 1 ), und dann folgt er wohl 
im Granzen seiner Quelle, denn er betont ja selbst zum Schluß, 
daß er diesen Makarios nicht mehr gekannt habe. Einmal wenig- 
stens unterdrückt er einen gar zu merkwürdigen Bericht der Quelle 
(dem Rezept seiner Einleitung getreu). Er las in ihr sicher schon 
die allerdings mehr als merkwürdige Erzählung wie Makar einmal 
einen Toten im Grabe reden ließ, um einen ketzerischen Hierakiten 
zu widerlegen 2 ). Hier regt sich sein schriftstellerisches Gewissen : 
„Es ging das Gerücht um, daß er einen Toten erweckt habe, um 
einen Ketzer, der die Auferstehung der Leiber nicht bekannte zu 
widerlegen. Und dieses G-erücht nahm überhand ic der Wüste" 3 ). 

Aber den andern Makarios hat er gekannt und hier will er 
neben dem, was er von andern erfahren, auch das berichten, was 
er selber mit angesehen hat. Was sollen wir freilich von einem 
Augenzeugen halten 4 ), der (allerdings neben einem niedlichen von 
ihm angeblich belauschten 5 ) Selbstgespräch des Makarios 56 11 — 
573, das leidlich echt aussieht) zu berichten weiß, wie Makar auf 
seine Bitte einen krebskranken Priester geheilt, der so zerfressen 



bemerkung zu 12 p. 36 ö oxav xi Ttepiaxaxixov dvBpdai oixat'ot; aufxßaivTß und c. 47 (!) 
p. 138 6 -sptsxaxwd xal IxTrxumxd. Prooemium 14 3 Trepisxdaeic 

1) 43 13 — 441; über xoaauxr]? r^twih) Staxptcstus s. 0. 107 l. 

2) Rufins Hist. Mon. 28 hat uns, weniger wählerisch, die Legende erhalten, 
ähnliche Legenden übrigens auch in den Apophthegmata Makar 7, Milesios 1 u. 5. 

3) Aber gegen das Märchen von der in eine Stute verwaudelten Frau, das 
uns auf den ersten Blättern von 1001-Nacht wieder begegnet, hat er kein Be- 
denken gehabt. 

4) Vgl. schon die hier durchaus zutreffende Kritik Weingartens, Ztschr. f. 
Kirchengesch., I S. 26. 

5) Der Satz mit dem er sein Lauschen begründet: vop.(aa; otOxov jTtep avöpuj- 
ttov, ti>s axe äpyaXov, dxpowfxevo? i( Xeyei — ist in höherem Sinn wenigstens echt 
historisch. Die heiligen pneumatischen Männer gelten als Orakelträger, ihre Xoyot 
als heilige Orakel. (Zu dem allerdings unverständlichen w? axe dp^aiov schlägt 
Reitzenstein zweifelnd [brieflich] die Vermutung vor : <2>c ö'vxa dx^paiov vgl. p. 75 9). 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 2. 13 



136 Wilhelm Bousset, 

gewesen, daß man am Scheitel den Knochen gesehen habe (freilich 
erst nachdem dieser versprochen, als Unwürdiger dem Priesteramt 
zu entsagen) (54 3 ff.) — der betont, wie er selbst gesehen, daß Mahar 
über einem dämonischen Kranken gebetet, bis dieser in der Luft 
schwebte, 5422 ff. — der sich von Paphnut dem Schüler des Ma- 
har persönlich erzählen läßt (57 12), wie der Heilige das erblindete 
Junge einer Hyäne geheilt habe 1 ), und von der heiligen Melania 
gehört haben will 2 ), daß sie das Schaffell als Greschenk besitze, 
das die dankbare Hyäne dem Heiligen gebracht habe. Ein der- 
artiger „Augenzeuge" ist wir Mich nicht ernst zu nehmen. Er streut 
wahllos seine Bemerkungen, daß er dies und das gesehen habe, in 
einen übernommenen Bericht ein. 

Besseres oder wenigstens interessantes Material liegt gerade 
in den Stücken der Überlieferung vor, bei denen der Verfasser 
seine Augenzeugenschaft nicht betont. Sie zeigen alle denselben 
Typos. Makarios erscheint in ihnen als der große Asket, der alle 
möglichen Arten von Askese und asketischen Anforderungen ehrlich 
durch das Experiment an sich selbst erprobt. So werden diese 
Erzählungen zugleich zu einer leisen Polemik! gegen verstiegene 
asketische Aussprüche. Dahin gehört die Erzählung, wie Makarios 
den Schlaf gänzlich zu überwinden sucht, aber schließlich den An- 
sprüchen der Natur nachgeben muß, wie er einmal versucht im 
Zustand der visionären Entzückung andauernd zu verharren, aber 
schließlich vom Himmel wieder herabsteigen muß 3 ). Polemische 
Tendenz und zwar gegen das Wander-Mönchstum ist auch deutlich 
zu spüren in der niedlichen Anekdote, wie Makar sich auf den 
Boden setzend den Teufeln widersteht, die ihn aus der Zelle 
locken wollen „Zieht, Dämonen, zieht". Deutliche Tendenz gegen 



1) Ein echtes Wandermotiv. Sulpicius Severus, Dialog I 15 berichtet die 
Geschichte von einem anonymen Anachoreten und einer Löwin. Rufinus H. 
Eccl. II 4 von einem der Makare und von einer Löwin. In den sogenannten 
koptisch erhaltenen „Vertues de St. Macaire" und der koptischen Vita (Ame'lineau, 
Annales du Musöe Guimet XVII 134.235) wird das Hyänenwunder vom älteren 
Makar berichtet. In der Überlieferung über die beiden Makare herrscht über- 
haupt ein heilloser Wirrwarr. 

2) Es wird freilich nicht ganz klar, ob Melania das dem Paphnut oder dem 
Verfasser erzählt haben soll. Doch ist das erstere das Wahrscheinlichere. Es 
ständen dann hier zwei verschiedene typische Formen, in denen der Verfasser das 
überkommene Material weitergibt neben einander (Reitzenstein). 

3) Vgl. zu den beiden Erzählungen Reitzenstein 152 f. Er wird darin Recht 
haben, daß hier eine Tendenz vorliegt, die mit den Geschichten in c. 1 u. 4 und 
überhaupt mit der überschwänglichen Stimmung im Euagrios-Kreis in einem ge- 
wissen Widerspruch steht. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 187 

die Pachomiosklöster spricht vornehmlich in den beiden Erzählun- 
gen, in denen der Heilige sich zunächst in der Art der Askese 
von Tabennä übt, dann incognito in das Kloster des Pachom 
wandert und die Mönche dort übertrumpft, bis Pachom auf 
Grund einer Offenbarung ihn erkennt und bewundernd begrüßt. — 
Irgend ein geschichtlicher Keim mag in diesen Erzählungen stecken. 
Es ist beachtenswert, daß in den Apophthegmata, diesem Werk 
aus dem Kreise der sketischen Mönche, Pachom nur ein einziges 
Mal genannt wird und gerade in einem Logion des Maka- 
rios Politikos (Migne 65, 304). Makarios der Städter in den 
Apophthegmata ist aber gleich unserem Makarios dem Alexandriner. 
Zu den anerkannten Größen des sketischen Kreises scheint dieser 
nicht gehört zu haben. Die Apophthegmata bringen von ihm nur 
drei Logien und eine Erzählung von ihm und dem älteren Maka- 
rios (unter dessen Namen Nr. 21 und Migne 269), bei der ersterer 
schlecht abschneidet und wegen seiner unbarmherzigen Strenge 
dem Bann verfällt. 

Aber wie es mit der historischen Treue im engeren Sinn ver- 
halten mag, jedenfalls lassen uns diese Erzählungen in Stimmungen, 
Strömungen, Tendenzen des sketischen Mönchstum sehr schön 
hineinschauen. 

Das Kapitel über Moses den Räuber (19) enthält außer einer 
kurzen Einleitung, wohl aus der Feder des Verfassers, echten und 
guten Apophthegmatenstoff in rhetorischem Aufputz. Zu bemerken 
ist, daß die Unterredung zwischen Moses und Isidor Apohthegmata 
Moses 1, allerdings stark umgebildet, wiederkehrt. Die beiden 
folgenden langen Antonios - Anekdoten 21. 22 (Eulogios und der 
Krüppel. Paulus der Einfältige) will der Verfasser von Kronios 
resp. Kronios und Hierax gehört haben. Daß in diesen langen Er- 
zählungen keine direkt mündliche Überlieferung vorliegt, dürfte 
an sich klar sein. Zum Überfluß finden wir am Schluß von c. 21 
ein aus der Vita des Anton rein literarisch entlehntes Stück 
(69 4 ff.). 

Wieder etwas stärker tritt der Verfasser Kap. 23 (Pachon) in 
den Vordergrund. Er berichtet ausführlich ein eigenes Erlebnis, 
wie er in die große Wüste ging und dem Pachon seine Begierc k 
nach dem Weibe klagte, auch wird gleich im Anfang der Name 
des Euagrios genannt (75s). Im Grunde aber ist diese ganze erste 
Erzählung doch wie es scheint nur die literarische Einleitung 1 ) 
zu der eigenen Geschichte des Pachon, die etwa mit 75 n beginnt. 



1) Der Übergang erfolgt mitten in der Rede des Pachon. Man beachte die 

13* 



Igg Wilhelm Bousset, 

Damit ist der erste Abschnitt beendigt. Angehängt ist diesem 
in c. 24—28 eine Art chronique scandaleuse, eine Sammlung von 
leidvollen und schlimmen Mönchsgeschichten, die für unsere Kenntnis 
gewisser häretischer Tendenzen und Stimmungen im ältesten Mönch- 
tum höchst wertvoll sind. Die Überleitung (c. 24) bildet ein Be- 
richt, der von der bösen Krankheit eines Stephanos handelt und 
von seiner in ihr bewiesenen Geduld. Dann folgen Erzählungen 
von gefallenen Mönchen. Hier liegt nun ein sehr bemerkenswerter 
Tatbestand vor. Unser Verfasser greift nämlich in dem schon oft 
genannten c. 47 auf diese Berichte wieder zurück 137i6. Damals ge- 
schah auch das mit Stephanos, d>r sich schimpflicher Ausschweifung 
ergab, und das mit Eukarpios und dem Alexandriner Heron (c. 26) 
und dem Palästinenser Vales (c. 25) und das mit Ptolemaios dem 
Ägypter in der Sketis (c. 27). Unsere Aufmerksamkeit erregen hier 
namentlich die beiden ersten Nummern. Denn das, was hier von 
Stephanos angedeutet wird, steht im diametralen Gegensatz mit 
dem von Stephanos in c. 24 Berichteten und von Eukarpios war 
vorher gar nicht die Rede. Schon jetzt drängt sich die Ver- 
mutung auf, daß eine von unserem Verfasser benutzte Quelle mehr 
Erzählungen von gefallenen Mönchen bot als jener aufgenommen, 
und daß er dann in c. 47 auf die Sammlung zurückgreifend sie 
vollständiger im Exzerpt wiedergibt und dabei vergißt, daß er ja 
einige dieser Erzählungen unterdrückt hat. 

Und es gewinnt sogar den Anschein, als erhielten diese Ver- 
mutung eine überraschende äußere Bestätigung. 

Denn wir finden tatsächlich die hier vermißten Erzählungen 
in jener kleinen Sammlung wieder, welche der Syrer Anan-Jesu uns 
in seinem Paradies als zweiten Teil des* Palladios (Ausgabe von 
Bedjan, Acta martyrum et sanctorum VII p. 193 ff.) in syrischer 
Übersetzung aufbewahrt hat. Dieser „zweite Teil" der Historia 
Lausiaca bringt neben Apophthegmata-Überlieferung gleichsam als 
Nachtrag eine Reihe von Stücken, die sich in der voraufstehenden 
syrischen Überlieferung der Hist. Laus, nicht finden. Hier finden 
wir p. 292 ff. und 296 ff. tatsächlich die beiden Geschichten von 
Stephanos uud Eukarpios! Butler der in seiner Lausiac History 
I p. 79 ff. bereits auf diesen Tatbestand hingewiesen, wirft dort 
p. 83 die Frage auf, ob uns hier vielleicht ein verloren gegangenes 
Stück der Lausiaca erhalten sein könnte. Aber wie sollte sich 



gelehrte Ausführung über die Herkunft der Sünde 75 13 — 16, die mit den folgenden 
grotesken Erlebnissen gar nichts zu tun hat und aus einer ganz andern Welt 
stammt. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 189 

dies allein in einer ganz sekundären syrischen Überlieferung er- 
halten haben und in der ganzen übrigen weitverzweigten Über- 
lieferung verschwunden sein? So nimmt Butler im zweiten Teil 
seines Werkes (Anm. 90 zu c. 47) an, daß vielleicht die im Syri- 
schen erhaltenen Geschichten auf Grund der Andeutungen in Hist. 
Laus. 47 frei erfunden sein. 

Doch auch diese Auskunft unterliegt schweren Bedenken. 
Den syrischen Kompilator jener Sammlung wird man für die 
angenommene freie Erfindung jedenfalls nicht verantwortlich 
machen können. Denn es läßt sich nachweisen, daß fast alle in 
jener Sammlung stehenden Geschichten sich irgendwo in grie- 
chischer und lateinischer Überlieferung wiederfinden. Vor allem 
aber ist es kaum denkbar, daß diese höchst lebendigen Geschichten 
(s. die Übersetzung im Anhang) mit ihren vielen höchst inter- 
essanten Einzelzügen, auf Grund der einen Zeile in der Historia 
hätten erdichtet werden können. 

Immerhin könnte Butler einen Grund für seine Vermutung 
geltend machen. Das erste der beiden genannten Stücke, in 
welchem Euagrios eine Hauptrolle spielt, ist von einem Euagrios- 
Schüler überliefert, der hier und da, genau so wie der Verfasser 
der Historia im Ich-Stil redet. Damit zeigt er in der literarischen 
Aufmachung eine so starke Verwandtschaft mit den betreffenden 
Partien der Hist. Laus., daß doch wieder die Annahme einer ur- 
sprünglichen Zugehörigkeit zu dieser oder einer Erdichtung auf 
Grund ihrer Angaben nahegelegt zu seiu scheint. Ich komme im 
Anhang unter Vorlegung einer Übersetzung auf diese Schwierigkeit 
zurück, betone aber, daß wie sich nun auch unser Urteil über die 
syrischen Stücke gestalten mag, der Schluß, den wir oben schon 
allein auf Grund der eigentümlichen Rückverweisung in c. 47 ge- 
wannen, in sich feststeht. 

So gehe ich zunächst dazu über, auch für diese Kapitel die 
Frage zu erheben, ob in ihnen eigene Zutaten des Verfassers zur 
Quelle noch mehr oder minder deutlich zu erkennen sind. Merk- 
würdig ist es zunächt, daß c. 24 im Gegensatz zu den Andeutungen 
über Stephanos in c. 47 eine höchst erbauliche Geschichte von 
einem frommen Dulder desselben Namens bezeugte. Sollte der 
Verfasser vielleicht hier jene Skandalgeschichte unterdrückt und 
dafür eine andere unter demselben Namen eingestellt haben ? l ). 
In c. 25 drängt sich das subjektive Element nirgends vor, nur 



1) Der Verfasser will sie von seinen Freunden Ammonios und Euagrios 
erhalten haben. Vgl. auch die Wendungen : zU d'xpov yevofjievo; — Staxpmxo;. 



190 Wilhelm Bousset, 

einmal ist von Maharios „unserem" Presbyter (791s) 1 ) die Rede. 
Charakteristisch ist wieder c. 26 (Heron). Im allgemeinen ist die 
Berichterstattung ganz objektiv, aber der Verfasser der Lausiaca 
läßt es sich nicht nehmen 81 15 ff. eine persönliche Erinnerung in 
den Zusammenhang einzunechten. Er hat mit seinem Mitschüler 
Albanios (s. 0.) den Heiligen in seinen guten Zeiten selbst ge- 
sehen und schildert dessen exemplarische Heiligkeit. Wiederum 
kann man diesen Ichbericht rahig herausnehmen (81 15 — 82 13) und 
sehen, wie sich das Übrige besser als vorher zusammenschließt. 
Der Bericht c. 27 zeigt wiederum gar keine subjektiven Elemente. 
Zum Schluß aber hat dann der Sammler dieser sketischen Ge- 
schichten von gefallenen Mönchen in c. 28 eine kurze Erzählung 
von einer in Jerusalem gefallenen Jungfrau angehängt, die sicher- 
lich in seiner sketischen Quelle nicht gestanden hat 2 ). 

Wir sind damit am Ende eines größeren Abschnittes c. 7 — 23 , 
zu dem c. 24 — 29 als Anhang hinzugerechnet werden mag. Dieses 
Stück stellt sich als ein geschlossener Zusammenhang dar, als eine 
Beschreibung des sketischen Mönchstums. Es ist charakteri- 
stisch, wie in dieser Quelle „Ägypten" geradezu als Ausland gilt 
(vgl. 30 15. 838). Die Sketis ist nicht Ägypten, ist eine Welt 
für sich. Das MÖnchstum (Anachoretentum) hier hat ein ganz be- 
stimmtes Gepräge, dessen charakteristische, sich von seiner Um- 
gebung abhebende Haltung ich noch einmal im Zusammenhang zu 
behandeln gedenke. Eür diesen Kreis der sketischen Mönche 
standen dem Verfasser Quellen, vielleicht nur eine Quelle, die 
am Schluß auf Grund äußerer Zeugnisse ganz deutlich heraus- 
tritt, zur Verfügung. Er hat diese mit einem Firniß persönlicher 
Erinnerung von oft sehr fragwürdiger Natur anfpoliert und so 
mit billigen Mitteln eine interessante Reisenovelle geschaffen. 
Eine Überlegung mag seine Abhängigkeit von älterem quellen- 
mäßigem Zusammenhang noch deutlicher machen. Wieder und 
wieder stießen wir auf die Beobachtung, daß der Verfasser sich 
als Schüler des Euagrios und Anhänger seines Kreises fühlt. 
Weshalb bringt er uns in diesem ganzen Abschnitt keinen ein- 



1) fjfxüiv >P, im folgenden haben PT ^fxTv, andere Hndschrn lassen es fort. 
Man sieht daraus, wie leicht ein derartiges ^fietc sich auch später noch ein- 
schleichen konnte. 

2) Beachte 844 den Terminus cKDcppoauvTj (s. 0. 97 2); ferner GX7jvq 84 1, das (im 
Sinne von Betrug) nur hier und 112 1 c. 37 (Serapion) und im Dialog üb. d. Leben 
d. Chrysostomos c. 4. (Migne Joh. Cbrysost. I p. 18) vorkommt, vgl. Reitzen- 
stein 1644. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 191 

gehenden Bericht über Euagrios und seine oovoöia? Er hat sich 
in den sogenannten „Zellen" bei Euagrios aufgehalten; weshalb 
erzählt er davon nicht an dem Punkt, wo seine Reise ihn dorthin 
führt (c. 18 Anfang)? Weshalb bringt er erst — deutlich als 
einen Anhang — in c. 38 — einen Abschnitt über seinen Lehrer, 
den berühmten Heros der Sketis? Die Antwort kann nur sein: 
deshalb weil seine Quelle an dem Namen des Euagrios mit Still- 
schweigen vorüberging *) und er dieser Quelle so mechanisch folgt, 
daß er von sich aus keine neuen größeren Abschnitte hinzufügt. 
So mußte er sich damit begnügen, die Erinnerungen an seinen 
Meister und dessen Kreis zunächst zerstreut hie und da unterzu- 
bringen. 

Der folgende in sich zusammenhängende Abschnitt der Hi- 
storia beschreibt das Leben der Mönche in der Thebais, in deren 
Mittelpunkt die Schilderung des Pachom - Ordens (c. 32) steht. 
Ich greife das letztere Kapitel heraus, um wiederum die Technik 
der literarischen Arheitsweise unseres Autors deutlich zu machen. 
Zunächst haben wir auch hier eine völlig objektive Bericht- 
erstattung auf Grund von Quellen, die uns die Organisation der 
Pachomiosklöster aus einer Zeit lange nach dem Leben und 
Wirken des Pachomios wiederspiegeln. Zum Schluß beginnen dann 
die Einarbeitungen. Es heißt 93 8 ff. : sou öl tö rcpwTov xal [isfa 
[lovaGTYJptov, ev-fra aoTÖc 6 na^cbfuo? $xei tö xal ia aXXa aftoxoTjoav 
jiovaat7]pia, syov avöpas ^iXioo? Tpiaxoaioo? [ev oiq xal 6 xaXös 'Acpfttf- 

VtOC 6 <piX0S (J-00 Y £ VO{JL£VO<; YVTJOIOS, TÖ VÖV ÖSÖTSpSOOöV Iv T(j> piova<3T7}pup, 

ov ax; aoxavSaXtoTOV a7roaTeXXooaiv Iv 'AXs£av8psia stüI tö SiaTUüiXyjaai 
{Asv aoTwv Ta epYa, aovoöv^aaa&ou 8s zolq )(peia<;]. soti ds aXXa [iova- 
OTYJpLa arcö öiaxoaioov xal TpiaxoaicüV [Iv ol<; xal sie Ilavös ttjv ttöXiv 
etaeXftdw supov avöpas Tpiaxoalouc]. Man sieht auch hier wieder wie 
schön sich der Zusammenhang zusammenschließt, wenn wir zunächst 
einmal den oben eingeklammerten Satz mit den persönlichen Er- 
innerungen 2 ) streichen. Wie ungefüge und undeutlich schließt 



1) Es wird sich nachweisen lassen, daß die Grundlage der „Apophtheg- 
mata Patrum" an Euagrios ebenfalls so gut wie ganz vorüberging. Die grie- 
chische Überlieferung hat zwar eine Anzahl von Logien des E. Aber diese 
stammen alle (mit einer Ausnahme) aus dessen Werken und werden nachträglich 
eingefügt sein. Die lateinische Überlieferung bringt noch mehr Interpolationen 
aus den Euagrios-Schriften. Die große syrische Sammlung des Anan-Jesu nennt 
seinen Namen nur zweimal, darunter einmal infolge Verwechselung mit Eu- 
prepios. 

2) Es scheint als wenn unser Verfasser den Aphthonios gelegentlich bei 
dessen Reisen nach Alexandrien kennen gelernt hat. 



192 Wilhelm Bousset, 

sich endlich der letzte Satz mit dem Verbum in der ersten Person 
an: es gibt aber auch andere Klöster mit zweihundert und drei- 
hundert [in welchen ich, wie ich nach Panopolis kam, dreihundert 
Männer fand]. Lagen denn alle übrigen Klöster des Pachomios- 
Ordens etwa in Panopolis ? Und wie kommt es, daß der Verfasser 
in diesen Klöstern 300 Insassen insgesamt fand, während vorher 
von mehreren mit zwei- oder dreihundert Insassen die Rede war? 
Man sieht, welche Verwirrung der Interpolator hier angerichtet 
hat. Unmittelbar an den oben ausgeschiedenen letzten Satz 
schließt sich dann der weitere Satz an: iv toörcp T(j> [lovaaTYjpicj) 
swpaTca paTütac öexaTuevcs . , . xvaipets §exa7rsvTe. Der Satz fehlt in 
unserer wertvollsten Gruppe PT und ist von Butler schon im 
Text eingeklammert. Es ist möglich, daß hier ein späterer Inter- 
polator den Ichstil des Verfassers der Historia nachahmte. Dann 
beginnt von neuem die ruhige Schilderung IpfdCovrai 8s rcaaav ziyyr^ 
949 — io. Die darnach folgende Erwähnung der Schweinezucht der 
Tabenisiten, der Tadel des Augenzeugen wegen dieser Sache, die 
Antwort der Pachom-Mönche auf diesen Tadel (94 n — 95 s) fehlen 
ebenfalls in PT al. (von Butler eingeklammert). Man weiß also 
wiederum nicht, ob hier der Autor selbst oder ein späterer Be- 
arbeiter interpoliert. Eine Bearbeitung liegt auf alle Fälle vor. 

Das vorliegende Kapitel bietet also wieder ein klassisches 
Beispiel für das Verfahren des „Autors" der Historia Lausiaca 1 ). 
Um dieses Kapitel gruppieren sich nun die übrigen, die von der 
Thebais handeln, c. 33 fährt im Bericht von 32 unmittelbar fort 
und behandelt die Pachomischen Frauenklöster. 33 B und 34 
bringen zwei Geschichten aus diesem Milieu, (über die Parenthese 
34 p. 99 18 s. o.). Voran steht diesem Ganzen der Bericht über 
die Frauenklöster in Athribe 2 ) und eine Wundererzählung von der 
frommen Jungfrau Piamun wahrscheinlich aus dieser Gegend, die 
hier (vgl. das oben Gesagte) als Ägypten bezeichnet wird. Hinter 
den Pachomios - Berichten folgt c. 35 das spezifisch persönliche 
Kapitel über Johannes von Lykopolis (ebenfalls Thebais). So hat 



1) Reitzenstein verweist mich auch auf den abrupten Übergang, mit dem 
884 (nach einer kurzen Einleitung) mit xa&eCojjivw ouv auT(|> die Erzählung von 
der Offenbarung der pachomianischen Klosterregel beginnt. Derartige abrupte 
Übergänge resp. Verkürzungen des quellenmäßigen Materials sind für die Arbeits- 
weise unseres Verfassers ebenso charakteristisch wie das Aufnehmen des fallen 
gelassenen Faden mit demselben Wort. Die gesamte Klosterregel ist natürlich 
einfach übernommenes Gut, eine Tradition, die freilich wie die Pachom-Forschung 
ergeben hat, spätere Verhältnisse des Ordens voraussetzt. 

2) Athribe liegt nördlich von Tabennisi. 



Komposition und Charakter der Historia Lansiaca. 193 

nun unser Verfasser hierher auch den Poseidonios c. 36 gestellt 
als ursprünglich thebaischen Mönch, obwohl er ihn selbst in 
Bethlehem kennen gelernt haben will. In der Form von Er- 
zählungen des Poseidonios gibt er zwei Geschichten (eine davon 
spielt in der ägyptischen Porphyroswüste, die andere in Bethlehem), 
die er vielleicht wieder irgend einer schriftlichen Überlieferung 
verdankt. Der Schluß des Kapitels mit seinem Ausfall gegen 
Hieronymus stammt natürlich von ihm. 

Grut disponiert hat er dann, wenn er an dieser Stelle den 
sonderbaren Heiligen, den Wander- und Bettelmönch Serapion 
unterbringt, der ja eben als Wandermönch bisher nirgends einzu- 
stellen war. Er wird das ganze Kapitel in Bausch und Bogen 
einer Quelle entlehnt haben 1 ). Und nun endlich, wir wissen 
jetzt weshalb, bringt er als Nachtrag ein Kapitel über den von 
ihm so verehrten Euagrios. Viel wirklich Persönliches weiß er 
allerdings auch hier nicht zu berichten. Aber die interessante 
Vorgeschichte seines Helden hat er uns erhalten. War er so 
noch einmal zur Sketis zurückgekehrt, so konnte er hier nur auch 
einen zweiten Nachtrag bringen. In c. 39 berichtet er ganz im 
objektiven Apophthegmenstil von einem Helden der Sketis, den er 
bisher (vgl. Pambo c. 10) nur im Vorbeigehen erwähnt hatte. 

Damit schließt er zunächst den ägyptischen Abschnitt im 
weiteren Sinn und wendet sich nunmehr den syrischen Mönchen 
zu. Er beginnt mit Ephraim v. Edessa und widmet ihm das 
Kap. 40, über dessen Komposition wir bereits oben gehandelt 
haben. Eine völlige Entgleisung ist es dann freilich, wenn er 
c. 41 den Katalog heiliger Frauen bietet. Vielleicht stellt er das 
Kapitel hierher, weil die erste der erwähnten Frauen Paula nebst 
ihrer Tochter Eustochion in Bethlehem ihren Aufenthalt hatte. Wir 
haben schon oben bewiesen, daß der betreffende Abschnitt im 
wesentlichen wirklich sein Werk ist. Schon gleich im Anfang 
treffen wir auf die polemische Wendung gegen Hieronymus. Wir 
werden aber weiter unten noch einmal auf diesen Abschnitt zurück- 
kommen müssen. 

Nun folgen weitere syrisch-palästinensische Mönche: .42 Julian 
v. Edessa, 43 f. Adolios und Innocenz auf dem Ölberg. Dann aber 
wird wieder die Disposition jäh unterbrochen mit Philoromos von 
Galatien 2 ). Wir haben hier, wie wir schon wegen dieser Durch- 



1) Vgl. das oben # S. 107 2 über den Schlußsatz Gesagte; und zu der Paren- 
these 1142 (9jdos xal yvtüGis) s. 0. 99. 

2) Das wichtige Kapitel steht, wie schon einmal bemerkt, in der Überlieferung 



194 Wilhelm Bousset, 

brechung erwarten können, ein deutlich erkennbares Stück aus des 
Verfassers eigner Hand. Durch die Wendung: 13324 od (ispyjjxat 
rcote aTroorac xara voöv toö -O-soö jjloo steht es in direkter Verbindung 
mit c. 58 152 io (Mönche von Antinoe), der Satz : o<; ttsC^ Tg Tropetof. 
xai uiypK aoryj«; Twjjlyj«; tjX&sv 133 19 steht auch im Vorwort 11 7. Zu 
den charakteristischen Termini 133 14 &<p' oh §ii.oara7<j>77J\bjv xai ave- 
Ysvvnj^Yjv (auf die Mönchsweihe bezogen) vergleiche man Reitzenstein 
S. 1644, und dazu gesellt sich das terminologische a7usTa£aTo 132 20. 
Das Kapitel gehört mit den Schlußkapiteln 66 ff. dem galatischen 
Milieu an. Es ist eben doch sehr wahrscheinlich, daß Palladios 
der Gralater, später Bischof von Aspona in Galatien, die Historia 
geschrieben hat. 

Schwierig ist das Urteil über c. 46, die ältere Melania. Es 
steht nicht ungeschickt an dieser Stelle, denn die Melania wirkte, 
wie der Schluß vermerkt, 27 Jahre in ihrem Kloster zu Jeru- 
salem. Es hebt sich durch seine größere Ausführlichkeit von 
den übrigen syrischen Partien ab, zeigt aber durchaus den ob- 
jektiven Stil eines Berichtes, der wesentlich Dinge aus vergangener 
Zeit, aus dem Jahr 373 behandelt. Daß der Bericht von dem Ver- 
fasser der Historia übernommen ist, wird an dessen Schluß deut- 
lich. Wir wiesen nämlich bereits oben nach, daß der hier sich 
findende Bericht über Rufin der Feder unseres Autors entstammt. 
Und hier treffen wir nun wieder auf seine uns bekannte Inter- 
polationstechnik. Ich stelle den Zusammenhang hierher 135 18 : 
aoTT] .... fiovaar/jptov Tcuiaaaa Iv c IspoaoX6|j.oi<; elxootsrcTÄ sxsaiv 
Ivsypöviaev ixsi syouaa aovoöiav *) Trapftsvoöv rcevnfjxovca. ■§ oovsCtj xal 
6 soYsveaTaxoc .... Too^ptvo? 6 arcö T7j<; 'kaXtag .... 00 YVtoauxwTepoc 
xai s7risiX£arepos Iv avöpaatv od/ sopiaxeto. Ss^too^evot oov cL\L<p6zeooi 
iv toic elxoateTCTa Itsoiv toöc 7rapaxoY)(dvovTac iv toi<; c l£poaokb\LOis 
eoyrjg evexsv. . . . 

Daß Rufin mit der Melania 27 Jahre in dem Kloster der 
ersteren zusammengewirkt haben soll, ist eine Vorstellung, die 
sich nicht mit dem deckt, was wir sonst von seinem Leben wissen. 
Auch die doppelte Wiederholung der 27 Jahre fällt auf und er- 
innert uns an die so oft schon nachgewiesene Quellenbebandlung 



nicht sicher. Es fehlt, wie auch c. 42, 49, 52 in der Gruppe PWT. Da wir 
wenigstens in 45 deutlich die Feder unseres Verfassers erkennen können, so ist 
die Zugehörigkeit dieses Stückes zum ursprünglichen Werke gesichert, die der 
übrigen sehr wahrscheinlich. 

1) Zu dem Ausdruck s. 0. S. 98 1. Vielleicht beginnt schon hier die Feder 
des Verfassers spürbar zu werden. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 195 

unseres Verfassers. In der Quelle wird gestanden haben, daß 
Melania in ihrem Kloster 27 Jahre weilte und sich der Fremden 
annahm 1 ). 

Diese Annahme, daß in c. 46 eine greifbare Quelle aufgenommen 
und verarbeitet ist, wird sich uns im Lauf der Untersuchung noch 
einmal bewähren, wenn wir an die zweite Stelle kommen, in der 
das Leben dieser Melania in der Historia behandelt wird. Dort 
soll dann auch über die Beziehung unseres Verfassers zu ihr ge- 
urteilt werden. 

An möglichst unpassendem Platz — hier mitten unter den 
syrischen Mönchen als Nachtrag zum ersten Teil — steht das 
Kap. 47. Wir haben bereits erkannt, daß es fast ganz aus der 
Hand unseres Verfassers stammt und eine wahre Fundgrube für 
die von ihm mit Vorliebe gebrauchten Termini ist 2 ). Eine Aus- 
nahme macht die Einleitung, die Erzählung über Chronios vom 
Dorfe Phoinike. Man nimmt an, daß dieser Chronios identisch sei 
mit dem oben erwähnten Kronios (7. 21. 22). Auch er ist Schüler 
des Antonios 1372. Dann würde die verschiedene Schreibung des 
Namens auf verschiedene Überlieferungen deuten. Weshalb der 
Verfasser dies Kapitel gerade an dieser Stelle bringt , vermag 
ich nicht zu sagen. Sicher wird er sich der Identität des „Chro- 
nios" mit „Kronios" nicht bewußt geworden sein. 

Jetzt folgen syrische (palästinensische) Mönche: 48 Elpidios 
mit Genossen, 49 Sisinnios, 50 Graddanas, 51 Elias, 52 Sabas. 
Und auch Abraham c. 53 — wieder ein Beispiel eines gefallenen 
Mönches — wenn er auch AIyoiütio? genannt und sein Aufenthalts- 
ort nicht angegeben wird — gehört doch wohl hierher. 

So tritt von 40 — 53 ein — oft allerdings unterbrochener — Zu- 
sammenhang deutlich heraus: eine Reihe syrisch - palästinensischer 
Mönche. Schon daß der Verfasser selbst mit Stücken, die nach- 
weisbar aus seiner Hand sind (c. 43. 45. 47), die schöne Dispo- 
siiion zu wiederholten Malen durchbrochen hat, macht wahrschein- 
lich, daß er diese nicht selbst geschaffen, vielmehr uns verhüllt 



1) Auch der letzte Satz des Kapitels 136 s— n über die Beilegung des 
Schismas des Paulinus (Paulinianus ? Butler, Anra. 88) stammt aus der Hand unseres 
Verfassers. Es ist der Schüler des Euagrios, der an der Bekämpfung der pneu- 
matomachischen Ketzerei 136 9 sein Interesse bekundet. 

2) Schon Butler in seiner Note 89 (II 224) verweist auf auffallende Par- 
allelen dieses Kapitels mit Cassian , namentlich Collatio III 20 und ist geneigt, 
literarische Abhängigkeit von Cassian anzunehmen. Sicher wird man nur sagen 
können, daß dieser Typus der Darstellung, der sich von dem Stil der Apophtheg- 
mata stark abhebt, seine beste Parallele an Cassian findet (Keitzenstein). 



196 Wilhelm Bousset, 

und undeutlich gemacht hat. Für ihn charakteristische Wen- 
dungen finden sich in dem ganzen Abschnitt, wenn wir von den 
ausgeschiedenen Stellen absehen, so gut wie gar nicht. 

Der Stil der gesammelten Geschichten hebt sich von denen 
des ersten Teiles merklich ab. Er ist bedeutend kürzer und 
knapper. Meistens wird nur eine knappe Charakteristik des be- 
treffenden Mönches gegeben. Einzelne Geschichten werden selten 
überliefert. Das subjektive Element, der Ichstil in diesen Er- 
zählungen, bleibt auf wenige immer wiederholte, meist einleitende 
Wendungen beschränkt: 42 ax^ oa j 43 sfvwv xtva rcdXtv, 50 s^vcov 
yepovra, vgl. 51 srcXTjpoyöpYjaev %<*<;. Mit dem heiligen Innocenz (44) 
will der Autor freilich drei Jahre verkehrt haben, und er betont 
hier nachdrücklich die Wahrhaftigkeit seines Berichtes p. 131 u. 

Einmal aber verrät er sich auch hier ganz deutlich als Inter- 
polator eines älteren Berichtes, c. 48 berichtet er zunächst ganz 
objektiv von dem heiligen Elpidios: 142 n — 20. Dann heißt es: 
<j) TtaftdTusp ßaaiXtazcj) twv (leXiaacöv iv fjioq> <3DV(j>xei zb 7u)oj\)-oc *) (mit 
T lat.) zr\<z dSeX^ÖTTjTO«; [ttaytt dk aovtjwyjaa abztf] %cd oütü) zb opos 
iftöXtae, *ai tjv Ixst lösiv öia<pöpoo<; TuoXiTsia«;. Auch in die folgende 
Erzählung, wie Elpidios beim Gebet einen ihn stechenden Skorpion 
tottritt, ohne sich um seinen Biß weiter zu kümmern 2 ), hat sich 
ein „Wir" eingeschlichen : toötöv tzqzs töv 'EXttiSiov <|>dXXovia sv voxu 
[xal au[X(baXXdvua)v tj^wv]. Dann stört wieder der Satz 143 6 f. $ 
oovstsXslw&t] xai Alvsaiöc Tic avyjp a£iöXoyos zai Ebozä&ioq 6 dösX'fö? 
aotoö ersichtlich den Zusammenhang. Denn im folgenden ist noch 
immer sichtbar von Elpidios die Rede. Und auch der sich an- 
schließende Satz stcI toooötov §s yjXaasv a7ra^-eia<; (s. 0. S. 1072) — 
ö<3t£ü>v steht zusammenhangslos da. Nimmt man die Sätze heraus, 
so bleiben drei kleine önqy'/jjiaTa nebeneinander stehen 14232 — 1433, 
143 3 -7, 143 10-16 3 ). 



1) Die meisten Zeugen haben hier das unverständliche tw TrX/jOet. Reitzen- 
stein schlägt vor oovtpxtcrro TrXf^o; [17);] doeXcpoTTqxo;. 

2) Auch hier liegt wieder eine nachweisbare "Wanderlegende vor. Sie be- 
gegnet ganz ähnlich in der Vita des Pachom, Griech. Text (Acta Sant. Mai III) 
c. 64. 

3) Das Verständnis des letzten 6cr)y7]{Aa ist nicht ganz einfach. Der Sinn 
desselben ist offenbar der, daß Elpidios in einer Höhle wohnte, die sich nach 
Osten öffnete und hinter der der Fels aufragte. Er hat sich in den 25 Jahren 
seines Aufenthaltes so wenig von der Höhle entfernt, daß er niemals den west- 
lichen Teil des Himmels und die Sonne nach der Mittagsstunde schaute. Das ist 
mit dem im 86atv obU-oxe ^axpacpi] allerdings nur undeutlich zum Ausdruck ge- 
bracht. Reitzenstein vermutet auch hier eine Verkürzung der ursprünglichen Er- 
zählung (s. 0. S. 115 1). 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 197 

Wie weit nun diese in einen vorhandenen Bericht einge- 
arbeiteten Beteuerungen der Autopsie auf Tatsachen beruhen, mag 
dahingestellt bleiben. Die Angaben, daß der Verfasser ein Jahr 
mit Poseidonios von Betlehem (c. 36), drei Jahre mit Innocenz 
auf dem Ölberge gewohnt haben will — und dazu käme noch der 
Aufenthalt bei Elpidios — machen den Forschern, unter der Voraus- 
setzung, wir hatten in der Historia lauter echte geschichtliche No- 
tizen über das Leben des Palladios unüberwindliche Mühe und 
bringen in die Rekonstruktion seines Lebens eine unglaubliche 
Verwirrung. 

Was nun noch von der Historia übrig bleibt stellt sich — 
wiederum von den letzten Kapiteln abgesehen — als eine Samm- 
lung von ßioi heiliger Frauen heraus. Dieser Katalog (zunächst 
c. 54 — 65) ist nur einmal durch das Kap. 58 „die Mönche von An- 
tinoe" unterbrochen, das wir bereits als ein Stück erkannten, in 
welchem unser Autor ganz wesentlich selbst redet. Daß es gerade 
hier steht, erklärt sich daraus, daß c. 59 einige Nonnen von An- 
tinoe behandelt werden. 

Hier fesselt unsere Aufmerksamkeit zunächst der an erster 
Stelle stehende Bericht über die ältere Melania c. 54. Es ist der 
zweite, der uns in der Historia begegnet. Der Verfasser ent- 
schuldigt sich selbst wegen dieser Wiederholung: 7repi x^c, #ao- 
{xaaiac xal afia? MsXavia«; axpoftiYäc (vgl. Prooem. 4?) (iiv xal 
avw §t7]77jad(jL7]v , ooSsv tjttov xai xa Xsi^ava vöv s£o<pav(ö T <jj Xö^cp. 
Aber einen Grund für diese Unordnung gibt er nicht an. Wir 
haben das Rätsel zum Teil bereits aufgedeckt; c. 46, die erste 
Ausführung über die Melania hat der Autor, wie wir nachwiesen, 
einer Quelle entlehnt. Aber weshalb hat er dann die übrigen 
Ausführungen über die Melania nicht gleich dort angehängt, wo 
seine Quelle sie brachte, weshalb bringt er erst hier ein zweites 
Kapitel über diese Heilige ? Sollte er vielleicht auch dieses zweite 
Stück einer zweiten Quelle entlehnt haben? 

Es kommt hinzu, daß die Angaben in den beiden Kapiteln 
sich zum Teil widersprechen. In c. 46 ist die Zeit von 27 Jahren 
für den Aufenthalt der Melania im Kloster von Jerusalem ange- 
geben; hier sind es 37 Jahre (146?). Dort verzichtet sie zu Grünsten 
ihres Sohnes auf ihr ungeheures Vermögen und nimmt nur ihre 
bewegliche Habe, die sie zu Geld macht, mit; hier ist sie noch im 
Besitz großer Mittel, und ihr Sohn und ihr Verwalter versorgen 
sie ständig mit Geld. Wenn der Verfasser diese letzteren An- 
gaben auf Grund unmittelbaren Wissens machte, bleibt es wiederum 
unerklärlich, wie er die früheren widersprechenden so ohne weiteres 



198 Wilhelm Bousset, 

aufnehmen konnte. Die Annahme eines Kompilators, der beide 
Quellen nebeneinander seinem Werke einverleibte, würde die 
Sachlage am besten erklären. 

Auch hier hätten wir dann wieder die Erscheinung, daß der 
Autor der Historia seiner Quelle einen persönlichen Annex ange- 
hängt hat. Dieser liegt , während das ganze c. 54 herüber- 
genommenen Bericht 1 ) enthält, in c. 55 vor. Es wurde bereits 
oben erwiesen, daß c. 55 nicht von Silvania, der vorübergehend 
erwähnten, sondern immer noch von Melania handelt und daß die 
zweite Hälfte dieses Kapitels 149 n — 20 alle Spuren einer direkten 
Herkunft von dem Verfasser der Lausiaca an sich trägt 2 ). Kap. 55 
beginnt nun, nachdem c. 54 der Bericht durch eine allgemeine Be- 
trachtung über den Einfall der Barbaren in Italien vollständig 
abgeschlossen war ganz unvermittelt mit einem Wirbericht : aov§ßY] 
ol\lcl oösosiv ^{Jiac arcö AlXiag ircl tyjv Afywcov 7rpo7ü§|Mtovcas tyjv (xazapiav 
S'.Xßavtav. Das „wir" umschließt offenbar Melania und ihr Gefolge 
und den Verfasser der Historia. Es ist außerdem die Situation 
in dem Leben der heiligen Melania aus dem vorigen Kapitel un- 
gefähr festgehalten. Melania ist hier wie dort 60 Jahre alt (vgl. 
14620 mit 149 e). Die hier angedeutete Reise von Alia nach 
Ägypten läßt sich allerdings kaum mit der im vorhergehenden 
erwähnten identifizieren, da diese von Caesarea nach Rom ging 
und (nur) 20 Tage dauerte (146 20 f.) Entweder liegen hier ver- 
schiedene Angaben über dieselbe Reise vor, oder es fand die 
letztere vor der ersteren statt. Jedenfalls, während c. 54 weit 
über diesen Termin hinübergreift und die Erlebnisse der Melania 
in Rom bis zu ihrer Übersiedelung nach Sizilien schildert, greift 
der Anhang c. 55 auf dies frühere Datum zurück. — D. h. wir 
haben nun wieder alle Merkmale einer nachträglichen Interpolation 
im Ich-Stil zu einer gegebenen Quelle bei einander ! Unsere Ver- 
mutung über c. 54 bestätigt sich von den verschiedensten Seiten. 

Was es nun mit der Behauptung eines persönlichen Zusammen- 
treffens unseres Verfassers mit der Melania für ein Bewenden hat, 
ist eine Frage für sich, mag aber doch gestreift werden. Es er- 
weckt bereits Verdacht, daß das Alter der Melania in diesen Ka- 
piteln falsch angegeben ist, sie ist aller Wahrscheinlichkeit nach 



1) Daß sich auch in diesem Kapitel der terminologische Gebrauch von ctiro- 
Td£aai)ai 14t) 18, xaxT^eiv 147 s findet (s. o.), kann bei der weiten Verbreitung 
dieser Termini nicht gegen die Annahme des Quellencharakters von c. 54 
sprechen. 

2) Vgl. noch das Prädikat XoytiuxotTT) 149 n und dazu Reitzenstein 156 2. 



Komposition und Charakter der llistoria Lausiaca. 199 

in den Jahren 349 — 50 geboren 1 ) und da jene Reise spätestens 
etwa 400 angesetzt werden kann 2 ), so ergibt sich eine Differenz 
von 10 Jahren 3 ) mit den hier vorausgesetzten von 60 Jahren. 
Auch die Reise ist schwer in dem uns bekannten Leben des Pal- 
ladios — auf den man doch immer wieder als den Autor der Hi- 
storia zurückkommt — unterzubringen. Wir wissen, daß Palladios 
am Schluß seines Aufenthalts in der Sketis erkrankte und dann 
über Alexandria nach Palästina gereist ist 4 ), daß er von dort nach 
Bithynien ging und schon im Mai 401 auf einer Synode von Kon- 
stantinopel als Bischof erscheint 5 ). Für die umgekehrte Reise 
von Palästina nach Ägypten fehlen für diese Zeit alle Belege. 
Turner, der in dem genannten Aufsatz (Journal of theol. Studies 
1905 p. 354) diese Schwierigkeit streift, geht mir über sie zu 
leicht hinweg. Ich wage auch hier nicht recht zu entscheiden, 
aber möglich bleibt es, daß das YjjJLst«; in c. 55 nicht mehr als no- 
vellistischer Aufputz ist 6 ). 

Aber abgesehen davon, steht das Hauptresultat fest: in c. 54 
liegt ein quellenmäßiger Zusammenhang vor, und c. 55 ist zu diesem 
ein Annex unseres Verfassers. 

Und auch in dem Kapitel 61, das von der jüngeren Melania 
handelt, zeigen sich die Nähte deutlich, mit denen Berichte ver- 
schiedener Herkunft zusammengewoben sind. Der Anfang 155 1 — 5 
mit seinem Rückverweis auf c. 58 und der Schluß 157 4 — 15 
stammen hier sicher aus der Feder unseres Autors. Im letzten 
Satz meldet er sich sogar ganz direkt zu Wort und erzählt, daß 
er von Melania und ihrem Gatten Pinian (wahrscheinlich in Kam- 
panien) freundlich aufgenommen wurde, als er in der Angelegen- 
heit des Johannes Chrysostomos nach Rom ging (157 10 — 15). Dieser 
Schluß versetzt uns in das Jahr 405 7 ), und bemerkenswert ist es, 



1) Vgl. Butler, Lausiac history II 223, Anm. 86. 

2) Butler II 228 schlägt 398 vor. 

3) Die Differenz stimmt auffällig mit der oben erwähnten: c. 46: 27 Jahre 
in Jerusalem, c. 45: 37 Jahre, überein. 

4) Wir dürfen hier wohl den Bericht c. 35, 105 3 ff. (Joannes von Lykopolis) 
benutzen. 

5) Preuschen, Palladius und Rufinus 244. 

6) Ein persönlicher Zusammenhang zwischen unserem Verfasser und der 
Melania wird sich, wie Reitzenstein mir nachweist, doch wohl kaum leugnen lassen. 
Vgl. das oben über 149 11 ff. Gesagte. — Weitere Melania - Erinnerungen in c. 5, 
9, 10 (doch vgl. die Dublette in der Erzählung der jüngeren Melania c. 58); 
c. 18, die Notiz über das Schaffell, das die Hyäne dem Makarios gewidmet, sieht 
freilich wieder nicht nach direkter Überlieferung aus. 

7) Dialogus de vita Chrysostomis c. 3. 



200 Wilhelm Bousset, 

wie der Autor sich hier so lebendig in jene Zeit seiner Reise nach 
Italien hineinversetzt, daß er im Präsens erzählt, als wäre die 
Situation noch gegenwärtig: „Sie wohnen jetzt auf dem Lande 
bald in Sizilien bald in Kampanien" — während Melania, als er 
(nach allgemeiner Annahme) seine Worte schrieb, längst über Afrika 
nach Betlehem gewandert war. Aber wie man das auch erklären 
möge, das Zwischenstück in c. 61, das zwischen den beiden ge- 
nannten Partien steht, hat nun einen ganz anderen Charakter. Es 
ist eine kurze Charakterisierung der Melania, ihres Lebenslaufes 
und ihres allgemeinen Verhaltens, das in sich abgeschlossen ist 
und zu dem jener persönliche Schluß nicht paßt. Und was noch 
merkwürdiger ist: die Wendung hier, daß die Heilige, indem sie 
all' ihr Hab und Gut im Ausland an die Klöster verteilte, es 
dadurch dem Löwenrachen des Alarich entriß (156 iß), führt uns 
allem Anschein nach in die Zeit nach 410! Man könnte zur Not 
diese Wendung auf die ersten Einfälle Alarichs in Italien 402 f. 
beziehen; aber diese Auskunft bleibt doch recht unwahrscheinlich, 
zumal wir im Leben der heiligen Melania von (xerontios *) c. 19 
die bemerkenswerte Parallele finden: „Nachdem sie (Melania) die 
Besitztümer in Eom und Italien, in Spanien und Kampanien ver- 
kauft hatten, segelte sie nach Afrika. Sogleich stürzte sich 
Alarich auf die (xüter, die die Selige veräußert hatte". 

In dem kurzen Kapitel haben wir also wahrscheinlich wiederum 
zwei Stücke, die unter ganz verschiedener zeitlicher Orientierung 
geschrieben sind, wobei dann zugleich das Paradoxon entstanden 
ist. daß die Quelle des Autors in eine spätere Zeit weist, als seine 
persönlichen (anachronistischen) Ausführungen 2 ). 

Sollten wir vielleicht diesen Beobachtungen noch eine greif- 
barere Gestalt geben und sie in einen größeren Zusammenhang 
einrücken können? Der letzte Teil der Historia Lausiaca (c. 54 
— 65), in dessen Zusammenhang die beiden eben besprochenen Stücke 
stehen, enthält bekanntlich zum allergrößten Teil Lebensbeschrei- 
bungen berühmter Frauen. Könnte vielleicht eine Sammlung von 
Vitae heiliger Frauen unserem Verfasser als Quelle vorgelegen 
haben? Die letzten drei Stücke 63 (von der Jungfrau, bei der 



1) In „Sancta Melania giuniore senatrice romana", Roma 1995. — Ich ver- 
danke den Hinweis der neuen Ausgabe der Kemptener Bibl. d. Kirchenväter 
„Griechische Liturgien Palladios, Gerontios" 1912, p. IV, S. 16. 

2) c. 62 ist ein Nachtrag zum vorhergehenden Kapitel , an dessen Schluß 
sich der Verfasser selbst zu Wort meldet (157 22 f.) und das auch sonst aus 
seiner Hand stammen mag. Vgl. 157 21 dvSpes Xoyixtüxoxoi (vgl. zur Betonung des 
Xoyoc Reitzenstein 1562) xal eit axpov cptXorki«; ikdawTtz (s. 0.). 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 201 

Athanasios Aufnahme fand), 64 Aufnahme des Origenes bei der 
Juliana), 65 (die Jungfrau in Korinth) sehen in der Tat ganz so 
aus als wären sie aus einer solchen Quelle in unser Werk hinein- 
geraten. Sie stehen in ihrer Umgebung fremd da, handeln gar- 
nicht von Einsiedlerinnen der ältesten Mönchszeit, sondern von 
berühmten christlichen Jungfrauen überhaupt ! ). 

Es mag ferner darauf hingewiesen werden, daß der Verfasser, 
ja eigentlich zwei Kataloge von berühmten Frauen bringt, einmal 
einen kürzeren in c. 41 und dann eben diesen längeren, den ganzen 
Abschnitt 54 — 65. Man könnte vermuten, daß er zu jenem kür- 
zeren Katalog in c. 41, der ja ganz ein Werk aus seiner Hand 
ist, zunächst durch eine Lektüre seiner Quelle angeregt wurde 
und daß er diese nachahmte: avafzaiov Ss lau zai ipvaiTowv av- 
öpstoov |xvY](iovsöaai ... cd<; xal 6 &sös ta loa toi? avöpaat twv a&Xwv 
s^apioaxo 2 ) — um dann später die Quelle selbst neben ihrer Nach- 
ahmung seinem Werk einzuverleiben. 

Freilich bleibt das alles eine Möglichkeit, die sich nicht recht 
zu greifbarer Wirklichkeit gestalten will. Jedenfalls hat der Ver- 
fasser selbst in dieser letzten Partie seines Werkes sehr viel stärker 
eingegriffen. Die Olympias c. 56, die er der Melania folgen läßt, 
hat er persönlich kennen gelernt, vgl. Dialog 17 p. 60; eine Wen- 
dung aus dem Dialog (ebend.): Xs^siai Ss rcapö^vo«; orcap^eiv, w«; f] 
<p7j[i7] ötSaaxst — findet sich p. 150 5 fast wörtlich wieder: Xefstai 
7<xp xsxot^a^a'. rcapftsvoc, aXXa aojißtog toö Aöyoo ty^ aXyj&eiac 3 ). 
In dem folgenden Kapitel, das sich ebenfalls im Milieu von 
Konstantinopel abspielt, begegnen wir zahlreichen Spuren seines 
Stils. Auch das „Ich" stellt sich hier wieder und zwar ziemlich 



1) Daß der Verfasser die Jungfrau, die den Athanasios aufnahm, selbst 
kennen gelernt haben will (158 1), sich also auch dieses Märlein, (vgl. Weingarten, 
Ztschr. f, Kirchengesch. I S. 28) persönlich aneignet , daß er das Buch , in dem 
Origenes seine Aufnahme bescheinigte, selbst gelesen haben (160 11) will, kann 
uns, wenn wir seinen Stil kennen, nicht irremachen. Ebensowenig wie die Be- 
merkung, daß er die Erzählung von der Jungfrau in einem uralten Buch des 
Hippolyt, dem Bekannten der Apostel (!) gefunden habe (160 18 f.). 

2) Vielleicht darf darauf hingewiesen werden, daß in der Gruppe PWTs 
dies c. 41 ganz unterdrückt, dafür aber die oben mit den ersten Worten zitierte 
Einleitung 128 1- 5 an den Kopf von c. 63 gerückt (Jungfrau von Alexandrien) 
und dieses Kapitel dann an die Spitze des ganzen Abschnittes 54—65 gestellt ist 
(s. die Tabelle bei Butler p. L.). Könnte nicht der Überarbeiter von PWTs noch 
durch eine Kenntnis der von uns vermuteten Quelle zu seiner gewaltsamen Um- 
©rdnung veranlaßt sein, so daß ursprünglich tatsächlich diese mit jenem ersten 
einleitenden Satz begonnen hätte? 

3) Vgl. Reitzenstein S. 6 4. 

Kgl . Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft. 14 



202 Wilhelm Bousset, 

ungezwungen ein *) : Taönrjv s'yvow £70) 8ta rcaaYjs vdxtöc xoirtojaav 
(150 19). 

Nicht klar ist die Sachlage auch bei den Kap. 59 — 60: die 
Nonnen von Antinoe. Sie lehnen sich an das schon besprochene 
c. 58 an (Mönche von Antinoe). Wir haben bereits nachgewiesen, 
daß in diesem Stück die Feder des Verfassers besonders deutlich 
zu spüren ist. Nun läge die Vermutung nahe , daß dieser 
sein Elaborat über die Mönche von Antinoe, die Quelle durch- 
brechend, hier als Pendant zu dem folgenden Kapitel einschob. 
c. 59 bietet denn in der Tat einen Bericht, in welchem der sub- 
jektive Einschlag fast fehlt und der besondere Sprachgebrauch 
des Autors kaum nachzuweisen ist 2 ). An einer Stelle finden wir 
allerdings den Ichstil: eis zoaoüzov 8k aTrafteias 3 ) vjXaasv -r\ fpaö«; 
ws siasXtMvu [jloi %ai xa&ea&svui sX&slv %cd aoY^aO-so^^vai \loi xai -cas 
^etpas a&Tijc £rci'9 , eivai toi? &\lqi$ {jloo oxepßoX^ rcappTjaia«; (153 13 — 15). 

Besondern Nachdruck hat man im folgenden Kapitel (60), der 
Geschichte von der Jungfrau, der vor ihrem Tode der Märtyrer 
Kolluthos erscheint, auf die Stelle gelegt, wo diese befiehlt ihre 
kostbare Hinterlassenschaft, des Clemens atrpfpapitJia toö Ikpü^ocusox; 
zum Propheten Arnos, „dem verbannten Bischof zu schicken 
(154 21). Man weist daraufhin, daß Palladios nach dem Dialogos 
c. 20 im Jahre 406 nach Syene verbannt wurde und bringt mit 
diesem Besuch seinen vierjährigen Aufenthalt in Antinoe zusammen 
(c. 58). Dann wäre der verbannte Bischof Palladios selbst. Das 
hat auf den ersten Blick etwas Einleuchtendes, und dann müßten 
wir doch wohl annehmen, daß Palladios selbst als G-ewährsmann 
hinter c. 59. 60 stände wie hinter c. 58, und daß wir der An- 
nahme einer Quelle für diese Sücke entbehren könnten. Es stände 
dann vielleicht so, daß er nicht nur c. 58, sondern c. 58 — 60 in 
einen quellenmäßigen Zusammenhang eingesprengt hätte. Aber 
die Kombination hat auch ihre Bedenken. Denn wie kommt es 
denn eigentlich, daß Palladios anstatt in Syene als Verbannter zu 
weilen, sich vier Jahre in Antinoe und Umgebung, das immerhin 
von Syene noch recht weit entfernt ist, und zwar immer noch als 
„verbannter Bischof" aufhält? Könnte vielleicht der £$a>pio(iivoc 
Imaxorcos einfach aus der Quelle herübergenommen sein ? In PT W 



1) Vgl. eis axpov ö£(avot7]tos iX da aaa (s. 0.) 15015; elz axpov diziaytTO 
150 24; dazu xaxrj^aaaa 150 16 (und schon 150 s) und atocppoauvr) 150 18 (Reitzen- 
stein 164 4). 

2) Ich merke an: Goucppoauvr] 154 3. 

3) Über diese Wendung s. 0. 1072. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 203 

steht c. 60 mit 59 unmittelbar hinter 63 : Geschichte von A th a - 
n a s i o s und der Jungfrau. War der verbannte Bischof am Ende 
kein anderer als Athanasios? 1 ). 

Aber auch diese Vermutung bleibt eben eine solche, und es 
bleibt die Möglichkeit, daß die Komposition c. 58 — 60 doch wesent- 
lich von der Hand unseres Verfassers stammen könnte. 

Damit gelangen wir zum Schluß des Buches. Daß in c. 66 
— 69 2 ) eine Reihe von wenig bedeutenden Erzählungen aufge- 
nommen sind, die in dem Milieu von Ankyra spielen, deutet, 
gerade wenn wir die bisher konstatierten Quellenverhältnisse des 
Buches überschauen, auf die Annahme, daß in der Tat Palladios 
G-alates, der spätere Bischof von Aspona in GJ-alatien, der Verfasser 
sein dürfte. 

c. 70 die Erzählung aus Caesarea in Palästina, daß eine 
schwanger gewordene Jungfrau einen Lektor fälschlich bezichtigt 
und dann nicht gebären kann, — ist eine echte Wanderanekdote. 
Wir finden sie in den Apophthegmata von Makarios (Makar Nr. I) 3 ) 
erzählt; auch die koptische Vita des Makarios (Annales du Mus. 
Guimet 25, 70 ff.) stellt sie an den Anfang in dessen Lebens- 
beschreibung. 

Und nun zum Schluß, c. 71 erzählt der Verfasser von dem 
„Bruder", der von Jugend an bis auf den heutigen Tag mit ihm 
zusammen gewesen sei. Es wird allgemein angenommen, daß er 
mit dieser Wendung sich selbst einführt. In unserm Zusammen- 
hang interessiert es uns vor allem, daß er sich hier als nimmer- 
müden Wanderer preist, „106 Städte betrat er und nahm in den 
meisten Aufenthalt" 167 19 f. Dies Bild paßt zu unserm Erstaunen 
herzlich schlecht zu demjenigen, das uns bisher aus den persön- 
lichen Angaben in seinem Buch erwuchs. Danach saß dieser 
„Bruder" ruhig zwei bis drei Jahre in der Umgegend von Alexan- 
dria, ein Jahr auf dem Berg Nitria, neun Jahr in den Zellen (der 
Sketis) ; ein Jahr in Betlehem bei Poseidonios, drei Jahr bei Inno- 
cenz auf dem Ölberg, eine unbestimmte Zeit bei Elpidios in einer 
der. Höhlen von Jericho, vier Jahr bei den Mönchen in Antinoe ! 



1) Athanasios ist zwar auch nicht nach Antione verbannt gewesen, könnte 
aber in der Zeit seiner Flucht 356 — 362 sehr gut auch vorübergehend in Antinoe 
gewesen sein. Die Pachomios - Vita (Acta Sanctorum Mai) c. 88 erzählt, daß er 
zu der Zeit in den Pachom-Klöstern der Thebais gesucht wurde. Vgl. c. 92: 
Zusammentreffen Theodors mit Athanasios. 

2) Vgl. hier 163 16 ^aaxoüvxes ttjv üs #eov Giocppoauvrjv 163 14 daxTjxixcuxaTov 
ßfov xal au) cppova. 

3) Eine entferntere Parallele vgl. unter Nikon, Migne 65. 309. 

14* 



204 Wilhelm Bousset, 

Ist dieser „Bruder" dann weiter Palladios gewesen, so 
war er zum mindesten seit 400 Bischof, war 405 auf einer Reise 
nach Rom, aber nicht als freier Wander smann, sondern im Auf- 
trage des Chrysostomos, dann 406 in der Verbannung in Syene, 
später aber wieder in seinem Bischofsamt. In diese Bischofs- 
und Verbannungszeit wird man doch jenes Wanderleben nicht 
unterbringen wollen. Wo bleibt dann Platz für dasselbe?! Nach 
den Angaben des Prooemiums 9 12 ff. war er dreizehn Jahre Mönch, 
bevor er Bischof wurde. In diesen Zeitraum können wir ja nicht 
einmal die Jahre unterbringen, die er nach seinen bestimmten An- 
gaben bei andern Mönchen gewohnt haben will, selbst wenn wir 
die vier Jahre in Antinoe (!) auf seine Verbannungszeit in Syene (!) 
in Anrechnung bringen. Und nun soll er noch 106 Städte durch- 
wandert haben ! Oder soll sich diese Wanderschaft auf seine vor- 
mönchische Jugendzeit beziehen ! Aber er schildert doch wohl in 
c. 71 den „Bruder" als Mönch; eines weltlichen Reiselebens hätte 
er sich wohl kaum gerühmt. 

Es gibt kaum eine andere Rettung aus dieser Not, als die 
Erkenntnis, daß ein gut Teil der scheinbar persönlichen Notizen, 
die über die ganze Historia verstreut sind, zum novellenhaften 
Aufputz gehören und nicht ernst zu nehmen sind, vielleicht sogar 
z. T. aus der Quelle des Verfassers abgeschrieben sind. — Es soll 
damit nicht das Verdikt über alle Ich -Stücke der Historia ge- 
sprochen werden; wir haben im Lauf der Untersuchung den Ver- 
such gemacht, zu scheiden. Was wir haben ist Dichtung und 
Wahrheit, die kaum noch überall von einander zu trennen sind. 
So wird alles mit Vorsicht zu behandeln sein. Das Leben des 
Palladios wird man aus Notizen außerhalb der Historia zu rekon- 
struieren haben. Nach dem Brief des Epiphanios 1 ) an Johannes 
von Jerusalem war Palladios Gralates im Jahr 394 bei Johannes 
von Jerusalem, Epiphanios warnt jenen vor diesen. Dann tritt 
er im Mai 400 als Bischof von Helenopolis auf einer Synode in 
Konstantinopel auf, war (nach dem Dialog) 405 in Sachen des 
Chrysostomos in Rom, ging 406 in die Verbannung nach Syene, 
ist dann später Bischof von Aspona und schrieb um 420, oder 
etwas früher, wenn wenigstens hier auf die Angaben des Prooeniums 



1) Bei Hieronymus cp. 51 9. Preuschen, Palladius und Rufinus 243 hat Recht, 
dies Datum zu betonen, aber der Versuch ist hoffnungslos, damit die Daten der 
Historia vereinigen zu wollen. Die Annahme einer Verwechselung zweier Palladii, 
die letztlich Butler II 242 unter Widerruf seines früheren Verdikts im Anschluß 
an einen Artikel von Wittig vorschlägt, ist eine Auskunft der Verzweiflung. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 205 

der Historia Verlaß ist, sein Werk. Wenn wir hinzufügen, daß 
er ein Schüler des Euagrios war, zum Kreise der Isidoros, Dios- 
koros, Ammonios gehörte, ein Anhänger des Chrysostomos war, 
so ist damit ungefähr alles gesagt, was wir wirklich von ihm 
wissen. 

Sein Werk aber hat er auf Grund von älteren Quellen ge- 
schrieben. Als solche traten mit Sicherheit oder mit mehr oder 
minder Wahrscheinlichkeit heraus: 

1) Eine Sammlung von Erzählungen über die Mönche der 
sketischen Wüste 1 ). 

2) Material aus der Pachomiosüberlieferung, 

3) ein Katalog syrischer Heiliger mit kurzer Charakterisierung. 

4) — vielleicht — eine Sammlung von Lebensbeschreibungen 
heiliger Frauen. 

Anhang. 

In dem großen Sammelwerk, das man als eine Zusammen- 
stellung klassischer Mönchs Urkunden bezeichnen kann, dem Para- 
dies der Väter von Anan-Jesu, findet sich an zweiter Stelle, hinter 
der Historia Lausiaca ein Stück mit der Überschrift „Greschichten 
der Einsiedler- Väter von demselben Palladios" 2 ). 

Die Zusammensetzung dieses Werkes resp. dieser Kompilation 
von Überlieferungen ist in den einzelnen Handschriften eine sehr 
verschiedene, wie man aus der Gegenüberstellung zweier der wich- 
tigsten Zeugen des Codex Vaticanus (Syriacus CXXVI) und dem 
Codex Budge bei Butler Lausiac-History I 79 ersehen kann. 

Mit dem Vaticanus scheint der Hauptzeuge Bedjans die Pa- 
riser Handschr. Nr. 317 im wesentlichen übereinzustimmen. Da 
die uns interessierenden Erzählungen im Vaticanus und Parisinus 
stehen, können wir uns darauf beschränken, eine Analyse der 
Komposition dieses Stückes zu geben, wie es bei Bedjan vorliegt. 

Die Kompilation beginnt mit zwei Stücken der Historia Lau- 
siaca p. 193 — 200 3 ), es folgen 6 Greschichten, deren Parallelen sich 

1) Auch die Anekdoten, die der Verfasser von Isidoros und Didymos in den 
ersten Kapiteln zu erzählen weiß, mögen aus der sketischen Apophthegma - Über- 
lieferung stammen. Isidor soll ja nach der Angabe der Historia früher in der 
Sketis gelebt haben. Didymos wird bei Rufin Hist. Monach. 24 unter den sketischen 
Autoritäten genannt. Daß sie hier in dem Milieu von Alexandria erscheinen, ist 
Zufall und hängt nur mit dem Gang seiner Lebenserinnerungen resp. der Novellen, 
die der Verfasser hier vorträgt, zusammen. 

2) Ausgabe von Bedjan, Acta martyrum et sanctorum VII 1897, p. 193—329. 

3) Die Erzählung von dem Asketen Markos aus Histor. Laus. 18 (Butler 
p. 56 3—io) und die von Eulogios und dem Krüppel H. L. 21. 



206 Wilhelm Bousset, 

zumeist in den verschiedenen Sammlungen der Apophthegmata 
wiederfinden p. 200—218, darauf wiederum Partien aus der Hist. 
Laus. : Adolios c. 43 (hier Aurelios), Moses der Aethiopier (c. 19), 
Pior und Moses der Libyer (c. 39), p. 218 — 226; dann wieder ein 
Stück aus den Apophthegmata 226 — 231 j ), das Leben des Eua- 
grios 2 ) (Hist. Laus. c. 38) 231—236, das Leben des Malchus 2 ) 
(Hieronymus) p. 236 — 251 ; von da an nur noch Stoffe aus den 
Apophthegmaten p. 251 — 326, unter ihnen, die uns interessierenden 
beiden Geschichten von Stephanos und Eukarpios (p. 292 — 300), 
bis wir dann zum Schluß p. 326 noch das letzte Kapitel der Hist. 
Laus, nebst einem Satz aus dem Schlußwort finden. 

Nun hat Butler über die der Historia Lausiaca entlehnten 
Stücke bereits Licht verbreitet. Er hat nachgewiesen, daß der 
Redaktor des zweiten Teiles vom Paradies des Anan-Jesu die- 
jenigen Geschichten, die in der Rezension der Hist. Laus, des 
ersten Teiles fehlten, aus einer anderen Rezension und nach einer 
andern syrischen Übersetzung hier nachträglich eingefügt hat, 
(vgl. I p. 79 f. 86 ff.)J 

Die übrigen Stoffe hat er nicht näher untersucht, sondern 
sich mit der Bemerkung begnügt, daß sie z. T. aus der griechischen 
Sammlung der Apophthegmata stammten, zum Teil von ihm nicht 
hätten identifiziert werden könen (p. 79). Da mir die Identifikation 
für die weitaus meisten Stücke gelungen ist, so gebe ich meine 
Liste und bemerke dazu, daß ich die Stücke bei Bedjan nach den 
Seiten bezeichne, auf denen sie beginnen, die griechischen Apo- 
phthegmata nach Namen der Väter (die in alphabetischer Folge ge- 
ordnet leicht bei Migne Patr. Gr. 65 auffindbar sind) und Nummer 
zitiere, die Erzählungen der lateinischen Vitae Patrum 3 ) nach 
Buch, Kapitel und Nummer. 

Es stellen sich folgende Parallelen heraus: Bedjan p. 200?; 
p. 209 ? 4 ); p. 210 = V 16, 18; p. 216 m III 26; p. 217 = ßo- 
maios 2 = V 16, 17; p. 217 = V 5, 20 III 8; p. 226 == V 5, 41; 
p. 251 = Makar 2 = VI 3, 4; p. 252 = VI 3, 10 ; p. 254 = VI 3, 12 ; 
p. 259 = VI, 2, 15; p. 260 = VI, 3, 9; p. 261 = Makar 33 = 
VI 3, 2; p. 263 5 ) = Bessarion 12; p. 265 5 ) = Bessarion 1-5 6 ); 



1) Nach Butlers Inhaltsangabe scheint es im Vaticanus zu fehlen. 

2) Die beiden Stücke stehen nicht im Vaticanus, wohl aber in der Hand- 
schrift Budge. 

3) Vgl. Rossweyde, am bequemsten ia dem Abdruck bei Migne, Patrol. Lat. 73. 

4) Doch vgl. die kurzen Andeutungen in V 14, 16 und Ammon Nitr. 3. 

5) p. 263 + 265 = VI 2, 1—4. 

6) Das Sondergut p. 267 ist = Makarios 15. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 207 

p. 268?; p. 272 Yita Sanctae Marinae 1 ); p. 277 ?; p. 278 ? 
p. 285 = VI 1, 15; p. 292 Stephanos; p. 296 Eukarpios 
p . 300 = V 5, 26; p. 301 ?; p. 302 = Migne 74, p. 378 Nr. 3 2 ) 
p. 303 = V 5, 38; p. 305 = V, 5, 35; p. 306 = Serapion 1 
p. 307 = Joan. iv c. xsXXtoi?; p. 308 = Apollos 2; p. 309 = Ni- 
kon 3 ); p. 310 Makarios 1; p. 313 = Daniel 8; p. 314 = Makar 3 
= V, 18, 9; p. 316 Dublette zu p. 314 4 ); p. 322 = Makarios 5; 
p. 322 = Paulos a7:Xoö;. — 

Man wird über diese Apophthegmaten-Sammlung ähnlich urteilen 
wie über die Stoffe aus der Historia. Sie scheinen eine Nachlese 
zu den dann folgenden größeren Sammlungen darzustellen. Neben 
einigen wenigen Stoffen harmloser Natur, deren bisheriges Ver- 
schwinden aus der Tradition dem Zufall zu verdanken sein wird, 
begegnen wir zumeist Erzählungen von bizarrem 5 ) oder anstößigem 
Gehalt 6 ), Berichten von enthusiastischen Visionen, merkwürdigen 
Wundern und derartigem. Diese Erzählungen scheinen zunächst 
eben wegen ihres Inhalts von der Überlieferung mißgünstig be- 
handelt zu sein. Ein eifriger Sammler hat sie dann doch wieder 
zusammengebracht. Hier stehen nun am passenden Ort auch die 
beiden uns interessierenden Geschichten. Ich lasse zunächst eine 
Übersetzung folgen: 

Bedjan p. 292: Über Stephanos, jemanden, der in 
schändliche Ausschweifung fiel. — Es war ein Mann in 
der Sketis mit Namen Stephanos. Der wohnte zehn Jahre in der 
Wüste. Und er war mit einer Matte bekleidet 7 ). Und er wan- 
delte dergestalt in Askese und Beharrlichkeit, daß er endlich 
nichts von dem, was begehrenswert und mit Annehmlichkeit ver- 
bunden war, dulden wollte. Er tadelte nun viele, die wegen Er- 
krankung eine Suppe oder einen Trunk Weines genossen. Es 
wurde ihm aber die Gabe der Heilung verliehen, sodaß er durch 
das Wort Dämonen austrieb 8 ). Einmal kam jemand, der einen 

1) = Vitae Patrum I. Migne 73, 691 ff. 

2) In einem Anhang (c. 20) zu einer Redaktion der Historia Lausiaca. Der 
Anhang enthält ausgesprochenen Apophthegmaten-Stoff. 

3) In Syr. Kosmos genannt. 

4) Stark verändert und umgebildet. 

5) Vgl. die Erzählungen, die mit V. Patr. VI 2 u. 3 parallel laufen, zumeist 
Berichte von absonderlichen (nackten) Heiligen. 

6) Vgl. die Geschichten, die mit Stücken aus V. Patr. V 5 sich decken. 

7) Vgl. Ammonas 4 : tjv Tis "j^ptov tcovcxo; eli tu xiXkia cpopüiv <|>ia'tkov. Diese 
notdürftige Bekleidung mit einer Matte ist in Zusammenhang zu stellen mit der 
in unserem Milieu häufigen Erscheinung vollständig nackter Heiliger. 

8) Der bekannte Zug, daß der Asket die Gabe des Wundertuns bekommt. 



208 Wilhelm Bousset, 

unreinen Geist hatte, in die Sketis und bat, daß er geheilt würde. 
Und als er jenen Mann sah, der von dem Dämon hart gequält 
wurde, verrichtete er über ihn ein Grebet und heilte ihn. — Der 
wurde nun am Ende von der göttlichen Vorsehung verlassen, 
wegen seines unmäßigen Stolzes und Hochmutes. Es kam ihm 
nämlich der Gedanke, wie er in seinem Wandel die übrigen 
Väter übertreffe. Und zunächst trennte er sich von der Bruder- 
schaft 1 ). Und er ging hin und wurde Vorsteher in einem von 
den Klöstern Alexandrias 2 ). Denn er sprach in seinem Über- 
mut: Soll ich mich dem Makarios 3 ) unterwerfen? Oder ist nicht 
mein Wandel besser als der seinige? Er kam aber so weit in 
seinem Wahnsinn, daß er nach Alexandria 4 ) ging und der Un- 
mäßigkeit und Trunksucht verfiel und dem Fleischgenuß und 
sich außerhalb der Ordnung der Reinen 5 ) (?) stellte. Und zum 
Schluß fiel er und geriet in die Grube der Weiberlust, 
indem er beständig mit Huren verkehrte und in den Schank- 
stättten der Krämer 6 ). Er hing sich an die Huren und ohne 
Scheu und schamlos gab er sich der Lust hin, daß er zum Gespött 
aller seiner Bekannten wurde. Er entschuldigte sich aber bei 
denen, die ihn kannten und sprach: Den Vollendeten ist kein Ge- 
setz geben. Und er sprach: Ich tue das wahrlich ohne Leiden- 
schaft 7 ). Und nicht ist die Hurerei etwas Hassens wertes, Häß- 
liches, auch ist sie keine Sünde. Denn von Gott ist Mann und 
Frau geschaffen. 



Vgl. aus dem Abschnitt der Hist. Laus., mit dem unsere Erzählungen zusammen- 
gehören c. 24 , p. 77 14 : ouxo? tl$ dxpov yevöjxevoc d a x 7) t tj s -x.cn Siaxptxtxo? 
xcm)£tu>i}T] yapta(xaxos .... 

1) Vgl. H. L. 25, p. 80 8—n. 26, p. 81 10— n. 27, p. 83 4—5. Die in diesen 
Kapiteln immer wieder hervorgehobene Verweigerung der Teilnahme an der Eu- 
charistie wird in unserer Erzählung nicht besonders hervorgehoben. 

2) Der Übertritt in das Klosterleben gilt hier fast schon als der Beginn 
des Falls. Diese leise Polemik gegen die Koinobien, die hier zum Ausdruck 
kommt, ist charakteristisch für das Milieu des sketischen Anachoretentums. 

3) Vgl. die Empörung des Valens gegen Makarios „unsern Priester" c. 25, 
p. 79 14 ff. 

4) Auch Heron geht nach Alexandria 82 5, Ptolemaios treibt sich in „Ägypten" 
(d. h. außerhalb der Sketis) herum) 83 8. 

5) xd£is Tuiv xadap&v oder auch xwv Xoyix&v. Das sich hier findende syrische 
Wort ÜA» kann beide Bedeutungen haben. 

6) c. 26, 82 9 (Heron) xat xds Staxpißd; efyev iv xotTnrjXefois- ouxu>« oe yaaxpi- 
{xapYwv xal ofoocpXoyäiv iv^eaev eis xov ßdpßopov xrjs yuvau£(a; IttiOu jj. £a ;• 
C. 27, 83 8 : eauxov BeSioxws yaaxpipi.apyia xal o^vocpXuyia. 

7) Dieser charakteristische Zug „gnostischen" Libertinismus hat in den 
verwandten Kapiteln der H. L. keine Parallele, höchstens, daß man das An- 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 209 

Wir kamen nun eines Tages nach Alexandria, ich und der 
selige Euagrios, wegen einer Sache, die uns dorthin gerufen. 
Und es waren vier Brüder mit uns. Da wir nun am Markt der 
Stadt vorübergingen, traf er uns zufällig, wie er gerade mit einer 
Hure wegen eines schändlichen Gelüstes sprach. Als nun der 
selige Euagrios ihn sah, weinte er und fiel ihm zu Füßen und be- 
zeugte ihm Verehrung. Er nun beugte sein Haupt auch nicht im 
Geringsten. Vielmehr in maßlosem Stolz und Hochmut hub er an 
und sprach: Was wollen die Heuchler und Verführer hier?! Der 
selige Euagrios flehte ihn an, daß er mit ihnen in eine Herberge 
gehe. Er aber wollte durchaus nicht. Als er sich nun mit Mühe 
hatte überreden lassen, daß er mit uns ginge, fiel ihm der selige 
Euagrios um den Hals und küßte ihn und weinte und sprach zu 
ihm: Von all der Arbeit der Engel 1 ) hast du dich bis zu der 
ganzen Tiefe der Bösen (Weiber) erniedrigt; vom Verkehr mit 
Gott hast du dich zum Verkehr mit den Huren gewandt. Anstatt 
des Wandels und Dienstes der Engel hast du den Wandel der 
Dämonen erwählt. Aber wenn auch der Satan bis zu diesem 
Sturz dich demütigen konnte, so bitte ich dich doch und flehe dich 
an, daß du die Hoffnung der Erlösung nicht zerstörst (dwcoxdwtetv). 
Vielmehr auf! — komm mit uns in die Wüste. Und es wird 
durch die Hülfe des barmherzigen Gottes dahin kommen, daß du 
wiederum zu deiner früheren Ordnung umkehrst. Jener nun war 
durch den Satan so gewöhnt an seine Denkweise, daß er nichts 
von dem, was zu ihm gesprochen wurde, verstand und hörte, auch 
nichts darauf antworte. Er sprach zu Euagrios: Ich war bis zur 
Stunde im Irrtum befangen. Aber jetzt habe ich in Wahrheit 
den Pfad (6Sö?) gefunden ! Und er begann die Väter zu verspotten 
und sprach: Ihr seid in Wahrheit die Irrenden und mit diesem 
Lügenkleid sitzt ihr in der Wüste um der Menschen und nicht 
um Gottes willen. Und ihr seid für die Besucher gleich ge- 
schmückten Götzenbildern, und die Menschen beten euch an. Und 
so, voll von Stolz und Hochmut des Satans, verachtete er die 
Väter und brach auf, zu gehen. Er nun der selige Euagrios und 
alle die Brüder weinten und waren sehr betrübt über ihn. 



deutende Trepi&reaev (sc. Heron) ydp r/.ououo; zf t d 5 tacpo p i'a p. 87 7 heranziehen 
könnte. Vgl. über den hier'so deutlich vorliegenden Zusammenhang zwischen 
Askese und dem Libertinismus des ^Vollendeten", Reitzenstein 194 3. 

1) Zu dieser bekannten Gleichsetzung der Mönche mit den Engeln vgl. z. B. 
Rufin, Hist. Mon. 1, p. 401 D. : utpote qui in corpore adhuc positus ad instar 
angelorum incorporeae vitae fungeretur officiis. Vgl. Reitzenstein, Sitzungsber. d. 
Heidelb. Akad. 1914, S. 22 f. 



210 Wilhelm Bousset, 

Der aber führte eine Jungfrau, die eine Waise war und Ein- 
siedlerin und keusch, unter dem trügerischen Vor wand in sein 
Haus, daß er ihr Unterstützung durch Almosen in dem, wessen 
sie bedürfe, verschaffen wolle, in Wahrheit aber ((JLäXXov 8k) um 
seine Lust an ihr zu befriedigen. Und als er in dieser Erniedri- 
gung eine Zeit von zwei Jahren verharrt, kamen am Ende Räuber 
in der Nacht über ihn, und banden ihn und schlugen ihn schwer und 
heftig, bis er alles was er in seinem Hause hatte zum Vorschein 
brachte und vor sie hinlegte. Und am Ende schlössen sie ihn und 
die, mit der er sich der Lust hingab, in einen Raum, in dem er 
wohnte, ein. Und als sie die beiden eingesperrt, legten sie Feuer 
an das Haus, und so verbrannten die beiden und starben einen 
bittern Tod. Und es erfüllte sich an ihnen, was von dem Lehrer 
der Völker gesagt ist: xoti Ttaftox; 00% §5oxiu,aaav töv ■freöv s^etv Iv 
hnpAcnii TrapeScDxev abzobq 6 -ftsö«; sie a§öxt[iov voöv (Rom. I28) toö 
auu,dCsa&ai xa aw^a-ca aoiwv Iv aoTOts (I24), tyjv avti[uod-iav y)v MSet 
T7j<; 7:Xdv7j<; aot&v sv eaoiois aTuoXaußdvovTac (1 27) 1 ). Denn der Feuer- 
brand hier ist nur ein Unterpfand (dppaßwv) jenes Feuers, das alle 
Übeltäter quält. Das ist es, was sich mit Stephanos ereignete, 
weil er sich von der Bruderschaft getrennt 2 ) und in seinen Ge- 
danken sich überhoben und gemeint hatte, daß er vollkommen 
(leXsto*;) sei. 

• Weiter über Eukarpios. Es war weiter in der Wüste 
ein Mann mit Namen Eukarpios. Der verbrachte achtzehn Jahre 
in der Zelle eingeschlossen, und andere brachten ihm seinen Lebens- 
bedarf. Er bewahrte fünfzehn Jahre Stillschweigen, indem er 
überhaupt mit keinem Menschen sprach. Viemehr, wenn er einer 
Sache bedurfte, schrieb er es auf eine Tafel und gab (es) denen, 
die ihn bedienten 3 ). So tat er (auch), wenn jemand ihm um ein 
Wort bat oder mit ihm sprach. Seine Speise war angefeuchtetes 
Kraut und Misch - Gremüse 4 ). Denn mühsam (rcovwoc) war seine 
Lebensführung über alles Maß. 



1) Vgl. die formell ähnlichen Schriftbetrachtungen H. L. 25, 80 23 f. und 
27, 83 10 f. Vor allem vgl. das ähnliche Konglomerat von Römerbrief stellen am 
Schluß von c. 47, p. 142 3—9, (Rom. 1 28. 1 21. 26). 

2) s. 0. 131i. 

3) Wir haben hier eine klassische Schilderung des eigentlichen £yxXetap.oc 
Dieser ist im großen und ganzen dem sketischen Mönchstum mit seinem freien 
Zellenwesen, bei dem der gegenseitige Besuch der Mönche eine Rolle spielt, fremd. 
Aber es handelt sich hier ja auch um eine besonders strenge Form der Heilig- 
keit, die von vornherein als bedenklich geschildert werden soll. 

4) Derselbe Ausdruck )«.^r> (dort Jdow) )*>;- ist Bedjan p. 360 Z. 1. Über- 
setzung für Actyava ö'ivdexa (lat. Text olera composita). 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 211 

Am Ende trieben auch mit ihm die Dämonen ihr Spiel des 
eitlen Gedankens wegen, der über ihn kam. Zuerst löste er sich 
vou der Gemeinschaft und dem Verkehr mit den Brüdern und von 
der Meditation der heiligen Schriften 1 ). Und tat nichts anderes, 
als daß er beständig betete. Er überhob und rühmte sich in 
seinen Gedanken und meinte, daß er vollkommen sei, da er 
ja um der Reinheit seines Herzens willen beständig 
Gott mit seinem Geist (voöc?) schaue 2 ). Er aber, der 
auch ihn versuchte, wie den seligen Hiob, erschien ihm in einer 
der Nächte , Satan in Gestalt eines Feuerengels und sprach zu 
ihm : Ich bin der Messias 3 ). Eukarpios nun, da er ihn sah, meinte, 
daß das Gesicht wahr sei, fiel nieder und betete ihn an und sprach 
zu ihm. Was befiehlt mein Herr seinem Knecht? Sprach zu ihm, 
der ihm erschienen war: Weil du viele in deinem Wandel über- 
troffen und alle meine Gebote bewahrt hast, so ist mein Begehren, 
Wohnung bei dir zu nehmen. Aber nunmehr da du vollendet bist, 
so ist es nicht nötig, daß du dich weiter einschließt, auch ziemt es 
sich für dich nicht, daß du das Schweigen bewahrst. Sondern du 
sollst alle Brüder lehren, daß sie sich nicht mit dem Lesen der 
Schriften und dem Dienst (XeiToopfia) der Psalmen beschäftigen, 
und daß sie sich nicht mit körperlichen Arbeiten abmühen, und 
daß sie sich nicht abquälen mit Fasten und mit Hunger und mit 
Wachen, vielmehr daß sie sich abmühen mit Arbeiten der Seele, 
so daß sie imstande sind sich allmählich auf eine hohe Stufe zu 
erheben und mich beständig im Geiste schauen 4 ). Und ich will 
ihnen meine Herrlichkeit zeigen. Und dich, weil du alle in deinem 
Verhalten übertroffen hast, siehe so mache ich dich heute zum 
Haupt und Führer über alle Einsiedler, die in der Sketis wohnen. 
Denn nicht taugt Makarios 5 ) dazu, ein Führer wie du zu sein. 
Eukarpios nun wurde um so stolzer und hochmütiger in seinen 
Gedanken, und glaubte und vertraute der Täuschung des Betrügers, 

1) Auch hier ist von der Eucharistie nicht die Rede, wie das in den 
übrigen verwandten Kapiteln der Hist. der Fall ist. An Stelle dessen tritt hier 
das neue Moment der Schrift-Meditation ein. 

2) Hatten wir in der ersten Erzählung den Wundertäter, so ist hier der 
xeXetoc der Visionär. Zur xa&apor/js ttj? xapStes als Bedingung der Gottesschau 
vgl. etwa Euagrios Centur. III 5. VI 67. Zusatzkapitel 45 S. 461. (Frankenberg, 
Euagrius Ponticus, Gott. gel. Abh. XIII 2). 

3) Auch dem Vales (c. 25) erscheint der Satan in Gestalt des Erlösers. 

4) Auch hier ist die Vorstellung wie im vorhergehenden Stück, daß die 
TeXeioxTjs allen äußerlichen Mühen der Askese ein Ende bereitet. Der Vollendete 
ergibt sich der seligen Gottesschau. 

5) s. o. 1313. 



212 Wilhelm Bousset, 

und sein Geist wurde von ihm erregt, und er nahm Schaden an 
seiner Seele, mit dem Augenblick, da er den Teufel angebetet 1 ). 

Am folgenden Tage geschah es, daß eine Versammlung in der 
Kirche stattfand. Und der Satan erschien dem Eukarpios zum 
zweiten Mal und sprach zu ihm: Grehe heute, da alle Brüder sich 
versammeln, hin und lehre sie alles, was ich dir in vergangener Nacht 
befohlen habe. Eukarpios nun öffnete die Tür seiner Zelle, in der 
er sich eingeschlossen hielt, (pl%o<; toö s-pdsiofioö) und kam heraus, 
in die Kirche zu gehen. Es traf sich nun, daß A. Johannes 2 ) zur 
Seite der Kirche saß, und die Brüder umgaben ihn und fragten 
ihn über ihre Gedanken. Als nun Eukarpios kam und den Jo- 
hannes sah, wie ihn die Brüder umgaben, wurde er von Neid 
gegen ihn erfüllt und hub an und sprach zu Johannes mit Hoch- 
mut und bösem Gewissen: Warum schmückst du dich und sitzest 
wie eine Hure, die ihre Liebhaber zahlreich macht 3 ). Oder wer 
hat dich verordnet, daß du Lenker für die andern seiest, da doch 
ich der Führer bin? Die Brüder nun, wie sie es hörten, erregten 
sich und sprachen: Und wer hat dich zum Führer in der Sketis 
gemacht? Es sprach Eukarpios zu ihnen: Ich wurde in ver- 
gangener Nacht vom Messias zum Führer gemacht. Künftighin 
wendet euch mir zu und ich will euch den Weg weisen, so daß 
ihr leicht auf ihm zu der hohen Stufe 4 ) herrlicher Schau 
emporsteigen könnt. Künftig sollt ihr nicht mehr hinter den 
Schriften des Euagrios 5 ) her irren, und sollt nicht mehr auf die 
Worte des Johannes hören. Genug ist für euch des Irrtums bis zu 
dieser Stunde. Und er begann die Väter zu schmähen. Den Ma- 
karios nannte er einen geschmückten Götzen, den die Irrenden an- 
beten, ohne daß er im stände sei die Brüder zu den himmlischen 



1) Auch in der Geschichte Herons p. 80 5. 9 liegt der Akzent auf der An- 
betung des Teufels. Mit ihr zieht der Wahnsinn in das Herz Herons ein. 

2) Gemeint ist hier, wie aus dem folgenden ersichtlich, Joannes Kolobos, die 
berühmte sketische Autorität. 

3) Die kleine Scene ist auch, für sich allein und ohne daß der Name des 
Eukarpios erwähnt ist, überliefert in der eigentlichen Apophthegmatasammlung 
im Paradies unter Nr. 502, Bedjan p. 638. — Eine entferntere Parallele steht 
im griechischen Text unter Joannes Kolobos 8. 

4) Wenn hier zum zweiten Mal (s. o. 134 4) von „einer hohen Stufe" in 
Verbindung mit der Schau die Rede ist und hier noch deutlicher gesagt wird, 
daß man zu dieser Stufe „emporsteigt", so liegen hier offenbar bekannte gnosti- 
sche Theorien über die Auffahrt der Seele durch die Himmel vor. 

5) Zur Polemik gegen Euagrios hier und weiter unten vgl. c. 26 (Heron) 
p. 81 5 oi 7iei&o(jL£vot T^j SioocaxaXia cou änoLZÜvzai. ou ^prj fap SioacxaXot? siepoic 
7rpoa£y_etv zapexxos xoü Xptaxoü. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 213 

Dingen zu führen. Und den Euagrios nannte er einen Wort- 
drechsler, der fürwahr die Brüder hinter seine Schriften her in 
die Irre führe und sie von ihren geistigen Arbeiten abbringe. 
Und die Dämonen trieben ihren Spott mit ihm, daß sie ihn 
emporhoben und wieder zur Erde fallen ließen 1 ). Das alles war 
es, wodurch Eukarpios zu Fall kam, weil er die Brüder tadelte 
und verachtete und nicht über die heiligen Schriften und die Lehre 
der Väter nachsinnen wollte. 

Zum Schluß von alledem, da die Väter sahen, daß er an seiner 
Seele Schaden genommen, legten sie ihn in Ketten und sperrten 
ihn ein 2 ). Und es geschah, als sie ihn in Ketten gelegt, da brachten 
die heiligen Väter für ihn das Gebet dar die ganze Zeit von elf 
Monaten 3 ). Und darauf kehrte seine Vernunft zu ihm zurück, und 
so wurde er von seinem Hochmut geheilt, und er merkte seine 
Schwäche und erkannte weiter seine Krankheit, wie die Dämonen 
ihren Spott mit ihm getrieben. Und es erfüllt sich an ihm, was 
gesagt ist 4 ): ein veraltetes Geschwür wird durch Brennen geheilt. 
Und du fürwahr, die du erhöht wurdest bis zum Himmel , wirst 
bis in den Hades erniedrigt werden (Mtth. 11 23). Er lebte nun, 
nachdem er von seinem Hochmut geheilt war, ein Jahr und einen 
Monat 5 ), während die Väter ihm befahlen, den Kranken zu dienen 
und den Armen die Füße zu waschen, und so entschlief er. 

Wie hat man über das Verhältnis dieser beiden Erzählungen 
zu dem Abschnitt Historia Lausiaca 24—27 zu urteilen? Die 
wichtigste Beobachtung, bei der wir werden einsetzen müssen, 
ist die, daß in der ersten derselben ein Schüler des Euagrios im 
Wir-Stil berichtet. Das legt uns bei der im übrigen unleugbar 
vorhandenen nahen Verwandtschaft der sämtlichen Erzählungen 
die Vermutung nahe, daß der Erzähler, der hier mit Ich berichtet, 
derselbe sei, oder sein soll, wie der Euagrios - Schüler in Hist. 
Laus. 24 — 27, d. h. der Verfasser der Historia. Daraus ergäbe 
sich nun in der Tat entweder die Vermutung, daß wir es hier 
mit sonst verloren gegangenen, echten Stücken der Historia zu 



1) Vgl. dazu den ersten Berliner Zauberpapyrus Z. 119 und Athanasios* 
Vita d. Anton c. 42 Migne 904 C. (Reitzenstein, Sitz.-Ber. d. Heidelb. Akad. 1914 

Nr. 8, S. 37). 

2) Das ist die übliche Gewaltkur, die man derartigen Ekstatikern ange- 
deiheu ließ. c. 25, p. 80 12 tote SrjöavTes aüxöv ol -a-repe? xai aiorjpuxJavTe; i~\ Sros 
ev dcTreDepaTeusav. 26 p. 81 10: xai auxo? iaxoTwdr) w« xai auxov uaxeoov aiOTjpwftrjvca. 

3) Vgl. die vorige Anmerkung: eVi e~o;. 

4) Zu der Schriftbeleuchtung am Schluß, s. das oben S. 133 l Bemerkte. 

5) Sehr lange hat Eukarpios jene väterliche Gewaltkur nicht überlebt. 



214 Wilhelm Bousset, 

tun haben, oder daß in unsern Erzählungen eine freie Erfindung 
und Nachahmung vorläge, zu der die kurze Andeutung Hist. Laus. 
47 p. 137 n f. Veranlassung gegeben haben würde. 

Zu Gunsten der einen wie der anderen Annahme ließe sich 
vor allem auch auf die zahlreichen Berührungen unserer Er- 
zählungen mit Hist. Laus. c. 24 — 27, die in den Anmerkungen 
bereits hervorgehoben wurden, hinweisen. Diese erstrecken sich 
nicht blos auf den allgemeinen Gang der Erzählungen, das 
würde bei dem verwandten Stoff nicht weiter auffallen. Selbst 
daß hüben und drüben die gleichen Autoritäten der Sketis, Ma- 
karios und Euagrios, angegriffen und beleidigt werden, dürfte 
sich aus dem gleichen Milieu der Geschichten erklären. Aber die 
Übereinstimmung geht auch bis in die Einzelheiten des Wort- 
lautes — man vergleiche z. B. die Schilderung des lasterhaften 
Lebenswandels des Heron und des Stephanos in Alexandria. Und 
bedeutsam ist endlich auch die Beobachtung, daß die Erzählungen 
von Vales, Ptolemaios, Stephanos, Eukarpios sämtlich mit Schrift- 
betrachtungen, wie wir sahen, schlössen 1 ); noch bedeutsamer, daß 
das mit c. 24 — 27 ja unmittelbar zusammenhängende c. 47 mit 
einem Konglomerat von Sprüchen aus dem ersten Kapitel des 
Römerbriefs schließt, das sich in etwas veränderter Form am 
Schluß der Stephanoserzählung wiederfindet 2 ). 

Andererseits scheint mir doch der Schluß unmöglich zu sein, 
wir hätten es in den Erzählungen von Stephanos und Eukarpios 
mit freien Erfindungen auf Grund von c. 24 — 27 und 47 zu tun. 
Damit bliebe zunächst einmal das Rätsel, das uns die seltsame 
Rückweisung in c. 47 bietet, wieder ungelöst. Wir würden dann 
etwa den neckischen Zufall anzunehmen haben, daß der Verfasser 
der Historia einmal zwei Geschichten von Stephanos und Eukar- 
pios kannte und zitierte, daß diese dann verloren gegangen und 
an ihre Stelle freie Erfindungen getreten wären. Vor allem aber 
spricht gegen diese Annahme der in so vielfacher Hinsicht ori- 
ginale und unableitbare Charakter unserer Erzählungen. Ich zähle 
die schon hervorgehobenen wichtigsten Einzelzüge noch einmal 
auf: Die Bekleidung des Stephanos nur mit einer Matte, (seine 



1) In den Kapiteln der Historia Lausiaca ist das sonst selten; vgl. oben 
den Schluß von c. 22 (Paulus "der Einfältige) 49 Sisinnios; und auch den Schluß 
des ganzen Buches. 

2) Die Anspielungen auf Rom. 1 81. 26 werden 142 5 durch den Satz ein- 
geleitet: 7iepl 8e Ixipmv Ttvtuv Toiv 8oxo6vTiov e/eiv yvuiaiv #eoü fxsxd 8te<pt}ap[iiv7]? 
YV(i)[j.7j? .... Das sieht doch fast wie eine Rückverweisung auf unsere Stephanos- 
geschiente aus. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 215 

Wundertätigkeit) ; der Übertritt in ein Kloster in Alexandria als 
Anfang eines Falles, die theoretische (gnos tische) Rechtfertigung 
seines lasterhaften Wandels, der Angriff gegen die Mönche als 
die geschmückten Götzenbilder 1 ), die man anbetet; die ausführ- 
liche Schilderung des k^%XsiG[L6c; des Eukarpios , die Entgegen- 
setzung von Schriftmeditation und ständiger gnostischer Gottes- 
schau, die Gegenüberstellung der Freiheit des Visionärs gegenüber 
aller Mühsal geregelter mönchischer Askese, die Anspielung auf 
stufenmäßige Erhebung in der Vision, der Hinweis auf den Ein- 
fluß, den Euagrios durch seine Schriften auf die Mönchs weit aus- 
übt, seine Beschimpfung als eines Wortdrechslers, die treuherzige 
Angabe, daß Eukarpios die Gewalttat der Väter nur um 13 Monate 
überlebt. Das sind so lebenswahre, und für den Charakter eines 
häretischen gnostisierenden Mönchstums so überaus wichtige Züge, 
daß man sich sehr schwer entschließen kann, sie alle der freien 
Erfindung eines Literaten zuzuschreiben. Und wenn auch auf- 
fällige Berührungen zwischen unsern Erzählungen und c. 24—27 
vorliegen, so sind doch auch diese Kapitel selbt untereinander auf 
das engste verwandt. Diese Verwandtschaft könnte ja ebenso gut 
aus einer ursprünglichen Zusammengehörigkeit aller Erzählungen 
hergeleitet werden. 

Damit wären wir wieder bei der Annahme einer ursprüng- 
lichen Zugehörigkeit unserer Erzählungen zur Historia Lausiaca 
angelangt. Aber es genügt wohl, gegenüber dieser Vermutung auf 
die bereits oben (S. 111 f.) hervorgehobenen Bedenken Butlers hin- 
zuweisen. Es würde in der Tat alle unsere Vorstellungen von der 
Textüberlieferung der Historia Lausiaca gründlich über den Haufen 
werfen, wenn wir annehmen würden, daß einige ihrer Partieen in 
der gesamten weitverzweigten Überlieferung verloren gegangen 
wären und sich nur in einem so entlegenen Winkel erhalten 
hätten. 

Gibt es noch eine dritte in Betracht kommende Möglichkeit, 
die zugleich dem Wir-Stil des Stephanos-Stückes gerecht würde? 
Sollten vielleicht die Kap. 24 — 27 nebst unseren beiden Erzählungen 
zu einer Quelle gehören, die aus Euagrios-Kreisen stammte und 
in denen ein Schüler des Euagrios — und zwar nicht der Verfasser 
der Historia Lausiaca — hier und da im Ich-Stil berichtete? Eine 
Reihe dieser Erzählungen führen uns ja in der Tat gerade in den 
Euagrios - Kreis hinein, c. 24 p. 782 gibt sich als eine Über- 



1) Das erinnert etwa an die fulminante hellenische Polemik gegen das 
Mönchstum bei Eunapios, Vitae Sophistarum ed Schott p. 78. Boissonade 2 472. 



216 Wilhelm Bousset, 

lieferung des Ammonios und Euagrios. Heron schmäht den seligen 
Euagrios c. 26 p. 81 5; in unsern beiden Erzählungen tritt dieser 
als eine anerkannte Autorität in den Vordergrund. Auch mit dem 
hier mehrfach erwähnten Makarios steht Euagrios als Schüler in 
engster Beziehung 1 ). Das Kap. 47 der Historia, das sich auf unsere 
Erzählungen zurückbezieht, führt uns wieder mitten in diesen 
Kreis hinein. Daß es umfangreiche Euagriosüberlieferungen ge- 
geben hat, die uns z. T. nur noch in entlegenen Quellen erhalten 
sind, zeigt ein Blick in die koptischen Zutaten der Vita des Eua- 
grios (Preuschen, Palladius und Rufin S. 114—119). 

Und so wäre es doch möglich, daß uns in der Tat mit der 
Existenz der Stephanos - Eukarpios - Erzählung in syrischer Über- 
lieferung ein äußeres Zeugnis für die sich aus der Historia Lau- 
siaca selbst mit aller Wahrscheinlichkeit ergebende Vermutung 
gegeben wäre, daß der Verfasser der Historia c. 24 — 27 eine 
Quelle stückweise benutzte, um diese dann c. 47 nebst den aus- 
gelassenen Stücken zu zitieren. Diese Quelle wäre ein Komplex 
von Erinnerungen und Erzählungen gewesen, die aus dem Eua- 
grios-Kreis stammte und von einem Euagrios-Schüler z. T. im Wir- 
Stil überliefert wurde. Wir werden dann weiter annehmen, daß 
diese Sammlung von Erzählungen sich auch gesondert außerhalb 
der Hist. Laus, in der Apophthegmaten-Überlieferung erhielt. Dem 
Kompilator des zweiten Teiles des Paradieses stand sie noch zur 
Verfügung. Da er aber sah, daß die übrigen Greschichten bereits 
in den ersten Teil der Sammlung der Historia Lausiaca auf- 
genommen waren, so brachte er nur die beiden überschüssigen 
Stücke: die Erzählungen von Stephanos und Eukarpios. 

Wäre diese Vermutung richtig, so könnten freilich auch die 
wenigen Wir -Sätze, die sich in c. 24—27 der Historia finden, 
und die wir oben besprachen, einfach vom Verfasser aus seiner 
Quelle herübergenommen sein. Und man könnte im einzelnen hier 
nicht mehr scheiden. Andererseits wird sich eine persönliche Be- 
rührung des Verfassers der Historia mit Euagrios kaum be- 
zweifeln lassen 2 ), wenn diese vielleicht auch nur eine vorüber- 
gehendere war, als es nach seiner Darstellung erscheinen möchte. 

Ich möchte aber diese Vermutungen mit aller Reserve auf- 



1) Vgl. die capita practica des Euagrios Nr. 93. 94, Migne 40, 1249. In 
den koptischen Vertues de St. Macaire, werden eine Reihe von Makarios - Logien 
durch Euagrios überliefert. Annales du Mus. Guimet 25 p. 137. 157. 160. 
195. 200. 

2) Der Brief des Euagrios 51 (Frankenberg 599) bezeichnet den Pafladios 
als Überbringer eines Schreibens von einem ungenannten Briefsteller. 



Komposition und Charakter der Historia Lausiaca. 217 

gestellt haben. Mit voller Sicherheit wird sich das vorliegende 
Problem kaum lösen lassen. Vielleicht bringen neue literarische 
Funde hier neuen Aufschluß. Jedenfalls haben die interessanten 
Erzählungen von Stephanos und Eukarpios ihren eignen Wert, 
wie man auch über ihre Herkunft denken möge. Und was in dem 
Hauptteil der Abhandlung über den Verfasser der Historia Lau- 
siaca und die eigentümliche Art seiner Quellenbehandlung gesagt 
ist, scheint mir festzustehen, wie man auch über den Zeugnis wert 
der besprochenen Überlieferung urteilen möge. 



Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten, Phil.-hist. KUu»e. 1917. Heft 2. 15 



Zur Geschichte der Sämkhya-Philosophie. 

Von 

H. Oldenberg. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 3. Februar 1917. 

Das hocherfreuliche Erscheinen von Gar b es Buch über die 
Sämkhya-Philosophie in neuer Gestalt gibt Anlaß, eine Reihe von 
Fragen die Geschichte dieser Lehre betreffend wiederholt zu er- 
wägen. Für mich handelt es sich insonderheit darum, Auffassungen, 
die ich in meinem Buch „Die Lehre der Upanisaden und die An- 
fänge des Buddhismus" vertreten habe, gegen Einwürfe Garbes 
zu verteidigen. 

Als vor über zwanzig Jahren dessen „Sämkhya-Philosophie" 
zum erstenmal erschien, war es klar, daß damit der Wissenschaft 
ein Werk von maßgebender Geltung geschenkt war. Diese Stel- 
lung wird dem Buch unzweifelhaft auch ferner verbleiben. Darin 
aber liegt, daß, wer in Einzelfragen von Garbes Auffassungen 
abweicht, die Pflicht haben wird sich mit ihnen auf das sorg- 
fältigste auseinanderzusetzen 1 ). 

Es handelt sich vor allem um die Vorgeschichte, in der sich 
das Sämkhya zu seiner klassischen, insonderheit in der Sänikhya 
Kärikä vorliegenden Gestalt entwickelt hat. Lehren uns die Säm- 
khyapartien älterer Texte — einiger Upanisaden und des großen 
Epos — ein vorklassisches Sänikhya kennen, oder hatte das Särn- 
khya damals, im wesentlichen wenigstens, seine klassische Gestalt 
schon erreicht, vielmehr hat es von Anfang an allein in dieser 
Gestalt existiert, und erklären sich die Abweichungen, mit denen 



1) Garbes „Sämkhya-Philosophie" (2. Aufl.) führe ich im folgenden mit G. t 
mein oben genanntes Buch mit LUAB. an. 



H. Oldenberg, Zur Geschichte der Särpkhya-Philosophie. 219 

es sich in jenen älteren Quellen darstellt, aus der Beimischung 
fremdartiger Elemente? Das erstere ist meine Ansicht 1 ), das 
letztere die Garbes. Im Zusammenhang mit dieser Meinungs- 
verschiedenheit steht eine solche über die Beziehungen des Säm- 
khya zum alten Buddhismus. Einfluß jenes Systems auf die Lehre 
Buddhas scheint kaum zu bezweifeln : ging er von einem vor- 
klassischen oder vom klassischen Sämkhya aus? Ich werde im 
folgenden an erster Stelle die auf die Upanisaden und das Epos 
bezüglichen Fragen prüfen. Dabei hat es sich zu entscheiden, ob 
wir berechtigt sind, für das Sämkhya in seinen Beziehungen zum 
Buddhismus eventuell eine andere Gestalt als die der Kärikä in 
Rechnung zu stellen. 

Zuvörderst also beschäftige ich mich mit den Upanisaden, 
in deren vom Sämkhya beeinflußten Partien Gr., wie erwähnt, das 
klassische Sämkhya zu Grunde liegend findet. Für ihn gibt es 
überhaupt nur dieses Sämkhya. Er schreibt dem System in dieser 
Hinsicht einen gewissen exzeptionellen Charakter zu. „Alle anderen 
Systeme zeigen ein mehr oder weniger loses Gefüge, in dem noch 
die Spuren des Allmählich-geworden-seins erkennbar sind; im Säm- 
khya-System dagegen haben wir einen Bau vor uns, der von unten 
bis oben planmäßig aufgeführt ist, in dem ein Stein auf den andern 
paßt" — so äußerte er sich früher („Beiträge zur indischen Kultur- 
geschichte" 75), und im selben Sinn sagt er jetzt (S. 10), daß Ka- 
pila, der Begründer der Sämkhyalehre, „nicht einzelne unzusammen- 
hängende Gedanken, sondern ein System verkündet hat. Aus dem 
in den Lehrbüchern vorgetragenen Sämkhya-System kann man nur 
wenig fortdenken; sonst bleibt es kein System mehr". Mir scheint, 
daß Garbe hier, wie das wohl begreiflich ist, mit einer gewissen 
Einseitigkeit sich dem Eindruck der von ihm so eingehend in allen 
ihren Details durchforschten, in der Tat ungemein geschickt auf- 
gebauten Kärikälehre hingegeben hat. Daß diese nur einem 
genialen Wurf ihre Gestalt habe verdanken können, ist doch, 



1) Schon vor mir hat, wie ich in meinem Buch hervorzuheben nicht unter- 
lassen habe, J. D ah 1 mann dieselbe Ansicht scharfsinnig vertreten. Wenn ich 
nun gegenüber Dahlmanns „maßloser Überschätzung des Alters des Epos" meine 
Reserven gemacht habe, so hätte ich damit nach Garbe (S. 38) „gerade den 
Punkt hervorgehoben, der Dahlmanns Arbeiten auf diesem Gebiet die Beweiskraft 
nimmt". Ich denke darüber doch anders. Auch wenn man das Mahäbhärata, 
wie man m. E. muß, in wesentlich jüngere' Zeit rückt als D., ist es immer noch 
alt genug, um ein älteres Sämkhya als das der Kärikä bezeugen zu können. Man 
muß das letztere allerdings nicht — worauf ich zurückkomme — für vorbuddhi- 
stisch halten. 

15* 



220 H. Oldenberg, 

glaube ich, viel zuviel behauptet. Man sehe, was für Schicksale 
beispielsweise die buddhistische Spekulation von den Päli-Pitakas 
bis auf Nägärjuna oder Vasubandhu durchgemacht hat, oder selbst 
die Vaisesikalehre in der verhältnismäßig kurzen Zeit von Kanada 
bis Prasastapäda. Daß da das Sämkhya sich so absolut anders 
verhalten haben sollte — es ist wohl mehr als ein Jahrtausend, 
das für die Zeit von den Anfängen bis auf die Kärikä in Be- 
tracht kommt — wäre in der Tat eine höchst befremdende Aus- 
nahmeerscheinung. So geht denn auch Jacobi, der mit Garbe 
in der Zurückdatierung des klassischen Sämkhya in die vorepische 
Zeit übereinstimmt, doch in der uns hier beschäftigenden Frage 
sehr viel weniger weit als dieser. Er läßt einzelne Sämkhya- 
Lehren und Termini schon längere Zeit vor „Kapila" bestehen 
(GGA. 1895, 205. 206) und unterscheidet zwischen dem unfertigen 
und dem fertigen System, von denen jenes in den Upanisaden, 
dieses im Epos benutzt sein soll (Festschrift Kuhn 39). Wie tief- 
gehender Varianten das System noch in später Zeit fähig war — 
insonderheit, wenn man außer dem reinen Sämkhya auch das mit 
dem Yoga kombinierte, das schließlich doch auch Sämkhya war, 
in Betracht zieht — , scheint aus den Daten hervorzugehen, die 
Schrader (ZDMG. LXVIII, 101 ff.) neuerdings über das in einem 
Text der Päncarätras beschriebene Sastitantra ans Licht gezogen 
hat. Man bedenke, daß Strömungen der Spekulation die Kon- 
sequenzen, die in der Tat in ihnen vorbereitet sind, oft nur 
allmählich ans Licht bringen, sich nur allmählich so zu sagen über 
sich selbst klar werden. Die Anfänge verfangen sich noch leicht 
in den Hindernissen, die das Vorgefundene der vorwärts strebenden 
Bewegung entgegenstellt. Dann arbeitet sich diese Bewegung von 
Problem zu Problem weiter, und es hieße allzu gering von der 
Denkkraft und Geschicklichkeit der Träger dieses Fortschritts in 
der Entwicklung des Sämkhya denken, wollte man ihnen nicht die 
Fähigkeit zutrauen, den unter ihren Händen entstehenden oder 
sich wandelnden Gedankengebilden so viel innere Konsequenz zu 
verleihen, wie etwa in den Lehren der Kärikä uns entgegentritt. 
Die folgenden Erörterungen werden zu zeigen haben, ob nicht in 
in der Tat aus dem System der Kärikä wichtige modernere Ele- 
mente fortgedacht werden können, so daß als Älteres doch immer 
noch eine durchaus glaubliche Gestalt der Sämkhyalehre übrig 
bleibt. 

Was nun also die Stellung der Upanisaden zum Sämkhya 
anlangt, so stimme ich mit Garbe darin zunächst vollkommen 
überein, daß die ältesten Upanisaden, wie die Chändogya Up. und 



Zur Geschichte der Samkhya-Philosophie. 221 

Brhad Aranyaka U. , durchaus vor dem Sämkhya liegen. Zum 
Argumentum ex silentio, dem Fehlen von Spuren des Sämkhya in 
diesen Texten 1 ) tritt ergänzend und bekräftigend die offenbare 
Tatsache hinzu, daß die ganze Grundlage, auf der sich die Pro- 
bleme des Sämkhya erheben, hier eben erst geschaffen wird. 

Auf der andern Seite herrscht] darin wohl allgemeine Über- 
einstimmung, daß eine Reihe jüngerer Upanisaden, insonderheit die 
Käthaka, Svetäävatara und Maiträyana Up., Kenntnis des Säm- 
khya zeigen. Wenn in der ersten uud dritten der eben genannten 
der Name Sämkhya nicht erscheint, so glaube ich doch — und 
ebenso sieht es offenbar Garbe an — , daß kein ernstes Bedenken 
dagegen besteht, für die durchaus charakteristischen Termini, die 
dort genannt werden, entsprechend der später bezeugten Sachlage 
das Schlagwort Sämkhya in Anspruch zu nehmen. 

Garbe (S. 33. 35) geht nun freilich in der Hervorhebung der 
Nähe, die zwischen seiner und meiner Auffassung obwalten soll, 
allzu weit, wenn er mich aus den Zeugnissen der Upanisaden auf 
ein diesen vorliegendes Sämkhya schließen läßt, das im Grunde, 
so wie er selbst es ansieht, vom klassischen Sämkhya der Kärikä 
kaum verschieden gewesen ist. Ich hebe als die hauptsächlichste, 
meines Erachtens entscheidende Differenz hervor, daß die Upani- 
saden einen universalen Purusa („Geist") kennen, die Kärikä da- 
gegen nur die Vielheit der unabhängig neben einander stehenden 
Einzelgeister: ein Unterschied, den als nebensächlich zu erachten 
doch nicht angeht. Liegt da nun in den Upanisaden Vermischung 
des Sämkhyabestandes mit Anderweitigem — kurzgesagt mit Ve- 
dänta — vor? Grarbe (S. 36) schiebt diese entscheidende Frage 
vom Gebiet der Upanisaden auf das des Epos hinüber. D a herrsche 
Mischmasch von Sämkhya und Vedänta: und somit „gilt das gleiche 
natürlich auch von dem mit ihm (dem „epischen Sämkhya") in- 
haltlich im wesentlichen übereinstimmenden Gemengsei in den jün- 
geren Upanisads". Die damit hervorgehobene Übereinstimmung 
ist in der Tat fraglos in vielen Beziehungen vorhanden, worüber 



1) Über den ahamkära Ch. IL VII, 25, 1 und die sattvasuddhi das. 26, 2 urteüe 
ich ganz wie Garbe 28 f. ; ebenso über linga BAU. IV, 4, 6 und über das sonst 
von G. dort Zusammengestellte. Aus älterer Zeit kommen noch die drei Gunas 
Av. X, 8, 43 in Betracht : deren Vorstellung aber kann sehr wohl unabhängig von 
den spezifischen Säinkhyaideen entstanden sein ; vgl. über ihr Verhältnis zu diesen 
LUAB. 220 f. Wenn ich dort 222 von der Gunavorstellung als einer „Schöpfung 
des Sämkhya" gesprochen habe, so ist natürlich, wie aus dem S. 214 f. Gesagten 
hervorgeht, damit eine dem Sämkhya vorangehende Vor geschichte der betreifenden 
Lehre keineswegs geläugnet. 



222 

unten eingehender zu sprechen ist. Aber sie ist doch kaum so 
vollständig, und weiter stellen die Upanisadenmaterialien unter 
einander zeitlich und inhaltlich offenbar keineswegs eine so voll- 
kommene Einheit dar, daß ich es für vorsichtig halten könnte, 
das Problem der Upanisaden kurzweg durch Hinweis auf Ver- 
hältnisse des Epos zu erledigen. So hat ja auch Jacobi, wie 
erwähnt, zwischen der Sachlage in den Upanisaden und im Epos 
zu unterscheiden nicht für überflüssig gehalten. Ich möchte daher 
eine ins Einzelne gehende Prüfung dessen, was den Upanisaden, 
insonderheit der ältesten in Betracht kommenden, der Käthaka Up., 
zu entnehmen ist, nicht unterlassen 1 ). 

Die Käthaka Up. gibt in ihrer ersten, ursprünglichen wie in 
ihrer jüngeren Hälfte, im wesentlichen übereinstimmend, auf- 
steigende Reihen von Kategorien: indriya (hier 3, 10 noch artha), 
manas, buddhi (3, 9 als vijnäna bezeichnet, 6, 7 als sattva), mahän 
atmä, avyaMa, purum als höchstes („sä Msthä sä parä gatih" 3, 11). 
Für den Menschen kommt es darauf an, dies Höchste zu erkennen 
(2, 7 ff. 21. 23; 3, 15; 4, 6 ff.; 6, 8), wodurch er erlöst wird. Oder 
auch: es kommt darauf an, die Sinneswahrnehmungen, manas und 
faiddhi zur Ruhe zu bringen, was Yoga ist (6, 10 f. ; vgl. 3, 13), 
und den angusthamätra purusa antarätman aus dem Leibe zu ziehen 
wie die isikä aus dem munja (6, 17). 

Der theoretische Aufbau, so zu sagen die Sämkhyaseite des 
da Gesagten, zeigt bemerkenswerte Varianten gegenüber dem jün- 
geren Schema, wie entsprechend auch auf der Yogaseite wohl ein 
einfacherer Zustand als der spätere vorliegt (Hopkins JAOS. 
XXII, 335). Ob die Käthaka Up. die Grunas nur zufällig un- 
erwähnt läßt, ist mindestens zweifelhaft (LUAB. 220). Vor allem 
aber weicht die Reihe der psychologischen Hauptkategorien hier 
wesentlich von der späteren Gestalt ab. Der ahamkära, der ja 



1) Die vorbuddhistische Entstehung dieser Upanisad scheint mir unzweifel- 
haft; dafür spricht ihr Stil im Ganzen wie eine Reihe einzelner Indizien (LUAB. 
203. 351). Ich kann keinen Grund dafür entdecken, daß G. wie früher so auch 
jetzt (S. 26) die Existenz brahmanischer Texte, die Sämkhyalehren enthalten, in 
vorbuddhistischer Zeit nicht gelten lassen will. Da er seinerseits das Sämkhya 
— m. E. mit Recht — für vorbuddhistisch erklärt, ist nicht abzusehen, warum 
gerade das Zeitalter, wo das Sämkhya bereits existierte, der Buddhismus aber 
noch nicht, sich in der Literatur nicht bemerkbar gemacht haben soll. Besonders 
wenn dies Zeitalter, wie Jacobi (ZDMG. LH, 3) annimmt, nach vielen Jahr- 
hunderten zu berechnen ist. Ob das richtig ist, weiß ich nicht und glaube ich 
nicht wissen zu können; Garbes (S. 7) Einwand, daß die dem Sämkhya voran- 
gehenden Upanisaden dann chronologisch schwer unterzubringen sind, scheint mir 
nicht berechtigt. 



Zur Geschichte der Samkhya-Philosophie. 223 

auch in der älteren Zeit keine Rolle spielt, fehlt; dafür sind buddhi 
und mahän ätrnä unterschieden. Die buddhi, dem vijftäna gleich- 
gesetzt, steht, ebenso wie später, neben oder vielmehr über dem 
manas in einer Dignität, die durchaus dem schon in den älteren 
Upanisaden vorliegenden Verhältnis von man- und vi-jnä- ent- 
spricht. So ist dort in Chänd. Up. VII, 13, 1 ; 15,4; 25,2 die 
Rede von „hören (oder: sehen), denken (man-), erkennen (vi-jM-) u . 
Von der Sinnenwelt heißt es, daß dort einer den andern sieht, 
riecht, hört, zu ihm spricht, ihn denkt (man-), ihn erkennt (vir 
jna)) in der All-Einheit des Jenseits dagegen: wodurch und wen 
sollte er sehen usw., denken, erkennen? Zum Schluß dieser Aus- 
führungen, wie mit einer allein dem Erkennen gebührenden Apo- 
theose: „Durch den er dies alles erkennt, wodurch soll er den 
erkennen? Den Erkenner fürwahr, wodurch soll er ihn erkennen?". 
(BAU. II, 4, 14). Es scheint, daß die in der Ausdruckweise des 
Sämkhya sich einbürgernde Benennung der höheren Erkenntnis - 
funktion als buddhi 1 ) aus der Vorstellung hervorgeht, daß man 
zum Wissen um das letzte Geheimnis gleichsam „erwacht", während 
der Alltagsmensch dem Schlafenden gleicht. Eine Spur davon, 
daß in der späteren Weise die Funktionen der psychischen Wesen- 
heiten nach den drei Kategorien von adhyavasäya, samkalpa, abhi- 
niüna abgegrenzt worden wären (Maitr. Up. 2, 5 usw. ; S. Kärikä 
23 ff.; LUAB. 231), findet sich in der Käth. Up. nicht und kann 
sich dort nicht finden; das Fehlen des ahamkära läßt für jene 
Dreiheit keinen Raum. Was aber den in der Käthaka Up., anders 
als im späteren Sysiem , über der buddhi stehenden mahän ätmä, 
anlangt, den Wagenfahrer, dessen Wagen, den Leib, die buddhi 
lenkt, so scheint jener, wie ich schon LUAB. 229 bemerkt habe 
— welche andre Bedeutung bliebe auch für ihn übrig? — nichts 
andres als der purum selbst, insofern dieser aus seiner reinen 
Höhe herabgestiegen ist um mit dem — entsprechend in der Reihe 
der KU. als zweithöchste Macht zwischen purusa und mahän ätmä 
aufgeführten — avyakta in Beziehung zu treten und sich dadurch 
zu individualisieren: m. a. W. im Individuum manifestiert sich 
der purusa als der von buddhi und manas — diese doch wohl 



1) Vgl. 6, 4. Man denke auch an den Buddhismus. Der älteren Sprache 
ist die besondere Bewertung von budh- noch fremd; ein Anfang liegt in prati- 
buddha BAU. IV, 4, 13 vor (vgl. meinen „Buddha" 6 , 56). In den philosophischen 
Abschnitten des Epos ist der Gebrauch von budh- für die höchste Erkenntnis be- 
sonders häufig; vgl. Bhag. G. 2, 39; 3, 43; 15, 20 usw.; MBh. XII, 6471. 11256. 
11325 ff. 11411. 11437. 11443. 11447. 11454 usw. (ich zitiere MBh. nach der 
Kalkuttaer Ausgabe). 



224 H. Oldenberg, 

schon jetzt auf die Seite des avyaMa gehörig — unterschiedene 
mahan ätmä, bei dem die Benennung ätmä auf seine transzendente 
Vornehmheit hinweist, und der auch von der Upanisad ausdrücklich 
mit dem purusa identifiziert zu werden scheint, wenn vom letzteren 
gesagt wird (3, 12) esa sarvesu bhütesu güdho 'tmä na prakäsate ; 
vgl. auch angusthamätrak puruso madhya ätmani tisthati 4, 12 l ). 
Der so individualisierte purusa aber ist an sich der höchste uni- 
versale. Er weilt, wie der eben angeführte Vers sagt, sarvesu 
bhütesu; er ist madämado devah 2,21; isäno bhütabhavyasya 4,5; 
aus ihm geht die Sonne auf, in ihm geht sie unter 4, 9 ; er ist 
das eine innere Selbst aller Wesen, das sich jeder Gestalt an- 
schmiegt und doch zugleich draußen bleibt (5, 9 ff.), dessen Glanz 
das All nachglänzt (5, 15). Er ist das Brahman (5, 8; 6, 14), der 
ewige Feigenbaum, dessen Wurzel aufwärts, dessen Zweige ab- 
wärts gewandt sind (6, 1); nicht sehe man hier eine Vielheit 
(4, 10 f.). 

Ich sprach LTJAB. 353 davon, daß in der Käthaka und den 
anschließenden Upanisaden sich das Vorliegen des natürlichen 
Mittelgliedes zwischen der Lehre der alten Upanisaden und dem 
klassischen Sämkhya aufdrängt. Garbe (S. 37) findet, daß dies 
auf einem subjektiven Eindruck beruht; er seinerseits könne den 
Schein eines solchen Mittelgliedes nicht wahrnehmen. Ich ver- 
suche darum das, was ich in dieser Hinsicht, zunächst in der KU., 
zu sehen glaube, näher zu beschreiben. 

Die Lehre der alten Upanisaden lief, wie ich LUAB. aus- 
geführt habe und wie das auch Garbe (25) anerkennt, auf einen 
Dualismus hinaus: Einheit und Vielheit, Subjekt und Objekt, 
Atman und was nicht Atman ist. Mit ungeteiltem Enthusiasmus 
wandte sich das Denken zunächst der einen Seite zu, der des 
Atman; da lag die große Entdeckung, die man gemacht hatte, 
der Weg zum Heil. Die andre der beiden Seiten blieb fürs erste 
dunkel, unaufgeklärt. Es scheint mir dem natürlichen Gang der 
Entwicklung zu entsprechen, daß fortschreitender Erkenntnisdrang 
nunmehr auch über den Nichtätman sich klar zu werden ver- 
langte. Und weiter, das Erlösungsstreben mußte die Frage stellen : 
was hat man zu tun, um den eignen Atman zu seiner Quelle, dem 
universalen Atman, zurückzuführen, die verdunkelte Identität des 
einen und des andern zu realisieren? — womit die Richtung auf 
den Yoga hin angezeigt war und zugleich von Seiten des prak- 



1) Eine Bestätigung des hier über das Verhältnis von purusa und mahän 
ätmä Gesagten liefert das Epos; s. unten. 



Zur Geschichte der Samkhya-Philosophie. 225 

tischen Bedürfnisses jener Antrieb zur Erforschung auch des Nicht- 
ätman verstärkt wurde: denn um aus diesem heraus den Atman 
freimachen zu können, mußte offenbar Kenntnis des Nichtätman 
unentbehrlich erscheinen. Was war natürlicher, als daß unter 
dem Einfluß solcher Motive das erstarkende Denken das alte 
Stadium des ungeordneten Hinwerfens aphoristischer Ideen zu 
überschreiten anfing und in einem vergleichsweise festen, wenn 
auch natürlich immer noch für weitere Entwicklungen weiten 
Spielraum lassenden Zusammenhang eine Reihe prinzipieller Er- 
kenntnisse, dazu auch praktischer Vorschriften formulierte ? Damit 
war denn erreicht, wovon in der Chändogya oder Brhad Aranyaka 
Upanisad nicht die Rede war : wenigstens der Anfang von etwas, 
das wir System nennen können, der Anfang des Sämkhya samt 
Yoga 1 ). 

Eben dieses Entwicklungsstadium nun, dessen naturgemäßes 
Sichanschließen an die alten Upanisaden ich damit aufgewiesen zu 
haben hoffe, stellt sich in der Tat in der Käthaka Up. dar. 

Hier ist jenes von den alten Upanisaden im Dunkel gelassene 
Etwas, das nicht Atman ist, als das „Unentfaltete" (avyaJäa) be- 
nannt und der Betrachtung zugänglich gemacht. Hier ist versucht 
worden, die Entfaltungen, auf deren Hervorgehen aus jenem sein 
Name avydkta deutet, der Reihe nach aufzuführen. 

Auf der anderen Seite des großen, aus den alten Upanisaden 
ererbten Dilemmas aber das höchste Wesen, der purum, wie 
schließt er sich an die Gedankenkreise der Vergangenheit an? 
Warum tritt statt des alten brahman, atman — welche Namen 
jetzt übrigens keineswegs verschwinden-) — jene Bezeichnung in 
den Vordergrund? 

Es ist bekannt, daß schon in der älteren Zeit, von Rgveda 
X, 90 an, der purnsa, unter diesem Namen, eine bedeutende, oft 
eine leitende Rolle spielt. Ich verweise auf Väj. Samh. XXXI, 18; 
XXXII, 2 f.; Taitt. Ar. I, 23, 4; Deussen, Allgem. Gesch. der Phil. 

1) Von den hier vorgelegten Betrachtungen aus läge es nah einen Blick auf 
das zu werfen, was Jacobi neuerdings (Festschr. Kuhn 38 f.) über das Hervor- 
wachsen des Sämkhya aus Motiven des „Materialismus" bemerkt hat. Ich spreche 
davon, um hier den Zusammenhang nicht zu unterbrechen, lieber an späterer 
Stelle. 

2) Was brahman anlangt, vgl. z. B. KU. 5, 8 ya esa suptesu jägarti Jcäi?iam 
kämam puruso nirmimänafr, tad eva sukram tad brahma. Jacobi, Festschr. 
Kuhn 38, spricht vom pradhäna als dem brahman des Sämkhya; auch diese 
Gleichung findet sich in der Tat (G. 267 ; s. auch Bhag. G. 14, 3 und Garbe zu 
der Stelle). Aber die andere ist offenbar die ältere und in der Geschichte der 
Vorstellungen tiefer begründete. 



226 H - Oldenberg, 

I, 1, 288 ff. Hervorgehoben sei noch BAU. III, 2, 13, wo beschrieben 
wird, wie die verschiedenen Teile und Organe des Sterbenden in 
Sonne, Mond, Erde usw. eingehen, und dann die Frage folgt: wo 
aber bleibt der purum (selbst)? — so daß, wenn man auch gewiß 
übersetzen wird „der Mensch", doch eben damit zu jenen überall- 
hin sich zerstreuenden Wesenselementen der purum als das Zen- 
trale in Gegensatz gestellt wird. Man vergleiche weiter noch 
das. III, 9, 26 : nach einer Reihe minder hoch stehender purums 
(§ 10 — 17) — dem p. in der Sonne, dem p. im Spiegel usw. — 
folgt der, der über alle jene p.s hinausschreitet, der aupanisada pu- 
rum, den Säkalya, der Unerleuchtete, nicht kennt. Noch auf 
ebendas. IV, 3, 11. 12. 15. 16 sei verwiesen: die letzten Stellen, 
ganz an die Auifassungsweise des Sämkhya anklingend, sprechen 
davon — zuerst mit Beziehung auf den Zustand des Träum ens, 
dann auf den des Wachens — wie der Purusa .,yat tatra Jäncit 
pasyaty ananvägatas tena bhavati, asango hy ayam purusah". 

So sind es alte Vorstellungen, an die sich das Sämkhya in 
der Wahl der Bezeichnung purum anschließt. Daß es aber gerade 
jene Bezeichnung gewählt hat, scheint sich mir, wie ich schon 
LUAB. 224 andeutete , daraus zu erklären , daß der Purusa 
(„Mann") mehr als der Atman „auf sich selbst gestellt ist, gewisser- 
maßen volle, runde Gestalt besitzt". Man sprach vom Purusa im 
Auge, vom Purusa in der Sonne (Lokativ; dagegen Atman gern 
mit Genitiv um auszudrücken, wessen Atman das ist). So empfahl 
sich der Ausdruck für eine Lehre, die auf den Dualismus des 
Ewigen und des Wandelbaren als zweier verschiedener Mächte, 
die eine der andern innewohnend, ihre Aufmerksamkeit richtete 
und die insonderheit im Yoga das Herausziehen des einen aus der 
Umhüllung des andern sich zum Ziel setzte. 

Haben wir so den Gedankenkreis der KU. als eng und un- 
gezwungen an den der älteren Upanisaden anschließend erkannt, 
so können wir nunmehr über die beiden andern Sämkhya-Upani- 
saden kürzer sein. 

Läßt die S v e t ä s v a t a r a U p. *), welche bekanntlich die KU. 
vielfach benutzt hat 2 ), dieser gegenüber in der Benennung des 
Naturprinzips als prakrü, pradkäna eine weiter entwickelte, über 
einen reicheren Wortschatz verfügende Terminologie erkennen? 



1) Ich nenne hier die neueste Behandlung dieser Upanisad: von Sir R. G. 
Bhandarkar, Vaisnavism, Saivism etc. 106 ff. 

2) Man bemerke, daß so archaische sprachliche Erscheinungen, wie sie in 
der KU. mehrfach begegnen, der Sv. U. fremd sind. Ihre metrische Praxis macht 
ebenfalls einen jüngeren Eindruck (NGGW. 1915, 510). 



Zur Geschichte der Sämkhya-Philosophie. 2*27 

Wie diese Upanisad gleich im Eingang eine ganze Reihe von 
Schlagworten, Auffassungen der höchsten Weltmacht betreffend, 
neben einander stellt, wie sie dann den Vorstellungskreis des 
Särpkhya beständig — höchst störend für den Exegeten — mit 
der Lehre vom I6vara durch einander wirrt: das alles verrät 
einen Standpunkt, der sich von den Anfängen des Särpkhya, — 
dieses wird bekanntlich hier zuerst, ebenso wie Kapila, mit Namen 
genannt — schon um einen fühlbaren Schritt entfernt hat. 

Jetzt haben die Ghanas, mit denen KU. sich noch nicht be- 
schäftigt, eine bedeutende Rolle zu spielen angefangen; zu ihnen 
steht das Grunalose (6, 11) in schroffem Gegensatz. Ob die alte 
Verschiedenheit des mahän ätmä und der buddhi noch festgehalten 
wird, läßt sich nicht sagen. In jedem Fall tritt der ahamkära in 
die Erscheinung x ) ; die drei Funktionen der großen psychischen 
Kategorien sind, scheint es, in der später geläufigen Weise fest- 
gestellt (5, 8). Wie in KU. wird auf die Yogapraxis starker 
Nachdruck gelegt ; es ist von dieser unter Beibringung zahlreicher 
Details wesentlich eingehender die Rede als in der älteren Upani- 
sad. Der Purusa erscheint auch hier als der universale Geist, der 
sich in den Einzelpersönlichkeiten manifestiert. Von ihm heißt es : 
vrksa Iva stabäho divi tisthaty ekas, tenedam pürnam ptiritsena sarvam 
(3, 9); elw devah sarvabhütesu güdhah sarvavyäpi sarvabhütäntarätmä, 
Imrmädliyaksah sarvabhütädhiväsah sähst cetä levalo nirgunas ca (6, 11). 
Er wohnt in uns : tarn ätmastham ye 'nupasyanti dhiräs tesam sul'ham 
sasvatam netaresäm (6, 12) : wo denn er, der Uberschauer und Ge- 
nießer, noch nicht, wie der Purusa der späteren Lehre, aufgehört 

1) So bleibt, falls jetzt mah. a. und buddhi identifiziert wurden, die Zahl 
der Prinzipien dieselbe, die sie vermutlich von Anfang an war: was wohl kein 
Zufall sein würde bei dieser Lehre, die durch ihren Namen als die Zahl besonders 
berücksichtigend gekennzeichnet wird. Denn daß der Name sämlchya auf samkliyä 
„Zahl" beruht, halte ich — abweichend von Jacobi GGA. 1895, 209 und Char- 
pentier ZDMG. LXV, 847 — für zweifellos. — In diesem Zusammenhang möchte 
ich einer Bemerkung Garbes (S. 125) gedenken, der anläßlich der Hypothese 
vom Einfluß des Sämkhya auf Griechenland (s. darüber die Anmerkung am Schluß 
dieses Aufsatzes) es als „nicht ganz unmöglich" bezeichnet , daß die pytha- 
goreische Zahlphilosophie „aus einem Misverständnis des Pythagoras entstanden 
ist, der die Worte seines indischen Lehrers, die Sämkhya-Philosophie trage ihren 
Namen nach der Aufzählung der materiellen Prinzipien, irrtümlich so aufgefaßt 
haben kann, daß in der S.-Ph. die Zahl für das Wesen der materiellen Prinzipien 
gelte". Dies ist, fügt G. hinzu, „natürlich nichts weiter als eine Vermutung". 
Aber auch der bloßen Vermutung gegenüber kann ich den Ausdruck meiner Über- 
zeugung nicht zurückhalten, daß die Wurzeln der pythagoreischen Weltanschauung 
doch unvergleichlich viel tiefer liegen als in einer misverstandenen Äußerung des 
fragwürdigen „indischen Lehrers". 



228 H. Oldenberg, 

hat auch Täter zu sein (5, 7). Wie in der Sän<}ilyavidyä der ab- 
solute Atman beschrieben wird, preist man ihn als anor aniyän 
mahato mahiyän (3,20 — KU. 2,20); wie Yäjüavalkya in BAU. 
sagt vijnätäram are Jcena vijäntyat, heißt es von ihm sa vetti ved- 
yam na ca tasyäsü vettä (3, 19). So stellt sich auch in dieser Upa- 
nisad die von der alten Atmanspekulation ausgehende Entwicklung, 
zwar einen Schritt weiter gelangt als in der KU., doch kaum we- 
niger deutlich dar. 

Die Maiträyana Upanisad endlich, deren stilistische Kri- 
terien sie an die letzte Stelle dieser Gruppe zu rücken scheinen 
(LUAB. 205 f.), läßt die Lehre von den Gunas sehr stark hervor- 
treten. Die drei psychischen Funktionen der späteren Doktrin er- 
scheinen auch hier; unter den drei Substanzen, auf die sie sich 
verteilen, scheint — worüber die Öv. Up. leider kein Zeugnis ab- 
legt — der ahamkära , anders als im späteren Schema, an letzter 
Stelle zu stehen (LUAB. 231). Die ausgebildete Terminologie läßt 
Schlagworte, die auch dem Epos geläufig sind, hervortreten — Jcse- 
trajna (dies auch in Sv. Up.), bhütätman. Der Purusa ist der uni- 
versale Geist, der sich in der Erscheinungswelt individualisiert, 
mit einem Teil seines Wesens hier und dort eingeht: sa vä esa 
süksmo 'grähyo 'drsyah purusasamjno 'buddhipürvam ihaivävartate 
'msena : sein amsa aber ist yas cetämätrah pratipurusah ksetrajnah 
sumkalpädhyavasäyäbhimänalihgah Prajäpaür visvähhyah (2, 5) ; dem 
W r eisen wird verheißen : ehatvam eti purusasya (4, 6). Mit düstern 
Farben malt wie das Epos so auch diese Upanisad das tragische 
Bild des in das Weltleiden verstrickten Geistes ; wortreiche, pathe- 
tische Beredsamkeit schildert die Tiefe dieses Leidens (LUAB. 
239 f.). Ernstlich beschäftigt den Denker das Problem, ob inmitten 
des Welttreibens der Ewige, der Zuschauer und Genießer, auch 
Täter ist (das. 236 f.) ; ja die Frage taucht schon auf, ob im Grunde 
der Purusa selbst der Gebundene und Gelöste ist. Einige, so wird 
berichtet, sagen, daß das vielmehr der Guna, die Naturwesenheit 
sei (LUAB. 249 f.) : mit welcher vom Verfasser der Upanisad frei- 
lich zurückgewiesenen Lehre der Standpunkt der Kärikä (62) er- 
reicht wird : nicht der Purusa wird gelöst, wird gebunden, wandert, 
sondern es ist die Prakrti, von der das alles gilt. Indem man die 
Kluft zwischen den beiden Grundmächten immer mehr vertieft, 
den Schauenden immer energischer als nur Schauenden erfaßt, wird 
man fast unvermeidlich auf die eben berührten Fragen geführt. 
Mit solchen Spekulationen verbindet sich in der Upanisad dann 
viel auf den Yoga Bezügliches, der nun einmal in diesen Zeiten, 
scheint es, mit den Sämkhyaideen untrennbar zusammengehört. 



Zur Geschichte der Sänikhya-Philosophie. 229 

Eine Reihe technischer Yogaausdrücke erscheint, die „anga a des 
Yoga in einer dem späteren System ähnlichen, aber einfacheren 
Gestalt: statt der acht sind es jetzt noch sechs (6,18; Hopkins 
JAOS. XXII, 335). 

Ist es, können wir nach alldem fragen, zuviel behauptet, daß 
diese Upanisaden begreiflichen, anschaulichen Fortschritt der Ent- 
wicklung uns vor Augen führen, am einen Ende in altertümlicher 
Gestalt sich an Upanisaden wie die Chänd. und BAU. schließend, 
am andern dem klassischen Standpunkt sich nähernd? Nachdem 
Motive, die wir glauben ohne allzu gewagte Vermutungen rekon- 
struieren zu können, die in Rede stehende Entwicklungslinie aus 
dem Schoß der ursprünglichen Ätman-Brahman-Spekulation haben 
hervortreten lassen, werden in verständlichem Verlaufe weitere, 
aus den erreichten Ergebnissen natürlich hervorwachsende Probleme 
aufgeworfen; neue Motive werden wirksam, welche die Entwick- 
lung vorwärts treiben : so die Frage nach Täterschaft oder Nicht- 
täterschaft des Purusa, die Alternative, ob — was das zunächst 
sich Darbietende ist — jener selbst, ob nicht vielmehr — was 
raffinierterer Analyse sich empfehlen konnte — die Prakrti ge- 
bunden und erlöst wird. Diese ganze Entwicklung, die, wie es 
doch zunächst eben als das Wahrscheinliche gelten muß, der Al- 
tersordnung der Texte folgt, sollen wir auf den Kopf stellen, in- 
dem wir allem das fertige System der Kärikä voranschieben ? Wa- 
rum nur ? Uns wird geantwortet : wegen der festen Insichgeschlos- 
senheit dieses Systems. Ich möchte erneut auf das dringendste 
empfehlen, einem solchen Schlagwort kein zu weit gehendes Ver- 
trauen zu zollen. Wenn wir annehmen, was die besprochenen 
Texte uns so nah legen, daß die Leugnung eines universalen 
Purusa ein in das System später hereingetretener Zug ist, erscheint 
dann die alte Lehre, wie ich sie mir vorstelle, oder ihre Weiter- 
entwicklung irgendwie schwer begreiflich? Die unterscheidenden 
Züge gegenüber den frühesten Upanisaden, welche beispielsweise 
die KU. aufweist und in denen wir die ursprünglichen Charakte- 
ristika des „Sämkhya" sehen dürfen, sind sie nicht sämtlich ohne 
jede Schwierigkeit auch losgelöst vom System der Kärikä ver- 
ständlich, wenn wir der Upanisad einfach glauben, was sie uns so 
deutlich zu sagen scheint: daß das Sämkhya ihres Zeitalters einen 
universalen, in der Erscheinungswelt sich individualisierenden Pu- 
rusa lehrte ? Konnte nicht auch, wer den Purusa in dieser Weise 
verstand, ihm das avyahtam entgegenstellen und die psychologi- 
schen Kategorien von indriya, manas, buddhi so anordnen, wie wir 
es eben in KU. finden und es als Indizium für das Vorhandensein 



230 H - Oldenberg, 

des „Sämkhya" deuten? Ist nicht die Stellung, die in dieser Upa- 
nisad abweichend vom klassischen System dem mahän ätmä zuge- 
wiesen wird, am ungezwungensten eben bei solcher Auffassung des 
Purusa verständlich — der mahän in der Kategorienreihe unter- 
halb des Purusa und des avyakta stehend als die diesseitige Er- 
scheinungsform des mit dem avyakta in Verbindung getretenen 
und individualisierten Purusa (vgl. oben S. 223) ? Dann weiter der 
Aufbau des Weltalls nach den Ghanas, die Forderung des Heraus- 
ziehens des Purusa aus der irdischen Hülle, und was sonst noch 
im Zusammenhang mit alldem in den besprochenen Upanisaden er- 
scheint, ist es nicht im Einzelnen und im gegenseitigen Zusammen- 
schluß zu einer Entwicklungsreihe Schritt für Schritt verständlich, 
auch ohne daß wir das klassische System mit seiner Ausschließung 
des einen Purusa als Hintergrund dazu vorstellen? Wo werden 
denn eigentlich auf diese Weise systematische Zusammenhänge zer- 
schnitten, deren Struktur für das Dasein des späteren Systems 
Zeugnis ablegte? 

Nun hält freilich Garbe — nicht, wie schon bemerkt, Jacobi 
— das Argument entgegen, die Lehre der Upanisaden müsse des- 
halb für einen Mischmasch jünger als jenes System gehalten wer- 
den, weil — hierin wiederum stimmen die beiden Forscher über- 
ein — das Sämkhya des Epos ein solcher Mischmasch sei. Wenden 
wir uns also zum Epos. 

Hierüber legt G. eigne Erwägungen kaum vor *), sondern er 
beruft sich auf die Untersuchungen J a c o b i s. Dieser beansprucht 
in der Tat, wie er ZDMG. LVIII, 384 A. stark betont, Beweise 
für die Priorität des klassischen Sämkhya vor dem Epos gegeben 
zu haben. Sie sind GGA. 1897, 265 ff. vorgetragen und müssen 
uns jetzt beschäftigen. 

An die Spitze stellt J. (S. 268) den Hinweis darauf, „daß das 
Epos die Unterscheidungslehren des Sämkhya und Yoga, wie sie 
in der klassischen Philosophie hervortreten, bereits kannte" 2 ) : so- 



1) Doch bemerkt G. 37, die Abhängigkeit des Bnddhismus von dem fertigen 
S. stehe ihm fest; mithin schlössen die Zeitverhältnisse den Gedanken aus, daß 
die viel späteren epischen Versionen eine Vorstufe jenes S. bilden könnten. Auf 
das Verhältnis zum Buddhismus gehe ich später ein. Hier sei nur bemerkt, daß, 
wenn das Zeitalter der Quellentexte ein so starkes Gewicht in die Wagschale 
wirft, dies doch auch den Upanisaden im Vergleich mit der Kärikä zugute ge- 
rechnet werden sollte. 

2) Ähnlich sagt Garbe (S. 4) mit Beziehung auf die Erwähnung der philo- 
sophischen Systeme im Kautiliya: „Daß unter Sämkhya damals etwas anderes 
verstanden worden sei als später, wird schon durch die Danebenstellung des Yoga 



Zur Geschichte der 8ämkhya-Philosophie. 231 

mit sei auch in andern Zusammenhängen Bezugnahme auf das klas- 
sische Sämkhya nicht zu leugnen. Die Unterscheidungslehren? 
Soviel ich sehe , ist nur von einer die Rede : der Yoga erkannte 
den isvara an, das Sämkhya nicht. Daraus läßt sich schwerlich 
viel darüber schließen, ob in irgendwelchen andern Beziehungen 
das Sämkhya des Epos mit dem der Kärikä identisch ist. In der 
Tat bin ich nun weit davon entfernt zu bestreiten, daß in dem 
ungeheuren Gewirr des Epos auch Klassisches oder mehr oder 
minder große Annäherung daran vertreten ist (vgl. LUAB. 254 
über die im Epos begegnende Angabe, daß Sämkhya und Yoga 
die Einheit des Purusa leugnen). Platz für ein Nebeneinander von 
Älterem und Jüngerem, auch recht Jungem, war hier übergenug 
vorhanden; Garbe (74) läßt ja im Epos sogar den, wie es scheint, 
ins fünfte nachchristliche Jahrhundert gehörigen Värsaganya er- 
wähnt sein 1 ). So spitzt sich denn, wie es auch Jacobi (a. a. 0. 269) 
ansieht, die Frage bestimmter dahin zu, welche von den im Epos 
neben einander bezeugten Gestalten der Sämkhyalehre älter, welche 
jünger ist. 

Ein besondres Gewicht für die Behandlung dieser Frage nun 
legt J. (271) einer Stelle des Moksadharma XII, 13628 f. bei. Dort 
ist die Rede davon, wie der (endliche) Purusa zu dem (absoluten) 
Purusa eingeht, und es heißt (nach Jacobis Paraphrase) : „So ist 
Sämkhya- Yoga, Veda-Äranyaka und das Pari carätra- System eins; 
sie sind Glieder eines organischen Ganzen". „Hier wird also", 
bemerkt Jacobi mit Nachdruck, „die bewußte Verschmelzung 
von Sämkhya-Yoga mit dem Vedänta in dürren Worten ausge- 
sprochen, eine Ansicht, gegen die sich Dahlmanns Buch richtet, 
und der ich, gegen ihn, wieder zur Anerkennung verhelfen will". 
Mit andern Worten: der absolute Purusa des „epischen Sämkhya" 
ist in das echte Sämkhya aus dem Vedänta hereingeholt worden. 
Ich kann die Besorgnis nicht unterdrücken, daß sich die etwas 
nebelhafte Verschwommenheit jener Stelle allzu gefällig dem For- 
scher, der möglichst viel und möglichst Wertvolles in ihr zu er- 
kennen suchte, in ein Zeugnis über Vorgänge in der Geschichte 
der Philosophie verwandelt hat, von denen in der Tat dort nichts 
vermeldet wird. Was besagt denn die Stelle? Wenn Jacobi, in- 



ausgeschlossen, dessen philosophische Grundlage das Sämkhya-System bildet". 
Dies Nebeneinanderstehen der beiden Lehren läßt aber doch für die Frage nach 
dem Aussehen der einen und der andern immer noch einen recht weiten Spiel- 
raum ; G. selbst erkennt das S. 5 in gewissem Maß an. 

1) Hiergegen habe ich allerdings Bedenken; s. unten. 



232 H - Oldenberg, 

dem er sie paraphrasiert, das Wort Vedänta gebraucht, darf das 
natürlich nicht im Sinn von etwas wie Uttaramimämsä verstanden 
werden; es ist in Wahrheit vom vedäranyakam die Rede, wobei 
offenbar an Texte wie Ch. U. oder BAU. zu denken ist. Daß Säm- 
khya- Yoga mit der Lehre solcher Texte, dazu noch mit der Pän- 
carätra-Religion übereinstimme: das ist es, was gesagt wird. 
Natürlich haben die Alten — auch die skrupellosesten Durchein- 
andermischer der verschiedenen Doktrinen — so gut wie wir ge- 
wußt und anerkannt, daß Sämkhya-Yoga, mindestens auf der Ober- 
fläche ihrer äußeren Erscheinung, anders aussehen als etwa die 
ßrhad Aranyaka Upanisad. So unterscheidet eine andre Äußerung 
des Moksadharma (XII, 7158 f.) sehr deutlich zwischen dem, was 
der Veda sagt, und jenen Doktrinen. Da war es denn für den 
gläubigen Lehrdichter keineswegs gegenstandslos — gleichviel wie 
wir unsrerseits darüber denken mögen — zu betonen, daß im 
Wesen der Sache doch alle jene Lehren, und dazu noch das Pän- 
carätram, auf eins herauskommen, dieselbe Erlösung verkünden. 
Nie und nimmer können wir nun doch aus dieser, wie ich meine, 
in ihrem Inhalt und ihrem Motiv sehr durchsichtigen Behauptung 
das herauslesen, worauf es für die vorliegende Untersuchung an- 
käme und was in Wahrheit etwas ganz andres ist: das ausdrück- 
liche Eingeständnis, daß, was im Epos als Sämkhya gegeben wird, 
in Wahrheit eine Verschmelzung von Sämkhya und Vedänta sei. 
Und vollends ergibt sich nicht, was der Leser von Jacobis Argu- 
mentation nur zu leicht entnehmen wird : daß aus dem angeblichen 
Sämkhya des Epos die dem „Vedänta" ähnlichen Elemente als 
fremde Beimischung entfernt werden müßten. 

Daß eine derartige Verschmelzung stattgefunden hat, soll sich 
nun nach Jacobi (272) noch in einer weiteren Spur zeigen, in den 
Äußerungen des Epos über das „sechsundzwanzigste" Prinzip, das zu 
der stehenden Fünfundzwanzigzahl des Sämkhya hinzukommt. Mit 
diesem sadvimsa beschäftige ich mich zweckmäßiger weiter unten, 
indem ich ihm seine Stelle anweise in meinem eigenen Versuch, 
zu dem ich mich jetzt zunächst wende, einige Hauptzüge der epi- 
schen Daten über das Sämkhya, soweit sie für den vorliegenden 
Zweck in Betracht kommen, aufzuzeigen. Natürlich ist dies Vor- 
haben eben durch diesen Zweck begrenzt. Ein einigermaßen voll- 
ständiges Bild vom „epischen Sämkhya" zu entwerfen ist dies nicht 
-der Ort; ich darf dafür auf die allerdings nicht vorurteilsfreie 
Darstellung von Dahlmann, dazu auf die von Deussen und 
Hopkins verweisen. 

Um uns nun in dem bunten, in allen Farben schillernden Chaos 



Zur Geschichte der Sämkhya-Philosophie. 233 

des Epos nicht zu verirren, werden wir vielleicht gut tun als be- 
sonders gewichtigen Zeugen zunächst die.Bhagavadgitä zu 
hören. Wir dürfen annehmen, daß sie älter ist als alles oder doch 
das meiste, was in dem überwiegend recht jung aussehenden Mok- 
sadharma durcheinander geworfen ist ; in diesem wird ja die Bha- 
gavadgitä auch ausdrücklich zitiert *). Freilich wird diese Vor- 
zugsstellung der Bhag. auf der andern Seite wiederum, wie be- 
kannt, durch die fortwährende Vermischung der Philosopheme mit 
den G-laubenssätzen der Krsnareligion beeinträchtigt. Das ver- 
hindert, meine ich, doch nicht, daß die ersteren wenigstens einiger- 
maßen erkennbar bleiben, daß hinter dem Gemisch, soweit ein 
solches vorliegt, die Elemente der Mischung ihre echte Gestalt in 
relativer Klarheit zeigen. 

Ein sehr deutlich als solcher charakterisierter Sämkhyaabschnitt 
beginnt 13, 19 2 ). Es ist von Prakrti und Purusa samt den vihära 
und guna die J&ede. Prakrti wirkt als Ursache MryaJcäranaJcar- 
tftve 3 ), Purusa dagegen suMacliMhänäm bhohtrtve. Er weilt in der 
Prakrti (prakrüsihah) und „genießt" die Gunas ; sein gunasanga ist 
Ursache sadasadyonijanmasu. Man sieht, das alles ist ausgespro- 
chenes Sämkhya, welches System dann v. 24 auch mit Namen ge- 
nannt wird. Ist da nun ein universaler, erst in der Welt sich 
individualisierender Purusa gemeint oder eine von Haus aus be- 
stehende Vielheit unabhängiger Purusas? Auf letzteres deutet 
nichts hin. Dagegen heißt es v. 22: mahesvarah, paramätmeti cäpy 
ukto dehe 'smin purusah parah. Das klingt doch entschieden nach 
einem höchsten Purusa, der Herrscher über das All ist, zugleich 
aber im Leibe des Einzelnen Wohnung genommen hat 4 ). Der 
engste Zusammenhang der Stelle reicht offenbar bis v. 23. In lo- 
serer Anknüpfung aber kommen auch die folgenden Verse vielfach 
auf denselben Vorstellungskreis zurück. Ist der paramesvara v. 27 
von mahesvara, paramätman v. 22 zu trennen? Von jenem aber 
heißt es v. 27. 28, daß er als derselbe in allen Wesen wohnt; 
worauf dann v. 29 in deutlichster Sämkhyaauffassung vom nicht 
handelnden Ätman im Gegensatz zur handelnden Prakrti die Rede 



1) Hopkins, Great Epic 205, nennt die Gitä „unquestionably one of tlie 
older poems in the epic". Ich kann dem nur beistimmen. 

2) So sieht es auch Garbe Bbag. 42 an. 

3) Mit Deussen, Vier philos. Texte 88, -karana- zu lesen ist verfehlt; 
schon das Metrum steht entgegen. 

4) Wenn paramätmä wegen 6, 7 dafür nicht unbedingt beweist, trägt es doch 
dazu bei, das wahrscheinlich zu machen. Vgl. weiter v. 31 den paramätmä sa~ 
rirasihah,. 

Kgl. G«s. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 2. 16 



234 

ist, und v. 32 der Atman, sarvaträvasthito dehe (vgl. v. 28 sarvalra 
samavasthitam isvaram) und unbefleckbar, mit dem wegen seines 
sauksmya unbefleckbaren Raum, der auch sarvagata ist, verglichen 
wird. Man mag geltend machen, daß etwa der Gedanke an den 
allgegenwärtigen einen Gott oder an das ßrahman (v. 30) der 
Upanisaden hier Einfluß geübt hat. Aber solange kein Gegenbe- 
weis da ist — und von einem solchen kann ich nichts entdecken — , 
werden wir eben in der Vermischung des Gottes oder des Brahman 
mit dem Purusa einen Hinweis darauf erkennen, daß denen, welche 
diese Vermischung vollzogen, auch der letztere schon an sich als 
ein in die engen Grenzen des Individuums nicht eingeschlossenes, 
darum zur Gleichwertigkeit mit jenen Mächten qualifiziertes Wesen 
vor Augen gestanden hat. 

Die Prüfung des sonst in der Bhag. Gesagten kann, meine 
ich, den gewonnenen Eindruck nur bestärken : dem Verfasser oder 
den Verfassern hat ein Sämkhya vorgeschwebt, das einen univer- 
salen Purusa annahm 1 ). Ich weise darauf hin, daß es nach deut- 
lich charakterisierten' Sämkhyalehren 2,18 heißt: antavanta ime 
dehä nityasyolääh saririnah, anäsino 'prameyasya ; der Geist ist ni- 
tyah sarvagatah 2 ) sthänuh v. 24 ; er ist der dehi dehe sarvasya v. 30 : 
worauf schließlich ausdrücklich gesagt wird esä te 'bhihitä sämhhye 
buddhih v. 39. Ich verweise weiter auf Jcavim puränam annsäsi- 
täram anor aniyämsam 8, 9 3 ), woran sich v. 10 schließt sa tarn pa- 
rarn purusam upaiti divyam (vgl. v. 8 paramam purusam divyam) : 
obschon da die Gottesvorstellung hineinspielt, bleiben diese Äuße- 
rungen doch auch für die Frage nach dem Purusa wertvoll. So 
meine ich, daß auch wenn 15, 7 der Gott sagt mamaivämso jivalohe 
jivdbhütah sanätanah, manahsasthämndriyäni praJcrtisthäni karsati 
(vgl. 10, 42 vistabhyäham idam krtsnam ekämsena sthito jagat) , der 
theistische Zug dieser amsa- Vorstellung (vgl. Garbe Bhag. 41. 48) 
keineswegs die doch auch wieder mit deutlicher Sämkhyafärbung 
bezeichnete Stelle loslöst von dem amsa, vermöge dessen nach der 



1) Mit Hopkins Gr. Epic 101 in Bhag. 18,21 — 22 einen Hinweis auf ein 
die Vielheit der Geister lehrendes Sämkhya~zu erkennen bin ich nicht imstande. 
Mit demselben Recht könnte man das von BAU. IV, 4, 19 sagen. 

2) Es wäre offenbar gezwungen, dies auf die Einzelgeister des klassischen 
Sämkhya im Hinblick auf die Allgegenwart zu beziehen, die Tsvarakrsna und andre 
Lehrer (nicht Pancasikha, vgl. G. 361) ihnen zuschrieben. Ist übrigens diese All- 
gegenwart nicht ein Erbteil, das die Einzelseelen von dem ursprünglichen univer- 
salen Purusa bezogen haben? 

3) Man vergleiche das anor aniyän der Käth. Up. 2, 20 (= Svet. Up. 3, 20 
„tarn ahur agryam purusam mahäntam", dort v. 19). 



Zur Geschichte der Sänikhya-Philosophie. 235 

Maitr. Up. (oben S. 228) der höchste Purusa zur individuellen Seele 
wird. 

"Was die in der Bhag. erscheinende Terminologie des höchsten 
Wesens anlangt, so ist sie wohl am einfachsten unter der Voraus- 
setzung verständlich, daß purum als entscheidendes, so zu sagen 
technisches Schlagwort des Sämkhya dem Dichter vorlag, eine ge- 
wisse Äquivalenz dieses Worts aber mit brahman deutlich gefühlt 
wurde — mit brahman, das ja in den alten noch undifferenzierten 
Gedankenmassen mit purum (und vor allem mit ätman, etwa = 
purum) wechselte, während in der Bhagavadgltä brahman, zusam- 
men mit nirväna, sich vielfach als speziell der in diesem Milieu 
heimischen Form des Yoga zugehörig zu erweisen scheint (vgl. 
LUAB. 270). 

Nun von der Bhagavadgltä zu einigen weiteren Zeugnissen 
des Epos, speziell des Moksadharma. So verschieden im Einzelnen 
— daran ist ja kein Zweifel — die dort vorgetragenen philosophi- 
schen Anschauungen sind, so herrscht doch im Ganzen ein be- 
stimmter Typus vor. Benannt wird die Lehre immer wieder als 
Sämkhya bz. Yoga; was den Inhalt anlangt, so charakterisiert 
Jacobi (GGA. 1897, 267) ihn vollkommen zutreffend dahin, daß 
anders als im klassischen Sämkhya und Yoga „die Einheit der 
Seelen in brahma anstelle der Vielheit der purusas" gelehrt wird, 
wozu nur dies hinzuzufügen ist, daß nicht allein brahman, sondern 
auch purum oder ätman als Ausdruck jener höchsten Einheit auf- 
tritt. Schon früher (LUAB. 254, vgl. Hopkins Gr. Epic 122 f.) 
habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß im Moksadharma da- 
neben auch die Lehre von der Vielheit der Purusas vertreten ist. 
Aber die andre Auffassung, mit Theistischem bald verbrämt bald 
nicht, überwiegt durchans. Ich führe zur Veranschaulichung einige 
Stellen an. 

XII, 6921: „Der Atman wird Ortskenner {ksetrajna) genannt, 
wenn er mit den aus der Prakrti stammenden Gunas verbunden 
ist. Von diesen gelöst aber heißt er der höchste Atman". 

XII, 7111 f. (nachdem vom ksetrajna, der auch ätman genannt 
wird, als bloßem Zuschauer, doch auch zugleich als die ganze Welt 
durchdringend die Rede gewesen ist, s. v. 7079 f., 7103 f., 7106 ff.): 
„Wer das aus der Prakrti stammende Tun aufgibt, beständig am 
Atman sich freuend, ein Weiser, der wird zum Atman aller Wesen; 
darum geht er den höchsten Gang". 

XII, 11251 ff. Das fünfundzwanzigste Prinzip, Visnu, welcher 
kevalas cetano nityah ist, wird prakrtimän. Er geht in die Ge- 
schöpfe ein, nimmt an ihrer Vergänglichkeit teil, wähnt von ihnen 

16* 



236 H. Oldenberg, 

nicht verschieden zu sein. Vermöge des tamas, rajas, sattva geht 
er in mannigfache tamas-, rajas-, sattvah&fte Existenzen ein. 

XII, 11290 f. 11293: „So zerteilt der Ätman sich selbst ver- 
möge der Prakrti. Von svadhä- und vasat-Huf, von svähä-Ruf 
und Verehrungen, von Opfern für Andere, Lehren, Geben und 
Empfangen spricht man". „Die Göttin Prakrti bewirkt Werden 
und Vergehen. Am Ende der Tage geht Er auf jene Gunas los 
(absorbiert sie) und besteht als der Eine fort", v. 11310 wird für 
ihn die Bezeichnung purum gebraucht. — Mit dem Satz über den 
vasat-Rvrf usw. hat schon Strauß (WZKM. XXVII, 269) einen 
Vers des Buddhacarita XII, 30 zusammengestellt, der vielleicht 
den des Moksadharma nachahmt. 

XII, 11386 ff. Dem Yogin erscheint der innere Ätman, feiner 
als Feines, größer als Großes, die in allen Wesen weilende un- 
sichtbare Wesenheit, geschaut von der buddiü mit der Fackel des 
manas. Das ist Yogalehre. Nun folgt Lehre des Sämkhya (11393) 
vom „Vorsteher" und dem Unentfalteten. Jener schafft die Ein- 
heit und die Vielheit der Prakrti, je nachdem die Welt vergeht 
oder wieder ins Dasein tritt. Vielfältig bringt der Ätman die 
Gebärerin Prakrti zur Erscheinung. Er heißt Vorsteher, ksetrajna, 
purum (11401 ff.). 

XII, 11691 ff. Der Yogin schaut den absoluten, ewigen, un- 
endlichen Purusa, den unteilbaren, das unvergängliche Brahman. 
— Vgl. noch 11444 f. 11456 ff. 11466. 13738 f. 13740 ff. usw. 

Im Anschluß an diese Stellen muß insonderheit noch von 
einer im Moksadharma häufig begegnenden Fassung der Lehre ge- 
sprochen werden, die mit dem Begriff des „Sechsundzwanzigsten" l ) 
operiert. Auf das 24. Prinzip, die Prakrti, folgt der an sie ge- 
bundene, individualisierte Purusa als Fünfundzwanzigster. Er 
befreit sich von der Bindung und erweist sich in seinem wahren 
Wesen als eins mit dem höchsten Purusa, dem Sechsundzwanzigsten. 
Hier nun zieht Jacobi (a. a. O. 272; vgl. oben S. 232) wichtige 
Folgerungen; wir haben den eigentlichen Schlußstein seines Be- 
weises vor uns dafür, „daß die Lehre von der Einheit der Purums, 
von dem brahma, in das System, das die Vielheit der purusas an- 
erkannte, hineingetragen" Worden ist. Die Sämkhyas, so argu- 
mentiert er, sind auf die Zahl von 25 Prinzipien gewissermaßen 
eingeschworen. Das Absolutum als „Sechsundzwanzigster", über 
die feststehende Zahl hinausgehend, verrät sich dadurch als se- 
kundär hinzugefügt. 

1) Vgl. Deussen, Allg. Gesch. der Phil. I, 3, 28; Hopkins, Great 
Epic 133 ff. 



Zur Geschichte der Sämkhya-Philosophie. 237 

Die Zufügimg einer überzähligen Nummer scheint mir in der 
Tat zweifellos. Aber auch wenn wir sie auslegen wie Jacobi, 
würde sie gegen meine Auffassung des „epischen Sämkhya" insofern 
nicht entscheiden, als das Vorkommen der Lehre von der Vielheit 
der Purusas im Epos ja ohnehin feststeht und hier eben eine auf 
jener sekundären Fassung der Doktrin aufgebaute so zu sagen 
tertiäre Weiterentwicklung vorliegen könnte 1 ). Doch dürfte in 
Wirklichkeit die Sache einfacher liegen. Wie wird sich jene Zu- 
fügung des 26. Prinzips denn vollzogen haben? Jacobis Auf- 
fassung des Hergangs ist die, auf die man naturgemäß verfallen 
wird, wenn man als ein hinter diesem Sämkhya dastehendes Ur- 
sprüngliches das klassische Sämkhya ansieht: das soll ja aber eben 
erst bewiesen werden. Offenbar haben wir zunächst zu prüfen, 
ob nicht das Sämkhya von Texten, die den in Frage kommenden 
näher stehen als die Kärikä, die sich chronologisch passender als 
ihre Vorstufe einstellen lassen, den Ausgangspunkt für die Neu- 
schöpfung der sechsundzwanzigsten Nummer abgeben kann: ich 
denke an das Sämkhya etwa der Maiträyana Upanisad, der Bha- 
gavadgitä usw. Da nun treffen wir, scheint mir, auf keinerlei 
Schwierigkeit. Auf jener Entwicklungsstufe zählte man den Pu- 
rusa als ein Prinzip, mochte er nun in seiner Reinheit dastehen 
oder ins Welttreiben verflochten sein; daß er in dieser und in 
jener Lage doch in Wahrheit derselbe ist, war ja gerade das, 
worauf es ankam. Nun aber konnte bei wachsender Betonung 
des Elends der Weltverflochtenheit auch der Gedanke aufkommen, 
den gebundenen, vielfältigen Purusa und den freien einen zunächst 
getrennt aufzuführen 2 ), wobei dann die schließliche Wiederher- 
stellung der fundamentalen Identität sich immer noch gebührend 
ins Licht setzen ließ. So ergaben sich für den Purusa zwei 
Nummern, wobei selbstverständlich , da 1 — 24 die Welt betraf, 
25 den weltzugewandten, 26 den höchsten weitabgewandten Purusa 
darstellen mußte. Also der höchste Purusa wurde nicht eigentlich, 
wie Jacobi es konstruierte, zum fertigen Schema hinzugefügt. 
Sondern die eine Nummer Purusa wurde in zwei Nummern zerlegt, 
worin denn eine Erweiterung des alten Schemas von 25 Stellen 
auf 26 lag. 



1) Gewiß hat Hopkins (137) damit Recht, daß der Sechsundzwanzigste 
„belongs only to the later part of the pseudo-epic". 

2) Man kehrte damit in gewisser Weise, wenn das oben S. 223 über die 
Käthaka Up. Bemerkte zutrifft, zum ältesten uns erreichbaren Schema zurück, 
wo in der Unterscheidung von purusa und mahän ätmä (dem individualisierten p.) 
dieselbe Doppelseitigkeit zur Erscheinung kam. 



238 H. Oldenberg, 

Die Zusammengehörigkeit des im Epos und des in jenen 
Upanisaden gelehrten Sämkhya erweist sich, wenn all dies zu- 
treffend ist, als eine sehr enge. Dazu stimmen auch die zahl- 
reichen Entlehnungen aus den Upanisaden, die im Epos nach- 
gewiesen sind: man vergleiche die reichhaltigen Sammlungen von 
Hopkins, Great Epic 28 ff., und speziell für die Bhagavadgitä 
Garbe, Die Bhag. 59 A. 1. Von wichtigeren die Lehre be- 
treffenden Berührungspunkten zwischen Upanisaden und Epos 
hebe ich die besondere Vorliebe für den auch in MU. geläufigen 
Terminus bhütätman hervor (Hopkins 39 ff. ; LUAB. 229. 354), das 
munj a-Gleichms (Dahlmann 139, vgl. KU. VI, 17; s. auch Strauß 
WZKM. XXVII, 270), die Ausmalung der Tragödie des gebun- 
denen Purusa (MU.: LUAB. 240; Epos: das. 242). So zeigt sich 
eine breite Bahn der Tradition, eben dies Sämkhya darstellend. 
Und daß unter deren beiden Vertretern auch das Epos, so junge 
Elemente in ihm begegnen, doch anderseits auf dem uns be- 
schäftigenden Gebiet auch Altes, und zwar nicht allein so zu 
sagen als einen aus den Upanisaden versprengten Fremdkörper, 
enthalten kann, zeigt sich anschaulich an einer von mir LUAB. 
324 (vgl. auch Heiler, Festschr. Kuhn 373) hervorgezogenen 
Stelle, XII, 7143: vicäras ca vivekas ca vitarlcas copajäyate, muneh 
samädadhänasya prathamam dhyänam äditah. Diese Beschreibung 
der ersten der vom Yoga gelehrten Versenkungen vergleiche 
man einerseits mit den Angaben des Yogasütra (I, 42 ff.), ander- 
seits mit der von den Buddhisten gegebenen Formel des — bei 
ihnen, wie bekannt, keineswegs als Sonderbesitz der eigenen Ge- 
meinde betrachteten — ersten jhana: vivicc' eva Jcämehi vivicca 
akusalehi dhammehi savitakJcam savicäram vivekajam pitisukham pa- 
thamajjhänam upasampajja viharati. Es ist wohl klar, daß hier 
das Epos, gegenüber der schematischen Formulierung des Sütra, 
ein Stück einer lebendigeren, inhaltreicheren und zweifellos älteren 
Fassung der betreffenden Lehre erhalten hat, die uns glücklicher- 
weise vollständig durch den Buddhismus bewahrt ist und die 
offenbar in eben dieser Vollständigkeit dem epischen Autor be- 
kannt war 1 ). Eine Quelle, die derartiges bietet, für die ältere 
Geschichte des Sämkhya einfach beiseite zu schieben sollten wir 
uns doch bedenken. Diese Geschichte stellt sich, scheint mir, 
wenn wir sie mit Hilfe des Epos und insonderheit der Upanisaden 
erforschen, eben als wirkliche Geschichte dar, glaublicher als jene 



1) So urteilt auch Hopkins Gr. Epic 181 inbezug auf Yogaterminologie, 
„that the epic here precedes the Sütra-maker". 



Zur Geschichte der Sanikhya-Philosophie. 239 

Vorstellung des von vornherein in seiner definitiven Gestalt fertig 
ans Licht getretenen Sämkhya. Wie uns in Einzelheiten, die doch 
zu bedeutend sind um als unwichtige Details ignoriert zu werden 
— ich erinnere an die Rolle des mahün ätmä 1 ), an das wahr- 
scheinliche Hinzukommen des ahamkära 2 ) — , die Quellen ein 
"Werden und Wachsen der Lehre erkennen lassen, brauchen wir 
kein Bedenken zu tragen, auch in den Grrundanschauungen die 
Weiterentwicklungen anzuerkennen, deren Annahme eben diese 
Quellen uns wahrscheinlich machen. 

Das Verschwinden des einen Purusa und dafür das Auf- 
treten einer Vielheit absoluter Einzelpurusas, diese Lehre, die im 
Epos zu erscheinen anfängt und dann in der klassischen Zeit die 
herrschende ist, stellt sich, meine ich, auch der inneren Wahr- 
scheinlichkeit nach als eine jener Weiterentwicklungen — ver- 
mutlich als eine der letzten — dar 3 ). Von der Grundlage der alten 
Upanisadlehre, ohne welche die Entwicklung der Purusaidee über- 
haupt nicht zu verstehen ist, entfernt man sich so um einen neuen, 
bedeutenden Schritt. Statt der in die Unendlichkeit schauenden 
Mystik kommt eine bedächtigere, ich möchte sagen resigniertere 
Denkweise zur Geltung. Sorgfältiger arbeitende Dialektik hat 
die alte Purusavorstellung streng geprüft und gefunden, daß der 



1) Daß dieser in der Käth. Up. eine wesentlich andere Rolle spielt als im 
klassischen System, wurde oben S. 223 bemerkt. Für die Stellung des Epos ist 
bezeichnend, daß dort einerseits die spätere Identifizierung des mahän ätmä mit 
der buddhi schon häufig begegnet (so ist jener offenbar z. B. XII, 11394 zu ver- 
stehen ; vgl. XIV, 1084 ff. usw.; Deussen, Allg. Gesch. der Phil. I, 3, 55; Phan- 
tastisches bei Dahlmann, Sämkhya -Phil. 69). Anderseits aber ist er auch 
jetzt noch der Purusa, speziell in der Bindung an die Welt, oder der „Fünfund- 
zwanzigste" ; s. z.B. XII, 7679. 11255. 11325. 11403. 11472. 

2) Hier sei auch auf die für das ganze Bild der physischen Welt ent- 
scheidende Variante betreffend die tanmätra bz. visesa hingewiesen, die Strauß 
WZKM. XXVII, 257 ff. aufgezeigt hat (vgl. LUAB. 226 A. 2, 354 f. Anm. 148). 
In seiner Untersuchung ist wichtig auch der Nachweis der besonderen Beziehungen 
zwischen epischem Sämkhya und Asvaghosa : auch diese Beobachtung trägt bei, 
den epischen Bestand als einen vergleichsweise festen, so zu sagen anerkannten 
Typus erscheinen zu lassen. Die von Asvaghosa (Buddhacar. XII) vorgetragene 
Lehre darf hinsichtlich des Glaubens an ein höchstes Absolutum wohl dem im 
Epos vorherrschenden Sämkhya und Yoga gleichgestellt werden (s. XII, 41 f. 65). 

3) Zeigt sich nicht noch im klassischen Sämkhya eine Spur des Hervor- 
gegangenseins der individuellen Purusas aus dem universalen in ihrem adhisthätr- 
tvam gegenüber der Prakrti : einer Vorstellung, die viel natürlicher auf diesen als 
auf jene beziehbar ist? Daß die S. Kärikä sich zum allergrößten Teil so liest, 
als sei in ihr nur von einem P. die Rede, ist längst bemerkt worden: ist das 
nicht Erbteil aus einer Zeit, wo es sich in der Tat nur um einen P. handelte? 



240 H - Oldenberg, 

eine Purusa den mannigfaltigen Situationen, in welche die Verbin- 
dung mit den Einzelindividuen ihn bringt, nicht genügt (vgl. LUAB. 
255) und überhaupt entbehrlich ist. So ist man bei der neuen 
Lehre angelangt, welche, scheint mir, die Spur davon deutlich an 
sich trägt, daß sie nicht direkt aus der Betrachtung der Dinge 
erwachsen ist, sondern aus einer Bearbeitung der Vorstellungen 
über die Dinge, welche Schwierigkeiten eben dieser Vorstellungen 
zu entfernen oder zu umgehen bestrebt ist. Wäre man auf direktem 
Wege zu dieser befremdenden Dublette gelangt : auf der einen Seite 
dem ganzen Apparat von buddhi usw., der dann für ungeistig er- 
klärt wird und dem man dann erst auf der andern Seite das wirk- 
lich geistige Individuum gegenüberstellt? Und zu dem seltsam 
gezwungenen Bilde der Vollendung, wo nicht etwa die vom Meer 
getrennte Woge in dessen Unendlichkeit zurückfließt, sondern das 
Licht des Geistes nichts mehr beleuchtend, der Betrachter nichts 
mehr betrachtend in den Schranken seines Einzeldaseins erstarrt 
ist? Am leichtesten begreiflich erscheint mir das alles nicht als 
ursprüngliche Gestalt einer gleich auf den ersten Anlauf fertigen 
Doktrin, sondern als letztes Ergebnis von Gedankenprozessen, die 
sich durch manche Vorstufen, um manche Klippen herum mühevoll 
und künstlich hindurchgewunden haben. — 

Es bleibt die Aufgabe, die Stellung des Sämkhya zum Bud- 
dhismus zu bestimmen *), wobei natürlich die älteste uns erreich- 
bare Gestalt des Buddhismus in Frage kommt. Im Ganzen berufe 
ich mich hier auf meine Ausführungen in LUAB., in denen ich, 
in Übereinstimmung mit Garbe, mich für die Annahme der Beein- 
flussung des Buddhismus durch das S. ausgesprochen habe, diese 
jedoch abweichend von ihm auf eine vorklassische Gestalt des S. 
zurückführe. Einige diese Fragen betreffende Bemerkungen G.s 
aber in seiner Neuauflage möchte ich hier kurz berühren 2 ). 



1) Dieselbe Frage inbezug auf das Jainatum zu behandeln versuche ich 
nicht aus dem LUAB. 282 bezeichneten Grunde. Mit dem Gegenstand hat sich 
Jacobi beschäftigt, Transact. of the Third Intern. Congress for the Hist. of 
Kel. II, 62 ff. 

2) In einer Anmerkung berichtige ich ein Mis Verständnis, das ein Satz von 
mir bei G. 8 A. 3 gefunden hat. LUAB. 294 sagte ich: „Soviel zunächst scheint 
nun klar, daß Beeinflussung des Buddhismus durch das Sämkhya, wenn sie über- 
haupt stattgefunden hat, kaum als unmittelbare Abhängigkeit zu denken sein 
kann". Da ich nun eine solche Beeinflussung in der Tat mit Entschiedenheit be- 
haupte, vermutet G., daß an dieser Stelle die Worte „wenn sie überhaupt statt- 
gefunden hat" versehentlich aus einem früheren Entwurf meines Buchs stehen 
geblieben seien. Ich glaube meine Arbeiten sorgfältiger zu redigieren, als daß 
mir ein solcher Unfall leicht begegnen könnte. In Wahrheit unternahm ich an 



Zur Geschichte der Sämkhya-Philosophie. 241 

Zuvörderst habe ich doch Bedenken dagegen, daß Gr. (6) den 
m. E. allein aus inneren Gründen erweisbaren Einfluß des Säm- 
khya auf den Buddhismus durch die Tradition verbürgt sein 
läßt J ). 

Was für eine Tradition ist das? 

GL denkt an das zwölfte Kapitel des Buddhacarita, wo „die 
Sämkhya-Lehre, die dem künftigen Buddha nicht genügt, als Lehre 
des Aräda Käläma bezeichnet wird". 

Ich erinnere dem gegenüber an Erwägungen, durch die ich 
früher 2 ) den Wert dieser „Tradition" zu bestimmen versucht habe, 
und aus denen wenige Sätze, welche — von Grarbe unberücksichtigt 
gelassen — mir seiner Position gegenüber Zutreffendes zu ent- 
halten scheinen, hier zu wiederholen gestattet sei. „Wenn die 
kanonischen Texte [des Buddhismus] uns über das System des 
Aräda nur ganz weniges sagen 3 ), das allem Anschein nach er- 
funden ist, und wenn selbst — füge ich zum äußersten Überfluß 
hinzu — ausführliche spätere Texte wie der Lal. Vistara nicht 
mehr geben, so wird, meine ich, wenigstens wer dies Gebiet von 
Geschichtsquellen zusammenhängend durchforscht hat, sich darüber 
klar sein, daß es Luftschlösser bauen heißt, wenn man jene angeb- 



der in Rede stehenden Stelle gleichsam vor den Augen meiner Leser eine Prü- 
fung des geschichtlichen Verhältnisses von Buddhismus und Sämkhya. Von den 
verschiedenen Möglichkeiten, die sich da boten, schied ich zunächst die der un- 
mittelbaren Abhängigkeit des B. aus. Somit blieb übrig, daß die Beein- 
flussung, „wenn sie überhaupt stattgefunden hat", nur indirekt gewesen sein kann : 
worauf dann die weitere Untersuchung zwischen den beiden nun noch verblei- 
benden Möglichkeiten — indirekter Zusammenhang oder gar keiner — zu ent- 
scheiden hatte. Die von G. beanstandete Einschränkung verrät also kein Um- 
schlagen meiner Überzeugungen, sondern grenzt nur das zunächst Festzustellende 
gegen das später zu Untersuchende ab. Ich bedaure, daß es mir offenbar nicht 
gelungen ist, meine Intention deutlich genug zum Ausdruck zu bringen, so daß 
ein Leser wie G. sich über sie täuschen konnte. 

1) Höheres Alter des S. oder wenigstens ungefähre Gleichaltrigkeit, doch 
nicht Einfluß anf den B., ist allerdings insofern durch die Tradition bezeugt, als 
einige Stellen des buddhistischen Kanon auf Sänikhyalehren Bezug zu nehmen 
scheinen; vgl. LUAB. 294 f. 

2) „Buddha" » 450 f.; ZÜMG. LH, 681 f. Anders Jacobi NGöW. 1896, 
45 f. ; ZDMG. LH, 4 f. 

3) Sie machen ihn bekanntlich zu einem Vertreter der Kontemplation des 
akincanria. Über den vermutlich fiktiven Charakter dieser Angabe s. meinen 
„Buddha" 3 , 452 f. Ich bemerkte dort : „Verraten die Angaben der alten Quellen 
hier so deutlich, daß man ein wirkliches Wissen . . . nicht besessen hat, so be- 
antwortet sich die Frage, welches Vertrauen ein Gewährsmann vom Schlage des 
Asvaghosa verdient, offenbar* von selbst". 



242 H. Oldenberg, 

liehe Überlieferung in das geräumige Nebelreich der „volkstüm- 
lichen äkhyänas" *) verlegt. Wer war denn der Träger der alten 
Überlieferungen über Buddhas Leben und über die mit ihm 
in Berührung getretenen Persönlichkeiten anders als der buddhi- 
stische Samgha, der große Kollektivverfasser des Pitaka-Kanon ? 
Und außerhalb der buddhistischen Literatur, wo treffen wir da 
auf irgendwelche Spuren von Person und Lehre des Aräda? 
Fast ausnahmslos sind die Persönlichkeiten, die wir in Buddhas 
Umgebung finden, für uns, abgesehen eben von den buddhistischen 
Quellen, verschollen. Wer die Meinung hegt, daß gerade Aräda 
es für AsV. nicht war, wird dafür meines Erachtens bessere Zeug- 
nisse geltend zu machen haben, als das suspekte des Buddhacarita". 
Seit ich diese Sätze schrieb, hat weitere Beschäftigung mit den 
literarischen Schichten, die in ungefährer Nachbarschaft des As- 
vaghosa liegen, meinen Glauben an den Wert dieser „Traditionen" 
nicht gerade gesteigert 2 ). Mir ist es unzweifelhaft, daß im 12. Ka- 
pitel des Buddhacarita der Poet, der hier dem Gang der alten Le- 
gende folgend seinen jugendlichen Helden mit einem Lehrer der 
Philosophie in Berührung brachte, die naheliegende Aufgabe, diesen 
ein philosophisches Kolleg lesen zu lassen, mit der gleichen Frei- 
heit der Phantasie erfüllt hat, mit der er anderwärts, wo dem- 
selben Helden weibliche Schönheiten begegneten, bis in alle Details 
hinein die von diesen entfalteten Koketterien zu schildern wußte. 
Asvaghosa ist unzweifelhaft ein recht vielseitiger Mann gewesen; 
Historiker der Philosophie war er ganz gewiß nicht 3 ). Da nun 
bei der Behauptung (G. 6), daß man in Indien um den Beginn 
unserer Zeitrechnung das Sämkhya für älter als den Buddhismus 
gehalten habe, hinter dem „man" offenbar eben er and seine poe- 
tische Fiktion steckt, werden wir uns auf diese einheimische „Tra- 
dition" doch lieber nicht berufen 4 ). 

1) An solche äkhyänas als Quellen des Buddhacarita hatte Jacobi gedacht. 

2) Siehe meine „Studien zur Geschichte des buddhistischen Kanon", NGGW. 
1912, 155 ff., besonders 211 ff. 

3) Wollen wir ihm vielleicht auch glauben, daß die Vaisesikaphilosophie 
Torbuddhistisch ist? Vgl. Süträlamkära (Huber) p. 15. 

4) Zum Thema des Aräda hier noch zwei nebensächliche Bemerkungen. 
Asvaghosas Bericht über ihn halte ich, wenn dieser Poet mit Recht in die Zeit 
des Kaniska gesetzt wird, für nicht unerheblich jünger — vielleicht um ein Jahr- 
hundert jünger — als den Beginn unserer Zeitrechnung. Vgl. meine Untersuchung 
NGGW. 1911, 427 ff. — G. (6) spricht davon, daß jener Bericht A.s Lehre mit 
dem Sämkhya übereinstimmen läßt, jedoch die drei Gunas nicht erwähnt. Aber 
ist in der Antwort des Bodhisattva v. 75. 76. 77. 80 guna nicht im technischen 
Sinn zu verstehen? 



Zur Geschichte der Säinkhya-Philosophie. 243 

Kaum fester scheint mir eine zweite aus Traditionsmaterial 
hergestellte Brücke, die Sämkhya und Buddhismus verbinden soll. 
Buddhas Vaterstadt Kapilavatthu habe ihren Namen, „der so gut 
zu der Abhängigkeit des Buddhismus von der Sämkhya-Philosophie 
paßt", davon erhalten, daß „der Begründer dieser Philosophie dort 
gelebt und gewirkt hat" (G. 12). Ich bekenne, daß ich gegenüber 
einem solchen alten Ortsnamen, der ein Stück Geschichte der Phi- 
losophie erzählen soll, so^ mistrauisch geblieben bin, wie ich es, 
zusammen mit Andern, auch früher *) war. Um die dabei zu 
Grunde liegende Tradition nun ist es folgendermaßen bestellt. In 
der jüngeren buddhistischen Literatur sowohl des Südens wie des 
Nordens 2 ) ist eine Legende verbreitet, nach der die prinzlichen 
Urheber des Sakyageschlechts am Himalaya einen Weisen an- 
trafen, Kapila, der ihnen einen Platz zur Gründung einer Stadt 
einräumte; die wurde nach ihm Kapilavatthu genannt. Der Be- 
liebtheit dieser Erzählung in den jüngeren Texten steht aber das 
vollständige Schweigen der älteren gegenüber. Der Gegensatz 
wird dadurch akzentuiert, daß die Geschichte von den sonstigen 
damit zusammengehörigen Erlebnissen jener Prinzen sich auch im 
Pälikanon selbst findet (Ambatthasutta, D. N. Nr. 3). Man stelle 
den Wortlaut des alten Sutta dem der späteren Texte gegenüber : 

Ambatthasutta (D. N. 1p. 92) : Himavantapasse pokkharaniyä 
tlre mahäsähasande tattha väsam kappesum. 

Sumang. Viläsini (Kommentar zu eben diesem Sutta): 
tasmin ca samaye amhäham Bodhisatto brähmanamahäsälahule nibbat- 
titvä Kapüabrähmano näma hutvä nikhhamma isipabbajjam pabbajitvä 
Himavantapasse pohhharaniyä tlre sähasande pannasälam mäpetvä va- 
sati (zu ihm kommen die Prinzen). 

Mahävastu: Anuhimavante Kapilo näma rsih prativasati pan- 
cäbhijno catiirdhyänaläbhi maharddhiho mahänubhävo. tasya tarn äsra- 
mapadam mahävistirnam ramaniyam mülapuspopetam patropetam pha- 
lopetam päntyopetam mülasahasraüpasobhitam maharn cätra säkota- 
vanahhandam (zu lesen wohl -sandam; dort lassen sich die Prinzen 
nieder. Im weiteren Verlauf der Erzählung tritt Benutzung des 
Ambatthasutta, bzw. einer nördlichen Version davon, deutlich 
hervor). 

Also im Kommentar wie im Suttatext der Teich und das 
Säkagehölz, das dem Sakyanamen zuliebe hier wachsen muß: aber 



1) „Buddha" 6 109 A. 2; LÜAB. 284. 

2) Siehe die Anführungen G. 12 A. 4. Aus der südlichen Literatur füge ich 
hinzu Sumangala Viläsini I p. 259, aus der nördlichen Mahävastu I p. 350, 14 ff. 



244 H - Oldenberg, 

im Kommentar kommt der Rsi Kapila dazu, von dem der Text 
schlechterdings nichts weiß. Dem Kommentar dann in der Haupt- 
sache ähnlich das Mahävastu. Es ist danach kaum vermeidbar 
anzunehmen, daß die Geschichte von Kapila eine Erdichtung ist, 
entstanden in der Zeit zwischen dem alten Text und dem jüngeren 
— eine jener Legenden, die damals ebenso massenhaft wie frei 
erfunden wurden. Viel Kunst verlangte die Erfindung nicht. 
Den Namen Kapila, um dessen „vatthu" es sich handeln mußte, 
lieferte Kapilavatthu. Wer aber konnte dieser Kapila gewesen 
sein? Der Himalaya ist Wohnstätte zahlloser Asketen. Natürlich 
war Kapila einer von ihnen. Einen speziellen Hinweis, der auf 
den Begründer der Sämkhyalehre deutet, kann ich dabei nicht 
entdecken. Wäre doch, was ja möglich ist, an diesen gedacht, 
würde seine Verlegung in das Fabelzeitalter des Iksväku und in 
der Sum. Viläsini seine Identifizierung mit dem Bodhisatta in 
einer seiner früheren Existenzen — wie unsagbar entfernt also 
von dessen letztem Erdendasein ! *) — nicht gerade dazu beitragen, 
zu der Erzählung als G-eschichtsquelle Vertrauen zu erwecken. 
Wäre es nicht auch in der Tat ein merkwürdigster Zufall, daß 
der entlegene und schwerlich bedeutende, sonst völlig unbekannte 
Ort, der allein als Buddhas Heimat berühmt geworden ist, zugleich 
die Heimstätte des großen Rsi- Philosophen gewesen wäre? Daß 
damit die Entstehung der Sämkhya-Philosophie, entsprechend ihrer 
inneren Unabhängigkeit vom Veda, auch geographisch weitab vom 
Heimatlande des Brahmanismus lokalisiert würde (Gr. 11) — kann 
eine in solcher Unbestimmtheit schwebende Erwägung unser wan- 
kendes Vertrauen zu jener Legende wirklich stärken 2 )? 

Wie ich schon oben bemerkte: nach meiner Überzeugung sind 
es allein innere Übereinstimmungen, in denen sich uns der Einfluß 
des Sämkhya auf den Buddhismus kundgeben kann. Hier nun be- 
zieht sich Grarbe (7) vor allem auf die Erörterungen Pischels 
in seinem Buch „Leben und Lehre des Buddha" (ich zitiere im 
Folgenden dessen zweite Auflage). Gr. findet dort bewiesen, daß 
„der theoretische Buddhismus ganz auf dem Sämkhya -Yoga be- 
ruht", „so ziemlich alles vom Sämkhya- Yoga entlehnt" hat. Nicht 



1) Das Mahävastu rechnet allerdings mit bescheideneren chronologischen 
Maßstäben. 

2) So möchte ich auch auf die nebelhafte Gestalt des Sanatkumära, eines 
der geistigen Söhne des Brahman, keinen „Beweis für die Abhängigkeit des Bud- 
dhismus vom Sämkhya- Yoga" zu gründen wagen oder hier „einen Anhaltspunkt 
für die Annahme der Entstehung des Sämkhya in Ksatriya-Kreisen" finden (G. 14). 
Doch will ich darauf nicht näher eingehen. 



Zur Geschichte der Samkhya-Philosophie. 2 \ 5 

nur im im einzelnen, sondern auch in ihrem Zusammenhang seien 
die Hauptlehren Buddhas von dort abgeleitet : wobei es sich nicht 
etwa um eine Vorstufe des Sämkhya handle, sondern um das 
System in einer Gestalt, die im wesentlichen der in den späteren 
Lehrbüchern vorliegenden gleichzusetzen sei. Mir ist nicht ganz 
verständlich, inwiefern G. (1*26) eben in den Darlegungen Pischels 
eine solche „endgiltige Feststellung des vorbuddhistischen Alters 
der Sämkhya- Philosophie" erkennt. Was Pischel (S. 65 ff.) über 
diesen Gegenstand bietet, hat für die Forschung keine neue Si- 
tuation geschaffen; es ist in allem Wesentlichen nur eine Wieder- 
holung der Ausführungen Jacobis in seinem Aufsatz „Der Ur- 
sprung des Buddhismus aus dem Sämkhya- Yoga", NGGW. 1896, 
43 ff. Zu diesem Aufsatz und zu Jacobis weiteren daran an- 
schließenden Bemerkungen ZDMG. LH, 1 ff. habe ich in meinem 
„Buddha" 3 , 446 ff. und ZDMG. LH, 684 ff. Stellung genommen 
und glaube mit Argumenten, die ich hier nicht wiederholen will,. 
gezeigt zu haben, daß die Kausalitäts-(Nidäna-)Formel der Bud- 
dhisten, um die sich die betreffenden Ausführungen Jacobis (und 
dann später Pischels) der Hauptsache nach bewegen, in der Tat 
mit der Sämkhyatheorie ven der Weltevolution keineswegs so be- 
stimmte Übereinstimmungen zeigt, daß auf Zusammenhang ge- 
schlossen werden könnte. Bei einzelnen Terminis für sich ge- 
nommen mag ein solcher Zusammenhang erkennbar sein: so bei 
samskära. wo doch als Vorbild des Buddhismus vielleicht mehr 
Yoga als Sämkhya in Betracht zu ziehen ist *). An andern Stellen 
versteht sich ein gewisses Zusammentreffen zweier in so ver- 
wandtem Milieu lebender Doktrinen nahezu von selbst: so bei 
buddln = vijnüna. An noch andern Stellen sind die vorgeschla- 
genen Äquivalenzen eben unzutreffend: so wenn das nämarüpa 
der Buddhisten dem ahamkära entsprechen soll, oder bei der Par- 
allelisierung von upädäna mit dharmädharmau 2 ). Als Ganzes be- 
trachtet beruhen Evolutionsformel des Sämkhya und Kausalitäts- 
reihe des Buddhismus auf zwei durchaus verschiedenen Frage- 
stellungen 3 ); wie denn auch bei den versuckten Vergleichungen 
zu den Gliedern jener Sämkhyaformel beständig außerhalb ihrer 



1) Wie viel greifbarer überhaupt die Zusammenhänge des Yoga als die des 
Sämkhya mit dem Buddhismus sind, braucht gegenwärtig kaum mehr ausgesprochen 
zu werden. 

2) Hier hat denn auch Jacobi bei seiner zweiten Behandlung des Problems 
(ZDMG. LH, 13) Reserven gemacht. Pischel (S. 68) ist ihm darin nicht gefolgt. 
Meine Ansicht s. ZDMG. LH, 690 ff. 

3) Vgl. meine Bemerkungen ZDMG. a. a. 0. 684 f. 



246 H - Oldenberg, 

liegende Materialien haben herzugeholt werden müssen. Endlieh 
aber: selbst wenn jene Vergleichungen durchweg zutreffend wären, 
hätten wir damit immer noch nicht den Beweis dafür, daß das 
fertige Sämkhya dem Buddhismus als Vorbild gedient hat; 
immer noch verhielte sich der Bestand der Sämkhyalehren, der 
damit als dem Buddhismus vorliegend erwiesen wäre, indifferent 
zur Alternative des klassischen oder des vorklassischen Sämkhya. 
Die in Wahrheit entscheidenden Zusammenhänge zwischen 
Sämkhya und Buddhismus scheinen sich mir nun weniger in ein- 
zelnen übereinstimmenden Begriffen oder Begriffsreihen als in den 
Grundauffassungen über das Verhältnis des Ewigen und des ver- 
gänglichen Weltdaseins kundzugeben. Wie ich es LUAB. 315 
formuliert und näher auszuführen versucht habe: wenn die für den 
Buddhismus fundamentale Gegenüberstellung jener beiden Sphären 
zuletzt auf die alten Upanisaden zurückgeht, so tritt ferner Be- 
einflussung der Buddhalehre durch die spezielle im Sämkhya voll- 
zogene Weiterentwicklung jenes Dualismus zu Tage. Halten wir 
uns auch hier die Alternative des fertigen oder des werdenden 
Sämkhya vor, so begegnen wir der Auffassung Garbe s (S. 10 f.), 
„daß der Buddhismus mit seiner Leugnung der Seele über die 
letzten Konsequenzen des Sämkhya-Systems hinaus- 
gegangen ist", dieses mithin in seiner abgeschlossenen Gestalt 
auf die Begründung des Buddhismus eingewirkt haben müsse. 
Wie stellt sich denn nun aber nach den obigen Ausführungen die 
hier in Betracht kommende Entwicklung innerhalb des Sämkhya 
und das Verhältnis des Buddhismus zu ihren früheren bz. späteren 
Phasen? Zuerst war der Purusa in der Stellung etwa des At- 
man-Brahman der alten Upanisaden als höchster, universeller Geist, 
der sich in den Einzelpurusas individualisiert, Zuschauer des Trei- 
bens von Welt und Natur. Dann kam die Zeit, wo aus dem Säm- 
khya der absolute Purusa verschwand und allein die Vielheit der 
Einzelpurusas übrig blieb. Der Buddhismus nun in seiner Scheu 
davor, das Transzendente in seine Betrachtungen einzubeziehen 
und dadurch leeren Sophistereien die Tür zu öffnen, hielt als 
einzigen Gegenstand der positiven dogmatischen Erörterung das 
Welttreiben fest, in dem das Leiden entsteht und aufgehoben 
werden kann. Die jenseitige Wesenheit verschwand im Mysterium 
des Unausdenkbaren, Unaussprechlichen, gleich unzugänglich für 
die Prädikate des Seins wie des Nichtseins. Der damit aus dem 
System entfernte Purusa oder Atman nun, war es allein der in- 
dividuelle in seiner Vielheit oder auch der eine universelle? Wie 
das nicht Wunder nehmen kann, läßt sich klar genug erkennen, 



Zur Geschichte der Sämkhya-Philosophie. 247 

daß auch ein individuelles oder als individuell auftretendes Selbst 
hier im Abgrund der Rätselhaftigkeit verschwunden ist (LUAB. 
304 ff.). Aber deutliche Spuren scheinen doch darauf hinzuweisen, 
daß den letzten Schlußstein des ganzen Gedankengebäudes ein 
üb er individuelles , dem Ätman - Brahman aufs engste verwandtes 
Höchstes bildete, von dem zu reden man sich versagte, das aber 
doch hinter dem Schleier solches Schweigens sein Dasein, vielmehr 
sein Übersein verriet (vgl. LUAB. 318). Ist das richtig, so liegt 
darin, daß die Linie, die — wohl durch unbekannte Zwischen- 
glieder — vom Sämkhya zum Buddhismus geführt hat, nicht vom 
klassischen Sämkhya aus abgezweigt haben wird, sondern, wie das 
schon die chronologischen Verhältnisse wahrscheinlich machen, 
vielmehr von dem der Upanisaden und des Epos, mit welchem 
letzteren — bz. mit der eng damit zusammengehörigen Gestalt 
des Yoga — der Buddhismus auch den Begriff des Nirväna ge- 
mein hat. 

Zu diesem Ergebnis stimmt auch eine andere schon früher 
von mir geltend gemachte Beobachtung: daß sich in der Kärikä 
ein viel geschmeidigerer, raffinierterer, gekünstelterer Stil des 
Denkens zeigt, als im schlichten, ergriffenen Ernst des buddhisti- 
schen Ringens um das Verstehen und Überwinden des Weltleidens. 
Man lese Kar. 56 ff. : durch welche Prozesse der Zuspitzungen, 
Umschmelzungen, Sublimierungen haben doch die alten einfachen, 
wuchtigen Gedanken von Natur und Geist, von Leiden und Er- 
lösung hindurchgehen müssen, bis das Bild diese überraschende 
Form annehmen konnte — die Tänzerin Natur, die ihr Ballett 
aufführt „um seinetwillen ohne eigenen Nutzen", um des Purusa 
willen zu seiner Erlösung, der doch nicht erlöst wird, der nicht 
gebunden war, dessen Bindung und Erlösung nur Schein ist, 
hervorgerufen durch das trügerische Spiel so zu sagen von Licht- 
reflexen. Wer die Predigt Buddhas im Gazellenhain von Benares 
diesen Gedanken gegenüberstellt, dem wird sich ähnlich wie einem 
Betrachter etwa des Suttanipäta im Vergleich mit Dichtungen 
Asvaghosas oder Kälidäsas, aufdrängen, was älter was jünger ist. 
Der Hinweis darauf, daß der Stifter des Sämkhyasystems seinem 
Zeitalter eben um Jahrhunderte voran geeilt sein werde (G. 10), 
kann meines Erachtens über die einfache und starke Überzeugungs- 
kraft dieses Eindrucks schwerlich hinüberführen. 



248 H - Oldenberg, 

Die hier vorgelegten Erörterungen zur Geschichte des Säm- 
khya schließen die Auffassung in sich, daß diese Lehre sich in 
gerader Linie aus der Brahman-Ätman- Spekulation der alten 
Upanisaden entwickelt hat. Wesentlich anders sieht es Jacob i, 
Festschrift Kuhn 37 ff. an, dessen Bemerkungen ich hier kurz be- 
sprechen möchte. 

Er geht von jenem Abschnitt von Chänd. Up. VI aus, der 
den Ursprung der Welt zuletzt aus dem „Seiendem", demnächst 
aus den drei Elementen tejah äpah annam — wohl Vorgängern 
der drei Gunas (vgl. LTJAB. 215) — herleitet. An diese Ele- 
mente, heißt es in der Upanisad, haben die großen Wissenden der 
früheren Zeiten gedacht, wenn sie sagten, daß es für sie nichts 
Ungehörtes, Ungedachtes, Unerkanntes geben könne: denn in allem 
erkannten sie eines dieser Elemente oder ihre Zusammensetzung. 
Eine materialistische oder — J. scheint die Ausdrücke als gleich- 
wertig zu behandeln — rationalistische Theorie. Sie war, wie J. 
aus dem Upanisadbericht von der Äußerung jener Alten heraus- 
liest, Eigentum einer Art von Schule, die den Strömungen des 
Idealismus und Mystizismus fern stand. Man dürfe annehmen, 
daß sie sich in der ihr eigenen Richtung weiter entwickelte, und 
diese Entwicklung habe zur Sämkhya-Philosophie geführt, während 
der im Gegensatz zu ihr stehende Mystizismus, der Träger des 
Upanisadgedankens, es doch nicht verschmähte, ihr seine begriff- 
liche Grundlage ähnlich zu entlehnen, wie die christliche Dogmatik 
es mit Aristoteles oder gewissen neueren Philosophen getan hat. 

Mir scheinen sich diesem Aufbau gegenüber manche Bedenken 
aufzudrängen. 

Der Leser von Jacobis Darlegungen wird den Eindruck emp- 
fangen, als sei jener Abschnitt der Ch. U. aus einem Milieu hervor- 
gegangen, in dem Materialismus und wir mögen etwa sagen Spiri- 
tualismus als ausgeprägte Gegensätze einander gegenüberstanden. 
Wenn sich aber im Zeitalter der Upanisaden die Sonderung des 
Geistigen und Körperlichen im Menschen in der Tat immer mehr 
durchsetzt, schwebt doch für das Dasein des Universums das Di- 
lemma von Materie und Geist erst in sehr nebelhaftem Zustand 
dem Bewußtsein vor. Die Atmosphäre, in der sich die aus Denken 
und Phantasieren unauflöslich gemischten Vorstellungen jener Zeit 
bewegen, läßt sich etwa durch die Reihe der Grundwesenheiten 
charakterisieren, die in Ch. U. VII, vom Niederen zum Höheren 
aufsteigend, aufgezählt werden: Namen, Rede, Geist, Entschluß, 
Gedanke, Sinnen, Erkenntnis, Kraft, Nahrung, Wasser, Glut *), 

1) Stehen hier rein zufällig die drei Elemente von Ch. U. VI nebeneinander? 



Zur Geschichte der Saipkhya-Philosophie. 249 

Raum, Erinnerung, Hoffnung, Atem. Man sieht, mit welcher Un- 
befangenheit da Geistiges und Materielles durch einander gewirrt 
ist. Oder wenn Ch. VIII, 12 das Sterbliche, Körperliche dem 
Unsterblichen, Körperlosen gegenübergestellt wird und man viel- 
leicht erwarten könnte hier dem Problem des Materialismus und 
Spiritualismus zu begegnen — was ist da mit dem Körperlosen 
gemeint? Wind, Wolke, Blitz, Donner, mit deren Körperlosigkeit 
weiter die des im Schlaf vom Körper gelösten Geistes auf einer 
Linie steht. Wo so gesprochen wird wie an diesen und vielen 
ähnlichen Stellen, wird man die Voraussetzungen für eine wahr- 
haft „materialistische" Denkweise kaum für vorliegend erachten. 
Doch möge man immerhin über den Gebrauch dieses Schlagworts 
anders denken: wird denn aber tatsächlich in jener Weltentstehungs- 
geschichte der Ch. U. das Dasein aus rein materiell vorgestellten 
Ur Wesenheiten hergeleitet? Vor den drei Elementen tejah usw. 
steht an der Spitze von allem das „Seiende", welches dachte: 
Ich will eine Vielheit sein. Haben wir Grund, dies Seiende eben 
als Materie zu verstehen? Vielleicht kann man weiter, wenn 
dann das tejah denkt, wenn die äjpoh denken, dies dahin inter- 
pretieren, daß diese Elemente von vornherein als körperlich-gei- 
stige Wesenheiten zu verstehen sind. Das Geistige aber kommt 
dann noch bestimmter zur Geltung. Wie die drei Elemente ge- 
schaffen waren, „ging jene Gottheit (das Seiende) in diese drei 
Gottheiten (die Elemente) mit diesem lebenden Selbst ein und 
legte Namen und Gestalt in ihnen auseinander; jede einzelne von 
ihnen aber machte sie dreifach". Wenn also „die Nahrung, nach- 
dem sie genossen, sich dreifach zerlegt" — in Faeces, Fleisch und 
manas — , so entsteht das manas hier nicht kurzweg aus der Ma- 
terie an sich, sondern aus der von einem höheren Prinzip „mit 
lebendem Selbst" durchdrungenen Materie. An diese Ausführungen 
schließen sich dann weiter jene beständig in dem tat tvam asi 
gipfelnden Sätze: die Lebenskraft, die den Baum wachsen macht, 
das wohin der Erlöste eingeht, wie der Verirrte sich von Dorf 
zu Dorf zu seiner Heimat zurückfragt, die Kraft der Wahrheit, 
die beim Gottesurteil den Unschuldigen vor dem Verbrennen be- 
wahrt — jener animan, das Seiende, das ist das Wahre, der 
Atman, der das All erfüllt. Wollen wir das Materialismus nennen ? 
Richtiger ist es vielleicht sich dahin auszudrücken, daß in dem 
ganzen Abschnitt eine Mehrheit verschiedener Tendenzen, unter 
denen in der Tat auch, wenn man solche Schlagworte nicht missen 
mag, Hylozoismus nicht fehlt, Keime, in denen mannigfache Ent- 
wicklungsmöglichkeiten liegen, noch ungeschieden vereint sind. 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 2. 17 



250 H. Oldenberg, 

Solche Ungeklärtheit ist eben das Charakteristische für diese Ent- 
wicklungsstufe. Weiter aber: das Wort, daß die Upanisad den 
Weisen des Altertums beilegt, ihnen könne nichts Unbekanntes, 
Unverstandenes begegnen — was die Upanisad dahin zu inter- 
pretieren beliebt, daß jene überall Glut, Wasser, Nahrung er- 
kannten — , soll die Existenz einer alten materialistischen oder 
rationalistischen Schule „deutlich erkennen" lassen 1 )? Und zu 
dieser Schule als der Vertreterin der Wissenschaftlichkeit soll 
sich der Mystizismus verhalten haben wie die katholische Theo- 
logie etwa zu Aristoteles? Wäre also — so scheint es in der 
Tat J. anzusehen — die eben berührte Verschiedenheit der in 
dem Upanisadabschnitt sich miteinander vereinenden Vorstellungs- 
elemente dahin zu deuten, daß Bestandteile der Weltanschauung 
jener materialistischen Schule hier von Idealisten als wissen- 
schaftliche Verbrämung ihrer eigenen Phantasien mit den letzteren 
vermischt worden sind ? Da hätten wir denn doch wohl die Gegen- 
sätze, die wir in diese Vermischung eingehen lassen, zuvörderst 
auf unsre eigene Verantwortung selbst konstruiert, uns inspirierend 
an Gegensätzlichkeiten geistiger Strömungen in uns r er Welt, 
statt uns in die alte Ungeschiedenheit dessen, was sich später 
scheiden mußte, hineinzuversetzen. Kürzer ausgedrückt: wir 
hätten, scheint mir, den in der Upanisad gegebenen Tatbestand 
zurechtgelegt, indem wir die entscheidenden Motive mehr in ihn 
hineintrugen als aus ihm herauslasen. 

Meinerseits will ich nun keineswegs in Abrede stellen, daß 
Jacobi die Berührungen jenes TJpanisadabschnittes mit dem Säm- 
khya vollkommen richtig beobachtet hat. Zu der Parallelisierung 
der drei Elemente mit den Gunas läßt sich hinzufügen, daß das 
Seiende, welches „mit dem lebenden Selbst" in die Elemente ein- 
geht und in das der Erlöste zurückkehrt, dem Purusa verglichen 
werden kann — freilich nicht dem Purusa, der zum bloßen Zu- 
schauer des Welttreibens herabgesunken ist. Auch daß unter den 
Produkten der (vom Atman durchdrungenen) Elemente das manas 
erscheint, paßt zum Weltbild des Sämkhya. Schließlich macht 
sich in jenem Kapitel auch eine dem Sämkhya durchaus verwandte 
allgemeine Tendenz fühlbar, die Erkenntnisse nicht fertig hinzu- 
nehmen, sondern zu forschen und zu beweisen. Gewiß kann man 
da mit Garbe von indischem Rationalismus sprechen 2 ): einem 

1) Daß nach der bekannten Stelle der Käth. Up. 1, 20 es Leute gab, die 
das Fortleben nach dem Tode leugneten, dürfte auch die Existenz einer solchen 
Schule nicht für die Zeit der KU., geschweige denn die der Ch.U. beweisen. 

2) Auch in den feinen Bemerkungen von Oltramare, L'hist. des idees 



Zur Geschichte der Sanikhya-Philosophie. 2pl 

Rationalismus, der sich doch ganz innerhalb der allerdings weiten 
Sphäre der Upanisadenspekulation hält und die Grundideen der 
alten Upanisaden vielmehr zu klären und auszubauen sucht, als 
daß er in Gegensatz zu ihnen träte — während dann freilich die 
Weiterentwicklung naturgemäß schärfere Differenzierungen mit 
sich gebracht hat. Die Bezeichnung Materialismus aber ist es 
wohl gleich mißlich wie auf die unfertigen, werdenden Ideen 
jenes Upanisadabschnitts so auf die ausgeprägtere Weltan- 
schauung des Sämkhya anzuwenden. Ein System, das es nicht 
bei der Prakrti bewenden läßt, sondern neben sie, über sie den 
Purusa stellt und sie zu dessen Dienerin macht, befindet sich vom 
Materialismus doch wohl in einiger Entfernung. 



Ich schließe mit wenigen Bemerkungen über die traditionellen 
Namen der ältesten Sämkhyalehrer. Nach der Kärikä überlieferte 
bekanntlich der tnuni d. h. Kapila die Lehre dem Asuri, dieser 
dem Pancasikha, worauf die Kunde durch die sisyaparamparä bis 
auf Isvarakrsna gelangte. Ich stimme durchaus der herrschenden 
Ansicht bei, nach welcher Kapila eine geschichtliche Persönlich- 
keit, der wirkliche Begründer der Lehre ist. Daß keiner der in 
den Brähmanas berühmten Lehrer wie etwa Yäjfiavalkya zu dieser 
Stelle ausersehen ist, erweckt Vertrauen. Gelebt haben muß Ka- 
pila, wie es auch Garbe (S. 32) ansieht, in der Zeit zwischen der 
ältesten und der zweiten Schicht der Upanisaden. 

Wie steht es aber mit Asuri? Möglich bleibt natürlich, daß 
ein Mann dieses Namens in der Tat in der Geschichte der Schule 
auf Kapila, unmittelbar oder mit unbekannten Zwischengliedern, 
gefolgt ist. Das Mahäbhärata indessen (XII, 7890 ff.), das seinen 
Schüler Pancasikha mit König Janaka von Mithilä, dem allbe- 
kannten Patron des Yäjfiavalkya, in Verbindung bringt, läßt uns 
glauben, daß — wie es schon Weber ansah — man ihn als den 
bekannten, dem Yäjnavalkyakreis angehörigen und in den Yäjna- 
valkyabüchern des Satapatha Brähmana oft genannten Ritual- 
lehrer A. verstanden hat. Garbe (65) findet diese Identität un- 
möglich, da der Asuri des Sat. Br. dort überall im Zusammen- 
hang mit Fragen des Ritus, nicht der Spekulation genannt werde 
(doch s. die Vamsas von XIV, besonders 9, 4, 33). Natürlich bin 
auch ich weit davon entfernt, jenen Rituallehrer zu einem wirk- 



the'osophiques dans l'Inde, I, 224, wird dieser Charakterzug des Sainkhya treffend 
hervorgehoben. 

17* 



252 H - Oldenberg, 

liehen Schüler Kapilas und Träger von dessen Lehre machen zu 
wollen. Aber ich halte für nicht unwahrscheinlich, daß es sich 
eben um eine Fiktion handelt, durch die ein Asuri, bei dem man 
an den Rituallehrer dachte, zum Sämkhyaphilosophen gestempelt 
worden ist, um das Sämkhya als im Kreise jener berühmten Theo- 
logen heimisch erscheinen zu lassen. So hat ja schon die BAU. 
den Yäjfiavalkya zum Verkünder spekulativer Ideen gemacht, die 
in Wirklichkeit wohl jenem alten Opferkünstler höchst befremdlich 
erschienen wären. Und denselben Yäjfiavalkya hat dann weiter 
das Mahäbhärata unbedenklich zu einem Kenner des Sämkhya ge- 
stempelt (G. 66), woran die von Garbe (65) im Zusammenhang 
dieser Erwägungen betonte „Feindseligkeit des Sämkhya-Systems 
gegen das brahmanische Ritualwesen" keineswegs gehindert hat. 
Die chronologische Unmöglichkeit davon, daß ein Zeitgenosse Yä- 
jfiavalkyas Schüler des Kapila gewesen ist, lag natürlich den Ur- 
hebern der betreffenden Fiktion, unbefangen wie sie waren, fern. 
Nun aber glaube ich weiter, daß als eine — sei es fingierte 
sei es, wie Kapila, wirkliche — Persönlichkeit ähnlich hohen 
Altertums auch Pancasikha anzusehen ist. Die Kärikä schließt 
ihn an Asuri an und läßt dann den unbestimmten durch die 
sisyaparamparä überbrückten Zwischenraum folgen, der bis Isvara- 
krsna reicht. Das Mahäbhärata setzt ihn entsprechend, wie eben 
erwähnt, in die Zeit des Janaka (auch XII, 11839). Und so figu- 
riert er auch zusammen mit Kapila, Asuri und der Gruppe des 
Sanaka usw. unter den bei der Zeremonie des Tarpana (G. 64) 
angerufenen Heiligen. Nun besitzen wir aber bekanntlich ander- 
seits eine Reihe von Fragmenten des Pancasikha, die ihn als einen 
verhältnismäßig jungen Schriftsteller erweisen; Garbe (70) setzt 
ihn schätzungsweise etwa um den Beginn unsrer Zeitrechnung. 
Dasselbe chronologische Dilemma kehrt in noch schärferer Form 
bei Värsaganya wieder, der auf Grund chinesischer Überlieferung 
in das 5. Jahrhundert n. Chr. zu gehören scheint, den aber gleich- 
falls das Mahäbhärata (XII, 11782; G. 74) in einem Dialog, bei 
dem Yäjfiavalkya beteiligt ist, erwähnt. Ich halte gewiß das 
Mahäbhärata nicht für ängstlich genau in chronologischen Dingen. 
Aber daß es etwa Kaniska oder einen Guptakönig an der Seite 
der Kuru und Pän<Ju kämpfen ließe, scheint mir doch ausgeschlossen. 
Ich vermute, daß auch bei diesen Philosophennamen wie bei Asuri 
Fiktionen im Spiel sind. Spätere philosophische Schriftsteller 
legten sich — oder ihre Verehrer legten ihnen — die Namen 
alter, im Nebel verschwimmender Größen bei, oder man taufte 
wenigstens ihre Werke auf diese Namen. So erbte der. Verfasser 



Zur Geschichte der Sämkhya-Philosophie. 253 

der Sämkhyasütras keinen geringeren Namen als den des Kapila; 
es gab verschiedene Vyäsas — nicht viel anders als wie jnnge 
Rechtsbücher von Yäjnavalkya usw. stammten. Sollte der Pan- 
casikha, von dem die Fragmente herrühren, nicht ähnlich zu be- 
urteilen sein J ) ? 



1) Zu den Fragen, von denen zu sprechen Garbes Darstellung der Säm- 
khyaphilosophie einladen würde, gehört auch die ihres von G. behaupteten Ein- 
flusses auf die Philosophie der Griechen. Ich lasse die Skepsis, zu der ich da 
hinneige, hier auf sich beruhen; das Problem gehört auch im Grunde mehr vor 
das Forum des Gräzisten als des Indologen. Doch möchte ich im Vorübergehen 
bei dieser Gelegenheit einer speziellen Behauptung widersprechen, die eine an- 
gebliche indisch - griechische Berührung betrifft. G. (S. 123) bezeichnet als von 
L. v. Schroeder erwiesen, daß Pythagoras mit den alten Indern die Kenntnis 
der irrationalen Zahl y/2 gemeinsam habe. Ich glaube selten einem so lücken- 
haften Beweise begegnet zu sein wie dem, den v. Sehr. (Pythagoras und die 
Inder 51) für die auch neuerdings (Reden und Aufsätze 168) von ihm wieder- 
holte Behauptung der Bekanntschaft der Sulvasütras mit den irrationalen Zahlen 
gegeben hat. Er weist einfach nur darauf hin, daß diese Sütras den Begriff der 
dvikararü = \j 2, trikarani = y/ 3 usw. kennen (genauer wäre : dvikaranl = Seite 
des Quadrats von doppeltem Flächeninhalt). Offenbar findet er dadurch gewähr- 
leistet, da y/2 bekanntlich irrational ist, daß den Sulvasütras auch die Irrationa- 
lität bekannt gewesen ist. Was die natürlich so einfach nicht zu erweisende Be- 
hauptung an sich anlangt, so hat dieser schon vor mehr als einem Jahrzehnt 
Vogt in einem Aufsatz der Bibliotheca Mathematica (3. Folge, VII, 6 ff.) über- 
zeugend Gerechtigkeit widerfahren lassen : welcher Aufsatz in den Kreisen der 
Indologie mehr Beachtung, als er gefunden zu haben scheint, verdienen dürfte 
(die vermutlich gleichfalls dies Problem berührende Untersuchung von Zeuthen, 
Comptes Rendus du IL Congr. intern, de Philosophie ä Geneve, 1904, 833 ff., 
angeführt — ebenso wie die Arbeit Vogts — von Cantor, ist mir unzugänglich). 



Die loxodromische Kurve bei G. Mercator. 

Eine Abwebr gegenüber Senhor Joaquim Bensaude (1917). 

Von 

Hermann Wagner. 

Vorgelegt in der Sitzung am 17. März 1917. 

I 
Im Jahre 1915 habe ich die Ergebnisse einer längern Studie 
über „Gerhard Mercator und die ersten Loxodromen auf Karten" x ) 
kurz in folgenden Sätzen zusammengefaßt : 

1. Gerh. Mercator scheint der erste gewesen zu sein, der 
Karten, d. h. seine Globusstreifen bezw. seinen Globus vom Jahre 
1541, mit Loxodromen versehen hat. 

2. Wenn Pedro Nunes (Petrus Nonius) hierauf einen mittel- 
baren Einfluß ausgeübt hat, so können dabei nur seine ältesten 
Schriften zur Nautik, die „Duos Tratados da carta de marear" 
vom Jahre 1537 in Frage kommen. 

3. In diesen Schriften von 1537 gibt Nunes jedoch noch 
keine Anweisung zur Berechnung von Rumbtafeln oder zur Zeich- 
nung von ßumblinien auf Globen und entwickelt in Text und Figur 
noch falsche Vorstellungen über den Verlauf der Loxodromen. Er 
läßt sie noch im Pol zusammen laufen. 

Die Abhandlung verfolgte einen wesentlich andern Zweck als 
die Aufhellung der Beziehungen zwischen Nunes und Mercator; 
sie zielte vielmehr, um dem Ursprung der nach Mercator benannten 
Zylinderprojektion (1569) näher zu kommen, auf den Nachweis ab, 
daß Mercator, was bisher wenig beachtet war, schon i. J. 1541 



1) Annalen der Hydrographie Bd. 43. 1915. Heft. VII u. VIII. 



Die loxodromische Kurve bei G. Mercator. 255 

eine „klar bewußte Vorstellung des Wesens und der Bedeutung 
der loxodromischen Kurve gehabt habe". Jedoch bin ich bei der 
Untersuchung auf seine nicht unmögliche Beeinflussung durch die 
Arbeiten von Nunes , wie ich glaube , mehr als irgend einer der 
Autoren vor mir eingegangen, da sich letztere dabei ausnahmslos 
auf allgemeine Vermutungen beschränkten. 

Nicht ein Deutscher, sondern der Italiener MatteoFiorini 
— das möge hier zuerst nochmals festgestellt werden — hatte 
1890 indirekt die Unmöglichkeit einer solchen Abhängigkeit Mer- 
cators von Nunes behauptet. Indem er dessen Grlobus von 1541 
mit seinen Loxodromen beschrieb, sagte Fiorini: „Unser Autor 
hatte eine sehr klare Vorstellung von der Loxomodrie. Es war 
allerdings zuerst Pietro Nonio, welcher die w T ahre Natur der 
Loxodrome feststellte und zeigte, daß diese Linie nicht, wie viele 
glaubten, kreisförmig sei, sondern sich nach Art einer Schnecken- 
linie bildet, deren Windungen, wenn auf die Kugel übertragen, 
den Pol nicht erreichen können, so weit man sie auch verlängern 
mag. Die Untersuchungen des portugiesischen Mathematikers wurden 
bekannt im Jahr 1543, drei Jahr nach der Veröffentlichung des 
Erdglobus von Mercator, sie sind aber durch den Druck erst im 
Jahr 1573 verbreitet worden. 

Ich wiederhole, daß es der Italiener Fiorini war, der, so 
viel mir bekannt, zum ersten Male es aussprach, daß Mercator 
seinen Grlobus 1541 mit Loxodromen versehen habe, bevor Nonius 
mit seiner Entdeckung über das Wesen derselben hervorgetreten sei. 

Dem gegenüber habe ich in meiner Studie nachgewiesen, daß 
die bisherigen Autoren — und Fiorini nicht ausgenommen — über 
die Chronologie der Schriften von Nonius zumeist nur mangelhaft 
unterrichtet waren, und daß tatsächlich die Darlegungen über das 
Wesen der alle Meridiane auf einer Kugel unter gleichem Winkel 
schneidenden sog. Loxodrome mit ihrem Unterschied vom größten 
Kreise aufs klarste von Nonius schon in seiner, heute sehr selten 
gewordenen Schrift von 1537 „Tratado em defensam da carta de 
marear" enthalten sei. Diesen Beweis vermochte ich allerdings 
nur dadurch zu führen, daß ich nach langem Suchen endlich ent- 
deckte, daß ein Originaldruck dieser Schrift sich in der Herzogl. 
Bibliothek zu Wolfenbüttel erhalten habe. Es ist dasselbe Exem- 
plar, nach welchem Senhor Joaquim Bensaude die inzwischen 
erschienene prächtige Faksimile- Ausgabe des „Tratado da Sphera" 
(München 1915) auf Kosten der portugiesischen Regierung heraus- 
gegeben hat. Diese gewährt für mich den Vorteil, daß man meine 
Darlegungen über Nonius heute an zahlreichern Orten als früher, 



256 Hermann Wagner, 

würde nachprüfen können, worauf ich nach den Einwänden, gegen 
welche sich diese Abwehr richtet, besondern Wert legen muß. 

Durch die nähere Analyse eben dieser Schrift von 1537 glaube 
ich — auch dies sei zur Klarstellung betont — einen Punkt, der 
für die Entscheidung der Frage, ob Mercator beim Entwurf seiner 
Loxodromen durch Nonius hat beeinflußt werden können, von 
grundsätzlicher Bedeutung ist, nämlich die zeitliche Aufeinander- 
folge der Tatsachen, erst ins rechte Licht gesetzt zu haben. Denn 
hätte sich, wie Fiorini annahm, Nonius erst in seinen nach 1541 
erschienenen Schriften über das Wesen derselben geäußert, so wäre 
die Abhängigkeit Mercators von ihm in diesem speziellen Punkte, 
wenn nicht unmöglich, so doch in viel höherem Grade unwahr- 
scheinlich gewesen. 

Meine Nachforschungen über etwaige direkte Beziehungen 
zwischen den beiden Kosmographen in so frühen Jahren waren 
ohne Erfolg. Aber die Möglichkeit, daß Mercator die Schrift des 
Nonius von 1537 hat einsehen können, um dadurch mit den Eigen- 
schaften der Loxodrome bekannt zu werden, habe ich damals mit 
ausdrücklichen Worten, die hier wiederholt werden mögen, zuge- 
geben (a. a. 0. 343) : „An sich undenkbar wäre diese Be- 
kanntschaft (der „Duos Tratados" des Nonius von Seiten 
Mercators) bei den nahen B eziehungen nicht, welche im 
Zeitalter Karls V. zwischen Spanien und den Nieder- 
landen, vielleicht auch zwischen den Universitäten 
Coimbra und Löwen bestanden. Man erinnere sich, 
daßderGlobus von 1541 noch in Löwen entstanden ist, 
welche Stadt Mercator erst 1552 verließ". 

Allerdings halte ich auch heute noch an meinen ausführlich 
begründeten Anschauungen fest, daß Mercator in der Schrift von 
1537 keinerlei Anhaltspunkte für die Zeichnung, für die eigent- 
liche Konstruktion der Loxodromen finden konnte, welche er mit 
verhältnismäßig sehr großer Genauigkeit auf die Globusstreifen 
aufgetragen hat (von diesen hat man bekanntlich 1868 in Gent 
einen Abdruck gefunden, um sie dann in Originalgröße zu publi- 
zieren). Denn es findet sich in den Tratados des Nonius von 1537, 
wie oben schon angedeutet, „noch nichts von einem Versuche, eine 
Eumbtafel zu berechnen oder von einer Anweisung zur Zeichnung 
der Rumben auf Globen. Auch sind die Kapitel 21 bis 27 des 
VI. Buches von „P. Nonii Salaciensis de regulis et instrumentis" 
etc., welche die technische Frage der Loxodromenzeichnung ein- 
gehend behandeln, nur in den spätem lateinischen Ausgaben der 



Die loxodromische Kurve bei G. Mercator. 



257 



Werke des Nonius (Basel 1566, Coimbra 1573), nicht aber in der 
portugiesischen Originalpublikation von 1537 enthalten". 

Ebenso wenig konnte Mercator das Nötige aus der großen 
Figur entnehmen, welche dem Tratado von 1537 mit textlicher 
Erläuterung beigefügt ist, und die ich unter gleichzeitiger Abbil- 
dung in Originalgröße kurz als den „Ersten Versuch eines Loxo- 
dromenentwurfs durch P. Nunes 1537" bezeichnet hatte. Hierin 
liegt doch unzweifelhaft von meinerSeite eine volle 
Anerkennung der Priorität eines solchen Versuches 
durch Nonius gegenüber Mercator. Ich sage jene Figur 
konnte Mercator deshalb nicht ausnutzen, weil sie zwar das Prinzip 
des Verlaufes einzelner Loxodromen vom Aequator aus, aber noch 
in durchaus fehlerhafter Konstruktion erkennen ließ. Indem ich 
die Figur, die man nach der Unterschrift des Nonius als eine Po- 
larprojektion der nördlichen Hemisphäre aufzufassen hat, mit 
einem aequidistanten Gradnetz überspann, ergaben sich bei der 
Nachprüfung für die Schnittpunkte der Loxodromen von 45° und 
67 1 /2° mit dem 45., 90., 180. Meridian die folgenden, doch sehr 
beträchtlichen Fehler (a. a. 0. S. 345) : 





Loxodromia sexta (67 V2 ) 


Loxodromia quarta (45°) 


Länge 


Theorie 


Nunes (1537) 


Fehler 


Theorie 


Nunes (1537) 


Fehler 


45« 


18Vs°Br. 


17 Vs Br. 


— 1« 


41« Br. 


40« Br. 


— 1° 


90« 


35« „ 


25« „ 


— 10« 


66 V . 


57« £ 


- 9 V 2 ° 


180« 


59 V2 „ 


52« „ 


- 7 V2 


85« n 


75« „ 


— 10« 



(Alle diese Fehler würden sich bei Zugrundelegung einer stereo- 
graphischen Polarprojektion außerordentlich erhöhen. Sie kann 
also jedenfalls bei der Beurteilung nicht in Frage kommen). Genug, 
dem gegenüber konnte ich nachweisen (a. a. 0. S. 307), daß die 
Konstruktionsfehler der zahlreichen , nach ganz eigenartiger, be- 
wußter Auswahl auf dem Mercatorschen Grlobus eingezeichneten 
Loxodromen im Durchschnitt nicht V2 L. überschreiten, sodaß die 
Abweichungen meist innerhalb der mir selbst ev. zur Last zu le- 
genden Abmessungsfehler liegen. 

War ich hiernach nicht vollauf berechtigt, die im Anfang 
dieses Aufsatzes angeführten Leitsätze aufzustellen? Daß näm- 
lich Gr. Mercator in der Tat der erste gewesen zu sein 
scheine, der Karten mit richtigen Loxodromen ver- 
sehen hat? Denn die obige Figur im Tratado des Nunes von 



258 Hermann Wagner, 

1537 ist weder eine Karte, noch enthält sie richtige Loxo- 
dromen. 

Um auch dem Leser dieser meiner Abwehr die Nachprüfung 
zu erleichtern, bringe ich die dem Nonius' sehen Werke von 1537 
entnommene Figur auf folgender Seite nochmals in der Original- 
größe und als Faksimile zum Abdruck. Dabei bemerke ich, daß 
ich die Teilpunkte des Mittelmeridians meinerseits erst in die Figur 
eingetragen habe, um dem Leser die Eintragung der Breitenkreise 
als aequidistante konzentrische Kreise zu erleichtern. (S. 259). 

Hiebei lege ich — auch dies hebe ich ausdrücklich hervor — 
keinen Wert darauf, daß Nunes, wie Figur und der in deutscher 
Übersetzung von mir abgedruckte Text beweisen (a. a. 0. S. 347), 
i. J. 1537 noch der irrtümlichen Ansicht huldigte, die Loxodromen 
schnitten sich im Nordpol, eine Ansicht, die er ja selbst in den 
spätem Schriften vollkommen berichtigt hat. Ich fügte hinzu 
(a.a.O. S. 348, oben), „es sei denkbar, daß auch Mercator, zur 
Zeit der Zeichnung seiner Globusstreifen noch in demselben Irrtum 
eines Zusammentreffens der Loxodromen im Pol befangen gewesen 
sei, da sein Lehrer Gremma Frisius an dieser falschen Auffas- 
sung noch 1545 (im Appendix zu Kap. XV der von ihm seit 1529 
oft herausgegebenen Cosmographia Petri Apiani; den Appendix 
enthält zuerst die Ausgabe von 1545) und später festgehalten habe. 
Die Grlobusstreifen Mercator s geben , da sie nur bis zum 70° Br. 
reichen, darüber keine Auskunft und die zugehörigen Kugelkappen 
von 70—90° enthalten überhaupt keine Loxodromen". 

Nach allem diesen glaube ich dem verdienten por- 
tugiesischen Kosmographen Nunes im fraglichen 
Punkte alle Gerechtigkeit widerfahren gelassen 
und unserm G e r h. Mercator kein Verdienst, das er 
nicht beanspruchen könnte, zugesprochen zuhaben. 

II 
Mit Staunen sah ich mich in diesem Glauben getäuscht beim 
Einblick in die neueste Schrift des Senhor Joaquim Ben- 
saud o, jenes z. Z. in der Schweiz lebenden portugiesischen Ge- 
lehrten, der mit den reichen ihm zur Verfügung stehenden Mit- 
teln und in unermüdlicher Ausdauer seit Jahren bemüht ist, die 
frühe selbständige Pflege der nautischen Wissenschaft der Portu- 
giesen ins rechte Licht zu stellen. Seinem in der letzten Zeit 
oft besprochenen Werk „L'astronomie nautique en Portugal a 
l'epoque des grandes döcouvertes", (Berne 1912), hat er soeben 
eine „Histoire de la science nautique portugaise" (Geneve 1917) 



Die loxodromische Kurve bei G. Mercator. 



259 




C© circulo gründe rep:cfema a equfnocial % ofeucentro 00 polo t)o 
«02te*:&6 linbaoüereitasfatnoerimtoeö noaeful:? aeoutraetuaa 
linbae curuae oe büa parte z Da outra fam nebelte fuduefte t tiozoe 
fte fueftt .£ ae outras antreeftae ? a cquinocial fam Ire nwdefteoes 
fuduefte*z ocg nojoefteleefuefte* 

Erster Versuch eines Loxodromenentwurfs durch P. Nunes 1537. 



260 Hermann Wagner, 

folgen lassen. Er nennt diese mit Recht nur ein „Resume", denn 
sie enthält teilweise nur knrze Aphorismen und nackte Aufzäh- 
lungen von Daten; er stellt eine weitere Publikation unter ganz 
gleichem Namen „Histoire de la science nautique portugaise" sowie 
„Etudes pour l'histoire de la science nautique portugaise" als IL 
Teil seiner „L'astronomie nautique" noch in Aussicht (en preparation). 
In diesen Werken hat sich der Verfasser, wie angedeutet, als 
seine Hauptaufgabe gestellt, dem in der Geschichte der mathe- 
matischen Geographie und Nautik tatsächlich seit Generationen 
herrschenden (Hauben entgegenzutreten, daß es wesentlich fremder 
Einfluß gewesen sei, der die Fortschritte der Nautik in Portugal 
zuwege gebracht habe. Er sucht die unabhängige selbständige 
Entwicklung daselbst und speziell die Priorität einzelner Errungen- 
schaften im Gebiete des Seewesens während des Zeitalters der 
Entdeckungen für sein Vaterland nachzuweisen. Diesem „L'etude 
des priorit^s" ist auch die neueste Schrift ganz vorzugsweise ge- 
widmet und hierbei spielen die „Les pretentions de prio- 
ri t e del'Allemagne" die Hauptrolle ; ihnen ist fast die Hälfte 
der Schrift gewidmet. In den ersten Kapiteln handelt es sich 
wesentlich um Wiederholung früher in großer Breite erörterter 
Punkte. Meines Erachtens wird bei diesen mit vollem Recht dar- 
getan, daß die bei uns seit Humboldts Zeiten angenommene, nament- 
lich von Ritter, Ziegler, Breusing, Gelcich, Rüge, Günther etc. oft 
behauptete Bevormundung der portugiesischen Nautik durch Deutsche, 
wie Regiomontan und Behaim , nicht zu Recht besteht. Es handelt 
sich dabei vor allem um nautische Instrumente, wie das nautische 
Astrolabium und den Jacobstab (balesthilha) , und um die Einfüh- 
rung von Tafeln zur Breitenbestimmung zur See. Sicher ist auch 
für mich, daß durch das Bekanntwerden des „Regimento do 
estrolabio e do quadrante", welches sehr seltene Werk unter 
Aegide der portugiesischen Regierung jetzt auch von Herrn Ben- 
saude in einer schönen Faksimileausgabe (München 1914) heraus- 
gegeben ward, die Frage, wann und woher die Portugiesen eine 
Tafel der Sonnendeklination in einer für die Breitenbestimmung zur 
See zweckmäßigen Form erhalten haben, in ein ganz neues Stadium 
getreten ist. 

Aber alle diese Punkte sollen und können uns hier jetzt nicht 
beschäftigen. Wir verweilen allein bei No. 6, „La courbe loxo- 
dromique chez Mer cator", der neu in die Diskussion geworfen 
wird: 

„Priorite de la courbe loxodromique reclamee 
dour Mercator en 1541, sous pretexte, qu'il devait 



Die loxodromische Kurve bei G. Mercator. 261 

avoir ignore la courbe decrite par Pedro Nunes en 
1537 (fl. Wagner 1915). Diesem Punkte ist nicht nur ein 
ganzer Abschnitt (S. 78—85), sondern auch ein Schlußkapitel „Le 
milieu portugais et le milieu allemand aux d^buts du XVI 6 siecle" 
(S. 97 — 1C6) gewidmet. Mit welchem Erfolg der Verfasser dieser 
ganz unbegründeten Unterstellung — ich vermag keinen andern 
Ausdruck zu gebrauchen — auf Grund meiner Untersuchungen von 
1915 Verbreitung verschafft hat, kann man aus den Worten des 
Berichterstatters M. Bigourdan über den Preis Binoux ersehen, 
welchen die Academie des sciences in Paris in ihrer Sitzung vom 
18. Dez. 1916 Herrn J. Bensaude für seine Arbeiten verlieh. Dieser 
Bericht ist am Schluß der neuesten Schrift des letztern abgedruckt 
und dort heißt es bezüglich der uns hier interessierenden Frage: 
„Mr. Bensaude montre ainsi que les marins portugais trouvaient 
chez eux tout ce qui pouvait etre utile ä leurs navigations. Le 
perfectionnement de la cartographie n'importait pas moins aux 
progres de la navigation. Divers auteurs portugais s'en occupent 
de bonne heure: Jean de Lisbonne, des 1514; et surtout, avec le 
plus grand succes, Pierre Nonius, qui le premier decrit 
la courbe loxodromique (1537), — reclamee aussi par 
la Science allemande pour Mercator. Mais il est bien 
plus probable que celui-ci profita indirectement des travaux des 
Portugais et des Espagnols, par Fintermediaire de l'Ecole de Lou- 
vain, fille de l'Ecole espagnole". 

Es ist mir schlechterdings unerfindlich, wie Senhor J. Ben- 
saude meinen Darlegungen eine so gänzlich verkehrte Interpre- 
tation hat geben können. Handelte es sich um einen Gelehrten 
romanischer Nationalität, der des Deutschen nicht mächtig wäre 
und überhaupt der neuern deutschen Literatur in Betreff der Ge- 
schichte der mathematischen Geographie und Nautik fern stände, 
so wären die begangenen Mißverständnisse nicht weiter verwun- 
derlich. Aber gerade Herr Bensaude ist nicht nur durch seinen 
langjährigen Aufenthalt in München ein trefflicher Kenner der 
deutschen Sprache, — er erwidert meine Briefe in korrektestem 
Deutsch — sondern es beweist jede seiner Schriften durch die 
Fülle von Zitaten aus deutschen Werken, daß er in diesem Zweig 
deutscher Geistesarbeit vollkommen zu Hause ist. Um so mehr 
muß ich Verwahrung einlegen gegen den niemals von 
mir behaupteten Satz, es sei „sehr wahrscheinlich, 
daß Mercator selbst auf die Idee der loxodr omischen 
Kurve gekommen sei 1 ), oder daß in derselben j,une production 

1) „M. Wagner reconnait que la courbe avait ete" de'crite quatre ans avant 



262 Hermann Wagner, 

subite, spontanee et isolee, comme M. Wagner le pretend, 
pour Mercator" (a. a. 0. p. 80) gewesen sei. „Cette nouvelle pre- 
tention de priorite", heißt es weiter, „semble des moins fondees": 
„La pretendue priorite de Mercator, bas^e sur l'ignorance de la 
description de la courbe par Nunes, est une pretention inadmiss- 
ible" (a. a. 0. p. 82). 

III 

Unter solchen Umständen wird es mir schwer, in dieser Ver- 
drehung meiner Worte nicht eine bewußte Absicht des Verfassers 
zu erblicken; sie könnte Anlaß bieten, mich an seiner bisher durch- 
aus anerkannten Loyalität der deutschen Wissenschaft gegenüber 
zweifeln zu lassen. Ich muß bei diesem Punkt etwas länger ver- 
weilen. 

Ob bei der neuen Stellungnahme Bensaude' s die wohlwollende 
Aufnahme, die seine Erstlingsschrift im nichtdeutschen Auslande 
— übrigens bei uns kaum weniger — gefunden hat, mit die Ver- 
anlassung gegeben hat, mag dahin gestellt bleiben. Es ist aller- 
dings bemerkenswert, wie dort eine sich in der Geschichte der 
Wissenschaften, besonders aber im Bereich der Entdeckungsge- 
schichte, wo es sich vielfach um eine Rivalität nationaler Leistungen 
und Verdienste handelt, oft wiederholende Entwicklung in diesem 
honkreten Fall aufgebauscht und zu einem Angriff auf die deutsche 
Wissen scbaft ausgenutzt wird. Ich meine die bekannte Tat- 
sache , daß eine lange Zeit hindurch gehegte Anschauung über 
die Art und Weise, wie, und die Einflüsse, unter welchen sich ge- 
wisse Kenntnisse in weit zurückliegenden Zeiten entwickelten, sehr 
käufig durch Erschließung neuer Quellen als irrig erkannt wird ? 
um nach siegreichem Durchbruch der neuen Beweise für immer 
verlassen zu werden. Den Vertretern der älteren Anschauung 
alsdann eine mala fides oder nationale Verblendung vorzuwerfen, 
ist jedenfalls keine vornehme Art wissenschaftlichen Kampfes. 

Ich erinnere in unserm Fall u. a. an den Vortrag, den der 
greise . Nestor der britischen Geographen und als Historiker der 
Erdkunde allgemein anerkannte Sir ClementsMarkhambei der 
letzten Gelegenheit, bei der er an die Öffentlichkeit trat — er 
starb bekanntlich im März 1916 als 86 jähriger — , im Anschluß an 
das Bensaude'sche Buch am 10. Juni 1915 in der R. Geographica! 



dans le Traite de la sphere de Pedro Nunes, imprime' ä Lisbonne en 1537; mais 
il est tres probable, croit-il(l), que Mercator a ignore" ce livre et qu'il 
a eu de lui-meme l'idee de la courbe" (a.a.O. p. 79). 



Die loxodroraisclie Kurve bei G. Mercator. 263 

Society zu London hielt, und an die sich anschließende Diskussion ! ). 
,.A great injustice", — das sind Markham's Worte, — „has been 
done to the Portuguese by the German claim , that if Germans 
did not actually make the discoveries, it was due to German science 
that they were made possible". Indem Sir Clements die jetzt 
als Überschätzung des Einflusses von Regiomontan und Martin 
Behaim auf die portugiesische Nautik nachgewiesenen , seit Hum- 
boldts Vorgang bei uns geltenden Anschauungen kurz anführt, 
schließt er mit energischem Protest : „It is astounding that all 
these statements are based solely on one paragraph of Barros 
(den er auch im Wortlaut anführt) and that there is really no 
authority to support them and no grounds for them whatever. 
They are pure inventions". 

Um was handelt es sich dabei im Grunde? Daß Humboldt 
1835 aus einer Notiz der Decaden des spanischen Historikers de 
Barros, in welcher er einen Martin de Boemia als Mitglied der 
von Johann II. von Portugal eingesetzten Junta dos matematicos 
nennt, in diesem den deutschen Martin Behaim erblickte und damit 
die Vermutung aussprach, es habe dieser, als ein Schüler des Be- 
giomontan, bei seinem notorischen Aufenthalt in Portugal gewisse 
für die praktische Nautik wichtige Hilfsmittel dorthin über- 
tragen. Auf seine Autorität hin haben sich dann später deutsche 
Forscher bemüht, diese Übertragungen näher zu präzisieren. Das 
geschah während der Jahrzehnte, während welcher quellenmäßige 
Forschungen im heimatlichen Geltungsbereich der portugiesischen 
Nautik noch kaum weiter angestellt waren und engere wissen- 
schaftliche Beziehungen, wie sie sich auch auf geographischem Ge- 
biet erst in dem jüngsten internationalen, durch den Weltkrieg so 
jäh zum Abschluß gekommenen Zeitalter ausbildeten, noch wenig 
bestanden. Breusing, Ziegler, Gelcich, S. Günther, S. 
Buge, Kretschmer schrieben in den Jahren 1869 — 1895. Wir 
alle standen damals, mangels anderer Kenntnisse, noch unter dem 
Einfluß der Humboldtschen Anregungen. 

Einen Wandel leiteten nicht erst die Publikationen Senbor 
Bensaud e's ein, sondern es war wesentlich das Verdienst des in 
London seit Jahrzehnten lebenden deutschen Geographen E. G. Ra- 
venstein, auf das Unsichere der Argumente der oben Genannten 
aufmerksam zu machen und ältere Quellen , vor allen Zakutos 
Almanach perpetuum, in die Diskussion zu ziehen. Von frühern 
Einwendungen gegen die inzwischen herausgebildete Überschätzung 



1) The Geographica! Journal Vol. 46. 1915. Sept. p. 173—187. 



264 Hermann Wagner, 

der Bedeutung Martin Behaims für die Fortschritte der Nautik 
und mathematischen Geographie seiner Zeit abgesehen, kommt da- 
bei in erster Linie Ravensteins ausgezeichnete Schrift „Martin 
Behaim, his life and his globe" (London 1908) in Betracht. In 
rascher Folge treten dann die Portugiesen selbst mit auf den Plan, 
auf die Glanzperiode ihrer Geschichte zurückgreifend, und unter 
diesen steht, wie oft hervorgehoben, Senhor Bensaude in vor- 
derster Reihe. 

Für jeden objektiven Forscher erwächst mit dem Augenblick, 
daß wirklich neue Tatsachen ans Licht gezogen werden, die unab- 
weisliche Pflicht, seine bisherigen Anschauungen über eine davon 
berührte Streitfrage einer erneuten Prüfung zu unterziehen und sie, 
auch wenn sie ihm lieb geworden sind, aufzugeben oder zu ändern. 
Voraussetzung ist, daß man die neu auftauchenden Einwände als 
triftig, die Beweisstücke als durchschlagend anerkennt. 

Dies ist nun im vorliegenden Fall alsbald auf unserer Seite 
geschehen, speziell von mir selbst, und die Loyalität gebietet es 
zu erwähnen, daß auch Sir Clements Markham von diesem 
Umschwung Notiz nahm 1 ), während einer der Diskussionsredner 
diesen Hinweis mit höhnischen Worten begleitete, daß die Deutschen 
jede Entdeckung oder Erfindung in der Welt für sich in Anspruch 
nehmen, und der Vorsitzende Douglas W. Freshfield seine aus- 
drückliche Zustimmung zu diesem Ausfall kundgab (a. a. 0. p. 187). 

Ich frage nochmals, liegt dieser Fall anders , als die Frage 
des allgemein anerkannten , indirekten Anteils Paolo Tosca- 
nellis an der Entdeckung Amerikas, bis der Feldzug Henry 
Vignauds einsetzte, der Brief und Karte Toscanellis vom Jahre 
1474 für apokryph erklärte? Nur daß in diesem Fall letzterer 
die Verteidiger der intellektuellen Mitwirkung des Florentiner 
Kosmographen, so weit sie die Vignaud'sche Polemik noch erlebten, 
nicht überzeugte. Oder um ein anderes Beispiel anzuführen. 
Wird man innerhalb der französischen Literatur, die seit Lape- 
rouse Zeiten vielfach die Behauptung aufgestellt hat, die Spanier 
hätten längst vor dem Betreten der Hawaii-Inseln durch James 
Cook 1778 jene Inseln gekannt, sodaß Cook nur ihr Wiederent- 
decker war, nicht aufzugeben gezwungen sein, nachdem der 
gelehrte Schwede Dahlgren in seinem soeben die Presse ver- 
lassenden monumentalen Werk „The discovery of the Hawaii Is- 



1) It is fair, however, to say that the Professor of Geography at Göttingen 
and other leading German authorities have frankly acknowleged the correctness 
of M. Bensaudes contention (a. a. 0. p. 179). 



Die loxodromische Kurve bei G. Mercator. 2Ö5 

lands" (Stockholm 1917) die Haltlosigkeit dieser Vermutung einer 
frühern Entdeckung vor 1778 zur Evidenz gebracht hat? Diese 
Beispiele lassen sich natürlich ins endlose vermehren, ohne daß 
man das gleiche Forschungsgebiet, das uns hier beschäftigt, zu 
verlassen hätte. Die große Mehrzahl dieser Kontroversen läßt 
sich mit ruhiger Objektivität erörtern, ohne die gegenteiligen An- 
sichten gleich zu schwer beweisbaren Argumenten nationaler „Prae- 
tensionen" zu stempeln, wie es Senhor Bensaude in unser m Fall 
beliebte. 

IV 

Damit komme ich zur loxodromischen Kurve bei Mercator 
zurück. 

Was der Verfasser nunmehr zur Entkräftung meiner vermeint- 
lichen Irrtümer vorbringt, gipfelt zunächst in dem Versuch, die 
engen Beziehungen nachzuweisen, welche in den Zeiten Karls V. 
die wissenschaftlichen Kreise nicht nur der Niederlande sondern 
auch Süddeutschlands mit denen der spanisch-portugiesischen Halb- 
insel unterhielten; speziell diejenigen, welche die Universität Löwen 
in damaliger Zeit mit Portugal verknüpften. Diese Darlegungen 
bieten manches Neue und sie ergänzen auch die älteren Abschnitte 
in Averdunk's neuester Biographie Mercator s. Aber irgend 
eine direkte Beziehung Mercators zu Nunes und seinem Werk 
kann auch Herr Bensaude nicht nachweisen. 

Aber nun gilt es den letzten Trumpf zu besprechen, den 
Senhor Bensaude zu meiner Erledigung ausspielt, ohne zu merken, 
daß er sich damit vollkommen in Widerspruch mit seinen eigenen 
Einwendungen setzt: „C'est M. Wagner lui-meme", heißt es (p.82), 
„qui nous montre, par quelle voie Mercator a connue la courbe en 
nous faisant savoir que Gremma Frisius, dans une annexe de 
la Cosmographia Petri Apiani, edition de 1545, faisait lui aussi 
arriver la courbe au pole". „Gemma Frisius, en 1545, de meme que 
son eleve en 1541 , avaient etudie la courbe chez Pedro Nunes. 
Une premiere application (sie!) de la courbe faite par 
Mercator n'est pas une preuve de priorite\ II ne s'agit 
d'abord que d'une premiere application connue de l'idee de Nunes". 

Nun, klarer hätte ich selbst nicht sprechen können, wenn ich 
sagte, daß der Grlobus des Mercators v. J. 1541 die erste An- 
wendung der loxodromischen Kurve in der Kartographie des 
XVI Jahrh. gewesen zu sein scheine. Herr Bensaude bestätigt 
also an dieser Stelle mit eigenen Worten, daß ich die Entdeckung 
der loxodromischen Kurve nicht im entferntesten dem Mercator 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 2. 18 



266 Hermann Wagner, 

zuschreibe, sondern nur eine erste (korrekte) Anwendung auf 
Karten. 

Um jedoch das Verdienst Mercators auch in letztem Punkt 
zu entkräften, hätte uns Herr Bensaude eine anderweitige, vor 
1541 entworfene Karte mit Loxodrömen nachweisen sollen. Statt 
dessen versucht er die Abschwächung durch so allgemeine Wendungen 
zu erreichen wie: „Qui nous dit que dans ces nombreuses cartes 
portugaises disparues (sie!), il ne s'en trouvait pas quelqu'une oü 
le cosmographe du royaume, l'examinateur des pilotes et des car- 
tographes, le premier mathematicien a etudier les erreurs de la 
cartographie, n'aurait pas, lui aussi, applique* ou fait appliquer sur 
une carte sa propre courbe?". 

Was diesen letzten Punkt betrifft, so habe ich gerade den 
strikten Beweis geliefert, daß Nunes selbst im J. 1537 noch nicht 
im Stande war, richtige Loxodrömen auf eine ebene Karte 
zu zeichnen, denn sein „Erster Versuch" ist, wie oben nachge- 
wiesen, mit schweren Fehlern behaftet. Senhor Bensaude nimmt 
freilich seinen Landsmann auch in diesem Punkte in Schutz (a. a. 0. 
p. 82) „Nun es ne verifia qu'apres 1537 le prolongement dans les 
regions polaires; ce n'est d'ailleurs qu'un detail de valeur pure- 
ment theoretique et scientifique qui n'infirme en rien la connais- 
sance qu'il a eue de l'essence et de la portee de sa decouverte". 
Dem kann man beipflichten, und ich habe oben (S. 258) hervorge- 
hoben, daß ich auf diese spätere Erkenntnis, die Loxodrome er- 
reiche den Pol nicht, für die allein von mir behandelte Frage 
kein Gewicht lege. Aber den Kernpunkt der Sache, die 
Konstruktionsfehler der Nunes'schen Loxodrömen 
in niedern und mittlem Breiten gegenüber der ver- 
hältnismäßig großen Genauigkeit der von Mercator 
auf seinem Globus gezeichneten Loxodrömen übergeht 
Herr Bensaude vollkommen mit Stillschweigen. 

Wenn also auch die nautische Wissenschaft, wie sie sich bei 
den Portugiesen bis in das vierte Jahrzehnt des 16. Jahrh. ent- 
wickelt hat, für Mercator den Ausgangspunkt für seine der Nautik 
gewidmeten Arbeiten gebildet haben sollte, wie Herr Bensaude 
(p. 83) annimmt, so bleibt ihm doch, solange keine frühem Karten 
mit richtigen Loxodrömen nachgewiesen sind, das Verdienst, 
der erste gewesen zu sein, der auf seinem Globus diese Aufgabe 
mit Erfolg gelöst hat. Und ein weiteres habe ich nicht beweisen 
wollen. 

Falls also Herr J. Bensaude sich den Ruf eines objektiven 
Forschers erhalten will, fordere ich ihn auf, die gesamte gegen 



Die loxodromische Kurve bei G. Mercator. 267 

meine Ausführungen erhobene Reklamation öffentlich zurückzu- 
nehmen, wozu sich bei seinen „en pr^paration" befindlichen Schriften 
über die Geschichte der Nautik in Portugal die beste Gelegenheit 
gibt. Car une reclamation contre une pre'tention de 
priorit6, que personne n'a pas faite, est non seule- 
ment inadmissible, eile est absurde. 



Berichtigung: S. 263 Z. 15 v. o. lies „portugiesischen" statt 
„spanischen". 









18 : 



Nissel und Petraeus, 
ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 

Von 

Alfred ßahlfs. 

Vorgelegt von Herrn R. Pietschmann in der Sitzung vom 3. März 1917. 

Bei den Vorarbeiten für ein Verzeichnis der äthiopischen Hand- 
schriften nnd Ausgaben des Alten Testaments stieß ich öfters auf 
die Ausgaben alttestamentlicher äthiopischer Texte von Johann 
Georg Mssel und Theodor Petraeus, und mehrere Fragen, die sich 
dabei erhoben, veranlaßten mich, die äthiopischen Textausgaben 
dieser beiden „amici intimi" überhaupt etwas genauer zu unter- 
suchen. Dabei machte ich einige Beobachtungen bibliographischer, 
biographischer und typographischer Natur, die über den Rahmen 
jenes Verzeichnisses hinausgehen, die ich aber doch nicht unver- 
öffentlicht lassen mochte, da sie in mehrfacher Hinsicht interessant 
und zum Teil auch für das volle Verständnis der in jenem Ver- 
zeichnis anzuführenden Ausgaben alttestamentlicher Texte unent- 
behrlich sind. Ich schicke daher jenem Verzeichnis einen Aufsatz 
über diese beiden Männer voraus, die unter denjenigen, welche sich 
in älterer Zeit um die äthiopische Philologie durch die Herausgabe 
von Texten verdient gemacht haben, wenigstens hinsichtlich der 
Zahl ihrer Publikationen an erster Stelle stehen, wenn diese Pu- 
blikationen freilich auch nur geringen Umfang haben und nicht 
frei von Fehlern sind. 

Folgende Bücher zitiere ich abgekürzt: 
Berg hm, = G. Berghman, Nouvelles etudes sur la bibliographie elzevirienne. 

Supplement ä l'ouvrage sur les Elzevier de M. Alphonse Willems. Stockholm 

1897. 
Dil Im. Berl. = Die Handschriften- Verzeichnisse der Kgl. Bibl. zu Berlin. 

3 : Verzeichniss der abessin. Hss. von A. Dillmann. Berlin 1878. 



Alfred Rahlfs, Nissel und Petraeus. 269 

Juncker = Commentarius de vita, scriptisque ac meritis illustris viri lobi Lu- 
dolfi . . . Auetore Christiane- Iunckero . . . Lips. et Francof. 1710. Diese 
Lebensbeschreibung beruht größtenteils auf eigenen Aufzeichnungen Ludolfs, 
s. Junckers Vorrede. 

Le Long-Masch = Bibliotheca sacra post cl. cl. v. v. Jacobi Le Long et C. 
F. Boerneri iteratas curas ordine disposita, emendata, suppleta, continuata 
ab Andrea Gottlieb Masch. Partis seeundae de versionibus librorum sacro- 
rum volumen primum de versionibus orientalibus. Halae 1781. 

Mo 11 er ss Johannis Molleri Flensburgensis Cimbria Literata. Tom. I. Havniae 
1744. 

Reed = Talbot Baines Reed, A history of the old English letter foundries. 
London 1887. 

Werner Brev. exp. = Pium Mufarum Orientalium defiderium: [hoc eft, | 
BREVIS EXPOSITIO | INSTITÜTI | VIRI Celeberrimi, M. THEODORl PE- 
TRAEI, | Flensburgo-Holfati, hodie Amfterda-|mi agentis, | De edendis in lu- 
cem utüißimis, iisq_; haud paucis | MANVSCBIPTIS OBIENTALIBVS, \ 
diverfarum linguarnm : | Cum fubnexa pii quanquam operoli operis pro virili 
pro-|movendi obteftatione ac voto: | inscripta et dicata | CORD ATIS SEU 
SAPIENTIB. EUERGETIS AC MUSA-|GETIS CUJUSCUMQÜE STATUS 
ET ORDINIS. | ä | JOHANNE WEBNEBO, SS. THEOL. Doctore. | 
Anno clo Io c LXX. 2 Blätter = 4 ungezählte Seiten in 4°. — Dasselbe in 
deutscher, manchmal freierer Übertragung unter dem Titel: ®er Drientatt* 
fdjen Studien (£§rtftüdje§ Verlangen: | 3)a3 tft : | (Bin furfce (Srllärung | S)e3 
beftenbtgen SBornemenS be§ Bcrü^m*|tcn §errn THEODORl PETR^I, bon 
^tenfH&urg in £>otftein, | (£ine gute %n%0Lfy ber ß^riften^eit fe^r nfifc*|litf)er 
Orientifdijer Manufcripten in unterftf)iebe*|nen Oriental: ©proben in %x\xä ju 
geben, | Sßebfi ange^effter mftänbig*bemütigfter 35itte, fotdj | löblich Söertf reidj* 
tief) unb mitbtfjätig $u förbern | Ijetffen: | gugefdjjrteben un0 dediciret | Sitten 
£ocf)berftänbtgen Steb^abern unb 93eförberern ber Stu-jdien, we§ ©tanb§ ober 
SSürbe fie fetw mögen. I Sßon | 8oljamte§ SSernern, ber $. ©grifft 2). | ANNO 
M. DC. LXX. Gleichfalls 2 Blätter = 4 ungezählte Seiten in 4°. — Beide 
Ausfertigungen finden sich in dem Sammelbande „Bb 8. 8°" der Kgl. Univ.- 
Bibl. zu Halle, vgl. unten S. 315. Über Werner s. unten S. 311. 

Werner Diss. G u e 1 p h. = Differtatio Guelphica | de lingvarvm orientalivm 
stvdio, | HISTORIE | titulo, | SERENISS> B. ET L. [d. h. Brunsvicensibus 
et Luneburgensibus] DVCIBVS | inferipta, j Et cum Armeniorum Doctrina 
Ckriftiana, live | Gatechefi Armeno-Latina, \ Ad Serenisßmam Biblioihecam, 
Librorum Oceanum, | nomine imprimis | M. THEODORl PETRAEI , Holfati 
Flensburgenf. | Linguarum Orientalium per Europam hodie Propagatoris, | 
repreefentata ; | Nunc autem chalcographico opere, | GERMANLE PROCERI- 
BVS | UNIVERSIS | facrata, | Nee non cum VIRIS cordatis feu fapientib. 
quibusl. | communicata, \ Per | JOHANNEM VVERNERVM, Hombergenf. | 
Haffum, D. T. | HALBEBSTADII, | Literis JOHANNIS ERASMI HY- 
NITZSCH. (Ohne Jahr.) 10 Blätter = 20 ungezählte Seiten in 4° (von mir 
nach Seiten zitiert; das Titelbl. ist = S. 1 und 2). — Gleichfalls in dem 
Sammelbande Halle, Univ.-Bibl., Bb 8. 8° enthalten. 

Willems = Alphonse Willems, Les Elzevier. Histoire et annales typogra- 
phiques. Bruxelles 1880. 



270 Alfred Rahlfs, 

I. Die Ausgaben äthiopischer Texte von Nissel 
und Petraeus. 

Das beste Verzeichnis der von Nissel und Petraeus veröffent- 
lichten Werke, das wir bisher besitzen, findet sich bei Moller 
S. 491 — 493. Doch ist es nicht genau genug und enthält auch 
zwei direkte Fehler: 1) Moller S. 491 führt als erstes Werk in 
der chronologischen Reihenfolge die unten S. 277 f. als Nr. 6 anzu- 
führende Ausgabe des Buches Ruth von Nissel mit dem Datum 
„Lugd. Bat. 1654. & 1660." an; aber davon, daß dieses Werk be- 
reits 1654 einmal erschienen sei, ist sonst nicht die leiseste Spur 
zu entdecken 1 ), und es ist auch nach der ganzen Sachlage völlig 
ausgeschlossen, da Petraeus die Handschrift, aus der dieser Text 
stammt, erst 1656 in Rom kennen gelernt hat, s. unten S. 279. 
292 ff. 2) Moller S. 492 nennt außer den wirklich existierenden 
Ausgaben äthiopischer Texte noch „Vaticinium Obadiae Aethio- 
pice, cum Versione Latina, editum a J. G. Nisselio. Lugd. Bat. 
1660. in 4. maj.", aber auch von diesem Werke ist sonst absolut 
nichts bekannt 2 ), und ich zweifle nicht, daß es sein Dasein nur 
einem Versehen Mollers verdankt. 

Ich zähle daher zunächst sämtliche Ausgaben äthiopischer Texte 
von Nissel und Petraeus auf und beschreibe sie bibliographisch 
genau, da sich Öfters unterschiede zwischen verschiedenen Exem- 
plaren desselben Werkes finden. Es handelt sich im ganzen um 
10 Bändchen 3 ), drei aus dem Jahre 1654, eins von 1656, vier von 
1660 und zwei von 1661. Wie auch Moller getan hat, ordne ich 
sie chronologisch, muß dabei aber bemerken, daß bei Werken aus 
demselben Jahre die Reihenfolge in mehreren Fällen unsicher ist. 
Zu der bibliographischen Beschreibung füge ich jedesmal eine ge- 
naue Inhaltsangabe hinzu; diese erschien um so angebrachter, 
als die Schriften von Nissel und Petraeus zum Teil recht selten 
und gewiß manchem nicht leicht zugänglich sind. Schließlich gebe 
ich für alle Texte die Quellen an, aus denen Nissel und Petraeus 
sie geschöpft haben. 



1) Auch das Auskunftsbureau der deutschen Bibliotheken zu Berlin ver- 
mochte kein Exemplar des Werkes mit der Jahreszahl lß54 aufzufinden. 

2) Auch dies Werk hat das Auskunftsbureau der deutschen Bibliotheken 
vergeblich gesucht. 

3) Die nichtäthiopischen Publikationen lasse ich hier beiseite. Sie werden 
jedoch im zweiten und dritten Teile des Aufsatzes mit herangezogen werden. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 271 

la. 

S. JACOBI APOSTOLI | EPISTOL.E CATHOLKLE | VERSIO | 
ARABICA & ^THIOPICA, | LATINITATE vtraqve donata, 

NEC NON A MVLTIS | MENDIS REPVRGATA , | PUNCTIS VoCALIBVS AC- 

cvrate' insignita, et | NOTIS Philologicis e' probatissimorvm Ara-| 
bvm scriptis illvstrata. | Cvi Accedit | ELARMONLA Variarum Lin- 
guarum, qua Orientalium qua Europa3a-|rum Typis genuinis ador- 
nata, & juxta feriem Alphabeticam vocabulorum in hac | Epi- 
ftola contentorum digefta: infuper inftituta diligens vocum Syno- 
nymi-|carum Codicis Erpeniani cum Parifienfi collatio, infperfis hinc 
inde | Hebraeorum, Arabum, Turcarum, Perfarumq; Adagiis, opti-| 
mis loquendi Formulis, Obfervatiunculis Syntacti-|cis , & Locis S. 
Scripturse parallelis. | Omnia slg 6qht]T7iqlov xcci v7CSKxav^ia tav 
yiXoyX&xtov. \ Opera, Labore ac ftadio indefeffo | Joh. Georg. Nisse- 
lii, & Theodori Petrjbi, I Philologiae facrae Linguarumque Oriental. 
CPiAo/iathm/. | i. Corinth. 14,5. | ®sXg) %dvtag vitäg XccXsiv yXcatiöaig. \ 

«-^oliJUi £**^. ^«AüJi äJJ Ju^Jt I Laudetur omnibus Linguis Dens 

Sanctus. | (Elseviersches Signet.) | Lvgd. Batavor. | Ex Officinä Jo- 
hannis & Dakielis | Elsevier. Academ. Typograph. | Sumptibus Au- 
ctorwn. | clo Ioc liv. 

32 Seiten = 8 Doppelblätter 1 ), gezeichnet A— H, in 4°. Das Titelblatt 
ist nicht, wie es meistens geschieht, erst nachträglich dem Buche vorgesetzt, 
sondern bildet die erste Hälfte des Doppelblattes A, ist also gleich mit dem An- 
fang des Textes zusammen gesetzt und gedruckt. — S. 1 : Titel. S. 2 leer. 
S. 3 : Äthiopisches Alphabet. Auf S. 4 beginnt der arabische, auf S. 5 der 
äthiopische Text des Jakobusbriefes ; die lateinische Übersetzung steht neben 
beiden in besonderen Kolumnen und zwar links vom arabischen, rechts vom 
äthiopischen Texte. Der arabische Text läuft auf den Seiten mit gerader 
Seitenzahl durch bis S. 32, der äthiopische aber, der weniger Platz in An- 
spruch nimmt, auf den Seiten mit ungerader Seitenzahl nur bis S. 27. Auf 
den übrigbleibenden Seiten 29 und 31 ist der äthiopische Text des nicaeno- 
konstantinopolitanischen Symbols hinzugefügt, gleichfalls mit lateinischer Über- 
setzung; Überschrift: „Vacuum, quod fupereft, fpatium impleat Symbo-|lum 
Chriftianse fidei, ex Liturgiis iEthiopum | depromptum, & nunc primüm | La- 
tine redditum." — Die auf dem Titel angekündigten philologischen Anmer- 
kungen und sonstigen Beigaben sind nicht vorhanden; die Verfasser hatten 
anfangs, als sie den Titel drucken ließen, offenbar die Absicht, sie hinzuzu- 
fügen, führten aber diese Absicht nachher nicht aus. 

Über die Herkunft des äthiopischen Textes des Jakobusbriefes sagen die 
Herausgeber nichts ; doch kann kein Zweifel sein, daß sie ihn ebenso wie den 



1) Ein Doppelblatt ist ein halber Quartbogen. Ein voller Quartbogen zu 8 
Seiten findet sich in den hier zu beschreibenden Werken von Nissel und Petraeus 
nur ein einziges Mal : am Anfang von Nr. 4, s. unten S. 275. 



272 Alfred Rahlfs, 

der Johannesbriefe und des Judasbriefes (s. unten Nr. 2 und 3) aus der 
1548/49 in Rom erschienenen Ausgabe des äthiopischen Neuen Testaments 
von Tasfä-Sejön abgedruckt haben. Auch das nicaeno-konstantinopolitanische 
Symbol, das laut Überschrift „ex Liturgiis iEthiopum depromptum" ist, haben 
sie ebendaher genommen ; es findet sich im liturgischen Anhange jenes N. T. 
auf hl 163 b. 

Ib. 

S. JACOBI APOSTOLI | EPISTOL.E CATHOLIC^ | VERSIO | 
ARABICA & iETHIOPICA, | Utraqve Latinitate donata, | et | Pvn- 

CTIS VOCALIBVS ACCVRATE INSIGNITA. | slg 6QfJLl]t7]QiOV KCil VTtBXXaVfJia T&V 

(pUoyXattov. | Opera, labore ac ftudio indefeffo j M. Theodori Pe- 
tr^ei, Flensburgo-Holfati, | Sacrae Philologise Linguarumque Orient. 
Propagatoris. | i. Corinth. 14, 5. | (und so weiter genau wie in la, 
nur mit „Sumptibus Auctoris" statt „Surnptibus Auctorum".) 

Dies ist derselbe Druck wie la und stimmt von S. 3 an vollständig mit 
la überein. Aber das Titelblatt von la (die erste Hälfte des Doppelblattes 
A, s. oben bei la) ist fortgeschnitten und ein neues Doppelblatt davor ge- 
klebt, dessen zweite Hälfte mit *z gezeichnet ist, so daß hier also *z und 
A 2 unmittelbar aufeinanderfolgen. Die erste Seite dieses vorgeklebten Dop- 
pelblattes enthält obigen Titel, der den wirklichen Inhalt des Heftes angibt 
unter Weglassung der auf dem Titel von la angekündigten, aber in Wirk- 
lichkeit nicht vorhandenen Beigaben. Die zweite Seite enthält eine Widmung 
an König Friedrich III. von Dänemark (vgl. unten S. 292), die dritte und 
vierte die Widmungsepistel, aus der ich hier das Wichtigste mitteile: „Siftit 
fefe, Rex Serenissime, Domine Clementissime, afpectui Tuo longe augu- 
ftifsimo fpecimen Arabicum & iEthiopicum, ab orbe literato hactenus diu 
multumque defideratum, foli Tum Reglx Majestati facrum ac debitum. . . . 
. . . Sufcipe igitur qusefo, Rex Clementissime, ferenä fronte hsec ftudiorum 
meorum Orientalium &KQo&£vuc t ceu mei erga T. Sacram Majeftat. devotif- 
fimi cultüs ac venerationis documentum, ea fummo favore pro innata Tua 
dementia fove, ac munificentia Regia promove; quo tandem efficiatur, ut fe- 
liciflimo Tuo aufpicio & ductu hae Lingua? utiliffimae, antiquitate celeberrimae, 
duarum mundi partium Dominse, & maxime genuinse Hebrsese matris tarn ve- 
nuftse ac vetuftaB filise, in celeberrima Tua Hafnienfi Academia propagari, vi- 
gere ac florere incipiant, in maximum Ecclefise Reipublicseq; literariae emolu- 
mentum & ornamentum, ac seviternam Nominis Tui Augufti memoriam. . . . 
..." Datiert ist diese Widmungsepistel „Lugd. Bat. 28. Aug. anno Xqloto- 
yovL'ccg clo IOC LIV." 

Willems S. 185 (Nr. 749) kennt nur la. Erst Berghm. S. 78 (Nr. 240) 
führt lb an. Ein Exemplar von lb ist in Stockholm, s. G. Berghman, Cata- 
logue raisonne" des impressions elzeviriennes de la Bibliotheque Royale de 
Stockholm (1911), S. 12 (Nr. 55); Berghman bemerkt dazu: „De cette sorte 
d'exemplaires celui-ci est le seul signale." Indessen ist diese Abart schon 
erwähnt von <S. J. Baumgarten,) Nachrichten von einer hallischen Bibliothek 
4 (1749), S. 473; Le Long-Masch S. 135 *); F. Praetorius, Äthiopische Gram- 



1) Die Angabe bei Le Long-Masch „Sunt praeterea exemplaria, in quorum 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 273 

matik (1886), zweite Abteilung S. 25. Praetorius besitzt selbst ein Exemplar 
dieser Abart, das er mir freundlichst lieh ; es zeichnet sich vor dem Stock- 
holmer Exemplar dadurch aus, daß es auch auf dem Titel die Jahreszahl 
clo Ioc liv aufweist, die in jenem „a 6t6 enleve* par le couteau du relieur". 

2. 

S. JOHANNIS | APOSTOLI & EVANGELIST^ | Epiftolse Ca- 
tholicee Tres, | ARABICjE & .ETflIOPKLE. x ) | OMNES AD VER- 
BUM IN LATINUM VERS.E, | cvm | Vocalium Figuris exacte ap- 
pofitis. | Quo ftudiofse juventuti acceffus ad hafce Lingnas expedi- 
tior, | culturaque earundem uberior conciliaretur. | Curä ac Indu- 
flria | Johan. G-eorgii Nisselii & Theodori Petr^ei, I Philologiae facrae 
Linguarumque Oriental. OtAofiatröi/. | i. Corinth. 12, io.ii. | E'tsqg) 
dCdorai yivv\ yAaööcov, äXX<p dh SQ^vsCa yloööcbv. | JJdvta ds tavta 
fasQyeZ rö ev xal rö avtb Ttvsvfia. | Linguoe funt fores fapientice. 
Neque mel ideö infuave, quia cegris fic videtur, nee ißce \ inutiles, quia 
aliquibus partim fanis tales videntur. \ (Else vier sches Signet.) | Lvgd. 
Batavor. I Ex Officinä Johannis & Danielis | Elsevier. Academ. Ty- 
pograph. | Sumptibus Auctorum. \ clo Ioc liv. 

40 Seiten 2 ) = 10 Doppelblätter, das erste nicht gezeichnet, die übrigen 
gezeichnet B— K, in 4°. — S. 1 : Titel. S. 2 leer. S. 3 : „Supplendse paginse 
fequentia adjunximus dieta, huic Epiftolse congrua" (folgen Aussprüche über 
die Liebe). Auf S. 4 beginnt der arabische, auf S. 5 der äthiopische Text 
der Johannesbriefe; die lateinische Übersetzung steht, wie bei Nr. 1, links 



rubro solius Nisselii nomen expressum est" wird auf einem Irrtum beruhen. Von 
Exemplaren, auf deren Titel nur Nissel als Herausgeber genannt würde, gibt es 
sonst keine Spur. Auch dem Auskunftsbureau der deutschen Bibliotheken zu 
Berlin ist es nicht gelungen, ein solches Exemplar aufzufinden. 

1) Die verschiedenen Exemplare (s. die folgende Anm.) schwanken hier zwi- 
schen Punkt und Komma. 

2) Statt 40 Seiten geben (S. J. Baumgarten,) Nachrichten von einer halli- 
schen Bibliothek 4 (1749), S. 471; Willems S. 185 (Nr. 750); Berghm. S. 78 
(Nr. 241) vielmehr 41 Seiten an. Da Berghmans Elsevier-Sammlung jetzt in der 
Kgl. Bibliothek zu Stockholm ist (vgl. G. Berghman, Catalogue raisonne des im- 
pressions elzeviriennes de la Bibl. Roy. de Stockholm, 1911), fragte ich bei dieser 
an. ob das dort befindliche Exemplar (Cat. rais. S. 12 Nr. 56) wirklich 41 Seiten 
enthalte, und erhielt darauf die jene merkwürdigen Angaben erklärende Antwort, 
daß in dem Stockholmer Exemplar die Paginierung zwar bis S. „(37)" einschließ- 
lich richtig, dann aber die beiden folgenden Seiten irrtümlich mit „(39)" und 
„(40)" bezeichnet seien, so daß bei Zugrundelegung dieser falschen Paginierung 
für die letzte, nicht mehr mit einer Seitenzahl versehene Seite allerdings die Zahl 
„(41)" herauskommen würde. Die drei Exemplare, welche ich selbst zu Gesicht 
bekommen habe, Göttingen, Univ.-Bibl., 8° Bibl. I 5014 und Cod. MS. Michael. 
264, und Kiel, Univ.-Bibl., § 50 4°, haben diesen Fehler nicht, dafür aber einen 
anderen, nämlich „(38)" statt „(37)", so daß die vier letzten mit Seitenzahlen 
versehenen Seiten in diesen Exemplaren die Zahlen „(36), (38), (38), (39)" tragen. 
Die Seitenzählung ist also noch während des Druckes korrigiert, aber so unglück- 
lich, daß wieder ein neuer Fehler hereingekommen ist. — Nachträglich habe ich 
jedoch noch ein Exemplar kennen gelernt, welches genau dieselbe Paginierung 
aufweist wie das Stockholmer Exemplar ; es findet sich in dem Sammelbande Wol- 
fenbüttel, Hzgl. Bibl, 30. 7 Theol. 4°. 



274 Alfred Rahlfs, 

vom arabischen und rechts vom äthiopischen Texte. Letzterer endet auf 
S. 35; der arabische Text läuft bis S. 34 dem äthiopischen parallel, bleibt 
aber inhaltlich hinter ihm beträchtlich zurück und wird erst auf S. 36 — 39 
zu Ende geführt. S. 40: Bericht über Fehler in der dem arabischen Texte 
zugrunde liegenden Ausgabe des Erpenius, welche Nissel und Petraeus nach 
einer anderen Leidener Hs. verbessert haben (vgl. C. R. Gregory, Textkritik 
des N. T. 2 [1902], S. 586 Nr. 41 und 43). 

Der äthiopische Text stammt, wie bei Nr. 1, aus der römischen Ausgabe 
des äthiopischen Neuen Testaments von 1548/49. 

3. 

S. JUM: APOSTOLI | EPISTOL^E CATHOLICJE | VERSIO | 
ARABICE & jETHIOPICE, | IN | LATINITATEM TRANS- 
LATA, | et | PUNCTIS VOCALIBUS ANIMATA, | additis qui- 
bufdam varise lectionis Notis, | a | Joh. Georgio Nisselio & Tueodoro 
Petr^io, I Sacrae Philologise Linguarumque Oriental. Cultoribus. | Da- 
niel. 7 , i 4 . | Jpnbff] ftb ttytifsn k;bä a^afc? ibi «obw itT) l 1 ?^ ^T. ^ I 
Non quod magnum, bonum; fed quod bonum, magnum eft. | (Else- 
viersches Signet.) | Lvgd. Batavor. | Ex Officinä Johannis & Danie- 
lis | Elsevier. Academ. Typograph. | Sumptibus Auctorum. | clo Ioc 

LIV. 

24 Seiten = 6 Doppelblätter, das erste nicht gezeichnet, die übrigen 
gezeichnet B— F, in 4°. — S. 1 : Titel. S. 2 leer. S. 3: Bemerkungen über 
den Judasbrief, besonders über den Kampf Michaels mit dem Teufel über 
den Leichnam Mosis (Jud. 9) und das Zitat aus Henoch (Jud. i4f.). Auf 
S. 4 beginnt der arabische, auf S. 5 der äthiopische Text des Judasbriefes; 
die lateinische Übersetzung steht, wie bei Nr. 1 und 2, links vom arabischen 
und rechts vom äthiopischen Texte. Der äthiopische Text endet auf S. 11, 
der arabische auf S. 12. S. 13—23 : „AD | S. }\JDJE EPISTOLAM | Obfer- 
vationes aliquot Philologicse, | Brevefque variantis lectionis | NOTiE | de con- 
textu Arabico." S. 23—24: „ANIMADVERSIONES | Qu^dam | ad textum 
iEthiopicum" und Druckfehler-Verbesserung. 

Der äthiopische Text stammt, wie bei Nr. 1 und 2, aus der römischen 
Ausgabe des äthiopischen Neuen Testaments von 1548/49, die auf S. 23 und 
24 auch ausdrücklich genannt wird. 

4. 

D^MDH -n« | sive | CANTICUM | CANTICORUM | SCHELOMO- 
NIS | ^THIOPICE. | E Vetufto Codice fummä cum curä erutum, 
a quam | multis mendis purgatum, ac nunc primum | Latine inter- 
pretatum. | cui | In gratiam Arabizantium appofita est, Verfio \ Ara- 
bica, cum interpretatione Latina, ut et \ Symbolum S. Athanafii, voca- 
lium notis \ inßgnitum. | ä | Joh. Georgio Nisselio. Palat. | (Signet.) | 
LUGDVNI BATAVORUM. | Typis Authoris, | clo Io clvi. 

Von diesem Werke besitzt die Kgl. Universitäts-Bibliothek zu Göttingen 
zwei verschiedene Exemplare, eins ohne Widmung: 8° Bibl. I 5014, und eins 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 275 

mit Widmung : 8° Bibl. I 5047 1 ). Der ursprüngliche Druck war ohne Wid- 
mung; er umfaßt 40 Seiten in 4°, nämlich einen vollen Quartbogen zu 8 
Seiten, der nicht gezeichnet ist, und 8 Doppelblätter, die mit den arabischen 
Buchstaben v-> , o , c^, 4 , ^ > j > j > u* g ezeichnet sind - Die Widmung ist 
erst nachträglich hinzugefügt, als Nissel sein Werk verschiedenen geistlichen 
Körperschaften (s. Anm. 2) überreichte ; sie ist auf einem besonderen Dop- 
pelblatte gedruckt, dessen zweite Hälfte mit *2 gezeichnet ist, und hinter das 
erste Blatt (Titelblatt) des vollen Quartbogens eingeschoben. — S. 1 : Titel. 
S. 2 leer. Nachträglich eingeschobenes Doppelblatt, erste Seite: Widmung 
„VIRIS. | .... | VENERAND^E CLASSIS | ECCLESLE REFORMATiE, | 

HAGENSI. 2 ) | D. Prseüdi eseterifque V. D. Miniftris fideliffimis, | "; 

zweite bis vierte Seite: Widmungsepistel. S. 3 (des ursprünglichen Druckes) : 
Abermaliger Titel. Auf S. 4 beginnt der äthiopische, auf S. 5 der arabische 
Text des Cant. (also umgekehrt wie bei Nr. 1—3); die lateinische Über- 
setzung steht rechts vom äthiopischen und links vom arabischen Texte. Der 
äthiopische Text endet auf dem oberen Teile von S. 30, der arabische nimmt 
dagegen noch die ganze S. 31 und auch noch den Anfang von S. 32 ein. 
Es folgen auf dem übriggebliebenen Reste von S. 30 das „Canticum Zacha- 
riae" (Luc. 168—79) und das „Canticum Simeonis" (Luc. 2 29—32), auf dem 
übriggebliebenen Reste von S. 32 das „Canticum Annse" (Reg. I 2i— 10); 
ferner S. 33 „Canticum trium puerorum" (Dan. 3 52—88), S. 34 „Canticum 
Esaiee" (Is. 26»— 20) und „Canticum Mariae" (Luc. 146—55), S. 35 „Canticum 
Habachuc" (Hab. 3 2 - 19), sämtlich nur in äthiopischem Texte ohne lateinische 
Übersetzung (die sonderbare Reihenfolge erklärt sich daraus, daß Nissel es 
immer so eingerichtet hat, daß mit einer neuen Seite auch ein neues Canti- 
cum beginnt). S. 36 — 39: Symbolum Athanasianum arabisch (S. 36. 38) mit 
lateinischer Übersetzung (S. 37. 39). S. 40: Arabische Schlußnotiz über die 
Beendigung des Druckes am 3. Mai 1656; Verbesserung von Druckfehlern. 

Durch die Angabe des Titels „E Vetufto Codice fummä cum curä eru- 
tum" darf man sich nicht etwa zu der Annahme verführen lassen, der äthio- 
pische Text sei einer Hs. entnommen. Denn mit dem Worte „codex" pflegte 
man damals nicht nur die Handschrift, den „codex manuscriptus", zu be- 
zeichnen, sondern auch das gedruckte Buch, den „codex impressus" ; vgl. 
z. B. die letzte Seite von Nr. 2, wo „codex Erpen." nicht etwa die von Er- 
penius benutzte Handschrift bezeichnet, sondern als gleichbedeutender Aus- 
druck mit „editio Erpen." wechselt und im Gegensatze zu „Mfc", d. h. der 
von Nissel und Petraeus benutzten Handschrift, steht, und die letzte Seite 
von Nr. 3, wo „Cod. Rom." die römische Ausgabe des äthiopischen Neuen 
Testaments von 1548/49 bezeichnet. In Wirklichkeit stammen alle hier von 
Nissel abgedruckten äthiopischen Texte aus dem 1513 von Potken in Rom 
herausgegebenen äthiopischen Psalter, der nach abessinischem Brauch auch 
die alt- und neutestamentlichen Oden und das Hohelied enthält; denn die 
„Errata quee in ipfo Antographo [so !] ä nobis funt obfervata", welche Nissel 



1) Ohne Widmung auch Kiel, Uniy.-Bibl., §50 4°; mit Widmung auch Wol- 
fenbüttel, Hzgl. Bibl., 30. 7 Theol. 4°. Über einen Unterschied des Wolfenbütteler 
Exemplars von dem Göttinger s. die folgende Anm. 

2) So das Göttinger Exemplar. Dagegen hat das Wolfenbütteler Exemplar, 
dessen Widmung sonst ganz genau mit der des Göttinger Exemplars übereinstimmt, 

Vgl. unten S. 288 Anm. 1. 



276 Alfred Rahlfs, 

auf S. 40 verbessert, finden sich eben in diesem von Potken herausgegebenen 
Psalter l ). Daß Nissel dem Potkenschen Drucke das Prädikat „vetuftus" gibt, 
kann nicht auffallen; das Buch war damals ja schon 143 Jahre alt (vgl. 
auch meine Bemerkung über die von Thomas Erpenius für seine Ausgabe des 
syrischen Psalters benutzten „antiquissimi Codices manuscripti" in der Ztschr. 
f. d. alttest. Wiss. 9 [1889], S. 178 f.). 



(Kreuz mit dem auf die vier Winkel verteilten Namen A.Pjfbjfl 
„Jesus", wie es die Abessinier über jeden Brief zu setzen pflegen, 
vgl. lob Ludolf, G-rammatica Aethiopica, ed. II [1702], S. 180) | 
^"JfX^h: HP*Vfi: | PROPHETIA I01SLE, | ex | iEthiopico in 
Latinum ad verbum verfa, | Et Notis atque Adagiis | illuftrata; | 
Cui adjunguntur quatuor G-eneseos capita, e vetu-\flisfimo Manufcripto 
JEthiop. eruta. | Nunc primüm , AvatolixoyX(o66oq)LXo^ad'av \ %kqvv 
publicata | a M. Theodoro Petr^eo, Flensburgo - Holfato. | 

l\<tK><pfr<F>:pir£ .An-:: l <3^ o^ tf&* $ I (Signet.) i 

LUGDUNI BATAVORUM. | Sumptibus Auctoris, & Typis Niffe- 

lianis. | clo Ioc LX. 

2 Blätter = 1 Doppelblatt 2 ), nicht mitgezählt und nicht gezeichnet, und 
36 Seiten = 9 Doppelblätter, gezeichnet A-F (= S. 1—24), E (= S. 25—28 ; 
indessen sind diese Seiten fälschlich mit den Zahlen (17)— 20 versehen, also 
ebenso paginiert wie die des ersten Doppelblattes E), G und H (= S. 29—36), 
in 4°. — Ungezähltes Doppelblatt, erste Seite: Titel; zweite Seite leer; dritte 
und vierte Seite 3 ): Widmung „ . . . JOACHIMO GERSTORF, . . . Sacr. 
Reg. Majeft. & Regni Danise fupremo Aulse MAGISTRO, atq; SENATORI 
Graviffimo . . ." nebst Widmungsepistel: „Poft tot exantlata perquäm labo- 
riofse, & longinquse peregrinationis Orientalis tsedia, me reducem excepit Leida 
. . . Quoniam verö omnis peregrinationis finis ad ufum aliquem fpectat, fine 
quo ingratus eil omnis labor & opera, qusecunque in illam impenditur ; vifum 
eft mihi pretium curse aliquid conari dignum, quod lucem afpiceret, ceu iti- 

1) Vgl. auch folgende Stelle der Widmungsepistel: „ Canticum 

hocce Canticorum ex ^Ethiopica lingua in Latinam primüm ä me tranflatum, & 
verficulis diftinctum in gratiam eorum, qui culturse Linguarum Orientalium fefe 
addixere. Fateor ingenue Viri Clariffimi, nemini unquam ante me in mentem ve- 
niffe vel etiam tentatum fuiffe, Sacrum hocce Salomonis Canticum etiam ex Abyf- 
finorum lingua in Latinam transferre. Hunc laborem quidem cum tanti cenfere 
nequeam qui veftris refpondeat meritis; aufus tarnen fui illo ipfo vobis obviam 
ire in grati animi fignificationem, ..." Nissel schreibt sich hier, wie auch auf 
dem Titel (s. oben), mit Recht nur das Verdienst zu, das Hohelied zuerst aus 
dem Äthiopischen ins Lateinische übersetzt zu haben. 

2) Dies Doppelblatt ist vollständig vorhanden in den vier Exemplaren Göt- 
tingen, Univ.-Bibl., 8° Bibl. I 5014; Halle a.S., Univ.-Bibl., Je 4963; Kiel, Univ.- 
Bibl., § 50 4°; Wolfenbüttel, Hzgl. Bibl., 30. 7 Theol. 4°. Dagegen fehlt die 
zweite Hälfte desselben, welche die Widmung und Widmungsepistel enthält, in 
den beiden Exemplaren Göttingen, Univ.-Bibl., 8° Bibl. I 5068, und Stettin, Bibl. 
des Marieustifts-Gymnasiums, Müller qu. 4. 

3) Diese beiden Seiten sind nicht in allen Exemplaren vorhanden, s. die 
vorige Anm. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 277 

neris mei confecti iivrifioGwov. Ex aliis autem operibus partim affectis, par- 
tim confectis elegi Prophetam Jonam, quem reliqui undecim, ut labor conca- 

tenatus fubfequentur, (i propitia magis fortuna fecundaverit " ; das 

Datum lautet: „Dab. kv. xov 7taQcc%Qf)(icc Lugd. Bat. 14. Maj. Anno änb tfjg 
&sccv&Qa>7toyoviccs clo loc LX." — S. 1 — 7: Äthiopischer Text des Ionas mit 
rechts daneben stehender lateinischer Übersetzung. S. 8 : „BREVES NOTiE, | 
& nonnulla vEthiopum Adagia, | materise illuftrandae gratiä | felecta"; die 
Notae reichen bis S. 16, dann folgen auf derselben Seite „ADAGIA, ET 
SENTENTLE | QILEDAM iETHIOPUM" bis S. 24. S. 25: „Sequuntur qua- 
tuor priora Genefecos | capita, quse ex pervetufto Manufc. | Pentateucho, ex 

iEthiopia Hierofolymam | allato , fideliter defcripfi " ; die beiden 

ersten Kapitel mit Interlinearversion, die beiden anderen ohne Übersetzung 
„ut habeat ftudiofa Juventus, quo ingenii vires experiri & tentare queat". 
Gen. 4 endigt auf S. 35. S. 36: „Paginse fupplendse gratiä adjecta eft | fuc- 
cincta qusedam iEthiopum Precatio." 

. Über die zugrunde liegende Handschrift des Prophetentextes äußert sich 
Petraeus nicht; s. darüber unten S. 282 f. zu Nr. 8. Von der Gen.-Hs. sagt 
er in der soeben angeführten Überschrift von S. 25, sie sei aus Äthiopien 
nach Jerusalem gebracht. Das ist vollständig richtig; aber man darf daraus 
nicht schließen, daß sie sich damals noch in Jerusalem befand, und daß Pe- 
traeus sie in Jerusalem abgeschrieben habe. Vielmehr verschleiert Petraeus 
hier, wie es Entdecker, die ihre Entdeckung für sich zu reservieren wünschen, 
so häufig tun, den wirklichen Tatbestand. Die Hs. war nämlich, wie ich 
demnächst in einem Aufsatz über einige alttestamentliche Hss. des Abessinier- 
klosters S. Stefano zu Rom nachweisen werde, damals nicht mehr in Jeru- 
salem, sondern schon seit einiger Zeit in ebendieses römische Kloster über- 
führt. Jetzt ist sie im Besitze der British and Foreign Bible Society zu 
London. Es ist die Hs., welche Dillmann seiner Ausgabe des äthiopischen 
Oktateuchs in erster Linie zugrunde gelegt und mit der Sigel „F" bezeichnet 
hat. 

Das auf S. 36 hinzugefügte äthiopische Gebet stammt aus der von Petraeus 
auf S. 14 erwähnten *) Hs. des äthiopischen Psalters, die er von seiner Orient- 
reise mitgebracht hatte. Diese Hs., jetzt in Berlin, Kgl. Bibl., Or. qu. 172, 
enthält nämlich hinter den Psalmen, den Oden und dem Hohenlied auf Bl. 
117 — 140 „Gebete und Bibellectionen auf die canonischen Stunden, sowie auf 
den Sonnabend und Sonntag" 2 ), darunter auch, wie mir auf meine Anfrage 
bei der Kgl. Bibl. Herr Dr. J. Wajnberg mitteilte, auf Bl. 133a Sp. I unser 
Gebet mit der Überschrift „Gebet für den Sonnabend" (ÄA 3 ^ ." HÜA't* l 

jY?n-r:A^iw?\"} 

6. 

nz^Ai-.^^HL^-n/i^C: l u/st: i liber ruth, i m- 

THIOPICE, | E vetufto Manufcripto , recens ex Oriente allato | 



1) S. 14, Notae zu Ion. 26: „In Manufc. meo Psalteri:". 

2) Dillm. Berl. S. 6. Vgl. auch die von Hiob Ludolf herstammende Be- 
schreibung der Hs. bei Io. Diet. Winckler, Ketfx^Xta Bibl. Reg. Berol. Aethiopica 
descripta (1752), S. LXV-LXVII. 



278 Alfred Rahlfs, 

erutus, & latinitate fideliter donatus. | Nunc primum cpLloykaööav 
%ccqiv | in lucem editus | a | Johan. Gteorg. Nisselio. | Valer. Max. 
Lib. i. | Ipfe fe frußatur, qui felicitatem alter ius, cceleßium \ judicio 
deßinqtam, humanis confiliis | impedire conatur. | (Signet.) | LUG- 
DUNI BATAVORÜM. | Typis & impenfis Authoris. | clo Ioc LX. | 
Sol jußitice difßpabit nebulas invidice. 

4 Blätter == 2 Doppelblätter, nicht mitgezählt und nicht gezeichnet, und 
12 Seiten = 3 Doppelblätter , gezeichnet A — C , in 4°. Indessen fehlt das 
zweite ungezählte Doppelblatt, welches die Widmungsepistel enthält, in den 
beiden Exemplaren der Göttinger Univ.-Bibl. (8° Bibl. I 5014 und Cod. MS. 
Michael. 264 ; ebenso z. B. Wolfenbüttel , Hzgl. Bibl., 30. 7 Theol. 4°) und 
scheint überhaupt nur in wenigen Exemplaren vorhanden zu sein; es findet 
sich aber in den Exemplaren der Universitäts-Bibliotheken zu Halle a. S. (Je 
4963) und Kiel (§ 50 4°). — Erstes ungezähltes Doppelblatt, erste Seite: 
Titel; zweite Seite leer; dritte und vierte Seite: Widmung an die Kuratoren 
der Leidener Universität und die Bürgermeister und den Syndikus der Stadt 
Leiden 1 ). Zweites ungezähltes Doppelblatt (in vielen Exemplaren fehlend) : 

Widmungsepistel: „ [zweite Seite:] egregia qusedam antiquitatis 

monumenta, quse per multa retro fecula in abftruiis & fquaiore obduetis locis 
delituerant, quae impofteru avv tjj xov ftsov 7taXd(ioc in lucem emittere cona- 
mur, (li fortuna magis propitia generofis noftris refpondeat conatibus) feil. 
Homilias Sacras iEthiopicas, & duodeeim Prophetas minores, quos e perve- 
tuftis MS. codieibus cedro dignis, erutos, haud ita pridem Hierofolymis, & in 
iEgypto Deo propitio, amicus [dritte Seite:] meus intimus Clariff. Theodorus 
Petrseus Linguarum Orientalium callentisfimus , iisdemq; mecum ftudiis ad- 
dictus, non fine fummo periculo, atq; sere haud exiguo acquifivit, cum ex fin- 
gulari Potentiffimi ac Literatiffimi Regis Danise munificentiä ad literas Orien- 
tales promovendas, in Orientem ablegatus eilet; nee obftante duro & impio 
Marte, in täm aneipiti temporum ftatu rariores Mufas, earumque Myftas, me- 
dios etiam inter turbarum, galearum & enfium ftrepitus, ac bellorum turbu- 
lentos tumultus 2 ) Rex pius & omnigense laudis encomio celebrandus non tan- 
tüm impense fovit, verum etiam ita Marti ftuduit, ut Palladem non exeluferit, 
. . .; cujus igitur juffu & aufpieiis, jam prsefatus Doctiff. Dominus Petrseus 
iter in Orientem fufeepit, ut non pauca rara, & venerandse antiquitatis mo- 
numenta, iEthiopica videlicet, iEgyptiaca & Perfica, eo animo fecum in Euro- 
pam ; inveheret, ut ibidem publici juris facta, in plurium mox cederent uti- 
litatem & emolumentum. Sed hactenus pro noitra ingenii tenuitate in abditis 
Abaffinorum caltris verfati, nunc iis relictis, ne hifee folis vobis naufeam, & 
faftidium pariamus, ad amseniffima iEgyptiorum Perfarumq; vireta ex fpatiari 
vifum eft, ut reconditiorem illam literaturse doctrinam, hueufque intentatam, 

1) Fast genau dieselbe Widmung muß sich in gewissen Exemplaren der 
1655 vonNissel herausgegebenen „Historia de Abrahamo" (Willems S. 191 Nr. 770) 
finden, nur daß dort, fünf Jahre vorher, die Namen der vier Bürgermeister mit 
Ausnahme eines einzigen andere sind. Ich habe zwar kein solches Exemplar ge- 
sehen, wohl aber eine offenbar recht sorgfältige Abschrift aus einem solchen, 
welche dem Texte in einem der Göttinger Exemplare (Univ.-Bibl., 4° Theol. thet. 
I 213 b ) vorgebunden ist. 

2) Dies bezieht sich auf die Kriege Friedrichs III. von Dänemark mit Karl X. 
Gustav von Schweden in den Jahren 1657—1660. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 279 

augufto veftro confpectui gratiora & digniora libamenta ad munificentise veftrae 

aram nunquam non devote apponere valeamus [oierte 

Seite:] ut alia, nimirum rariffima Linguae ^Egyptiacse, venerandae antiquitatis 
monumenta, hactenus in Europa ä nemine tentata, ä nobis pro modulo noftro 
e tenebris (abfit verbo invidia!) eruenda; ut & prifcos Perfarum Chatajorumq; 
annales, eorumq; Regum Origines, e Perßcce Lingua? penu depromptas, utili- 
tatis publicse, ac rei literariae amplificandse bono Typis committere valeamus 

« Datiert ist diese Epistel: „üab. Lugd. Bat. Anno 1660. die 6. 

Augufti." — Die 12 gezählten Seiten enthalten den äthiopischen Text des 
Buches Ruth mit rechts daneben stehender lateinischer Übersetzung. 

Der äthiopische Text stammt nach Nisseis Angabe auf dem Titel „e ve- 
tufto Manufcripto, recens ex Oriente allato". Hierzu findet sich in dem Cod. 
MS. Michael. 264 der Göttinger Univ.-Bibl. die handschriftliche Randnote 
„non puto, quia Roma a Petrceo de/crfiptumj 1 ) fuisfe intellexi J. L. u Diese 
Randnote ist von Christian Benedikt Michaelis oder von Johann Heinrich 
Michaelis geschrieben, stammt aber, wie das n J. L. u zeigt, von lob Ludolf, 
dem Lehrer der beiden Michaelis. Und Ludolf hat hier ganz recht gesehen ; 
denn der Ruth-Text ist in der Tat aus einer damals in Rom befindlichen Hs. 
abgeschrieben und zwar aus derselben, aus welcher auch der kurz vorher von 
Petraeus herausgegebene Text von Gen. 1 —4 stammt, s. oben S. 277 und den 
dort zitierten, demnächst erscheinenden Aufsatz über alttestamentliche Hss. 
von S. Stefano. Wir haben es hier also mit einer ganz ähnlichen Verschleie- 
rung des wirklichen Tatbestandes zu tun wie bei dem Gen. -Texte. Petraeus' 
Angabe über die Herkunft seines Gen.-Textes „ex pervetufto Manufc. Penta- 
teueho, ex iEthiopia Hierolblymam allato" und Nisseis Angabe über die Her- 
kunft seines Ruth-Textes „e vetufto Manufcripto, recens ex Oriente allato" 
sind an sich nicht falsch; ja, nimmt man sie nur in der richtigen Weise zu- 
sammen, so bekommt man sogar die Geschichte der Wanderung der Hs. heraus : 
sie war zuerst im Orient aus Äthiopien nach Jerusalem und dann, nicht sehr 
lange vor Petraeus' Reise, aus dem Orient nach Europa gebracht. Aber nur 
der Eingeweihte vermag jene beiden Angaben richtig zusammenzusetzen und 
zu deuten. Der Uneingeweihte wird aus der einen Angabe schließen, Pe- 
traeus habe seinen Gen.-Text aus einer in Jerusalem befindlichen Pentateuch- 
Hs. abgeschrieben, aus der anderen dagegen, er selbst habe die Rutb-Hs. aus 
dem Orient mitgebracht. 

AttlVhi : l A.Prt-fi : 3lCh*h : l homilia ^tklopica i 

DE NATIVITATE DOMINI NOSTBI | JESU CHEISTI, | Latino 
iermone ad verbum donata ; | Nunc primum cum aliis 24. Homiliis, 
et perpaucis | quibufdam MSS. 2Ethiopicis ex Oriente afportata 2 ), \ et 



1) iptum ist vom Buchbinder weggeschnitten. 

2) So Göttingen, Univ.-Bibl., 4° Patr. coli. 39^, und Kiel, Univ.-Bibl., § 50 
4°. Dagegen Wolfenbüttel, Hzgl. Bibl., 30. 7 Theol. 4°: afpor-\tata. Überhaupt 
weicht das Wolfenbütteler Exemplar in einigen Kleinigkeiten, auch im Signet, von 
den beiden anderen ab. Der Titel ist also während des Druckes noch etwas ge- 
ändert oder zweimal gedruckt. 



280 Alfred Rahlfs, 

fpeciminis loco in lucem edita \ a | M. Theodoro Petr^o, Flensburgo- 
Holfato, | Philologie facrae Linguarumqne Orient. Propagatore. | 

Luc. 2 : ii. 1 p-f^rt-cDA^.^^^rA^AP^inu?^: 

jp^g^;; I Greg- Nazianz. Orat. 36. | TCg rfjg avftQanotrizog, yv dt 
Wäg vjieötrj ftsog, | alt Ca \ xb aco&rjvat, ndvxag rmäg. \ (Signet.) | 
LUGD. BATAVOIWM, 1 ) \ Impenßs Auctoris, et Typis Niflelianis. \ 
Anno mrm Christiane | clo Ioc LX. 2 ) 

Titelblatt, nicht mitgezählt, und 12 Seiten — 3 Doppelblätter, gezeichnet 
A— C, in 4°. — Rückseite des Titelblatts leer. S. 1 — S. 11 Z. 10: Äthiopi- 
scher Text der Homilie mit lateinischer Interlinearversion und Randnoten am 
äußeren Rande. S. 11 Z. 11 ff.: „CORONIDIS LOCO | ob materiae convenien- 
tiam accefsit per-|brevis qusedam iEthiopum Oratio." Dies Gebet gleichfalls 
mit Interlinearversion, aber ohne Randnoten. 

Die Homilie stammt, wie Petraeus selbst auf dem Titel angibt, aus einer 
äthiopischen Hs., die er aus dem Orient 3 ) mitgebracht hatte. Die Hs. ist, 
ebenso wie der oben S. 277 erwähnte Psalter, in den Besitz der Kgl. Bibl. 
zu Berlin übergegangen und trägt dort die Signatur „Ms. or. fol. 117". Wir 
besitzen eine ausführliche Beschreibung ihres Inhalts von der Hand Hiob 
Ludolfs, welche Io. Diet. Winckler, Reip^Xta Bibl. Reg. Berol. Aethiopica 
descripta (1752), S. XXXIII -LX veröffentlicht hat. Kürzer gibt ihren Inhalt 
Dillm. Berl. S. 56 f. unter Nr. 66 an. Nach Ludolf und Dillmann enthält 
die Hs. im ganzen 23 verschiedene Stücke, teils Homilien, teils Heiligenviten 
und Martyrien, die sämtlich zur Vorlesung an Heiligen- und Festtagen be- 
stimmt sind. Petraeus' Angabe, daß er unsere Homilie „cum aliis 24. Homi- 
liis" aus dem Orient mitgebracht habe, ist also nicht ganz genau. Unsere 
Homilie ist nach der Zählung Ludolfs und Dillmanns das 12. Stück in der 
Hs. — Außer dem Original besitzt die Kgl. Bibl. auch noch eine Abschrift 
eben dieser Homilie unter der Signatur „Ms. or. qu. 162". Dillm. S. 57 be- 
schreibt sie unter Nr. 67 also: „Pap., 24 u. 19 ctm., 37 Bl. Vorn auf dem 
Titelblatt steht : Homilia Aethiopica de Nativitate Domini nostri Jesu Christi, 
in Latinum ad verbum conversa et notis necessariis ac Aethiopum proverbiis 
illustrata, addito textu Graeco S. Johannis Chrysostomi itidemque Latinitate do- 
nato ; nunc primum in lucem edita a M, Theodoro Petraeo, Flensburgo-Holsato, 
Londini(sic) typis .... 1659 (sie). Es scheint das Ms des Petraeus zu seiner im 
Jahr 1660 zu Leyden gedruckten Ausgabe dieser Homilie zu sein (s. über diese 
Ausgabe Winckler xet^VjXia S. 29). Die Aethiopum proverbia, welche Petraeus 
1660 zu Leyden hinter der Ausgabe des Propheten Jona drucken ließ 4 ), 
finden sich in diesem Ms. nicht." Dillmanns Vermutung über den Charakter 
dieser Abschrift ist zweifellos richtig; die Orts- und Zeitangabe „Londini . . . 
1659", an der er Anstoß genommen hat, wird sich später aufklären, s. unten 
S. 297—299. Die Homilie wird in der Hs. ausdrücklich dem hl. Johannes 
Chrysostomus zugeschrieben und findet sich auch griechisch in seinen Werken : 



1) Das Wolfenbütteler Exemplar (s. vorige Anm.) hat hier einen Punkt statt 
des Kommas. 

2) Dasselbe Exemplar hat: clo Io c lx. 

3) Noch genauer: aus Jerusalem, s. unten S. 296 f. 

4) Vgl. oben S. 277 Z. 8 f. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 281 

Chrysost. ed. Montfaucon 6 (1724), S. 392—400 — Migne Patr. gr. 56 (1862), 
Sp. 385—394 („Homilia in natalem Christi diem"). Petraeus hat sie auch 
anfangs selbst als Werk des Chrysostomus bezeichnet ; denn Joh. Heinr. Hot- 
tinger sagt in seinem „Dissertationum theologico-philologicarum fasciculus*', 
dessen Widmungsepistel vom 5. April 1660 datiert ist, auf S. 189, daß „M. 
Theodorus Petrceus, Flensburgo Holfatus", der jetzt in England den kopti- 
schen Psalter mit arabischer und lateinischer Übersetzung herauszugeben ge- 
denke, ihm außer einer Probe dieses koptischen Psalters auch eine Probe 
„Homiliae J&Jthiopicce S. Chryfoftomi de Nativitate Chrifti, in quam Hierofo- 
lymis incidit, & cum aliis Mfs. in Europam invexit" mitgeteilt habe. In dem 
oben angeführten Titel seines Druckmanuskripts hat Petraeus dann allerdings 
schon das n S. Chrysostomi" gestrichen, aber durch die Beigabe des griechi- 
schen Chrysostomus-Textes doch noch unzweideutig auf den angeblichen Autor 
hingewiesen. Erst in seiner Ausgabe hat er den Namen des Chrysostomus 
völlig unterdrückt. Den Grund dieser Unterdrückung haben wir wohl in dem 
Umstände zu suchen, daß die Echtheit der Homilie sehr fraglich war : Savile 
hatte sie für dubia, Fronto Ducaeus geradezu für spuria erklärt, und auch 
heutigentages gilt sie noch als zweifelhaft, s. 0. Bardenhewer, Geschichte 
der altkirchl. Literatur 3 (1912), S. 341. Übrigens ist die äthiopische Über- 
setzung manchmal frei und kürzt gelegentlich den griechischen Text sehr 
stark. 

Das äthiopische Gebet, welches Petraeus auf dem freien Räume am 
Schlüsse des Schriftchens abgedruckt hat, findet sich auch in dem liturgischen 
Anhange des römischen N.T. von 1548/49 x ) auf Bl. 159b 2 ). Petraeus läßt 
jedoch nicht nur — was leicht erklärlich ist — die Sätze fort, welche der 
Diakon dazwischen zu sprechen hat, sondern weicht auch in manchen Einzel- 
heiten derart von dem römischen Texte ab, daß man kaum um die Annahme 
umhin kommen wird, Petraeus habe statt oder neben dem römischen Texte 
eine andere schriftliche oder mündliche Überlieferung benutzt, die er in den 
von ihm besuchten Abessinierklöstern zu Rom oder Jerusalem (vgl. unten 
S. 293 f. 296 f.) kennen gelernt haben kann. 

7 b. 

ffltöia | HOMILIA iETHIOPICA | DE NATIVITATE DOMINI 
NOSTBI | JESU CHRISTI, | Latino fermone ad verbum donata, et 
in | lucem edita | ä | M. Theodoro Petrex), Cimbro, | Linguarum 
Orientalium Propagatore. | Gregor. JSazianz. Orot. 36. | TCg 1% av- 
&QG)7iOTrjtog, i\v dt rjtiäs viteöTi] &ebg, | cdxla; tö 6&ftr{V0Li Ttdvtug 
^äg. | (Signet.) | ÄMSTELODAMI, Typis & Impenfis Auctoris. | 

CIO IOC LXVIII. 

Stimmt mit Ausnahme des Titelblattes genau mit 7a überein. Es handelt 
sich hier also nur um eine sogenannte Titelauflage, bei der das Werk nicht 



1) Vgl. oben S. 272 den Schluß meiner Bemerkungen zu Nr. la. 

2) Dies hat auch schon Ludolfs Schüler Schlichting (vgl. unten S. 336) in 
seinem Exemplare bemerkt, das jetzt der Univ.-Bibl. zu Kiel gehört (Signatur: 
§ 50 4°), nur gibt er statt „159" aus Versehen „150" an. 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 2. 19 



282 Alfred Rahlfs, 

neu gedruckt, sondern nur das alte Titelblatt entfernt und durch ein neues 
Titelblatt ersetzt worden ist. 

Petraeus hat 1669 und 1670, vielleicht auch schon 1668, mit Hilfe Wer- 
ners Unterstützung für die Herausgabe der von ihm vorbereiteten Werke zu 
gewinnen gesucht, s. unten S. 312—316. Dabei haben beide, um die Nützlichkeit 
dieser Werke zu beweisen, offenbar besonders gern auf die äthiopische Ho- 
milie hingewiesen, welche Werner zu demselben Zwecke auch in lateinischer 
und deutscher Übersetzung abgedruckt hat, s. unten S. 313 Anm. 3. Dies gab 
wohl den Anlaß zur Veranstaltung dieser Titelauflage, die den Anschein er- 
wecken sollte, als handle es sich um ein erst kürzlich von Petraeus heraus- 
gegebenes Werk. 

8. 

PROPHETIA | SOPHONIiE, | Summa diligentia ad fidem vetu- 
ftifsimi | MS. Codicis fideliter in Latinum verfa ; | Nunc primum ex 
Oriente cum reliquis Prophetis \ minor ibus in Europam allata, et in 
literarii Orbis \ commodum *) publici juris facta | ä | Joh. Georg. Nisselio, 
Palatino, | Linguar. Oriental. 2 ) cpiloiiad-fj. | Marc. 16:15. | t^Z^l 

arim : WvV : viap^> : ©h-fm- : cdtza : i aw-a* : 

4S&lfX*\ I (Signet.) | LUGDUNI BATAVORUM,*) | Typis & 
impenfis Nisselianis. 4 ) | clo Ioc lx. 5 ) 

Titelblatt 6 ), nicht mitgezählt, und 8 Seiten = 2 Doppelblätter, gezeichnet 
A und B, in 4°. — Rückseite des Titelblatts leer. Die 8 gezählten Seiten 
enthalten den äthiopischen Text des Soph. mit rechts daneben stehender la- 
teinischer Übersetzung. 

Von dem hier herausgegebenen Soph.-Texte sagt Nissel auf dem Titel, 
er stamme aus einem „vetuftifsimus MS. Codex" und sei „nunc primum" aus 
dem Orient mit den übrigen kleinen Propheten nach Europa gebracht. Der- 
selbe nennt in der oben S. 278 angeführten Stelle seiner Widmungsepistel 
von Nr. 6 als für eine Edition in Aussicht genommen „Homilias Sacras iEthio- 
picas, & duodecim Prophetas minores, quos e pervetuftis MS. codicibus . . . 
haud ita pridem Hierofolymis, & in ^Egypto . . . Theodorus Petraeus . . . 



1) So Göttingen, Univ.-Bibl., 8° Bibl. I 5081, und Kiel, Univ.-Bibl., § 50 4», 
und Stettin, Bibl. des Marienstifts-Gymn., Müller qu. 4. Dagegen Wolfenbüttel, 
Hzgl. Bibl., 30. 7 Theol. 4°: literarii \ Orbis commodum. Hier gilt, auch hin- 
sichtlich des Signets, dasselbe wie bei Nr. 7a, s. oben S. 279 Anm. 2. 

2) Das Wolfenbütteler Exemplar (s. vorige Anm.): Ling. Orient. 

3) Dasselbe Exemplar: LUGD. BATAVOBUM mit Punkt dahinter. 

4) Dasselbe Exemplar: Typis et impenfis Niffelianis. 

5) Dasselbe Exemplar: clo Io c lx. 

6) Statt des einfachen Titelblattes hat das Exemplar der Kieler Univ.-Bibl. 
(§ 50 4°) ein Doppelblatt, das zweifellos ursprünglich zusammenhängt, da das 
Wasserzeichen, ein Postreiter, durchgeht, das aber auch nur auf der ersten Seite 
bedruckt ist, während die drei übrigen Seiten leer sind. Man sieht, daß Nissel 
am Papier nicht gespart hat. Auch die Ränder seiner äthiopischen Drucke haben, 
wie gewisse Spuren beweisen, ursprünglich eine wahrhaft vornehme Breite gehabt, 
sind aber von den alten Buchbindern meistens so arg beschnitten, daß es zuweilen 
hart am Texte oder an den Seitenzahlen hergeht, oder sogar wirklich etwas ver- 
schwunden ist (s. oben S. 273 den Schluß der Bemerkungen zu Nr. 1 b). 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 283 

acquifivit". Endlich äußert Petraeus selbst in der oben S. 277 angeführten 
Stelle seiner Widmungsepistel von Nr. 5 die Absicht, dem Ionas die übrigen 
elf kleinen Propheten folgen zu lassen. Hiernach würde man annehmen, daß 
den Ausgaben des Ionas (Nr. 5), Sophonias (Nr. 8), Ioel (Nr. 9) und MalacLias 
(Nr. 10) eine vollständige Hs. der zwölf kleinen Propheten zugrunde liege, 
welche Petraeus von seiner Orientreise, etwa aus Jerusalem, mitgebracht 
hätte, und so führt denn auch Moller S. 493 unter den von Petraeus aus 
dem Orient mitgebrachten Hss. in der Tat eine Hs. der zwölf kleinen Pro- 
pheten an. Aber jene Angaben sind ebenso ungenau und irreführend und 
verschleiern den wahren Tatbestand in ganz ähnlicher Weise, wie die oben 
bei Nr. 5 und 6 besprochenen Angaben über die Hs., der die Gen.- und Ruth- 
Texte entnommen sind. In Wirklichkeit war die Hs. der kleinen Propheten, 
wie ich in dem schon bei Nr. 5 und 6 zitierten, demnächst erscheinenden 
Aufsatz über alttestamentliche Hss. von S. Stefano nachweisen werde, ebenso 
in diesem Abessinierkloster zu Rom wie die Oktateuch-Hs., der Petraeus die 
Gen.- und Ruth-Texte entnahm. Und sie war auch gar nicht vollständig, 
sondern das ganze Buch Osee und etwa die Hälfte des Buches Arnos fehlten 
Jetzt ist die Hs. in Oxford, Bodl. Libr., Aeth. 8. 

9. 

np^fh/.'T : MHA-flrikC : l prophetia joel, i ^thio- 

PICE, | INTERPRETATIONE L ATINA | ad Verbum donata, & 
perbrevi vocum Hebraica-|rum & Arabicarum HARMONIA | illu- 
ftrata; | LABORE et STVDIO | M. THEODORI PETRiEI, Cim- 

bei. | pfai. i 9 , 5 . | arfi^:W'A*:f^^C:(DöA:j7C^ K : 
(DXfm : l ääS"/£ : q*Af^ : n/trh : Jao^ - :: I (Signet.) | 

LUGKDUNI BATAVORUM , | Sumptibus Auctoris, et Typis Nisse- 

LIANIS. | CIO IOC LXI. 

Titelblatt, nicht mitgezählt, und 10 Seiten = 2 1 /» Doppelblätter, gezeicl.net 
A — C, in 4°. Das Titelblatt und das halbe Doppelblatt „C" bilden zusammen 
ein ganzes Doppelblatt *), in welches die beiden anderen Doppelblätter hinein- 
gelegt sind. — Rückseite des Titelblatts leer. Die 10 gezählten Seiten ent- 
halten den äthiopischen Text des Ioel mit rechts daneben stehender lateini- 
scher Übersetzung und Randnoten am äußeren Rande, in denen vor allem 
entsprechend der Ankündigung auf dem Titel zu vielen Wörtern des äthiopi- 
schen Textes die Parallelen aus anderen semitischen Sprachen angeführ. 
werden (die ersten beiden Randnoten lauten: a) zu (DAfiJl Kap. li: „Ht 
T^, Ar. Jjj«; b) zu f^> $>*£ ' u Kap. 12: S. fs», Rab. ^tt, Ar. ^Jm). 

Über die zugrunde liegende Hs. der kleinen Propheten s. oben bei Nr. 8.' 

10. 

m.4/l*:A^ASl*:: | vaticinium malachle, | pro- 

PHETARUM ULTIMI, | .ETHIOPICE, | LATINO 1DIOMATE ad 



1) Dies ist deutlich zu erkennen in dem Exemplar der Göttinger Univ.-Bibl 
8° Bibl. I 5014, wo die beiden Blätter noch jetzt zusammenhängen. 

19* 



284 Alfred Rahlfs, 

Verbum | donatum, & ad ufum ac captum | t&v (pdoyXcöööav ac- 
commo-|datum ; | Nunc primüm publici juris factum | ä | M. THEO- 
DORO PETR^EO, Cimbro. | i. Corinth. 14, 26. | Tldvra ngog ohoÖo^iriv 
ysvetöG). | (Signet.) | LUGDUNI BATAVORUM, | Sumptibus Aucto- 
ris, et Typis Nisselianis. | clo Ioc LXI. 

Titelblatt, nicht mitgezählt, und 10 Seiten = 2 1 /, Doppelblätter, in 4°; 
die beiden vollen Doppelblätter sind mit A und B gezeichnet, das halbe am 
Schlüsse ist nicht gezeichnet. Das Titelblatt und das einfache Blatt am 
Schlüsse bilden, wie bei Nr. 9, zusammen ein Doppelblatt 1 ). — Rückseite 
des Titelblatts leer. S. 1—9: Äthiopischer Text des Mal. mit lateinischer 
Interlinearversion und Randnoten am äußeren Rande, besonders bei Kap. 3 
und 4. S. 10 : „Ne pagella vacaret, hsec * [hierzu die Bandnote : * 1ESA. 
LVL] Prophetse | verba adjungere libuit" ; folgt Is. 56 1 — 1 äthiopisch mit 
lateinischer Interlinearversion und vier Randnoten. 

Über die zugrunde liegende Hs. der kleinen Propheten s. oben bei Nr. 8. 
Über die Herkunft des Textes von Is. 56 1 — 7 gibt eine von Christian 
Benedikt Michaelis oder Johann Heinrich Michaelis geschriebene, aber auf 
„J". L. a = lob Ludolf zurückgehende Randnote in dem Cod. MS. Michael. 
264 der Göttinger Univ.-Bibl., Bl. 94b, Auskunft: „J. L. Habuit Petraeus hos 
feptem ver/us Prophetce Esaiae non ex integro istius Prophetce libro, J'ed ex 
Precationibus MSS. qua reperiuntur in Pfalterio MSS. quod ille posjedit, et 
postea e BiAiotheca Berolinenfi evolvendum accepi, ubi hi verfus reperiuntur 
p. 34. b. feu 134" Aus diesem Psalter des Petraeus, jetzt in Berlin, Kgl. 
Bibl., Or. qu. 172, stammte ja auch, wie oben S. 277 gezeigt, das Gebet, 
welches Petraeus am Schlüsse seiner Ausgabe des Ionas abgedruckt hatte. 
Unsere Lektion Is. 56 1 — 7 stammt zweifellos ebendaher und zwar, wie jenes 
Gebet, aus dem Ritual des Sonnabends; ja sie steht sogar auf demselben 
Blatte 133 *) wie das Gebet, nur nicht wie jenes auf der Vorderseite, sondern 
auf der Rückseite dieses Blattes. 



1) Auch dies ist in dem Göttinger Exemplar deutlich zu erkennen, vgl. die 
vorige Anmerkung. 

2) Wenn Ludolf „134" statt „133" angibt, so erklärt sich dies daraus, daß 
er nach einer früher häufigen Praxis die Rückseite des Blattes mit der auf der 
Vorderseite des folgenden Blattes stehenden Blattzahl zitiert, weil sie sich 
beim aufgeschlagenen Buche mit dieser zusammen dem Blickedarstellt. Die an- 
dere Angabe Ludolfs „p. 34. b." bezieht sich auf die besondere Seitenzählung 
(so! nicht Blattzählung) der einzelnen Teile der Hs. , vgl. Ludolfs Beschreibung 
der Hs. bei Io. Diet. Winckler, Ket^Xia Bibl. Reg. Berol. Aethiopica descripta 
(1752), S. LXIVff. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 285 

II. Nisseis und Petraeus' Leben und wissenschaftliche 

Persönlichkeit. 

Über Johann Georg Nisseis Leben wissen seine bis- 
herigen Biographen, zuletzt C. Siegfried in der Allgemeinen 
Deutschen Biographie 23 (1886), S. 702 f. , nur zu berichten , was 
sich aus einigen Stellen seiner Werke, besonders aus den Titeln 
derselben, sofort ergibt: daß Nissel in der Pfalz geboren war, 
aber meist in Leiden lebte, daß er eine eigene Druckerei mit 
äthiopischen und anderen Typen errichtete und in dieser seine und 
seines Freundes Petraeus Werke druckte, besonders Ausgaben 
äthiopischer Texte und eine hebräische Bibel, und daß er im Jahre 
1662 starb. Diese dürftigen Nachrichten lassen sich aber teils aus 
anderen Stellen der Nisseischen Werke, teils aus dem schon 1875 
herausgegebenen, aber auch von Siegfried noch nicht herangezo- 
genen „Album studiosorum academiae Lugduno Batavae MDLXXV 
— MDCCCLXXV" in mehreren Punkten ergänzen. 

Aus dem Album studiosorum erfahren wir zunächst, daß 
„Joannes Greorgius Nisselius Haselochensis Palatinus" am 7. März 
1647 im Alter von 23 Jahren als Stud. theol. gratis in Leiden 
inskribiert worden ist (Sp. 374). Nissel stammte also aus dem 
Dorfe Haßloch in der Pfalz und müßte nach dieser Altersangabe, 
wie schon Willems S. 185 Nr. 751 richtig berechnet hat, im Jahre 
1623 oder 1624 geboren sein. Ein Nisselius kommt sonst im Album 
nirgends vor; danach würde man annehmen, daß Nissel im Jahre 
1647 zum ersten Male nach Leiden gekommen ist. Das ist aber 
nicht richtig; vielmehr hat Nissel schon im vorhergehenden Jahre 
in Leiden Theologie studiert. Das lehrt der Titel eines Willems 
erst nachträglich bekannt gewordenen Schriftchens von 6 unge- 
zählten Blättern in 4°, dessen Titel Berghm. S. 9 unter Nr. 17 
nach Mitteilung von Willems folgendermaßen angibt: „Oratio 
syriaca de calamitosissimis secvli nostri pertvrbationibvs. In 
celeberrima Batavorvm Academia Leidensi exercitii loco scripta et 
habita a Joh: Greorgio Nisselio, SS. Theol: stud: Palatino, die 28 
lulij. Lnyduni Batavorum, typis Elzeviriorum. Anno mdcxlvi". Hat 
Nissel aber schon im Juli 1646 in Leiden studiert und in der offi- 
ziellen Universitäts-Buchdruckerei (vgl. unten S. 331) ein Specimen 
eruditionis drucken lassen, so wird er damals auch schon imma- 
trikuliert gewesen sein. Und sehen wir uns nunmehr das Album 
nochmals genauer an, so finden wir in Sp. 368 die Angabe, daß 
im Mai 1646, also zwei Monate vor dem Erscheinen der „Oratio 
syriaca", ein „Johannes Greorgius Nisterius Palatinus" im Alter 



286 Alfred Rahlfs, 

von 24 Jahren als Stud. theol. inskribiert worden ist. Dieser 
„Nisterius" ist nun aber m. E. mit unserm Nissel identisch. 
Allerdings könnte man gegen die Identifikation nicht nur die ab- 
weichende Namensform, sondern auch die Altersangabe geltend 
machen; denn wenn Nissel 1647 erst 23 Jahre alt war, so kann 
er 1646 nicht schon 24 Jahre gezählt haben 1 ). Wenn ich trotz- 
dem die Identifikation des Nisterius mit Nisselius für völlig sicher 
halte, so hat dies folgende Gründe: 1) In Leiden trugen die zu 
inskribierenden Studenten nicht selbst ihre Namen ein, sondern 
die Rektoren schrieben dieselben so auf, wie sie sie von ihnen 
hörten, s. Album S. VI. Daß dabei aber, namentlich wo es sich 
um ausländische Namen handelte, manchmal Grehörsfehler mit un- 
terliefen, ist leicht erklärlich, und auch der Herausgeber des Album 
erwähnt diese Tatsache S. VI unten; vgl. überhaupt über solche 
Fehler der alten Matrikeln W. Falckenheiner, Personen- und Orts- 
register zu der Matrikel und den Annalen der Univ. Marburg 1527 
—1652 (Marb. 1904), S. VII f. 2) In der ganzen Leidener Matrikel 
kommt sonst weder ein Nisselius, noch ein Nisterius vor. Es han- 
delt sich also um seltene Namen. Da wäre es doch ein um so 
sonderbarerer Zufall, wenn gerade ein Johannes Greorgius Nisterius 
Palatinus und ein Joannes Greorgius Nisselius Palatinus zu gleicher 
Zeit in Leiden Theologie studiert hätten. 3) Die Differenz der 
beiden Altersangaben ist zwar auffällig, wird aber durch die unten 
S. 291 anzuführenden Differenzen der drei Altersangaben des Pe- 
traeus weit überboten. Man kann also nur urteilen, daß bei sol- 
chen Altersangaben auf Exaktheit kein besonderes Gewicht gelegt 
wurde, und man muß sich davor hüten, aus ihnen das genaue Ge- 
burtsjahr der Immatrikulierten berechnen zu wollen. Für Nissel 
stehen, wenn man die beiden Angaben zusammennimmt, die Jahre 
1621—1624 zur Auswahl. 

Bei der zweiten Inskription Nisseis am 7. März 1647 notiert 
das gedruckt vorliegende Album, daß diese Inskription gratis 
erfolgte. Bei der ersten Inskription im Mai 1646 fehlt eine solche 
Notiz. Hier ist aber die Ausgabe des Albums unvollständig und 
wird durch folgende Mitteilung C. van Vollenhovens (vgl. Anm. 1) 
sehr gut ergänzt: „By de eerste inschryving (Nisterius) staat, 



1) Da es denkbar wäre, daß die Differenzen nur durch ein Versehen des 
Herausgebers des Album studiosorum entstanden wären, fragte ich in Leiden an 
und erhielt darauf von dem gegenwärtigen Rector-magnificus, C. van Vollenhoven, 
die Antwort, daß die verschiedenen Namensformen und die nicht miteinander 
übereinstimmenden Altersangaben sich wirklich so im Original selbst finden. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 287 

evenals by die van nog een anderen student, een half onleesbare 
noot van den rector-magnificus "Hi duo ob inopiam oraverunt et 
obtinuerunt, ut beneficium immatriculationis literis ipsis collatum 
sit". d. i. zy zyn kosteloos ingeschreven." 

Auch enthält das Original, wie mir gleichfalls C. van Vollen- 
hoven mitteilte, beidemal Angaben über die Wohnung Nisseis: bei 
der ersten Immatrikulation wohnte er „in het zgn. Statencollegie 
op de Cellebroersgracht", bei der zweiten „in de Kloksteeg". 

Aus diesem von den bisherigen Biographen Nisseis noch nicht 
verwerteten Material lassen sich folgende Schlüsse ziehen: Nissel, 
nicht lange nach dem Ausbruch des dreißigjährigen Krieges in dem 
Dorfe Haßloch in der Pfalz geboren, gehörte nicht zu den Begü- 
terten dieser Welt, da er in Leiden „ob inopiam" gratis immatri- 
kuliert wurde. Er studierte Theologie, trieb daneben aber auch 
Orientalia und muß diese schon vor seiner Übersiedelung nach 
Leiden getrieben haben, da er bereits zwei Monate nach seiner 
ersten Immatrikulation in Leiden eine Oratio syriaca herausgeben 
konnte. Vielleicht hatte er vorher schon anderswo studiert. Dazu 
würde sein Alter bei seiner Übersiedelung nach Leiden (etwa 23 
Jahre) gut passen. Auch bezog man zu jener Zeit ausländische 
Universitäten häufig erst nach Absolvierung des normalen Stu- 
diums auf einer heimischen Universität 1 ). Allerdings habe ich 
Nisseis Namen in den bisher gedruckten Matrikeln anderer Uni- 
versitäten nicht gefunden. — Nissel ist in Leiden zweimal bald 
nacheinander immatrikuliert: im Mai 1646 und am 7. März 1647. 
Er ist also das erste Mal nur kurze Zeit in Leiden geblieben und 
hat sich dann eine Zeitlang in seiner Heimat oder anderswo auf- 
gehalten. Bald jedoch ist er nach Leiden zurückgekehrt und dann 
bis zu seinem Tode dort geblieben. 

Einen akademischen Grad hat Nissel offenbar nicht er- 
worben. Er zeichnet immer nur einfach mit seinem Namen, ohne 
demselben ein „M." == Magister vorzusetzen, wie es sein Freund 
Petraeus tut (vgl. unten S. 291 f.), und ebenso wird er auf den ersten 
Seiten der nach seinem Tode erschienenen hebräischen Bibel (s. 
unten S. 288 Anm. 2), wo andere von ihm sprechen (in der „Summa 
privilegii" und den Vorreden), immer nur einfach mit seinem Na- 
men genannt. Auch haben wir kein Anzeichen, daß er eine seinen 
Lebensunterhalt sichernde Stelle bekleidet hätte. Allerdings hat 



1) Vgl. z.B. Hiob Ludolf, der bis zu fast vollendetem 21. Lebensjahre in 
seiner Heimatstadt Erfurt studierte und dann nach Leiden ging (Flemming in den 
Beiträgen zur Assyriol. 1 [1890], S. 540). 



288 Alfred Rahlfs, 

er sich gewiß um solche Stellen beworben. Wir können das we- 
nigstens in einem Falle, wo es sich um eine Anstellung am Gym- 
nasium in Amsterdam handelt, bestimmt nachweisen. Denn in einer 
vom 18. Juli 1655 datierten, mir allerdings nur aus einer Ab- 
schrift in einem Göttinger Exemplar (Univ.-Bibl. , 4° Theol. thet. 
1 213 b ) bekannten Widmungsepistel seines „Testamentum inter 
Muhamedem et Christian« religionis populos initum" (Willems 
S. 192 Nr. 770, zweite Abteilung) spricht Nissel von „favorabili 
futurae alicuius promotionis promisso", das ihm von den Kuratoren 
des Amsterdamer Gymnasiums, denen er das Werk widmet, ge- 
macht worden sei, und sagt dann weiterhin, er werde seine Privat- 
studien unermüdlich fortsetzen, „usque dum Divina Providentia, 
Summorumque Virorum, ac Patronorum benevolentia iubeant quem- 
nam portum studia mea inter varios fluctus hinc et inde adhuc 
titubantia eligere, ac quamnam fixam sedem in publico Bonarum 
Artium, et Linguarum Theatro tandem obtinere debeant" ; 'darauf 
rühmt er die Tätigkeit jener Kuratoren, welche darin besteht, daß 
sie „ad studiorum propagationem idoneos praeceptores ac informa- 
tores in publicum trahant", und empfiehlt sich ihnen geradezu, of- 
fenbar für eine Anstellung als Lehrer an ihrem Gymnasium („et 
me modeste, ac humiliter commendo"). Aber von einem Erfolg 
solcher Bewerbungen erfahren wir nichts und können mit Sicher- 
heit annehmen, daß es ihm, vielleicht auch weil er Ausländer war, 
nicht gelangen ist, eine derartige Stelle zu erringen. 

Wovon Nissel, der von Haus aus, wie wir sahen, nicht be- 
gütert war, unter diesen Umständen eigentlich gelebt hat, ver- 
mögen wir nicht zu sagen. Als sicher dürfen wir annehmen, daß 
er entsprechend der Sitte jener Zeit von den mehrmals ausdrück- 
lich als „Euergetae" bezeichneten Gönnern, denen er seine Werke 
widmete *), Geschenke bekommen hat. Möglicherweise hat er auch 
Privatunterricht erteilt oder sich auf andere Weise etwas verdient. 
Auf jeden Fall hat er sich kümmerlich genug durchgeschlagen. 
Denn der Leidener Hebraist Allardus Uchtmannus, der an Nisseis 
hebräischer Bibel 2 ) etwas mitgearbeitet 3 ) und nach Nisseis vor- 



1) Nisseis Widmungen könnte man vollständig nur sammeln, wenn man alle 
Exemplare seiner Werke untersuchte. Denn schon aus der Heranziehung relativ 
weniger Exemplare ergibt sich, daß die Widmungen meistens nur gewissen Exem- 
plaren, nicht der ganzen Auflage beigegeben sind. Auch habe ich in einem Falle 
schon das Vorhandensein verschiedener Widmungen bei demselben Werke fest- 
stellen können, s. oben S. 275 Anm. 2. 

2) SACRA | BIBLIA | HEBR^A, | Ex optimis Editionibus diligenter ex-| 
prefla, & Forma, Literis Verfuumque | diftinctione commendata; | Labare et Stu- 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 289 

zeitigem Tode eine rempfehlende Vorrede zu ihr geschrieben hat, 
der also jedenfalls über Nisseis persönliche Verhältnisse wohl un- 
terrichtet gewesen sein muß, sagt in einem Briefe an Hiob Ludolf 
vom 12. Juli 1675, welchen Juncker S. 195 f. abgedruckt hat, daß 
Nissel „oppreffus aere alieno" gestorben sei. Dies ist auch wohl 
begreiflich; denn die Anschaffung einer eigenen orientalischen 
Druckerei nach dem Vorbilde der früheren Leidener Orientalisten 
Raphelengius und Erpenius und die Herausgabe orientalischer Druck- 
werke auf eigene Kosten, die damals gewiß mit noch größeren 
Opfern verknüpft war als heutzutage, zeugen zwar von einem 
edlen Idealismus, waren aber, pekuniär betrachtet, eine verfehlte 
Spekulation 1 ). Allerdings hat Nissel seine Druckerei auch mate- 
riell fruchtbar zu machen gesucht. Offenbar in dieser Absicht be- 
gann er sogleich nach dem Erwerb derselben (vgl. unten S. 328) 
mit dem Druck einer hebräischen Bibel, die er in Format, Umfang 
und Ausstattung besonders handlich und bequem zu gestalten und 
dadurch vor allen Dingen für den Gebrauch der studierenden Ju- 
gend geeignet zu machen suchte 2 ). Aber dieses Unternehmen konnte 



dio | JOH. GEORG. NISSELII, Palatini, | Linguar. Oriental. Propagatoris. | 
(Motto und Signet.) | Cum Privilegio. | LüGDUNI BATAVOBUM, \ Sumptibus 
et Typis Nisselianis. | clo Ioc lxii. — Vorhergeht auf einem besonderen Blatte 
ein gestochener hebräischer Titel. 

3) Uchtman selbst sagt auf der ersten Seite seiner Vorrede zu Nisseis Bibel : 
.„in emendationis partem aliquam vener am". 

1) Nissel selbst weist auf die Schwierigkeiten hin, wenn er in der oben 
S. 278 angeführten Stelle aus der Widmungsepistel des Buches Ruth weitere 
Drucke in Aussicht stellt, „fi fortuna magis propitia generofis noftris refpondeat 
conatibus". 

2) Schon in der Widmungsepistel des „Testamentum" vom 18. Juli 1655 (s. 
oben S. 288) sagt Nissel: „habebitis me confestim in maiori quodam opere occu- 
patum, et sedulum, ut vestra Juventus Sacrorum Oraculorum volumen Hebraeum, 
sive Sacra Biblia Originalia Veteris Testamenti sub portatili ac bene correcta 
forma secum asservare, et cum insigni emolumento perlegere queat". Auf dem 
Titel der Bibel selbst (s. oben S. 288 Anm. 2) empfiehlt er sie wegen des For- 
mats, der Typen und der Versteilung. Ausführlicher stellt Uchtman in seiner 
Vorrede ihre praktischen Vorzüge, offenbar ganz in Nisseis Sinne, in das rechte 
Licht: n Id quod cequi rerurii ceßimatores, et harum literarum periti ex ip/'ius 
operis intuitu judicare poterunt ; ita fuijfe injtitutum, ut ufibus imprimis ßudiofce 
juventutis Ghrißiance inferviret, quo etiam nomine illud tanto magis fibi commen- 

datum habebunt Quin ad commendationem Jui Juffecturum fperamus ip- 

fum opus, ufui aptifßmum, verfuum infuper, quod rarum hactmus, numero di- 
ßinctum, et mole voluminis ad omnem u/um portatüe, characterumq; proportione 
commodum; qui neq; nimia exiguitate vijüi officiant, neq; librum efficiant jußo 
majorem, fed cui jungi aliquid convenienter ejufdem ßudii et materice queat" 
Vgl. auch die Vorrede der Leidener theologischen Fakultät. 



290 Alfred Rahlfs, 

ihm naturgemäß in den sieben Jahren, durch die sich der Druck 
hinzog 1 ), noch nichts einbringen, sondern vermehrte zunächst nur 
seine Passiva. Doch hielt ihn die Hoffnung auf einen glücklichen 
Enderfolg aufrecht, und er tröstete sich, wie Petraeus in seinem 
Nachruf auf Nissel sagt, mit dem Psalmvers „Die mit Tränen säen, 
werden mit Freuden ernten" 2 ). Aber die Ernte sollte er nicht 
mehr erleben, sondern starb gleich nach Vollendung des Druckes, 
noch vor der Ausgabe des Werkes (s. Anm. 1). 

Nisseis Tod scheint zwischen dem 6. und 16. Dezember 1662 
eingetreten zu sein. Denn das vom 6. Dez. 1662 datierte empfeh- 
lende Vorwort der Leidener theologischen Fakultät 3 ), welches 
seiner Bibel an erster Stelle voraufgeschickt ist, erwähnt seinen 
Tod noch nicht, während das darauf folgende Vorwort Uchtmans 
vom 16. Dez. 1662 ihn als 6 vvv fiaxaQCT7]g bezeichnet. 



Über Theodor Petraeus' Leben wußte man schon bisher 
mehr als über das Leben Nisseis, besonders durch Moller, der 
aus den Werken des Petraeus selbst und anderer Schriftsteller 
allerlei auf sein Leben Bezügliches gesammelt und dies durch münd- 
liche und schriftliche Mitteilungen von Leuten, die mit Petraeus 
in Berührung gekommen waren, ergänzt und so auf S. 489 — 493 
des ersten Bandes seiner Cimbria Literata eine einigermaßen um- 
fangreiche Biographie und Bibliographie des Petraeus zustande 
gebracht hat. Indessen hat Moller nicht nur mancherlei übersehen, 
sondern macht auch eine größere Anzahl geradezu falscher An- 
gaben. Einige derselben hat neuerdings Vilh. Thomsen richtig- 
gestellt in seinem kurzen Artikel über Petraeus in dem von C. F. 
Bricka herausgegebenen Dansk biografisk Lexikon 13 (1899), S. 77 f., 
für den er mehrere neue Quellen heranziehen konnte. Doch be- 
darf auch seine Darstellung noch .der Berichtigung und Ergänzung, 
und diese kann ich um so reichlicher geben, als es mir gelungen 



1) Uchtman ebenda: „ . . . 6 vvv iiccytccQtzrig johannes georgius nisselius: 
qui huic conatui vix ad finem perducto eß immortuus. Eo ufq; tarnen lucis hujus 
ufura Uli frui Dens permißt, ut illud poß feptennii integri exantlatos labores 
moleßiasq; abfolutum tandem viderit." 

2) Letzte Seite der Vorreden zur hebräischen Bibel : „ . . . verba Pfalmi 
cxxvi. 5 . quoe NISSELIUS j»y>y« inter haec BIBLIA imprimenda frequenter in 
ore habuit, iisque ut Symbolo "fuo confolatorio ufus eft: QUI SEMINANT IN 
LACRYMIS, CUM EXSULTATIONE METENT." 

o) Unterzeichnet von Abr. Heidanus, Joh. Coccejus und Joh. Hoornbeek. 
Diese drei bildeten damals die theologische Fakultät, s. Album studiosorum aca- 
demiae Lugduno Batavae (1875), S. X. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 291 

ist, allerlei ganz neues oder unbenutztes Material für die Biogra- 
phie des Petraeus aufzufinden, besonders in den Akten des Ge- 
heimen Staatsarchivs und der Königlichen Bibliothek zu Berlin, 
in gewissen Handschriften der G-öttinger Universitäts- Bibliothek 
und in den Schriften Werners. 

Petraeus stammte aus Flensburg (oder möglicherweise aus 
der Umgebung dieser Stadt). Sein Vater hieß nach Moller Peter 
Dircksen, er selbst also Theodor Petersen, was er nach bekannter 
Gelehrtenmanier gräzisierte 1 ). Er hat auf verschiedenen Univer- 
sitäten studiert, besonders aber in Leiden 2 ). Dort ist er laut 
dem Album studiosorum (s. oben S. 285) dreimal immatrikuliert : 
am 16. Dez. 1650, am 23. März 1660 und am 10. Juni 1664. Aber 
auch bei ihm weichen, wie bei Nissel (s. oben S. 286), die ver- 
schiedenen Eintragungen voneinander ab : zuerst ist sein Name 
richtig Petraeus geschrieben, dann Petrejus und schließlich Petreus; 
und gar die Altersangaben lassen sich hier noch weniger als bei 
Nissel zusammenreimen, denn nachdem er im Jahre 1650 schon 26 
Jahre alt gewesen ist, soll er 1660 erst 30 Jahre alt sein, dann 
aber wiederum 1664, von beiden früheren Angaben abweichend, 36 
Jahre 3 ). Petraeus ist an allen drei Stellen als „Holsatus" be- 
zeichnet. Das erste Mal wird er mit der allgemeinen Bezeichnung 
„Literarum studiosus" aufgeführt, die beiden anderen Male werden 
speziell die orientalischen Sprachen als sein Studienfach angegeben. 
Alle drei Male ist die Immatrikulation unentgeltlich erfolgt, das 
erste Mal vielleicht wegen Armut oder auf gute Empfehlungen 
hin, das zweite Mal „hum(anitatis) ergo", das dritte Mal „hon(oris) 
ergo"; die letzte Notiz beweist, daß er sich damals einen Namen 
als Gelehrter gemacht hatte. 

Petraeus hat den höchsten Grad seiner Fakultät, die Ma- 
gisterwürde, erworben 4 ). Schon 1654 setzt er seinem Namen 



1) Äthiopisch nennt er sich „Theodoros der Sohn des Petros", s. unten 
S. 294. 

2) Vgl. Moeslers „Testimonium" (s. unten S. 294 f.): „non contentus eä, quam 
in celeberrima Batavorum Academia, aliisque Europa: cultioris doctrinse Acade- 
miis avide hauferat, Linguarum Orientalium cognitione, ipfam quoque turciam 
adiit". 

3) Die Ausgabe des Album studiosorum stimmt, wie mir C. van Vollenhoven 
mitteilte, auch hier mit dem Original überein, vgl. oben S. 286 Anm. 1. C. van 
Vollenhoven teilte mir außerdem die drei Wohnungen des Petraeus mit, die bei 
seinen drei Immatrikulationen angegeben sind: 1650 „by Dirk Jacobs Hörn", 1660 
„by Jan Theunisz", 1664 „in het Hof van Gelderland". 

4) Friedr. Wilken, Geschichte der Kgl. Bibl. zu Berlin (1828), S. 21 legt 
Petraeus irrtümlich den Doktortitel bei. Auch in' den Akten der Kgl. Bibl., auf 



292 Alfred Rahlfs, 

in der oben S. 272 unter Nr. lb angeführten Ausgabe seines Erst- 
lingswerkes das „M." vor. Wenn er sich in der anderen Ausgabe 
dieses Werkes (Nr. la) und auch in den beiden anderen Werken 
desselben Jahres (Nr. 2 und 3) nicht als Magister bezeichnet, so 
wird er das aus Rücksicht auf seinen Mitherausgeber Nissel getan 
haben, der seinem Namen keinen derartigen Titel vorsetzen konnte. 

Das Hauptereignis in Petraeus' Leben war seine Orient- 
reise, die er auf Kosten seines Landesherrn, des Königs Frie- 
drichs III. von Dänemark, machte. Der König, der nach 
Moller S. 489 durch den Flensburger Greneralsuperintendenten Steph. 
Klotz auf den begabten Jüngling aufmerksam gemacht war, ging 
wohl mit dem Plane um, ihn später an der Universität zu Kopen- 
hagen anzustellen ; wenigstens glaube ich , daß man so die oben 
S. 272 aus der Widmungsepistel von Nr. lb angeführte Stelle am 
natürlichsten versteht. Unter diesem Gesichtspunkte wird Frie- 
drich III. den Petraeus auch nach dem Orient geschickt haben, 
damit er dort seine wissenschaftliche Ausbildung an Ort und Stelle 
vollende. Moller S. 490 Z. 3 setzt die Rückkehr von dieser Reise 
„anno circiter 1653." an, offenbar deshalb, weil mit dem Jahre 
1654 die äthiopischen Publikationen des Petraeus beginnen. Aber 
dieser Ansatz ist, wie bereits Thomsen (s. oben S. 290) gesehen 
hat, sicher falsch; das beweist schon die oben S. 276 angeführte 
Stelle aus der vom 14. Mai 1660 datierten Widmungsepistel von 
Nr. 5, in welcher Petraeus sagt, daß er nunmehr von der müh- 
seligen und langen Orientreise glücklich nach Leiden zurückgekehrt 
sei und „ceu itineris mei confecti [tvrj[i66vvov u die vorliegende Aus- 
gabe des äthiopischen Ionas veröffentliche; auch beruhen, wie oben 
gezeigt, die früheren äthiopischen Publikationen von Nissel und 
Petraeus (Nr. 1—4) ausschließlich auf älteren Druckwerken, und 
erst von Nr. 5 an bekommen wir neue, bis dahin noch niemals 
herausgegebene Texte. In Wirklichkeit muß Petraeus seine Orient- 
reise im Jahre 1655 oder spätestens zu Anfang des Jahres 1656 
angetreten haben. 

Die Hinreise machte Petraeus über Rom und hielt sich da- 
selbst einige Zeit auf. E. C. Werlauff, Historiske Efterretninger 
om det störe kongelige Bibliothek i Kiobenhavn (1844), S. 85 Anm. f 
gibt an, daß Petraeus im Jahre 1656 der Grottorpschen Bibliothek *) 



denen Wilkens Darstellung beruht (Faszikel III. A. 1 und III. B. 2, vgl. unten 
S. 337 ff.), wird Petraeus nirgends als Doktor bezeichnet. 

1) Siehe über diese Bibliothek besonders J. F. L. Th. Merzdorf, Bibliothe- 
karische Unterhaltungen. Neue Sammlung (1850), S. 75—92. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 2^3 

von Rom aus ein durchschossenes Exemplar von J. Wemmers' 
Lexicon Aethiopicum (Rom 1638) mit handschriftlichen Bemerkun- 
gen schickte. Werner Diss. Guelph. S. 4 sagt über Petraeus' Auf- 
enthalt in Rom: „Romae, fimulatque illuc perventum effet, Kir- 
cheri, fideris illuftris, converfationem appetiit, atque impetravit 
etiam : Sed neque ab Armeniis, Maronitis, Aethiopibus &c. iftic 
subfidentibus fefe abftinuit." Das läßt auf einen längeren Aufent- 
halt in Rom schließen, bei dem Petraeus sich in verschiedenen 
orientalischen Sprachen weiter auszubilden bestrebt war. Und daß 
diese Nachricht richtig ist, läßt sich nicht bezweifeln; mindestens 
haben wir zwei sichere Zeugnisse dafür, daß Petraeus, ebenso wie 
sieben Jahre zuvor Hiob Ludolf 1 ), in dem Abessinierkloster S. Ste- 
fano zu Rom gewesen ist und die dort befindlichen äthiopischen Hss. 
benutzt hat: 1) Der Cod. Michael. 264 der Göttinger Univ.-Bibl. ent- 
hält auf Bl. 22a — 23a von der Hand des Christian Benedikt Michaelis 
Exzerpte aus der Apokalypse des Esdras (Esdr. IV, bei den Abes- 
siniern Esdr. I) mit der Überschrift „Ex IV. Libro Esdrce Theo- 
dor us Petrceus fragmenta qucedam Romce collegit , qua' hie adferipta 
funt* und der Unterschrift „Plura non habtät Tii. P. a 2 ) Diese 
Exzerpte, die Michaelis zweifellos von Hiob Ludolf bekommen hat, 
der sie seinerseits den sogleich zu erwähnenden, ihm von Dapper ge- 
schenkten Adversaria des Petraeus entnommen haben wird, stammen, 
wie ich in meinem demnächst erscheinenden Aufsatz über alttesta- 
mentliche Hss. von S. Stefano nachweisen werde, aus einer Hs., 
welche sich damals in ebenjenem römischen Kloster befand, und aus 
derselben Hs. stammt auch das Zitat aus der Ascensio Isaiae in 
Petraeus' Ionas-Ausgabe S. 20. Auch die von Petraeus und Nissel 
herausgegebenen Texte der kleinen Propheten, des Buches Ruth 
und der vier ersten Kapitel der Genesis stammen, wie schon auf 
S. 277 ff. zu Nr. 5, 6 und 8 bemerkt, aus Hss. von S. Stefano. 
2) Derselbe Göttinger Cod. Michael. 264 hat auf Bl. 77a folgende 
auf »J. L. u = lob Ludolf zurückgehende 3 ) Notiz: „Hie Theod. 
Petrceus Holfatus fuit Flensburgs? fis fumübus Regis Danice in Orien- 
tem profectus, inde redux Eomam venu, et cum Gregorio JEthiope fami- 
liaritatem coluit, eoque preeeeptore ufns est, ut ex adverfariis ejus, quee 
mihi a Dn. D. Oliverio Bappero Amstelodamenfi donatce[sol] fuerunt, 

1) Juncker S. 48 f. J. Flemming, Hiob Ludolf: Beiträge zur Assyriol. 1 
(1890), S. 542 f. 

2) Dieselben Exzerpte stehen auch am Schlüsse der Handschrift Halle a. d. 
Saale, Univ.-Bibl. , Ya. 3, einer Abschrift des Cod. Michael. 264. — Sonst vgl. 
noch Petraeus' Ionas-Ausgabe, wo er auf S. 13 „4. Efdr. c. 4: 15. 17." zitiert. 

3) Vgl. oben S. 279. 284 und unten S. 300. 



294 Alfred Rahlfs 



perfpexi: idq; accidit Anno 1556. mense Februario. Scripferat nomen 
fuum "tjB^Cil-^Af?.' A'POFl- Gregorius meus illius men- 
tionem fecit in Epistola. J. L. a Hier finden sich allerdings zwei 
Versehen: a) als Jahr ist, wohl nur infolge eines Schreibfehlers 
von Michaelis, 1556 statt 1656 angegeben, b) Ludolf sagt irrtüm- 
lich, Petraeus sei damals auf der Rückreise vom Orient gewesen, 
während er in Wirklichkeit erst auf der Hinreise war. Sonst aber 
macht die ganze Notiz einen so guten Eindruck und stimmt auch 
mit der Angabe Thomsens, daß Petraeus im Febr. 1656 in Rom 
gewesen sei 1 ), so genau überein, daß sie als durchaus zuverlässig 
gelten darf. Die in ihr zitierten Adversaria des Petraeus, welche 
Ludolf von dem Amsterdamer Olfert Dapper 2 ) geschenkt bekommen 
hatte, und der Brief des Abessiniers Gregor existieren übrigens 
meines Wissens nicht mehr 8 ) ; sie werden bei dem großen Auto- 
dafe, das Ludolf s Erben mit seinen Sammlungen veranstalteten 4 ), 
untergegangen sein. Doch ist die Stelle aus dem Briefe Gregors, 
auf welche Ludolf hier hinweist, vielleicht dieselbe, die er am 
Anfange seines Lexicon Aethiopico-Latinum, ed. II (1699), auf der 
ersten Seite des „Catalogus librorum" anführt; Gregor spricht 
dort (am 10. Nov. 1657) von „jenem Deutschen", d. h., wie Ludolf 
selbst erklärend hinzufügt, Theodor Petraeus, und von den (Nissel- 
Petraeus'schen) Ausgaben der katholischen Briefe, die derselbe nach 
Rom mitgebracht hatte. 

Über die weitere Reise haben wir Nachrichten von dem Dr. 

med. Joh. Christoph Moesler in dem „Teftimonium" für Petraeus, 

welches dieser vor seinem 1663 in Leiden herausgegebenen Spe- 

'cimen des koptischen Psalters 5 ) hat abdrucken lassen 6 ), und von 



1) Thomsen (s. oben S. 290): „i Febr. 1656 vides det, at han var i Rom". 
Worauf diese Angabe beruht, sagt Thomsen nicht. Auch vermochte er mir auf 
meine Anfrage seine Quelle nicht mehr zu nennen. Doch läßt sich aus der be- 
stimmten Art, wie er sich ausdrückt („man weiß"), schließen, daß er eine ihm 
als durchaus sicher erscheinende Quelle gehabt hat. Vielleicht geht seine An- 
gabe im letzten Grunde auf dieselbe Quelle zurück, aus der die Notiz im Cod. 
Michael, geflossen ist. 

2) Über Dapper (f 1690) s. A. J. van der Aa, Biographisch Woordenboek 
der Nederlanden 4 (1858), S. 59. Vgl. auch unten S. 346. 

3) In den von J. Flemming in den Beiträgen zur Assyriologie 1 (1889), 
S. 567—582 und 2 (1891, resp. 1894), S. 63—110 herausgegebenen Briefen Gregors 
kommt Petraeus nicht vor. 

4) Siehe Juncker, vierte Seite der Vorrede, und Friedr. Chr. Matthiae, Nach- 
richt von Hiob Ludolfs noch vorhandenem Briefwechsel (Schulprogr. Frankf. a. M. 
1817), S. 7 Anm. 

5) (Kopt. Titel) | h. e. | PSALTER1UM DAV1DIS | in Lingua COPTICA Jeu 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 295 

Werner Diss. Guelph. S. 4—8. Moesler sagt über Petraeus : „Quippe 
qui non contentus eä, quam in celeberrima Batavorum Academia, 
aliisque europ^e cultioris doctrinae Academiis avide hauferat, Lingua- 
rum Orientalium cognitione, ipfam quoque turciam adiit, idque fub 
Aufpiciis . . . FRIDERICI TERTII . . .: perque gmciam, syriam, 
pal^estinam . . . fpretis fumptuum impendiis, & . . . vitae periculis 
ac moleftiis, in ^egyptum tandem feliciter penetravit, ubi in ipfa 
ejus Regionis Metropoli, orbe illo urbiüm cayro, & nationum omnium 
Oceano, dum uno vel altero anno fublifteret, quaa feliciter in Eu- 
ropa tractare inchoaverat, Orientalium Linguarum ftudia, ufus cu- 
jusque gentis, cujus linguam callere ardebat, optimis Magistris ad 
lummum perduxit perfectionis faftigium." Moesler nennt also Grie- 
chenland, Syrien, Palästina und Ägypten. Werner hat 
eine etwas andere Reihenfolge: Griechenland , Konstantinopel, 
Ägypten, Jerusalem; doch stellt er Jerusalem wohl nur aus rhe- 
torischen Gründen an den Schluß, bezeichnet er selbst es doch S. 6 
als „itüs ad Ortum complementum atque fummum & qusedam co- 
ronis". Jm übrigen ergänzt er Moesler s Darstellung in zwei Punkten: 
1) er nennt auch Konstantinopel und berichtet, daß Petraeus 
dort mit dem bekannten Orientalisten Levin Warner,^ Sereniffimce 
potentisßmceq; Reipubl. Belgarum federatorum ad Portam Ottoman- 
nicam Legato" (S. 4), verkehrt hat, 2) er sagt S. 6, daß Petraeus 
„integrum biennium" in Kairo gewesen ist, vgl. Moeslers nicht 
ganz so deutliches „uno vel altero anno". 

Überall trieb Petraeus orientalische Sprachstudien 
und bediente sich dabei, wie Moesler an der soeben angeführten 
Stelle sagt, der besten einheimischen Lehrer 1 ). Auch suchte er 
außer anderen Antiquitäten und Raritäten 2 ) vor allem Hand- 



JEGYPTIACA, | unä cum VERSIONE ARABICA: | Nunc primüm in LATINUM 
verfum, et in \ lucem editum \ ä | M. THEODORO PETRiEO, Cimbro, | Linguarum 
Orientalium Propagatore. | (Motto und Signet.) | LUGDUNI BATAVORUM, \ 
Sumptibus Auctoris. | clo Ioc lxiii. 3 ungezählte Blätter und 2 Seiten in 4°. 
Ich benutzte das Exemplar des Marienstifts-Gymnasiums zu Stettin, das enthalten 
ist in dem Sammelbande „Müller [d. h. aus dem Nachlasse Andreas Müllers, vgl. 
unten S. 337 Anm. 4] qu. 4". 

6) Das „Teftimonium" ist datiert „LONDINI, 20. Mart. 1662", vgl. unten 
S. 304 Anm. 5. Moesler war, wie Andreas Müller in dem von mir benutzten 
Stettiner Exemplar (s. die'vorige Anm) handschriftlich bemerkt hat, von Geburt 
ein „Stetinenfis Pomeranus". 

1) Vgl. auch die unten S. 299 anzuführende Stelle aus Petraeus' Brief an 
Ludolf, wo er von seinem Plane spricht, „ut iter Orientale denuo suscipiam , et 
me Praeceptoribus Asiaticis reformandum dem". 

• 2) Unter den Raritäten war nach Werner Diss. Guelph. S. 8 ein Stein vom 



296 Alfred Rahlfs, 

Schriften zu erwerben. Nach Nissel (s. oben S. 278) und Werner 
Brev. exp. S. 2 *) kaufte er dieselben besonders in Jerusalem und 
Ägypten. Doch wurde, wie wir von Werner Diss. Guelph. S. 7 f. 2 ) 
erfahren, ein Teil derselben von den türkischen Zollaufsehern als 
nicht- exportierbar zurückbehalten. 

Unter den Handschriften, welche Petraeus glücklich nach Eu- 
ropa heimbrachte, waren drei äthiopische, die später in den 
Besitz der Kgl. Bibl. zu Berlin übergingen, nämlich die oben S. 277. 
280. 284 erwähnten Hss. des Psalters und der Homilien und außer- 
dem eine Hs. mit Zaubergebeten. Alle drei sind beschrieben von 
Ludolf bei Io. Diet. Winckler, KstpjXia Bibl. Reg. Berol. Aetbio- 
pica descripta (1752), S. XXXIII— LXXIX , und von Dillm. Berl. 
unter Nr. 7, 66 und 73. Die Homilien-Hs. hat Petraeus nach Hot- 
tingers oben S. 281 zitierter Angabe in Jerusalem gefunden. 
Ebenso sagt Werner Diss. Gruelph. S. 6, daß Petraeus von den 
Abessiniern zu Jerusalem „AEthiopica fcripta" gekauft habe „inter- 
que caetera Concionum facrarum volumen, quarum unam de Chrifio 
nato, reli quarum primitias in lucem jam . . . prsemifit". Dies ist 
zweifellos richtig, ja es läßt sich sogar feststellen, in welchem 
jerusalemischen Gebäude die Homilien-Hs. gewesen ist. Auf dem 
Vorsetzblatte am Schlüsse derselben ist nämlich nach Dillm. Berl. 
S. 57 (vgl. auch Winckler S. LX) ein Verzeichnis der Bücher von 
„Gethsemane" hinzugefügt; das ist aber, wie mich H. Duensing 
belehrte, die heutige Kirche Keniset Sitti Marjam im Kidrontale, 
deren westlichen Querflügel die Abessinier innehatten 3 ). In diesem 
Verzeichnis erscheint nun auch der „Liber Homiliarum" selbst; 
dazu bemerkt Ludolf bei Winckler S. LX treffend: „Hinc videmus, 
ubi Theodorus Petraeus eum acceperit" 4 ). Übrigens berichten auch 

Hügel Golgotha, welchen Petraeus nach Pilgersitte eigenhändig losgerissen hatte: 
„Montis Golgothani . . . particulam propria revulfam manu, de more, Ille [d. h. 
Petraeus] attulit, quam ad lapidis calcarii albicantis fimilitudinem quam proxime 
accedere offendi." Auch auf der geplanten zweiten Orientreise wollte Petraeus 
laut dem in der vorigen Anm. angeführten Briefe „alias res, vetustate ac raritate 
notabücs" sammeln. 

1) „MSCRA rarisfima, facra, profana, linguarum diverfarum, quae Ipfemet 
Hierofolymis in Chrißi conditorio et Alexandreice Memphiq; f. Cairi Aegyptiorum 
et in Oriente alibi, MAGNO CVM DISCR1MINE AC SVMTIBVS conquifivit, 
indeq; ad Europaios apportavit". Vgl. auch den unten S. 313 Anm. 3 angeführten 
Titel von Werners Mensa solis. 

2) Petraeus brachte viele Hss. heim, „utut magna ipfi & infignis Scriptorum 
pars ad telonea ä Turcis infpectoribus, non-exportandorum titulo, adempta jam eilet". 

3) Vgl. auch Duensing in der Zeitschr. d. Deutschen Palästina- Vereins 39 
(1916), S. 107. 

4) Es ist also nicht ganz genau, wenn Werner, Mensa solis (den ausführ- 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 297 

äthiopische Notizen auf dem Vorsetzblatt am Anfange der Hs. über 
die Stiftung derselben nach Jerusalem, s. Dillm. Berl. S. 57. Von 
den Abessiniern in Jerusalem stammen aber wohl auch die beiden 
anderen äthiopischen Hss. des Petraeus. Hottinger und Werner 
nennen sie zwar nicht ausdrücklich, aber Werner spricht, wie wir 
sahen, von „AEthiopica fcripta" in der Mehrzahl; und auch die 
Hss. selbst weisen auf Jerusalem hin. Denn aus der Datierung 
der beiden Kaufurkunden im Psalter nach seleucidischer Ära ist 
gewiß mit Dillm. Berl. S. 5 zu schließen, daß die Verkäufer und 
Käufer Palästinapilger waren. Und am Schlüsse der Hs. mit den 
Zaubergebeten findet sich ein Empfehlungsbrief für zwei abessini- 
sche Jerusalempilger, die von Jerusalem aus auch die Stadt Rom 
besuchen wollten, s. Dillm. Berl. S. 67. So sehen wir, daß Pe- 
traeus, wie in Rom, so auch in Jerusalem die dort wohnenden 
Abessinier aufgesucht hat und zu ihnen in engere Beziehungen 
getreten ist. 

Im Jahre 1659 kehrte Petraeus aus dem Orient zurück und 
zwar über England, wo er sich eine Zeitlang in London aufge- 
halten haben muß. Für diese sowohl Moller als Thomsen unbe- 
kannte Tatsache haben wir folgende Zeugnisse : 1) Hottinger sagt 
an der oben S. 281 schon einmal zitierten Stelle seines Disserta- 
tionum theologico-philologicarum fasciculus S. 189 : „Ipfo hoc tem- 
pore, quo hsec de Tranflationibus ^Egyptiacis nos occupat cura, 
fpecimen . . . Theodorus Petraeus . . . Pfalterii Coptici, cujus Edi- 
tionem integram cum verfione Arabica & Latina in Anglia jam 
meditatur, communicavit" und druckt darauf die ersten anderthalb 
Verse des ersten Psalms in koptischem Text (mit griechischen 
Buchstaben), lateinischer Transkription (nach der damals bei den 
Kopten üblichen Aussprache) und lateinischer Übersetzung ab. Die 
Widmungsepistel des Hottinger sehen Werkes ist vom 5. April 1660 
datiert, die angeführte Stelle, da das ganze Werk 387 Seiten zählt, 
wahrscheinlich schon im Jahre 1659 gedruckt. 2) Nach Chr. Scholtz, 
Grammatica Aegyptiaca utriusque dialecti . . . ed. C. Gr. Woide 
(Oxon. 1778), S. 3 hat Petraeus 1659 in London den ersten Psalm 
koptisch, arabisch und lateinisch veröffentlicht, offenbar als Speci- 
men der von ihm geplanten Ausgabe des ganzen Psalters in diesen 
drei Sprachen. Ein Exemplar dieses Londoner Specimens von 1659 

liehen Titel s. unten S. 313 Anm. 3) S. 3 von der Homüien-Hs. sagt, Petraeus 
habe sie „e CHRISTI fepulchro u mitgebracht. Aber Werner ist ebenda auch 
darin ungenau, daß er die 25 Homilien, von welchen Petraeus selbst spricht (s. 
oben S. 280), kurzerhand verdoppelt und 50 daraus macht („HOMILIA DE 
NATO CHRISTO, Quinquaginta concionum . . . PRIMA"). 

Kgl. Oes. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 2. 20 



298 Alfred Rahlfs, 

habe ich vergeblich gesacht *) ; nur ein ähnliches Specimen, welches 
gleichfalls den ersten Psalm koptisch, arabisch und lateinisch ent- 
hält, aber in Leiden 1663 gedruckt ist, habe ich zu Gesicht be- 
kommen 2 ). Da nun dieses Leidener Specimen sich als Erstausgabe 
bezeichnet („Nunc primüm in LATINUM verfum, et in lucem editum"), 
könnte man an ein Versehen von Scholtz-Woide denken. Aber ein 
solches liegt trotzdem nicht vor. Denn a) Scholtz-Woide geben 
eine genaue Beschreibung des Druckes: „in dimidia plagula 1659, 
Londini, typis vulgato" ; zu „typis" wird am Rande bemerkt „Tho- 
mae ßoycroft", der Druck war also in jener großen Londoner 
Firma hergestellt, die um dieselbe Zeit z. B. auch den Druck der 
Londoner Polyglotte (1657) und der ersten Ausgabe von Ludolfs 
äthiopischer Grammatik und Lexikon (1661) besorgte; b) Woide 
gibt an einer anderen Stelle, im Journal des Scavans, Tome 74 
(Amsterd. 1774), S. 321 f. 3 ) an, daß ein Exemplar des Londoner 
Specimens sich in der Bibliothek des Sion College zu London be- 
findet; c) Scholtz-Woide geben an, daß dem koptischen Texte — 
ebenso wie bei Hottinger — eine lateinische Transkription nach 
der damals bei den Kopten üblichen Aussprache beigegeben war, 
und drucken auch den ganzen ersten Psalm in koptischem Texte 
und dieser lateinischen Transkription ab 4 ) ; eine solche Transkrip- 
tion findet sich aber in dem Leidener Specimen von 1663 nicht, 
folglich kann es nicht mit dem Londoner Specimen von 1659 iden- 
tisch sein 5 ). 3) Auch das oben S. 280 besprochene Druckmanuskript 



1) Auch das Auskunftsbureau der deutschen Bibliotheken zu Berlin ver- 
mochte kein Exemplar aufzufinden. 

2) Siehe den Titel dieses Leidener Specimens oben S. 294 Anm. 5. Auch 
Moller S. 492 kennt nur das Leidener Specimen. 

3) Diese Stelle ist mir bekannt geworden durch das Zitat aus Quatremere 
bei M. G. Schwartze, Psalterium in dialectum Copticae linguae Memphiticam trans- 
latum (1843), S. XXVI Anm. Die ganze Stelle lautet: „II [nämlich Th. Petraeus] 
avoit appris meme la prononciation moderne des Cophtes, et il a fait imprimer 
ä Londres sur une feuille le premier Pseaume en Cophte, en y ajoutant en ca- 
racteres Latins cette prononciation. On trouve cette feuille, qui est tres rare, ä 
la Bibliotheque du College de Sion ä Londres. Sur une autre feuille que la 
Croze avoit trouvee parmi ses papiers, et dont j'ai une copie, il avoit aussi ecrit 
en lettres Latines la prononciation du Cantique de la Sainte Vierge selon l'usage 
moderne des Cophtes, qui approche beaucoup de la prononciation Arabe, et que 
je ne voudrois pas imiter." 

4) Hottinger und Scholtz-Woide stimmen nicht in allen Einzelheiten der 
Transkription überein. Es ist also möglich, daß Hottinger von Petraeus nicht 
das gedruckte, sondern ein handschriftliches Specimen bekommen hat. 

5) Die Bezeichnung des Leidener Specimens als Erstausgabe ist also un- 
genau. Aber der Titel dieses Specimens ist überhaupt ungenau. Er ist schon 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 299 

der „Homilia Aethiopica de Nativitate Domini nostri Jesu Christi" 
trägt die Orts- und Zeitangabe „Londini typis .... 1659 u 1 ). Also 
hat Petraeus auch dieses Manuskript 1659 in London ausgearbeitet 
und damals offenbar auch die Absicht gehabt, es gleichfalls in 
London drucken zu lassen. 

Was wir soeben über Petraeus' Tätigkeit in England erfahren 
haben, zeigt uns, daß er sich sofort nach seiner Rückkehr aus dem 
Orient an die Veröffentlichung der mitgebrachten hand- 
schriftlichen Schätze machte, und diese blieb auch in der 
Folgezeit, wie wir sehen werden, das Hauptziel seines Strebens. 
Er wollte die Schätze, die er gehoben und glücklich heimgebracht 
hatte, nun auch der Allgemeinheit mitteilen, um dadurch seine 
Reise wahrhaft fruchtbar zu machen. Denn „omnis peregrinationis 
finis", sagt er in der oben S. 276 angeführten Stelle aus der Wid- 
mungsepistel seiner Ionas- Ausgabe, „ad ufum aliquem fpectat, fine 
quo ingratus elt omnis labor & opera, quaecunque in illam impen- 
ditur". Zugleich allerdings ging er in ebenjener Zeit auch mit 
dem Plane um, später noch eine zweite Orientreise zu unternehmen, 
von der er noch größere Kenntnisse der orientalischen Sprachen 
und noch mehr Handschriften und Altertümer heimzubringen hoffte. 
Wir erfahren dies aus einer Äußerung des Petraeus am Schlüsse 
eines „Index avezSöirtov suorum", den er am 6. Jan. 1660, wahr- 
scheinlich noch von England aus, an Hiob Ludolf geschickt hat. 
Das Original dieses Schriftstücks scheint leider, wie so vieles an- 
dere aus Ludolfs Nachlaß 2 ), verloren zu sein; wenigstens findet 
sich nach Matthiae 2 ) S. 8 — 11 in dem Frankfurter Briefwechsel 
Ludolfs kein Brief von Petraeus. Aber Ludolf hat dies Schrift- 
stück Moller mitgeteilt, und dieser hat es nicht nur benutzt (S. 490. 
493), sondern daraus auch die Stelle abgedruckt, an der Petraeus 
von seinem Plane einer zweiten Orientreise spricht. Sie lautet 
(Moller S. 490) : „Hoc utilissimo labor e ad umbilicum perducto, in hoc 
a me eldborabitur, tum, ut iter Orientale denuo suscipiam, et me Prae- 
ceptoribus Asiaticis reformandum dem, tum ut MSSta rariora, ceu the- 
sauros reconditae doctrinae, comparem, et alias res, vetustate ac rari- 
täte notabiles, studiose perquiram, mecumque in Europam 6vv &sg) re- 
portem u . — Hieran seien gleich einige Bemerkungen über Pe- 
traeus' Verhältnis zu Ludolf angeknüpft. In dem bereits 



so formuliert, als läge hier eine Ausgabe des ganzen Psalters vor, und auf eine 
solche würde allerdings die Bezeichnung als Erstausgabe passen. 

1) Der Name des Druckers ist als zweifelhaft noch nicht hinzugefügt. 

2) Siehe oben S. 294 Anm. 4. 

20* 



300 Alfred Rahlfs, 

öfter zitierten Cod. Michael. 264 der Göttinger Univ.-Bibl. linden 
sich auf der letzten Seite der Nissel-Petraeus' sehen Ausgabe des 
Judasbriefes zwei auf »J. L. u = lob Ludolf zurückgehende *) Rand- 
noten. Die erste steht bei Z. 6, wo Nissel und Petraeus über das 
in Vers 13 vorkommende Verbum ^Afll '. bemerken : „non oecur- 
rit in Lex. noftro iEthiopico", und lautet folgendermaßen: „Hoc 
est meum Lexicon quod Aö 1649. commodato a nie aeeepit. J. L. a Die 
andere steht einige Zeilen tiefer, wo Nissel und Petraeus den 
Wunsch aussprechen, falls sie jenes "Wort falsch aufgefaßt haben 
sollten, von einem Kundigeren belehrt zu werden („Sin minus, de 
ufu hujus vocis ä peritiori informari cupimus"), und lautet: „Cur 
nie non confuluit, utiq; potuisfem illum informare. tandem in. [== ta- 
rnen] didicit Petrceus quid esfet, in notis fuis ad Jonam in fine. vide 
s [= supra] lonam pag. 16. f (Ludolf zitiert hier Petraeus' Aus- 
gabe des Ionas S. 16, wo Petraeus das fragliche Verbum unter 
Heranziehung jener Stelle des Judasbriefes richtig erklärt). Lu- 
dolf, der hier überall den Singular gebraucht („aeeepit", „confuluit 11 , 
„illum"), meint von den beiden Herausgebern gewiß den Petraeus, 
den er ja zum Schluß auch ausdrücklich nennt. Er war also schon 
1649 mit Petraeus bekannt und hatte ihm sein damals noch hand- 
schriftliches äthiopisches Lexikon geliehen 2 ). Und Petraeus er- 
kannte 1654 willig" Ludolfs Überlegenheit an; denn daß er mit 
dem „peritior" in der Tat Ludolf gemeint hat, daran kann wohl 
kein Zweifel sein. Hieraus erklärt sich nun auch leicht, daß Pe- 
traeus bald nach seiner Rückkehr nach Europa Ludolf über die 
Ergebnisse seiner Orientreise Bericht erstattet hat. Ein intimeres 
Verhältnis hat sich aber zwischen ihnen nicht gebildet, vielmehr 
hat sich Ludolf später in einem Briefe an Moller vom 27. Febr. 
1692 bitter über Petraeus' „invidia" beklagt: „Theod. Petraeum 
fateor in omni literatura Orientali egregie versatum fuisse. Sed insigni 
laboravit invidia, quam multi in eo eulparunt, et ego ipse expertus sum. 
Cum enim in conscribendo Lexico meo Aethiopico oecupatus essem, ali- 
quoties literas ad cum dedi, quas rede redditas fuisse novi, sed nun- 
quam ne verbulum quidem respondit, veritus, ne forte alius laudem 
instauratae linguae Aethiopicae sibi praeriperet u (Moller S. 491). 

Von London kehrte Petraeus im Jahre 1660 nach Leiden 
zurück und ließ sich dort am 23. März 1660 wieder immatriku- 



1) Vgl. oben S. 279. 284. 293. 

2) Über die allmähliche Ausarbeitung dieses Lexikons, mit der Ludolf schon 
1644 im Alter von 20 Jahren begann, s. Juncker S. 20 f. 33. 38. 53. 80 und Flem- 
ming in den Beiträgen zur Assyriologie 1 (1890), S. 539. 544. 546, sowie auch 
Rudolfs Vorrede zur ersten Ausgabe des Lexikons (Lond. 1661). 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 301 

lieren (s. oben S. 291). Bald darauf folgte die erste Ausgabe eines 
äthiopischen Textes, den Petraeus von seiner Reise mitgebracht 
hatte, nämlich des in Rom aufgefundenen und kopierten Ionas 
(nebst Gen. 1 — 4), dessen Widmungsepistel vom 14. Mai 1660 da- 
tiert ist (s. oben S. 277). Und diesem schlössen sich dann die 
übrigen fünf äthiopischen Texte, zum Teil von Nissel herausge- 
geben, in schneller Folge an, drei noch in demselben Jahre 1660, 
die beiden anderen im folgenden Jahre. 

Aber lange blieb Petraeus diesmal nicht in Leiden, sondern 
ging bald zum zweiten Male nach London. Moller S. 490 sagt: 
„Leida in Angliam digressus noster, Londini A. 1660. et sequenti 
haesit biennio". Dies wird jedoch nicht richtig sein; denn da Pe- 
traeus die beiden letzten äthiopischen Texte erst 1661 in Leiden 
herausgegeben hat, wird er selbst auch mindestens noch zu Anfang 
dieses Jahres in Leiden gewesen sein. Gegen Mollers Darstellung 
spricht überdies der Umstand, daß er nur von einem einzigen 
Aufenthalte des Petraeus in London weiß, während Petraeus sicher 
zweimal in London gewesen ist. Der zweite Aufenthalt muß aber 
schon bald nach der Herausgabe der letzten äthiopischen Texte 
begonnen haben. Denn noch im Jahre 1661 und, wie wir sehen 
werden, wohl noch im Sommer dieses Jahres hatte Petraeus in 
London ein unangenehmes Renkontre mit Ludolfs Schüler W ans - 
leben. Ludolf berichtet darüber bei Moller S. 491 : „Cum ali- 
quando accidisset, ut nonnidla ejus MSSta Aethiopica , Londini furto 
ablata % in manus Joh. Mich. Wanslebii, clientis quondam mei, qui tum 
correctionem typographicam Lexici mei curabat, incidissent, atque ille 
nonnidla ex eis describeret, id resciens Petraeus tarn aegre tulit, ut 
libros illos e manibus Wanslebii vi eriperet, ut a verbis ad verbera 
pene prolapsi fulssent, et Wanslebii scripta manca atque mutila ma- 
nerent u . Ein anderer, zum Teil noch genauerer Bericht, der gleich- 
falls auf Ludolf zurückgeht, findet sich in dem Cod. Michael. 265 
der Göttinger Univ.-Bibl. Dieser Codex enthält vor allem eine 
von Christian Benedikt Michaelis angefertigte Abschrift der oben 
S. 280. 296 f. besprochenen Homilien-Hs. des Petraeus , die jedoch 
nicht direkt aus dieser Hs., sondern aus einer im Besitze Ludolfs 
befindlichen Abschrift genommen ist. Dieser Ludolfschen Abschrift 
aber hatte Ludolf eine „Historia huius Manufcripti" vorausgeschickt, 
welche Michaelis auf Bl. 2a mit abgeschrieben hat. Darin erzählt 
Ludolf dieselbe Geschichte folgendermaßen: „Theodorus Petrmus, 
Holfatus Flensburgenßs, Regis Daniae Friderici III. fumtibus in 
Orientem profectus varios libros Manuss. ios , et inter eos etiam nonnul- 
los Aethiopicos fecum attulerat. Cum autem in Anglia A.° 1661. de- 



302 Alfred Rahlfs, 

geret, miles quidam, effracto eius citbiculo, libros quosdam furatus fu- 
erat, eosq; Bibliopego cuidam vendiderat) ab eo redemerat Mos Dn. A+ 
Murray studiofus Orientalium llnguarum, atq; Wanslebio, tunc temporis 
rneo, hunc ipfum librum [d. h. die Homilien-Hs.] commodauerat. Is 
defcribere coepit Vitas aliquot Sanctorum non ordine, fed prout ipß 
notabiles vifce fuerant, cum autem in Vita Samuelis, qum hie [d. h. in 
Wanslebens Abschrift] feeunda, alias [d.h. in der Hs. selbst, vgl. 
die oben S. 280 zitierten Beschreibungen der Hs.] tertia ordine fu- 
erat, deferibenda effet, fuperuenit Petrwus, et librum fuum repetens, 
cum impetu e manibus Wanslebij eripuit, ita vt hißoria illa imperfecta 
manferit, ut videre eß p. , u 1 ). Der Bericht bei Moller stammt 
vom 27. Febr. 1692, der im Cod. Michael, wahrscheinlich gleich- 
falls aus dem Jahre 1692, denn Ludolf berichtet hier weiter, daß 
er die Originalhs. aus Berlin, wohin sie die Witwe des Petraeus 
verkauft hatte, im Dez. 1691 geliehen bekommen und Wanslebens 
Abschrift aus ihr ergänzt habe. Folglich sind die beiden Berichte 
von dem Ereignisse selbst durch gut 30 Jahre getrennt. Trotz- 
dem halte ich sie für durchaus zuverlässig, da es sich um ein recht 
eigenartiges, leicht im Gedächtnisse haftendes Vorkommnis handelt. 
Auch werden sie dadurch bestätigt, daß Wansleben am Schlüsse 
seiner Vorbemerkung zu Ludolfs äthiopischem Lexikon, dessen 
Herausgabe er 1661 in London besorgte, unter den Hss., die er 
für die von ihm selbst hinzugefügte Appendix benutzt hat, den 
v Liber Homiliarum SS. Patrum quorundam, in Folio, ab amico quo- 
dam mihi communicatum [so!]" anführt. Sonst ist hier noch zu 
bemerken, daß der Druck des Lexikons nach der äthiopischen 
Schlußnotiz am 20. Sept. 1661 vollendet ist. Folglich würde das 
Renkontre, wenn es, wie nach Ludolfs Bericht bei Moller anzu- 
nehmen ist, während des Druckes stattgefunden hat, in die Zeit 
vor dem 20. Sept. zu setzen sein. 

Den Grund dieses zweiten Londoner Aufenthaltes haben wir 
gewiß vor allem darin zu suchen, daß Petraeus, nachdem er meh- 
rere äthiopische Texte herausgegeben hatte, nunmehr auch mit der 
Veröffentlichung seiner koptischen Texte, die er ja schon bei 
seinem ersten Londoner Aufenthalt ins Auge gefaßt hatte (s. oben 
S. 297 f.), zu beginnen wünschte. Auf einen solchen Plan weist Nissel 
schon 1660 in der oben S. 278 zitierten Stelle hin: „Sed hactenus 
pro noftra ingenii tenuitate in abditis Abaffinorum caftris verfati, 
nunc iis relictis, ne hifee folis vobis naufeam, & faftidium pariamus, 
ad amaeniffima iEgyptiorum Perfarumq; vireta ex fpatiari vifum 
eft" etc. Und dieser Plan ist um so begreiflicher, als gerade kop- 

NB : Die Anmerkung s. auf S. 304. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 303 

tische Texte bis dahin überhaupt noch nicht herausgegeben waren, 
vgl. L. Stern, Kopt. Gramm. (1880), S. VII f. Koptische Typen 
aber gab es in Leiden nicht, und Petraeus konnte auch nicht dar- 
auf rechnen, daß etwa Nissel, der durch seine Druckerei ohnehin 
in Schulden geraten war (s. oben S. 289 f.), oder die Firma Elsevier, 
welche ihren Betrieb gerade damals immer mehr einschränkte 2 ) 
und so gut wie nichts Orientalisches mehr druckte, sich eigens für 
Petraeus koptische Typen anschaffen sollten. Weit eher konnte 
sich in der Tat eine Gelegenheit zum Drucke koptischer Texte in 
England bieten, wo Männer wie Walton, der kurz zuvor die Lon- 
doner Polyglotte herausgegeben hatte, und Edmund Castell, der 
gerade damals sein Lexicon heptaglotton ausarbeitete, sich aufs 
lebhafteste für alle orientalischen Bibelübersetzungen interessierten, 
und wo wenigstens einige Jahre später auch schon koptische Typen 
vorhanden waren 3 ). So sehen wir denn auch, daß Petraeus sich 
gerade an diese und andere englische Gelehrte mit der Bitte um 
Förderung seines Planes gewandt hat. Vor seinem zweiten Spe- 
cimen des koptisch-arabischen Psalters (s. oben S. 294 Anm. 5) findet 
sich folgende „Approbatio" : 

NOS quorum fubfcripta funt nomina teftamur, nos vidiffe 
PSALTERIUM COPTO-ARAB1CUM , in linguam Latinam ä 
Clar. Doctiffimoque Viro Dn. THEODORO PETRiEO accura- 
tiffime transfufum, unä cum LEXICO Coptico ab eodem Dn. 
Th. Petr^o limate admodüm , & quam correctiffime in idem 
Pfalterium concinnato : Utrumque Opus fummo elaboratum ftu- 
dio judicioque, digniffimum nobis videtur, quod in utilitatem 
Coptitarum, & in gratiam eorum, qui vel peregrinis delectantur 
linguis, vel variarum SS t8e Scripturae Verfionum collatione (ex 
qua ipfi exoritur Lux fumma, certiffimaque) prelo committa- 
tur, & quamprimüm publica fruatur luce. 

BRI ANUS WALTHONUS, 
Episcopus Cestriensis. 
londini, & oxonii, IS AACUS BASIRIUS, ss. tu. d. 
16. Febr. & 4 . Mart. Archidiaconus Northumbri«. 

i66a. THOMAS BARLOVIUS, ss. tL d. 

& Colleg. Reginse Prsepofitus. 

EDWARDUS POCOCK. Lingg. Hebr. 

& Arab. in Acad. Oxonienfi Profeffor. 

EDMUNDUS CASTELLUS, 

SS. Th. D. 

THEODORUS HAAK.*) 



Nß : Die Anmerkungen s. auf S. 304. 



304 Alfred Rahlfs, 

Auf diese „Approbatio" vom 16. Febr. und 4. März 1662 folgen 
ebenda unter Nr. „II." das oben S. 294 erwähnte „Teftimonium" 
Moeslers, datiert „LONDINI, 20. Mart. 1662.", und unter Nr. „IV." 
ein Gedicht von M. Johannes Megalinus, datiert „LONDINI, die 
Parafcev. Pafchat. 1662." Da Petraeus diese Zeugnisse doch wohl 
persönlich von den betreffenden Gelehrten erbeten und erhalten 
hat, wird er mindestens bis Ende März 1662 in London geblieben 
sein 5 ). Seinen Hauptzweck aber hat er nicht erreicht: zu einem 
Drucke des laut der „Approbatio" von ihm ins Lateinische über- 
setzten und mit einem koptischen Lexikon versehenen koptisch- 
arabischen Psalters kam es nicht. 

Zu Ende des Jahres 1662 finden wir Petraeus wieder in Leiden. 
Den Nachruf auf Nissel vor dessen Ausgabe der hebräischen Bibel 
(s. oben S. 288 Anm. 2 und S. 290 Anm. 2) datiert er „Lugd. Batavo- 
rum, 26. Decemb. 1662." Und in Leiden hat er dann 1663 auch das 



NB : Anm. 1 gehört zu S. 302, Anm. 2—4 zu S. 303, Anm. 5 zu S. 304. 

1) In dem von Ludolf selbst geschriebenen Original stand hier offenbar die 
Seitenzahl von Wanslebens unvollständig gebliebener, aber später von Ludolf, wie 
dieser im folgenden und auch bei Moller S. 491 berichtet, nach der Hs. ergänzter 
Abschrift. Michaelis hat diese Seitenzahl fortgelassen, da sie für seine Abschrift 
nicht paßte, und später auch nicht die entsprechende Seitenzahl seiner eigenen 
Abschrift eingesetzt. 

2) So schon unter Joh. Elsevier, der am 8. Juni 1661 starb, und erst recht 
unter seiner Witwe und seinem Sohne, s. Willems S. CXCVIIIff. 

3) Reed S. 70: „In 1667 Dr. Fell presented Coptic matrices to Oxford". 
Proben dieser noch lange gebrauchten Typen s. ebenda S. 147. 

4) Zu dem letzten Namen hat Andreas Müller, der erste Besitzer des von 
mir benutzten Stettiner Exemplars (s. oben S. 294 Anm. 5) handschriftlich „Ger- 
manus 11 hinzugefügt. 

5) Nach echt englischer Datierungsweise würden allerdings der 16. Febr., 
4. und 20. März 1662 in unser Jahr 1663 fallen, da England damals noch den 
Jahresanfang am 25. März hatte (F. K. Ginzel, Handbuch der math. u. techn. 
Chronologie III [1914], S. 163. 275). An sich wäre das nicht unmöglich, da das 
Werkchen des Petraeus, in welchem diese Dokumente abgedruckt sind, auch erst 
1663 erschienen ist. Aber wahrscheinlich ist es nicht. Denn das vom Karfreitag 
1662 datierte Gedicht des Megalinus stammt zweifellos aus unserm Jahre 1662, 
da Ostern (nach julianischem Kalender) 1662 auf den 30. März, 1663 auf den 
19. April (Ginzel a. a. 0., S. 417), also Karfreitag beidemal auch nach englischer 
Rechnung in das Jahr 1662 resp. 1663 fiel; mithin würde das Gedicht bei An- 
nahme englischer Datierungsweise fast ein Jahr vor den übrigen Dokumenten ent- 
standen sein, während es bei der Annahme gewöhnlicher Datierungsweise in den- 
selben Monat wie jene gehört. Petraeus wird beim Abdruck der Dokumente in 
seinem ja nicht in England gedruckten Werkchen die gewöhnliche Datierungs- 
weise hergestellt haben. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 305 

zweite Specimen seines koptisch-arabischen Psalters (s. 
oben S. 294 Anm. 5) auf eigene Kosten („Sumptibus Auctoris") 
drucken lassen, wobei er den koptischen Text in Ermangelung 
koptischer Typen mit griechischen Buchstaben wiedergab (Schluß 
des Werkchens: „DEFECTU COPTICORUM CHARACTERIBUS 
GR^SCIS USI SUMUS."). Der Druck dieses zweiten Specimens 
und der Abdruck der Empfehlungen der englischen Gelehrten zu 
Eingang desselben beweisen, daß Petraeus die Hoffnung, eine Ge- 
legenheit zur Herausgabe des ganzen Psalters zu finden, noch nicht 
aufgegeben hatte. Und nicht nur den Psalter, sondern auch an- 
dere koptische Bibeltexte bereitete Petraeus zu jener Zeit 
für den Druck vor ; davon legen die später in den Besitz der Kgl. 
Bibl. zu Berlin übergegangenen Abschriften Zeugnis ab, welche 
Petraeus damals, offenbar zum Zweck der Herausgabe, hergestellt 
hat, z. B. das „Evangelium Lucae Aegyptiace seu Coptice e vetust. 
Msto. Copt. erutum opera et stud. Theodor. Petraei Lugd. Batav. 
1662.", s. M. G. Schwartze, Psalterium in dialectum Copticae lin- 
guae Memphiticam translatum (1843) , S. V f. Auch eine andere 
Arbeit beschäftigte ihn zu gleicher Zeit, nämlich die Herausgabe 
eines persischen Werkes, von dem er gleichfalls 1663 und 
zwar zu Anfang des Jahres — die Vorrede ist vom 12. Febr. da- 
tiert — in Leiden auf eigene Kosten ein Specimen unter folgendem 
Titel veröffentlichte: „(Arab. Titel.) | CLAVIS | LINGUAE | ARA- 
BICM , PERSIC.E | & TURCIC^ : | SIVE | Breve LEXICON 
Dictionum ARABI-|CARUM , ä PERSIS ufurpatarum, facta Vo-| 
cabulorum TURCICORUM | acceffione ; | Nunc primüm in Latinum 
verfum, et publicatum | ä | M. THEODORO PETRiEO, Cimbro, | Lin- 
guarum Orientalium Propagatore. | (Türk. Titel und Signet.) | L UG- 
DUNI BATAVORUM, | Sumptibus Auctoris. | clo Ioc lxui." 8 Sei- 
ten in 4 01 ). Ein Erfolg war jedoch allen diesen Arbeiten nicht 
beschieden: Petraeus selbst konnte offenbar den Druck so umfang- 
reicher Werke nicht aus eigenen Mitteln bestreiten, und ein Ver- 
leger oder Gönner, der die Kosten übernommen hätte, fand sich nicht. 
Aus dem folgenden Jahre 1664 ist uns Petraeus' dritte Imma- 
trikulation in Leiden am 10. Juni bekannt, s. oben S. 291. Diese 
nochmalige Immatrikulation erklärt sich daraus, daß Petraeus bei 
seinem Fortgang nach London im Jahre 1661 zum zweiten Male 
exmatrikuliert worden war. Weshalb er aber erst im Juni 1664, 



1) Auch dieses Specimen findet sich, wie das zweite Specimen des koptischen 
Psalters, in dem Sammelbande „Müller qu. 4" des Marienstifts -Gymnasiums zu 
Stettin, vgl. oben S. 294 Anm. 5. 



306 



Alfred Rahlfs 



mindestens IV2 Jahre nach seiner Rückkehr aus London, aufs neue 
— honoris ergo, s. S. 291 — immatrikuliert wurde, wissen wir nicht. 
Aber lange blieb Petraeus dann nicht mehr in Leiden, sondern 
siedelte bald nach Amsterdam über. Moller S. 492 berichtet 
auf die Aussage Martin Murrays ! ) hin , daß Petraeus die erste 
Ausgabe der vollständigen armenischen Bibel, welche Oskan 1666 
in Amsterdam veröffentlichte, durch die Presse geführt habe („Pe- 
traeum Biblia haec in Typographeo emendasse, et editionis illorum 
curam gessisse"). Wenn diese Angabe richtig ist, müßte Petraeus 
1665 oder gar schon 1664 nach Amsterdam gekommen sein. Wie 
dem aber auch sein möge, sicher hat Petraeus in engen Beziehungen 
zu den Amsterdamer Armeniern gestanden und ist wahrschein- 
lich gerade um ihretwillen nach Amsterdam übergesiedelt. Den 
Oskan selbst nennt er allerdings, so viel ich weiß, nirgends; aber 
daß er ihm doch nahegestanden haben muß, schließe ich aus der 
von Le Long-Masch S. 174 angeführten lateinischen Widmungs- 
epistel, mit der Oskan im Jahre 1669 ein Exemplar jener Bibel 
dem Könige Ludwig XIV. überreicht hat. Denn diese stammt, 
wenn nicht alles trügt, aus der Feder des Petraeus, wie folgende 
Zusammenstellung zeigt : 



Widmungsepistel 
des Petraeus 
an Friedrich III. von Däne- 
mark vom Jahre 1654 
(s. oben S. 272) : 

Sistit sese, Rex Sere- 
nissime, Domine Cle- 
mentissime , aspectui 
Tuo 

longe augustissimo 
specimen Arabicum 
et Aethiopicum , ab 
orbe literato hactenus 
diu multumque desi- 
deratum, etc. 



Widmungsepistel 

des Petraeus 

an den Großen Kurfürsten 

in der „Doctrina" vom 
Jahre 1667 (s. unten S. 310): 

Sistit sese, Serenissi- 
me Elector, Grloriosis- 
sime Heros, aspectui 
Tuo 

longe splendidissimo 
haec Doctrina Chri- 
stiana Armenica, ab 
Orbe literato 
diu multumque desi- 
derata, etc. 



Widmungsepistel 

Oskans 

an Ludwig XIV. 

vom Jahre 1669 

(nach Le Long-Masch): 

Sistunt sese, Serenis- 
sime Rex, 

adspectui 
tuae Regiae Majestatis 
longe splendidissimo 
sacra haec Bi- 
blia Armenica, a 
natione nostra 
diu multumque desi- 
derata ac expetita, etc. 



Noch näher aber hat Petraeus offenbar einem anderen damals in 
Amsterdam lebenden Armenier gestanden, dem Priester „Dn. Gra- 
rabied Wartabied" 2 ), welchen er 1667 in der Vorrede der 



1) Vgl. über ihn Moller Bd. II, S. 565. 

2) Das ist nach der jetzt bevorzugten ostarmenischen Aussprache (Ter-)Ka- 
rapet Wardapet d. h. „(Herr) Karapet, Magister". 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 307 

armenischen „Doctrina", von der bald noch die Rede sein wird, 
geradezu als seinen Lehrer im Armenischen und als seinen Führer 
bei der Übersetzung der „Doctrina" ins Lateinische bezeichnet *). 
In Amsterdam hat Petraeus im Jahre 1666 vom Großen Kur- 
fürsten einen Ruf nach Königsberg als außerordentlicher Pro- 
fessor der orientalischen Sprachen bekommen. Das Konzept seiner 
Bestallung ist im Kgl. Geheimen Staatsarchiv zu Berlin (Rep. 7, 
n°. 190) und lautet folgendermaßen: 

3öir griberitf) SBüljelm . . . X^un funö unb geben Ejtemtt äftän* 
niglttf), tnfonberfjeit benen foftf)e§ ^u ttriffen nö^tig, in gnaben 
ättöernefjmen, 5ttf3 unft be£ godigeta^rten unferg lieben getremen 
Mag. Theodori Petrsei, erudition unb burdj langttrirtge unb 
roeite peregrinationes erlangete ttriffenftfjaften fonberlid) in btn 
Orientaltfäjen fpradjen, untertljänigft gerüfjmet tnorben, 2öir audjj 
©elbft bet) feiner anmefenfjett atfjier, foId)e$ mit me^rerm in 
gnaben tnafjrgenommen, 2)af$ mir ba^ero bemogen morben, tfjn $u 
unferm Extraordinario Profeffore Lingvarum Orientalium bety 
nnferer Academie $u ®önigf$berg in $reüffen, anpnefjmen unb 
gubeftellen, Xfjun autf) foldjeg fjtemtt unb in frafft btefeg, unb 
befteHen tfjn Mag. Theodorum Petrseum §um Professore lingva- 
rum Orientalium Extraordinario, bet) unf er Academie §u $önigfc 
berg, bergeftalt unb atfo, ba% er ^uforberft unfc unb unferm 
(Sfjurfürftütfjen ^aufe getreu unb getnertig fetm, unb bet) biefer 
Academie feine miffenftfjafften , ju erbauung ber bafelbft Studi- 
renben Sugent, mit allem fleifie anmenben foße; Sebotf) üjme 
babfy fret) fielen möge, feiner gelegen^eit naä} fo lange ju 2Imb= 
fterbam ^überbleiben unb feine Orientaliftfje S3üc^er bem gemeinen 
mefen ^um beften brutfen plaffen, alfi er foldjes nö^ttg befmben 
merbe. 2Bir befehlen barauf fjtemtt gnäbigft fomoll unferer sjkeüfft* 
frfjen Regierung, atft autf) Rectori et Senatui obermefjnter un* 
ferer Academie fttf) barnad} ^uadjten, unb mefjrgemetten Mag. 
Theodorum Petrseum, für unfern Profefsorem lingvarum orien- 



1) „Me autem Interpretis officio functum enixe juvit fidelis xii^aycayCa Dn. 
Garabied Wartabied, Sacerdotis Armeni, et Magißri mei in hac lingua haud pce- 
nitendi, ac nunquam ßne prcefatione honoris nominandi. u — Charakteristisch für 
die engen Beziehungen des Petraeus zu den Amsterdamer Armeniern ist auch 
Diss. Guelph. S. 19, wo Werner erwähnt, daß Petraeus an einer sehr teuren 
"Weltkarte, welche der Schah von Persien bei den armenischen Händlern in Am- 
sterdam bestellt hatte, mitgearbeitet habe : „nuper admodum per Armenios Amfter- 
dami inquilinos, qui in eo etiam ufi funt Petrsei opera, Chartam Cofmographicam 
univerli terrarum orbis perüco fermone adornare fibi jusfit Perfa Rex, fex nume- 
ratorum florenorum millibus, & quod excedit, ea re, erogatis". 



308 Alfred Rahlfs, 

talium Extraordinarium , aufzunehmen, -$uerf ernten, bafür zu- 
halten, unb habet) gefcüfjrenb äufc^en; Sßegen feinet untere 
I^altS, man er fitf) $u ^öntgperg einfinben ttrirb, motten tt)ir ge* 
roifce anftalt Verfügen (äffen. *) llf)rfünbtlid) fjaben mir biefe be- 
ftallung etgenfjänbtg unterfd^rteben unb mit unferm S^urfürft- 
liefen Knaben ©iegell Be!rafftigen taffett, (begeben in unfer Re- 
sidentz (Sfeüe, £)ett 25. Octobris Ao 1666. 
Wir sehen also: Der Große Kurfürst hatte Petraeus nach Cleve 
kommen lassen und ihm dort ein Extraordinariat für orientalische 
Sprachen in Königsberg angeboten 2 ), und Petraeus hatte den Ruf 
auch angenommen, aber sich ausbedungen, vorläufig noch in Amster- 
dam bleiben zu dürfen, um die Herausgabe seiner orientalischen Werke 
fortzusetzen. Diese Bedingung war angenommen, aber infolgedessen 
wurde ihm nun auch vorläufig kein Gehalt ausgeworfen, vielmehr 
sollte dieserhalb beim wirklichen Antritt der Stelle Verfügung ergehen. 
In Wirklichkeit hat nun aber Petraeus seine Königsberger 
Stelle niemals angetreten. Und auch eine andere Gelegenheit zu 
akademischer Tätigkeit, die sich ihm später nach anscheinend glaub- 
würdiger Nachricht in Kopenhagen bot, hat er nicht ergriffen; 
Moller sagt nämlich S. 490 : „munus Orientis lingvas docendi Aca- 
demicum, istic [d. h. in Kopenhagen] etiam ipsi (uti a Joh. Mohtio, 
Consiliario regio, sum edoctus) oblatum, suseipere itidem detrec- 
tavit" 3 ). Als Grund für dies ablehnende Verhalten des Petraeus 



1) Der Satz „SBegen fetne§ Unterhalts — nerfügen laffen" ist am Rande 
hinzugefügt. 

2) Die Extraordinarii wurden nicht aus den ordentlichen Universitäts-Geldern, 
sondern unmittelbar von der Landesherrschaft besoldet und daher auch unmittel- 
bar von der Landesherrschaft, ohne Fakultäts-Vorschlag, ernannt, s. D. H. Arnoldt, 
Ausführliche und mit Urkunden versehene Historie der Königsbergischen Univer- 
sität 1 (1746), S. 155. 

3) Moller S. 490 erwähnt außerdem noch Gerüchte über geplante oder wirk- 
lich erfolgte Berufungen des Petraeus an die Universität Kiel und nach Leiden 
auf den Lehrstuhl des Golius (f 28. Sept. 1667). Etwas Sicheres darüber hat 
aber offenbar Moller selbst nicht gewußt, und auch mir ist es nicht gelungen, 
hierüber Klarheit zu schaffen. Doch kann ich dazu folgendes bemerken : 1) Der 
Cod. Gothanus Chart. B 511 der Bibliothek des Herzogl. Hauses zu Gotha, ein 
„Entwurf einer Geschichte der von Herzog Ernst zu Sachsen-Gotha versuchten 
Beförderung des innern und äußern Wohlstandes der Evangelisch-Lutherischen 
Kirche", verfaßt von Wilhelm Paul Verpoorten (f 1794) hauptsächlich auf Grund 
von Aufzeichnungen seines Großvaters Wilhelm Verpoorten, der unter Herzog 
Ernst dem Frommen Kirchenrat inOotha war, enthält auf Bl. 104 — 107 als „Erste 
Beylage" einen Bericht über die Absicht der Errichtung eines „Collegium Orien- 
tale" an der 1665 gegründeten Universität Kiel. Danach haben drei Professoren 
dieser Universität, nämlich Matthias Wasmuth, Christian Ravius und Petrejus, 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 3Q9 

gibt Moller an: „Ab officiis scilicet publicis abhorrebat, qvod, vi- 
tae jam assvetus desultoriae, novum in Orientem iter meditaretur, 
de qvo ipse, anno jam 1660., d. 6. Jan., virum illustrem, Jobum 
Ludolfum, . . . his verbis certiorem reddidit" (folgt das oben S. 299 
Angeführte). Ob aber Petraeus später wirklich noch an eine zweite 
Orientreise gedacht hat, ist mir sehr zweifelhaft; Werner, der in 



d. h. unser Petraeus, zu Anfang des Jahres 1670 „Liter» circulares tuegen (£i> 
ridjtung be§ Drientalifdjen GoUegii auf ber £>otf)fürftt. ^rtft(ian> * 9HbredE)tä 
Uniberfität Äiel" verschickt, deren vollständigen Titel Aug. Beck, Ernst der Fromme 
1 (1865), S. 626 Anm. 854, jedoch mit einigen Fehlern, aus jenem Codex abge- 
druckt hat. Hiernach wäre Petraeus zu Anfang des Jahres 1670 Professor in 
Kiel gewesen. Ob dies richtig ist, vermag ich nicht zu sagen. Die „Literae cir- 
culares" sind auch an Wilhelm Verpoorten behufs Mitteilung an Herzog Ernst 
geschickt, und Verpoorten hat am 25. April 1670 im Namen des Herzogs darauf 
geantwortet ; ein Teil dieses Antwortschreibens ist im Anhange des nicht lange 
darauf veranstalteten Druckes der „LITERiE CIRCULARES 2Begen (grrtcfjtung 

eine§ COLLEGII ORIENTALIS ®8©S . . . 1670" mitgeteilt. Hiernach 

ist zu erwarten, daß Verpoorten über die Angelegenheit wohl unterrichtet war; 
und wenn die Angaben seines Enkels auch hinsichtlich der Beteiligung des Pe- 
traeus auf seine Aufzeichnungen zurückgehen, so würde das sehr für ihre Zuver- 
lässigkeit sprechen. Aber auf dem Titel des soeben erwähnten Druckes heißt es 

nur: „LITERiE CIRCULARES Stbgefoffen bon CHRISTIANO RAVIO 

unb MATTHIA WASMUTH, D. Profefforibus LL. Orient.« Und da nach dem 
Cod. Goth. auf dem Titel der vorher verschickten handschriftlichen „Literae cir- 
culares" gestanden hat: „Slbgelctffen bon brerjen ju fotljcmem Collegio gettnbmetert 
Profesforibus lingu. Orient, bojelbft", ohne daß die Namen der drei genannt wür- 
den, bleibt die Sache zweifelhaft, bis es gelingen wird, ein Exemplar dieser hand- 
schriftlichen „Literae circulares" wiederaufzufinden. Sollte Petraeus übrigens wirk- 
lich bei dem Collegium Orientale beteiligt gewesen sein, so müßte er sehr bald 
wieder ausgeschieden sein; denn auf dem Titel des Druckes wird er ja, wie be- 
merkt, nicht genannt, überhaupt kommt er im Drucke nur in einem im Anhange mit- 
geteilten Briefe Joh. Leusdens vor (dies ist eben die Stelle, welche Moller a. a. 0. 
für die Kieler und Leidener Aussichten des Petraeus zitiert). 2) Willems 

S. 186 Nr. 751 sagt: „Apres la mort de Golius, le conseil academique le [d. h. 
Petraeus] fit venir äLeyde, pour travailler au catalogue des manuscrits orientaux." 
Der Katalog der orientalischen Hss. des Golius ist 1668 erschienen, s. Berghm. 
S. 14 Nr. 34; in Berghmans Exemplar, dem einzigen ihm bekannten (jetzt in der 
Kgl. Bibl. zu Stockholm, s. G. Berghman, Catalogue raisonne des impressions el- 
zevir. de la Bibl. Roy. de Stockholm [1911], S. 289 Nr. 1990), ist die Jahreszahl 
vom Buchbinder weggeschnitten, aber die Göttinger Univ.-Bibl. besitzt ein gut er- 
haltenes Exemplar mit der Jahreszahl 1668. Der Katalog enthält keinerlei An- 
gabe über die Art seiner Entstehung und den Verfasser. Woher Willems seine 
Notiz über die Autorschaft des Petraeus, den er ganz verkehrt als „ministre Pro- 
testant ä Amsterdam" bezeichnet, genommen hat, weiß ich nicht. Übrigens blieb 
der Lehrstuhl des Golius lange Zeit unbesetzt, s. Uchtman bei Juncker S. 195 
und die unten S. 343 f. zitierte Lebensbeschreibung Bernards S. 44 f. (Bernard 
bewarb sich 1683 und später noch einmal um diesen Lehrstuhl, aber vergebens). 



310 Alfred Rahlfs, 

der ßrev. exp. und der Diss. Guelph. eingehend über Petraeus' 
wissenschaftliche Absichten berichtet, deutet mit keinem Worte 
auf einen derartigen Plan hin, sondern spricht immer nur von dem 
Vorhaben des Petraeus, die von der früheren Reise mitgebrachten 
handschriftlichen Schätze herauszugeben, z.B. Brev. exp. S. 2: 
„ . . . M . Theodoms Petrceus, MSCRA rarisfima, . . . quae Ipfemet 
. . . ad Europaios apportavit, praeter caetera autem utriusq; Te- 
ftamenti libros Ae-gypt-iacä et Aethiopicä linguä operibus typogra- 
phicis publicae paulaüm luci dare, defiderio tenetur fummo". Schon 
vor der Entdeckung der oben mitgeteilten Bestallung vermutete 
ich, daß der Hauptgrund, weshalb Petraeus keine Professur über- 
nommen hat, darin zu suchen sei, daß er fürchtete, durch ein 
solches Amt zu sehr an der Ausführung seiner literarischen Pläne 
gehindert zu werden. Die Bestallung bestätigt jetzt diese Ver- 
mutung: Petraeus hat die Königsberger Professur zwar angenom- 
men, aber nur unter der Bedingung, daß er vor ihrem Antritt erst 
seine orientalischen Werke herausgeben dürfe. 

Im folgenden Jahre, 1667, ist dann auch in der Tat wieder 
ein orientalisches Werk von Petraeus erschienen, diesmal ein ar- 
menisches unter dem Titel: „(Armenischer Titel.) | DOCTRINA | 
CHRISTIANA, | Armenice, | In Latinum verfa, & publicata | ä | 

^JJU | M. THEODORO PETR^O, | Linguarum Orientalium Pro-| 

pagatore. | (Signet.) | Amstelodami, | Impenfis Auctoris, & Typis 
Armeniorum. | cio ioc lxvii." 6 ungezählte Blätter und Seite 3 — 72 
in 12°. Petraeus hat dies Werk dem Großen Kurfürsten gewidmet 
„propter memoriam oblati mihi ab Augufta Serenitate Tua muneris, 
dum me Profeffione Linguarum Orientalium donare ac decorare 
gratiofiffime placuit" *). Er bittet den Kurfürsten, das Werk 
„ferenä fronte" aufzunehmen, „quo gratiffimae benignitatis favore 



1) Schon im vorhergehenden Jahre hat auch der armenische Lehrer des 
Petraeus (vgl. oben S. 307 Anm. 1) dem Großen Kurfürsten seinen in Amsterdam 
gedruckten armenischen Psalter gewidmet. Die Widmung ist unterzeichnet „Ga- 
rabied Wartabied, Sacerdos Armenus" und datiert „Amßelodami , 19. Octobr. 
1666" ; sie stammt also aus derselben Zeit, in der Petraeus vom Großen Kurfürsten 
den Ruf nach Königsberg bekam (25. Okt. 1666). Am Schlüsse der Titel des 
Großen Kurfürsten ist hinzugefügt „DOMINO fuo Clementiffimo, ac Evergetse 
Munificentiffimo", ganz ähnlich wie in der „Doctrina" : „domino meo clemen- 
tissimo, nec non everget^e munificentissimo". Auch diese Widmung wird 
von Petraeus verfaßt sein, ebenso wie Oskans Widmungsepistel an Ludwig XIV. 
(s. oben S. 306). Petraeus hat seinen armenischen Freunden offenbar ebenso im 
Lateinischen geholfen, wie sie ihm im Armenischen. 



Nissel und Petraeug, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 311 

cxftimulatus alia praeclara & rara Manufcripta, qua, facra qua pro- 
fana, variis Linguis Orientalibus contenta, & Tuo Electorali Splen- 
dori ad nunquam intermoriturum honorem refervata, pro medio- 
critate meä publicare valeam". Wir sehen also auch hier wieder, 
wie eben bei der Bestallung und schon bei mehreren anderen Ge- 
legenheiten, daß das Streben des Petraeus vor allem auf die Her- 
ausgabe orientalischer Werke gerichtet war. 

In der r Doctrina" hat Petraeus, nachdem er seit der Heraus- 
gabe der äthiopischen Texte (1660 und 1661) nur zwei kleine Spe- 
cimina (1663) veröffentlicht hatte, noch einmal ein ganzes Werk 
herausgegeben. Dadurch hat er aber zugleich den Grund zu sei- 
nem wirtschaftlichen Ruin gelegt, der ihm dann weitere 
Publikationen unmöglich machte. Wir haben darüber einen min- 
destens in der Hauptsache durchaus zuverlässigen 1 ) Bericht von 
dem Dr. theol. Johannes Werner aus Homberg in Hessen, 
einem etwas merkwürdigen Manne, der damals auch einige Zeit in 
Amsterdam lebte und durch seine etymologischen Forschungen 2 ) 
in nähere Beziehungen zu Petraeus gekommen war 3 ). Dieser spricht 



1) Für die Zuverlässigkeit des zweifellos auf eigene Aussagen des Petraeus 
zurückgehenden Berichtes spricht vor allen Dingen die Angabe, daß Petraeus die 
Hälfte der Druckkosten der „Doctrina" getragen hat, s. unten S. 312. Denn aus 
dem „Impenfis Auctoris" auf dem Titel der „Doctrina" würde man vielmehr 
schließen, daß er die ganzen Kosten getragen hat. 

2) Werner selbst sagt von sich in der Diss. Guelph. S. 3 f. : „exemplo viro- 
rum maximorum excitatus, ad rimandas vocum caufas, Germanicarum potisfimum, 
operam haud contemnendam contuli : in quo quidem ftudii genere, non infitior, me 
mediocriter eüe verfatum. Id quod cum primis M. Petraeum ad focietatem mihi 
fuam offerendam, solicitiusque me permovendum movit; eo prsefertim, quod meum 
illud ftudium ad linguarum moliendam demum Harmoniam, quam e caeteris cordi 
fibi curseque eJTe profitebatur, momentum adeo poffet afferre maximum." Vgl. 
auch den von Iac. Burckhard, Historiae Bibliothecae Augustae quae Wolffenbutteli 
est, pars III (1746), S. 303 f. abgedruckten Brief, welchen Werner am 1. Mai 
1675 von Leipzig aus an den Wolfenbütteler Bibliothekar Hanisius geschrieben 
hat, und in welchem er sich als „S. S. Theol. Doctor, Caufceque vocum Inventar" 
bezeichnet. Eine Probe seiner Kunst legt Werner ab in „2)er ©onnen %i)ü) u (s. 
unten S. 313 Anm. 3) auf Bl. 21 iij recto: „©letdj oB nun ©in Äern in ber (£rben 
feine feite fpattet, unb erft ein eintet Sfteifc au§läffet, meltfje§ ftdj baxi nitfjt bom 
Äern abfonbert, fonbern mieber mit bem Stern bereinigt, unb gfeidjfam bereist, 
unb Ijott bon Sfjm Sßdjrung, ftärrf, ®raft, ©aft unb ©eift, \iä) ober batb Ijernadj 
burtf) be§ ®ern§ Äraft unb ©d^mängerung jmetyet, ober in gm enteilet (mannen 
§er bj SBort jmet)g, gleicf) ol§ jn?et)-tg, feinen tarnen Ejat, bann feiten mefjr 
Bmeige, bcm einer, neben einanber ou§ einem 5lft ermadjfen) Sttfo raarb 5lbom in 
ber (Srben gebttbet" usw. 

3) Laut seiner Angabe in Diss. Guelph. S. 14 ist Werner auch bei der Re- 
daktion der lateinischen Übersetzung der „Doctrina" zu Rate gezogen („me quo- 



312 Alfred Rahlfs, 

nämlich in der Diss. Guelph. S. 14 zunächst von der Zusammen- 
arbeit des Petraeus mit Garabied Wartabied und Oskan bei der 
Herausgabe der „Doctrina" und fährt dann folgendermaßen fort: 
„Verü e laborum imenfitate aliquam faltem meffem ut faceret Pe- 
traeus, eosque perciperet fructus, quibus adminiftris arduo fuo in- 
ftituto *) commodius invigilaret, dimidium fchedarum impreffarum 
numerum fibi tenet, facto tarnen & impenfarum dimidio, pro quo 
quidem fidem, peculii re, quin thefauri librarii parte majore pi- 
gnori data, obftringere coactus fuit, & nudus hodie ä rerum geren- 
darum nervo, sßre, & ab amicis imparatus." Petraeus hat also die 
Hälfte der Druckkosten der „Doctrina" getragen und dafür auch 
die Hälfte der abgezogenen Exemplare bekommen. Und zur Be- 
streitung der Kosten hat er einen Teil seines „Bücher Schatzes", d.h. 
seiner Handschriften und gedruckten Bücher, verpfänden müssen 2 ). 
Vielleicht hat den Petraeus damals auch noch ein anderes Un- 
glück betroffen. Werner Brev. exp. S. 3 sagt: „Mediis vero ad 
rem tantam [d. h. die Herausgabe seiner Werke] optatiüs perficien- 
dam neceffariis, cafu quodam trifti, perniciofo atque exitiofo defti- 
tutus, . . .", und entsprechend in der deutschen Übertragung der 
Brev. exp. S. 2 : Petraeus wurde „ber ^tergu mutigen Mitteln, burd} 
einen ferneren äroiftfjen-gaü' unb ©traben, gan£ unnerfjofft beraubt". 
Infolge dieser mißlichen Lage, die es ihm unmöglich machte, wei- 
tere Werke auf eigene Kosten drucken zu lassen, hat Petraeus 
dann mit Hilfe Werners versucht, pekuniäre Unterstützung 
für die Herausgabe seiner Werke zu gewinnen. Werner 
berichtet darüber in der Diss. Guelph. S. 11 f. und in der Brev. 
exp. S. 3. Danach haben sich Petraeus und Werner zuerst (viel- 
leicht schon im Jahre 1668, s. oben S. 282 zu Nr. 7 b) an reiche 
Leute in Amsterdam und im übrigen Holland gewendet, aber ohne 
Erfolg 3 ). Dann hat Werner allein, aber mit Zustimmung des 



que fubinde quod ad ftyli nitore, theologicasq; dicendi rationes attinet, in conii- 
lium adhibito"). 

1) D. h. seinem Vorhaben, weitere orientalische Texte herauszugeben, vgl. 
den oben S. 269 angeführten Titel von Werners Brev. exp. („Brevis expositio 
instituti . . . de edendis in lucem . . . manuscriptis orientalibus . . ."). 

2) Weitere Nachrichten über die Verpfändung von Hss. und Büchern in 
Amsterdam s. unten S. 338. 346. 

3) Diss. Guelph. S. 11: „Mecoenatum . . . acquirendorum varia inita funt 
conülia. Amfterdami & in Hollandia alibi funt quaefiti, tantä adhibitä ä nobis di- 
ligentia, ut rem poffe confici non diffideremus ; at neque inventi tarnen illi, neque 
nos multö plus profecimus, quam qui lavant laterem." Brev. exp. S. 3: „ad fup- 
petias ferendas Primorum ut & Negociatorum loci [d. h. Amsterdams] haud pau- 
cos, me quoq; comite quandoq; , tentavit: AT FRUSTRA!" = deutsche Übertra- 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 313 

Petraeus 1 ) eine Reise durch Deutschland gemacht und dort 
bei Fürsten, Adligen und anderen angesehenen Leuten 2 ) für Pe- 
traeus geworben, indem er Exemplare von Werken des Petraeus, 
die er aus Amsterdam mitgenommen oder von dort nachgeschickt 
bekommen hatte, überreichte oder zur Kenntnisnahme vorlegte und 
beim Knappwerden derselben auch eigene Schriften zur Orientie- 
rung über das Wirken des Petraeus drucken ließ und verteilte 3 ). 

gung S. 2/3 : „Uno üb @r tnol niele SBomeljme Seute Jelbiger Derter, aud) jamt 
mir um Söettftanb unb menigft §um SBorfd^ufc etliches ©eibS mit gleifc erfuhr, §at 
er bcmnotf) nidjt§ erholten." 

1) Nach Werner Brev. exp. S. 3 = deutsche Übertragung S. 3 hat Petraeus 
selbst Werner „gebeten, in unfer beiber [d. h. Petraeus' und Werners] 9£djmen 
ju unfern großmütigen, gutherzigen $eutfdjen §u reifen, unb biefelben nebft un- 
fer§ SSorne^menS Deffnung [d. h. Eröffnung, Mitteilung über unser Vorhaben, 
weitere orientalische Werke herauszugeben] um eine cmfefjnlitfje Söeöljülffe ju bie- 
fem foftbo^ren SBerrfe gu erfudjen". Daher setzt Werner unter die Diss. Guelph. 
geradezu den Namen des Petraeus neben seinen eigenen („. . . devotisfimi, M. 
Theod. Petr^evs, I Et, qui illius nomine haec offert humilime [so!], Jon. Wer- 
nervs"). Und ähnlich unterzeichnet er die lateinische Fassung der Brev. exp. 
„nomine pariter Clarifs. Petrsei" ; auch erbietet er sich in einer Nachschrift, die 
sich in beiden Fassungen der Brev. exp. findet, den Beweis für die Zustimmung 
des Petraeus zu erbringen (die deutsche Fassung dieser Nachschrift lautet: „STuff 
®. begehren toerbe itf) §. Petrsei Confens burcijj beffen §cmb[d£)reiben , unb bk 
fdjöne Aethiopifdje Arabifr^e unb Armenifdje ©djirifften in Originali, als eine 
raritet, bordeigen")- Nach Diss. Guelph. S. 12 f. hat Petraeus sogar den Plan, 
selbst mit Werner nach Wolfenbüttel an den braunschweigisch-lüneburgischen Hof 
zu reisen, erwogen, aber aus Scheu vor einer Unterbrechung seiner Studien auf- 
gegeben: „Agitatum quidem Petraeo Aulse Veftrae adeundse confilium; quo tanto- 
rum Principum munificentiam gravibus piisque rationibus devinctam, ftudiis luis, 
me Comite atque asfiitente, conciliaret : At veritus, ne quam interim jacturam fa- 
ceret ftudiorum, mihi hoc negocii ut humeris exciperem folus, author fuit, trans- 
misfis aliquot, quse humiliter offerrentur, exemplaribus." 

2) Die Brev. exp. widmet Werner „Stilen §otf)berftänbigen Sieb^abern uub 
S5eförberern ber Studien, tr»e§ @tanb§ ober SBürbe fie feön mögen", s. den Titel 
oben S. 269. 

3) Außer den oben S. 269 bereits angeführten Schriften (Diss. Guelph. la- 
teinisch; Brev. exp. lateinisch und deutsch) hat Werner noch eine lateinische und 
eine deutsche Übersetzung der äthiopischen Homilie über die Geburt Christi (oben 
S. 279 ff. Nr. 7) und einiger kleiner äthiopischer Stücke drucken lassen. Der Titel 
der lateinischen Publikation lautet: „MENSA SOLI S; (May da: zcehajce:) | Seu J 
ANIIOS DAPES | SALUTIFHRAE, AB AETHIOPIBÜS | fupra Aegyptum peti- 
ta: | hoc eft, | Eximia qucßdam Monumenta Abiffinica, eandem cum | nostra FI- 
BEM Aethiopum Chrißianam complexa; | Nuper, cum variis variarum Ling. 
Orient, facris, profanis Manufcriptis, Al-|kahirse, Hierofolymis & in CHRISTI Con- 
ditorio itudioüffime conquißtis. | allata, & lingua typoque Aethiopico & Latino 
interlineari, ceu duplici vafe, | Reip. Chriitianse Amsterdami appoßta, | A | M. 
THEODORO PETRAEO, Flensburgo-Cimbro, j hodie Amiterdami, fingulari Ec- 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 2. 21 



314 Alfred Rahlfs, 

Auf dieser Reise ist Werner, wie wir von ihm selbst hören, unter 
anderem in Ostfriesland und Oldenburg *) und bei dem in Wolfen- 
büttel residierenden Herzog Rudolf August von Braunschweig- 
Lüneburg und dessen Bruder und damaligem Statthalter, späterem 
Mitregenten, dem wegen seiner wissenschaftlichen Neigungen be- 
rühmten Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Lüneburg 2 ) ge- 
wesen ; für diese beiden Weifenfürsten hat er die Dissertatio Guel- 
phica aufgesetzt 3 ). Ferner hat sich Werner z. B. bei der Hoch- 

clefise Chriftianse Compendio atque | Ornamento, inter Mufas orientales degente; | 
Nunc vero fola verßone Latina, cum Notis, ad cxcitandos piorum conatuum | 
Promotores ac Evsgystccg, denuo prelo fubjecta. | (Folgt ein langes Zitat aus Pom- 
ponius Mela, in welchem vom Sonnentisch die Rede ist.) | ANNO AERAE CHRI- 
STIANAE cio. ioc. ilxx [das „i" vor „l" ist irrtümlich hinzugefügt]. 8 Blätter 
in 4°. Der Titel der deutschen Publikation lautet: „2)er Sonnen £tfdj, | Ober | 
§eb>bringenbe ©eelen»geridjte , bon ben Gstfjiobern abgelotet, i S)a§ tft, | Stlitfje 
fürtreffticfie Stbiffiniftfie | ®ebencl*3eitf|en, | Sßcld^e mit un§ einen ©tauben ümb* 
fangen; | -fteulitf), mit allerlei) raren ©djrifften in unterftfjiebeHnen £}rienti)djen 
©brachen, ^u Sltfatyr unb $erufalem in (£§rifti | ®rab (ba meift alle (Sljjrtfilicfje 
SSöitfer $§re ®etfttidjen Ratten) fleifftgft aufgefaßt, unb bon | bannen eingebracht, 
unb nebft anbern SSüdjern in ber ©t^iobijd^en unb SaHteinifcljen ©brauen, gleich, 
al§ in gtoe^erteb, ©efäffen, ber | werben (£Ijriftettb>it auffgefefct, | burtf) | M. THEO- 
DORVM PETRAEVM, bon gtenpurg in £otftem: j 9hm aber unfern lieben 
Seutfdjen jum SBoIgefaffen, unb unter benHfelben treuherzige (Sfjrifttidje ®emüt§er 
5u unfer§ ©tubii unb e^riftltd^en SSor^aben§ 93e*|günfttgung befto meljr gu er* 
wecfen, in %t\it\fy überfefct , unb mit etlichen | Anmerkungen berme^ret | burdj | 
Johannes SSerner, bon §omoerg in Reffen, ber §eil. | ®öttl. ©grifft D. | (Folgt 
die Stelle aus Pomponius Mela, frei wiedergegeben.) | $u §alberftabt, | 3)rutft§ 
3oIjann-(£rafmu3 fätütffy \ %m %a$x natf) (S£rifti ^eiligen ®eburtfj M. DC. LXXv" 
12 Blätter in 4°. Hiermit wird die Zahl der von Werner gedruckten Schriften 
erschöpft sein. Er verspricht zwar in der Diss. Guelph. S. 10 noch Abhandlungen 
über das Ägyptische und Äthiopische, aber in der später gedruckten Brev. exp., 
in der er auf S. 3 (= deutsche Übertragung S. 3) von seinen Druckschriften 
spricht, nennt er nur die oben angeführten und stellt weitere erst in Aussicht, 
„fo balb bte Mitteln fo!dje§ berftatten werben". 

1) Diss. Guelph. S. 11 (unmittelbare Fortsetzung des oben S. 312 Anm. 3 
Zitierten): „Mutuo confilio [d. h. nach einem beiderseits, von Petraeus und Werner 
gefaßten Plane] ad Frifios mihi Comitatumque Oldeburgicum, ubi Petraei memoria 
ob ftudiorum nobilitatem floret & gratisfima femper fuit, excurritur ; eventu tarnen 
votis minime refpondente: eö quöd Oldeburgum, quod ad hoc attinet, polt Illu- 
ftrisfimi Comitis, gloriofse memorise, deceffum [d. h. nach dem Tode Anton Günthers, 
des letzten Grafen von Oldenburg, f 19. Juni 1667] acceffum mihi effet, &c. Quo 
ex literis nunciis intellecto, parüm abfuit, quin omni fpe abjecta ille [d. h. Pe- 
traeus] filum horum ftudiorum abrumperet." 

2) Über Anton Ulrich s. die Allgemeine Deutsche Biographie 1 (1875), S. 487. 
Ihm ist auch die erste Ausgabe von Ludolfs äthiopischer Grammatik (Lond. 1661) 
gewidmet. 

3) Siehe den oben S. 269 angeführten Titel der Diss. Guelph.; die Namen 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 315 

zeit des Grafen Ludwig zu Solms mit der Gräfin Luise zu Dohna *) 
als Gratulant eingestellt und seine Schrift „3)er ©onnen Xifdj" 
(s. oben S. 313 Anm. 3) mit einer Widmung und einem umfang- 
reichen Glückwunschschreiben überreicht 2 ). Auch hat er, wie der 
von mir benutzte Sammelband der Wernerschen Schriften (Halle, 
Univ.-Bibl., Bb 8. 8°) lehrt, das (protestantische) Kloster Berge 
bei Magdeburg besucht und dem Abte 3 ) seine sämtlichen auf Pe- 
traeus bezüglichen Druckschriften überreicht; denn jener offenbar 
von Werner selbst zusammengestellte und schon gebunden über- 
reichte Sammelband, der zuerst die lateinischen Schriften Brev. 
exp., Mensa solis, Diss. Guelph. und dann die deutschen Übertra- 
gungen der Brev. exp. und der Mensa solis enthält, trägt auf dem 
Titelblatte der ersten Schrift in dem gewiß eigens für solche De- 
dikationen leer gelassenen Räume hinter „Musagetis cujuscumque 
status et ordinis" 4 ) den von Werner selbst stammenden handschrift- 
lichen Zusatz „Jmpriniis \ R. D. Äbbati, totlq; conventui \ Berqensi* 
und daneben auf der Rückseite des Vorsetzblattes die gleichfalls 
von Werner geschriebene Notiz „Pro bibliotkeca Äbbatice Bergensis \ 
prope Magdeburgum, \ ad perpetuam rerum noßrarü memoriam, | re- 
linquit hcec Author." — Werners Werbereise in Deutschland fällt 
in die Jahre 1669 und 1670. Am 10. Juni 1669 ist er in 
Wolfenbüttel gewesen und hat dort der Herzoglichen Bibliothek 



der beiden Herzöge werden allerdings nicht auf dem Titel, wohl aber am An- 
fange der Schrift selbst genannt. Weiteres s. unten S. 316 Anm. 2. 

1) Nach Rudolph Graf zu Solms-Laubach, Geschichte des Grafen- und Für- 
stenhauses Solms (1865), Tab. VII bei S. 209 hätte diese Hochzeit 1669 statt- 
gefunden. Dagegen ist „$er (Sonnen %iffl vom Jahre 1670 datiert und muß 
aus dem Anfange dieses Jahres stammen, denn Werner sagt Bl. 93 ij recto, daß 
„wir bie §. ©enurt ©Ijrifti, tnobon autf) tiefe ©tljiopifdjie Homilia ijcmbelt, notfj 
untängft gefetjret, unb annodj in frifdjer (SJebädjtmfc Ijaben". Dies stimmt auch 
völlig dazu, daß das erste Kind aus jener Ehe nach der angeführten Tabelle am 
22. Nov. 1670 geboren ist, zumal jene Ehe sich durch außerordentlich prompte 
Fruchtbarkeit auszeichnet (die folgenden Kinder wurden geboren am 17. Okt. 
1671, 18. Sept. 1672 u.s.w.). 

2) Widmung und Glückwunschschreiben finden sich nur in der deutschen 
Fassung von „2)er ©onnenSHfdi)", nicht in der lateinischen (s. oben S. 313 Anm. 3). 

3) Abt von Berge war damals Sebastian Göbel (1660—1685), s. H. Holstein, 
Geschichte der ehemaligen Schule zu Kloster Berge (1886), S. 8—10. 

4) Siehe oben S. 269. Den hinter „ordinis" stehenden Punkt hat Werner, als 
er das Folgende hinzufügte, in ein Komma korrigiert. Auch sonst enthält der 
Sammelband mehrere Korrekturen, die wohl sämtlich von Werner selbst herstam- 
men. In den wenigen Fällen, wo solche Korrekturen in meinen Zitaten aus Wer- 
ners Schriften vorkamen, habe ich sie ohne weitere Bemerkung aufgenommen, da 
es sich dabei nur um die Verbesserung von Druckfehlern handelte. 

21* 



316 Alfred Rahlfs, 

ein Exemplar der von Petraeus herausgegebenen armenischen „Do- 
ctrina" *) und seine eigene, zunächst nur handschriftlich aufgesetzte 
Dissertatio Gruelphica 2 ) überreicht. Später hat er dann, wie schon 
erwähnt, die Diss. Guelph. und andere Schriften drucken lassen, 
um durch ihre weitere Verbreitung Interesse für Petraeus zu er- 
wecken^ alle diese Schriften tragen die Jahreszahl 1670 3 ) mit Aus- 
nahme der überhaupt nicht datierten Diss. Guelph., die aber in 
der Brev. exp. S. 3 als bereits gedruckt erwähnt wird, also 1669 
oder 1670 gedruckt sein muß. — Irgendein nennenswerter Erfolg 
war übrigens, soviel wir wissen, auch dieser Wernerschen Werbe- 
reise nicht beschieden; sie wird kaum mehr als die Kosten der 
Reise 4 ) und des Druckes der Wernerschen Schriften 5 ) abgeworfen 
haben. 

Seine letzte Lebenszeit hat Petraeus nach Moller S. 490 
in Kopenhagen zugebracht. An der Richtigkeit dieser Angabe 
ist nicht zu zweifeln ; denn der Tübinger Professor Benedikt Hopfer, 
der 1671 bei einer Reise durch verschiedene Länder manche Gre- 



1) Werner erwähnt die Überreichung der „Doctrina" an die Hzgl. Bibl. zu 
Wolfenbüttel auf dem Titel seiner Diss. Guelph., s. oben S. 269. Daher fragte 
ich bei der Hzgl. Bibl. an, ob jenes Exemplar der Doctrina noch vorhanden sei 
und etwa eine Widmung Werners mit Angabe des Datums enthalte. Hierauf teilte 
mir der Oberbibliothekar Prof. Dr. G. Milchsack mit, daß das fragliche Exemplar 
in der Tat da ist (Signatur: 738. 16 Theol. 8°) und auf dem Vorsetzblatt fol- 
gende eigenhändige Widmung Werners trägt: Ad \ Serenifsimi Principis acJDni | 
D. Budolphi Augusti, Brunsv. \ et Lüneburg. <&c. Ducis, principis \ ac Dni Mei 
Clementifsi \ Bibliothecam Augustam | A M. Theodore- Petmo, Holfato, \ Linguarü 
Orientalin propagatore \ hunc humilime [so !] offert libellü \ Wolfenbüttel, \ 10. Jun. 
1669 | Joh. Wernerus \ SS. Theol. Doctor (die beiden letzten Zeilen stehen rechts, 
die beiden vorhergehenden etwas höher links). 

2) Das damals von Werner handschriftlich überreichte Exemplar der Diss. 
Guelph. hat sich jetzt unter den Handschriften der Hzgl. Bibl. zu Wolfenbüttel 
wiedergefunden. Es trägt, wie mir der Oberbibliothekar Prof. Dr. G. Milcbsack 
mitteilt, die Signatur „263. 8 Extr. 4°". Der Titel stimmt mit dem des Druckes 
(s. oben S. 269), abgesehen von stilistischen Kleinigkeiten, im ganzen überein, nur 
fehlen natürlich die Zeilen „Nunc autem chalcographico opere" bis „communicata" , 
und am Schlüsse, wo im Drucke der Druckort und der Drucker angegeben sind, 
steht „Guelpherbyti, | Anno M. DC. LX1X. 10. Junio." Die Handschrift enthält 
18 beschriebene Blätter. Ihr Text weicht teilweise von dem des Druckes ab; 
Werner hat also seinen Aufsatz, ehe er ihn drucken ließ, nochmals überarbeitet. 

3) Über die genauere Zeit des Druckes von „2)er ©onnert Stfdj" s. oben 
S. 315 Anm. 1. 

4) Werner Brev. exp. S. 3 = deutsche Übertragung S. 3 spricht selbst von 
den „fdjtneren SReife* unb 3eIjrung§*®often" , die ihn öfters zur Veräußerung der 
Druckwerke des Petraeus, die er mit sich führte, gezwungen haben. 

5) Vgl. oben S. 313 f. den Schluß von Anm. 3. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 317 

lehrte aufgesucht hat 1 ), nennt Petraeus unter denjenigen, die er 
„in Daniae metropoli" besucht hat. Hopfers Schilderung des Pe- 
traeus 2 ) hat Moller S. 491 abgedruckt ; mir widersteht es, sie hier 
nochmals zu wiederholen, da sie offenbar großenteils auf gemeinem 
Klatsch beruht. Zuverlässig folgt aus ihr nur, daß es dem Pe- 
traeus in Kopenhagen recht kümmerlich ergangen ist ; dazu stimmt 
auch die Angabe Uchtmans (Juncker S. 195), daß Petraeus „re fa- 
miliari satis angusta" gezwungen sei, Amsterdam zu verlassen. 
Außerdem gewinnt man aus Hopfers Bericht den Eindruck, daß 
Petraeus gegen Ende seines Lebens, durch die Erfolglosigkeit seiner 
Bestrebungen verbittert, sich von der Welt zurückgezogen hatte. 

Seine Übersiedelung nach Kopenhagen mag vielleicht jnit dem 
oben S. 308 erwähnten Rufe nach Kopenhagen zusammengehangen 
haben. Als Zeit der Übersiedelung gibt Moller das Jahr 1669 an. 
Dies kann aber nicht stimmen; denn Werner bezeichnet noch in 
der letzten seiner Schriften, der Brev. exp., die er sicher nicht 
ganz zu Anfang des Jahres 1670 hat drucken lassen 3 ), den Pe- 
traeus als in Amsterdam wohnhaft 4 ) ; und daß Werner darin recht 
unterrichtet war, kann kaum zweifelhaft sein 5 ). 

Als Todesjahr des Petraeus gibt Moller S. 490 das Jahr 
1673 an. Dies kann aber auch nicht stimmen, vielmehr muß er 
schon 1672 gestorben sein. Denn nach E. C. Werlauff, Historiske 
Efterretninger om det störe kongelige Bibliothek i Kiobenhavn 
(1844), S. 84 Anm. b hat Petraeus' Witwe Clara geb. von Bülow 6 ), 

1) Hopfer berichtet über die Reise in zwei Briefen, die vom 20. Mai 1673 
und 5. Mai 1674 datiert sind, s. Rolandi Maresii epistolarum philologicarum libri 
II (1687), S. 673—688. Die Zeit der Reise gibt er nicht an, doch ergibt sie sich 
daraus, daß Hopfer in Paris Wansleben bei der Vorbereitung für seine zweite 
Orientreise traf (S. 678). Diese Reise wurde nämlich im März 1671 beschlossen 
und gegen Ende April 1671 angetreten, s. H. Omont, Missions archeol. franc. en 
Orient 1 (1902), S. 56. 64. Da nun Hopfer in England, wohin er von Frankreich 
ging, keinen vollen Monat blieb (S. 678), Belgien schnell durcheilte (S. 679) und 
dann nur in den Niederlanden sich länger aufhielt (besonders in Utrecht, wo er 
etwa drei Monate blieb, s. S. 679), so wird er noch in demselben Jahre 1671 nach 
Kopenhagen gekommen sein. 

2) A. a. 0., S. 684—686. 

3) Werner erwähnt in der Brev. exp. S. 3 = deutsche Übertragung S. 3 
die „Mensa solis" = „3)er (Sonnen Sifdj" als früher gedruckt. „2)er ©onnen 
Sifdj" ist aber zu Anfang des Jahres 1670 gedruckt, s. oben S. 315 Anm. 1. 

4) Siehe den oben S. 269 angeführten Titel der lateinischen Fassung der Brev. 
exp. In der deutschen Fassung heißt es auf S. 2: „gu Slmfterbom tnoE)nIjafft". 

5) Indessen wäre Petraeus, wenn die oben S. 308 Anm. 3 erwähnte Nach- 
richt richtig ist, zu Anfang des Jahres 1670 Professor in Kiel gewesen. 

6) In den Aktenfaszikeln III. A. 1 und III. B. 2 der Kgl. Bibl. zu Berlin 



318 Alfred Rahlfs, 

die er mit seinen beiden Kindern 1 ) in großer Dürftigkeit zurück- 
gelassen hat 2 ), schon am 21. Dez. 1672 von der Trinitatis-Kirche 
in Kopenhagen ein Almosen von 10 Talern 8 ) bekommen. 



Über Nisseis wissenschaftliche Persönlichkeit ur- 
teilt C. Siegfried in der Allgemeinen Deutschen Biographie 23 
(1886) , S. 702 f. sehr absprechend. Er sagt zuerst : Nissel „nennt 
sich auf seinen Büchertiteln orientalium linguarum ^iXopia&Tffc, lin- 
guarum orientalium propagator 4 ), scheint also außer diesen selb- 
verliehenen Eigenschaften weiter keine amtliche besessen zu haben". 
Nachher berichtet er ausführlicher über einen „seltsamen Handel", 
der sich im XVIII. Jahrh. an Nisseis hebräische Bibel (s. oben 
S. 288 Anm. 2) angeknüpft hat. Siegfried sagt da : „ Wenn es auf 
dem hebräischen Titel dieser Bibel hieß: >wir haben sie aus einem 
sehr alten Buche abgeschrieben von Buchstaben zu Buchstaben«, 
so mußte nothwendig jeder denken, daß es sich hier um Wieder- 
gabe einer sehr alten und besonders werthvollen Handschrift handle. 
Und so ward auch die Sache damals [d. h. nach Nisseis Tode] zu- 
erst aufgefaßt. Tychsen in seinem tentamen de variis codd. hebr. 



(vgl. unten S. 337 ff.) finden sich zwölf Unterschriften der Witwe, von denen sie 
aber nur vier mit ihrer eigenen, sehr unbeholfenen Hand geschrieben hat, wäh- 
rend die übrigen von den Schreibern, die ihre Eingaben aufgesetzt haben, ge- 
schrieben sind. Sie selbst zeichnet Fasz. III. A. 1, Seite 22 „clara bilou", 26 
„clara petra geboren uan bilou", 29 „clara pretrif [so!] geboren uan beilou", 30 
„clara preti [so !] geboren u bilou". Die Schreiber zeichnen Fasz. III. A. 1, S. 17 
„Clara von Bülow", 23 „Clara von Bülowin"; Fasz. III. B. 2, Stück 1 und 2 
„Clara Petraesen gebohrne Bülowin", 19 „Clara Petre gebohrne von Bülowin", 26 
„Clara Bülowin", 29 „Clara Petri, geborne von Büloin", drittletztes Stück „Clara 
von Bülowin". Nach Moller S. 490 und Thomsen (s. oben S. 290) wäre die Frau 
des Petraeus eine Holländerin gewesen, aber das wird durch ihren Mädchennamen 
widerlegt. 

1) Die beiden Kinder, welche Moller S. 490 erwähnt, kommen auch in den 
Berliner Aktenfaszikeln (s. die vorige Anm.) vor. Der Sohn besuchte um 1688 
die Universität, s. unten S. 335 Anm. 2. 

2) Auch dies erwähnt die Witwe in den Berliner Aktenfaszikeln, vgl. be- 
sonders die unten S. 335 Anm. 2 angeführte Stelle. 

3) Werlauff: „10 Sl. Daler". Das bedeutet, wie mich Herr Dr. Jan Eyser 
(Kopenhagen) belehrte, „10 Slet(te)daler" d. h. schlichte Taler, kleinere Taler im 
Unterschiede von „Rigsdaler" d. h. Reichstalern. 

4) Diesen Titel hat nicht etwa erst Nissel erfunden, vielmehr kommt er 
schon früher vor ; z. B. widmet Joh. Ernst Gerhard seine Orationis Dominicae in 
linguä Aethiopica analysis grammatica (Wittenberg 1647) „Dn. Johanni Zechen- 
dorffio, Philologo infigni, & Lingg. Orientalium Propagatori felicifsimo". 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 319 

generibus S. 227. 346 führt N. unter denjenigen auf, welche nach 
ältesten Handschriften das A. T. herausgegeben haben, und ermahnt 

dazu, die Lesarten dieser Ausgabe zu beachten Nach 

einiger Zeit aber entdeckte Tychsen geleitet durch die circelli cri- 
tici unserer Ausgabe, daß dieselbe nichts weiter als ein Abdruck 
der Ausgabe von Elias Hutter von 1587 sei, auf welche wegen 

ihrer Seltenheit Niemand verfallen war Der Leser wird 

hiernach ermessen, in wieweit N. sich mit Recht einen linguaram 
orientalium propagator nennen konnte." Aber diese Ausführung 
Siegfrieds ist ganz schief und seine Beurteilung Nisseis entschieden 
ungerecht. Wenn Nissel als Quelle seiner Bibelausgabe ein „altes, 
veraltetes Buch" (föfia JE* "®D, vgl. Lev. 26 io) angibt, so ist damit 
keineswegs gesagt, daß dies „Buch" eine Handschrift ist; denn "ibo 
an sich heißt nicht „Handschrift", und mit dem Prädikate „alt" 
war man damals sehr freigebig, vgl. meine Bemerkungen über 
Nisseis Bezeichnung des Potkenschen äthiopischen Psalters als „ve- 
tustus codex" oben S. 275 f. Ganz verkehrt aber ist es, wenn 
Siegfried behauptet, man habe „die Sache damals [d. h. nach Nisseis 
Tode] zuerst so aufgefaßt". Vor Tychsen hat niemand eine solche 
Auffassung vertreten, und da es auf dem lateinischen Titel der 
Nisseischen Bibel (s. oben S. 288 Anm. 2) heißt: „Ex optimis Edi- 
tionibus diligenter expreffa", so lag eine solche Auffassung auch 
gar nicht nahe. Daß Tychsen dann aber in der geschilderten Weise 
hereingefallen ist, um nachher selbst seinen Hereinfall zu erkennen, 
kann man doch unmöglich auf Nisseis Schuldkonto setzen. 

Will man Nisseis Bibelausgabe gerecht beurteilen, so muß man 
sie nach den Ansprüchen beurteilen, welche Nissel selbst erhebt. 
Er selbst behauptet aber nicht, einen neuen, aus Handschriften 
verbesserten Text zu bieten, sondern will nur, wie schon oben 
S. 289 bemerkt, eine in erster Linie für den Gebrauch der studie- 
renden Jugend geeignete, möglichst praktische Handausgabe liefern, 
die dabei natürlich auch sorgfältig gedruckt sein soll. Und daß 
er dies Ziel im großen und ganzen durchaus erreicht hat, wird 
man kaum bestreiten können. Von den Neuerungen, welche Nissel 
unter jenem praktischen Gesichtspunkte eingeführt hat, verdient 
besondere Erwähnung die schon auf dem Titel und dann auch in 
den empfehlenden Vorreden der Leidener theologischen Fakultät 
und des Hebraisten Uchtman erwähnte Durchführung der Vers- 
zählung, welche das Auffinden zitierter Stellen sehr erleichtert. 
Während nämlich in den älteren Ausgaben der hebräischen Bibel 
höchstens der jeweils erste, fünfte, zehnte, fünfzehnte Vers usw. 



320 Alfred Rahlfs, 

mit den hebräischen Zahlzeichen X , n , * , |Q usw. gezählt waren *), 
versah Nissel auch die übrigen Verse mit ihren Zahlen, wählte 
dafür aber arabische Ziffern, so daß der eigentümliche Wechsel 
X, 2, 3, 4, n, 6, 7, 8, 9, *, 11 usw. entstand, der seitdem in so 
vielen Ausgaben wiederkehrt. Grenau dieselbe praktische Neue- 
rung findet sich allerdings auch schon in der 1661, also ein Jahr 
vor Nisseis Ausgabe, zu Amsterdam erschienenen Bibel des Jos. 
Athias und wird auch in deren Vorrede von dem Utrechter Prof. 
Joh. Leusden unter ihren Vorzügen genannt. Folglich ist Athias 
hierin Nissel zuvorgekommen. In Wirklichkeit aber gehört die 
Priorität der Erfindung doch vielleicht Nissel, da dieser volle sieben 
Jahre an seiner Bibel gedruckt (s. oben S. 290 Anm. 1), also ver- 
mutlich vor Athias mit dem Drucke begonnen hat. — Übrigens 
muß man bei der Beurteilung der Nisseischen Bibelausgabe be- 
denken, daß Nissel sie, wie schon oben S. 289 bemerkt, offenbar 
hauptsächlich in der Absicht unternommen hat, durch sie die für 
seine Verhältnisse zweifellos sehr beträchtlichen Unkosten seiner 
Druckerei wiedereinzubringen. Wenn er dennoch diesen Druck 
nicht als bloßes Greschäftsunternehmen behandelt und möglichst 
schnell abgetan, sondern sich redliche Mühe mit ihm gegeben hat, 
so ist schon das anerkennenswert. 

Außer seiner hebräischen Bibel hat Nissel, zum Teil in Ge- 
meinschaft mit Petraeus , die oben S. 271 ff. unter Nr. 1 — 4. 6. 8 
beschriebenen äthiopischen und arabischen Bibeltexte herausgegeben, 
ferner 1646 die auf S. 285 erwähnte, „exercitii loco" verfaßte „Ora- 
tio syriaca" (Berghm. S. 9 Nr. 17) und 1655 das „Testamentum 
inter Muhamedem et Christian« religionis populos initum" und die 
14. und 15. Sure (Willems S. 191 f. Nr. 770). Auch über diese Ver- 
öffentlichungen sind sehr harte Urteile gefällt, z. B. von Ludolfs 
abessinischem Freunde Gregorius, der in einem Briefe an Ludolf 
vom 10. Nov. 1657 über den äthiopischen Text in den Nissel-Pe- 
traeus'schen Ausgaben der katholischen Briefe (Nr. 1 — 3) schrieb: 
„ Totus eß mendofus et fphalmatis plenus, nee lectu dignus" (nach Lu- 
dolfs Übersetzung im Lexicon, ed. II [1699], erste Seite des „Cata- 



1) Dies gilt allerdings nur für die Ausgaben des bloßen hebräischen Textes. 
Dagegen sind alle Verse bereits durchgezählt a) mit lauter arabischen Ziffern in 
der Antwerpener, Pariser und Londoner Polyglotte, wo eine vollständige Vers- 
zählung auch um so unentbehrlicher war, als man nur mit ihrer Hufe die in die- 
sen Werken zusammengestellten Texte bequem vergleichen konnte; b) mit lauter 
hebräischen Zahlbuchstaben in der 1653 zu Amsterdam erschienenen hebräischen 
Bibel mit dem Kommentare Raschis, wo die Verszahlen des Textes im Kommen- 
tare wiederkehren. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 321 

logus librorum"). Es läßt sich auch durchaus nicht leugnen, daß 
sehr schlimme Fehler darin vorkommen ; schier unbegreiflich ist es 
z. B., worauf das bei J. H. Zedier erschienene „Große vollständige 
Universal-Lexicon" 24 (Lpz. u. Halle 1740), Sp. 1011 hinweist, daß 
Nissel und Petraeus in Iac. 1 1 das in den äthiopischen Text über- 
nommene griechische Wort öiaarcopa nicht erkannt, sondern es in 
ihrer lateinischen Übersetzung völlig sinnlos durch „Ifachar" wie- 
dergegeben haben. Auch hat Christoph. Aug. Bodius, Fragmenta 
Veteris Testamenti ex versione Aethiopici interpretis (Guelpherb. 
1755) gewiß nicht ungerecht geurteilt, wenn er auf S. 10, wo er 
die älteren lateinischen Übersetzungen äthiopischer Bibeltexte in 
bessere und schlechtere einteilt, die Nisseischen zu den schlechteren 
rechnet 1 ) und auf S. 11 die Nissel-Petraeus'schen Ausgaben neu- 
testamentlicher Stücke für noch fehlerhafter als die in der Lon- 
doner Polyglotte erklärt; denn Bode, der selbst alle bis dahin 
herausgegebenen äthiopischen Bibeltexte neu ins Lateinische über- 
setzt hat, hat diese nebst ihren früheren lateinischen Übersetzun- 
gen genau durchgearbeitet und auf S. 12 zum Beweis die Fehler 
von Nisseis Übersetzung des Cant. zusammengestellt. Aber bei 
alledem muß man, wie auch Ludolf und Bode betont haben, immer 
bedenken, wie dürftig die Hilfsmittel waren, welche Nissel damals, 
vor dem Erscheinen von Ludolfs Grammatik und Lexikon, zur 
Verfügung standen. Und auf jeden Fall muß man bei einem Ge- 
lehrten, der alle seine Werke auf eigene Kosten gedruckt und sich, 
um sie drucken zu können, trotz seiner dürftigen Verhältnisse so- 
gar eine eigene Druckerei angeschafft hat, seinen Eifer für die 
Wissenschaft anerkennen, selbst wenn sein Können manchmal hinter 
seinem Wollen zurückgeblieben ist. 

Wie über Nissel, sind auch über Petraeus recht absprechende 
Urteile gefällt. Doch beziehen sich diese auf sein äußeres Leben 
in seiner letzten Zeit, wo es ihm zweifellos sehr kümmerlich ging, 
und auf seine „invidia", wie Ludolf sagt (s. oben S. 300), d. h. auf 
den passiven Widerstand, welchen er unter Umständen allen Ver- 
suchen, ihm sein aus dem Orient mitgebrachtes Wissen abzuzapfen, 
entgegensetzen konnte, und sind schon von Moller S. 490 f. in ihrer 
Nichtigkeit nachgewiesen, resp. auf ihr richtiges Maß zurückge- 
führt. Dagegen sind seine Kenntnisse auch von einem so kompe- 
tenten Beurteiler wie Hiob Ludolf, obwohl dieser mit ihm wegen 
seiner „invidia" höchst unzufrieden war, voll anerkannt worden 



1) Die anderen „schlechteren" sind die von Dudley Loftus und Edmund 
Castell in der Londoner Polyglotte. 



322 Alfred Rahlfs, 

in dem schon oben S. 300 angeführten Satze : „ Theod. Petraeum 
fateor in omni literatura Orientali egregie versatum fuisse". Fehler 
kommen natürlich auch bei Petraens vor. Besonders die ersten 
Übersetzungen äthiopischer Texte, welche er mit Mssel gemeinsam 
gemacht hat, lassen, wie bemerkt, viel zu wünschen übrig; und 
das sinnlose „Ifachar" statt Siao7ropd Iac. 1 1 kommt ja doch auch 
zur Hälfte auf Petraeus' Rechnung. Aber damals war Petraeus 
eben, wie Bode a.a.O., S. 10 sagt, „Aethiopismi adhuc parumper 
gnarus". Später dagegen hat er seine äthiopischen Kenntnisse auf 
seiner Orientreise bedeutend erweitert, und so steht Bode nicht 
an, Petraeus' spätere Übersetzungen zu den „besseren" zu rechnen, 
wenn er ihnen auch nur die letzte Stelle unter diesen „besseren" 
anweist *). 

Mag man aber auch dem Petraeus im einzelnen manche Fehler 
nachweisen können, auf jeden Fall darf man nicht verkennen, daß 
er sich hohe und wahrhaft erstrebenswerte Ziele gesteckt hat. 
Besonders charakteristisch für ihn ist es, daß er sich nicht mit 
dem begnügte, was er von okzidentalischen Gelehrten über die 
orientalischen Sprachen und Literaturen erfahren konnte, sondern 
das Hauptgewicht darauf legte, von den Orientalen selbst ihre 
Sprachen zu lernen 2 ), wobei er natürlich zugleich in die ganze 
Denk- und Auffassungsweise derselben besser eindrang, und daß 
er besonders bestrebt war, neue Texte aufzufinden und zu ver- 
öffentlichen. So suchte er überall ein wahrhaft lebendiges und 
authentisches Wissen vom Orient zu erwerben und dieses dann 
durch seine Werke auch auf andere zu übertragen 3 ). Dabei be- 
schränkte er sich nicht auf einzelne orientalische Sprachen, sondern 
studierte alle, die er noch irgendwie lebendig vorfand, Arabisch 
und Äthiopisch so gut wie Persisch und Türkisch und wie Kop- 
tisch, Armenisch und auch Neugriechisch 4 ). Hätte er mehr Glück 
gehabt und das, was er wollte, ausführen können, so würde er 
zweifelsohne zu den Bahnbrechern der Orientalistik im XVII. Jahrh. 



1) Die übrigen „besseren" sind die von Joh. Heinr. Michaelis, G. C. Bürcklin 
und G. Otho, also Schülern Ludolfs, die weit bessere Hilfsmittel zur Verfügung 
hatten als Petraeus. 

2) Siehe oben S. 295. Hiermit hängt es zusammen, daß Petraeus auch die 
damals übliche Aussprache des Koptischen aufgezeichnet hat, s. oben S. 297 f. 

3) Über ähnliche Tendenzen bei Ludolf s. Flemming in den Beiträgen zur 
Assyriologie 2 (1891, resp. 1894), S. 109. 

4) Werner Diss. Guelph. S. 8 nennt unter den Werken, deren Herausgabe 
Petraeus geplant hat, auch „Gracorum Confesßo modernorum, Grceca vulgari, cui 
ipfe Latinam verfionem adjecit". 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 323 

zu zählen sein. Für das Koptische z. ß. würde er durch seine 
Arbeiten, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, sie gedruckt zu 
sehen, die bis dahin fehlende und dann erst im XVIII. Jahrh. durch 
Wilkins gelegte Grundlage geschaffen haben, vgl. L. Stern, Kopt. 
Gramm. (1880), S. VIII : „Der erste, welcher sich um 1660 aus der 
literatur selbst eine recht ansehnliche kenntniß des koptischen er- 
warb, ohne indeß mit seiner errungenschaft hervortreten zu können, 
war Theod. Petraeus aus Flensburg". 



in. Nisseis und Petraeus' äthiopische Typen. 

Antoine d'Abbadie, der für seinen Catalogue raisonne" de 
manuscrits ethiopiens appartenant ä Antoine d'Abbadie (Paris, Im- 
prim. imper., 1859) die ersten wirklich ganz schönen äthiopischen 
Typen hat schneiden lassen, gibt in der Vorrede zu diesem Werke 
auch eine Übersicht über die bis dahin verwendeten äthiopischen 
Schriftarten. Er unterscheidet im ganzen fünf Schriftarten, von 
denen drei dem XVI. und XVII. Jahrhundert angehören, nämlich 
1) die Typen der Propaganda, die aus der Zeit um 1513 stammen 
müssen, da schon Potkens 1513 in Rom erschienener äthiopischer 
Psalter mit ihnen gedruckt ist (neuerdings in dem 1815 zu London 
erschienenen Psalter nachgebildet) ; 2) die Typen Hiob Ludolfs, die 
besonders in Deutschland sehr viel gebraucht sind; 3) die Typen 
der Londoner Polyglotte, die auch „dans les livres d'Esdras im- 
primes a Oxford" (d'Abbadie meint die 1820 von Laurence heraus- 
gegebene Esdras-Apokalypse) verwendet sind. Aber diese Dar- 
stellung Abbadies ist nicht nur unvollständig, sondern wirft auch 
in zwei Fällen verschiedene Schriftarten zusammen: die Typen 
Potkens stammen natürlich nicht von der erst 1622 gegründeten 
Congregatio de propaganda fide und unterscheiden sich auch deut- 
lich von den Propaganda- Typen sowohl in der Form vieler Buch- 
staben als auch darin, daß die Potkensche Schrift aufrecht steht, 
während die Propaganda-Schrift nach rechts geneigt („kursiv") ist; 
und die Schrift der Londoner Polyglotte ist der Oxforder Schrift 
zwar im Gesamtbilde ähnlich, läuft aber schmäler und weicht 
auch in manchen Einzelheiten ab. 

Einige Verbesserungen bringt die Darstellung der äthiopischen 
Typographie bei R e e d S. 69. Doch ist auch sie unvollständig und 
ungenau. Daher gebe ich hier zunächst einen kurzen Überblick 
über die sonstigen äthiopischen Typen des XVI. und XVII. Jahr- 
hunderts, um dann genauer auf die Geschichte der Nissel-Petraeus'- 
schen Typen einzugehen. 



324 Alfred Rahlfs, 

Im XVI. und XVII. Jahrh. kommen außer den Nissel-Pe- 
traeus'schen , soviel ich weiß, sechs 1 ) Arten äthiopischer 
Typen vor: 

1) in den beiden Psalterdrucken Potkens Rom 1513 (bloß der 
äthiopische Text, aber mit Od. und Cant.) und Köln 1518 (Psal- 
terium in quatuor unguis, nur Ps. 1 — 150), 

2) in dem 1548/49 in Rom von Tasfä-Sejön (Petrus Aethiops) 
herausgegebenen Neuen Testament und in der ebenda 1552 erschie- 
nenen Grammatik des Marianus Victorius 2 ), 

3) in der 1630 in Rom veranstalteten Neuausgabe der Gram- 
matik des Victorius, in Athanasius Kirchers Prodromus Coptus 
(Rom 1636) und Iacobus Wemmers' Lexicon Aethiopicum (Rom 1638), 

4) in Joh. Ernst Gerhards Neuausgabe von Wilh. Schickards 
Institutiones linguae Ebraeae (Jena 1647), in ebendesselben Ora- 
tionis Dominicae in linguä Aethiopica analysis grammatica (Witten- 
berg 1647) und in Joh. Friedr. Nicolais Hodogeticum (so !) Orientale 
harmonicum (Jena 1670), 

5) in der 1657 vollendeten Londoner Polyglotte und in der 
1661 in London erschienenen ersten Ausgabe von Hiob Ludolfs 
äthiopischer Grammatik und Lexikon, 

6) in Hiob Ludolfs 1681 zu Frankfurt a. M. erschienener Hi- 
storia Aethiopica und anderen Werken desselben und anderer Ge- 
lehrten. 



1) Die unten S. 326 bei der sechsten Typenart zu erwähnende ältere Neben- 
art ist dabei nicht mitgezählt. 

2) F. Praetorius, Äthiop. Gramm. (1886 ; = Porta ling. or. VII), Litteratura 
S. 22 gibt als Erscheinungsjahr dieser Grammatik 1548 an und fügt hinzu: „ite- 
rum editum 1552 et 1630". Aber dies ist ein Irrtum. Das Werk ist 1552 erst- 
malig erschienen. Der genaue Titel des Werkes ist: „(Äthiop. Titel.) j CHAL- 
DEAE | SEV AETHIOPICAE | LINGVAE | INSTITVTIONES | Nunquam antea 
a Latinis vif«, opus | vtile, ac eruditum. | Item. | OMNIVM AETHIOPIAE RE- 
GVM | qui ab inundato terrarü orbe vfq; | ad noftra tepora imperarunt | Libellus : | 
Hactenus tarn Gr«cis, quam Latinis ignoratus, | nuper ex Aethiopica translatus 
lingua. | (Signet.)" Am Schlüsse des Werkes steht : „FINIS. | Impreffit oia qu« in 
hoc libro cötinentur, | ex primatü licentia Valerius Dori-|cus Brixien. opera An- 
geli | de Oldradis. | Rom« Anno a natali Chrifti. M. D. LH." Das Werk umfaßt 
(einschließlich der Titelseite) 9 l l 2 Quartbogen = 76 ungezählte Seiten; das auf 
dem Titel an zweiter Stelle angekündigte Verzeichnis der äthiopischen Könige 
nimmt die letzten V/ 2 Bogen ein und hat auch noch einen Sondertitel (erste Seite 
des Bogens G). — Auf der Rückseite des Haupttitels beginnt die 13 Seiten lange 
Widmungsepistel: „MARCELLO CERVINO CARD. | AMPLISSIMO. | Marianus 
Victorius Reatinus. S. P. D." Bemerkenswert ist, daß Victorius auf der 10. Seite 
dieser Widmungsepistel sagt, Cervinus habe das äthiopische Neue Testament 
drucken und herausgeben lassen („imprimi, «diq; curafti"). 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 325 

Die erste Typenart hat wahrscheinlich Potken selbst in Rom 
schneiden lassen und zwar zwischen 1511, wo er nach seiner An- 
gabe zuerst die Abessinier in Rom fand und Äthiopisch von ihnen 
zu lernen begann, und 1513, wo er zum ersten Male den Psalter 
herausgab *). Später muß er diese Typen nach Köln mitgenommen 
haben, da auch sein Kölner Psalter mit ihnen gedruckt ist. 

Wie die erste, so weist auch die zweite und dritte Typenart 
auf Rom als ihren Ursprungsort hin. Die zweite ist natürlich 
für den Druck des Neuen Testamentes geschnitten; vielleicht hat 
Marcello Cervini, der 1555 kurze Zeit als Marcellus II. auf dem 
päpstlichen Throne saß, die Anfertigung dieser Typen veranlaßt, 
vgl. oben S. 324 Anm. 2 Schi. Genaue Nachricht besitzen wir 
über den Ursprung der dritten Typenart, und zwar in der an 
Urban VIII. gerichteten Widmungsepistel der Neuausgabe der 
Grammatik des Victorius. Danach haben die in Abessinien mis- 
sionierenden Jesuiten, als sie dort auf dem Gipfel ihrer (1632 
plötzlich zusammengebrochenen) Macht standen, nach Rom Zeich- 
nungen der äthiopischen Buchstaben in drei verschiedenen Größen 
geschickt und gebeten, diese in Rom für sie schneiden zu lassen 
und ihnen zuzuschicken, damit sie den römisch-katholischen Glauben 
in Abessinien auch durch die Herausgabe von Büchern ausbreiten 
könnten. Der Papst ist diesem Wunsche nachgekommen und hat 
die Herstellung der Typen dem „Achilles Venerius, Agens Sacr. 
Congregationis de Propaganda Fide" übertragen, und dieser hat 
dann die kleinste jener drei eingesandten Größen schneiden lassen 
und das Schriftgut nach Abessinien geschickt, zugleich aber auch 
einen Fonds derselben Typen in Rom für den Gebrauch der Pro- 
paganda behalten. Als Specimen dieser Typen ist 1630 eben jene 
Neuausgabe der Grammatik des Victorius veranstaltet 2 ). 



1) Der Druck wurde laut Potkens Nachschrift zum Cant. am 10. Sept. 1513 
vollendet. In der Vorrede des Psalters sagt Potken, daß er die Abessinier „bien- 
nio vix elapso" kennen gelernt habe. 

2) Da das Werk kaum allgemein zugänglich ist, drucke ich hier den ganzen 
Anfang der Widmungsepistel des Achilles Venerius ab : „S. D. N. VRBANO VIII. 
P. 0. M. CATHOLICAE Fidei apud Orietales Aethiopes, quos Abiffinos yocant 
inftauratores, PATER BEATISS. vt falutarem doctrinam, qua ijs populis viua 
voce promulgare non definunt, editis etiam libris, poffint quam latiffime propa- 
gare; tranfmiffa hucufque eius linguae triplici ferie, fola magnitudine differentium 
Litterarum, ad earum fpeciem, & exemplar excufos aereos characteres, cseteraque 
imprefforise artis instrumenta ab Vrbe fibi remitti poftulauere. Id, ego, negotij 
Tuse Sanctitatis iuffu, cum lubenti, alacriq. animo fufcepiffem, ex tribus elemento- 
rum ordinibus eum felegi, formandumque ex aere curaui, qui, quia figuris minori- 
bus erat, aptiffimus vifus eft & expeditiffimus. Nee fatis mihi fuit vnum dumtaxat 



326 Alfred Rahlfs, 

Über die vierte Typenart s. den Nachtrag unten S. 347 f. 

Die fünfte Typenart ist gewiß eigens für die Londoner Poly- 
glotte geschnitten. 

Über den Ursprung der sechsten Typenart berichtet Ludolf 
im Vorworte seiner Historia Aethiopica also : „Impresfionem fufce- 
pit JBalthafar Chrißophorus Wußius, ob typographiam , variarum 
linguarum typis inftructisfimam , etiam inter exteros notus; qui 
per fculptorem egregium Johannem Adolf um <Sd)mibt, literas tarn 
^thiopicas quam Amharicas chalybi infculpi & dein fundi curavit. 
Illse verö tarn cito perfici non potuerunt, ac typothetee require- 
bant, quam ob caufam veteres qusedam minime elegantes, novis 
elegantioribus mifcendae fuerunt, ut periti illarum facile animad- 
vertent." Die beiden Typenarten, von denen Ludolf hier spricht, 
lassen sich in der Tat leicht unterscheiden. Die ältere, die auch 
in Ludolfs äthiopischem Briefe an die Abessinier vom Jahre 1683 l ) 
und sogar noch auf den ersten Bögen von Ludolfs 1691 erschie- 
nenem 2 ) Commentarius zur Historia Aethiopica, ja vereinzelt noch in 
Georg Christian Bürcklins „Quatuor prima capita Greneseos, iEthiopice 
et Latine" (Frankfurt a. M., „Typis & Sumptibus Johannis Wuftii", 
1696) wiederkehrt, war also schon in der Wustschen Druckerei 
zu Frankfurt a. M. vorhanden ; über ihre Herkunft habe ich nichts 
Sicheres ermitteln können. Zur Herstellung der Schmidtschen 
Typen hat jedenfalls Ludolf in enger Beziehung gestanden. Auch 
hat später Ludolf selbst diese Typen oder wenigstens eine gewisse 
Quantität Lettern erworben; denn die zweiten Ausgaben von Lu- 
dolfs äthiopischem Lexikon (1699) und Grammatik (1702), sowie 
auch sein äthiopischer Psalter (1701) sind von Martin Jacquet 
„typis et sumtibus autoris" gedruckt, und zu dem Drucke von 



Apparatum conficere Litterarum, qui, fcilicet, in Aethiopiam flagitantibus mitte- 
retur, fed alterum praeterea addidi, qui Romae retentus, Sacrae Congregationi Pro- 
paganda Fidei deferuiat, & hanc linguam Religionis bono addifcere volentibus 
praefto fit. Huius apparatus vt fpecimen aliquod exhiberem, noua inftrumenta vfu 
ipfo dedicaturus, Aethiopicae lingue, Grammaticen ä Mariano Victorio ante annos 
p§ne octoginta editam, & dein confumptis exernplaribus velut emortuam, denuö 
his Sacrae Congregationis typis exprefü, & fub afpectum reuocaui faeculi noftri, fi 
Tua Sanctitas, cui multis nominibus quantulacunque res eil, dedicatur, fereno illam 
vultu refpexerit, multö felicius rediuiuam." 

1) Vgl. Juncker S. 167 und Flemming in den Beiträgen zur Assyriologie 1 
{1890), S. 552 f. Ein Exemplar des Briefes ist erhalten in dem Sammelbande Kiel, 
Univ.-Bibl., § 50 4°. 

2) Der Druck wird aber schon 1687 begonnen haben. Wenigstens ist der 
Prospekt (gleichfalls in dem Kieler Sammelbande erhalten) nach Juncker S. 171 
im Jahre 1687 ausgegeben. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 327 

Georg Othos Synopsis institutionum Samaritanarum etc. (1701) 
hat Ludolf, wie er in der Vorrede seiner äthiopischen Grammatik 
ausdrücklich sagt, seine eigenen äthiopischen Typen hergeliehen 1 ). 
Diese Typen haben sich dann weit verbreitet. Schon 1702 finden 
wir sie im Besitze der Buchdruckerei des Waisenhauses zu Halle 
a. d. Saale ; Ludolf s früherer Amanuensis 2 ) , der Hallenser Prof. 
Joh. Heinr. Michaelis, hat in diesem Jahre seine Neuausgabe der 
schon zweimal von Ludolf selbst herausgegebenen „Confessio fidei 
Claudii regis Aethiopicae" (Halse Magdeburgicae. Typis & fumtibus 
Orphanotrophii. Anno Chrifti cio ioccii) als Specimen dieser offenbar 
auf Michaelis' eigene Anregung für Halle erworbenen Typen ver- 
öffentlicht 3 ). Ludolfs Typen sind auch jetzt noch nicht ausge- 
storben ; in Göttingen z. B. druckt man noch heutigen Tages mit 
ihnen. 

So viel zur allgemeinen Orientierung über die sonst im XVI. 
und XVII. Jahrh. vorkommenden äthiopischen Typen. Nunmehr 
wenden wir uns eingehender denjenigen Typen zu, mit welchen 
Nissel und Petraeus ihre äthiopischen Texte gedruckt haben. 

Willems S. 185 Nr. 751 sagt von Nissel : „Tres verse dans 
l'etude de l'arabe et de l'^thiopien, il avait fait graver pour son 
usage des caracteres'orientaux qu'il confiait aux typographes char- 
ges d'imprimer ses travaux". Willems hat dies offenbar aus dem 
Umstände geschlossen, daß Nissel die Typen auf allen Titeln seiner 
Werke von 1656 an als seine eigenen bezeichnet, s. oben S. 274 ff. 
Aber der Schluß ist falsch. Denn in den früheren Werken, sowohl 
den drei ersten äthiopisch-arabischen Textausgaben, als auch in 
der „Oratio syriaca" von 1646 und den beiden arabischen Drucken 
von 1655 werden die Typen nicht als Eigentum Nisseis bezeichnet, 
sondern es heißt entweder ausdrücklich »typis Eläeviriorum" (so 

1) Zweite Seite der Vorrede : „ Georgius Otho . . . in Synopß Inftitutionum 
JEthiopicarum , cui imprimendse typos noftros commodavimus". Auf dem Titel 
von Othos Synopsis selbst steht allerdings „Typis Martini Jacqueti", aber das 
wird ebenso ungenau sein wie dieselbe Angabe auf dem Titel von Ludolfs Com- 
mentarius, vgl. auch Ludolfs amharische Grammatik und Lexikon, die beide nur 
den Vermerk „Impreffit Martinus Jacquetus" tragen. 

2) Siehe die Vorreden zu Ludolfs amharischer Grammatik (1698) und Lexi- 
kon (1698), zum äthiopischen Lexikon (1699) und Psalter (1701). 

3) Die Vorrede beginnt: „CVm ad edendum fpecimen literarum Aethiopi- 
carum, quarum acceffione nuper aucta eft typographia Orphanotrophii Glauchenfis, 
aliquid a me peteretur, equidem, poft impreffum Pfalterium, nihil Ghriftianis le- 
ctoribus vtilius exiftimaui, quam prsefentem fidei confessionem CLAVDII, Regis 
Habeffinorum. " 



328 Alfred Rahlfs, 

in der „Oratio syriaca", s. oben S. 285), oder „ex officina Johannis 
et Danielis (oder bloß Johannis) Elsevier. " (so in den übrigen Wer- 
ken , s. oben S. 271—274 nnd Willems S. 191 f. Nr. 770). Danach 
gehörten die orientalischen Typen anfangs nicht Nissel, sondern 
den Elseviers. Und daß dies in der Tat so war, liegt mindestens 
bei den arabischen Typen auf der Hand, da die in Nisseis Werken 
verwendeten arabischen Typen genau dieselben sind, welche die 
Elseviers schon längst für den Druck arabischer Werke verwendet 
hatten. Nissel hat also nicht etwa, wie Willems meint, neue ara- 
bische Typen schneiden lassen und diese den Elseviers für den 
Druck seiner Werke zur Verfügung gestellt, sondern einfach die 
Typen verwendet, die er in der Elsevierschen Druckerei 
vorfand. Wenn er diese Typen aber später als seine eigenen be- 
zeichnet, so muß er sie inzwischen von Joh. Elsevier gekauft haben. 
Und zwar muß dieser Kauf in der zweiten Hälfte des Jahres 1655 
abgeschlossen worden sein. Denn einerseits wird auf den Titeln 
der beiden arabischen Werke Nisseis vom Jahre 1655 (Willems 
S. 191 f. Nr. 770) noch Joh. Elsevier als Drucker genannt. Daraus 
folgt, daß Nissel beim Erscheinen dieser Werke die Typen noch 
nicht selbst besaß. Nun ist der früheste mögliche Termin für das 
Erscheinen dieser Werke der Mai 1655, da Joh. Elsevier erst seit 
Mai alleiniger Inhaber der Druckerei war (Willems S. 189). In 
Wirklichkeit aber sind sie noch etwas später erschienen, da die 
Widmungsepistel des „Testamentum" vom 18. Juli 1655 datiert ist 
(s. oben S. 288). Andrerseits ist der Druck des Cant., des ersten 
Werkes, welches auf dem Titel die Angabe „Typis Authoris" trägt, 
bereits am 3. Mai 1656 beendigt (s. oben S. 275). Auch hat Nissel 
an seiner hebräischen Bibel laut Uchtmans Vorrede (s. oben S. 290 
Anm. 1) volle sieben Jahre gedruckt und ist dann gleich nach Voll- 
endung des Druckes gestorben. Da nun Nisseis Tod wahrschein- 
lich zwischen den 6. und 16. Dez. 1662 fällt (s. oben S. 290), so 
hätte er, falls Uchtmans Angabe ganz genau ist, spätestens im 
Dez. 1655 mit seinem Bibeldruck begonnen. Nissel hat aber mit 
diesem Drucke natürlich erst begonnen 1 ), als er seine eigene 
Druckerei besaß. Folglich kommen wir auch hier zu dem Schlüsse, 
daß er seine Druckerei in der zweiten Hälfte des Jahres 1655 er- 
worben hat. 

Nisseis orientalische Typen stammen also von den Elseviers 2 ). 

1) Den Plan des Bibeldruckes verlautbart Nissel am 18. Juli 1655, s. oben 
S. 289 Anm. 2. 

2) Hierdurch erklärt und rechtfertigt es sich auch, daß Nissel in einer Titel- 
auflage seines 1655 bei Joh. Elsevier gedruckten „Testamentum inter Muhamedem 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 329 

Diese aber hatten sie ihrerseits aus dem Nachlasse des berühmten 
Leidener Orientalisten Thomas Erpenius, der am 13. Nov. 
1624 vorzeitig an der Pest gestorben war. Erpenius hatte sich 
bekanntlich für den Druck seiner orientalischen Werke eine eigene 
Druckerei angeschafft und für dieselbe mit großen Kosten neue 
orientalische Typen schneiden lassen. Sein ganzes typographisches 
Material kaufte im Jahre 1625 Isaac Elsevier (s. Willems S. XLIII. 
XL VII f.); dieser verkaufte dann aber noch in demselben Jahre 
seine Druckerei an Bonaventura und Abraham Elsevier, und von 
diesen ging sie im Jahre 1652 auf ihre ältesten Söhne Johannes 
und Daniel und im Mai 1655 auf Johannes allein über. Die Her- 
kunft von Erpenius ist bei den in Nisseis und Petraeus' Schriften 
verwendeten arabischen und syrischen Typen auch ohne weiteres 
klar, da sie mit den von Erpenius selbst verwendeten Typen ge- 
nau übereinstimmen. Aber stammen auch die äthiopischen Typen 
von Erpenius? 

Man könnte dies zunächst bezweifeln, da Erpenius — wenig- 
stens soweit ich weiß — nichts Äthiopisches gedruckt hat, und da 
auch bei den Elseviers vor 1654 nichts Äthiopisches erschienen ist. 
Trotzdem ist die Herkunft auch dieser Typen von Erpenius ganz 
sicher. Denn die Elseviers hatten, gerade weil sie bis 1654 nichts 
Äthiopisches gedruckt haben, auch gar keinen Anlaß, sich äthiopi- 
sche Typen anzuschaffen. Erpenius dagegen hat äthiopische Typen 
besessen. Dafür haben wir ein ausdrückliches und durchaus glaub- 
würdiges Zeugnis in der Leichenrede, die ihm Ger. Ioan. Vossius 
gehalten hat 1 ); denn es heißt in ihr auf S. 21: „fumtuum magni- 
tudine minime territus, typographiam (ut in re nova novo nomine 
vocamus) inftituit, idque linguä non unä: fed Arabicä, Hebraicä, 
Syriacä, Chaldaicä, iEthiopicä, Perficä, & Turcicä." Auch schreibt 
der bekannte Erzbischof James U(s)sher am 16. Juni 1626 an Sa- 
muel Ward in Cambridge, nachdem die orientalischen Handschriften 
des Erpenius bereits für Cambridge angekauft sind : „I have alfo 



et Christianse religionis populos initum" (Willems S. 192 Nr. 770, zweite Abtei- 
lung), welche er 1661 veranstaltete (Göttingen, Univ.-Bibl., 4° Theol. thet. I 213b), 
die Angabe, daß das Werk bei Joh. Elsevier auf Kosten des Autors gedruckt sei, 
durch „Typis et Impenßs Nisselianis" ersetzt hat. Vgl. unten S. 334 über eine 
analoge Änderung in einer Titelauflage des Petraeus. 

1) Gerardi Ioannis Vossii I ORATIO | In obitum | Clarijßmi ac pi'ceßan- 
tifßmi viri, | THOMAE ERPENII, | Orientaliuni linguarum in Academia Leidenfi 
Profefforis. | Habita fiatim ab exßquiis in auditorio Theologico, | xv. Novemb. 

Anno cio io cxxiv. | | Lugduni Batavorum, | Ex Officinä Erpeniana. | 

Sumptibus Iohannis Maire. cio io cxxv. 

Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten, Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 2. 22 



330 Alfred Rahlfs, 

perfwaded him [nämlich den Kanzler der Universität Cambridge] 
to fend thither [nach Leiden] for the Matrices of the Syriack, Ara- 
biclc, JhJthiopick, and Samaritern Letters, and to beftow them like- 
wife upon you", und eine Woche später, am 23. Juni 1626, an 
denselben: „Since I wrote unto you laft, I have reeeived intelli- 
gence from Leyden, that all Erpenius's printed Books are already 
fold; and his Matrices of the Oriental Tongues are bought by El- 
zevir the Printer there ; fo that now you muft content your felves 
with his Manufcripts only" *). U(s)sher wußte also, daß Erpenius 
neben seinen übrigen orientalischen Typen auch äthiopische hinter- 
lassen hatte, und hat, allerdings vergeblich, geraten, diese nebst 
den übrigen für Cambridge zu erwerben. 

Die Anschaffung dieser äthiopischen Typen ist bei Erpenius 
wohl erklärlich. Denn Erpenius hat auch das Äthiopische in den 
Kreis seiner Studien gezogen. Er hat, wie Yossius in der Leichen- 
rede S. 15 sagt, in Venedig Äthiopisch gelernt: „Venetijs affidue 
contulit cum ludeeis, & Muhammetanis : ac, quo plura ab his difee- 
ret, tanto avidiüs caetera coneupifeebat. Itaque his magiftris (6 
pulcram animam !) etiam Turcicse , Perficse, & iEthiopicae linguee, 
notitiam acquifivit." Er hat laut dem Katalog seiner Handschriften 
und gedruckten Bücher in Petri Scriverii Manes Erpeniani (Lugd. 
Bat. 1625) eine äthiopische Handschrift „Precationes chriftianse 
iEthiopice, in 8." 2 ) und zwei äthiopische Bücher, das von Tasfä- 
Sejön 1548/49 herausgegebene Neue Testament und die 1552 er- 
schienene Grammatik des Victorius 3 ), besessen. Und er hat auch 
selbst Äthiopisches zu drucken beabsichtigt und ist daran nur 
durch seinen vorzeitigen Tod gehindert worden; speziell spricht 
Vossius S. 25 von einer äthiopischen Grammatik, welche Erpenius 
geplant oder zu schreiben begonnen hatte: „Mitto grammaticen 
iEthiopicam, quse utinam aliquando poftliminio eö redeat, quo 
optamus." — Übrigens erklärt sich aus dem, was wir soeben über 
die in Erpenius', Besitz befindlichen äthiopischen Bücher hörten, 
auch die Form seiner äthiopischen Typen. Denn diese sind den 



1) The Life Of the Most Reverend Father in God, James Usher . . . by 
Richard Parr, London 1686, Letter XCVIII und XCIX = The whole works of 
. . . James üssher ed. Elrington 15 (Dublin 1834), Letter CIX und CX. Auf 
diese Stellen hat (in anderem Zusammenhange) schon Reed S. 141 Anm. 2 hin- 
gewiesen. 

2) Dies steht in den nicht paginierten Manes Erpeniani auf der Vorder- 
seite des letzten Blattes von Bogen E. 

3) Letzte Seite der Manes Erpeniani : „Teftamentum novum Aethiopicum. 
Romee. in 4." und „Grammatica brevis Aethiopica. Rom«, in 4." 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 331 

von Tasfä-Sejön und Victorius verwendeten Typen *) im großen 
und ganzen so ähnlich und weichen dabei doch in manchen Klei- 
nigkeiten so von ihnen ab, daß man sie unschwer als Kopien der- 
selben erkennt. Erpenius hat also die Typen der beiden äthiopi- 
schen Druckwerke, die er besaß, nachschneiden lassen. 

Hiermit ist der Ursprung von Nisseis äthiopischen Typen fest- 
gestellt, und es fragt sich nun: Wie kam es, daß diese Typen 
in Nisseis Besitz übergingen? 

Als Bonaventura und Abraham Elsevier am 8. Febr. 1626 den 
Kuratoren der Universität und den Bürgermeistern der Stadt Leiden 
anzeigten, daß sie die Druckerei von Isaac Elsevier gekauft 
hätten, und darum baten, daß man nunmehr sie statt Isaacs als 
ordentliche und geschworene Universitäts-Buchdrucker anstelle, da 
wiesen sie vor allem auch auf die orientalische Druckerei des Er- 
penius hin, die sie von Isaac mit übernommen hatten, und ver- 
sprachen, im Falle ihrer Anstellung diese orientalische Druckerei 
der Stadt Leiden zu erhalten 2 ). Darauf erhielten sie am 9. Mai 
1626 die gewünschte Anstellung mit einem jährlichen Gehalt von 
100 fl., wobei unter anderem auch die Bedingung gestellt wurde, 
daß die orientalische Druckerei des Erpenius in Leiden zur Ver- 
fügung der Universität bliebe 3 ). Fünf Jahre später aber, am 
9. Aug. 1631, nachdem inzwischen ihr Grehalt schon auf 200 fl. er- 
höht war, klagten sie „over den grooten last, van hare druckerye, 
ende sonder linghe van het onderhoud van den Corrector van de 
Orientaelsche boecken, die zy luyden drucken", und erreichten 
dadurch in der Tat am 18. Nov. 1631 eine abermalige Erhöhung 
ihres Grehaltes auf 300 fl. 4 ) Dieses Grehalt bezogen sie bis 1650, 
aber dann wurde es ihnen am 14. Febr. 1650 gestrichen, weil die 
Universität mit einer gar zu hohen Rechnung von ihnen unzufrie- 
den war 5 ). Hieran knüpften sich langwierige Verhandlungen, die 
schließlich dazu führten, daß zwar nicht mehr Bonaventura und 
Abraham, die am 17. Sept., resp. 14. Aug. 1652 starben, wohl aber 
ihre Söhne und Nachfolger Johannes und Daniel am 26. Aug. 1653 



1) Vgl. oben S. 324 f. (zweite Typenart). 

2) W. J. C. Rammelman Elsevier, Uitkomsten van een onderzoek omtrent de 
Elseviers (1845), Bijlage 18 (niederländisch) = A. de Reume, Recherches histori- 
ques, genealogiques et bibliographiques sur les Elsevier (1847), S. 102 Nr. 8 
(französisch). 

3) Rammelman Elsevier Bijl. 19 = de Reume S. 102 f. Nr. 11. 

4) Rammelman Elsevier Bijl. 20. 22. 23. 

5) Rammelman Elsevier Bijl. 24. 25 = de Reume S. 103 Nr. 12. 

22* 



332 Alfred Rahlfs, 

das frühere Gehalt von 300 fl. wiederbewilligt erhielten *). In 
dieser Zeit nun spielte die orientalische Druckerei wieder eine er- 
hebliche Rolle. Einmal glichen Bonaventura und Abraham den 
Fortfall ihres Gehaltes wenigstens teilweise dadurch aus, daß sie 
— recht unbarmherzig und pietätlos — ihren bereits 60jährigen 
orientalischen Korrektor Eusebius Meisnerus aus Basel, der schon 
in der Privatdruckerei des Erpenius tätig gewesen und mit ihr 
zusammen übernommen worden war, einfach entließen 2 ). Sodann 
haben die Elseviers damals offenbar gedroht, die orientalische 
Druckerei überhaupt ganz zu verkaufen; denn in einem von Jac. 
G-olius verfaßten und von der Universität am 10. Juni 1653, also 
kurze Zeit vor der Wiederbewilligung des Gehalts, gutgeheißenen 
Memoire wird ausdrücklich verlangt, daß die orientalischen Lettern, 
Matrizen und Punzen nicht verkauft werden sollen, wenigstens 
nicht ohne Vorwissen der Universität, und es wird darin ein Pro- 
gramm für die Belebung und Fruchtbarmachung der orientalischen 
Druckerei entwickelt 3 ). Jener Gedanke, die orientalische Druckerei 
ganz abzustoßen, ist wohl verständlich: orientalischer Satz wird 
im ganzen sehr viel seltener gebraucht als anderer, rentiert sich 
also schlechter, und erfordert dabei doch ein besonders geschultes 
Personal. 

Im folgenden Jahre, 1654, begannen dann Nissel und Petra eus, 
ihre orientalischen Werke bei Johannes und Daniel Elsevier drucken 
zu lassen und damit in gewisser Weise das eben erwähnte Pro- 
gramm zu verwirklichen. Auch 1655 ließ Nissel noch allein seine 
bereits erwähnten arabischen Werke (Willems S. 191 f. Nr. 770) 
bei Joh. Elsevier, der seit dem Mai 1655 alleiniger Geschäftsinhaber 
war, drucken. Dann aber kaufte er, wahrscheinlich in der zweiten 
Hälfte des Jahres 1655 (s. oben S. 328), von Joh. Elsevier einen 
größeren Typenschatz und gründete seine eigene Druckerei. Joh. 
Elsevier hat also damals den Gedanken an einen Verkauf der 
orientalischen Typen, den er, wie wir sahen, schon vorher gehegt 
hatte, wenigstens teilweise zur Ausführung gebracht. Das erklärt 
sich leicht aus seiner damaligen Lage. Kurze Zeit vorher hatte 
sein Kompagnon Dan. Elsevier sich von ihm getrennt, um nach 
Amsterdam überzusiedeln und dort in das Geschäft des Louis El- 
sevier, dessen Nichte er geheiratet hatte, einzutreten (Willems 
S. CXCIVf.). Diese Trennung aber brachte naturgemäß für Joh. 



1) Rammelman Elsevier Bijl. 26—35; de Reume S. 104 Nr. 13. 14. 

2) Rammelman Elsevier Bijl. 16. Vgl. Willems S. CXIIf. CLXIX. 

3) Rammelman Elsevier Bijl. 34 j de Reume S. 104 Nr. 13. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 333 

Elsevier geschäftliche Schwierigkeiten mit sich. Ferner waren 
abermals Differenzen mit der Universität entstanden, da die Kura- 
toren derselben am 24. Febr. 1655 eine Rechnung von Johannes 
und Daniel wieder als gar zu hoch („exorbiterend") moniert hatten l ). 
Auch gingen um jene Zeit manche Leidener Gelehrten von der 
Leidener Firma Elsevier zu der Amsterdamer Firma über, welche 
gerade damals Louis Elsevier zur Blüte brachte (Willems S. CXCIV). 
So ist es wohl erklärlich, daß Joh. Elsevier eine sich ihm bietende 
Gelegenheit, einen Teil seines typographischen Materials zu Grelde 
zu machen, gern ergriff. Andrerseits läßt sich aber auch ahnen, 
was Nissel zum Ankauf der Typen und zur Gründung seiner 
eigenen Druckerei bewogen hat. Vermutlich haben die Elseviers, 
die ja gerade zu jener Zeit zweimal durch ihre „exorbitanten" 
Rechnungen mit der Universität in Konflikt gekommen sind, ihn, 
den Privatmann, als er auf eigene Kosten bei ihnen drucken ließ, 
noch viel ärger geschröpft, so daß er geglaubt hat, besser davon- 
zukommen, wenn er sich selbst etablierte und von ihnen unab- 
hängig machte. 

Nun noch die Frage: Was hat Joh. Elsevier an Nissel 
verkauft? Das können wir aus folgenden Daten erschließen. 
Erpenius hatte äthiopische und andere orientalische Typen neu 
schneiden lassen. Von diesen neugeschnittenen Typen besaß er 
naturgemäß nicht nur die gegossenen Lettern, sondern auch die 
Matrizen und Punzen (Patrizen, Stempel), und auch diese waren 
beim Ankauf seiner Druckerei in Elsevierschen Besitz übergegangen 
und werden daher in dem oben erwähnten Memoire von Golius 
ausdrücklich mit genannt 2 ). Nun ist später, nachdem der letzte 
Leidener Elsevier, Abraham (IL), am 30. Juli 1712 gestorben war, 
die Druckerei am 20. Febr. 1713 versteigert worden (Willems 
S. CCI), und für diese Versteigerung ist ein Katalog angefertigt, 
der schon auf seinem Titel (Willems S. 6 f. Nr. 11) genaue Auskunft 
über das vorhandene typographische Material gibt. Danach sind 
damals, um nur das uns interessierende orientalische Material her- 
auszuheben, noch vorhanden gewesen : 1) arab., syr., samarit., äth., 
hebr. und rabbin. Lettern, 2) arab., syr. und hebr. Matrizen, 
3) arab., syr. und hebr. Punzen. Also für das Arabische, Syrische 
und Hebräische war noch das vollständige Material einschließlich 

1) Rammelman Elsevier Bijl. 36. 

2) Rammelman Elsevier Bijl. 34 : „zoo wel de Orientaelsche afgegoten letters, 
als de matricen ende de poinsons ofte stempeis van dien" = de Reume S. 104 
Nr. 13 : „les caracteres des langues orientales, ainsi quo les matrices et les poin- 
sons". 



334 Alfred Rahlfs, 

der Matrizen und Punzen da, dagegen für das Äthiopische und 
ebenso für das Samaritanische und Rabbinische, auf die ich hier 
nicht eingehe, bloß Lettern. Hieraus folgt einerseits, daß Joh. 
Elsevier nicht sein ganzes äthiopisches Material an Nissel verkauft, 
sondern äthiopische Lettern für seine eigene Druckerei zurück- 
behalten hatte ; und dies wird auch bestätigt durch ein Specimen 
seiner Druckerei vom Jahre 1658, über welches Ch. Enschede* in 
seinem Aufsatz „De drukkerij van Johannes Elsevier in 1658" im 
Nieuwsblad voor den Boekhandel 63 (1896), S. 247 Sp. II berichtet 
hat ; denn dies Specimen gibt auch eine Probe äthiopischen Satzes, 
welchen also Joh. Elsevier auch nach dem Verkauf an Nissel noch 
herzustellen vermochte 1 ). Andrerseits aber läßt sich aus dem 
Fehlen der äthiopischen Matrizen und Punzen schließen, daß Joh. 
Elsevier, der sonst, soviel wir wissen, nur Lettern an Nissel ver- 
kaufte, von der äthiopischen Schrift auch die Matrizen und Punzen 
veräußert hat 2 ); und die Richtigkeit dieses Schlusses wird sich 
später bestätigen, s. unten S. 343 ff. 

Nissel starb 1662. Nach seinem Tode ist sein typographisches 
Material in den Besitz seines Freundes Petraeus übergegangen. 
Wir haben dafür drei Zeugnisse: 1) Petraeus selbst hat in der 
Titelauflage der äthiopischen Homilie, welche er 1668 in Amster- 
dam veranstaltete, das „Impenßs Auctoris, et Typis Niffelianis" der 
Urausgabe durch „Typis & Impenfis Auctoris" ersetzt (s. oben 
S. 280. 281); folglich befanden sich die früher Nisseischen Typen 
damals im Besitze 1 des Petraeus , vgl. die oben S. 328 Anm. 2 be- 
sprochene analoge Änderung in einer Titelauflage Nisseis. 2) Ucht- 
man erwähnt in seinem öfters zitierten Briefe an Ludolf (Juncker 
S. 195) die äthiopischen Typen des Petraeus. Über ihre Herkunft 
ist er allerdings falsch unterrichtet ; denn nachdem er zuerst über 
Nissel gesprochen hat, fährt er also fort: „Theodorus Petraeus, 
qui Aethiopica cum ipfo excoluerat, typosque fibi comparauerat 
. . ." ; er weiß also nicht, daß eigentlich Nissel, nicht Petraeus 
sich diese Typen verschafft hatte. 3) In einem Gesuch an den 
Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg, das nicht datiert ist, 
aber aus der Zeit bald nach der Thronbesteigung dieses Fürsten 
(1688) stammen muß (Berlin, Kgl. Bibl., Aktenfaszikel III. B. 2, 



1) Den Titel des Specimens s. bei Enschede a. a. 0. und bei Berghm. S. 3 
Nr. 1. Nach Enschede enthält es „6 soorten Hebreeuwsch, e£n soort Rabbinisch, 
een soort Syrisch, vier soorten Arabisch, e^n soort Aethiopisch, een soort Sa- 
maritaansch" usw. » 

2) Möglich wäre es auch, daß er nur die Matrizen und Punzen verkauft 
und Nissel sich seine äthiopischen Lettern selbst gegossen hätte. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 335 

Seite 1), sagt die Witwe des Petraeus, daß ihr Mann „cmff feine 
Unfoften in ctUerfjcmb Orientalinnen, iEthioptfdjer, bnb Arabiftfjer 
©prägen eine eigene SDrutferet) gehalten, unb baburtf) be3 großen 
@otte3 @^re jubeförbern unb ber gelahrten SBelt gnbienen gefudjet". 
Auch hier vermissen wir eine Angabe über die Herkunft der Typen 
von Nissel x ). Aber daß Petraeus äthiopische und arabische Typen 
besessen hat, wird deutlich ausgesprochen, und die Richtigkeit 
dieser Angabe wird dadurch bestätigt, daß die Witwe jene Typen, 
wie wir bald sehen werden, noch wirklich gehabt hat. 

An der soeben angeführten Stelle spricht Petraeus' Witwe so, 
als habe ihr Mann, ähnlich wie es einst Nissel getan hatte, dauernd 
eine orientalische Druckerei unterhalten ; ja sie leitet daraus sogar 
die Mittellosigkeit ab, in der ihr Mann sie bei seinem Tode zu- 
rückgelassen hat 2 ). In Wirklichkeit jedoch hat Petraeus das ihm 
aus Nisseis Nachlaß zugefallene typographische Material nur wenig 
benutzt. Meines Wissens hat er nur noch die bald nach Nisseis 
Tode hergestellten Specimina des koptisch-arabischen Psalters und 
der arabisch-persisch- türkischen Clavis (s. oben S. 305) mit den 
früher Nisseischen Typen drucken lassen. Beide tragen allerdings 
auf dem Titel lediglich die Angabe „Sumptibus Auctoris", ohne daß 
über die Typen irgendetwas gesagt würde ; aber man braucht nur 
die in ihnen verwendeten Typen mit den früheren „ Typi Niffeliani" 
zu vergleichen, um ihre Identität zu erkennen. Übrigens kommen 
äthiopische Typen bloß in der Clavis vor, wo an einigen Stellen 
äthiopische Wörter zum Vergleich mit den entsprechenden arabi- 
schen herangezogen werden. Aus der Tatsache, daß Petraeus die 
Nisseischen Typen später nicht mehr benutzt hat, dürfen wir 
schließen, daß er die von Nissel gegründete Druckerei nur noch 
kurze Zeit fortgeführt und dann aufgelöst hat. 

Über den späteren Verbleib der Nissel -Petraeus' sehen 
äthiopischen Typen geben uns zwei Notizen Auskunft, welche der 

1) In einem Schreiben an den Großen Kurfürsten aus dem August 1679 
(drittletztes Stück desselben Aktenfaszikels) bietet die Witwe 284 Pfund arabi- 
scher Typen zum Kauf an und behauptet dabei, das Pfund, das sie dem Kur- 
fürsten für 16 Groschen lassen will, habe ihren sei. Mann 1 Rthlr. 6 Groschen 
gekostet. Dies erweckt den Anschein, als habe Petraeus die Typen neu gekauft. 
Aber allzu großer Verlaß ist auf derartige Angaben der Witwe nicht, zumal wo 
es sich um weit zurückliegende Dinge handelt, um die sie wohl auch nur von 
Hörensagen wußte. 

2) Die Fortsetzung des eben angeführten Passus lautet: ff aud) olle bai 
Setnige bobet) aufgefefcet, alfo, ba% bety feinen SUJfterben nic^t meljr alfj jtoety an* 
erlogene ftinber, ba ber <&o§n mit meiner großen 93efümmermfj auf ber Univer- 
sität gehalten wirb, Ijinterla&en". 



336 Alfred Rahlfs, 

Hamburger Christoph Schlichting, ein Schüler Hiob Ludolfs, 
der in den Jahren 1684 — 1687 *) oder noch länger 8 ) bei Ludolf in 
Frankfurt a. M. war, in dem ihm einst gehörigen Sammelbande 
Kiel, Univ.-Bibl., § 50 4°, der hauptsächlich Werke von Nissel und 
Petraeus enthält, auf einem Vorsetzblatte eingetragen hat. Sie 
lauten : 

Typographia JEthiopica & Arabica, qiid Bn. Th: Petrceus hifce 
in Opufculis \ ufus eß, Hamburgi apud Bn: Paulum föxaty mer- 
catorem cum variis qui-\busdam vafis arg enteis, aliquibus egre- 
giis Orientalium lingg: libris \ & vefiibus nonnullis pretioßs fe- 
ricis pro 400 *$. oppignorata \ reperitur. 



Thomas Hyäe Bibliothecarius Oxonienßs in literis ad \ 

Excellentiff: Bn: Jobum Ludolfum d. 6. Febr: 1687. de | 

hac typographia ita fcribit. 

Hollandi, apud illos 3 ) funt typi JEthiopici Niffeliani, eorundem 

verb | typorum matrices & formoe chdlybew funt apud B: Ber- 

nardum \ noßrum. 

Die Richtigkeit der ersten Notiz, nach der die in den 
Werken des Petraeus verwendeten äthiopischen und arabischen 
Typen später an einen Kaufmann Paul Kray in Hamburg ver- 
pfändet waren, wird bestätigt durch einen Neudruck der äthiopi- 
schen Homilie über die Greburt Christi (oben S. 279 ff. Nr. 7), welchen 
derselbe Schlichting 1691 mit den Nissel-Petraeus'schen äthiopi- 
schen Typen in Hamburg veranstaltet hat. Der Titel dieses Neu- 
druckes, der übrigens außer der Homilie auch noch einen Bericht 
des Abba Grregorius „de ministerio ecclesiastico (Habessinorum)" 



1) Daß Schlichting mindestens in den Jahren 1684—1687 bei Ludolf war, 
lehrt seine Vorrede zu dem von ihm stammenden Cod. Aeth. 6 der Göttinger 
Universitäts-Bibliothek; vgl. auch Fr. 0. Kramer, Die äth. Übersetzung des Za- 
charias (Diss. Lpz. 1898), S. 12 f., wonach die Rostocker Univ.-Bibl. „eine 1684 
in Frankfurt a.M. durch Christoph Schlichting gefertigte Abschrift eines im Be- 
sitz Hiob Ludolfs befindlichen Pergam.-Ms. : Organum musicum b. Mariae virginis" 
besitzt. Sonst vgl. über ihn Juncker S. 160. Moller S. 593. Hans Schröder, Lexi- 
kon der hamburgischen Schriftsteller 6 (1873), S. 560 f. (G.) Behrmann, Ham- 
burgs Orientalisten (1902), S. 49 f. 

2) 1688 beabsichtigte Schlichting in Frankfurt die „Theologia Aethiopica" 
herauszugeben, s. unten S. 337 Anm. 1. 

3) So hat Schlichting ursprünglich geschrieben, und so stand es wohl in 
Hydes Brief, in welchem das Wort „Hollandi" zum vorhergehenden Satze gehört 
haben wird. Nachträglich jedoch hat Schlichting, um seinem Exzerpte einen bes- 
seren Anfang zu geben, „Hollandi, apud illos" in „apud Hollandos" korrigiert. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 337 

enthält 1 ), lautet folgendermaßen: „HOMILIA iETHIOPICA | DE 
NATIVITATE DOMINI NOSTRI | JESU CHRISTI, | Ante annos 
multos ad verbum Latine verfa, | jam vero denuo mendis omnibus, 
quibus plurimüm fcatebat, | emendata, cum lectione, latinis literis 
expreffa, addita etiam | literarum uEthiopicarum genuinae lectionis | 
explicatione, | Quo Studiofae Juventuti hujus lingvse acceffus | ex- 
peditior conciliaretur. | Loco fpeciminis Typographiae iEthiopicae, | 
apud PAULUM KRAY, Civem & Mercatorem Hambur-|genfem 
dudum oppignoratse, in lucem edita | ä | M. CHRISTOPHORO 
SCHLICHTING, | Hamburg. Lingg. Oriental. Stud. | (Signet.) | 
Sumptibus Auctoris excudebat NICOLAUS (gpieringf, | LL. Orient. 
Typographus, Hamburgi Anno M DC XCI." Die Verpfändung der 
Typen an Paul Kray wird also auch auf diesem Titel ausdrücklich 
erwähnt. 

Aber wie sind die Typen an Kray gekommen? Hier- 
über belehren uns die Akten über den Ankauf orientalischer 
Handschriften und Bücher aus dem Nachlaß des Petraeus für die 
damals Kurfürstliche, jetzt Königliche Bibliothek zu Berlin, ent- 
halten in den Aktenfaszikeln III. A. 1 und III. B. 2 der Kgl. 
Bibliothek. Aus ihnen ergibt sich nämlich folgendes. 

Im April 1677 2 ) ist die Witwe des Petraeus, Clara geb. 
v. Bülow 3 ). nach Berlin gekommen und hat dem Großen Kurfürsten 
ein Exemplar der armenischen „Doctrina", welche ihr Mann ihm 
einst gewidmet hatte (s. oben S. 310 f.), überreicht und ihm zu- 
gleich orientalische Bücher, Handschriften und Typen aus dem 
Nachlaß ihres Mannes, die sie in Hamburg versetzt hatte, zum 
Kauf angeboten. Daraufhin läßt der Große Kurfürst im Juni des- 
selben Jahres dem Propst Andreas Müller 4 ), den er bei diesen 



1) Dies ist das achte Kapitel der „Theologia Aethiopica", über welche J. 
Flemming in seinem Aufsatz über Hiob Ludolf in den Beiträgen zur Assyriologie 
1 (1890), S. 546 Anm. berichtet. Die Göttinger Hss. dieses Werkes, von denen 
Flemming spricht, sind Aeth. 5 und 6 und Luneb. 116. Die beiden ersten stam- 
men von Schlichting; aus dem Titel der ersten (s. Verzeichniss der Hss. im 
preussischen Staate. I: Hannover. 3: Göttingen 3 [1894], S. 310) geht hervor, daß 
Schlichting das ganze Werk 1688 in Frankfurt a. M. zu veröffentlichen beab- 
sichtigte. 

2) Das Datum ergibt sich aus Faszikel III. B. 2, Stück 6, wo Propst Müller 
am 28. Juli 1677 sagt, die Witwe sei nun schon ,,&et) 16. Söodjen btefec Südjer 
falber" in Berlin. 

3) Vgl. oben S. 317 Anm. 6. 

4) Über Andreas Müller aus Greifenhagen in Pommern s. besonders Aug. 
Müller in der Zeitschrift der Deutschen Morgenl. Gesellschaft 35 (1881), S. IV 
—XVI. 



338 Alfred Rahlfs, 

Verhandlungen stets als Begutachter und Unterhändler gebraucht, 
120 Taler auszahlen „gur emlöfung berer in §amburg öerfe^ten 
Petrsetfdjen 23ürf)er unbt orientalt jc^en ©djrifften [= Typen], fo ^ur 
ßfjurfürftl. Bibliothec geliefert tnerben follen" 1 ), und am 28. Juli 
kann Müller berichten, daß nunmehr sowohl die Bücher und Hand- 
schriften, als auch die arabischen und äthiopischen Typen aus 
Hamburg gekommen seien. Die Typen wiegen mit dem „Kästlein" 
284 & und sind etwa 142 Taler wert und ,,nod) mefjr, roo bie ma- 
trices ö. [= und] ftempel bctbet) mehren. @g ift aber ba§ ®äft(ein 
nodj ntd)t geöfnet" 2 ). Zwei Tage später, am 30. Juli 1677, kauft 
der Kurfürst die Bücher und Handschriften und läßt dafür noch 
101 Taler 3 Groschen zu den früheren 120 Talern hinzu an Propst 
Müller auszahlen 3 ); die Typen aber findet er unnötig, „juma^len 
man bie matrices unb ftempet nit^t bctrbet) feinb" 4 ). 

Im folgenden Winter 5 ) bietet die Witwe dem Kurfürsten aber- 
mals Handschriften an: „üftim fielen nod) üerfdjteöene manu Scripta 
Don großen SSe^rte, bie mein fef)(. (fernem cmft orient mit gebraut 
in Slmbfterbam öor 250. WQQbk üorfefeet' 1 . Sie bittet um 125 Taler 
Vorschuß, um sie einzulösen, und bietet dafür „pm ttürcf liefen im- 
terpfembe" die bei Müller stehenden „284. &. arabifd)e Literen" 
an 6 ). Der Kurfürst fordert am 7. Jan. 1678 von Müller ein Gut- 
achten 7 ), und dieser befürwortet den Vorschuß, wobei er bestätigt, 
daß die arabischen Typen „non. 284. U. f)k getrogen" bei ihm 
stehen 8 ). Das sind natürlich dieselben 284 U, die im Juli 1677 
aus Hamburg nach Berlin gekommen waren ; hatte Müller anfangs 
gesagt, es seien arabische und äthiopische Typen, so war diese 
Angabe ungenau gewesen, da es in Wirklichkeit nur arabische 
waren, aber die Ungenauigkeit erklärt sich leicht daraus, daß, wie 
Müller selbst bemerkt hatte, „ba£ ®äftfein nod} nid)t geöfnet" war, 
und daß er bei der Einlösung der Typen in Hamburg offenbar 
beabsichtigt und gemeint hatte, alle dort befindlichen Typen ein- 



1) Faszikel III. B. 2, Stück 10 = Faszikel III. A. 1, Seite 7. Faszikel III. 
B. 2 enthält das Konzept, Faszikel III. A. 1 die vom Kurfürsten unterzeichnete 
Reinschrift (ebenso im Folgenden, wo ich beide Faszikel nebeneinander anführe). 

2) Faszikel III. B. 2, Stück 6. 

3) Faszikel III. B. 2, Stück 8 = Faszikel III. A. 1, Seite 14. 

4) Faszikel III. B. 2, Stück 7. 

5) Die Eingaben der Witwe sind sämtlich ohne Orts- und Zeitangabe. Sie 
sagt hier aber, daß das Vorige „im berttHdjenen ©ommer" passiert sei. 

6) Faszikel III. A. 1, Seite 15 f. 

7) Ebenda, Seite 18. 

8) Ebenda, Seite 19 f. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgahen und Typen. 339 

zulösen. Auf Müllers Gutachten hin befiehlt der Kurfürst am 12. 
Jan. 1678, der Witwe den erbetenen Vorschuß von 125 Talern 
auszuzahlen; die Typen sollen auf die Kurfürstliche Bibliothek 
geliefert und dort verwahrt werden 1 ). Beides geschieht, und die 
Handschriften und Bücher werden nun in Amsterdam eingelöst 
und nach Hamburg gebracht, dort aber von dem Kaufmann Paul 
Krey oder Kreye — so wird der Name in den Berliner Akten 
geschrieben — festgehalten, weil dieser der Witwe gleichfalls 
Geld zu ihrer Einlösung geliehen hat und sich weigert, die ein- 
gelösten Handschriften und Bücher herauszugeben, bis er völlige 
Sicherheit für die 375 Taler, welche die Witwe ihm schuldet, be- 
kommen hat. Endlich jedoch wird auch diese Angelegenheit nach 
vielen Schreibereien 2 ) und mehr als halbjährigem persönlichem 
Aufenthalte der Witwe in Berlin 3 ) glücklich geregelt, und der 
Kurfürst kauft die Handschriften und Bücher und läßt dafür der 
Witwe am 16. und 20. Aug. 1679 noch 530 Taler auszahlen 4 ). 
Kurz zuvor aber hat die Witwe noch ein für uns wichtiges Schreiben 
an den Kurfürsten gerichtet 5 ). Sie beklagt sich darin zunächst 
darüber, daß Müller und der kurfürstliche Bibliothekar Hendreich 
ihre Handschriften und Bücher so niedrig taxiert haben, und bittet 
den Kurfürsten, so viel hinzuzufügen, daß sie im ganzen minde- 
stens 900 Taler bekommt. Sodann bietet sie nochmals die in Berlin 
befindlichen 284 E arabischer Typen an 6 ) und außerdem „bie §u 
Hamburg notf) borfjanbene iEthiopiftfje $utf)ftaben , fo 114. U. rote* 
gen". Zum Schlüsse betont sie, daß sie „t|o üon bactren mittein 
fefjr entblößet" ist und G-eld zur Bezahlung der gemachten Schulden 
und Auslösung versetzter Mobilien braucht, und bittet den Kur- 
fürsten um Auszahlung der ihr zugedachten Gelder. Biese Bitte 
wird erfüllt, der Ankauf der arabischen Typen jedoch abgelehnt, 
da sie „nidjt üollftänbig" 7 ) und dem Kurfürsten „nid&tö nü|e" sind 8 ); 
sie werden der Witwe zurückgegeben, indessen darf sie die 125 
Taler Vorschuß, die sie darauf bekommen hat, behalten. Auf die 



1) Faszikel III. B. 2, Stück 9 = Faszikel III. A. 1, Seite 22. 

2) Faszikel III. B. 2, Stück 11 ff. 

3) Ebenda, Stück 19. 

4) Faszikel III. A. 1, Seite 29/30 und 23/26. 

5) Faszikel III. B. 2, drittletztes Stück. 

6) Was sie hier über den Preis dieser Typen sagt, ist bereits oben S. 335 
Anm. 1 angeführt. 

7) Dies bezieht sich wohl nur darauf, daß die Matrizen und Stempel nicht 
dabei sind. 

8) Faszikel III. B. 2, Stück 31 = 32, vgl. Müllers Gutachten ebenda Stück 11. 



340 Alfred Rahlfs, 

noch in Hamburg befindlichen äthiopischen Typen wird nicht ein- 
gegangen. 

Im Jahre 1681 bietet die Witwe zum dritten Male orientalische 
Bücher an. Der Kurfürst bewilligt ihr 20 Taler Reisegeld 1 ), of- 
fenbar behufs Überbringung der Bücher nach Berlin. Weitere Akten 
darüber liegen nicht vor; es wird also nichts weiter erfolgt sein. 

Schließlich kommt die Witwe bald nach dem Tode des Großen 
Kurfürsten in einer Bittschrift an seinen Nachfolger Friedrich III. 2 ) 
noch einmal auf ihre Verhandlungen mit dem Großen Kurfürsten 
zurück und sagt, derselbe habe ihr, da sie mit dem Taxat Müllers 
und Hendreichs nicht zufrieden war, „eine special ($nabe" ver- 
sprochen. Daraufhin habe sie ihn gebeten, dem Paul Krey, dem 
sie noch 500 Taler schuldet, und der von ihr die Zahlung dieser 
Schuld fordert, „jumaljjten er tyt burd) einen großen process tota- 
liter ruiniret", gnädigst zu verstatten, daß er eine Quantität Holz, 
die er in Mecklenburg gekauft hat, zollfrei durch das kurfürstliche 
G-ebiet nach Hamburg einführe, damit er so „eine Vergeltung Ijauen" 
und sie „t)on 8Ij)m frefcj gefproäjen tnerben möchte". Der Große Kur- 
fürst würde diese ihre Bitte auch erfüllt haben, wenn er nicht 
gestorben wäre. So bittet sie nun, Friedrich III. möge jetzt jene 
Bitte erfüllen oder ihr eine andere Gnade erweisen. Auch in die- 
sem Falle sind keine weiteren Akten vorhanden; es wird also 
nichts daraus geworden sein. 

Durch alles dieses erhält die Angabe Schlichtings ihre voll- 
ständige Erklärung und Bestätigung. Die Witwe des Petraeus 
ist offenbar nicht in Kopenhagen geblieben, wo wir sie in der 
ersten Zeit nach dem Tode ihres Mannes noch fanden (s. oben 
S. 317 f.), sondern nach Hamburg verzogen 3 ) und hat dort bei dem 
Händler Paul Kray, der sich mit allerlei Geschäften, auch mit 
Holzhandel, abgab, nach und nach alle möglichen Wert Objekte aus 
dem Nachlaß ihres Mannes und aus ihrem eigenen Haushalte 4 ) 



1) Ebenda, letztes Stück des Faszikels. 

2) Ebenda, erstes Stück des Faszikels. Diese Bittschrift reichte die Witwe 
an Danckelmann, den Erzieher und vertrauten Ratgeber Friedrichs III., ein mit 
der Bitte um Befürwortung beim Kurfürsten, s. das zweite Stück des Faszikels. 

3) Die Eingaben der Witwe sind, wie schon S. 338 Anm. 5 bemerkt, ohne 
Orts- und Zeitangabe, aber man kann doch nach allem nur auf Hamburg als 
ihren Wohnsitz schließen. Auch sagt sie in Faszikel III. A. 1, Seite 23, daß sie 
nunmehr nach Abschluß des Geschäftes ihre Reise „inner 2 Sogen cwff Jpomourg 
fortjujefcen" gedenke. 

4) Die Witwe selbst spricht, wie wir sahen, von versetzten Mobilien, Schlich- 
ting von Silbersachen und Seidenkleidern. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 341 

versetzt. Die Höhe der ihr dafür von Kray geborgten Gelder hat 
naturgemäß im Laufe der Zeit gewechselt: 1677 hat der Große 
Kurfürst durch Müller für 120 Taler Handschriften, Bücher und 
Typen einlösen lassen, aber Kray — um ihn wird es sich jeden- 
falls handeln, obgleich sein Name in diesem Falle noch nicht ge- 
nannt wird — hat damals nicht, wie Müller erwartet hatte, alle 
Typen geschickt, sondern die äthiopischen zurückbehalten 1 ); 1679 
schuldet die Witwe dem Kray 375 Taler, nach dem Tode des 
Großen Kurfürsten 500 Taler; Schlichting nennt 400 Taler als 
die Summe, für welche zu der Zeit, wo er sich seine Notiz macht, 
die äthiopischen und arabischen Typen nebst orientalischen Büchern 2 ), 
Silbersachen und Seidenkleidern verpfändet sind. 

Über die Typen erfahren wir aus den Akten der Kgl. Biblio- 
thek, daß 284 U arabische und 114 % äthiopische Lettern vorhanden 
waren. Beide waren schon 1677 in Hamburg versetzt. Die arabi- 
schen wurden dann zwar eingelöst und nach Berlin geschafft, aber 
der Große Kurfürst hat sie weder 1677, noch 1679 gekauft, sondern 
sie nur zeitweise als Faustpfand angenommen und dann der Witwe 
zurückgeben lassen, und diese hat sie offenbar wieder mit nach 
Hamburg genommen und bei nächster Gelegenheit aufs neue bei 
Kray versetzt. In Hamburg sind dann wenigstens die äthiopischen 
Typen 1691 in dem Werkchen Schlichtings, dessen Titel oben S. 337 
angeführt ist 3 ), noch einmal zur Verwendung gekommen 4 ). Schlich- 



1) Wie Faszikel III. A. 1, Seite 9 lehrt, hat er damals auch nicht alle in 
Hamburg befindlichen Bücher, sondern nur einen Teil derselben geschickt. 

2) Daß auch nach dem zweiten Verkauf an den Großen Kurfürsten in der 
Tat noch orientalische Bücher vorhanden waren, wird bestätigt durch das dritte 
Angebot der Witwe vom Jahre 1681. s. oben S. 340. 

3) Dies ist das erste in Hamburg gedruckte äthiopische Werk. Nach Moller 
S. 490 Anm. 13 wäre allerdings schon 1681 ein äthiopisches Werkchen, die „Ca- 
pita Catechetica", von Joh. Henr. Majus in Hamburg herausgegeben. Aber dies 

ist ein Irrtum. Das Werkchen, das den Titel trägt „ prsecipua tidei Mthi- 

opum Christianorum . . . CAPITA, Quibus tenera aetas et Neophyti imbui folent, 
. . . Separatim in itudiofae Juventutis gratiam edita ä Johanne Henrico Majo", 
trägt nur die Jahreszahl 1681, aber keinerlei Angabe über Druc£ort und Drucker. 
Da aber die Vorrede beginnt „Dum edendse Hiltoriae yEthiopicse Illuft-ris V. J. 
Ludolfi praefum [vgl. Ludolfs Vorrede zur Hill. iEtb., erste Seite], has ab Abba 
Gregorio Habeffino, juffu Seren. Sax. Ducis Ernesti confignatas & laudato Üperi 
[Lib. III, cap. 5, § 89 ff.] infertas Quseftiones Catecheticas leparatim vulgare viium 
fuit [vgl. ebenda die zweite Seite von Ludolfs Vorrede]", und da der äthiopische 
Text mit Ludolfschen Typen (s. oben S. 82*)) gedruckt ist, so kann man als Druck- 
ort mit Sicherheit Frankfurt a. M. erschließen. 

4) 1690, also ein Jahr vorher, ist in Hamburg von Henning Brendeke das 
erste arabische Werk gedruckt : „Testamentum et pactiones initae inter Muham- 



342 Alfred Rahlfs, 

ting hat dies Werkchen auf eigene Kosten drucken lassen, be- 
zeichnet es aber zugleich als Specimen der bei Paul Kray ver- 
pfändeten äthiopischen Typen; dies ist offenbar auf den Wunsch 
Krays und der Witwe des Petraeus geschehen, die wohl hofften, 
ihre Typen, wenn sie auf diese Weise der gelehrten Welt bekannt 
würden und dann andere äthiopische Druckwerke folgten, doch 
noch mit einigem Nutzen absetzen zu können. Aber bei jenem 
Specimen ist es m. W. auch geblieben 1 ). Allerdings hat Schlich- 
ting auch später wohl daran gedacht, etwas Äthiopisches drucken 
zu lassen; das sehen wir aus einer Notiz über ihn bei (Gr.) Behr- 
mann, Hamburgs Orientalisten (1902), S. 49 f. : „1697 erwähnt Lu- 
dolph [so!] ihn in einem Brief an Johann Friedrich Winckler 2 ); 
Schlichting habe die Absicht, etwas Aethiopisches herauszugeben 
und Ludolph habe ihm geraten, ein Psalterium Aethiopicum drucken 
zu lassen." Aber Schlichting ist zur Ausführung eines solchen 
Planes nicht gekommen ; charakteristisch ist eine spätere Äußerung 
Ludolfs über ihn, welche Behrmann gleichfalls mitteilt: „1703 fragt 
Ludolph Winckler: Quid quaeso agit Schlichtingus, vivitne adhuc?" 
Und auch Winckler 2 ), der nach Ludolfs Vorrede zur äthiopischen 
Grammatik (1702) „in JEthiopica lingua verfatiffimus" war, und 
der etwa 9 Jahre lang am akademischen Gymnasium zu Hamburg 
orientalische Sprachen dozierte 3 ), hat sich zu keiner äthiopischen 
Publikation aufgeschwungen. 

In den Akten der Kgl. Bibliothek zu Berlin wird immer nur 
von arabischen und äthiopischen Typen gesprochen, und es wird 
mehrmals betont, daß es sich dabei nur um Lettern handelt; Ma- 



medem et Christianse Fidei cultores" (dasselbe Werk, das auch Nissel wiederab- 
gedruckt hatte, s. oben S. 320). Der Herausgeber Abraham Hinckelmann be- 
zeichnet es in der Widmungsepistel ausdrücklich als „primitias . . . Typographie 
Arabicse nuper in hac urbe excitatse". Die darin verwendeten arabischen Typen 
sind den Nissel-Petraeus'schen ähnlich, aber m. E. nicht mit ihnen identisch. 

1) Die beiden von Schröder (s. oben S. 336 Anm. 1) unter Nr. 4 und 5 an- 
geführten, übrigens nur aus je einem Foliobogen bestehenden Programme Schlich- 
tings vom Jahre 1693 (vgl. auch Juncker S. 160), in denen er sich zur Erteilung 
äthiopischen Unterrichts erbietet, habe ich nicht auffinden können, vermag also 
nicht zu sagen, ob darin etwa auch äthiopischer Satz vorkommt. 

2) Über Winckler s. Allgemeine Deutsche Biographie 43 (1898), S. 375 f. 
und Behrmann a. a. O., S. 55 — 57. Behrmann erwähnt auch die 52 Briefe Ludolfs 
an Winckler, welche die Hamburger Stadtbibliothek aufbewahrt. 

3) Siehe Behrmann a. a. O., S. 2 f. 56. Vgl. auch Adolf Wohlwill in der Zeit- 
schrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 13 (1908), S. 389 Anm. 3: „Die 
ältere Amtsbezeichnung lautete vielfach: Hebraicae ceterarumque orientalium lin- 
guarum Professor". 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 343 

trizen und Punzen sind nicht dabei. Hieraus folgt, daß Nisseis 
typographisches Material längst nicht mehr beisammen war. Denn 
Nissel hatte, wie seine Drucke lehren, nicht nur arabische und 
äthiopische Schrift gehabt, sondern auch syrische, hebräische, grie- 
chische, deutsche und verschiedene Sorten lateinischer Schrift, und 
er hatte für das Äthiopische, wie schon S. 334 erwähnt, auch die 
Matrizen und Punzen besessen. Über den Verbleib der übrigen 
Schriftarten wissen wir nichts; möglicherweise hat sie Petraeus 
schon bald nach Nisseis Tode bei der Auflösung seiner Druckerei 
(s. oben S. 335) veräußert. Über die äthiopischen Matrizen 
und Punzen aber belehrt uns die oben S. 336 mitgeteilte zweite 
Notiz Schlichtings, und auf diese müssen wir nunmehr ein- 
gehen. 

Diese zweite Notiz stammt laut Überschrift aus einem Briefe 
des Oxforder Bibliothekars Thomas Hyde an Hiob Ludolf vom 
6. Febr. 1687 1 ). Das Original des Briefes ist verloren gegangen; 
wenigstens findet sich nach Matthiae (s. oben S. 294 Anm. 4) S. 8 
— 11 in dem Frankfurter Briefwechsel Ludolf s kein Brief von 
Hyde. Um so dankbarer sind wir Schlich ting, daß er, der ja ge- 
rade zur Zeit des Eingangs jenes Briefes bei Ludolf war (s. oben 
S. 336 Anm. 1), uns dies Exzerpt aufbewahrt hat. — Hyde schreibt 
an Ludolf zunächst, die Nisseischen Typen seien bei den „Hollandi", 
d. h. wohl in der Elsevierschen Druckerei zu Leiden, die ja, wie 
wir sahen (S. 334), in der Tat einen Fonds dieser Typen für sich 
behalten hatte. Dann aber fährt er fort, die Matrizen und die 
„formce chabybece" , d. h. die Stahlstempel oder Punzen, seien „apud 
J): JBemardtim noßrum". Damit meint er den Oxforder Edward 
Bernard, welchen Juncker S. 127. 170 neben Hyde als Freund 
Ludolfs nennt *). Und schlagen wir nun die „Vita Clariffimi & 
doctiffimi Viri, Edwardi Bernardi, S. Theologise Doctoris, et Aftro- 
nomise apud Oxonienfes Profefforis Saviliani. Scriptore Thoma 
Smitho" (Lond. 1704) nach, so finden wir da auf S. 43 f. zunächst 
die Angabe, daß Bernard von dem Amsterdamer Bürgermeister 
Nicolaus Witsen 8 ) mit dem „Dictionario Coptico, quod V. Cl. 



1) Auch hier werden wir, wie in den oben S. 304 Anm. 5 besprochenen Fäl- 
len, nicht die damalige englische Datierungsweise, nach welcher der 6. Febr. 1687 
unserm 6. Febr. 1688 entspricht, sondern die gewöhnliche Datierungsweise anzu- 
nehmen haben. 

2) Bernard erscheint auch bei Matthiae (s. oben S. 294 Anm. 4) S. 9 unter 
den Korrespondenten Ludolfs. 

3) Vgl. über ihn besonders J. F. Gebhard, Het leven van Mr. Nicolaas Cor- 
aelisz. Witsen. 1. 2. Utrecht 1881. 1882. 



344 Alfred Rahlfs, 

Theodorus Petraßus Holfatus olim ex iEgypto advexerat" beschenkt 
worden sei 1 ). Und dann heißt es weiter: „Quafi verö de folo Ber- 
nardo optime merniffe perexigni momenti fibi effe videretur, pro 
maximo bonis literis benefaciendi ftudio, typographeum Oxonienfe 
typis ferreis Copticis iEthiopicifque, ad Bernardum tranfmiffis, ex 
munificentiä fua idem Vir fnmmns anno M.DC.LXXX.VI. auctum 
ornatnmque voluit." 

Wir haben also folgende Nachrichten : Hyde berichtet im Febr. 
1687 an Ludolf, daß Bernard die zu den Nisseischen äthiopischen 
Typen gehörigen Matrizen und Punzen habe. Smith erzählt, 
daß das „typographeum Oxoniense" 1686 von Witsen durch Ver- 
mittelung Bernards koptische und äthiopische „typi ferrei", d. h. 
offenbar gleichfalls Matrizen und Punzen, erhalten habe. Hier 
lassen wir die koptische Schrift beiseite; sie wird von Smith irr- 
tümlich, vielleicht unter dem Einflüsse des vorher erwähnten kop- 
tischen Lexikons, hinzugefügt sein. Auch Smith's Angabe, daß 
die Oxforder Druckerei die Typen 1686 bekommen habe, ist irrig ; 
nach Hydes fragelos authentischer Mitteilung waren sie im Febr. 
1687 noch „apudD: Bernardum 11 ', also nicht im Besitze der Druckerei. 
Aber Smith hat sich hier doch nur im Datum geirrt: das Jahr 
1686 wird das Jahr sein, in welchem Bernard die Matrizen und 
Punzen bekommen hat 2 ); nachher sind sie aber tatsächlich in den 
Besitz des „typographeum Oxoniense", d.h. des „Oxford Uni- 
versity Press", auch „Theatrum Sheldonianum" und „Clarendon 
Press" genannt 3 ), übergegangen. Darüber gibt den authentischsten 
Aufschluß Horace Hart in seinem Prachtwerke „Notes on A Cen- 



1) Anscheinend fällt diese Schenkung in das Jahr 1683, welches Smith vor- 
her auf S. 42 genannt hat. Übrigens vgl. auch "Witsens Brief an Gijsbert Cuper 
vom 12. Okt. 1712 bei Gebhard a.a.O., Bd. 2, S. 343, durch welchen diese „Schen- 
kung" in ein etwas eigentümliches Licht gerückt wird: „Ik hebbe in eygendom 
gehadt een groot boek met de hant in Egypte geschreven in folio wesende een 
dictionarium copticum, ik hebbe het selve ten gebruycke overhandigt aen seker 
engeis professor genaemt Bernard, die aennam het selve int licht te geven, en 
mij daerbij te gedenken, dog bernard is gestorven en de Academie tot Oxford 
heeft dit boek dat een juweel is na sig genomen en heeft de restitutie aen mij 
geweygert." (Gleich darauf sagt Witsen: „Een geestelijk koptisch kerkboek is 
nog onder mij". Auch dieses wird aus dem Nachlasse des Petraeus, welchen 
Witsen nicht erwähnt, gestammt haben.) 

2) Hierzu paßt es vorzüglich, daß Hyde am 6. Febr. 1687 Ludolf davon 
Mitteilung macht. Denn dies läßt schließen, daß Bernard die Typen erst neuer- 
dings bekommen hat und Ludolf noch nicht darum weiß. 

3) Vgl. Reed S. 153. 156 und F. Madan, A brief account of the University 
Press at Oxford (1908), S. 9 ff. und S. 35. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgaben und Typen. 345 

tury of Typography at the ITniversity Preß, Oxford 1693—1794" 
(Oxf. 1900), in welchem er den Inhalt der acht aus der Zeit von 
1693—1794 erhaltenen Specimens des Oxford University Press mit- 
teilt ! ). Schon in dem ältesten dieser Specimens, also dem von 1693, 
erscheint, wie die Nachbildung bei Hart S. 35 zeigt, genau die- 
selbe äthiopische Schrift, mit der die Werke von Nissel und Pe- 
traeus gedruckt sind 2 ). Auch lehrt uns Hart ebenda, daß die 
Punzen, 208 an Zahl, und die Matrizen noch jetzt vorhanden sind, 
und daß in dem der Bodleiana gehörigen Exemplare jenes Speci- 
mens bei der äthiopischen Schrift handschriftlich bemerkt ist : 
„Funchions and Matrices bought of B r Bernard" 3 ). Danach hat also 
der Oxford University Press die äthiopischen Punzen und Matrizen 
in der Tat bald nach 1686 von Bernard bekommen, aber nicht, 



1) Diese acht Specimens hat auch schon Reed S. 153 ff. benutzt. Auf S. 162 f. 
stellt er sie zusammen unter genauer Angabe der Titel und der Fundorte der 
noch erhaltenen Exemplare. 

2) Wie ich nachträglich sehe, hat schon Moller S. 493 (im letzten Absatz 
des Artikels über Petraeus) auf Grund der auch von mir herangezogenen Stelle 
in Smith's Leben Bernards mit Recht vermutet, daß das durch Witsen nach Ox- 
ford gekommene typographische Material von Nissel und Petraeus stamme. 

3) Da Harts Werk schwer zugänglich ist (ich erhielt es aus der Bibliothek 
des Börsenvereins der deutschen Buchhändler in Leipzig), drucke ich Harts An- 
merkung zu der äthiopischen Schrift, die im Specimen als „iEthiopick, Great 
Primer" bezeichnet ist, hier ab (Hart S. 35) : 

JEthiopick, Great Primer. Tliere are 208 punches for various characters. 
The matrices are Struck upside down. The only other instance in which this 
has been done is the case of the Great Primer Roman and Italic shoicn on 
pp. 138 and 139. The fount was probdbly cast in a mould with the nicks in 
the bottom for left) instead of the top for right) half, and the existing odd 
sorts fabout 15 Ib.), with which the above example has been reproduced, are 
probably the remains of the original fount. 

[Bemerkung über die von Hart auf derselben Seite verwendete 

lateinische Schrift.] 

After the above heading üithiopick, Great Primer in the Bodleian copy 
of the 1693 Specimen, a MS. note adds 'Funchions and Matrices bought of 
D> Bernard. 1 

An example of a similar iEthiopic fount • appears in Oratio Dominica, 
1700. 
Proben der Oxforder Aethiopisch findet man außer bei Hart auch bei Reed S. 154 
(„from the original matrices") und bei Henry R. Plomer, A short history ot Eng- 
lish printing (Lond. 1900), S. 215. — Über die „Oratio Dominica, 1700", welche 
Hart am Schlüsse seiner Anmerkung erwähnt, s. Reed S. 154 f. ; es ist eine von 
dem Londoner Drucker B. Motte herausgegebene Polyglotte, deren orientalische 
Texte, darunter auch der äthiopische, nicht in London, sondern in Oxford ge- 
druckt sind, woraus sich die von Hart bemerkte „Ähnlichkeit" der äthiopischen 
Schrift mit der Oxforder sofort erklärt. 
Kgl. Ges. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist Klasse. 1917. Heft 2. 23 



346 Alfred Rahlfs, 

wie Smith angibt, als Geschenk Witsens, sondern durch Kauf. Als 
Datum des Kaufes gibt Reed S. 154 das Jahr 1692 an; falls dies 
richtig ist, würde Bernard die Punzen und Matrizen von 1686 — 
1692 besessen und dann an den Oxford University Press verkauft 
haben. 

Bernard besaß also die äthiopischen Punzen und Matrizen, die 
früher Nissel und Petraeus gehört hatten, seit 1686, und er hatte 
sie seinerseits von Witsen bekommen. Wie aber waren sie in 
denBesitz Witsens gelangt? Petraeus hatte in der zweiten 
Hälfte der sechziger Jahre in Amsterdam gelebt und war dort in 
recht mißliche pekuniäre Verhältnisse geraten. In seiner Not hatte 
er, wie wir hörten (S. 312), einen Teil seiner Handschriften und 
Bücher verpfändet, und noch im Jahre 1678 standen solche ver- 
pfändeten Handschriften und Bücher in Amsterdam, bis sie dann 
die Witwe des Petraeus einlöste und an den Großen Kurfürsten 
verkaufte (S. 338 f.). Auch die beiden koptischen Hss. , welche 
Witsen besaß (S. 344 Anm. 1), und die Adversaria des Petraeus, 
welche Dapper an Ludolf schenkte (S. 293 f.), werden in Amsterdam 
verpfändet gewesen und dann von der Witwe oder beim Verfall 
vom Pfandleiher an Witsen und Dapper, die ja beide in Amsterdam 
wohnten und auch untereinander Beziehungen hatten 1 ), verkauft 
worden sein. Und auf dieselbe Weise werden auch die äthiopischen 
Punzen und Matrizen in den Besitz Witsens gelangt sein. Wir 
haben zwar über ihre Verpfändung keine Nachricht; aber an sich 
ist eine solche Verpfändung keineswegs unwahrscheinlich, da, wie 
wir sahen (S. 336 ff.), auch die arabischen und äthiopischen Lettern 
des Petraeus in Hamburg und Berlin verpfändet gewesen sind 2 ). 

Durch Witsen sind die äthiopischen Typen des Erpenius, welche 
einst U(s)sher aus seinem Nachlasse für Cambridge zu erwerben 
gesucht hatte (s. oben S. 329 f.), schließlich doch noch nach England 
gekommen, nur nicht nach Cambridge, sondern nach Oxford. Und 
zwar nicht die gegossenen Lettern — die sind, wie wir sahen, 
teils in Leiden geblieben, teils nach Hamburg gekommen und an 
beiden Orten, wie es so leicht geht, dem Untergang verfallen — , 
sondern gerade das, was viel wichtiger und dauerhafter ist, die 



1) Dapper hat Witsen seine „Naukeurige beschryving van gantsch Syrie, en 
Palestyn" (Anist. 1677) gewidmet. 

2) Eine andere, mir aber weniger wahrscheinliche Möglichkeit wäre es, daß 
Petraeus selbst während seines Amsterdamer Aufenthaltes die äthiopischen Punzen 
und Matrizen an Witsen, der im Oktober 1667 von seinen Auslandsreisen nach 
Amsterdam zurückgekehrt war (s. die oben S. 343 Anm. 3 zitierte Biographie 
Bd. 1, S. 47), verkauft hätte. 



Nissel und Petraeus, ihre äthiopischen Textausgahen und Typen. 347 

Punzen und Matrizen, mit denen man sich jederzeit wieder Lettern 
gießen kann 1 ). So erklärt es sich denn auch, daß die Typen des 
Erpenius gerade in Oxford ein zähes Leben bewiesen haben oder, 
richtiger gesagt, erst im XIX. Jahrhundert zu neuem Leben er- 
weckt worden sind und der äthiopischen Philologie und der bibli- 
schen Wissenschaft noch wichtige Dienste geleistet haben. Die 
äthiopischen Textausgaben von Richard Laurence, welche ganz 
neue Quellen für die Literatur des späteren Judentums erschlossen 
haben, Ascensio Isaiae vatis (1819), Libri Enoch prophetae versio 
Aethiopica (1838), auch Primi Ezrae libri . . . versio Aethiopica 
(1820), sämtlich „Oxoniae, typis academicis", und Dillmanns Ka- 
talog der äthiopischen Handschriften der Bodleiana („Oxonii, e 
typographeo academico", 1848) sind mit jenen auf Erpenius zurück- 
gehenden Typen gedruckt. 



Nachtrag zu S. 326. 

Über den Ursprung der vierten Typenart erhalten wir Nach- 
richt in dem ersten mit ihr gedruckten Werke, Job. Ernst Ger- 
hards Neuausgabe von Wilh. Schickards Institutiones linguae Ebraeae 
(Jena 1647). Gerhard, ein am 15. Dez. 1621 geborener Sohn des 
bekannten Jenenser Theologen Joh. Gerhard, hat nämlich diesem 
Werke eine Widmungsepistel vorausgeschickt „...'.'. '| Dn. D. JO- 
HANNI CAMMANNO, | JCto celeberrimo, | Nee non'\ Inclutre 
Reipubl. Brunfuicenfis Confiliario, | ac Syndico Primario graviffimo, 
&c. | . . .", und in dieser sagt er auf der dritten Seite: „Silentij 
fipario diutiüs involvere nefas puto publicum et ad feram posteritatem 
propagandum beneficium immortale, quod in typos JEthiopicos, quibus 
non Germania tantüm nostra : (Coloniam excipio , ubi fuperiori feculo 
Pfalterium Lingua häc Utterisq; prediit,) fed et Anglia, Gallia, Hifpa- 



1) Zeitweise war der Oxforder Letternvorrat sehr dürftig, s. Reed S. 151 
Anm. 2. 



348 v Alfred Eahlfs, Nissel und Petraeus. 

nia, immb et Linguarum Orientalium cultrix ßudiofifßma Belgium 1 ), 
hucusq; caruit, Jence fundendos, ultrb obtulisti, häc unicä de cauffä, quo 
libri manufcripti, Ungiiä häc extantes publicce luci genuinis litteris 
commitü poffent. Et cum ex nie cognofceres, pofßdere nie libellum 
Precationum lingua hac et characteribus exaratum, auctor mihi exüüsti 
et adhortator fedidus, ut in Latinam funderem Linguam, et prcemifßs 
memoratce Linguce InßUutionibus cum Xs^löCg) in 'publicum prodire ju- 
berem, Id quod factum etiä jam tum fuiffet, niß nefcio quce impedi- 
menta votis ac voluntaü noßrce fui/J'ent reluctata. Ne tarnen frusträ 
hactenus liberalitatem Tuam nos admißße, vel beneficium Tuum occultare 
voluiffe videamur, en cum prwfens Linguarum Ebr. Ghald. Syr. Arab. 
Harmonia fuafu nonnullorum, quibus refragari nolui, nee potui etiam, 
effet concinnanda, Linguam JEthiopicam in confortium fumere ac Tuo 
hie beneßcio publice frui voluimus. Tibi igitur foli Lingg. amaßj ad- 
feribant omne, ß quid ex opusculo hocce pereepturi utilitatis vel jueun- 
ditatis. Tu enim es, qui non folüm fumtus ad typos JEthiopicos pro- 
curandos obtulisti, fed et cum aliis viris magnis audacice nostree juve- 
nili calculum adjeeisti; ßne quo fane fuiffet, primis quaternionibus ex- 
eußs manum, utpote tali operi ivcequalem, ä feriptione retraxiflem." 
Die Widmtmgsepistel ist vom Mai 1646 datiert („ Wittebergce ex 
cedibus Lyferianis d. XVI. KL. Juni Anni eh Ioc XLVI. U ), der 
Druck des Werkes hat, wie die hinter der Widmungsepistel ab- 
gedruckten „ Judicia" lehren, etwa im August 1645 begonnen. Nicht 
lange vorher muß also der Braunschweiger Syndikus Johannes 
Camman 2 ) die äthiopischen Typen in Jena haben schneiden lassen. 
Schön sind sie nicht, aber sie sind doch denkwürdig als Zeichen 
dafür, wie wenig selbst die Nöte des dreißigjährigen Krieges die 
idealen Bestrebungen unserer Vorfahren zu ertöten vermocht haben. 



1) Von den äthiopischen Typen der Elseviers weiß Gerhard also nichts. 
Das ist leicht erklärlich, da dieselben ja damals noch gar nicht zur Verwendung 
gekommen waren. 

2) So schreibt Gerhard den Namen ohne lateinische Endung (Bl. b i recto). 
Ebenso schreibt Camman selbst in der Widmung seiner 1610—1612 in Gießen 
entstandenen, außerordentlich umfangreichen akademischen Schrift Collegium Po- 
litico-Juridicum seu Disputationes regales de juribus majestatis („Johannes Cam- 
man Br(unopolitanus)"). 



Der Historiker Heinrich Leo in seinen Briefen an 
Hengstenberg. 

Von 

N. Bonwetseh. 

Vorgelegt in der Sitzung vom 17. März 1917. 

I. 

Eine der markantesten Erscheinungen unter den deutschen 
Historikern des 19. Jahrhunderts ist Heinrich Leo 1 ). An dem 
großen Aufschwung der Geschichtswissenschaft in seiner Zeit ist 
er freilich in verhältnismäßig geringem Maße beteiligt, und eine 
historische Schule hat er nicht begründet. Ein Vergleich mit 
Leopold Ranke zeigt am deutlichsten die Sonderart Leos und seine 
Schranken. Auch Ranke sympathisierte mit dem Turnwesen und 
den Bestrebungen der Burschenschaften; aber einem Leo galt zeit- 
weilig jedes Wort des Turnvaters Jahn „wie ein Evangelium" und 
zur Wartburgfeier trug er das Banner von Jena bis Eisenach 
barhäuptig, die christlich-germanischen Ziele der Burschenschaft 
haben in gewissem Sinn seinem politischen Verhalten für immer 
die Richtlinien gegeben (Krägelin S. 51). Als nach Sands ver- 
hängnisvoller Tat über solche Handlungen wie die des Brutus und 
der Charlotte Corday im Kreise Leopold Rankes verhandelt wurde, 
entschied dieser einfach mit den in tiefem Ernst gesprochenen 

1) Otto Kraus, Aus Heinrich Leos geschichtlichen Monatsberichten und 
Briefen. Allgemeine konservative Monatsschrift f. d. christl. Deutschland Bd. 50. 
51 (1693. 1894). Paul Kraegelin, Heinrich Leo. Teil I. Sein Leben und 
die Entwicklung seiner religiösen, politischen und historischen Anschauungen bis 
zur Höhe seines Mannesalters (1799—1844). Leipzig, It. Vogtländer, 1908 (Bei- 
träge zur Kultur- und Universalgeschichte, herausgeg. von K. Lamprecht). Die 
treffendste Würdigung Leos bei G. v. Below, Archiv f. Kulturgesch. IX (1911) 
S. 199 ff. und Die deutsche Geschichtsschreibung v. d. Befreiungskriegen bis zu 
uns. Tagen. Leipzig 1916 S. 21 ff". (Leo Stellung zu den Quellen abweichend von 
Ranke). 73. 89. 159 ff. — Ein Stück fesselnder Selbstbiographie ist „Meine Ju- 
gendzeit." Gotha 1880. 
Kgl. Oes. d. Wiss. Nachrichten. Phil.-hist. Klasse. 1917. Heft 3. 24 



350 N - Bonwetsch, 

Worten: „Da sollst nicht toten! Das ist Gottes Gebot" 1 ); Leo 
dagegen ward von Begeisterung für Sand erfüllt (Krägelin S. 54). 
Wie Ranke der Theologie nahe stand, auch einmal gepredigt 
hat , so hat auch Leo die theologische Prüfung bestanden , je- 
doch ohne die Absicht Pfarrer zu werden. Über Ranke konnte 
Leo urteilen, daß dessen Art der Geschichtsbetrachtung keine not- 
wendige Verbindung mit dem Universitätsunterricht habe, und 
fast wie in einer Art von Monolog wurden ohne unmittelbare 
Rücksicht auf die Hörer von Ranke die zu schildernden Vorgänge 
vorgeführt; dagegen war Leo mit ganzer Seele Universitätslehrer 
— er hat wiederholt seine früheren Collegienhefte verbrannt, um 
jeder Generation das zu bieten, was gerade ihrem Bedürfnis ent- 
sprach (vgl. Br. 63) — und darauf gerichtet sein Verständnis der 
Geschichte seinen Hörern nahe zu bringen, da nur dies dem Ernst 
der Sache entspreche (vgl. auch Krägelin S. 75 f.). Sah Ranke, 
wie bekannt, die Aufgabe des Historikers darin, festzustellen, was 
geschehen, so übte Leo Kritik an den Vorgängen und wirkte hin 
auf eine Stellungnahme zu ihnen. Gerade durch seine „oft leiden- 
schaftliche Beteiligung an der Sache" fesselte er und riß die Hörer 
mit sich fort. Sich selbst legte er hinein in das, was er als Histo- 
riker vortrug. Eben dies zog nun aber auch Schranken seinem 
Wirken nach der Seite historischer Forschung. Er, der entschlos- 
sene Gegner des Subjektivismus und Vorkämpfer für die Bedeu- 
tung des Objektiven, ist doch subjektiv auch als Historiker. 
In seiner sturmbewegten Seele konnte die Geschichte sich nicht 
in Klarheit wieder spiegeln. Auch sucht er stets mit seinem Ver- 
ständnis der Vergangenheit auf die Gegenwart einzuwirken. Er 
tritt hinein in das Parteitreiben seiner Zeit und sieht dabei für 
seine Aufgabe an, hervorzuheben, was andere zu sagen unterlassen. 
Die herausfordernde Form, in der er seinen Widerspruch gegen 
die herrschenden Anschauungen erhob, weckte dabei ihm noch in 
besonderem Maße Gegner. Er liebte zornmütige Worte, weil sie 
„mit ganz anderem sittlichen Akzent ins Ohr fallen" (Krägelin 
S. 38). Einzelne solcher Aussprüche, schnell zu geflügelten Worten 
geworden, bestimmten im Wesentlichen die Vorstellung von ihm. 
So jener vom „Hecht im Karpfenteich", und namentlich jene Äuße- 
rung beim Beginn des orientalischen Kriegs, in der er herbei- 
wünscht zur Erlösung „von der Völker fäulnis" einen „frischen, 
fröhlichen Krieg, der Europa durchtobt, die Bevölkerung richtet 
und das skrophulöse Gesindel zertritt, was jetzt den Raum zu 



1) Vgl. Fr. H. Ranke, Jugenderinnerungen. Stuttgart 1873. S. 105. 



der Historiker Heinrich Leo in seinen Briefen an Hengstenberg. 351 

■eng macht a ; „ein einziger, ordentlicher, gottgesandter Kriegsregen 
würde die prahlerische Bestie" — „die Canaille des materiellen 
Interesses" — „mit wenigen Tropfen schon znm Schweigen nnd 
Verkriechen gebracht haben". — Aber Leo war das, was so man- 
chem zu Unrecht nachgerühmt wird, tatsächlich — eine Persön- 
lichkeit. 

Ein verehrungsvoller Zuhörer Leos, A. Boretius, hat als das 
Vorzügliche seiner Auffassung gerühmt, „daß er alles Irdische auf 
Gott bezieht" (Krägelin S. 4). So sehr war Leos G-eschichtsver- 
standnis durch seine religiöse Überzeugung bestimmt. Die- 
selbe — zugleich seine damit verbundene kirchliche Stellung — 
gelangt besonders zum Ausdruck in seinen Briefen an den Heraus- 
geber der Evangelischen Kirchenzeitung, Hengstenberg. Sie geben 
daher zur Erkenntnis seines ganzen wissenschaftlichen Strebens 
einen beachtenswerten Beitrag, zugleich ein Bild mannigfacher Er- 
scheinungen seiner Zeit. Es war vor allem die Regierungszeit 
Friedrich Wilhelms IV. : die der Anbahnung des Jahres 1848, der 
Vorgänge dieses Jahres und dann der einsetzenden Reaktion, endlich 
der „neuen Aera". 

Wie Leos politische Anschauungen , so haben auch seine re- 
ligiösen und kirchlichen eine Wandlung erfahren, jedoch die letz- 
teren beträchtlich später als die ersteren. Von dem Sturm und 
Drang seines demagogischen Burschenschaftlertums wandte er sich 
schon 1819 ab („Hegelingen" 2 S. 52. 54), Hallers Schriften wurden 
schon in der Göttinger Studienzeit für ihn maßgebend und mit seiner 
„Habilitationsschrift „Über die Verfassung der freien lombardischen 
Städte im Mittelalter" wurde jener Bruch 1820 vollkommen. Haller 
und Hegel bestimmten nun seine staatlichen Anschauungen. Schon in 
Erlangen wurde er „als ein verhallerter Aristokrat ausgetragen" 
(Hegelingen S. 52). — In religiöser Hinsicht dagegen war zwar der 
Grund seiner späteren Überzeugungen schon in früher Jugend in 
ihn gelegt worden J ), — sein früh verstorbener Vater ein Mann luthe- 
rischer Rechtgläubigkeit, zugleich Verehrer Herders (Br. 64), bei 
der Mutter hat er beten gelernt — , aber in der Schule zu Rudol- 
stadt herrschte der Rationalismus oder eklektische Orthodoxie; 
kein die Gewissen ernst anfassender Religionsunterricht wirkte 
dem dort herrschenden „Seelenschlaf" entgegen, so daß Leo bei 

1) Er bemerkt dabei, — Meine Jugendzeit (Gotha 1880) S. 1(1 f. — daß 
das I )ogmatische im Katechismusunterricht ihn völlig * interesselos ließ ; dagegen 
„Mattathias von Modin [der Vater der Makkabäer] war ganz mein Mann". „Per 
Eifer vor dem Herrn, der mir als die Spitze aller Tapferkeit erschien, schien der 
eigentliche Inhalt alles dessen werden zu wollen, was von Religion in mir war". 

24* 
1* 



352 N. Bonwetsch, 

aller erziehenden Einwirkung seiner Lehrer Abeken und Göttling- 
sich als einen am Ende seiner Schulzeit religiös völlig indiffe- 
renten Menschen beurteilt. (Meine Jugendzeit S. 78). Während 
seines Studiums und in den Anfängen seiner Docententätigkeit 
dürfte darin sich etwas geändert haben (von ihm selbst nur 
wenig bemerkt) durch den Verkehr in Erlangen mit dem jüngeren 
fuchta 1 ), in Berlin besonders innig mit den Staaatsrechtslehrern 
Philipps und Jarcke 2 ). Aber in seinen „Vorlesungen über die Ge- 
schichte des jüdischen Staates" zeigt er sich besonders durch de 
Wettes alttestamentliche Kritik bestimmt (Br. 7), und erscheint ihm 
das Christentum als der „höchste Gipfel der Spekulation und Wahr- 
heit", da in ihm Gott als der der- Welt immanente Geist „denkend" 
erfaßt werden könne 3 ). Und als 1830 Ludwig von Gerlach in 
Hengstenbergs „Evangel. Kirchenzeitung" die Halleschen Profes- 
soren Wegscheider und Gesenius wegen ihres Rationalismus an- 
griff, unterzeichnete Leo nicht nur die Petition Hallescher Pro- 
fessoren an den Minister mit der Bitte um Schutz gegen solche 
„Insinuationen", sondern er war auch der Hauptverfasser eines 
anonymen Artikels in der Augsburger Allgem. Zeitung, welcher 
gegen die „geistige Verkrüppelung der pietistischen Hierarchie in 
Preußen", das doch als Staat Friedrichs des Großen der Hort „des 
freien wissenschaftlichen Gedankens" zu sein habe (Vorwort zu den 
Hegelingen u. Krägelin S. 68), protestierte. 

Gerade Ludwig von Gerlach aber ist entscheidend ge- 
worden für die Wandlung in Leos religiösem Leben. Die Julire- 
volution ließ Leo die Bedeutung der Kirche für das staatliche 
Leben erkennen. Heiß ersehnte er nun die Bekanntschaft Gerlachs, 
und doch scheute er sich ihn aufzusuchen, aus Furcht vor dem Ver- 

1) G. H. Schubert an Superint. Köthe in Allstedt v. 25.7.1825: „Dr. Leo 
ist nicht mehr liier . . , ich kenne ihn aber gut. Er ist ein talent- und kenntnis- 
reicher, gelehrter junger Mann, dabei für alles Gute wach und empfänglich und 
von der Erkenntniß des Christentums gewiß nicht fern stehend. In dämagogische 
Geschichten war er wohl nie verwickelt. Ich sähe ihn immer mit den edelsten, 
stillsten Jünglingen, besonders mit dem sehr ernst christlich gesinnten jungen 
Prof. Puchta umgehen". 

2) Dies wird bestätigt durch Leos eigene Bemerkung (Hegelingen 2 S. 102 
Anni.j über die Voraussetzungen eines Umgangs mit Jarcke. 

Sj Hegelingen 2 S. 54 f.: „So bin ich ohne Compaß und Steuer zur Univer- 
sität geschickt worden, und habe mich von den verschiedensten Richtungen treiben* 
lassen; denn von jeder hatte ich die Hoffnung, sie werde mich zum Ziele führen, 
zum Friden Gottes, und von jeder mußte ich nach einiger Zeit wahrnehmen, daß 
sie mich noch weiter von Gott abführe, bis ich zuletzt bei jenem Rationalismus 
mit h<:gelischer Teinture anlangte, in dessen Dienste ich die Vorlesungen über 
judisdie Geschichte geschrieben habe". 



der Historiker Heinrich Leo in seinen Briefen an Hengstenberg. 353 

dacht der Unlauterkeit. Er machte sie im November 1832. So 
verschieden beider Naturen, so waren sie wiederum doch einander 
verwandt durch ihre romantischen Neigungen, auch durch die, 
gesonderte Wege zu gehen. Fortan besuchte Leo die pietisti- 
schen Versammlungen in Gerlachs Hause. Gerade, daß sie ihn 
aus der Gefahr gerettet, „sich in bürgerliche Wohlhäbigkeit zu 
verlieren", schätzte er besonders an der von ihm erfahrenen Wand- 
lung. 

Für das, was ihm als neues Lebensprinzip aufgegangen, ist 
Leo dann mit Einsetzung seiner ganzen Person eingetreten. Es 
hat ihm schwere Kämpfe zugezogen. Im Anschluß an Leos Send- 
schreiben an Görres, gegen dessen aus Anlaß des Kölner Kirchen- 
streites verfaßten „Athanasius", trat Rüge in den „Halleschen Jahr- 
büchern" unter heftigen persönlichen Invectiven gegen ihn auf. 
Leo antwortete durch seine gegen die Junghegelianer gerichtete 
Schrift „Die Hegelingen. Aktenstücke und Belege zu der soge- 
nannten Denunziation der ewigen Wahrheit", Halle 1838, und nun 
erhob sich gegen ihn ein Ansturm der ganzen Linken der Hegel- 
schen Schule. 

Dieser Streit war es, der zur ersten Annäherung Leos an 
Hengstenberg 1 ) führte, erst brieflich, dann auch persönlich. Die 
Menge der Gegner, und zwar in seiner unmittelbaren Umgebung, 
die Empfindung des Isoliertseins hatte Leo zeitweilig in starke 
Erregung versetzt; jener Besuch in Berlin gab ihm die Sicherheit 
wieder (vgl. Br. 1 — 4). Fortan ist die Beziehung zu Hengstenberg 
nicht abgebrochen worden; Leo wurde nicht nur ein Mitarbeiter 
an der Evang. Kirchenzeitung sondern auch ein warmer Freund 
seines Hauses, besonders mit Hengstenbergs mutvoller Schwieger- 
mutter sympathisierend. 

Über Werke aus den verschiedensten Gebieten, bis hin zu Eugen 
Sue's Romanen, hat Leo Hengstenbergs Vorschlägen willfahrend 
referiert; die Anzeige selbst zumeist nur der Ausgangspunkt für 
seine eigenen Darlegungen (vgl. Br. 7. 23. 43. 65). Aber nicht auf diese 
literarische Unterstützung des Freundes beschränkt sich Leo ; über 
alles was ihn politisch und kirchlich bewegt, spricht er sich in 
seinen Briefen an ihn aus. Er berichtet über die Vorgänge an 
der halleschen Universität, wie z. B. bei der Promotion M. Bauin- 
gartens (Br. 5—7), des später in Rostock Gemaßregelten, und Thieles 



1) Schon zuvor in einem Briefe an Schubert iu München begrüßt Hengsten- 
berg freudig „die plötzliche Veränderung die bei Leo vorgegangen" und wünscht, 
daß sie „zu einer bleibenden Umwandelun«*" werde. 



354 N. Bonwetsch 

(Br. 8. 9), dessen akademische Tätigkeit trotz des für ihn zunächst 
günstigen Ausgangs des Streites (ßr. 11) scheiterte (aus Mangel an 
Mi